DER HIMMEL war noch grau, als Thomas Blawket, der stämmige Dienstmann des Grafen Monthermer, frisch aus seinem Bett sprang und jene eilfertige Toilette machte, wie sie damals ein derber Engländer seines Standes gewohnt war. Sie bestand einfach darin, daß er ein paar große Becken voll reinen kalten Wassers über seinen runden, lockigen Kopf und seine nackten Schultern goß und dann, ohne sich lange mit den Zeremonien des Abtrocknens aufzuhalten, die Kleider anlegte und mit dem Gürtel um den Leib befestigte.
»Wünsch dir guten Tag, Wirt!« sagte er, als er wegging. »Ich werde bald wieder zurück sein.« Und gemächlich auf dem grünen Platz fortschlendernd, blieb er ab und zu stehen, damit es nicht aussähe, als schlüge er eine verabredete Richtung ein. Langsam schritt er so der Kirche zu und erreichte, am Hause des Priesters vorbeikommend, den Kirchensteig.
Am andern Ende des Steiges stand Hardy, der Bucklige, eine lebhafte Melodie pfeifend und den Herankommenden erwartend, ohne sich von der Stelle zu rühren. Nach kurzer Begrüßung wanderten beide rasch durch die grünen Felder dahin, von all den lustigen Geringfügigkeiten plaudernd, welche freie Herzen am frühen Morgen beschäftigen.
Am Bach machten sie halt und blickten in seine tanzenden Wellen; sie schauten dem rasdien Fisch nach, wie er im Wasser dahinschoß, und schrien einem Reiher zu, der eben mit seinem Schnabel eines von den flossigen Geschöpfen gepackt hatte.
»Jetzt, wenn wir einen Falken hätten«, sagte der Bauer, »wir würden bald den Meister Graufeder hier haben, so gewiß, als der nichtswürdige Richard de Ashby die hübsche Kate Greenly fangen wird.«
»Meint Ihr so?« fragte des Lords Dienstmann, der aber gar nicht daran dachte, den Reiher zu fangen. »Wird sie sich so leicht beschwatzen lassen?«
»Ja, das wird sie«, versetzte der Bauer. »Nicht, daß es dem Mädchen an Verstand oder Unterricht fehlt; denn der gute Priester gab sich mächtig viel Mühe mit ihr, und sie kann lesen und schreiben, so gut wie irgendein Schreiber im Land. Auch hat sie kein schlechtes Herz, obgleich es allerdings etwas trotzig und rasch ist. Aber das Mädchen ist so eitel wie eine Meise, und obwohl ich glaube, sie liebt im Grunde ihres Herzens den jungen Harland, habe ich ihm doch schon oft gesagt, es sei unwahrscheinlich, daß sie ihn heirate. Da nun dieser Richard de Ashby wiedergekommen ist und sich an sie hängt wie früher, sage ich: Ihre Eitelkeit wird sie bei den Ohren nehmen und sie auf jeden Markt führen, wohin er sie zu bringen Lust hat.«
»Daß ein solcher Herr nicht einen so abgelegenen Ort wie diesen in Frieden lassen kann, mit seinem ruhigen Sonnenschein und guten Landvolk. Er könnte doch ein lustiges Liebchen leicht genug finden in den großen Städten, ohne daß er es nötig hätte, einen guten Jüngling unglücklich zu machen und ein frohherziges Dorfmädchen in Schande zu bringen! Ich hoffe, es wird ihm dafür noch der Schädel eingeschlagen!«
»Er hat Aussicht, zum Lohn für etwas anderes den Hals zu brechen, wenn ich die Sache richtig beurteile. Aber davon wollen wir bald mehr reden. Laßt uns weitergehen!«
So wanderten sie denn weiter, bis sie auf einen offenen, weiten Platz kamen, der mit kurzem Gras und alten Weißdornbüschen bedeckt war und am Waldrand lag.
»Ei, Ihr scheint ja am Saum des Waldes zu wohnen, Bauersmann«, sagte Blawket. »Es muß hier schlechter Boden sein, denke ich.«
»Er ist ganz gut für meine Art Landwirtschaft«, versetzte der andere, ihm einen listigen Blick zuwerfend. »Wir haben noch eine Meile zu gehen, Meister Blawket, und können ebensogut ruhig ein bißchen durch das Waldland stechen.«
»Ich bin dabei«, versetzte der Yeoman. »Ich liebe den Waldboden, und oft, wenn die Jahreszeit kommt, helfe ich mit meines Herrn Erlaubnis, seinen Forstleuten das Wild erlegen.«
»Gefährliche Liebhabereien das in solchen Zeiten«, sagte der Bauer, und hiermit verstummte wieder das Gespräch.
Obwohl sie bald den eigentlichen Wald betreten hatten, standen die Bäume jedoch noch viele Ellen weit voneinander und warfen lange Schatten auf das Samtgrün des Grasbodens. Aber als Blawket durch die Stämme hindurch nach Norden und Westen schaute, konnte er wohl sehen, wie eine dämmernde Masse von dunklerem Grün in der Ferne sich ausbreitete und bewies, daß der Wald in einem nicht großen Abstände dichter wurde.
Daß sie in das Reich der jagdbaren Tiere kamen, war bald augenfällig. Mehr als einmal sprang ein Hase vor ihren Füßen auf und hoppelte in nicht sehr beeiltem Laufe davon. Alle zwei, drei Schritt sah man ein Eichhorn von Baum zu Baum rennen und den Stamm hinanklettern, und mehrmals wurde das geübte Auge Blawkets eines bräunlichen Hirsches ansichtig, der einen der Pfade entlangeilte, um eine Zuflucht im dichteren Walde zu suchen.
»Nun, Meister Pflüger«, sagte er endlich. »Ihr scheint mich ja in den dicksten Wald hineinzuführen. Liegt Eure Wohnung in dieser Richtung?«
»Ja, ganz gewiß!« antwortete Hardy. »Sie wird sogleich offener hervortreten.«
»Das ist sehr nötig«, erwiderte der Yeoman. »Sonst müßte ich Euch für einen Waidmann halten, und zwar nicht für einen von den königlichen.«
Der Bauer lachte, gab aber keine Antwort, und nach ein paar Minuten fuhr der Yeoman fort und sagte: »Ihr seid ganz gewiß ein wunderlicher Mann, denn Ihr seid diesen Morgen zehn Jahre jünger, als Ihr gestern abend wart. Meiner Treu, wenn ich geahnt hätte, daß Ihr so stark seid, ich glaube, ich hätte Euch die Sache mit den zwei Burschen allein ausfechten lassen!«
»Ich wollte auch, ich hätte sie nur eine halbe Stunde hier unter den grünen Weißdornbüschen«, bestätigte der Bauer lachend. »Ich bedürfte keines Helfers, um ihnen eine solche Tracht Prügel zu geben, wie sie sie wohl selten in ihrem Leben bekommen -obwohl ich nicht zweifle, es sind ihnen nicht wenige zuteil geworden.«
»Ohne Zweifel, ohne Zweifel!« antwortete der Yeoman. »Aber ein Wort, mein guter Freund, ehe wir weitergehen: Da Ihr nicht seid, was Ihr schienet, wäre es mir doch heb zu wissen, wohin wir gehen.«
»Ich bin nicht, was ich schien, und auch nicht, was ich jetzt scheine", sagte der Bauer mit einem offenen und fröhlichen Lächeln. »Aber beides hat gar nichts zu sagen, Meister Yeoman. Da, helft mir nur von meiner Bürde; ich bin nicht der erste, der sich das Ansehen gegeben, mehr zu sein, als er ist. Da, legt Eure Hand unter mein Wams und löst auf dem Rücken den Knoten auf, während ich den andern vorn aufknüpfe.«
Mit Hilfe seines Begleiters ließ er nun einen großen Wulst von seinen Schultern herabgleiten, der ganz und gar das Ansehen eines Buckels hatte. Sobald diese Bürde weg war, stand er vor Blawket als ein stämmiger, untersetzter Mann mit hohen Schultern, aber ohne den leisesten Ansatz von einem Höcker links oder rechts. An dem Erstaunen seines Begleiters sich weidend, sagte er: »So viel, was den Buckel betrifft, Meister Yeoman. Hätten jene guten Gesellen mich so gesehen, sie würden wohl nicht so eilig mit ihren Händen gewesen sein. - Und hätten sie dies gesehen«, fuhr er fort, den Griff eines guten starken Dolches unter seinem Kleid zeigend, »sie wären wohl nicht so eilig mit ihren Schwertern bei der Hand gewesen. Doch jetzt laßt uns ohne Zeitverlust vorwärts eilen; denn es warten Leute auf Euch, die Euch eine Botschaft an Euern Lord auftragen möchten.«
Blawket bedachte sich einen Augenblick und sagte dann: »Gut, es hat nichts zu sagen. Ich will keinem Verdacht gegen Euch Raum geben, obgleich dies ein sonderbarer Handel ist. Ich habe Euch einmal aus einer Klemme geholfen - wenigstens hatte ich die Meinung und die Absicht, Euch zu helfen -, und ich glaube gewiß, daß Ihr es mir nicht schlecht vergelten werdet.«
»Zweifelt nicht an mir!« sagte der Bauer. »Ihr seid ein Freund, kein Feind. Aber jetzt, um allem, was Ihr heute hören mögt, noch ein Wort beizufügen, laßt Euch sagen, daß der eine der beiden Männer, mit denen Ihr mich gestern im Kampfe begriffen saht, ein Verräter und Spion ist. Ja, ich glaube fast, daß der, der ihn mitbrachte, selbst nicht viel besser ist!«
»Harte Worte das, Meister Pflüger, oder was immer Ihr sein mögt«, sagte des Lords Dienstmann mit ernsthafter Miene. »Ich hoffe, es ist nicht ein zerschlagener Kopf oder ein Hader im Bierhaus, was Euch den Mann des Verrats zeihen macht. Zudem, wenn er ein Spion ist, so kann er nur ein Spion sein gegen seinen eignen Herrn.«
»Und wer ist sein eigner Herr?« fragte Hardy. »Kommt, strengt Euern Witz an und sagt mir das!«
»Nun, Sir Richard de Ashby«, antwortete der Mann.
»Wahrhaftig!« versetzte Hardy. »Mich dünkt, das Wappen des Hauses Ashby sei ein Baum, der aus einer Kohlenpfanne hervorwächst.«
»So ist es auch«, erwiderte der Mann, »und den hat er auch auf seinem Rock.«
»Und was hat er auf der Brust?« fragte Hardy. »Drei schreitende Leoparden.«
Der Mann fuhr auf. »Ha, das ist das Wappen des Königs!«
»Oder des Prinzen Edward«, fügte Hardy hinzu. »Wenn Ihr also wieder heimkommt, so sagt Eurem Lord, er möge wohl auf seiner Hut sein vor dem Vetter des Grafen von Ashby, wo nicht vor dem Grafen selbst. Wir hatten Nachricht von etwas dergleichen erhalten, und ich blieb zurück, um zu beobachten - denn Ihr müßt mich nicht für einen solchen Narren halten, daß ich einem Dienstmann harte Worte für nichts gäbe und mir Schläge auf den Kopf zuzöge, ohne einen bestimmten Zweck.«
»So habt Ihr also die Leoparden gesehen?« fragte Blawket eifrig. »Habt sie mit eignen Augen gesehen?"
»Ich balgte mich mit ihm und riß ihm mit beiden Daumen den Rock auf, während er wähnte, wir wälzten uns nur auf dem Boden herum wie Hund und Katze. Unter seinem Rock trug er ein prächtiges Gewand mit drei goldgestickten Leoparden auf der Brust. Als ich dies sah, war ich zufrieden. Aber das tolle Mädchen Kate nahm an, ich hätte ernstliche Händel, und goß einen Kübel Wasser auf uns, der uns auseinanderbrachte; das übrige wißt Ihr ja. Er ist kein Diener des Richard de Ashby, der arme Schelm hat höchstens zwei. Ich glaube eher, nachdem er längst seine Seele dem Teufel verkauft hat für Wohlleben und Semmelbrot, hat er jetzt das einzige, was ihm noch zu verkaufen übrigblieb, nämlich seine Freunde, irgendeinem irdischen Teufel verhandelt für Gold, um damit die hübsche Kate Greenly zu gewinnen.«
Blawket ging ein paar Schritte in tiefem Nachsinnen weiter.
»Wahrhaftig«, sagte er endlich, »wenn diese Geschichte wahr ist -das heißt, ich zweifle nicht an dem, was Ihr sagt, guter Freund, sondern ich meine, wenn ich das alles meinem Herrn beweisen kann gibt es morgen einen Verräter weniger. - Er gefiel mir nie, dieser Richard de Ashby; obgleich er so sanft und süßlich ist wie sein Vetter Alured hitzig und hochfahrend.«
»Es wird leicht zu beweisen sein«, versetzte sein Begleiter. »Klagt den Sir Richard, wenn Euer Lord und seine Freunde beisammen sind, keck und offen an, er habe einen Diener des Königs verkleidet mitgebracht, um ihre Beratungen auszuspionieren.«
»Nein, nicht so«, versetzte der Dienstmann. »Ich bin geübter, mit Lords umzugehen, als Ihr. Das würde meinen Gebieter veranlassen, die Sache aufzunehmen, und könnte Unheil anstiften zwischen den zwei Grafen. Nein, ich will einen Hader mit ihm anfangen in der Gasthofsküche, will ihn veranlassen, seinen Rock abzulegen, um ein paar Streiche mit mir zu probieren, und dann, wenn wir alle die Leoparden sehen, wollen wir ihn vor die Herren schleppen.«
»Zuerst erzählt alles Eurem Herrn«, sagte Hardy etwas finster. »Es kann wichtig für ihn sein, ohne Verzug zu wissen, mit wem er es zu tun hat.«
»Das will ich!« versetzte der Mann. »Und ich will ihm meinen Plan, die Verräterei zu beweisen, mitteilen. - Aber was ist das? Euer Haus, denke ich? Ihr habt einen trefflichen Haufen Söhne, wenn das alles Eure Kinder sind. Ein Scheibenschießen, so wahr ich lebe! Ja, jetzt sehe ich, wie ich daran bin!«