Noch vor Silvester kehrt die polnische Pflegerin zu ihrer Arbeit bei Anne nach Berlin zurück.
Sie wäre gern noch ein paar Tage länger bei ihrer Familie in Polen geblieben, aber du weißt ja, sagt Anne, meine Mutter und Ali –
Ja, schade, sagt Richard.
Eigentlich war das Weihnachtsfest nett, sagt Anne. Ich schick dir mal ein Foto.
Abends dann sieht Richard auf seinem Computer das Bild: links neben dem Weihnachtsbaum die neunzigjährige Mutter von Anne, im Rollstuhl sitzend, eine Decke über den Knien, sie hält den Kopf schief, so dass man beinahe glauben könnte, sie blicke Ali, der rechts vom Weihnachtsbaum sitzt, durch ihre dicken Brillengläser aufmunternd an. Ali lächelt. Es sieht friedlich aus, dieses Weihnachtsarrangement mit dem schwarzen König aus dem Morgenland, genauso friedlich wie all die Fotos reinrassig deutscher Weihnachtsfeste, denen man ebensowenig ansieht, was vor oder nach dem Druck auf den Auslöser verschwiegen oder worum gestritten wurde.
Anne schreibt in der Mail, Ali habe ihr, als sie ihn einmal gefragt habe, warum er so gut Deutsch sprechen könne, zur Antwort gegeben: Die deutsche Sprache sei seine Brücke in dieses Land. Er hat tatsächlich Brücke in dieses Land gesagt, schreibt sie Richard. Er ist unglaublich talentiert, schreibt sie. Unter anderen Umständen würde er wahrscheinlich längst Medizin studieren.
In der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr kehren Monika und Jörg aus Italien zurück. Sie laden Richard, Detlef und Sylvia zum Kaffeetrinken ein, um ihre Fotos zu zeigen und von Florenz zu erzählen. Sie berichten von Giottos Turm, von Michelangelos schönem David, von den Weihnachtskrippen, die dort überall in den Kirchen aufgebaut sind: ganze Landschaften, wie bei der Modelleisenbahn! Sie berichten vom Essen: ein Restaurant mit vierzig verschiedenen Sorten Büffelmilchmozzarella! Und berichten vom Weihnachtsfest selbst, das vom Hotel wunderbar ausgerichtet worden ist: Und man hat um so viel weniger Arbeit! Lichterketten, mit denen ganze Straßenzüge geschmückt sind: Da wird einem vom Ansehen richtig schwindlig! Riesige Weihnachtsbäume: so fantasievoll geschmückt! Allerdings, sagen sie: so viele Afrikaner. Überall. Nach Arezzo, sagen sie, haben wir ein Mietauto genommen, Jörg wollte unbedingt die Fresken von Piero della Francesca sehen, eine schöne Fahrt durch die Toskana, dachten wir uns und haben extra die Landstraße genommen, es lag sogar Schnee. Aber wisst ihr, in der Mitte von Nirgendwo stehen da schwarze Frauen, Afrikanerinnen! am Straßenrand und bieten sich an. Mitten in der Landschaft, wo nie jemand vorbeifährt. In Stiefeln und so kurzen Jacken. Stehen da in der Kälte, im Schnee, und viele! Das war irgendwie unheimlich.
Richard hat ja in letzter Zeit auch ein paar Flüchtlinge kennengelernt, die sich hier durchzuschlagen versuchen, sagt Sylvia, während sie das Tablet mit dem Bild an ihren Mann weiterreicht.
Ach wirklich? sagt der schnurrbärtige Jörg.
Und Monika fügt hinzu: Da musst du aufpassen, die schleppen oft Krankheiten ein, Hepatitis, Typhus und Aids. Hab ich zumindest gehört.
Es sind Männer, sagt Sylvia.
Ach so, sagt Monika.
Richard sagt nichts, er betrachtet den Bildschirm, den Detlef ihm gerade gegeben hat. Auf dem Bild sieht man Frauengestalten, die, jede für sich, wie auf einem Schachbrett auf weiten, verschneiten Flächen stehen, wartend auch am Straßenrand stehen oder auf den Kuppen der sanft geschwungenen Hügel.
Dabei weit und breit kein einziger Kunde, sagt Monika.
Auf dem nächsten Bild ist dann schon eine der Fresken von Arezzo zu sehen: eine Frau, die hinter einer Knienden steht, eine lange weiße Schleppe ist an ihrem Kleid befestigt, und die Frage, die sie der anderen stellt, ist nur an ihrer Handhaltung abzulesen.
Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages einfach so zu dieser Kirche hinfahren könnte, einfach so, sagt Jörg.
Das ist wirklich die Reisefreiheit, sagt Monika, seine Frau.
In der Woche zwischen Weihnachten und Silvester kehrt auch der Archäologe vom Besuch bei der Familie seiner zwanzigjährigen Freundin zurück. Er sitzt bei Richard auf dem Sofa, ein Whiskeyglas in der Hand und sagt: Komm doch am Silvesterabend mit zu der Party bei Maries Freundin, sonst bin ich dort der einzige Alte.
Wie war denn ihre Familie?
Schwierig, sagt er, ich glaube, die halten mich für pervers.
Ist halt ihre Tochter.
Der Vater ist sowieso eifersüchtig, sagt Peter, und die Mutter hätte mich vielleicht selber gern.
Dann ist doch gut, dass sie weit weg sind.
Ja, sicher. Peter nimmt noch einen Schluck.
Die Hauptsache ist doch, dass ihr beide euch gut versteht.
Da hast du recht. Kommst du nun mit zu der Party?
In Ordnung, sagt Richard.
In der Woche zwischen Weihnachten und Silvester kehrt auch Osarobo endlich aus Italien zurück.
Richard lädt ihn zu sich ein, spielt ihm am Klavier» Leise rieselt der Schnee «vor und singt dazu, so gut er eben singen kann. Still schweigt Kummer und Harm, singt er und übersetzt hinterher Osarobo den Text. Weihnachten soll ein Fest der Freude sein, sagt er.
Okay, sagt Osarobo.
Wie war es denn in Italien?
Naja, sagt Osarobo.
In welcher Stadt warst du nochmal?
Milano.
Schön, sagt Richard.
Naja, sagt Osarobo. In der U-Bahn stehen die Italiener auf und setzen sich woandershin, wenn ich mich neben sie setze.
Richard erinnert sich, das hat Osarobo auch schon bei ihrem ersten Treffen erzählt.
Sie denken, ich bin kriminell. Jeder Schwarze.
Das glaube ich nicht.
Doch. Es macht keinen Unterschied, ob wir es sind oder nicht sind.
Aber natürlich macht es einen Unterschied, sagt Richard. Hast du denn wenigstens deine Papiere bekommen?
Ja, in acht Wochen kann ich sie abholen.
Wie — dann musst du noch einmal dahin?
Ja.
Wieviel kostet das denn?
Eine Busfahrt 100 Euro.
Also hin und zurück 200 Euro?
Ja. Osarobo schlägt ein paar hohe Töne an. Und 80 Euro für die Marca da Bollo, sagt er.
Für das Dokument?
Ja, sagt Osarobo. Pling, pling, pling. Und außerdem braucht man eine italienische Adresse.
Was heißt das?
Es gibt Leute, die einem eine Adresse geben. Das kostet nochmal 200 Euro.
Privatleute, die sich von euch bezahlen lassen?
Irgendein African guy, der ein Zimmer hat. Aber ich darf dann auch da wohnen. Bis zu dem Termin. Es gibt ja Kontrollen.
Richard würde wirklich gern wissen, ob das Gesetz von Angebot und Nachfrage ein Naturgesetz ist.
Das heißt, sagt er nun wieder laut zu Osarobo, man braucht zusammengerechnet 680 Euro für die zwei Fahrten, die Adresse und die Gebühren?
Ja.
Und was isst du in der Zeit?
Osarobo zuckt mit den Schultern.
Das kostet doch mehr, als du hier für zwei Monate zum Leben bekommst.
Der permesso ist schon im letzten Frühling abgelaufen. Aber da hatte ich gar kein Geld.
Was für ein permesso?
Eben das Dokument, der permesso di soggiorno, die italienische Aufenthaltserlaubnis.
Braucht man den wirklich?
Sonst haben wir gar keinen Ausweis. Und ohne permesso gibt’s auch keine Krankenversicherung.
Über Italien seid ihr versichert?
Ja.
Verstehe. Und du hast also bei dem African guy gewohnt?
Bis zu dem Termin.
Und danach?
Naja, sagt Osarobo und schlägt ein paar tiefe Töne auf dem Klavier an, life is crazy.
Hast du auf der Straße geschlafen?
Osarobo antwortet nicht. Pling, pling, pling. Quintparallelen sind in der abendländischen Musiktradition schon seit 600 Jahren verboten.
Erst jetzt fällt Richard ein, dass er ja noch ein Weihnachtsgeschenk für den zukünftigen Straßenmusiker hat: das Rollklavier, er hätte es beinahe vergessen.
I appreciate that very much.
Sie rollen es auf dem Küchentisch aus, stecken den Stecker ein und probieren die verschiedenen Register: Schlagzeug und Englisch Horn, Saxophon oder Harfe.
Es funktioniert auch mit Batterien, sagt Richard.
Oh, very good.
Und mit den Tasten hier, sagt Richard, kann man einen Rhythmus unterlegen: zum Beispiel Chachacha oder Tango.
Erst in der Pause zwischen Walzer und Marsch hört er, dass es an der Tür klingelt: Sylvia und Detlef hatten, so sagen sie, spontan die Idee, ihn zu besuchen.
Was ist denn bei dir los — Tanztee?
Das sind Sylvia und Detlef, sagt er zu Osarobo, als er sie in die Küche führt, meine ältesten Freunde, und das ist Osarobo.
Osarobo steht auf und gibt den beiden die Hand, aber sein Blick flackert hin und her, es sieht so aus, als wäre er gern irgendwo anders, wo nicht zwei fremde Menschen auf einmal zur Tür herein kommen.
Spiel ruhig noch weiter, sagt Richard, wir setzen uns derweil ins Wohnzimmer, reden ein bisschen, und dann fahr ich dich nach Hause.
Nein, nein, sagt Osarobo, it’s okay. Ich fahr mit der S-Bahn.
Hast du eine Monatskarte?
Osarobo schüttelt den Kopf.
Richard holt, während Osarobo sich im Flur die Schuhe anzieht, 60 Euro aus seinem Portemonnaie, 57 Euro kostet die billigste Monatskarte — für Menschen, die nicht morgens vor 10 Uhr mit Bus oder Bahn fahren müssen. Hartz 4-Empfänger und Asylbewerber bekämen eine Ermäßigung, aber nicht diese Flüchtlinge, die nicht einmal Asylbewerber sein dürfen. Richard drückt Osarobo die zwei Scheine in die Hand und gibt ihm die Tasche mit dem rollbaren Keyboard.
Kennst du dich aus mit dem Weg?
Jaja. Osarobo schaut zu Boden und sagt: God bless you.
Ist schon in Ordnung.
Wie war es denn überhaupt im Weihnachtsoratorium? fragt Richard seine Freunde, als er ins Wohnzimmer zurückkehrt. Ihnen hatte er nach seiner Enttäuschung über die plötzliche Abreise des Jungen die zwei Karten gegeben.
Ach, es war wirklich schön, sagt Sylvia.
Die Arie mit dem Echo haben sie ganz toll gemacht, sagt Detlef, die andere Sängerin stand neben der Empore auf einem kleinen Balkon.
Nette Idee, sagt Richard.