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Als die Wilden Hühner ihre Räder wieder nach draußen schoben, war es dunkel.

»Torte hat seine Liebeskummer - Wache wohl aufgegeben«, stellte Melanie fest, als sie sich aufs Rad schwang. »Oder seht ihr ihn irgendwo?«

»Der war inzwischen erfroren, wenn er noch da wär«, sagte Wilma.

Trude schaute sich trotzdem um. »Torte seh ich nicht«, sagte sie, »aber guck dir mal eure Hauswand an, Frieda.« Alle drehten sich um. Auf der schmutzig weißen Mauer, direkt unter Friedas Fenster, stand in riesigen Buchstaben: Hier wohnt Frieda, das blödeste Huhn der Stadt. Melanie kniff die Lippen zusammen, aber kichern musste sie trotzdem.

»Dieser Idiot!« Sprotte legte Frieda den Arm um die Schulter. »Das gibt Ärger. Darauf kann der Urwaldzwerg seinen kleinen Hintern verwetten!«

»Irgendwie ist das romantisch«, näselte Wilma andächtig. »Ich mein ... «

»Vergiss es«, sagte Sprotte und starrte zu Tortes Gekritzel hinauf. »Wie ist der Kerl eigentlich da hochgekommen?« »Wahrscheinlich auf die Mülltonnen geklettert«, murmelte Frieda. »Wenn das Titus sieht...« Sie seufzte. »Sollen wir dir helfen, es abzuwischen?«, fragte Sprotte. »Das kannst du vergessen«, sagte Melanie und zupfte sich vor ihrem Fahrradspiegel die Haare unterm Helm zurecht. »Torte hat Massen von diesen Spraydosen, ihr wisst schon, die Farbe kriegt man nicht so einfach ab.« Sie kicherte. »Frieda kann ja eins von den Plakaten drüberhängen, die sie überall in der Schule verteilt.«

»Bist du aber witzig!«, fuhr Sprotte sie an. »Wie ist es, soll ich unter de in Fenster spritzen: Melanie ist das eitelste Huhn der Stadt?«

»Und Sprotte das eingebildetste«, fauchte Melanie. »Ach, hört schon auf«, sagte Trude.

»Genau!« Wilma schwang sich auf ihr Rad. »Wir reden morgen ein ernstes Hühnerwort mit Torte, okay?« Aber Frieda schüttelte den Kopf. Fröstelnd ging sie zur Haustür zurück. »Lasst ihn einfach in Ruhe«, sagte sie über die

Schulter. »Irgendwann wird er schon aufhören mit dem Mist.«

»Wie du meinst«, sagte Sprotte und stieg auch aufs Rad. »Aber sag Bescheid, wenn wir was unternehmen sollen.« Frieda nickte nur. »Bis morgen«, rief sie den ändern zu. Dann verschwand sie im Hausflur.

Sprotte hatte es nicht weit nach Hause. Sie wohnte in derselben Straße wie Frieda, nur am anderen Ende. Schon vom Bürgersteig aus sah sie, dass ihre Mutter da war. Oben in der Küche brannte Licht.

Im Treppenhaus stank es nach Fisch. Sprotte lief die Stufen hoch, genau achtundvierzig, und schloss mit kalten Fingern die Wohnungstür auf. »Bin wieder zurück!«, rief sie, warf die Schuhe in die Ec ke und ging durch den dunklen Flur zur Küchentür.

»Verdammter Scheißkerl«, rief ihre Mutter und schmiss einen Teller gegen die Wand. Einen, den Oma Slättberg ihr geschenkt hatte. Dann griff sie sich einen Stapel Tassen und pfefferte sie gegen die Kacheln. Sprotte sah sich bestürzt um. Der ganze Fussboden lag voller Scherben. Und in der Spüle brannte irgendwas.

»Alles - alles in Ordnung, Mam?«, fragte Sprotte zaghaft. Ihr Herz klopfte heftig.

»Ach, du bist es.« Ihre Mutter ließ mit verlegenem Lächeln die große Schüssel sinken, die sie in den Händen hielt und stellte sie auf den Küchentisch. Dann ging sie zur Spüle und kippte einen Topf Wasser auf das Feuer. »Entschuldige«, murmelte sie und stieß das Fenster auf, damit der Rauch abzog. »Aber ich musste Wut loswerden.« »Auf diesen Typen?« Sprotte holte Handfeger und Dreckschaufel aus der Vorratskammer und fing an die Scherben aufzufegen.

»Auf diesen Typen, ja. Du mochtest ihn nie, ich weiß. Ich sollte öfter auf dich hören.«

»Stimmt«, murmelte Sprotte und kippte die erste Ladung Scherben in den Mülleimer.

»Komm, lass mich das machen«, sagte ihre Mutter. »Du schneidest dich noch.«

»Quatsch!« Sprotte fegte die Splitter unterm Tisch zusammen. »Na, wenigstens hast du nur das hässliche Geschirr von Oma zerdeppert. Und was hast du verbrannt?« Sprottes Mutter fuhr sich durchs Haar und ließ Wasser in das Becken laufen. »Ein paar Socken, die er hier liegen gelassen hat«, sagte sie. »Ich glaub, Oma hat doch Recht. Ich und die Männer, das gibt nur Ärger.«

»Du magst immer die falschen«, sagte Sprotte, holte den Staubsauger und saugte die letzten Splitter weg. Ihre Mutter setzte sich mit einem Seufzer an den Tisch und schnitzte Kerben in die Platte. »Weißt du was?«, sagte sie. »Ich glaub, wir sollten auswandern.«

Verblüfft sah Sprotte sie an. »Wie kommst du denn da drauf?« »Na ja.« Ihre Mutter zuckte die Achseln. »Den Arger einfach hinter uns lassen, verstehst du? Was Neues anfangen, was Abenteuerliches machen.«

»Aha.« Sprotte füllte Wasser in die Glaskanne und goss es in die Kaffeemaschine. »Ich koch dir erst mal Kaffee, okay?« »Du bist ein Schatz!« Ihre Mutter guckte nachdenklich aus dem Fenster. Grauschwarz war der Himmel draußen. Regen

lief die Scheibe runter. »Amerika«, murmelte sie. »Da kann man auch Taxi fahren. Gar kein Problem. Ich müsste nur mein Englisch auffrischen. New York! Oder San Francisco, da ist das Wetter besser.«

»Du gehst zu oft ins Kino«, sagte Sprotte und stellte ihrer Mutter den Lieblingsbecher mit dem Schwein hin. »Das ist da bestimmt ganz anders, als du es dir vorstellst. Ziemlich gefährlich und überhaupt nicht gesund für Kinder. Und Hühner gibt es da auch keine, wilde schon gar nicht.« »Meinst du?« Ihre Mutter guckte immer noch aus dem Fenster, durch das nichts zu sehen war als die schmutzig graue Stadtnacht.

»Jede Wette«, sagte Sprotte und schmiegte sich an sie. Ihre Mutter kraulte ihr abwesend den Rücken. Als Sprotte den Kaffee eingoss, klingelte das Telefon im Flur. Schniefend ging ihre Mutter an den Apparat. »Nein, es ist gar nichts los«, hörte Sprotte sie sagen. In dem Ton sprach sie nur mit Oma Slättberg. »Nein, wirklich nicht.« Sie guckte zu Sprotte rüber und verdrehte die Augen. »Gut, dann hör ich mich eben komisch an. Ja, ich hol sie.« Mit ausgestrecktem Arm hielt sie Sprotte den Hörer hin. »Nein!«, zischte Sprotte. »Ich will nicht mit der Hühnermörderin reden.« Aber ihre Mutter hielt ihr unerbittlich den Hörer hin. Mit einem tiefen Seufzer stand Sprotte auf und schlenderte in den Flur. »Ja, was gibt's?«, brummte sie ins Telefon.

»Was für eine nette Begrüßung!«, schnarrte Oma Slättberg ihr ins Ohr. »Die Erziehung deiner Mutter ist wirklich erstklassig. Ich habe mir im Garten den Fuß vertreten. Du musst mir helfen. Der Gründünger ist noch nicht gesät, der Kohl verkommt im Unkraut, und der Hühnerstall muss sauber gemacht werden.«

»Wieso?«, fragte Sprotte und schnitt dem Telefon eine Grimasse. »Du willst sie doch sowieso alle schlachten.« »Na und?«, schnarrte ihre Großmutter. »Muss es deshalb zum Himmel stinken? Komm morgen nach der Schule. Ich mach dir was zu essen. Die Schularbeiten erledigst du hier.« »Okay«, brummte Sprotte - aber plötzlich begann ihr Herz schneller zu klopfen, schneller und schneller. »Wegen dem Fuß, du - du fährst doch Sonntag trotzdem zu deiner Schwester, oder?«, stotterte sie in den Hörer. »Ach was!«, antwortete Oma Slättberg barsch. »Wie soll ich denn mit zwei Krücken in den Zug kommen? Nein, ich bleib zu Hause, und sie ist natürlich zu faul, mich zu besuchen. Was interessiert dich das?« »Ach, nur so«, murmelte Sprotte.

»Na, dann bis morgen«, sagte ihre Großmutter. »Ich hab Kekse gebacken.« Und weg war sie. Mit düsterer Miene ging Sprotte zurück in die Küche. »Siehst du?«, sagte ihre Mutter und goss sich noch einen Kaffee ein. »Wir müssen nach Amerika. Den Ärger mit Oma werden wir auf diese Weise auch endlich los.«

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