Wieder einmal schlug der Feind zu - zweimal innerhalb von zehn Tagen. Der erste Angriff begann so sanft, bei so heiterem Spiel mit Lydia, daß Fenton zunächst gar nicht merkte, was gespielt wurde. Oft erinnerte er sich lachend an Georges bittere Worte: »Du bist vernarrt in Lydia. Du bist übermäßig verliebt in sie.« Nun, warum auch nicht? Er war immer bei ihr, und Judith Pamphlin hielt Wache, wenn er in seinem Studierzimmer saß oder allein im Park spazierenging, wo er manchmal bis zu den Elendsvierteln von Westminster vordrang.
Als die vier Doggen ihn zuerst sahen, zauderten sie. Aber sobald sie seine Stimme hörten, ihn beschnüffelt hatten und er ihnen die Hand zum Lecken entgegenstreckte, verschwand alles Mißtrauen mit einem Schlage. Die Tiere sausten auf ihn zu, sprangen an ihm in die Höhe, um sein Gesicht zu lecken, und warfen ihn beinahe um. Dann rasten sie um ihn herum, wobei sie sämtliche Möbel in Gefahr brachten, kauerten sich nieder und winselten vor Freude. Es waren die regelrechten alten englischen Doggen, die Kampfhunde, die die Familie beschützten. Im Gegensatz zu ihren langen, schweren Leibern hatten sie feingeformte Beine. Ihre herunterhängenden Ohrlappen zuckten bei dem leisesten Geräusch. Ihre Augen waren wachsam, und hinter den hängenden Wammen verbargen sich mörderische Zähne. Die größte unter ihnen reichte Fenton fast bis an die Hüfte. In der Farbe waren sie hellbraun oder scheckig. Sie hießen Donner, Löwe, Vielfraß und Nacktarsch. Der geströmte Donner, der größte und mächtigste unter diesen Hunden, schloß sich am engsten an Fenton an. Es war gut, Donner zur Seite zu haben, aber es bedurfte der geistreichsten Schliche, um ihn aus dem Zimmer zu bekommen.
»Lieb Herz«, pflegte Lydia zu sagen, »du vergißt doch wohl nicht, daß sie auf den Mann trainiert sind? Wenn du mit jemandem sprichst, faß nie mit der Rechten an den Degengriff. Sonst -« Und sie brach achselzuckend ab.
Er wachte ständig über Lydia, war stets in ihrer Nähe, besonders wenn sie ihre Mahlzeiten zu Hause in dem langen Speisezimmer einnahmen, in dem abends das viele Silber wie leuchtendes Schnitzwerk glänzte. Obwohl Lydia diese Fürsorge beglückte nach der Vernachlässigung und Brutalität, die ihr von Sir Nick zuteil geworden waren, legte sie doch einmal einen milden Protest ein. Bei jedem Gang, der ihr vorgesetzt wurde, aß Fenton die obere Hälfte ab, wobei er an die Wirkung eines jeden damals bekannten Giftes dachte.
»Lieb Herz«, sagte Lydia, »ich habe Geschichten aus alten Zeiten gelesen, von Königen, die Vorkoster an ihren Tischen hatten. Es ist kein Wunder, daß sie jetzt verschwunden sind. Der König auf seinem goldenen Thron muß beinahe vor Hunger umgekommen sein, ehe er einen Mundvoll zu essen bekam, der dann wirklich so kalt war wie ein Almosen.«
Der 10. Juni rückte immer näher heran, und dieser Gedanke beschäftigte Fenton so stark, daß er nur langsam antwortete. »Es muß sein, mein liebes Kind.«
»Aber wer würde es wagen? Wo du so . so .« Lydia war im Begriff, zu sagen: »so sehr verändert bist.« Aber sie sprach es nicht aus. Die Doggen schnüffelten im Zimmer herum mit Ausnahme von Donner, der in seiner vollen Länge vor Fentons Füßen ausgestreckt lag und schlief.
»Und wo droht Gefahr von außen?« fragte Lydia. »Nachts ist das Haus wie eine Festung verbarrikadiert, und die Hunde sind draußen. Vielleicht von . von .?«
Sie wollte »Kitty« sagen, brachte es aber nicht fertig, den verhaßten Namen auszusprechen.
»Bedeutet es dir in der Tat so viel«, fragte sie leise, »was mit mir geschieht?«
»Viel, Lydia. Mein Gott, zu viel!«
Oft ritten sie zusammen aufs Land hinaus, durch die Felder zu den Hügeln von Hampstead oder Highgate. Da oben konnten sie in einem gemütlichen Gasthaus, wo es Käselaibe gab, fast so groß wie Bierfässer, essen und trinken ohne Angst, vergiftet zu werden.
Später ritten sie dann in zärtlicher Stimmung durch die duftende Mainacht. Lydia stimmte manchmal leise ein Lied an; einmal sang sie sogar zu Fentons Erstaunen einen Vers aus einem Kavalierlied. »Ja, huldigt dem Unstern! Nennt Oliver Herrn .!« Aber sie warf Fenton dabei mit gesenkten Augenlidern einen Seitenblick zu, um zu sehen, ob ihn dies an Meg erinnerte. Wenn sie sich bloß diesen verhaßtesten aller Namen hätte aus dem Sinn schlagen können, sie wäre restlos glücklich gewesen. Fenton hatte Meg vergessen - beinahe.
An einem Spätnachmittag nahm er Lydia mit ins Theater. Er wählte das Duke's House, das vor kurzem von Lincoln's Inn Field in ein neues Gebäude nach Dorset Gardens, Whitefriars, verlegt worden war. Er brauchte Lydia nicht durch die lärmende, rußige Innenstadt zu führen. Sie würden auf der Themse fahren - der angenehmste Beförderungsweg, wenn man Zeit und auch das nötige Kleingeld hatte.
Lydia war so begeistert, daß sie unbedingt ihr allerbestes Kleid anziehen mußte. Mit geröteten Wangen und funkelnden Augen stand sie vorm Spiegel, während Judith Pamphlin, bleich vor Wut, ihr dabei half.
Denn Judith wußte, daß ihre Herrin beabsichtige, ein Schauspielhaus zu besuchen, was in ihren Augen eine Sünde war. Fenton, der Lydia beim Ankleiden zusah, lehnte lässig an der Wand. Judith hätte ihn ermorden können, ohne den geringsten Gewissensbiß zu spüren. Sie und Fenton personifizierten Rundkopf und Kavalier -einen größeren Unterschied zwischen zwei Menschen konnte es nicht geben.
Schon längst hätte Fenton sie entlassen, wenn sie nicht eine so große Anhänglichkeit für Lydia besessen hätte. Als er dem Kompromiß der Diener auf ein Bad im Monat zustimmte, wußte er, daß sie nicht damit einverstanden sein würde. Und so war es auch. Daraufhin hatte er Big Tom befohlen, die Dienstboten als Zuschauer zu versammeln, dann Judith auszuziehen und sie unter die Pumpe zu halten, bis sie gründlich abgespült war. Judith hatte dann rasch nachgegeben.
Aber jetzt, wo Fenton ihre Herrin auch noch ins Schauspielhaus mitnahm, konnte sie sich nicht länger beherrschen. »Dieser Hitzkopf«, sagte sie zu Lydia in barschem Ton, wobei sie auf Fenton deutete, »führt Euch immer tiefer in den Abgrund der Lust.«
Vor drei Wochen hätte Lydia besänftigende Worte gemurmelt. Jetzt wirbelte sie herum.
»Lust«, entgegnete sie in stolzem, aber sanftem Ton, »ist etwas ganz Ausgezeichnetes. Bin ich nicht seine angetraute Frau?« Judith hob warnend den Zeigefinger.
»Ob angetraut oder nicht, Fleischeslust um des Vergnügens willen ist in den Augen des Herrn .«
»Schweigt!« sagte Fenton ruhig. Er hakte die Daumen in das Degengehenk unter seiner seidenen Weste und ging langsam auf sie zu.
»Mrs. Pamphlin«, fuhr er fort, »vor einiger Zeit hieß ich Euch, mit dem puritanischen Geplärre aufzuhören. Jetzt habt Ihr wieder begonnen. Verlaßt diesen Raum. Ihr werdet niemals wieder meiner Frau aufwarten.«
Judith Pamphlin öffnete den Mund, um etwas zu sagen. »Geht!« sagte Fenton.
Als sie sich zum Gehen anschickte, sah Fenton in ihren Augen, daß alle ihre Gedanken auf einen Punkt gerichtet waren: Rache gegen ihn. Fenton mußte scharf auf der Hut sein vor neuen Mördern, die sich an ihn heranschlichen.
»Es ist seltsam«, murmelte Lydia, als die Tür sich geschlossen hatte, erstaunt und zugleich ein wenig amüsiert. »Aber ich spüre überhaupt keine Gewissensbisse.« Unvermittelt drehte sie sich um und machte einen Knicks vor Fenton.
»Hm - erregt dieses Gewand dein Mißfallen?« setzte sie hinzu, und ein sehr ernster Ausdruck trat in ihre Augen. »Sollte dem so sein, werde ich es - ich schwör's -, in tausend Fetzen schneiden!«
»Alles an dir gefällt mir, Lydia.« Seine Stimme zitterte vor leidenschaftlichem Ernst. »Was du sagst, was du tust, was du denkst, was du bist! Ich . Nun, um auf deine Kleider zurückzukommen .«
»Ja?«
»Ich möchte, daß du dir so viele bestellst, wie das Haus fassen kann. Auch Juwelen, Geschmeide, Uhren - alles, was dein Herz begehrt! Wenn du das nächste Mal einkaufen gehst bei deiner Mrs. . na, wie heißt sie doch noch gleich?. Mrs. Wheebler in Covent Garden .«
Lydia wandte den Kopf zur Seite, und ein leichter Schauer überrieselte sie.
»Seit mehr als vierzehn Tagen«, entgegnete sie mit demselben leidenschaftlichen Ernst wie er, »habe ich nichts mehr bei Mrs. Wheebler gekauft. Ich gehe in die Neue Börse oder zu Madame Beautemps in Southampton Street. Ihr Laden heißt >La Belle Poitrine<. Ich - ich fürchtete, Mrs. Wheebler sei zu teuer.«
»Mach dir keine Sorgen wegen der Kosten«, sagte Fenton lächelnd. »Darf ich dich daran erinnern, Liebste, daß die Aufführung am Nachmittag und nicht am Abend stattfindet und wir uns daher sputen müssen?«
Die Whitehall-Treppen, die zum Flußufer hinabführten, waren dem Publikum zugänglich, ebenso wie die zahlreichen anderen Treppen, von denen aus man zu so vielen Plätzen an der Themse fahren konnte. Fenton führte Lydia die eichenen, am unteren Ende fast verfaulten Stufen hinunter und half ihr in ein Boot, in dessen Heck ein beleibter, jovialer Fährmann mit langen Rudern saß. »Es ist nicht gerade ein heller Tag, aber auch kein düsterer«, verkündete der Bootsmann heiter. »Ich werde Euch weit zur Flußmitte hinausrudern, um Euch vor den Rußflocken zu bewahren. Ihr sollt eine schöne Fahrt haben. Und wohin, wenn ich fragen darf?«
»Whitefriars-Treppe.«
Die bräunlichgraue Themse mit ihrem trübe glitzernden Wasser war von kleinen Fahrzeugen belebt. Manche trugen weißliche Segel. Es wehte eine leichte, kühle, reine Brise, die Lydias breiten Hut kaum bewegte. Zu ihrer Linken lagen die schweren steinernen Wassertore der Stadthäuser, die den Adligen gehörten. Weiter flußabwärts sahen sie die Schlammufer vor dem hohen, halb von Rauch verhüllten Häusergewirr des Strandes und der City.
Als sie Duke's House in Dorset Gardens erreichten, nahm Fenton eine Seitenloge, die nichts weiter war als eine winzige, mit vier nackten Pfosten abgegrenzte Nische an einer Backsteinwand. Doch die Bühne war ziemlich groß und mit beweglichen Kulissen sehr gut ausgestattet.
Wie alle Damen von Rang und Ansehen, hatte Lydia sofort beim Betreten des Schauspielhauses ihre dunkle Halbmaske angelegt. Es war das einzige, was ihr von der Welt des Theaters bekannt war, und die Maske schien sie zu fesseln.
»Gibt's wohl etwas zu lachen?« flüsterte sie eifrig, als sie Platz nahmen, und zupfte Fenton am Ärmel. »Werden wir sehr viel Spaß haben?« In dem kleinen, gefüllten, übelriechenden Theater verliehen viele trübe Kerzen der überladenen Szenerie eine gewisse erhabene Pracht.
»Nein, mein Schatz«, erwiderte Fenton. »Heute wird Mr. John Drydens gereimte Tragödie Aurungzeb gegeben. Du hast doch sicherlich gehört, daß der berühmte Dryden kürzlich heftig attackiert worden ist, und zwar in einer Komödie, die Seine Gnaden von Bucks« - der ganze Green-Ribbon-Klub erstand vor seinen Augen - »geschrieben haben, um ihn lächerlich zu machen.«
»Ich bin so unwissend«, murmelte Lydia, während sie ihren Umhang löste und über die Stuhllehne warf.
Bis dahin hatten die Stutzer, die zu beiden Seiten der Bühne auf Stühlen saßen, gelangweilt ihre Perücken gekämmt oder sich gegenseitig witzige Bemerkungen zugerufen, um die Parterrebesucher zu beeindrucken. Aber jetzt wurden sie auf einmal wach, und ein Dutzend goldene Lorgnetten richteten sich wie gebannt auf Lydia. Männer und Frauen erhoben sich in den Seitenlogen, im Parterre und in der Galerie, um sie besser zu sehen. Die Masken gaben den Frauen in der trüben Beleuchtung ein unheimliches Aussehen. Ein betrunkener Mann in der Galerie pries Lydias Vorzüge in aufrichtigen, aber fast ans Obszöne grenzenden Worten. Dies gefiel ihr. Trotz ihrer Verwirrung lächelte sie unverhüllt. Ein Beifallsgemurmel erhob sich für diese Herablassung einer Dame, die unverkennbar von Stand war.
»Nun sieh mal einer an«, spottete Fenton, »wie alle meine Meinung teilen. Ich bin im höchsten Grade eifersüchtig.«
»Ach, sei still!« rief Lydia. Dann änderte sich ihr Gesichtsausdruck. »Du machst dich über mich lustig. Bitte, tue das nicht. Ich habe es nicht gern. Was wolltest du noch von diesem Theaterstück sagen?«
»Nun, darüber ist nicht viel zu sagen. Dies ist Mr. Drydens Antwort auf die Farce Seiner Gnaden von Bucks Wohlgemerkt, besteht sie nicht aus schlagfertigen Erwiderungen. Mr. Dryden will nur zeigen, daß er eine Bestleistung hervorbringen kann. Horch! Der Prolog beginnt!«
Die führende Rolle hatte Mr. Betterton inne, der mit den Gefühlen seines Publikums spielte wie ein erstklassiger Degenfechter mit einem Neuling. Er fesselte die Zuschauer derart, daß man hören konnte, wie sich hin und wieder ein Stutzer die Perücke kämmte oder eine Dame an ihrer Parfümkugel roch. Am Ende der Vorstellung verhielt sich das Haus mehrere Sekunden lang schweigend. Den meisten liefen die Tränen über die Wangen. Dann brach ein tosender Beifall aus, der die Wände zu sprengen drohte.
Fenton hatte das Stück bereits gelesen. Die Tragödie an sich hatte ihn ziemlich kaltgelassen, aber die machtvollen Worte hatten ihn gepackt: Lydia schluchzte, als sie sich durch das Menschengewühl an die frische Luft drängten. Fenton hatte Mühe, sie zu besänftigen.
Da sie an der Anlegestelle wegen des großen Andrangs lange warten mußten, hatte sich die Dunkelheit bereits herabgesenkt, als sie endlich zur Whitehall-Treppe zurückgerudert wurden. Der Halbmond war inzwischen aufgegangen, und in seinem Licht sahen sie die Silhouetten der zahlreichen, mit Schornsteinen gespickten hohen und spitzen Dächer des Whitehall-Palastes. Eine frische Brise sprang auf, und Fenton legte Lydia den Umhang fester um die Schultern. Die Flut hatte inzwischen ihren Höhepunkt erreicht. Weit hinter ihnen schäumten und tosten die Wassermassen zwischen den Pfeilern der London Bridge.
»Lieb Herz«, sagte Lydia in einem Tonfall, der ihm vertraut war. Sie spielte mit ihrer Maske, die sie schon vor langem abgenommen hatte.
»Was möchtest du gern, Liebling?« fragte er. »Würdest du mich noch zu einem anderen Platz begleiten, Nick, wenn ich den Wunsch hätte? Ich habe schon so oft davon gehört, bin aber noch nie dagewesen. Der Name ist Spring Gardens.« Fenton lehnte sich zurück und blickte sie an. »Du hast davon gehört, sagst du?«
»Oh, ja!«
»Nun, Spring Gardens ist ein ungeheuer großer, von einer hohen, dichten Hecke umgebener Lustgarten am Rande des Parks. Im Innern findest du viele andere Hecken und Lauben und verschlungene Pfade unter dunklen Bäumen - ein toller Irrgarten. Er ist höchst diskret beleuchtet und in manchen Teilen überhaupt nicht.«
»Lieber Nick, ich .«
»Du kannst dort auch Erfrischungen zu dir nehmen und einem Musiktrio lauschen. Aber in der Hauptsache, Lydia, ist es ein Tummelplatz für junge Stutzer: sie verfolgen dort maskierte Nymphen, die beschwingt dahineilen und doch nicht unwillig sind, sich in einem lauschigen Winkel fangen und verführen zu lassen.«
»Ich werde auch eine Maske tragen«, erklärte Lydia unschuldsvoll, »und dazu mein allerältestes Kleid.« Fenton betrachtete sie mit gespielter Strenge. »Du bist mir ja ein schönes Frauenzimmer!« sagte er. »Hure! Dirne! Pfui!«
Lydia warf den Kopf in den Nacken und blickte zur Seite.
»Nein: Soll ich dir sagen, was du bist?« fragte Fenton lächelnd. »Du bist eine höchst respektable Frau, die das Verlangen hat, einmal die Rolle einer leichtfertigen Dirne zu spielen. Würde in Spring Gardens jemand vermuten, daß dein Verfolger dein eigener Mann ist?«
»Oh!« rief Lydia mit offenem Munde. »Woher wußtest du das.?«
»Nun, weil viele Frauen denselben Wunsch hegen, ohne es einzugestehen.«
»Willst du mich morgen abend dorthin führen, wenn das Wetter schön ist?«
»Siehst du den Stern da oben?« fragte er, auf den Himmel deutend. »Auch dorthin würde ich mit dir gehen, wenn du es wünschtest und ich die Möglichkeit besäße. Deine Bitte ist leicht zu erfüllen. Also, auf nach Spring Gardens!«
Und so beschwor Lydia, ohne es zu wissen, ein böses Unheil herauf.
»Ich werde wirklich mein ältestes Gewand anziehen«, wiederholte sie tugendhaft.
Selbstverständlich tat sie nichts dergleichen, sondern ging am nächsten Tag aus, um sich ein neues zu kaufen. Um zehn Uhr abends ging Fenton, nachdem Giles ihn angekleidet hatte, durch den oberen Korridor, der durch einige Wandleuchter trübe erhellt war. Er trug, wie üblich, einen losen, bequemen, dunkelfarbigen Samtanzug und nach seinen Wünschen angefertigte Schuhe. Giles war immer wieder von neuem entsetzt, weil er auf Ringe mit kostbaren Juwelen, diamantene Westenknöpfe und anderen Zierat verzichtete.
Zur selben Zeit lief Lydia aus ihrem Schlafzimmer und eilte auf die Treppe zu.
Lydia trug wohl eine Maske, aber keinen Hut. Ihr Kleid, himmelblau und silber gestreift und mit winzigen Röschen verziert, hatte keine Achselbänder und war so geschnitten, daß Fenton sich im stillen wunderte, auf welche magische Weise es an ihrer Figur haftenblieb. Neben ihr ging ihre neue Zofe, Bet, die ein scharlachrotes, dunkelblau gefüttertes Cape in der Hand trug. »Fürwahr«, erklärte Lydia, als sie Fenton sah, »dies ist mein ältestes Kleid.«
Obgleich er in fröhlicher Stimmung war, da er beim Abendessen ein Liter Malvasier getrunken hatte, war sein Herz voller Zweifel. Auch spürte er, wie die Eifersucht an ihm nagte. Auf wen? Auf irgend jemanden.
»In der Theorie«, meinte er, »gibt dieser Spaß keinen Anlaß zu Mißtrauen. Aber wenn ich dich unter diesen wilden Gesellen loslasse, um dich zu verfolgen .«
Lydia rannte auf ihn zu, während Bet das große scharlachrote Cape an ihrem Hals befestigte.
»Du hast mir aber doch gestattet«, protestierte sie, »heute allein in der Kutsche auszufahren.«
»Das war etwas anderes. Da waren Whip und Harry bei dir.« Whip war der breitschultrige Kutscher und Harry einer der Diener, ein leidlicher Degenfechter, der jeden Tag mit Fenton übte.
»Wenn ich dich nun in dieser Horde verlieren sollte?« erkundigte sich Fenton. »Wenn dich irgendein behender Bursche fassen sollte? Was dann?«
»Wenn's weiter nichts ist«, meinte Lydia gelassen. Sie schlug die linke Hälfte ihres Capes zurück, und in dem wattierten Futter befand sich eine kleine Tasche mit einer gamsledernen Scheide, in der ein dünner, leichter Dolch mit goldenem Griff und rasiermesserscharfen Schneiden steckte.
»Wenn irgend jemand außer dir mich anrühren sollte«, erklärte Lydia einfach, »würde ich nicht versuchen, ihn zu töten. Denn ich glaube, das brächte ich nicht übers Herz. Aber auf Monate, vielleicht auch Jahre hinaus würde er es bedauern, mich je gesehen zu haben.« Unter der Maske weiteten sich ihre Augen vor Staunen. »Liebling, wußtest du das nicht?« Lydia verstand nicht, warum er sie so heftig küßte.
»Ich bin ein kläglicher Narr!« rief er lachend. »Worauf warten wir noch?«
Als sie die Treppe hinabeilten, blickte Fenton zurück und sah am entlegenen Ende des Korridors Judith Pamphlin, die regungslos mit verschränkten Armen in der Dunkelheit stand und sie beobachtete. Nicht lange nachdem sie fort waren, kam ein Dienstmann die Pall Mall entlang und erkundigte sich bei jedem Portier nach Sir Nicholas Fentons Haus. Als er bei Sam anlangte, schnippte dieser mit den Fingern, woraufhin der Dienstmann ihm einen zerknitterten Brief aushändigte und dafür Sixpence empfing.
Sam rief Giles herbei, der den Brief unter eine der Wandkerzen in der Halle hielt. Auf dem Umschlag stand in sauberer Handschrift: »An Sir Nick Fenton, der in der Pall Mall wohnt.« Auf der anderen Seite trug er ein Siegel, unter dem »Jonathan Reeve, Esq.« zu lesen war.
Giles biß sich unschlüssig auf die Unterlippe. Dann erbrach er das Siegel und las den Inhalt. Seine Züge verschärften sich, und er wurde ein wenig blaß. Eine Weile stand er regungslos da, in Gedanken versunken. Dann eilte er fort.
Inzwischen hatten Lydia und Fenton das hohe, halb in der Hecke versteckte Eisengatter des Haupteinganges zu Spring Gardens entdeckt. Unmittelbar beim Tor befand sich ein kleiner freier Platz. Dahinter erhob sich eine zweite Hecke mit verschiedenen Eingängen, die tiefer in das Waldland führten. Der Mond schien nur schwach und die Beleuchtung war spärlich. Sie bestand aus kleinen Papierlaternen mit einer Kerze oder aus Pechfackeln und reichte eben aus, um die Menschen am Stolpern zu hindern. Zuerst schien eine tiefe Stille in den Gärten zu herrschen. Selbst die Streichkapelle spielte nicht. Nach und nach drangen aber leise Geräusche an ihre Ohren: ein schwaches Flüstern, ein rasches Trappeln von Füßen, das Knacken eines Zweiges, das leise, zitternde Lachen eines Mädchens.
Das Herz klopfte Fenton zum Zerspringen, und er küßte Lydia voller Leidenschaft, bis sie sich sanft von ihm löste. »Sieh her, ich werde nicht stolpern«, flüsterte sie, während sie ihm ihre Schuhe zeigte, die zwar klein und silbrig, aber doch recht fest waren und flache Absätze hatten. »Nun werde ich laufen. Zähle du langsam bis fünf; dann folge mir.«
»Wenn ich dich aber .«
»Ich werde niemals weit von dir entfernt sein, wenn du mich auch nicht siehst. Also los!«
Und Lydia eilte davon. Ihr scharlachrotes Cape bauschte sich, und sie hielt mit zierlichen Fingern ihr himmelblaues Kleid mit den silbernen Streifen empor. Sie rannte nicht in eine der vor ihnen liegenden Öffnungen, wie er angenommen hatte, sondern bis zum abgelegensten Ende der inneren Hecke, um deren Biegung sie verschwand.
»Eins.« Fenton hatte langsam für sich zu zählen begonnen. »Zwei.«
Er kam gar nicht auf den Gedanken, sich vorzustellen, wie grotesk Professor Fenton von Cambridge diese Situation gefunden hätte. Er war jetzt eben ein junger Mann und hatte sich an diesen Zustand gewöhnt. Die alte Welt schien langsam zurückzuweichen . Sein Ohr war auf jedes Geräusch eingestellt. Bei »drei« konnte er noch ihre Schritte auf dem Gras hören. Er raffte die Falten seines leichten Mantels zusammen und hielt die Scheide seines Degens fest, damit sie ihm beim Laufen nicht hinderlich war. »Fünf!« rief er laut und rannte hinter ihr her. Als er um die Biegung sauste, zeigte ihm ein schwacher Lichtschein einen schmalen Graspfad, der auf einige Entfernung hin in gerader Richtung verlief. Er hielt sich an diesen Pfad und suchte eifrig nach einer Öffnung in der Hecke.
Schließlich entdeckte er einen niedrigen Bogengang, der zu einer »Laube« führte. Das Blätterdach war hier so dicht, daß kein einziger Mondstrahl hindurchdrang. Der Boden war zunächst mit Kies und dann mit Gras bedeckt. Aus einem abgelegenen Winkel ertönte das Flüstern von zwei Stimmen, und was Fenton vernahm, trieb ihn hastig aus der Laube. Abgesehen davon, hätte er Lydias Schritte auf dem Kies hören müssen, hätte sie diesen Weg gewählt. Also rannte er weiter, bis er eine weitere Öffnung in der Hecke fand. Diese führte zu einem verwirrenden Platz, wo drei Wege zwischen hohen, von duftenden Blumen überrankten Mauern abzweigten. Er stürzte den ersten entlang und landete vor einem vernagelten Tor. Dann wählte er den zweiten und gelangte irgendwie auf den dritten. Auf diesem Weg blieb er stehen. Es fiel ihm plötzlich ein, daß ja alle roten Farben im Dunkeln oder im Halbdunkel praktisch unsichtbar sind. Vielleicht war Lydia schon öfter an ihm vorbeigekommen. »Lydia!« rief er. »Darf ich's nicht sein?« fragte eine weiche weibliche Stimme so dicht in seiner Nähe, daß er zurücksprang. Eine Hand, die offenbar nicht abgeneigt schien, verfolgt zu werden, streckte sich aus und berührte ihn am Ärmel. Leise »Lydia« rufend, jagte er, von einem spöttischen Gekicher verfolgt, in eine andere Richtung und kam wieder auf den Hauptweg.
Es war aussichtslos. Wenn es ein regelrechter Irrgarten gewesen wäre, hätte er seinen Verstand gebrauchen können. Aber hier herrschte ein wirres Durcheinander. Gedämpfte Schritte eilten auf ihn zu, und in dem unsteten Mondlicht sah er ein Mädchen in weißer Maske und einem kurzen, weißgeblümten Musselinkleid, ungestüm verfolgt von einem Stutzer mit Perücke, der die Maske eines Satyrs trug.
Sie flitzten vorbei wie Gestalten aus einem Feenland. Der Satyr grinste kameradschaftlich und ermutigend, während er Fenton zuflüsterte: »Niemals tragt einen Degen, zum Henker!« Kurz darauf erhaschte er einen flüchtigen Blick von Lydia. Er war in eine andere Seitenöffnung eingebogen, durchaus entschlossen, alle der Reihe nach zu erforschen. Der Weg teilte sich in zwei Pfade. Der Instinkt sagte ihm, daß der Pfad zur Rechten entweder eine Sackgasse war oder zu einer Laube führte. Aber am Ende des schmalen Grasweges zur Linken konnte er im matten Schein der Fackel eine dichte, kreisförmige Hecke erkennen, die nach dieser Seite hin einen hohen Bogeneingang hatte.
Eine Gestalt huschte an der Hecke entlang und dann in den Bogengang. Im Schein einer Fackel sah Fenton einen scharlachroten Umhang und silberne Schuhe aufblitzen. Lydia! Sie lugte nach rechts und links, auf dem Sprung, ihre Flucht fortzusetzen. Fenton stolperte beinahe über einen Zwergbaum und glitt dann rasch und geräuschlos zu der runden Hecke, die vier Bogeneingänge nach allen Himmelsrichtungen hatte. In der Mitte lag eine muldenförmige, mit weichem Gras bedeckte Vertiefung. Eine einzige Fackel tauchte das Innere in ein mysteriöses Halbdunkel. Er sah Lydia mit hochgezogener Kapuze. Sie schien unschlüssig, welchen Weg sie wählen solle. Sein Blut war aus mehr als einem Grunde in Wallung geraten, und er gedachte Lydia mit einem derben Stoß zu Boden zu werfen - was sie nicht im geringsten beanstandet hätte; Frauen waren an rauhe Behandlung gewöhnt. Statt dessen schlich er sich an sie heran, hob sie mit beiden Armen auf und rannte mit ihr durch die muldenförmige Vertiefung, um sie auf dem sanft ansteigenden Abhang niederzulegen. Während er sie mit einem Arm und einer Schulter fest am Boden hielt, schob er mit der anderen Hand Kapuze und Maske zurück. »Dachtest du etwa ...«, begann er und verstummte. Denn er blickte in die grauen Augen und auf den lächelnden Mund seiner Freundin, Meg York.