NACH DIESEM für die damaligen Zeiten keineswegs ungewöhnlichen Zwischenfall wurden die Spiele auf dem grünen Platz von Barnesdale nicht wiederaufgenommen, und all die Kurzweil und Unterhaltung, womit in der Regel der Maientag abschloß, waren vergessen. Die Einwohner und die Leute vom Lande hatten sich nach Hause begeben, und das Gasthaus ward den Edelleuten und ihrem Gefolge eingeräumt. Es wurden Maßnahmen getroffen, um den Männern von hohem Rang Zimmer einzuräumen, die, wenn sie auch nicht ihrem Stande entsprachen, doch wenigstens einige Behaglichkeit darboten. Rollbetten fanden sich für Pagen und Knappen, und Stroh ward hingeschüttet für die Yeomen, welche gewohnt waren, vor den Türschwellen der Schlafzimmer ihrer Herren zu liegen. Das Einrichten verursachte natürlich viel Getöse und Verwirrung; neben den Menschen waren auch die Pferde zu versorgen, und oft hörte man die Stimme des Wirtes laut nach seiner Tochter Kate schreien.
»Ja, Meister Greenly«, sagte die Zapferin zum Wirt, »es ist Maientag abend, bedenkt das. Die hübsche Kate hat wohl zwanzig Burschen, die ihr den Hof machen. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie und der junge Harland in diesem Augenblick hinter der Kirche sich küßten und die Sache ins reine brächten.«
»Ich fürchte«, versetzte der Wirt, »sie wird vierzehn Tage brauchen, um mit der Sache ins reine zu kommen. Kate ist ein einfältiges Mädchen, sie könnte nicht besser für sich sorgen, als wenn sie den jungen Harland nähme. Sein Vater ist so reich wie eine Abtei und so gastlich wie ein Grafschaftsritter. - Lauft hinaus, Bessy, und seht, ob Ihr sie irgendwo finden könnt.«
Mittlerweile hatten die Lords von der kleinen Gaststube Besitz genommen, und ein Koch, den die Gesellschaft mitgebracht hatte, bereitete in der Küche ein Abendessen für die Herren. Die kleine Zahl der in der Gaststube versammelten Personen rechtfertigte zwar nicht die große Fülle von guten Sachen, die der Koch mit großer Geschäftigkeit zubereitete; aber er erwog sehr weislich, daß auch er selbst und der Wirt satt werden wollten und daß auch die Diener der anwesenden Lords nebst den Günstlingen und Freunden im Gefolge seines eigenen Gebieters erwarten durften, so gut wie ihre Herren versorgt zu werden.
Zu den wichtigsten Edelleuten, die in der Gaststube versammelt waren und auf das Essen warteten, gehörten in erster Linie die Herren von Ashby und von Monthermer.
Der Graf von Ashby war über die besten Jahre hinaus und von hitzigster Gemütsart. Das Alter hatte jedoch einigermaßen sein feuriges Blut gezähmt, und seine Vorliebe für die Freuden der Tafel nebst einer nicht geringen Neigung zu gutem, altem Wein hatten ihn etwas träge gemacht.
Er hatte aber noch immer eine hohe Meinung von seiner Wichtigkeit und betrachtete seine Geschicklichkeit in den Waffen sowie seine Weisheit im Rat als mindestens so groß wie die der Ersten im Lande; und wenn er einmal auf seinem Rosse saß, von Kopf bis Fuß gewaffnet, so konnte er wohl noch einen Schlag führen und einen Angriff machen. Auch sein Urteil war gesund, wenn es nicht durch Leidenschaften getrübt war. Dennoch lag in seinem Charakter eine gewisse schwankende Unstetigkeit, die ihn zu einem nicht gerade zuverlässigen Bundesgenossen machte.
Sein Sohn, Alured de Ashby, glich in vielen Punkten seinem Vater, aber auch Eigenschaften seiner Mutter waren auf ihn übergegangen, vor allem ein hartnäckiger Stolz ohne den mildernden Einfluß von Herzensgüte und Zärtlichkeit, die seine Mutter in starkem Maße besessen. Er war aber keineswegs ohne Talente, war ein so tüchtiger Ritter, als nur je einer im Sattel saß, und hatte sich bei vielen Kriegszügen jener Zeit ausgezeichnet. Er war zudem ein durchaus ehrenhafter Mann, hielt sein Wort pünktlich und war großmütig und freigebig. Eine ritterliche Eigenschaft allerdings fehlte ihm. Er fragte wenig nach Liebe, und es war nach seiner Mutter Tod nur ein Wesen auf der Welt, für das er wirkliche Zärtlichkeit empfand: seine Schwester Lucy, die neun Jahre jünger war als er. Vielleicht liebte er sie, weil sie in jeder Beziehung gerade das Gegenteil von ihm war: sanft und doch heiter, lebhaft und zärtlich anschmiegsam, aber doch mit einem Anflug von trotzigem Unabhängigkeitssinn.
Von ihr wird später mehr zu berichten sein. Wenden wir uns deshalb jetzt dem alten Lord von Monthermer zu, dessen treuer Dienstmann Blawket schon bekannt ist. Lord von Monthermer, der schlechtweg »der alte Graf« genannt werden soll, stand im neunundfünfzigsten Jahre und war, da er den größern Teil seines Lebens im Lagerzelt und auf dem Schlachtfeld zugebracht hatte, körperlich sehr zerrüttet, obgleich er den Namen wohl verdient hatte, der ihm in frühern Jahren beigelegt worden, wo die Leute ihn wegen seines unerschütterlichen Mutes den »Eisernen Monthermer« genannt hatten. Er war indessen noch immer stark, wenn auch dürr und mager von Gestalt; eine gesunde braune Farbe bedeckte sein Gesicht, das etwas ungemein Einnehmendes an sich hatte, und man konnte darin sowohl Herzensgüte als auch Festigkeit und Entschiedenheit des Charakters lesen. Er war reich, aber nicht verschwenderisch gekleidet und trug in Friedenszeiten nicht die förmliche Bewaffnung der Ritter.
Der junge Mann, der ihm gegenübersaß, war sein einziger Neffe, Hugh de Monthermer, von allen, die ihn kannten, »Lord Hugh« genannt. Er war der junge Edelmann, der nach dem Streit zwischen Richard de Ashby und Ralph Harland so warm für den jungen Freisassen eingetreten war. Obwohl der einzige Erbe des alten Grafen, war Lord Hugh von ihm doch vollständig unabhängig. Sein Vater war schon lange tot, und da er seine Erziehung unter seinem Oheim erhalten hatte, schloß er sich immer noch ganz an diesen Edelmann an, ehrte ihn wie einen Vater und wurde von ihm wie ein Sohn behandelt. Er war etwa vier oder fünf Jahre jünger als Alured de Ashby, hatte sich aber dennoch schon einen ansehnlichen Ruf in den Waffen gewonnen. Er war von Gestalt dem Grafen ähnlich, sein Gesicht wirkte jungenhaft, seine braunen Augen waren voll Glanz und Feuer, und ein offenes, etwas sarkastisches Lächeln spielte häufig um seinen Mund.
In einer Beziehung war Hugh de Monthermer vielen seiner Zeitgenossen überlegen: Er hatte verschiedene fremde Sprachen gelernt und sich ein gewisses Maß an gelehrter Bildung erworben, was hin und wieder Neid bei denen erweckte, die selbst nichts anderes als körperliche Fertigkeiten besaßen. Zu diesen gehörte Alured de Ashby, der deshalb Hugh de Monthermers kriegerische Talente gern gering anschlug. Trotzdem verfolgte Hugh de Monthermer ruhig seinen Weg; obwohl ihm aus ganz besonderen Gründen nicht wenig am Herzen lag, die Freundschaft des Hauses Ashby zu gewinnen, das viele Jahre lang dem seinigen entfremdet gewesen war durch eine jener erbitterten Fehden, die damals so oft zwischen den Adelshäusern des Landes herrschten. Die Aussöhnung der beiden Familien war erst vor kurzem bewirkt worden und konnte kaum herzlich genannt werden, obgleich sie ihr gemeinsames Eintreten für Simon de Montforts Sache häufig in vertrauten Verkehr miteinander brachte.
Die Kleidung des jungen Lord Hugh war nicht so anspruchslos wie die seines Oheims. Obgleich die Farben dunkel, war doch die Stickerei reich und kostbar. Zu weit trieb er es aber nicht, denn mit Ausnahme des weiten Waffenrocks schloß sich ihm sein ganzer übriger Anzug so knapp wie möglich an, und nichts war, was die freie Bewegung seiner Glieder hindern konnte.
Die übrige Gesellschaft bestand aus einigen reichen und mächtigen Edelleuten, die jedoch von minderer Bedeutung als die zwei erwähnten Grafen waren.
Natürlich bildeten die Ereignisse, die soeben auf dem Rasenplatz vorgefallen, den Hauptgegenstand des Gesprächs. Die jüngeren Männer lachten bloß über den Vorfall. »Ihr müßt Euch eine schöne Dame gewinnen, um das Loch in Eurem Hut steppen zu lassen, Richard«, sagte Lord Alured spöttisch.
»Mich wundert«, fügte ein anderer der jungen Edelleute hinzu, »daß der Pfeil nicht eine der weichen Locken mitnahm.«
»Dann hätte er mit Recht den Namen ,Scathelock' verdient«, bemerkte ein dritter.
Die älteren Herren jedoch behandelten die Sache ernsthafter. Der Graf von Ashby tadelte seinen Verwandten mit zorniger Miene wegen seiner Zügellosigkeit und stellte ihm mit großem Nachdruck den Schaden vor, den er anrichtete, wenn Edelleute sich in schlechten Ruf beim Volke setzten.
»Wißt Ihr nicht«, sagte er, »daß im gegenwärtigen Augenblick die Edelleute zwischen dem König samt seinen ausländischen Lieblingen und dem Volk ihre Wahl zu treffen haben? Selbstverständlich müssen wir auf die Seite des Volkes treten, dies ist unser Halt und unsere Stärke, und wir müssen in allen Dingen vermeiden, ihm Anlaß zu berechtigten Klagen zu geben. - Scathelock? Scathelock? Ich habe den Namen schon gehört!«
»Ihr müßt ihn freilich schon oft gehört haben, mein Vater«, sagte Alured de Ashby. »Es ist der Name eines unserer guten Freibeuter im Walde von Sherwood. Ich habe den Mann schon zweimal in der Nachbarschaft unseres Schlosses gesehen.«
»Ihn zweimal gesehen und ihn nicht zur Haft gebracht?« schrie Richard de Ashby mit auffallender Betonung.
»Das verhüte der Himmel!« erwiderte Alured lachend. »Was, einen guten englischen Yeoman zur Haft bringen wegen seiner Neigung für des Königs Wildbret? Wenn Heinrich uns seine Forste öffnen und nicht stolzen Franzosen und Spaniern Rechte einräumen wollte, die er uns verweigert, so könnten wir ihm schon in solchen Dingen beistehen; aber so, wie die Dinge liegen, soll kein Freijäger je von unsern Leuten oder auf unserem Grund und Boden verhaftet werden.«
Der Graf von Monthermer und sein Neffe schwiegen und überließen die Zurechtweisung Richard de Ashbys seinen eignen Verwandten; denn sie kannten wohl die Empfindlichkeit der mit ihnen verbündeten Edelleute und waren beflissen, jeden Streit und Verdruß zu vermeiden.
»Verzeiht ein altes Sprichwort, Alured«, versetzte nun Richard. »Es heißt: Vögel von gleichen Federn fliegen miteinander! Vielleicht seid Ihr selbst, da Ihr solches Gefallen an Wilddieben habt, dem Wildbret des Königs nicht abgeneigt?«
»Ein unglückliches Sprichwort für Euch, Richard«, sagte der junge Lord, während seines Vaters Wange sich einigermaßen rötete. »Wenn wahr ist, was wir gehört haben, so sind die Vögel, mit welchen Ihr fliegt, nicht eben die, welche unseren dermaligen Zwecken gemäß sind.«
»Was Ihr gehört habt!« rief Richard de Ashby, blaß werdend. »Wenn Ihr irgend etwas gegen mich gehört habt«, fuhr er nach kurzem Besinnen fort, indem er sich zugleich gegen Hugh de Monthermer wandte und sich tief verbeugte, »so weiß ich, aus welchem Munde es herrührt.«
»Ihr irrt Euch, Sir«, sagte Hugh finster. »Achtung vor diesen zwei edlen Lords, Euern Verwandten, hat mir den dringenden Wunsch eingegeben, daß keinerlei Anschuldigung gegen Euch von irgendeinem unserer Leute erhoben werde. Das wissen sie wohl.«
»Und sie wissen auch«, fügte der alte Graf Monthermer bei, »daß sowohl ich als mein Neffe von Anfang an erklärt haben, daß wir Euch für rein von aller Mitwisserschaft des Umstandes halten, selbst wenn sich dessen Wahrheit erweisen sollte.«
»Welches Umstandes?« fragte Richard mit leiser Stimme und mit unsicher schweifendem Auge, was einen nicht sehr günstigen Eindruck auf die übrigen Anwesenden machte, die sein Gesicht beobachteten. »Welches Umstandes, mein Lord? - Aber jede Anschuldigung von einem Monthermer oder von einem aus dem Gefolge der Monthermer gegen einen Ashby sollte, dünkt mich, mit einiger Vorsicht betrachtet werden!«
»Gewiß!« stimmte ihm Alured de Ashby nachdrücklich zu.
Aber zur Überraschung beider sagte auch der alte Graf von Monthermer: »Gewiß! Alte Fehden, selbst wenn sie glücklich beigelegt wurden, lassen doch immer einen fortwuchernden Argwohn zurück.
und dies mag zu einer Anschuldigung geführt haben, der ich nicht einen Augenblick mein Ohr geliehen haben würde, hätte nicht mein guter Freund Lord Ashby hier darauf bestanden, daß sie untersucht wird. Die Anschuldigung geht dahin, Sir Richard, daß Ihr unter Euren Dienern einen - Spion des Königs habt. Diese Entdeckung wurde mir von meinem Yeoman Blawket berichtet, der beteuert, er habe den Mann bei Euch gesehen. - Sir, Ihr scheint aufgeregt, und ich weiß, daß eine solche Anschuldigung notwendig jeden Gentleman sehr treffen muß. Aber Lord von Ashby weiß wohl, daß ich vom ersten Augenblick an meine Überzeugung von Eurer Schuldlosigkeit bei dem ganzen Handel erklärt habe.«
»Ich versichere Euch, mein Lord... bei meiner Ehre, Ihr Herren ... glaubt mir...«, rief Richard de Ashby stockend. »Es ist nicht... nicht wahr... Der Mann ist ein Lügner!«
»Nein, Sir Richard, nein!« sagte Hugh de Monthermer rasch. »Der Mann ist kein Lügner, sondern ein so ehrlicher Yeoman, als nur je einer lebte. - Ihr könnt hintergangen worden sein, Sir Richard«, fuhr er fort, und ein leises Lächeln zuckte um seinen Mund. »Es kann uns allen gelegentlich begegnen, daß wir hintergangen werden. Auch Blawket kann getäuscht worden sein. Aber das, sollte ich meinen, kann bald festgestellt werden; denn Blawket hat erklärt, die Leoparden Heinrichs von Winchester würden sich auf der Brust Eures Dieners Richard Keen finden.«
»Der Narr!« murmelte Richard de Ashby betroffen; aber in diesem Augenblick rief sein Vetter Alured: »Laßt Keen herbeiholen -laßt ihn holen!«
»Ich will ihn unverzüglich rufen«, sagte Richard de Ashby, der sich schnell gefaßt hatte und rasch zur Tür ging. »Aber ich erkläre, wenn dieser Mann je in des Königs Diensten gestanden, so ist das mehr, als ich weiß!«
»Bleibt, Richard!« rief Lord Alured. »Laßt einen andern gehen und ihn rufen, und man soll ihm kein Wort sagen von der vorliegenden Anklage.«
»Setzt Ihr Zweifel in mich, mein Lord?« fragte Richard de Ashby, sich mit zornigem Stirnrunzeln gegen ihn kehrend. »Wenn mir nicht einmal Beistand geleistet wird von meinen eigenen Verwandten ...«
»Ein ehrlicher Mann bedarf keines andern Beistands, Sir, als seiner eigenen Ehrlichkeit«, unterbrach ihn Lord Alured. »Nicht, daß ich an dir zweifelte, Richard«, fuhr er milder fort. »Aber ich wünschte sehr, du erzähltest mir, wie dieser Bursche in deine Dienste kam, während ein anderer ihn herbeiruft. - Sir Charles Le Moore, seid so gut und laßt den Richard Keen durch jemand hierherholen. - Und nun, Richard: Wie ist dieser Mann zu dir gekommen? - Richard Keen? Ich habe den Namen nie gehört?«
»Wie er zu mir gekommen ist«, versetzte Richard de Ashby zögernd. »Ich glaube, das trägt wenig zur Klärung der Sache bei. In London habe ich ihn gedingt. Man sagte mir, er sei ein brauchbarer Knappe, sei in Frankreich und Deutschland gewesen und -aber da kommt schon Sir Charles Le Moore. - Habt Ihr ihn nicht gefunden?« Bei diesen Worten heftete er seinen Blick lebhaft, aber mit einem finsteren, triumphierenden Lächeln auf das Gesicht des Eintretenden.
»Die Leute sind gegangen, ihn zu suchen«, sagte Sir Charles. »Er ist irgendwo draußen auf dem Rasenplatz.«
Einige Augenblicke verstrichen, da erschien einer der Diener des Grafen de Ashby und meldete, daß Richard Keen nirgends zu finden und daß sein Pferd und Mantelsack auch verschwunden sei.
Richard de Ashby gebärdete sich wütend über diese Nachricht. »Der Schurke hat mir das Pferd gestohlen«, schrie er, »und ohne Zweifel auch noch andere Sachen. - Mein Lord«, fuhr er, sich zu dem Grafen von Monthermer wendend, fort, »ich bitte Euch um Verzeihung. Ohne Zweifel hat Euer Diener recht gehabt, und dieser Mann ist geflohen, weil er einen Wink bekommen über die gegen ihn erhobene Anschuldigung. - Hat ihn einer von euch wegreiten sehen?« fragte er dann den Diener, der die Nachricht gebracht.
»Nein, Sir«, antwortete der Yeoman. »Wir waren alle noch auf dem Rasenplatz, als ihn der Wirt nach dem Stall hat gehen sehen. Es war gerade, als der Pfeil abgeschossen wurde, der in Eurem Hute steckenblieb.«
Richard de Ashby runzelte die Stirn, denn der Ton des Mannes war nicht gerade der ehrfurchtsvollste. Aber ehe er ein Wort sagen konnte, hörte man draußen ein Getöse und Gelärme, und im nächsten Augenblick stürzte der Wirt, sein volles, rundes Gesicht dunkelrot von Zorn und Jammer, in das Zimmer. »Edle Lords und Herren«, rief er, »ich flehe Euch an um Gerechtigkeit und Hilfe! Sie haben mir meine Tochter weggeschleppt, sie haben meine arme Kate geraubt und verführt! - Ihr, Sir, Ihr steckt hinter dem allen!« fuhr er fort, sich wütend gegen Richard de Ashby wendend. »Ich habe wohl Euer Geflüster und Geplauder gesehen! Meine guten Lords und Gentlemen, ich flehe um Gerechtigkeit und Beistand!«
»Was!« schrie Richard de Ashby. »Ihr erfrecht Euch zu behaupten, ich hätte irgendeinen Anteil an dieser Sache? Eure leichtfertige Tochter hat diesen Abend schon genug Unheil angestiftet. Laßt uns nichts weiter von ihr hören. Ohne Zweifel werdet Ihr sie in irgendeiner Hütte mit ihrem Liebhaber finden.«
»Nein, Sir!« erwiderte der Wirt aufgebracht. »Das ist nie und nimmer möglich! Man hat sie vor einer Stunde gesehen, wie sie zum Ort hinausging, und Euer Diener war bei ihr. Ein Knabe sagt zudem, er habe auf der Landstraße, keine Viertelmeile von hier, ein schwarzes Pferd an einen Baum gebunden gesehen. Ihr Herren, ich bitte Euch, verhelft mir zu meinem Recht und gebt nicht zu, daß mir mein Kind auf solche Weise von irgendeinem entrissen werde, er sei vornehm oder gering!«
»Ging Eure Tochter freiwillig?« fragte der Graf de Ashby.
»Ich weiß nicht, Sir, ich weiß nicht!« rief der Wirt, die Hände ringend. »Alles, was ich weiß, ist: Sie haben sie mir weggenommen. Und ich bin überzeugt, der da ist der Mann, der es veranlaßt hat!«
»Ich weiß nichts von ihr, Mann!« versetzte Richard de Ashby. »Ihr müßt Eurer Tochter Schönheit sehr hoch anschlagen, wenn Ihr glauben könnt, ich würde mir die Mühe geben, sie zu entführen!«
»Na, Richard, Ihr seid nicht allzu wählerisch!« sagte sein Vetter.
»London und Winchester«, rief nun ein anderer Edelmann mit Lachen, »sind ihm für die Einfuhr von mehr als einer Schönen verpflichtet! «
»Sein Geschmack geht auf stämmige Bauerndirnen«, setzte ein dritter ironisch hinzu. So machten sie ihre Späße, ohne Rücksicht auf den Jammer des unglücklichen Vaters.
»Wenn diese Angabe wahr ist«, sagte Hugh de Monthermer, der mit gerunzelter Stirn zu Boden geschaut hatte, »so möchte ich dem Sir Richard de Ashby den ernstlichen Rat geben, sein Pferd zu besteigen, ihm die Sporen einzusetzen und die Zügel nicht anzuziehen, bis er wohlbehalten in Nottingham angekommen ist. Es gibt wohl Leute hier in der Nähe, in Betracht deren es ratsam sein möchte, ein solches Verfahren einzuschlagen.«
»Ich werde das nimmermehr tun, Sir«, versetzte Richard de Ashby. »Dieses guten Mannes Argwohn ist falsch, soweit er mich betrifft, obgleich es gar nicht unwahrscheinlich ist, daß der Knappe Keen, der mich, wie es scheint, betrogen hat, überdies auch noch ein kokettes, leichtsinniges Bauernmädchen zum Narren macht.«
»Nun gut, mein Lord de Ashby«, sagte da der alte Graf Monthermer trocken, »da Euer Vetter nichts mit der Sache zu schaffen hat und sein eigener Diener nicht nur ihn betrogen und bestohlen, sondern auch an dem Wirt ein schweres Unrecht begangen hat und verdächtig ist, ein Spion zu sein, so will ich mit Eurer Genehmigung ihm ohne weitern Verzug einige meiner Leute nachschicken. - He! Ist Blawket draußen?«
»Hier, mein Lord«, meldete sich Blawket, aufrecht wie eine Lanze vortretend.
»Steigt binnen einer Minute zu Pferd«, sagte der alte Graf. »Nehmt drei oder vier Männer mit Euch, die die frischesten Pferde haben, verfolgt diesen Richard Keen nach den zuverlässigsten Nachrichten und Angaben, die Ihr bekommen könnt, und bringt ihn aufs schleunigste samt dem Mädchen, das er weggeschleppt hat, hierher zurück.«
»Ich werde ihn bringen, mein Lord«, versetzte Blawket und entfernte sich, gefolgt von dem Wirt, der, bis der Mann im Sattel saß, nicht aufhörte, ihm Fingerzeige zu geben, wie er seine Tochter finden könne.
»Jetzt«, sagte der Graf, nachdem sie allein waren, »laßt uns von wichtigeren Dingen sprechen.«
Da aber in diesem Augenblick gemeldet wurde, daß das Essen fertig sei, schlug der Graf von Ashby vor, jede weitere Besprechung bis nach der Mahlzeit zu verschieben. Der alte Monthermer, wohl wissend, daß Ashbys gute Laune und Willigkeit gar sehr von dem Zustande seines Magens abhängig war, stimmte zu. Zur Mahlzeit wurden, wie gewöhnlich in jenen Zeiten, unter vielen Spaßen der jüngeren Männer ungeheure Mengen Speisen vertilgt. Auch dem Wein wurde reichlich zugesprochen, trotz einer Ermahnung des alten Grafen, mäßig zu sein. Malvasier löste den Bordeaux ab, und der gewürzte Wein, damals Claret genannt, folgte auf den Malvasier; ein Becher Hippokras ward herumgereicht, um den Claret zu versüßen, und der Graf von Ashby sank in dem Augenblick in Schlummer, da die Besprechung beginnen sollte.