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Am Donnerstag sucht Richard die Papiere für seine Steuer zusammen, telefoniert mit der Krankenversicherung, und lässt in der Autowerkstatt die Winterreifen montieren. Erst am Freitag geht er wieder zu dem Ziegelgebäude, der Ausweis, wsjo w porjadkje, der grüne Billardtisch ohne Kugeln, und daneben wie neulich die schwarzen Männer, Schwarz-Grün, die Farben des Fußballvereins von Hannover, der missverständlich die Roten genannt wird, als gäbe es in der Bundesliga eine Kommunistenfraktion. Die ältere Dame begleitet ihn stumm hinauf und verlässt ihn auf seinen Wunsch schon vor der Tür des Zimmers 2020.

Eine lindgrüne Tür, so wie die andern.

Er klopft und wartet, Awad macht ihm auf.

How are you?

Wahrscheinlich gut, was soll er sagen.

How are you?

Auch Awad geht es gut.

Höflichkeitsfloskeln in einer Sprache, in der weder der eine zu Hause ist noch der andre.

Awad macht die Tür weiter auf, um ihn hereinzubitten. Er würde ihm gern von sich erzählen, sagt er, nachdem er die Tür hinter seinem Besucher wieder zugemacht hat. Denn wenn jemand irgendwo ankommen wolle, dürfe er nichts verbergen.

Ist das wirklich so? fragt Richard.

Und Awad sagt: Aber ja! und bietet ihm einen Stuhl an.

Richard dankt, setzt sich und denkt an den Niemand Odysseus und an die schweigenden Männer vor dem Roten Rathaus im Sommer. Er denkt auch daran, wie er seine Geliebte vor seiner Frau verborgen hat, und den Alltag, den er mit seiner Frau hatte, gleichzeitig vor seiner Geliebten. Ist er denn niemals in seinem Leben angekommen?

Dabei bezieht sich das Ja von Awad wohl nur darauf, dass sein Angebot ehrlich gemeint war, denn er sagt jetzt, der Psychologin habe er auch schon alles von sich erzählt.

Der Psychologin?

Wenn ihm, dem Besucher, das lieber sei, könne er auch die Psychologin anrufen, einen Moment nur, er habe ihre Karte mit der Telefonnummer, aber das sei gar nicht, sagt Richard, nein, wirklich gern, kein Problem, einen Moment nur, die Karte müsse hier irgendwo sein. Awad sucht die Visitenkarte der Psychologin, der er alles von sich erzählt hat, erst auf dem Tisch, dann auf dem Fensterbrett, dann im Regal, dann im Schrank, und schließlich in seiner Tasche, die unter dem Bett steht. Das müsse wirklich nicht sein, sagt Richard, es mache überhaupt nichts, sagt er, während er sich, je nachdem, wo Awad gerade zugange ist, nach ihm umdreht, wenn Awad die Visitenkarte nicht finde, dann später vielleicht, das reiche ihm völlig, aber Awad hört nicht auf, nach der Karte zu suchen: Sie muss hier irgendwo sein, eben hatte ich sie noch, wo kann sie nur liegen?

Richard sieht, dass ein blaukarierter Vorhang halb vor das Fenster gezogen ist. Ob der noch von den pflegebedürftigen Vorgängern herrührt?

Gleich, gleich, sagt Awad, die Psychologin weiß alles von mir. Und dabei wird er, Richard, niemals bei der Psychologin anrufen, aber das kann er dem Mann nicht sagen, der immer mehr außer sich gerät, während er in die Regalfächer und in seine Reisetasche wieder und wieder hineingreift, während er die Papiere, die auf dem Fensterbrett liegen, zum vierten Mal anhebt und sogar unter die Bettdecken schaut, während er den Schrank nach jeder Runde, die er mit suchendem Blick durch das Zimmer macht, noch einmal öffnet und noch einmal schließt.

An der Wand hängt eine Gebrauchsanleitung für den Geschirrspüler in der Gemeinschaftsküche des Hauses. Die drei anderen Betten im Raum sind leer, ordentlich zugedeckt.

Wo sind denn die andern? fragt Richard.

Beim Billard, sagt Awad, und lässt nun endlich ab von seiner Suche, müde sieht er aus, als er sich zu seinem Besucher umdreht, Entschuldigung, sagt er, ich kann die Karte leider nicht finden.

Ich heiße Richard, sagt Richard.

Awad wurde in Ghana geboren. Seine Mutter starb bei der Geburt. So wie Blanscheflur, denkt Richard, so wie die Mutter von Tristan. Der erste Tag meines Lebens, sagt Awad, war zugleich der Tag, an dem ich meine Mutter verlor. Und der Vater? Awad antwortet nicht. Bis zu seinem siebenten Jahr sei er bei der Nana, der Großmutter, gewesen, in Ghana. Lebt die Großmutter noch? Hat er sie später einmal wiedergesehen? Weiß er noch, wie sie aussah? Nein, Awad erinnert sich nicht. Als er sieben Jahre alt war, holte der Vater ihn zu sich nach Libyen. Diese Großmutter, deren Tochter bei der Geburt des ersten Kindes starb, deren Enkel von ihr das Sprechen lernte und von ihr jeden Abend vor dem Zubettgehen gewaschen wurde, auf einem Brett stehend, damit die heiße Erde ihm nicht die Füße verbrannte, diese inzwischen sehr alte und womöglich schon gestorbene Frau versucht, aus dem erinnerungslosen Raum ihres Enkels in die Welt des Erzählbaren vorzustoßen, aber es gelingt ihr nicht, sie wird von ihrem Enkel Nana genannt, so wie alle ghanaischen Großmütter genannt werden, und bekommt sonst keinen Namen, bleibt unter der trennenden Schicht und sinkt still wieder ab. Wie wird es dem Mann im See gehen, wenn der See nun bald gefriert?

Ist er noch einmal zurück nach Ghana gekommen?

Nein, niemals.

Der Vater arbeitet in Tripoli als Fahrer für eine Ölcompany. Awad wird eingeschult. Zu zweit wohnen sie in einem Haus mit acht Zimmern. Oft haben sie Gäste. Wenn der Vater von der Arbeit nach Haus kommt, kocht er für alle. Der Vater spielt Fußball mit ihm. Der Vater kauft für ihn Spielzeug. Gibt ihm Taschengeld, gar nicht so wenig. Fliegt in den Ferien mit ihm nach Ägypten, nur dreißig Minuten dauert der Flug hinüber nach Kairo. In Kairo kenne ich mich wirklich gut aus, sagt Awad, wir waren oft drüben. Drüben hieß zu DDR-Zeiten der Westen von Deutschland, vom Osten aus gesehen. Der Vater zieht die Jalousien auf der Südseite des Hauses, auf die tagsüber die Sonne scheint, erst abends nach oben. Der Vater bringt seinem Sohn bei, wie man sich nach dem Duschen den Rücken abtrocknet, mit einem schräg über den Rücken gespannten Handtuch. Sein Vater bringt ihm bei, wie man kocht. Sein Vater schenkt ihm den ersten Rasierapparat.

Mein Vater sagte mir, wer ich bin, sagt Awad.

Und dann sitzt Awad einen Moment lang einfach nur da, ohne etwas zu sagen, und blickt auf das unechte Holzfurnier auf der Tischplatte. Auch dieser Tisch stand vielleicht 25 Jahre zuvor in einem Büro der Volkssolidarität oder im Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, aber das kann Awad nicht wissen, und kann schon gar nicht wissen, was die Volkssolidarität oder die Deutsch-Sowjetische Freundschaft war.

Und dann?

Ich habe begonnen, als Automechaniker zu arbeiten. Hatte Freunde. Es war ein gutes Leben.

Und dann?

Draußen auf der Straße fährt jetzt ein LKW rückwärts, man hört das Warnsignal, einen hohen Piepton, wieder und wieder. Im Morsealphabet wäre das eine Null. In jeder ungeraden Kalenderwoche wird der Plastikmüll abgeholt. Oder es ist ein Möbeltransport, der in der Einfahrt zu wenden versucht.

Dann wurde mein Vater erschossen.

Richard würde jetzt gern etwas sagen, aber es fällt ihm nichts ein.

Am Tischbein klebt ein kleines gelbes Schild mit der Inventarnummer 360/87.

Richard hatte seinen Vater, als der gestorben war, noch einmal im Krankenhaus gesehen, der Kiefer des Toten war von den Schwestern mit einer Binde am Schädel festgebunden worden, damit der Mund nicht für den Rest der Ewigkeit offenblieb. Mit dieser Binde hatte sein Vater ausgesehen wie eine Nonne, Richard hatte ihn kaum wiedererkannt.

Awad sitzt vornübergebeugt, er stützt sich mit den Armen auf und schaut immer tiefer in den Tisch hinein, während er weiterspricht.

Ein Freund meines Vaters hat mich angerufen. Sie waren bei uns in der Firma! hat er geschrien. Und: Dein Vater! Mehr nicht. Ich habe gesagt, ich verstehe nicht, was er meint. Da hat er wieder geschrien. Er, der sonst nie geschrien hat, sonst immer freundlich zu mir war. Hat mich angeschrien und gesagt, ich solle so schnell wie möglich nach Haus laufen und die Tür gut versperren. Dann war die Verbindung plötzlich weg. Ich rannte los. Aber als ich zu Hause ankam, war die Eingangstür schon aus den Angeln gerissen, die Fenster waren zersplittert. Drinnen war alles verwüstet, der Flur, die Zimmer, die Küche. Überall lagen Scherben herum, Möbel waren umgekippt, der Fernseher war zerschlagen, alles. Ich kletterte hinten bei einem der Fenster hinaus und versuchte, den Freund meines Vaters noch einmal zu erreichen. Versuchte es wieder und wieder. Aber ich kam nicht mehr durch. Einmal noch habe ich auch die Nummer meines Vaters gewählt.

Nichts.

So war das Ende.

Bis die Nacht kam, wartete ich auf der Straße. Wo sollte ich hingehen? Es war dieselbe Straße, die ich zur Schule gegangen bin, und später zur Arbeit. Dann ist eine Militärstreife gekommen. Sie haben mich gezwungen, auf die Ladefläche des LKWs zu steigen, und mich in ein Barackenlager gebracht. Ich habe die Toten auf den Straßen liegen sehen. Manche erschossen, manche erstochen. An diesem Tag habe ich den Krieg gesehen. An diesem Tag habe ich den Krieg gesehen.

In den Baracken waren schon Hunderte Menschen. Die meisten von ihnen Schwarzafrikaner, aber auch ein paar Araber, aus Tunesien, Marokko, Ägypten. Nicht nur Männer, auch Frauen, Kinder, Säuglinge, alte Menschen. Alles wurde uns abgenommen: Geld, Uhren, Telefone, sogar die Socken, sagt er und lacht. Lacht und lacht. It’s not easy, sagt er und hört wieder auf zu lachen. It’s not easy, sagt er noch einmal, und schüttelt den Kopf, it’s not easy, als sei er mit seiner Geschichte am Ende.

Und dann?

Als ich mich beschweren wollte, sagt er, haben sie mir mit einem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen. Hier kannst du noch immer die Narbe sehen: Awad teilt seine Haare auseinander und zeigt dem emeritierten Professor, mit dem er heute zum ersten Mal in seinem Leben spricht, seine Narbe. Wenn du irgendwo ankommen willst, darfst du nichts verbergen, hat er am Anfang des Gesprächs zu Richard gesagt.

Wenn du Glück hast, wirst du geschlagen, wenn du Pech hast, erschossen, hat mir jemand zum Trost gesagt. Dann haben sie aus den Telefonen die SIM-Karten herausgenommen und vor unseren Augen zerbrochen, dann die Speicherkarten herausgenommen, zerbrochen. Broke the memory, sagt Awad. Das Gedächtnis zerbrochen. Keinem von uns haben sie irgendetwas gelassen außer T-Shirt und Hose oder Rock. Zwei Tage saßen wir da in den Baracken, während die europäischen Bomben auf Tripoli fielen. Wir hatten Angst, dass eine davon uns trifft, es war ja ein Militärlager. Am dritten Tag brachten sie uns zum Hafen, trieben uns auf ein Boot. Wer von euch kann so ein Boot lenken? Zwei, drei Araber meldeten sich. Eine Gaddafi-Flagge wurde auf unserem Boot gehisst, sagt Awad und lacht, eine Gaddafi-Flagge!

Also waren das Gaddafi-Leute? Oder Rebellen?

Das wussten wir nicht. Alle hatten die gleichen Uniformen. Wie sollte man sie voneinander unterscheiden?

Dass von der Regierung abgefallene Militärs noch immer die Uniform ihres Staates tragen, hatte Richard sich bis zu diesem Augenblick niemals klargemacht.

Es gab jedenfalls niemanden, der auf unserer Seite stand. Dabei bin ich in Libyen aufgewachsen. Libyen war mein Heimatland.

Awad nickt vor sich hin und sagt eine Weile nichts mehr.

Und dann?

Dann schossen sie eine Salve in die Luft und sagten zu uns: Wer zurückzuschwimmen versucht, wird erschossen. Wir wussten nicht, wohin das Boot fährt. Vielleicht nach Malta? Nach Tunesien? Erst später wurde uns klar: nach Italien. Wir saßen dicht an dicht, du konntest nur für ein paar Minuten aufstehen, dort wo dein Platz war, dann hast du dich wieder an dieselbe Stelle gesetzt. Die Frau hinter mir hat einfach da, wo sie saß, im Sitzen, gepinkelt. Alles war nass, als ich mich aufstützen wollte. Vier Tage waren wir unterwegs. Nur wenige Flaschen mit Wasser gab es, die haben wir den Kindern gegeben. Wir Erwachsenen haben, als es zu schlimm wurde, Salzwasser getrunken. It’s not easy, Richard, it’s not easy. Wir haben in eine leere Plastikflasche mit den Zähnen eine größere Öffnung hineingebissen, dann ein paar Schnürsenkel aus unseren Schuhen zusammengebunden, die Flasche angehängt, runtergelassen, und das Meerwasser geschöpft. Man muss ja trinken. Einige sind gestorben. Haben mitten unter uns gesessen, dann nur ganz leise gesagt: mein Kopf, mein Kopf, dann so den Kopf geneigt, und waren im nächsten Moment tot. Die Toten wurden ins Wasser geworfen.

Richard denkt daran, wie er auf vielen Flügen aus dem ovalen Fenster hinunter auf irgendein Meer geblickt hat. Wie die Wellen sich, von oben gesehen, überhaupt nicht bewegten und der weiße Schaum aussah wie Stein. Mitte des letzten Jahrhunderts hat die Küste von Libyen kurze Zeit einmal zu Italien gehört. Jetzt ist Libyen ein anderes Land, und Italien erscheint Flüchtlingen, die Libyen in einem Boot verlassen, zuerst in Form einer felsigen kleinen Erhebung, umgeben von sehr viel Wasser. Wenn überhaupt.

Der Krieg zerstört alles, sagt Awad: die Familie, die Freunde, den Ort, an dem man gelebt hat, die Arbeit, den Alltag. Wenn man ein Fremder wird, sagt Awad, hat man keine Wahl mehr. Man weiß nicht, wohin. Man weiß nichts mehr. Ich kann mich selbst nicht mehr sehen, das Kind, das ich war. Ich habe kein Bild mehr von mir.

Mein Vater ist tot, sagt er.

Und ich — ich weiß nicht mehr, wer ich bin.

Ein Fremder werden. Sich selbst und den andern. So also sah ein Übergang aus.

Was ist der Sinn von dem allen? fragt er und schaut Richard jetzt zum ersten Mal wieder an.

Richard ist nun der, der antworten soll, aber er weiß keine Antwort.

Ist es nicht so, sagt Awad, dass jeder erwachsene Mensch — ob Mann, ob Frau, ob reich oder arm, ob er Arbeit hat oder nicht, ob er in einem Haus wohnt oder obdachlos ist, ganz egal —, dass jeder Mensch seine paar Jahre zum Leben hat und dann stirbt?

Ja, so ist es, sagt Richard.

Danach sagt Awad noch ein paar Dinge, so als wolle er Richard das Schweigen erleichtern. Ein Dreivierteljahr war er in einem Camp auf Sizilien, mit zehn Leuten in einem Zimmer. Dann musste er raus. Von dem Moment an, in dem sie dich aus dem Haus rausschicken, musst du selbst einen Schlafplatz finden, du bist frei! Kein Job, kein Ticket, kein Essen, du kannst keine Unterkunft mieten. Mi dispiace, poco lavoro. Es gibt keine Arbeit. Und am Ende des Tages bist du immer noch auf der Straße. Wenn deine Eltern dich nicht gut erzogen haben, wirst du ein Dieb. Wenn du gute Eltern hattest, wirst du kämpfen, um zu überleben. Poco lavoro. Poco lavoro. Aber Richard, was soll man essen? Richard hat Foucault gelesen und Baudrillard und auch Hegel und Nietzsche. Aber was man essen soll, wenn man kein Geld hat, um sich Essen zu kaufen, weiß er auch nicht. Du kannst dich nicht waschen, fängst an zu stinken. Sempre poco lavoro. So ging es uns auf der Straße. Ich schlief im Bahnhof. Tagsüber lief ich herum, abends kam ich in den Bahnhof zum Schlafen. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie ich die Tage verbrachte. Richard, du glaubst, ich sehe dich an, but I don’t know where my mind is. I don’t know where my mind is.

Was für eine schöne, nur leider unübersetzbare Wendung, denkt Richard, und das trotz des Reichtums der deutschen Sprache. Ich bin mit meinen Gedanken woanders? Ich weiß nicht, wo mein Geist ist? Meine Seele? Oder einfach: Das bin eigentlich gar nicht ich?

Einmal half Awad drei Tage in einer Küche aus, Saubermachen und Abwasch, und bekam dafür 80 Euro. Mit dem Geld ging er in ein Reisebüro, um einen Flug nach Deutschland zu buchen. Was sollte er sagen, als die Frau in dem Reisebüro ihn fragte, ob er nach Köln wolle, nach Hamburg, München oder Berlin? Er kannte Köln nicht, kannte auch Hamburg nicht, München nicht und auch nicht Berlin. Einfach nach Deutschland. Die Frau in dem Reisebüro wurde ungeduldig mit ihm, aber ihm war das gleich, sein mind was not there, da ist sie wieder, die schöne Unübersetzbarkeit: er war in Gedanken, abwesend, nicht bei Sinnen, jenseits von allem?

Krieg für Krieg haben die deutschen Kinder seit 1613 den Maikäfer vom Handrücken ins Jenseits fortfliegen lassen:

Maikäfer flieg!

Der Vater ist im Krieg,

die Mutter ist in Pommerland,

Pommerland ist abgebrannt,

Maikäfer flieg!

Und auch Goethes Iphigenie, Emigrantin auf Tauris, ist zugleich da und abwesend, das Land ihrer Kindheit mit der Seele suchend. Wenn man das so sah, war es geradezu lächerlich, einen Übergang am Vorhandensein eines Körpers zu messen. Wenn man das so sah, stand für einen Flüchtling die Unbewohnbarkeit von Europa plötzlich in einem Verhältnis zur Unbewohnbarkeit seiner eigenen Hülle aus Fleisch, die dem Geist eines jeden Menschen eigentlich auf Lebenszeit als Wohnung zugewiesen ist. Dann also eben Berlin. Ungewaschen saß er im Flugzeug. Nach der Ankunft sprachen rings um ihn alle die neue fremde Sprache, er verstand nichts mehr, konnte nur nicken. Sah Leute in einen Bus steigen: Fährt der ins Zentrum? Drei Nächte am Alex. Ein Mann sagte ihm, es gebe da einen Platz. Mit Afrikanern wie mir? Dann kann ich mich dort bestimmt endlich waschen. Der Mann kaufte ihm eine Fahrkarte am Automaten. Eine Maschine, aus der ein Fahrschein kommt? Deutschland is beautiful!

Dann sah er die Zelte.

Ich stand allein. Der Mann ging weg. Noch nie in meinem Leben hatte ich in einem Zelt geschlafen.

Da sollte er wohnen?

In einem Zelt?

Er stand inmitten der Zelte und weinte.

Aber dann hörte er jemanden Arabisch sprechen, mit libyschem Dialekt.

Am Oranienplatz bekam er zu essen. Und einen Schlafplatz.

Der Oranienplatz sorgte für ihn, so wie in Libyen sein Vater.

Seinen Vater wird er niemals vergessen, und ihn immer in Ehren halten.

Und genauso wird er auch den Oranienplatz nie vergessen und immer in Ehren halten.

Das sagt Awad zum Abschluss des Gesprächs, und danach gibt es wirklich nichts mehr zu sagen.

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