ES WAR EIN SCHÖNER ANBLICK, der sich Hugh de Monthermer bot, als er, mit einer Schar berittener Bogenschützen und Gewappneter dem Hauptheer vorausgeschickt, auf einem kleinen Hügel hielt; denn von hier hatte er eine Aussicht auf das Tal von Evesham und konnte das Heer de Montforts betrachten, wie es des Weges daherzog.
Der Marsch eines mittelalterlichen Heeres bot ein farbenprächtiges Bild, obgleich im 13. Jahrhundert ein Teil des Glanzes, den es später gewann, als die Röcke der Ritter mit ihren Wappen bestickt wurden, damals noch fehlte. Doch waren die Wappen der Edelleute mit glänzenden Farben in die Banner gestickt und auf die Schilde gemalt. Die Ritter trugen schöne Schärpen, die über die rechte Schulter hingen und unter dem linken Arm nur locker befestigt waren, so daß sie bei jedem Windhauch wie farbige Flaggen in den Lüften flatterten.
Goldener Sonnenschein lag über der Landschaft. Auf der einen Seite ragte die Gebirgskette von Malvern in den Himmel, mit vielen kleinen vorspringenden Bergen, die bis zum Gipfel mit Wald bewachsen und oft mit einem befestigten Schloß gekrönt waren. Auf der anderen Seite lief das Hochland in der Richtung gegen Sudleigh hin, bedeckt mit prächtigen Bäumen und unzählige Kastelle tragend, während da und dort die Spitze eines Kirchturms oder die Zinnen einer Abtei hervorlugten. In dem weiten Tal zwischen beiden sah man die sanften Anhöhen, die grünen Wiesen, die Kornfelder und die langen Waldzüge, die das liebliche Tal von Evesham zierten. In dieser schönen Landschaft marschierte das Heer de Montforts mit entfalteten Bannern und im Winde flatternden Fähnchen.
Zuerst kamen die Schleuderer mit ihren Stäben und ledernen Riemen, dann die leichten Pikenmänner zu Fuß. Während die ersteren ohne jede Rüstung waren, trugen die letzteren einen Brustharnisch von Stahlschuppen und einen runden stählernen Schild am Arm. Ihnen folgten unmittelbar die ersten regulären Truppen, bestehend aus schwerbewaffneten Lanzenmännern, geschützt durch die Stahlhaube, den langen ovalen Schild und das dick gefütterte Wams, das so steif und hart war, daß es Schwert und Dolch widerstand.
Dann kamen die Scharen der Bogenschützen, der Stolz des englischen Heeres. Jeder trug über seiner Rüstung eine Art von ledernem Küraß, geschmückt mit vier runden Eisenplatten. Ihre Pfeile staken in einem Gürtel um den Leib, die Bogen trugen sie entspannt in der Hand. Jeder hatte seinen kurzen Dolch an einem Riemen um den Hals hängen, und viele waren auch mit einem starken, breiten Schwert ausgerüstet.
Truppen von berittenen Bogenschützen folgten, und dann kam der lange Zug von gewappneten Reisigen, zu je vier Mann nebeneinander reitend, deren polierte Harnische jeden Sonnenstrahl zu rückwarfen. Gewiß war selten ein glanzvolleres Schauspiel gesehen worden als der lange Zug von de Montforts Reitern, wie sie durch das Tal von Evesham dahinzogen.
Dann und wann trug der leichte Sommerwind dem Ohr Hugh de Monthermers das fröhliche Schmettern der Trompeten und laute Kommandorufe zu. Während er an der Spitze seiner Leute auf Nebenwegen weiterritt, auf denen er gegen Evesham zu rücken angewiesen war, schwammen Traumbilder von Ruhm und Ritterehre vor seinem Auge und verscheuchten die schwermütigen Bilder, die von seinem Gemüt Besitz genommen hatten, seit der Vater seiner Gehebten zum Feind übergegangen war. Nicht, daß die Hoffnung, Waffenruhm zu gewinnen, die Erinnerung an Lucy de Ashby hätte aus seiner Seele verbannen können; aber in jenen Tagen war für einen Ritter der Gedanke an Waffenruhm so innig vermischt mit den Gefühlen der Liebe, daß beides gar nicht voneinander zu trennen war. Das Bewußtsein, daß sie von seinen Waffentaten hören würde, war ihm Trost und Genugtuung. Glorreiche Kämpfe waren in ritterlichen Zeiten einer der Wege, um Liebe zu werben, und nur zu oft der einzige Weg, der dem Liebenden freistand.
Das Heer rückte weiter, und Hugh verfolgte seinen Weg, von jeder kleinen Anhöhe in der Ebene die Umgebung scharf durchspähend, ob nicht bewaffnete Freunde oder Feinde sich den Streitkräften de Montforts näherten. Aber alles war friedlich und ruhig. Dort trippelte das Dorfmädchen durch die Felder, deren lange Kornähren ihr bis an die Schultern reichten, dort heimste der Arbeiter die reiche und frühe Gerstenernte ein, dort auf der Straße lenkte der Kärrner sein Gespann, und dort trieb der Hirte sein Vieh nach Hause. Das einzig Kriegerische war das Blinken der Lanzen von de Montforts Heer, das jetzt in der Abenddämmerung in das kleine Städtchen Evesham einzog.
Etwa zwei Meilen vor der Stadt machte Hugh de Monthermer plötzlich halt; denn in geringer Entfernung erregte etwas seine Aufmerksamkeit: Die sich zum Untergang neigende Sonne wurde von einem glänzenden Gegenstand unter den Bäumen reflektiert.
Eine Pflugschar vielleicht, dachte der junge Ritter. Aber gleich darauf schimmerte etwas Metallenes in einem anderen Teil des Gehölzes auf, und dorthin lenkte er nun sein Pferd, behutsam einen schmalen Heckenweg benutzend. Einige Bogenschützen wies er an, zu beiden Seiten auf den Feldern in derselben Richtung vorzurücken.
Nachdem sie einige Minuten geritten waren, bemerken der junge Lord und die unmittelbar hinter ihm befindlichen Männer ein Wesen, das unter der Hecke hinkroch; aber in der Dämmerung konnten sie nicht ausmachen, was es war.
»Es ist ein Hund«, sagte Thomas Blawket, der in der ersten Reihe hinter seinem Anführer ritt.
»Oder ein Wolf«, bemerkte ein anderer in der Nähe.
Da spornte Hugh sein Pferd vor und rief: »Tangel, Tangel, seid Ihr es?«
Der Knabe sprang bei der ihm wohlbekannten Stimme Lord Hughs auf die Füße, denn er war mit erstaunlicher Behendigkeit auf Händen und Knien fortgekrochen, und rannte ihm mit wilden Gebärden entgegen.
»Ihr seid es!« schrie er. »Robin, Ralph und die andern werden recht froh sein, Euch zu sehen! Wir haben es diese letzten vier Tage sehr schwer gehabt. Sie glaubten, es sei wieder des Prinzen Heer, und schickten mich, um es auszuspähen.«
»Recht froh werden auch wir sie begrüßen«, versetzte Hugh. »Obgleich wir stark genug sind - hoffe ich - nun bald noch stärker sein werden, können doch sieben- oder achthundert tapfere Männer nie unerwünscht kommen.«
»So viele sind es nicht, guter Ritter!« rief Tangel mit einem bedauernden Schulterzucken. »Viele der Burschen von Yorkshire fürchteten sich, auf dem Wege zu ziehen, den wir einschlugen, und machten bei Staffort linksum - die Schelme! So sind es nur Robin Hood, Ralph Harland und zweihundertfünfzig Mann, genau gezählt. Aber es sind gute und treue Männer, die Euch einen Pfeil durch das Schlüsselloch der Kirchtüre von Mumbury jagen oder den Konstabier des Sheriffs krumm schlagen wie ein Hufeisen.«
»Sie sollen willkommen sein«, sagte Hugh. »Was aber die andern betrifft: Der Mann, der je Angst empfunden hat bei einer guten Sache, der täte am besten, wegzubleiben, um nicht die Furcht unter einem ganzen tapferen Heer zu verbreiten!«
Als dann jedoch der junge Ritter seine Freunde, die Yeomen, begrüßte, bemerkte er, daß der kühne Robin Hood ernster war, als er sonst zu sein pflegte.
»Was ist's, Robin?« fragte Hugh, nachdem sie einander freundlich bewillkommnet hatten.
»Ich weiß nicht, mein Lord«, antwortete der Waidmann, »aber verworrene Gerüchte sind uns im Laufe des Tages zugekommen, daß eine Schlacht geliefert und de Montfort geschlagen sei.«
Hugh de Monthermer lachte. »Nein, Robin! Von diesem kleinen Hügel aus könnt Ihr eben jetzt die letzten Truppen seines stattlichen Heeres nach Evesham marschieren sehen, dem keine Feder auf einem Helm geknickt, kein Banner zerrissen, kein Wappenrode zerhauen ist.«
»Das ist eine gute Zeitung, mein Lord«, versetzte Robin Hood, doch sein Gesicht blieb ernst. »Die Nachricht kam von Warwick her, und ich liebe solche Gerüchte nicht, ob sie nun andeuten mögen, was die Leute fürchten oder was sie hoffen.«
»Von Warwick her?« sagte Hugh nachdenklich. »Mein Lord von Leicester muß davon unterrichtet werden. Kommt, Robin, kommt Ralph, laßt uns schnell nach Evesham reiten. Meines Oheims Leute halten gute Quartiere für mich und die Meinigen bereit, und ich will sie heute nacht mit Euch teilen. - Habt Ihr keine Pferde?«
»Nein, mein Lord«, versetzte Ralph. »Wir sind mit unseren Leuten zu Fuß marschiert. Ich habe da einhundert gute Lanzen, und Robin führt gegen hundertfünfzig Bogenschützen. Die letzten vier Tage haben wir in Feld und Wald geschlafen; denn die Märsche und Gegenmärsche Prinz Edwards haben uns mehr als einmal in Gefahr gebracht. Reitet nur zu, mein Lord, wir werden Euch folgen!«
Hugh de Monthermer zögerte auch gar nicht; denn er wußte wohl, daß in einem so kritischen Augenblick die geringste Nachricht von Wichtigkeit für de Montfort sein konnte. Kaum daß er Evesham erreichte, ließ er seine Leute unter dem Befehl eines treuen Anhängers seines Hauses zurück und drängte sich durch das Gewimmel auf den Straßen, um das Hauptquartier des Grafen von Leicester aufzusuchen.
Er fand ihn in der Abtei, umgeben von einer Anzahl von Offizieren, wie er eben den König mit allen äußeren Zeichen der Ehrerbietung in das für ihn bereitete Gemach führte. Nachdem dies geschehen und die üblichen Vorkehrungen gegen einen Fluchtversuch des königlichen Gefangenen getroffen waren, kehrte der Graf zurück in die Abtei.
Als er Hugh entdeckte, winkte er diesen in eine der tiefen Fensternischen und sagte zu ihm: »Ihr habt Neuigkeiten für mich, wie ich sehe. Was ist's?«
Hugh berichtete ihm, daß er mit ihren Freunden aus dem Walde zusammengetroffen sei und erwähnte das Gerücht, das sie gehört hatten. Sofort überzog sich de Montforts Stirn mit einer düsteren Wolke.
»Von Warwick, sagen sie, sei die Nachricht gekommen?« rief er aus. »Bei St. Jakob, das wäre böse, wenn es sich bestätigen sollte! Aber es kann nicht sein! Ich bekam ja gestern nacht Briefe von meinem Sohn. Er habe Edward aufgelauert, schrieb er, aber der Prinz sei nicht gekommen. - Dank, mein junger Freund! Diese trefflichen Waidmänner kommen gerade zur rechten Zeit. Seht zu, daß sie gut untergebracht werden, und sorgt auch für Eure eigenen Leute. Wir müssen früh im Sattel sein morgen!«