XXIX

ES WAR EINE STUNDE nach Mitternacht - die Schildwachen an der Schloßmauer waren eben abgelöst worden -, als Hugh de Monthermer am Fenster seines Gefängnisses saß, in die tiefe Nacht hinausschauend und das ferne Blinken der Sterne betrachtend. Sein Schicksal war ihm angekündigt worden - daß er abwesend gerichtet und verurteilt worden war und daß der erste Strahl der Morgensonne Zeuge seines Todes sein sollte. Feierlich hatte er Berufung eingelegt gegen diesen Richterspruch und dem Lord Pembroke, der der Überbringer des Urteils gewesen, erklärt, eine solche Tat sei Mord.

Aber sie rechtfertigten das von ihnen eingeschlagene ungesetzliche Verfahren mit der Behauptung, er sei über der Tat des Hochverrats ergriffen worden. Jede Verbindung mit der Welt draußen ward ihm verweigert, und selbst Schreibmaterialien wurden ihm vorenthalten. Ein Priester war ihm für den Morgen versprochen, aber bis dahin blieb er ganz allein. Er hörte, wie sein guter Yeoman Blawket von den Wachen vor der Tür zurückgewiesen wurde, und ohne einen Trost und Zuspruch saß er einsam.

Wie oft war er dem Tod auf dem Schlachtfeld entgegengetreten! Wie oft schon hatte er sein Leben an die ungewisse Entscheidung einer Stunde gesetzt! Aber niemals war ihm der Tod so furchtbar erschienen wie jetzt, wo er die ewig lange Nacht durchwachte, mit der Gewißheit, am Morgen ohne Widerstand ermordet zu werden.

Der junge Ritter rang männlich und kräftig, aller Schwäche sich zu erwehren; aber er konnte schmerzliche Wehmut nicht unterdrücken. Kaum zwölf Stunden waren verstrichen, seit er im Stolz des glücklichen Erfolges die Geliebte in seine Arme geschlossen -und jetzt sollte er sie für immer verlieren. Ob sie ihn wohl vergessen würde, ob sie wohl ihre Hand einem anderen geben würde? Es lag für ihn ein Trost in dem Gedanken, daß Lucy versprochen hatte, die Seinige zu bleiben selbst nach seinem Tode.

Bei solchen Betrachtungen weilten seine Gedanken, wie er in die Nacht hinausschaute. Aber plötzlich riß ihn etwas aus seinem trüben Sinnen. Er schaute von dem Fenster des Gemachs hinab auf die Zinne der Mauer. Die Entfernung betrug etwa dreißig Fuß, die Nacht war dunkel - denn der Mond war früh untergegangen; aber trotz der dämmrigen Finsternis glaubte er doch etwas wie einen Menschenkopf über der Zinne auftaudien zu sehen.

Gleich darauf sprang mit einem Satz, wie mit einer Wurfmaschine herübergeworfen, eine menschliche Gestalt auf die Mauer herauf, lief zu dem Turm hin, wo er eingesperrt war, und griff in das Steinwerk. Im nächsten Augenblick konnte er sehen, wie, scheinbar ohne eine Stütze für den Fuß, ein Bein sich emporreckte, während die Hand an der Mauer einen Halt gefunden zuhaben schien. Dann hob sich der ganze übrige Körper etwa vier Fuß über den Boden empor, ein langer, dünner Arm streckte sich hoch über den Kopf hin nach einem Fenster aus, das gerade unter dem, an welchem der junge Ritter stand, gelegen war, und an dem Arm zog sich der ganze Leib hoch in die Maueröffnung, während eine Schildwache mit langsamen, gemessenen Schritten vorüberzog. Sobald der Soldat fort war, wurde der Arm wieder heraus- und emporgestreckt, und die Hand schlug ein- oder zweimal an verschiedene Punkte der Mauer, wobei ein leiser, kratzender Ton vernehmbar wurde, als wäre sie mit einem metallenen Werkzeug bewaffnet. Endlich blieb sie fest haften, und dann schoben sich Kopf und Schulter aus der Fensteröffnung heraus, und die Füße ruhten auf dem Sims.

Jetzt folgte eines jener außerordentlichen Wunderstücke von Gewandtheit und Gelenkigkeit, wie sie Hugh nur bei einem Geschöpf auf der Welt gesehen hatte. Mittels des schwachen Halts, den die Finger an der Mauer gefunden zu haben schienen, wurde wieder der Körper hinaufgezogen, bis Knie und Hand sich berührten, und der linke Arm streckte sich nach der Fensterbrüstung aus, hinter der Hugh de Monthermer stand.

Obgleich die Gestalt einen Buckel zu haben schien und daher dem Knaben Tangel nicht glich, konnte der Gefangene doch nicht zweifeln, daß er es war, und so weit als möglich sich hinausbeugend, flüsterte er: »Nimm meine Hand, Tangel!«

Sofort umklammerten die dünnen Finger des Knaben die seinigen wie eiserne Zangen, und mit einem Sprung, der beinahe den jungen Ritter das Gleichgewicht verlieren machte, schwang sich Tangel durch das Fenster in das Zimmer.

»Haha!« sagte er mit leisem Lachen. »Wer vermag es, Tangel auszuschließen?«

»Kein Mensch, scheint es, mein guter Knabe«, antwortete Hugh ebenso leise. »Aber warum kommst du hierher? Ich fürchte, ich kann nicht so hinuntersteigen wie du herauf!«

»Hilf mir nur von meiner Bürde«, versetzte der Knabe flüsternd. »Du wirst bald sehen, warum ich komme. Aber wir müssen so leise wispern wie die Mäuse; denn Tyrannen haben feinere Ohren als die Hasen und schärfere Augen als die Katzen. Da sind ein Priesterrock und eine Kapuze für dich und ein Chorknabenkleid für Tangel. Du hast gerade die Größe von des Königs Beichtiger, und ich werde für seinen Brevierträger gelten. Hier ist auch eine Strickleiter, nicht viel dicker als ein Spinngewebe, aber stark genug, um selbst den fetten Mönch von Barnesdale zu tragen.«

Hugh de Monthermer wurde einen Augenblick von einem grenzenlosen Dankbarkeitsgefühl übermannt. Leben und Freiheit lagen wieder vor ihm. Er schloß den Knaben in seine Arme und sagte: »Wenn ich leben bleibe, Knabe, werde ich dich belohnen.«

»Keinen Dank mir, guter Ritter«, versetzte Tangel leise. »Es ist alles Robins Werk, obgleich ich sehr vergnügt bin, auch eine Hand im Spiel zu haben. Er, der große Karrengaul, könnte freilich sowenig diese Mauer erklimmen wie über die Lincolnkirche springen. Aber kommt jetzt! Befestigt diese Haken am Fenster, werft den Priesterrock über, und dann wollen wir nach der Schildwache sehen. Sie wird wieder vorbeikommen, ehe wir alles fertig haben.«

»Es sind auch im äußeren Hof Schildwachen«, gab Hugh de Monthermer zu bedenken. »Was sollen wir anfangen, wenn wir einer davon begegnen?«

»Gebt ihnen das Losungswort«, sagte Tangel. »Ich habe, mich so dicht an die Mauer schmiegend wie Efeu an einen alten Turm, gewartet, bis ich die Runde passieren und die Losung geben hörte. Sie heißt: ,Die drei Leoparden'. Aber da kommt der Posten. Nun fort - schnell! Er wird bald wieder zurück sein!«

Sie ließen die Leiter sacht vom Fenster hinunter, und Hugh hieß den Zwerg zuerst hinabsteigen. Aber Tangel erwiderte: »Nein, nein, ich will nachkommen und die Leiter mitbringen. Ich habe mir meine eigene Treppe gemacht an den vier Stiften, die ich in die Ritzen hineingebohrt habe. Steigt hinunter, heiliger Vater, steigt hinunter! Und wenn dies Buch ein Brevier ist, nehmt es mit Euch.«

»Es kann als solches dienen«, sagte Hugh, der trotz des Ernstes der Situation lächeln mußte. »Aber ehe ich gehe, muß ich ihnen eine Botschaft zurücklassen.« Ein Stück halbverkohltes Holz aus dem Kamin nehmend, schrieb er damit einige Worte an die Wand. Dann trat er ans Fenster, stieg hinaus und klomm rasch und gewandt hinunter auf den Wall.


Der Zwerg schien einige Mühe zu haben, die Haken der Leiter loszumachen; denn er folgte nicht so schnell, wie Hugh es erwartet hatte. Sei es nun, daß der wachthabende Soldat umkehrte, bevor er ganz bis ans Ende seiner Runde gekommen war, oder daß sein Schritt rascher war als zuvor - ehe noch der Knabe herunterzuklimmen begann, hörte man schon den Soldaten von der andern Seite des Walles her kommen. Hugh warf rasch einen Blick zu dem Turmfenster hinauf und war sicher, daß der Knabe das Nahen der Schildwache gemerkt hatte; denn er war nicht zu sehen. Auch die Leiter hing so nahe an dem Gebäude, daß man sie ohne genaue Untersuchung nicht wahrnehmen konnte. Sein Entschluß war in einem Augenblick gefaßt: Er zog die Kapuze weiter über das Gesicht, kreuzte die Arme über der Brust und schritt der Schildwache mit langsamen Schritten, die Augen zu Boden geheftet, entgegen.

Sobald der Soldat um die Ecke bog und ihn erblickte, rief er: »Wer da? Halt! Gebt die Losung!«

»Die drei Leoparden«, entgegnete Hugh mit ruhiger, fast schleppender Stimme.

»Passiert!« rief die Schildwache. »Euern Segen, heiliger Vater. Das ist eine dunkle Nacht!«

»Dominus vobiscum!« versetzte Hugh salbungsvoll. »In der Tat, sie ist dunkel, mein Sohn. Aber keine Nächte sind dunkel für das Auge Gottes.« Mit der Schildwache auf ihrer Runde umkehrend, fuhr er, als sie unmittelbar unter dem Fenster vorbeikamen, hinter dem Tangel hockte, laut fort: »Habt Ihr meinen Knaben auf Eurer Runde nicht gesehen? Er sollte mit den Büchern nachkommen. Aber wahrhaftig, er ist ein träger Schlingel und plaudert ohne Zweifel noch mit den Pagen in des Königs Vorzimmer.«

»Ich habe ihn nicht gesehen, heiliger Vater«, sagte der Soldat. »Ist der König noch auf?«

»Ja«, antwortete Hugh, »und wird noch die nächste Stunde aufbleiben.« Und er schritt an der Seite der Schildwache langsam weiter, bis sie das Fenster nicht mehr sehen konnten.

»Der Knabe läßt entsetzlich lange auf sich warten«, vermerkte schließlich der vermeintliche Priester und blieb stehen.

»Wollen wir umkehren und nach ihm sehen, guter Vater?« fragte der Soldat.

»O nein!« versetzte Hugh. »Er muß hierherkommen; denn er hat um den Hof herumzugehen, wenn anders er nicht etwa die Treppe auf der anderen Seite benutzt.« Während er noch sprach, hörte man den Laut von rasch folgenden Schritten, und die Schildwache wandte sich hastig um mit dem Ruf: »Wer da?«

»Die drei Leoparden«, antwortete eine kindliche Stimme, ganz unähnlich der Tangeis. Aber es war Tangel in seinem weißen Chorknabenrock und der Kapuze, ein kleines Bündel unter dem Arm tragend.

»Du hast dich unnötig und leichtfertig umgetrieben«, rief der Ritter, »und wirst dafür Büßung erleiden!«

Aber er wagte es nicht, seine erheuchelte Rüge weiterzutreiben, damit nicht ein Mißgriff im Gespräch zwischen ihm und Tangel sie verriet. An der Seite der Schildwache schritten sie weiter bis an die Treppe, die in den großen Hof hinabführte. Hier wünschte er dem Soldaten gute Nacht und erteilte ihm feierlich den Segen,

Die Wache, die unten an der steinernen Treppe stand, hatte das Gespräch zwischen ihrem Kameraden und dem vorgeblichen Priester oben gehört und geleitete, ohne auch nur nach dem Losungswort zu fragen, den jungen Ritter und Tangel bis zu der Torwache.

Das große, hölzerne Tor unter dem Bogengang stand offen, während mehrere Soldaten draußen herumlungerten, ihre wachfreie Zeit in verliebten Unterhaltungen mit einigen hübschen jungen Mädchen von Nottingham verbringend, die sich noch zu dieser späten Stunde auf die Zugbrücke gewagt hatten, ihren guten Ruf (falls sie ihn noch besaßen) in der Gesellschaft der Gewappneten zu verlieren. Die am Ende der Zugbrücke postierte Schildwache nahm an der Kurzweil der anderen so viel Anteil, daß sie erschrocken auffuhr beim Laut von Schritten und ihre Wachsamkeit dadurch beweisen wollte, daß sie die Waffe senkte und barsch nach der Losung fragte. Hugh gab sie sogleich und setzte mit mildem Tadel hinzu:

»Solltet Ihr, mein Sohn, nicht mehr auf der Hut sein gegen die Hereinkommenden als gegen die Hinausgehenden?«

»Geht Eures Weges und kümmert Euch um Eure Angelegenheiten, Herr Priester!« versetzte der Soldat. »Diese Schelme in ihren schwarzen Röcken«, murmelte er, »möchten, daß niemand mit einem hübschen Mädchen plaudere, außer ihnen selbst.«

Hugh war immer zugeschritten; denn er hatte gar keine Lust, sich aufzuhalten, um mit dem Soldaten das Kapitel der Pflicht zu erörtern. So eilten sie durch die finsteren Straßen von Nottingham, rasch den Hügel hinabsteigend und mit jedem Schritt leichter atmend.

»Horch!« sagte Hugh endlich leise zu dem Knaben. »Hörst du nicht, daß uns Leute folgen?«

»Das ist ganz wahrscheinlich«, versetzte Tangel. »Ich bin nicht allein in Nottingham. Wir stoßen jedoch vielleicht auf Schwierigkeiten am Stadttor; denn der Wächter ist dort so grimmig und mürrisch wie ein Bär. Obgleich wir ihn alle wohl kennen, ist doch zu wetten, daß er nicht wird aufstehen und den Schlüssel umdrehen wollen.«

Binnen kurzem waren sie am Stadttor angelangt, und der Knabe pochte an das niedere Pförtchen unter dem Bogen. Anfangs erfolgte gar keine Antwort. Aber Tangel, nachdem er noch einmal gepocht, schrie laut: »Ho, Matthew Pole! Matthew Pole! öffnet das Tor für einen ehrwürdigen Vater, der hinaus muß, einem Kranken die Beichte zu hören.«

»Um Beichte zu hören bei einem leichtsinnigen Mädchen oder einem Fäßchen Sekt!« brummte eine zornige Stimme drinnen. »Ich stehe euretwegen nicht auf! Und wenn ich es täte, ich könnte zu dieser späten Nachtstunde das Tor nicht weit genug aufmachen für den fetten Mönch von Barnesdale, daß er seinen Bauch hinauswälzen kann!«

»Es ist weder der von Barnesdale noch auch Tuck«, rief der Knabe, »sondern ein heiliger Priester, der vom Schloß kommt!«

»Dann täte er besser, wieder dahin zu gehen, woher er gekommen ist«, ließ sich der Torwächter ungerührt vernehmen. »Pack dich fort, oder ich schütte dir etwas über den Kopf, was deine Kleider auf viele Tage verunzieren soll! Pack dich fort, sage ich, und laß mich schlafen, bis die heillosen, schwärmenden Lords vom Schloß herunterkommen, die alle Nacht hinausziehen zu ihrem Quartier in Lamley.«

In diesem Augenblick hörte man das Geräusch von Pferdehufen und lebhaft redenden Stimmen, die sich rasch näherten. Hugh de Monthermer, die Hand unter den schwarzen Rock steckend, faßte den Griff des großen, scharfen Messers, das man ihm zufällig noch gelassen hatte. »Ich werde mein Leben teuer verkaufen«, sagte er zu Tangel.

»Tretet ins Dunkel«, flüsterte dieser, »so werden sie Euch nicht sehen. Es sind sicher die Lords, die außerhalb der Stadt schlafen.«

Hugh de Monthermer hatte kaum Zeit, sich zurückzuziehen, als schon ein Trupp Reiter auftauchte.

»Heda!« rief einer von ihnen, als sie am Tor ankamen, »öffnet das Tor! - Seid Ihr des Torwächters Gehilfe?«

»Nein, mit Verlaub, edler Lord«, versetzte Tangel. »Ich kann den alten sauertöpfischen Matthew Pole nicht dahin bringen, einen Riegel wegzuschieben oder einen Schlüssel umzudrehen, obgleich er weiß, daß wir Eile haben.«

»Heda! öffnet das Tor«, wiederholte der Sprecher lauter. »Und wie wißt Ihr, daß ich ein edler Lord bin, mein Freund?« fragte er den Knaben.

»Weil Ihr auf Eurem Roß sitzt wie der Graf von Mortimer«, antwortete Tangel.

»Das könnt Ihr schon so sagen«, versetzte der andere mit einem selbstgefälligen Lachen. »Aber wer ist das unter dem Torbogen?«

»Das ist mein Oheim, der gute Priester von Pierrepont. Er geht, um dem Mann die Beichte zu hören, der, wie Euer Lordschaft weiß, vom Felsen herabstürzte, gerade um Sonnenuntergang.«

»Ich weiß nichts von ihm«, rief Mortimer. »Aber ich weiß, daß, wenn dieser Torwächter nicht bald kommt, er es bereuen soll. - Geh hinein, Jenkin, und schlitz ihm die Ohren auf mit deinem Messer, daß sie wie die eines Köters aussehen! - Ha, da kommt er endlich! Ei wie, Torwächter? Ihr untersteht Euch, mich warten zu lassen? Beim Himmel, ich habe Lust, Euch über dem Tore hängen zu sehen!«




Der mürrische Alte brummte etwas, daß ihm seine Laterne ausgegangen, und fuhr dann laut fort: »Ich erwartete Euch nicht so bald heute nacht, mein Lord. Ihr pflegt sonst eine Stunde später zu kommen.«

»Ja, aber wir haben morgen mit Tagesanbruch ein wichtiges Geschäft«, rief Mortimer. »So müssen wir beizeiten zu Bett.«

Langsam und mit Widerstreben zog der Torwächter die große eichene Schranke weg und sagte: »Ihr müßt die Losung geben, mein Lord.«

»Die drei Leoparden«, erwiderte Mortimer. »Kommt, öffnet nun endlich das Tor, oder es soll Euch übel ergehen!«

Mit herausfordernder Gemächlichkeit schob der Alte Riegel um Riegel zurück und tat die schweren hölzernen Torflügel weit auf. Ohne ein weiteres Wort ritt Mortimer mit seinem Gefolge hinaus, und seine Kleider streiften im Vorbeireiten Hugh de Monthermer. Der junge Ritter und der Knabe folgten langsam, und ehe das Tor wieder geschlossen werden konnte, schritten verschiedene andere Männer, die eilig von den benachbarten Straßen herbeikamen, schweigend hinaus, ohne dem Torwart die Losung zu geben.

»Ha, Ihr Diebe!« sagte der Torwart zu dem letzten derselben. »Wenn ich Euch einschließen wollte, gäbe es morgen ein schönes Hängen!«

»Nicht doch«, versetzte der Mann gemütlich. »Dann würde nur einer gehangen heut nacht, guter Matthew, und der wärt Ihr. Oder glaubt Ihr etwa, daß wir das Hängen anfangen ließen, ohne zuerst Hand anzulegen dabei?«

Die beiden Flüchtlinge hatten in wenigen Minuten einen unter Bäumen hinlaufenden Pfad erreicht. Kaum, daß sie ihn betreten, faßte plötzlich eine Hand Hugh de Monthermers Arm, und eine Stimme rief: »Frei, mein guter Lord! Meiner Treu, wir werden, wenn es so weitergeht, binnen kurzem alles, was ehrlich und redlich ist am Hof, unter den grünen Ästen des Sherwood haben. Ich denke, des Königs Wildbret wird der einzige rechtmäßige Unterhalt für ehrliche Leute sein; denn wenn sie nicht seine Hirsche nehmen, nimmt er ihnen den Kopf.«

»Robin«, sagte Hugh, mit Wärme des Geächteten Hand fassend, »das ist alles dein Werk, ich weiß, und dir verdanke ich mein Leben.«

»Nicht mein Werk ist es«, entgegnete Robin Hood abweisend, »sondern das des Knaben! Das Beste, was ich ersinnen konnte, war der Anschlag, morgen gewaltsam in den Schloßhof zu dringen, des Tores mich zu bemächtigen, einen Pfeil in Mortimers Herz und einen zweiten in des Henkers Auge zu senden, ein allgemeines Gefecht anzufangen, während Ihr in Freiheit gesetzt würdet, und dann so schnell wie möglich zu fliehen. Es war ein schlechter Anschlag, aber zu so früher Morgenstunde hätten wir ihn vielleicht durchgeführt, weil dann die halbe Welt schläft und die andre Hälfte unbewaffnet ist. Aber Tangel erklärte, er könne die Mauer hinaufklettern wie eine Katze. So ließen wir es ihn denn versuchen und sorgten nur dafür, Leute und Leitern in Bereitschaft zu halten, um ihn sicher davonzubringen, falls er gefangen würde. So ist es sein Werk, mein Lord; denn es gelang Euch, des Knaben Liebe zu gewinnen.«

»Und er hat die meinige gewonnen für immer«, antwortete Hugh. »Aber das kann jetzt niemand viel nützen!«

»Glaubt das nicht!« versetzte der Geächtete. »Vielleicht sogar mehr als früher, mein guter Lord! Werft Eure höfischen Kleider ab, begebt Euch in den grünen Wald und verteidigt mit Eurer starken Rechten Euch und Eure Freunde, bietet Höfen und Königen mit kecker Stirn Trotz, und es werden Euch nie die Mittel fehlen, denen Wohltaten zu erweisen, die Euch dienen. Ich sollte mich vielleicht nicht rühmen; aber Robin Hood, der König vom Sherwood, besitzt nicht geringere Macht innerhalb seines Gebietes als der Dritte Heinrich auf dem Thron von England - aber, bei meiner Treu, ich hätte gehofft, die Heilige Jungfrau hälfe Scathelock und dem Müller mit ihrer Bande aus dem Tore herauskommen, denn sie bleiben lang aus, und es wird morgen früh ein schönes Jagen geben in allen Winkeln und Ecken von Nottingham. Ich selbst kam mit Hardy und Pell über die Mauer.«

»Sie sind sicher genug, rücksichtsloser Robin!« rief Tangel. »Ich hörte des Müllers lange Zunge Worte wechseln mit dem sauertöpfischen alten Torwächter Matthew Pole. Horch! Das sind ihre Schritte! Wir täten aber besser, endlich weiterzugehen; denn ich spüre eben jetzt das Bedürfnis zu schlafen.«

»Du sollst für deine guten Dienste schlafen, solange du willst«, entgegnete Robin. »Aber Ihr und ich, mein Lord, wir müssen noch heute nacht weiter; denn es ist notwendig, daß man in der Umgebung von Nottingham keine Spur von Euch findet. Ich habe starke Pferde ganz nahe bei der Hand, und wenn Ihr meinem Rat folgt, so werdet Ihr bei Tagesanbruch fünfundzwanzig Meilen von dem Ort entfernt sein, wo sie Euch zu finden glauben. Es wird für uns alle das beste sein, wenn wir nach und nach diese Gegend verlassen; meine Männer haben ihre Befehle, und ich bin bereit.«

Der Rat war klug, so daß Hugh de Monthermer ihn bereitwillig befolgte und binnen weniger Minuten ritten er und Robin Hood durch die dunklen, schattigen Wege des Sherwood, so schnell es die Finsternis der Nacht gestattete.

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