Am nächsten Tag, im Anglerverein feiert man lautstark die deutsche Einheit, macht Richard die Pappkartons aus dem Institut, die noch immer verschlossen bei ihm im Keller stehen, endlich auf und beginnt mit dem Einsortieren der Bücher. Er braucht dafür auch noch den nächsten Tag und den übernächsten. Am Wochenende schneidet er die Kartons in Stücke und legt schließlich am Abend des Geburtstages unserer Republik, dem ehemaligen Feiertag im Oktober, die Pappen, schön flach übereinandergestapelt, in die blaue Tonne für den Papiermüll. Am Montag fährt er einkaufen und kommt wieder zurück in sein Haus. Seit Jahren hat er sich bei jedem Vorbeifahren an diesem Altersheim gefragt, ob das wohl der Ort ist, an dem er seinen Lebensabend, wie man so sagt, verbringen wird. Das Wort Lebensnacht gibt es nicht. Weil für den Salat im Gemüsefach kein Platz mehr ist, legt er ihn auf den kühlen Fliesenboden im Vorraum.
Erst am Dienstagmorgen nimmt er den Mantel und fährt in die braunen Schuhe, die am bequemsten sind. Herd aus, Licht aus, Schlüssel. Zwanzig Minuten Fußweg.
In der Eingangshalle des Heims sagt er zur Rezeptionistin, er wolle die Flüchtlinge sprechen.
Ja, von wo er denn komme.
Von zu Hause, sagt er.
Nein, das meine sie nicht, sondern von welcher Institution?
Von keiner, sagt er, nur aus Interesse.
Wollen Sie etwas spenden?
Nein.
So einfach ist das aber nicht, sagt die Frau an der Rezeption.
Durch eine große Glasscheibe hindurch kann er in den Frühstücksraum der Seniorenresidenz, wie das Altersheim heutzutage genannt wird, hineinsehen. Um Vierertische herum sitzen die Alten, manche mit Latz um den Hals, manche im Rollstuhl.
Ich bin Professor an der Humboldt Universität, Sektion Klassische Philologie.
Diesen Satz hat er viele Male in seinem Leben gesagt. Jetzt ist er eigentlich Professor Emeritus, aber daran muss er sich erst gewöhnen. Im Osten hat er sich die Meriten verdient, die nun im Westen anerkannt werden. Nur seine Rente ist — wie bei allen, die schon zu Ostzeiten Professor waren — kleiner als die von den Westprofessoren. Ostzeiten, als Wort ein interessantes Konstrukt: Zeit, die nach einer Himmelsrichtung benannt ist. Jetzt ist Westen, jederzeit und in jeder Himmelsrichtung der Stadt und des Landes.
Sie brauchen trotzdem einen Termin.
Mit den Flüchtlingen? fragt er.
Nein, zuerst mit dem Leiter des Hauses.
Immer wieder freut es ihn, zu erleben, wie eine Frage geboren wird. Das Auftreten der Flüchtlinge hier in der Vorstadt ist so ein Moment. Aus Angst kommt Ordnung, denkt er. Aus Verunsicherung und aus Vorsicht. In den anderthalb Stunden, die er bis zum Termin abwarten muss, geht er im Schlosspark spazieren, Blätter schwimmen im Teich, und zwischen den Blättern Schwäne und Enten.
Der Leiter des Hauses empfängt ihn in seinem Büro, er sagt:
Was genau wollen Sie von den Männern?
Ich arbeite an einem Forschungsprojekt.
Aha, sagt der Leiter und bedankt sich für die Visitenkarte, die der Emeritus über den Tisch reicht.
Der Leiter erwähnt nun Dublin II, er spricht von Rückführung, Abschiebehaft, Asylrechtsverordnung. Er fragt seinen Besucher, ob er denn wisse, was das Wort Aufenthaltstitel bedeutet.
Titel? Der Professor hat seinen eigenen Titel kaum je erwähnt, eigentlich nur, wenn es nötig zu sein schien, um einem Anliegen Nachdruck zu verleihen, wie vorhin bei der Rezeptionistin. Und Dublin? Einmal ist er mit seiner Frau da wandern gewesen. Vier, fünf Jahre, nachdem die Mauer gefallen war. Heidekraut, Schafe, viel Regen. Beim Frühstück in den kleinen Pensionen saßen mehrfach DDR-Bürger mit am Tisch, ebenso wie sie beide auf der Suche nach Abgeschiedenheit, nach dem Gewohnten, das es jetzt zu Haus nicht mehr gab, etwas wie dem Windschatten einer Mauer.
Dann sagt der Leiter noch mehrere Sätze, die ungefähr lauten:
Die Männer sind bei uns nur provisorisch untergebracht. Die Zimmer entsprechen nicht den Standards für eine längerfristige Lösung. Im Grunde genommen sollte das hier schon eine Baustelle sein. Es soll umgebaut werden. Es gibt zu wenig Küchen, zu wenig Waschräume für alle, und die Zimmerbelegung ist nicht ideal, mit all den Liegen.
Es geht mir nicht darum, sagt der Besucher.
Nur, dass Sie mich richtig verstehen. Wir sind, weil sonst niemand dazu bereit war, in die Bresche gesprungen.
Ich bin kein Journalist, sagt der Besucher.
Ja, sicher.
Beide schweigen einen Moment lang.
Wollten die Männer den Oranienplatz denn verlassen?
Das ist eine schwierige Frage.
Verstehe.
Nach einem weiteren kurzen Moment, in dem nichts gesagt wird, nickt der Leiter und sagt:
Dann wollen wir mal.