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Pünktlich zum Schulschluss hörte es auf zu regnen. Die Sonne brach durch die grauen Wolken und Sprotte hatte es nicht eilig damit, zu Oma Slättberg zu kommen. Sie fuhr durch die Pfützen, dass ihr das trübe Wasser gegen die Hose spritzte, hielt das Gesicht ins kalte Sonnenlicht und versuchte, an nichts zu denken. Nicht an den Liebeskummer ihrer Mutter, nicht an die Pygmäen oder die fünfzehn Hennen, die, wenn es nach ihrer Großmutter ginge, den nächsten Frühling nicht erleben würden. Vor allem aber versuchte Sprotte, nicht an Oma Slättberg zu denken. Die wartete schon auf sie. Auf zwei Krücken gestützt stand sie in der offenen Haustür, die Lippen aufeinander gepresst, der Mund nur ein Strich über dem eckigen Kinn. Sprotte hatte Fotos von ihrer Oma gesehen, auf denen sie kaum zwanzig war. Manchmal, wenn ihre Großmutter es nicht merkte, starrte Sprotte sie an und suchte in dem alten nach dem jungen Gesicht. Aber sie fand kaum eine Spur davon.

»Du bist spät dran!«, rief Oma Slättberg, als Sprotte ihr Rad in den Garten schob. Auf so was antwortete Sprotte schon lange nicht mehr. Sie hatte festgestellt, dass es am besten war, einfach gar nichts zu sagen oder so wenig wie möglich. »Bist auch schon wieder dünner geworden«, stellte ihre Großmutter als Nächstes fest. »Willst du dich in Luft auflösen? Wenn ich deine Mutter wäre, würde ich mir langsam ernsthaft Sorgen machen.«

Bist du aber nicht, dachte Sprotte. Zum Glück. Und verfluchte zum hundertsten Mal, dass sie sich alles gefallen lassen mussten, nur weil Oma Slättberg die Einzige war, bei der Sprotte bleiben konnte, wenn ihre Mutter Taxi fuhr. Sprottes Großmutter hatte Buchweizenpfannkuchen gemacht und Berge von kaum gesalzenem Gemüse. Sprotte hasste Buchweizenpfannkuchen, und das Gemüse salzte sie so lange nach, bis ihre Großmutter ihr den Salzstreuer wegnahm. Mit eisiger Miene saß Oma Slättberg ihr gegenüber am Tisch, die Krücken über den Schoß gelegt. »Iss«, sagte sie, ohne selbst einen Bissen anzurühren. »Du kriegst schließlich selten genug was zwischen die Zähne, das nicht aus der Mikrowelle kommt.«

»Soll Mam etwa im Taxi kochen?«, fragte Sprotte und schob die zerkochten Karotten von einer Backe in die andere. »Rede nicht mit vollem Mund«, antwortete Oma Slättberg nur. »Deine Mutter klang komisch gestern am Telefon«, stellte sie fest, als Sprotte den Teller wegschob und ihre Schultasche holte. »Hat sie wieder Arger mit irgendeinem Mann?« »Weiß ich nicht«, brummte Sprotte und tat so, als wäre sie völlig in ihre Matheaufgaben versunken. Das brachte ihre Großmutter meistens zum Schweigen. Es klappte auch diesmal. Oma Slättberg humpelte mit ihren Krücken zum Küchenfenster und ließ sich ächzend in ihren Lieblingssessel fallen. Dann guckte sie wordos nach draußen, bis Sprotte ihre Hausaufgaben wegpackte.

»Ich hab dir eine Liste geschrieben«, sagte sie, als Sprotte ihre Schultasche neben die Garderobe stellte. »Da, auf dem Schrank liegt sie. Die Kekse daneben sind für dich.« Sprottes Großmutter schrieb ständig Listen. Sie wurde von Tag zu Tag vergesslicher, deshalb schrieb sie alles auf, sogar die Sendezeiten ihrer Lieblingsserien im Fernsehen. Überall lagen ihre Zettel herum. Manche klebte sie an die Türen, einige sogar an. die Fenster. Der Zettel, auf den sie Sprottes Arbeitsliste für diesen Nachmittag geschrieben hatte, war ziemlich groß.

Grünkohlbeet und Rosenkohlbeet hacken, stand drauf. Auf dem abgeernteten Beet Gründünger säen. Eier aus dem Stall holen. Unkraut zupfen auf dem Kräuterbeet.

»Das schaff ich nicht alles, bis es dunkel wird«, sagte Sprotte. »Fang an«, antwortete Oma Slättberg und guckte wieder aus dem Fenster. Sprotte nahm sich die Kekse, die neben dem Zettel lagen, zog ihre Jacke an und ging raus. Als Erstes lief sie zum Hühnerstall, obwohl ihre Oma mit der Krücke gegen die Fensterscheibe klopfte. Wahrscheinlich, weil Sprotte die Reihenfolge ihrer Liste nicht einhielt.

»Na, ihr Süßen?«, sagte Sprotte, als sie in den Stall kam. Die meisten Hühner scharrten draußen im Auslauf, aber vier pickten im Stall in der fast leeren Futterrinne herum. Zögernd staksten sie auf Sprotte zu, gackerten klagend, verdrehten die Hälse und guckten sie fragend mit ihren Knopfaugen an. Isolde, Sprottes Lieblingshenne, war auch dabei. »Na, seid ihr schon wieder hungrig?« Sprotte fing Isolde, setzte sie sich auf den Schoß und strich ihr über den hellroten Kamm. Die braune Henne kniff die Augen zu. »Ihr Dummköpfe!«, murmelte Sprotte. »Dick und fett habt ihr euch gefressen. Wenn ihr weniger verfressen wärt, würde es sich nicht lohnen, euch zu schlachten.« Sie seufzte. »Ich glaub, ihr würdet sogar Omas verkochtes Gemüse runterschlingen.« Isolde gluckste leise vor sich hin. Behutsam setzte Sprotte sie wieder ins Stroh und sah zu, wie die Henne hastig davonstakste.

»Ihr habt wirklich keine Ahnung«, sagte Sprotte leise. »Von gar nichts.«

War das das Wunderbare an Tieren, dass sie von gar nichts wussten? Manchmal, wenn Sprotte so traurig war, dass sie kaum Luft kriegte, hockte sie sich in Oma Slättbergs Hühnerstall ins Stroh und sah den Hennen zu. Wie sie pickten und scharrten. Dabei vergass sie alles, was traurig machte. Sie vergaß den Ärger mit ihrer Großmutter, sie vergaß, dass es Kriege gab, Kinder, die verhungerten, bevor sie so alt wie Friedas kleiner Bruder waren, Tiere, die ihr Leben in Käfigen zubrachten, die ganze endlose Elendsliste vergaß Sprotte, wenn sie die Hühner so sorglos herumpicken sah. Seltsam.

Aber gerade weil sie nichts wussten, liefen sie auch nicht weg, wenn Oma Slättberg mit einem Beil in den Stall kam, um ihnen den Kopf abzuhacken.

Mit einem Seufzer stand Sprotte auf, zupfte sich das Stroh von der Jacke und ging zur Stalltür. »Ich werd euch retten«, sagte sie über die Schulter. »Heiliges Hühnerehrenwort. Auch wenn das eine verflixt riskante Sache ist. Das könnt ihr mir glauben.« Die Hennen hoben nicht mal die Köpfe. Hektisch pickten sie weiter im Stroh herum. Oma Slättberg machte ein finsteres Gesicht, als Sprotte wieder aus dem Stall kam. Sie kniff die Lippen so fest aufeinander, dass ihr Mund aussah wie zugenäht. Sprotte tat so, als wüsste sie nicht, was los wäre, steckte sich einen Keks in den Mund und begann das Grünkohlbeet zu hacken. Mehr als eine halbe Stunde brauchte sie dafür. Der eisige Wind blies ihr vertrocknete Blätter und ein paar verlorene Regentropfen ins Gesicht. Die Erde war so feucht und kalt, dass Sprotte sich wunderte, wie daraus was wachsen konnte. Vielleicht ist die Idee mit dem Auswandern ja doch nicht so schlecht, dachte sie, als ihre Knie zu schmerzen anfingen und ihre Finger steif von der Hackerei waren. Da hörte sie plötzlich einen kurzen, dann einen lang gezogenen Pfiff, das Geheimsignal der Wilden Hühner. Überrascht hob sie den Kopf.

»Gute Nachrichten!«, flüsterte jemand durch die Hecke. »Sehr gute sogar.«

Neugierig lehnte Sprotte sich über die gestutzten Büsche. Auf dem Gehweg hinter der Hecke hockten Frieda und Trude und grinsten zu ihr rauf.

»Na, ist Oma Slättberg guter Laune wie immer?«, fragte Frieda und richtete sich auf.

»Wo kommt ihr denn her?«, fragte Sprotte verblüfft. »Ich dachte, ihr hättet heute Nachmittag keine Zeit.« »Trudes Cousin kommt erst später an, und unser Gruppentreffen war heute nur ganz kurz«, sagte Frieda und stieß das quietschende Gartentor auf. Oma Slättberg ölte es neuerdings nicht mehr. »Damit ich die Einbrecher höre«, sagte sie. Als ob die immer durchs Gartentor kamen. Sprotte warf einen Blick zum Küchenfenster. Ihre Großmutter starrte durch die Scheibe zu ihnen rüber. Sie guckte, als würde sie im nächsten Moment einen Herzinfarkt kriegen. Oma Slättberg mochte es gar nicht, wenn Sprotte jemand >Fremdes< mitbrachte, und da spazierten gleich zwei Unbekannte einfach so in ihren Garten. Trotz der Krücken war Sprottes Großmutter ziemlich schnell an der Tür.

»Was soll denn das bedeuten, Charlotte?«, rief sie und warf Trude und Frieda einen so eisigen Blick zu, dass Trude zwanzig Zentimeter kleiner wurde und rot wie ein Radieschen. Frieda konnte so was nicht erschrecken. Sie besaß eine perfekte Waffe gegen Oma Slättbergs Feindseligkeit - Freundlichkeit.

»Oh, hallo, Frau Slättberg!«, rief sie. »Sprotte hat uns von Ihrem verknacksten Fuß erzählt. Meiner Mutter ist das im letzten Monat passiert. Nicht mal mit Krücken konnte sie laufen. Mein kleiner Bruder wollte das einfach nicht glauben und hat dauernd an ihr rumgezerrt.« Sie hakte sich bei der verlegenen Trude ein und zog sie mit sich. »Das hier ist Trude, erinnern Sie sich? Sie geht auch in unsere Klasse. Sie wollte so gern mal Ihren Gemüsegarten sehen. Wär das möglich?«

Oma Slättberg musterte Trude von Kopf bis Fuß. »Na gut. Sie sieht nicht aus, als könnte sie Rosenkohl von Spinat unterscheiden. Aber bleibt auf den Wegen. Und haltet Sprotte nicht von der Arbeit ab. Sie muss heute noch fertig werden.«

»Das schaff ich sowieso nicht«, sagte Sprotte, ohne ihre Großmutter anzugucken.

»Ach, wissen Sie was, Frau Slättberg«, sagte Frieda und zog Trude mit sich zum Rosenkohlbeet, von dem Sprotte gerade mal ein Zehntel gehackt hatte. »Wir helfen Sprotte einfach ein bisschen. Dann schafft sie es vielleicht.«

»Habt ihr so was denn schon mal gemacht?«, fragte Oma Slättberg und musterte die beiden, als würden sie im nächsten Moment ihre kostbaren Kohlpflanzen einfach niedertrampeln. Trude lächelte sie verlegen an, aber Oma Slättberg erwiderte das Lächeln nicht.

»Ich zeig es ihnen«, sagte Sprotte und schob Frieda den Eimer für das Unkraut hin. »Ist ja nicht so schwer, oder?« Oma Slättberg drehte sich wortlos um und humpelte auf ihren Krücken ins Haus zurück. Ein paar Augenblicke später bezog sie wieder Posten am Küchenfenster. »Puh, deine Oma ist wirklich eine harte Nummer!«, flüsterte Trude, als sie zu dritt nebeneinander im Rosenkohlbeet hockten und verirrte Grashalme auszupften. »Kein Kommentar«, sagte Sprotte, rupfte ein paar gelbe Kohlblätter ab und schmiss sie den Hühnern in den Auslauf. »Meinst du, ich darf mal zu den Hühnern rein?« Trude warf einen sehnsüchtigen Blick zu den Hennen. »Tu erst mal so, als ob du ganz wild aufs Arbeiten bist«, antwortete Sprotte, »sonst hämmert sie gleich wieder mit der Krücke gegens Fenster. Was für gute Nachrichten gibt's, erzählt schon!«

»Erzähl du's, Trude«, sagte Frieda und warf eine winzige Distel in den Unkrauteimer. »Ist schließlich deine Nachricht.« Sprotte wischte sich die dreckigen Hände an der Hose ab und guckte Trude erwartungsvoll an. »Ich weiß nicht, ob ich's schon mal erzählt hab ...«, Trude

senkte die Stimme, »meinem Vater gehört so ein Grundstück, am Wald, in der Nähe von der Autobahn. Hat er mal geerbt. Es steht ein Wohnwagen drauf.« »Na und?«, fragte Sprotte.

Trude rückte sich die Brille zurecht. »Seit der Sche idung streiten sich meine Eltern darum, und weil mein Vater nicht will, dass meine Mutter den Wohnwagen bekommt, hat er ...«, sie kicherte verlegen, »... hat er alles einfach mir geschenkt.«

Sprotte ließ ihre Hacke fallen. »Dir?« Trude nickte.

»Ein richtiger Wohnwagen steht drauf?« Trude nickte wieder. »Er ist sogar ziemlich groß. Und heizen kann man ihn auch.«

Oma Slättberg hämmerte gegen das Küchenfenster. Hastig senkten die Mädchen die Köpfe und zupften weiter Unkraut. »Ein echter Wohnwagen«, murmelte Sprotte. »Mensch, Trude ...«

»Ist das nicht toll?«, flüsterte Frieda. »Ein besseres Bandenquartier können wir uns doch gar nicht wünschen! Mit dem Rad ist man von uns aus in zehn Minuten da, und die ändern haben's auch nicht viel weiter.«

Ungläubig schüttelte Sprotte den Kopf. »Zu schön, um wahr zu sein.« Vor Aufregung hackte sie fast eine Rosenkohlpflanze um. »Ist das Grundstück eingezäunt? Dann könnten wir da auch die Hühner hinbringen.«

»Ich glaube, es ist nur eine Hecke drum rum«, sagte Trude. »Wir müsste n einen Zaun ziehen. Aber ein kleiner Schuppen steht schon da.«

Sprotte warf einen Blick zum Himmel. Es dämmerte schon. »Mist«, murmelte sie. »Heute schaffen wir's nicht mehr hinzufahren.«

»Macht doch nichts. Morgen ist auch noch ein Tag«, sagte Frieda und rettete einen Regenwurm vor Sprottes Hacke. Vorsichtig legte sie ihn aufs Nachbarbeet. »Genau«, meinte Trude. »Morgen wollten wir uns doch sowieso treffen. Das verlegen wir in den Wohnwagen.« Sprotte nickte. Sie konnte kaum glauben, dass an diesem verkorksten Tag so was Wunderbares passierte. Ein echtes Bandenquartier für die Wilden Hühner...

Trude guckte auf ihre Uhr. »Oje, ich muss ja los!«, rief sie. »Zum Bahnhof!« Sie sprang so hastig auf, dass sie den ganzen Eimer Unkraut quer über das sauber gerupfte Beet kippte. »Oh, 'tschuldigung!«, stammelte sie. »Ich ...« »Verschwinde«, sagte Sprotte und stellte den Eimer wieder hin. »Hol deinen Cousin ab. Das war wirklich eine tolle Nachricht, dafür kannst du meinetwegen zehn Eimer umkippen.«

Als Trude weg war, sammelten Sprotte und Frieda im Hühnerstall die Eier aus den Nestern. Sogar den Gründünger säten sie noch auf Oma Slättbergs leer geerntetes Beet, obwohl es immer dunkler wurde.

»Was säen wir da eigentlich?«, fragte Frieda, während sie die feinen Saatkörner auf die Erde streuten. »Gelben Klee«, antwortete Sprotte. »Schützt den Boden den Winter über, lockert ihn, sammelt Stickstoff, all so was, weißt du?«

Frieda schüttelte den Kopf. »Nee, wusste ich nicht. Aber da fällt mir ein, wir können vielleicht auch ein paar Gemüsebeete anlegen auf Trudes Grundstück. Du kennst dich doch aus damit.«

»Wäre gut«, meinte Sprotte und guckte zum Küchenfenster. »Oje, deine Oma winkt uns«, flüsterte Frieda. »Haben wir irgendwas falsch gemacht mit dem grünen Dünger?« Hatten sie nicht. Zwei kleine Papiertüten voller Kekse bekamen sie, frische Eier und Feldsalat. Oma Slättberg brachte sie sogar zum Gartentor.

»Komisch«, sagte Frieda zu Sprotte, als sie die dunkle Straße runterfuhren... »Manchmal ist deine Oma gar nicht fies, oder?«

»Stimmt«, sagte Sprotte und strich über ihre Hühnerfeder. »Manchmal. Aber du weißt nie, wann.«

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