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Am Sonnabend kommt ihn sein Freund Peter, der Archäologe, besuchen, für die Grabungen sei es zum Glück immer noch warm genug, sagt er.

Am Sonntag gibt es zum Frühstück ein Ei. Längst schon hat Richard sich vorgenommen, dieses Papier zu studieren, Vereinbarung genannt, das der Senat mit den Afrikanern gemacht hat, um den Oranienplatz wieder freizubekommen für die Berliner. Einen ganzen Tag hat er dafür eingeplant, aber dann ist das Dokument zu seiner größten Überraschung nicht länger als eine dreiviertel Seite. Selbst seine Telefonverträge sind länger, und ganze zwei Ordner in seinem Regal sind gefüllt mit dem Schriftwechsel über den Erwerb seines Hauses. Wenn in Deutschland ein Schriftstück so kurz ist, erscheint ihm das, gelinde gesagt, höchst erstaunlich. Wir sind uns darüber einig, dass die Bedingungen für schutzsuchende Flüchtlinge in Europa und Deutschland verbessert werden müssen. So lautet der erste Satz dieses als Einigungspapier bezeichneten Dokuments. Hier wollen sich also zwei einigen, die gleich am Anfang bekunden, dass sie sich einig sind. Manchmal schon hat er gedacht, dass er, wenn er einen Text untersucht, kaum anderes macht, als nach Indizien zu suchen. Wer zum Beispiel ist überhaupt wir?

Das Campieren und damit die im Widerspruch zur genehmigungsfähigen rechtlichen Situation stehende Form des Protests wird auf Dauer beendet. Die Flüchtlinge organisieren selbstständig den Abbau aller Zelte bzw. Unterkünfte und wirken darauf hin, diesen Zustand dauerhaft zu erhalten.

Die genehmigungsfähige rechtliche Situation gefällt ihm besonders. Ob das Verhältnis zu seiner Geliebten eine ehefähige Beziehung hätte genannt werden können? Und hätte allein diese Bezeichnung seiner Geliebten, die jede Woche mindestens einmal darüber weinte, dass er zum Abendbrot wieder zu seiner Frau zurückfuhr, vielleicht schon Genugtuung verschafft? Oder stand eben das Weinen im Widerspruch zu ihrer Ehefähigkeit?

Außerdem aber hat sich die Rede von der Dauerhaftigkeit des Rückzugs zweimal in diesen Abschnitt geschlichen, Sprache ist niemals Zufall, das hat er seinen Studenten immer begreiflich zu machen versucht. Er selbst hat das Tag für Tag neu beim Studium des Neuen Deutschlands, des sogenannten Zentralorgans der Partei gelernt. Die Bezeichnung Zentralorgan selbst war schon Anlass genug, um zu zweifeln. Den eigenen Protest also sollten die Flüchtlinge selbst zu Kleinholz zerlegen, vor aller Augen. Und was gab es dafür? Richard selbst weiß noch gut, wie er in der ersten Zeit nach der Währungsunion Tag für Tag Briefe bekam: Sie haben gewonnen! Einen Mercedes! 500 Millionen! Eine Villa! Die kleine Papierschablone mit dem goldenen Schriftzug Villa Richard hängt zur Erinnerung an den Verlust seiner sozialistischen Unschuld noch immer bei ihm über dem Schreibtisch.

Die Senatorin unterstützt im Rahmen ihrer politischen Verantwortlichkeit. Es erfolgt eine Prüfung der Einzelfallverfahren im Rahmen aller rechtlichen Möglichkeiten. Abschiebung für die Zeit der Prüfung ausgesetzt.

Ein Rahmen, das versteht sich von selbst, ist auch nichts anderes als eine Grenze. Und eine Zeit der Prüfung ist, mal früher, mal später, vorüber. Ewigkeit wird hier also gegen Zeit eingetauscht. Eine wirkliche Räumung eines wirklichen Ortes auf Dauer gegen den schwimmenden Begriff einer Hoffnung: Unterstützung und Begleitung bei der Entwicklung der beruflichen Perspektiven. So fremd ihm die Welt der Rechtsanwälte auch ist, fühlt er sich ihnen im Besessensein davon, Sachverhalte mit der Sprache immer genauer zu fassen, manchmal verwandt. Der Text teilt also jenseits des Inhalts der einzelnen Sätze noch etwas anderes mit: Die Flüchtlinge konnten sich keinen Anwalt leisten und verstehen kaum Deutsch. Die Hoffnung ist das, was sie am Leben hält, und Hoffnung ist billig.

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