XXXV

IN EINEM KLEINEN, dunklen Zimmer, hoch im hinteren Teil eines Hauses in der unteren Stadt Nottingham gelegen, die Wände auf der einen Seite aus rohen eichenen Balken bestehend, auf der anderen durch den jähen Dachabhang gebildet, lag auf einem elenden Rollbett, neben dem auf einem kleinen Tisch eine Lampe stand, ein verwundeter Mann, schlaffe Müdigkeit im Auge und brennende Fieberglut auf der Wange.

Richard de Ashby saß auf einem Stuhl an der anderen Seite des Bettes, auf den Verwundeten mit einem Gesicht hinabsehend, das nicht viel Mitleid zeigte, sondern im Gegenteil einen Ausdruck von Zorn und Verdruß hatte. Während er ihn so anstarrte, ruhte seine Hand auf seinem Dolch, und die Finger packten jeden Augenblick den Griff, als verspüre er starke Lust, seines Spießgesellen Leiden auf möglichst schnelle Weise zu endigen.

»Es war Tollheit und Wahnsinn«, sagte er, »ich wiederhole es, es war Tollheit und Wahnsinn, Euch hierherzubringen, wo die größte Gefahr herrscht, entdeckt zu werden, während ich Euch doch ganz deutlich angab, wie Ihr Eure Flucht einrichten solltet.«

»Wir sahen einen Reitertrupp auf der Brücke und konnten keine Furt finden«, versetzte Dighton. »Aber, zum Teufel, schwatzt doch nicht von dem, was geschehen und vorbei ist, sondern schafft mix einen Arzt herbei!«

»Einen Arzt!« rief Richard de Ashby. »Der Mann ist toll! Es ist hier keiner zu finden, außer dem einen am Hofe. Wolltet Ihr, daß die ganze Geschichte herumkäme und Ihr für den Mord hingerichtet würdet?«

»So gut das, wie hier hegen und sterben«, antwortete Dighton. »Ich sage dir, Dickon, es ist mir, als hätte ich ein glühendes Eisen in mir brennen, von der Brust bis zur Schulter. Ich muß Hilfe haben, Mensch! Wenn du nicht ein Teufel bist, gib mir Wasser zu trinken. - Ich verdurste fast.«

Richard de Ashby schritt überlegend durch das Zimmer und brachte ihm einen Becher Wasser. Während der Verwundete gierig trank, schien er einen Entschluß zu fassen.

»Ich will dir etwas sagen, Dighton. Du sollst Wartung und Pflege haben. Kate, scheint es, hat ohnehin gesehen, wie man dich ins Haus brachte. Sie ist sehr geschickt in der Heilkunst. Als ich bei Hereford verwundet wurde, zur Zeit, da der Prinz entfloh, behandelte sie mich besser als jeder Arzt. Sie soll nach deiner Wunde sehen. Aber merke dir wohl: Vertraue ihr nicht ein Wort davon, wie du sie bekommen!«

»Gut«, antwortete der Mann mißmutig. »Alles ist besser, als hier im Elend daliegen, ohne eine Seele, mit der man ein Wort sprechen könnte. Ich glaube fast, Ihr würdet mich so gern sterben sehen wie leben.«

»Nein«, versetzte Richard de Ashby zynisch. »Ich wüßte nicht, was ich mit dem Leichnam anfangen sollte.«

»Das dachte ich mir«, sagte Dighton. »denn ich erwartete eben jetzt jede Minute, daß Euer Dolch aus der Scheide fahren würde. Aber ich habe noch Kraft genug in mir, Euch den Schädel an der Wand zu zerschmettern oder Euch zwischen meinen Daumen zu erwürgen wie der Jäger ein Rebhuhn. Aber macht nur, schickt mir bald das Mädchen und heißt sie Heilsalbe mitbringen. Es wohnt da ein Quacksalber oben an der Straße. Er wird ihr einige Mittel geben, um die Schmerzen zu lindern und das Feuer herauszuziehen.«

»Ich will dafür sorgen und sie Euch augenblicklich schicken. Ich kann Euch heute nacht nicht mehr besuchen; denn ich muß aufs Schloß. Aber morgen will ich wiederkommen.«

Mit diesen Worten verließ er das elende Gemach und schloß die Tür hinter sich ab. Der Verwundete hörte den Schlüssel im Schloß umdrehen und murmelte vor sich hin: »Der Schurke! Mich ganze vierundzwanzig Stunden hier ohne Hilfe und Wartung liegen zu lassen! Aber wenn ich wieder gesund werde, will ich ihn für seine Sorgfalt bezahlen. Ich will ihm den Hals brechen oder ihn an den Galgen bringen. Ich bin schon oft verwundet worden und immer wieder genesen. Aber ich habe noch nie ein solches Gefühl gehabt wie jetzt, und vorige Nacht hat mir von dem Mädchen geträumt, daß ich damals in die Themse warf, oben beim Dickicht. - Aber ich werde davonkommen - es Hegt nichts an einer solchen Wunde! -Ha, da kommt jemand!« Er fuhr auf und horchte, als der Schlüssel im Schloß umgedreht wurde und die Tür aufging.

Es war der Schritt eines Weibes, und gleich darauf trat Kate Greenly an sein Bett. Ihr schönes Gesicht war blaß, ihre Lippen hatten das Rot verloren, ihre Wangen hatten nicht mehr die runde Fülle blühender Gesundheit.

Direkt auf das Bett zuschreitend, die Lampe hoch in der Hand haltend, starrte sie fest und ernst in Dightons Gesicht. Aber ihre Gedanken waren sichtlich nicht mit dem beschäftigt, was ihr Auge vor sich sah. Erst als der Verwundete ungeduldig rief: »Nun, was gafft Ihr denn so?« fuhr sie aus ihrer Zerstreutheit empor.

»Er hat mich geschickt«, sagte sie, »um Wunden zu heilen, die Ihr erhalten habt. Aber ich kann Euch wenig helfen. Der Priester unseres Kirchspiels gab mir zwar einst einige Anweisung in der Heilkunst, doch mich dünkt, Ihr bedürft mehr eines Arztes für die Seele als für den Leib.«

»Das ist etwas, was dich nichts angeht«, versetzte der Mann scharf. »Schau nach meiner Wunde, Mädchen, und laß sehen, ob du ein kühlendes Mittel gebracht hast, das das Feuer herauszieht; denn ich brenne, ich brenne!«

»Du wirst noch ärger brennen drüben«, sagte Kate, sich neben das Bett setzend. »Aber zeige mir deine Wunde.«

»Da«, schrie der Mann, die Kleider abreißend und seine braune Brust enthüllend. »Es ist nichts, ein Kratzer, man kann ihn mit einem Finger zudecken.«

Kate beugte den Kopf nieder und hielt die Lampe an die Stelle, wo das Schwert des alten Grafen von Ashby eingedrungen war. Eine volle Minute besichtigte sie aufmerksam die Wunde. Es war nur eine kleine, geringfügig aussehende Verletzung, die doch die Stärke dieser muskulösen Gestalt gebrochen und jämmerlich aufs Siechbett hingestreckt hatte. Man hätte tatsächlich die Wunde fast mit einem Finger bedecken können. Aber rundherum, über eine Handbreit auf jeder Seite, war ein dunkelroter, in der Nähe der Wunde bläulich werdender Fleck.

Nachdem sie mit ihrer Untersuchung zu Ende war, blickte sie dem Mann wieder nachsinnend ins Gesicht. »Leidest du große Pein?« fragte sie schließlich.

»Hab' ich es dir nicht gesagt?« antwortete er ungeduldig. »Höllenschmerzen.«

»Nein«, versetzte sie, den Kopf schüttelnd. »Nein, der Hölle kommt nichts gleich, mein Freund. Du wünschst dir vielleicht dereinst, wieder hier auf diesem Bett zu liegen, dich windend unter zehn Wunden wie dieser da. Aber es wird dir bald leichter werden.«

»Was heißt das?« fragte er, mit einem forschenden Blick von der Wunde zu ihr aufschauend. »Wird es mir wirklich leichter werden?«

»Bist du ein Mann von Mut? Fürchtest du den Tod?« fragte sie zurück.

»Was meinst du denn, Mensch?« schrie er, ihr gespannt ins Gesicht starrend. »Sprich es aus - du willst mich wahnsinnig machen!«

»Nein«, versetzte sie, »ich möchte dich zur Besinnung bringen. Du bist dein ganzes Leben wahnsinnig gewesen und ich auch und viele andere. - Mann, du stirbst!«

»Sterben!« rief er. »Sterben! - Ich will nicht sterben! Schickt nach dem Wundarzt - er soll Gold haben, wenn er mich rettet! Ich will nicht, ich kann nicht sterben!« Und er richtete sich auf den Ellbogen auf, als wollte er Anstalt machen, dem Schicksal zu entfliehen, das ihn erwartete.

Im Augenblick darauf jedoch sank er stöhnend wieder zurück und bat, ängstlich das Mädchen anstarrend: »Rette mich! Ich will nicht sterben! Schick nach einem Wundarzt - sieh, was noch geschehen kann.«

»Nichts!« antwortete Kate entschieden. »Wenn alle Wundärzte Englands und Frankreichs hier wären, sie könnten nichts für dich tun. Die Hand des Todes ist über dir, Mann! Der kalte Brand hat begonnen. Du wirst nicht wieder aufstehen von diesem Bett - du wirst nie mehr die frische Luft einatmen. - Glaube nicht, daß ich dich täusche! Fühlst du nicht selbst, daß du des Todes bist?«

»Ja!« stöhnte der Mann, sich die Augen mit der Hand bedeckend. »Fluch über meine Torheit, daß ich mich auf diesen Anschlag einließ! Fluch über den niederträchtigen Teufel Dickon von Ashby, daß er mich darein verwickelt hat und mich jetzt hier liegen läßt, bis es zur Hilfe zu spät ist - bis der Brand angefangen hat! Fluch über ihn! Möge der tiefste Schacht der Hölle ihn aufnehmen für seine Bosheit!«

»Spart Eure Flüche«, sagte Kate. »Denkt jetzt an Euch! Bedenkt, ob Ihr nicht doch selbst in dieser letzten Stunde noch etwas tun könnt, um den nahenden Zorn Gottes abzuwenden!«

»Den Zorn Gottes!« schrie der Mann. »Das ist schrecklich!«

»Es ist schrecklich, aber es ist noch Hoffnung, wenn du nur willst.« - »Hoffnung?« rief der Mann, sie mißverstehend. »Habt Ihr mir nicht gesagt, ich müsse sterben?«

»Ja, Euer Leib«, erwiderte Kate zögernd. »Eure Seele ist es, die ich retten möchte. Gottes Barmherzigkeit kann errungen werden bis ans Ende.«

»Aber wie?« schrie er. »Ich weiß nichts von Gebeten und Paternostern. Es sind jetzt zwanzig Jahre, daß ich, ein bartloser Laffe, Absolution bekam dafür, daß ich des Königs Wildbret gestohlen. Und was hab' ich nicht seitdem getan? Nein, nein - es ist keine Hoffnung. Ich muß sterben, wie ich gelebt habe. Gott wird seinen Fluch nicht von mir nehmen, mag ich jetzt sagen, was ich will. Wenn ich freilich das Leben behielte, um zu fasten, zu beten und Buße zu tun, könnte noch eine Möglichkeit sein!«

»Es ist auch jetzt noch Hoffnung«, antwortete Kate schnell. »Du hast noch Zeit zur Sühne, du hast noch Zeit, deine Seele zu retten. Ich weiß: Du hast einen armen alten Mann erschlagen, der dir nie ein Leid getan. Aber ich sage dir: Ein anderer ist dieses Mordes angeklagt - ein Unschuldiger, der...«

»Ich weiß! Ich weiß!« rief Dighton, sie unterbrechend. »Es ist alles Richards höllische Tücke!« Und dann, sie plötzlich mißtrauisch anblickend, fuhr er fort: »Aber warum schwatzest du mir von Reue vor? Warum predigst du mir, Mädchen, und tust nicht selbst nach deiner Predigt? Bist du nicht auch eine Sünderin, so gut wie ich ein Sünder bin, he? Warum bereust und sühnst du nicht?«

»Ich tue es«, sagte Kate fest. »In dieser Stunde ist mein Sinn auf nichts anderes gerichtet. Meinst du, ich liebe diesen Mann? Ich sage dir, daß ich ihn hasse, daß ich ihn hasse, daß ich den Anblick selbst seines Schattens verabscheue, wenn er die Tür verdunkelt, daß sogar die Berührung seiner Hand mir ein Greuel ist. Aber ich bleibe noch bei ihm, um seine schwarzen Taten zu vereiteln, um die Unschuldigen gegen seine verbrecherischen Anschläge zu schützen, um ihn der Gerechtigkeit zu überliefern. Nur das gibt mir Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit.«

»Aber wer sagt dir, daß du sie finden wirst?« unterbrach sie Dighton erregt.

»Gottes Wort«, versetzte Kate, »und ein guter Priester sagen mir beide, daß, wenn ich aufrichtig daran arbeite, die Unschuldigen zu verteidigen, ich gewiß Gnade erlangen werde.«

»Hat ein Priester das gesagt?« fragte Dighton, und ein Strahl der Hoffnung flog über sein Gesicht. »Schicke nach diesem Priester, schnell! Er gibt mir vielleicht Trost!«

Kate zögerte einen Augenblick mit der Antwort, die Augen zur Erde geheftet, und sagte dann langsam: »Es wäre hart, dir die einzige Hoffnung auf Vergebung vorzuenthalten, und doch...«

»Was doch?« rief er ungeduldig. »In Gottes Namen, Weib, ich beschwöre dich .. .«

»Willst du tun, was der Priester dich tun heißt?« unterbrach sie ihn.

»Ja!« schrie er. »Ich will alle Arten von Buße tun.«

»Selbst wenn er dir gebietet, ein Geständnis abzulegen...«

»Ja, ja!« fiel der Mann ein. »Das ist es, wonach mich verlangt. Mich verlangt zu beichten.«

»Es müßte aber«, fuhr Kate Greenly eindringlich fort, »nicht eine bloße Beichte für das Ohr des Priesters sein, der an sein Beichtgeheimnis gebunden ist, sondern ein Geständnis, das den Unschuldigen retten, den Schuldigen der Gerechtigkeit überliefern kann!«

»Nein!« schrie Dighton abwehrend. »Ich will Ellerby nicht verraten. Wenn ich Richard de Ashby einen Stein auf den Kopf legen könnte, um ihn noch tiefer in die Hölle sinken zu machen, ich würde es tun. Aber Ellerby mag ich nicht verraten.«

»Nun gut«, sagte sie schroff. »So müßt Ihr eben sterben, wie Ihr gelebt habt. - Ich kann nichts für Euch tun.«

»So pack dich denn!« schrie der Mann.

Kate Greenly ging entschlossen zur Tür, wandte sich aber noch einmal um und sagte: »Ich bin in dem Zimmer unten. Wenn du dich entschließen willst zu einer Handlung der Reue und Sühne, so stoße nur mit deinem Schwert auf den Boden, es steht zu Häupten deines Bettes. Ich werde dann zu dir kommen mit dem Priester.«

Dighton gab ihr keine Antwort, und Kate Greenly ging hinaus, die Tür schließend und verriegelnd. Sie blieb oben an der Treppe nachsinnend stehen und murmelte: »Was soll ich tun? Er darf nicht sterben ohne Geständnis. Vielleicht könnte Pater Markus ihn bereden. Aber der wird nicht vor morgen früh kommen. Es ist jetzt fast acht Uhr. Ich will noch eine Weile warten - die Einsamkeit vermag viel über das menschliche Herz.« Und sie stieg die Treppe hinab und trat in das Zimmer unten.

Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß Kate den mindesten Laut hörte, und sie saß da, ins Feuer starrend, außerstande, sich mit gleichgültigen Dingen zu beschäftigen. Sie fing an zu fürchten, der Mörder könnte verhärtet bleiben, und war schon aufgestanden, da sie dachte, es werde das beste sein, sofort nach Pater Markus zu schicken. Gerade hatte sie drei Schritt gegen die Tür gemacht, als oben ein paar Stöße gegen den Boden erfolgten. Darauf fiel ein Stück Metall dröhnend nieder, als wenn das schwere Schwert den schwachen Händen des Verwundeten entglitten wäre.

Rasch lief Kate hinauf, stieg nach einigen Minuten wieder herunter, und ehe eine halbe Stunde verstrichen war, saß der alte Pater Markus neben dem Sterbebett. Kate Greenly kniete und hatte Papier vor sich liegen, auf dem sie Dightons Geständnis mit seinen eigenen Worten niederschrieb.

Загрузка...