IN EINEM GERÄUMIGEN Zimmer des Schlosses zu Nottingham saß die Prinzessin Eleonore, und in ihrer Nähe waren ein paar junge Hofdamen mit ihrer Stickerei beschäftigt. Während sie flink die Nadel handhabten, sprachen sie leis bald von den Gerüchten des Tages, bald über die Farben dieser oder jener Blume, die unter ihren Händen auf dem Stickrahmen emporwuchs. Die Prinzessin beteiligte sich nicht an dem Gespräch; sie hatte sich abgewandt und las beim Licht einer neben ihr stehenden Kerze aufmerksam ein Papier, das sie in der Hand hielt. Ein vergnügtes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sei ein Schmerz oder Kummer von ihr genommen. Nachdem sie das Papier sorgfältig noch einmal gelesen hatte, ließ sie ihre Hand über die Armlehne des Sessels hinabsinken und schaute mit ihren großen dunklen Augen nachdenklich auf die mit den Stickereien beschäftigten Mädchen.
»Ich war überzeugt«, murmelte sie vor sich hin, »daß dieser junge Mann des Verbrechens nicht schuldig war, dessen man ihn bezichtigte, und ich bin auch überzeugt, daß er ebensowenig dessen schuldig ist, das sie ihm jetzt zur Last legen.«
Ein Page stand an der Tür, als erwarte er eine Antwort, bald die Augen auf den Boden heftend, bald einen verstohlenen Blick auf die hübschen Gesichter werfend, die sich über ihre Stickerei beugten. Diesem winkte jetzt Eleonore und sagte: »Tragt den Brief zurück zu meinem Gatten. Sagt ihm, ich würde gern mit ihm sprechen, wenn seine Zeit es gestattet, und ich lasse ihn dringend bitten, wenn Lady Lucy kommt, sie zu mir zu schicken, damit ich sie zum König begleite. Sie wird wohl den Beistand einer Freundin nötig haben.«
Der Page nahm den Brief, verbeugte sich und ging. Eleonore nahm wieder ihren Stickrahmen auf, hielt aber von Zeit zu Zeit in ihrer Arbeit sinnend inne. Nach etwa einer Viertelstunde ging die Tür auf und Edward trat mit umwölkter, düsterer Stirn ein.
»Sie kann nicht lange mehr ausbleiben«, sagte er nach einigen Worten der Begrüßung. »Das ist ein seltsam undurchsichtiger Handel.«
»Ihr glaubt Hugh de Monthermer doch nicht etwa schuldig?« fragte Eleonore.
»Gewiß nicht!« antwortete der Prinz. »Aber die Umstände haben sich so gestaltet, daß ich fürchte, er wird als schuldig erscheinen, obgleich er es nicht ist. Ihr habt diesen Brief gelesen und gesehen, wie leicht er alles erklärt, was an seinem früheren Benehmen verdächtig schien. Und doch war eine Anzahl Barone - Mortimer und Pembroke unter ihnen - höchst eifrig beflissen, in meinen Vater zu dringen, ihn zum Tode zu verurteilen, ohne die Formen und Umstände des gewöhnlichen Rechtsverfahrens zu wahren.«
»Glaubt Ihr, sie hätten ihn hingerichtet?« fragte Eleonore zweifelnd.
»Sie hätten ihn ermordet«, versetzte der Prinz hart. »Denn eine Hinrichtung ohne Recht und Gesetz ist Mord. - Zudem«, fuhr er leiser fort, damit die Frauen in der Nähe seine Worte nicht hören konnten, »kenne ich die Männer zu gut, die für das Todesurteil stimmten. Eleonore, ich kenne Mortimer als grausam und verräterisch, ich kenne Pembroke als kalt, hart und selbstsüchtig. Und jetzt erfahre ich«, fuhr er mit einem verächtlichen Lächeln fort, »daß sie seine Ländereien unter sich teilen wollten. Da war auch Guy de Margan - ein so leichter und zerbrechlicher Höfling -, man sollte kaum glauben, daß er einen derart wilden Haß hegen könne. Aber es ist mir klar geworden, daß hier keine geringe Rachsucht und Erbitterung waltete.«
»Oh, ich weiß!« versetzte Eleonore. »Eines Nachts, als Lucy und ihr Geliebter - mit meiner Beihilfe, ich will es gestehen - beim Mondschein unter den südlichen Kreuzgängen von Eltham lustwandelten, wollten dieser Guy de Margan und einige andere junge Müßiggänger des Hofes sie mit Gewalt aufhalten, als sie zu mir zurück wollte, worauf Hugh de Monthermer ihn mit einem Faustschlag zu Boden streckte. - Aber horch! Sie kommt, Edward. - Sieh, ob es Lady Lucy ist, Alice.«
Eine der Frauen, die in der Nähe saßen, stand auf, ging zur Tür und kam sogleich in Begleitung von Lucy de Ashby zurück. Sie war sehr blaß und traurig, aber nicht weniger schön als je, und wie sie sich der Prinzessin näherte und auf das Kissen zu ihren Füßen kniete, ihre Hände zu küssen, hielt sie ihre dunklen Augen auf den Boden geheftet, als fürchte sie, wenn sie sie aufschlüge, die Tränen nicht mehr zurückdrängen zu können.
»Der König hat nach Euch geschickt, schönes Fräulein«, sagte Prinz Edward, nachdem Eleonore einige Worte des Trostes zu ihr gesprochen hatte, »um Euch einige Fragen vorzulegen über eine Angelegenheit, die für Euch in jeder Beziehung, fürchte ich, sehr peinlich sein muß. Aber faßt Euch. Der bittere Verlust, den Ihr erfahren, ist solcher Art, wie ihn jedes Kind, wenn das gewöhnliche Maß des Lebens erfüllt ist, einmal durchmachen muß. Was die andere Ursache von Bangigkeit und Kummer betrifft, die sich zu Euren Gefühlen am heutigen Abend gesellt, so seid versichert, daß der edle Lord Hugh, auf den ein ungerechtfertigter Verdacht gefallen ist, jetzt eine Freundesstimme in der Nähe hat, die sich erheben wird, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wir vertrauen auf seine Unschuld und wollen sie behaupten, bis er in Person erscheinen und seine Sache verteidigen kann.«
Der Prinz hielt inne, als erwarte er eine Antwort, aber Lucy erwiderte nur: »Ich danke Euch von ganzer Seele, mein edler Lord.«
»So will ich denn jetzt zum König gehen«, fuhr Edward fort. »Die Prinzessin wird Euch begleiten, wenn er Euch zu empfangen bereit ist. Seid ruhig und fest, teure Lady, und ehe Ihr antwortet, bedenkt immer vorher genau, was Ihr sagt.«
Der Prinz verließ das Zimmer, und Eleonore war bestrebt, ihrer schönen jungen Freundin Zuspruch und Trost zu gewähren.
Wenig Zeit jedoch blieb ihnen zum Gespräch; denn beinahe augenblicklich kam die Aufforderung, Lady Lucy möge vor dem König erscheinen. Eleonore, des schönen Mädchens Arm in den ihrigen legend, führte sie in den Saal, wo Heinrich saß. Der erste Blick auf das Gesicht des Königs zeigte, daß er in gereizter Stimmung war. Schwach und wankelmütig, wie er war, hatte er doch bei aller tyrannischen Willkür häufig dem Einfluß seines weiseren und edleren Sohnes nachgeben müssen. Aber er tat dies nie ohne Ungeduld und Widerstreben.
Der Prinz stand jetzt zu seiner Rechten, ein Kreis von Edelleuten ihm gegenüber. Edward zunächst sah man Alured de Ashby, die Stirn gerunzelt, die Augen zu Boden geheftet und die linke Hand auf dem Schwertgriff ruhend; er richtete keinen Blick auf seine Schwester, als sie eintrat. Die Prinzessin setzte sich in einen Sessel neben den König, behielt aber Lucys Hand in der ihrigen und zog sie sanft ganz nahe an sich.
»Lady«, sagte Heinrich, seine Miene etwas sänftigend und einen traurigen Ton heuchelnd, »wir haben uns genötigt gesehen, Euch holen zu lassen, obwohl wir dadurch in die Heiligkeit Eures Kummers störend eingreifen. Aber es ist nötig, so bald als möglich den Täter eines entsetzlichen Verbrechens zu ermitteln, das Euch des Vaters und uns eines anhänglichen Untertanen und treuen Freundes beraubt hat. So sprecht denn und sagt uns, was Ihr von dieser Sache wißt.«
»Sire, ich weiß weiter nichts«, antwortete Lucy, »als daß mein armer Vater mich in bestem Wohlsein verließ, kurz vor drei Uhr gestern, und daß lange nachher, während ich mit meinem Vetter Richard sprach, der eben von Nottingham angekommen war, die Nachricht eintraf, mein Vater sei ermordet.«
»Nun wohl«, sagte der König. »Aber wir müssen auch hören, was vorging mit dem dieses Verbrechens angeklagten Gentleman.«
»Ich weiß nicht, wer angeklagt ist, Sire«, sagte Lucy, überrascht aufschauend. »Ich habe nicht gehört, daß der Mörder entdeckt sei.«
»Der Gentleman, auf dem starker Verdacht ruht«, versetzte der König grollend, »ist der aus diesem Kastell entflohene Gefangene Hugh de Monthermer!«
Lucy fuhr zusammen, faltete die Hände und wurde blaß wie der Tod. Aber im nächsten Augenblick strömte das Blut glühend in ihr Gesicht, und mit flammendem Auge und zuckender Lippe, den Kopf zurückwerfend, rief sie: »Es ist falsch, mein Herr König - es ist falsch! Ich weiß, wo dieser schändliche Verdacht entsprungen ist. Und vielleicht hat da jemand sein Spiel zu schlau angelegt. Es ist mir jetzt etwas klargeworden, das vielleicht hilft, den Verbrecher der Gerechtigkeit zu überliefern.«
Der König schien etwas überrascht durch die plötzliche Energie, die das zarte und schöne Wesen vor ihm bewies.
»Seid so gut und sagt uns«, sagte er, nachdem er sie eine Weile abwägend angesehen, »woher Ihr glaubt, daß der Verdacht entsprungen, da Ihr es zu wissen behauptet.«
»Er ist daraus entsprungen, Sire«, versetzte Lucy in ruhigerem Ton, »daß meinem Vater kurz vor seinem Tode ein Brief übergeben wurde. Er war gerade bei mir. Wir sprachen von dem Mann, der jetzt einer Tat beschuldigt ist, an die er nie im Traum dachte. Mein Vater zeigte mir den Brief und sagte, er komme von ihm. Ich versetzte sogleich, es sei nicht seine Handschrift, die ich oft gesehen. Mein Vater erwiderte, er müsse sich eines Schreibers bedient haben, wie das so gewöhnlich sei. Diese Erklärung befriedigte mich, und ich dachte nicht mehr daran bis zu diesem Augenblick. Nun aber sehe ich, daß dieser Brief eine Fälschung war, um meinen Vater in den Tod zu locken.«
»Ihr habt also den Brief gelesen?« forschte der König weiter.
»Ja«, antwortete Lucy.
»Könnt Ihr angeben, was er enthielt?« fragte Edward mit lebhaft gespannter Miene.
»Den Inhalt, aber nicht die Worte«, antwortete Lucy, und ihre Stimme bebte ein wenig. »Er setzte meinen Vater in Kenntnis, daß Hugh de Monthermer, ungehört zum Tode verdammt, aus dem Schloß zu Nottingham entflohen sei und seinen guten Namen unverteidigt habe lassen müssen. Er enthielt die Bitte, der Graf möge ihn auf dem Platze, der Bullen-Weißdorn genannt, treffen.«
»Gerade der Platz, wo er ermordet wurde«, ließ sich eine Stimme im Kreise vernehmen.
»Schweigt, Sir Guy de Margan!« rief Prinz Edward scharf, sich jählings gegen den Sprecher wendend. »Ihr seid bekannt als ein Feind des Angeschuldigten.«
»Ich, mein Lord?« rief Guy de Margan.
»Ja, Sir!« versetzte der Prinz. »Wir wissen mehr, als Ihr vermutet. Ihr haßt ihn, weil er Eure Unverschämtheit gegen eine Lady gezüchtigt hat, und wir zweifeln kaum daran, daß Ihr wohl wußtet, daß der Mönch, den Ihr anklagtet, er trage verräterische Mitteilungen zwischen ihm und Sir William Lemwood hin und her, von dem alten Grafen von Monthermer nur deshalb geschickt war, um den Sir William zu bitten, er möge nicht das Leben seiner Freunde durch hoffnungslose Auflehnung gegen den Thron aufs Spiel setzen. Ich habe das, Sir, von des Ritters eigener Hand, und habe auch Grund zu glauben, daß Ihr es gewußt, als Ihr die Anklage erhobt. Laßt mich nicht entdecken, daß Ihr neue falsche Anschuldigungen vorbringt; denn es gibt eine Strafe für solchen Frevel!«
»Fahrt fort, Fräulein«, sagte der König, während Guy de Margan vor dem drohenden Blick des Prinzen zurückbebte. »Was enthielt der Brief weiter?«
»Lord Hugh versprach meinem Vater, den vollständigen Beweis seiner Unschuld zu liefern, und ersuchte ihn, allein zu kommen und nicht einmal einen Pagen mitzubringen. Aber ich behaupte jetzt fest, gnädiger Herr, der Brief war eine Fälschung von irgend jemand, der meinen Vater in den Tod locken wollte.«
»Könnte es nicht«, fragte der König, der sich sichtlich nicht von seinem Verdacht auf Hugh de Monthermer abbringen lassen wollte, weiter, »der Brief eines zornigen, in seinen Hoffnungen getäuschten Mannes gewesen sein, der Gelegenheit suchte, seine Rache zu kühlen an einem Mann, der ihm die Hand seiner Tochter verweigert hatte? Es ist bewiesen, schönes Fräulein, daß Euer Geliebter und Euer Vater Streit hatten und daß der Graf versprach, ihn zu treffen - warum oder wann, weiß niemand. Sobald dieser junge, verstockte Lord seine Flucht aus diesem Schloß zu Nottingham bewerkstelligt hatte, empfängt Euer Vater von ihm einen Brief, der ihn auffordert, an einen abgelegenen Ort zu kommen. Dort wird Euer Vater ermordet. Der Knabe, der den Brief überbringt, hat den Befehl, niemand zu sagen, daß er von Hugh de Monthermer sei... Es fehlt nichts, als daß der Brief von seiner Hand wäre, so läge der Fall klar genug.«
»Gnädiger Herr«, versetzte Lucy ernst, »macht Euch frei von den falschen Angaben betrügerischer Menschen. Hugh und mein Vater hatten keinen Streit, obwohl eine sehr natürliche Kränkung Hugh de Monthermer laute und hitzige Worte mochte sprechen lassen, selbst gegen den Vater seiner Verlobten. Aber ich wiederhole: Sie hatten keinen Streit, Sire! Mein Vater ließ ihn in der festen Hoffnung gehen, er werde sich vor Eurer Majestät rechtfertigen und Euch vermögen, die Schranke zu beseitigen, die Ihr unserer Verbindung in den Weg gelegt hattet. Dies sagte er mir selbst, nachdem Hugh weg war. Was aber die verabredete Zusammenkunft betrifft, so kann ich Aufschluß geben über das Warum, Wann und Wo: Mein Vater sollte ihn hier vor Euch in diesem Saal treffen; er sollte ihn gestern hier treffen, um ein Uhr nachmittags; er sollte mit anhören, wie Hugh sich von der damals gegen ihn erhobenen Anschuldigung reinigte, nicht nur in Gegenwart Euer Majestät, sondern auch in Gegenwart des Prinzen Edward. Der Prinz selbst weiß, daß mein Vater einen Boten an ihn sandte, der ihn aufs eiligste nach Nottingham rief, damit nicht die Stimme vieler Feinde gegen einen Freundlosen bei Euer Majestät überwöge.«
»Es ist wahr«, sagte Edward. »Der Bote kam zu mir, und wäre er nicht durch törichtes Ungeschick von mir ferngehalten worden, so wäre ich gestern bald nach Mittag hiergewesen.«
»Er hatte unrecht«, sagte der König gereizt, »zu argwöhnen, daß wir ihm Gerechtigkeit versagen würden.«
Das Blut stieg Edward in die Wangen, und er heftete den Blick zu Boden, da er fühlte, wie lächerlich es war, wenn sein Vater von Gerechtigkeit redete, nachdem erst kürzlich ein so grobes Unrecht wie die Verurteilung Hugh de Monthermers begangen worden war. Aber Heinrich ließ nicht ab, die arme Lucy zu befragen, der die Angst um den Geliebten eine vorübergehende Stärke verliehen hatte, die jetzt aber rasch abnahm.
»Ihr habt gesagt, Fräulein«, fuhr er unbarmherzig in seinem Verhör fort, »die Erklärung, die Euch Euer Vater dafür gegeben, daß der Brief in einer anderen Handschrift geschrieben gewesen, habe Euch für den Augenblick vollkommen befriedigt. Was macht Euch heute glauben, daß der Brief eine Fälschung war? - Hat die Liebe keinen Anteil an der Verteidigung?«
Das Blut stieg Lucy in die Wangen, und Eleonore war im Begriff, sich ins Mittel zu legen, um sie gegen derartige Fragen vor einer solchen Versammlung zu schützen. Aber das Mädchen gewann Mut sowohl durch die Kraft ihrer Liebe als auch durch die Entrüstung über den unritterlichen Spott des Königs. Sie richtete sich auf und antwortete: »Vielleicht hat die Liebe daran teil, gnädiger Herr. Aber hat der Haß keinen Teil an der Anklage? - Gott gebe, daß er keinen Teil habe am Urteil!«
Totenstille trat nach dieser kühnen Antwort ein. Dann fuhr Lucy, wieder erbleichend und die Augen senkend, fort: »Ihr habt mich gefragt, warum ich den Brief für eine Fälschung halte? Weil ich jetzt einen Beweggrund für die Fälschung sehe, den ich vorher nicht sah; weil ich keinen Grund entdecken kann, warum Hugh de Monthermer nicht mit eigner Hand hätte schreiben sollen; weil er noch viel weniger den Vater seiner Geliebten töten konnte, weil er nicht einmal den Brief unterzeichnete; denn der Name war auch nicht von seiner Hand - weil nicht einmal das Siegel sein Petschaft war. Das sind starke Gründe, gnädiger Herr. - Selbst«, fuhr sie fort, und Tränen traten ihr ins Auge, »selbst wenn nicht ein noch stärkerer Grund vorläge: daß er jederzeit rechtschaffen, ehrenhaft und wahr gewesen; daß keine gemeine Handlung gegen ihn zeugt und daß er nie etwas getan hat, das er für Unrecht hielt, selbst wenn die Meinung der Welt die Handlung gepriesen hätte.«
Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, und Eleonore erhob sich von ihrem Sitz mit den Worten: »Ich bitte Euch, Sire, laßt sie sich jetzt entfernen. Sie ist schmerzlich ergriffen und erschöpft - ich sehe es.«
»Nur noch eine Frage, dann mag sie gehen«, erwiderte Heinrich, der von Lucys Aussagen beeindruckt schien. »Ihr sagtet, Fräulein, Ihr seht jetzt einen Beweggrund für die Fälschung. - Habt Ihr etwa Verdacht auf einen anderen, der die Tat verübt haben könnte?«
Lucy ließ ihren Blick über den Kreis der Anwesenden hinlaufen und ihn eine Weile auf dem Angesicht Richard de Ashbys haften, der unter dieser stummen Anklage blaß wurde. Dann wandte sie jedoch ihr Auge nach der entgegengesetzten Seite und sagte: »Ich habe einen starken Verdacht, Sire.«
»Auf wen?« fragte der König lebhaft.
»Verzeiht mir, gnädiger Herr«, antwortete Lucy. »Obzwar stark, ist es doch nur ein Verdacht, und ich will keine Anklage auf bloßen Verdacht gründen. Aber laßt mich meinen Bruder Alured warnen, der zu edel ist, um argwöhnisch, und zu mutig, um vorsichtig zu sein, daß diejenigen, die den Vater umgebracht haben, vielleicht nicht zärtlicher gegen den Sohn gesinnt sein mögen.«
Wieder folgte auf ihre Worte eine Pause, und Eleonore, sie benützend, zog Lucy fort und sagte: »Wir sind von Euch entlassen, Sire, nicht so?«
Der König nickte bejahend, und sobald die Prinzessin mit Lucy de Ashby zur Tür hinaus war, durchlief ein Geflüster den Saal, während der Prinz und der König sich leise miteinander besprachen.
Der junge Graf von Ashby hatte während des ganzen Verhörs seiner Schwester nicht ein Wort gesprochen und kaum eine Miene verzogen, außer daß manchmal seine Hand von dem Knauf seines Schwertes nach dem Griff seines Dolches sich bewegte. Aber jetzt trat er vor und sagte: »Sire, dies ist ein schwieriger Fall, der ohne weitere Zeugnisse nicht von einem gewöhnlichen Gerichtshof abgeurteilt werden kann. Vielleicht hat Lucy recht, und Hugh de Monthermer ist unschuldig. Sie hebt ihn, und ich hebe ihn nicht. Dennoch will ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und gestehen, daß die Anklage gegen ihn nicht so weit bewiesen ist, daß sie die Peers berechtigt, ihn zu verurteilen. Aber ein Auge ist, das da sieht, wenn auch die unsrigen verblendet sind - ein Richter, der entscheidet Diesem Richter will ich die Sache anheimgeben. Ich ersuche Euch deshalb, Sire, im ganzen Lande verkünden zu lassen, daß Hugh de Monthermer angeschuldigt des Mordes ist, verübt an William Graf von Ashby, und verpflichtet zu erscheinen, um sich im Zweikampf auf Leben und Tod von dem Verdacht zu reinigen binnen jetzt und vierzehn Tagen.«
»Ich darf es nicht abschlagen«, versetzte der König. »Das Verlangen ist gerecht und gesetzlich.«
»Ich muß Euch weiter bitten, gnädiger Herr«, fuhr der junge Graf fort, »den Namen des Anklägers nicht nennen zu lassen. Ich sage das nicht aus Eitelkeit. Obschon meine Lanze eine gute sein mag, so kenne ich doch keine bessere als die Hugh de Monthermers. Aber ich zweifle, ob er mir in solch einem Streit auf dem Kampfplatz entgegentreten würde. Um seiner Liebe willen würde er sich nicht für immer von der Aussicht auf Lucys Hand ausschließen wollen, indem er das Leben ihres Bruders aufs Spiel setzte - das heißt, wenn er unschuldig ist.«
»Auch das ist billig«, erwiderte der König. »Lord Pembroke! Sorgt, daß die Bekanntmachung erfolgt. - Und jetzt zu lustigeren Dingen! Wir bringen hier wahrhaftig unsere Zeit zu ernst hin!«