Illusion und Wirklichkeit

Dies führt uns wieder zu unserer Geschichte zurück: zu George Smiley jenseits des Eisernen Vorhangs, zum Agenten 007, den Smiley unbedingt treffen möchte, zu Toby Esterhase im Dechiffrierraum und zu Bill Haydon im obersten Stock des Circus. Denn die Geschichte besitzt eine tragische Note: Bill Haydon nämlich ist ein Doppelagent. Vor Jahrzehnten schon wurde er von Karla angeworben, und er erklärte sich bereit, für die Sowjets zu spionieren. Die Brutalität des Kalten Krieges hat alle seine Illusionen, für die „gute Sache“ zu kämpfen, zerstört, das British Empire ist seiner Meinung nach in Auflösung begriffen, die Leute der britischen Intelligence bekommen zusehends die Rolle von Pudeln der Amerikaner zugewiesen. Und diese verachtet Bill Haydon, der arrogante Gentleman, zutiefst. Darum nahm er Ende der 50er Jahre die Rolle eines „Schläfers“ ein, der darauf wartet, dass die Zeit in Karlas Augen reif ist. Reif dafür, die geheimsten Informationen an Karla weiterzuleiten.

Natürlich verschlüsselt.

Noch bevor sich Toby Esterhase an den Schreibtisch des Dechiffrierraumes setzte, war Karla im Besitz des Geheimexponenten 35. Bill Haydon informiert ihn über die kleinsten Vorkommnisse in London Station, wo der Circus sich sicher wähnte. Selbst die Marke der Füllfeder, mit der Toby Esterhase seine lästigen Rechnungen schrieb, ist Karla bekannt.

Der ganze knifflige Aufwand: Die Erstellung des Moduls 221 und des Exponenten 11 sowie die Berechnung des Geheimmoduls 192 und des Geheimexponenten 35 durch die Eierköpfe des Circus, das Chiffrieren von 7 zur codierten Zahl 184, das George Smiley in einem schäbigen tschechischen Hotelzimmer Stunden einer schlaflosen Nacht kostete, das Dechiffrieren von 184 zurück zu 7, dem sich Toby Esterhase gewissenhaft und mit zweimaligem Nachrechnen widmete, die Bewachung des Tresors, in dem der wertvolle Geheimexponent 35 verschlossen lag, dieser ganze kräftezehrende Aufwand war umsonst. Der gerissene und skrupellose Bill Haydon entwertete all diese zeitraubende Mühe.

Agent 007 war schon so gut wie tot, bevor er noch auf die Reise in den Osten geschickt wurde.

Wir geben unserer glattweg erfundenen Geschichte nicht umsonst diesen kläglichen Schluss. Denn wenn der uns namentlich unbekannte Schüler des Pythagoras, der den Begriff der Primzahl erfand, gewusst hätte, dass seine faszinierende Suche nach den Geheimnissen der Zahlen im schmutzigen Geschäft der Spione Anwendung finden würde, er hätte mit Abscheu und Ekel reagiert. Nicht ganz zu Unrecht.

Der Eiserne Vorhang ist heute zerrissen. Ob damals Smiley oder Karla gewonnen hat, spielt keine Rolle mehr. Wen kümmert es, dass Bill Haydon wie ein Maulwurf den Untergrund des Circus zerrüttete? Wer zollt dem Ehrgeiz und der Strebsamkeit des Toby Esterhase noch Anerkennung? Wer besucht das Grab des Agenten 007? Was war die fintenreiche Arbeit der pfiffigen Eierköpfe in der Chiffrierabteilung des Circus in Wahrheit wert? Nichts.

Natürlich wird das dreckige Spiel von Täuschen und Betrügen der Geheimdienste auch heute noch fortgesetzt. Denn immer noch wähnen sich Machthaber von lauernden Feinden umzingelt, die ihnen Geheimnisse entreißen wollen. Geheimnisse, die ihnen unerhörten Einfluss verleihen. Geheimnisse, die sie nur über verdeckte Kanäle ihren Vertrauten zukommen lassen. Wobei sie letzten Endes nie wissen, ob sie sich auf ihre Vertrauten verlassen können.

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