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Anfang Februar treffen für alle Männer der Oranienplatz-Gruppe, die in Deutschland nie einen Asylantrag gestellt haben, aber trotzdem da sind, die Briefe von der Ausländerbehörde ein. Einzelfall für Einzelfall ist nun geprüft und entschieden. Es hat sich herausgestellt, was man auch bei der Räumung des Platzes im Herbst letzten Jahres schon wusste: dass nur Italien für die Männer, die in Italien angekommen sind, zuständig ist.

Ali aus dem Tschad, der bei Annes Mutter als Pfleger gearbeitet hat, muss gehen.

Khalil, der nicht weiß, wo seine Eltern sind und ob sie noch leben, muss gehen.

Zani, der mit dem kaputten Auge, der die Artikel über das Massaker in seiner Heimatstadt zusammengetragen hat, muss gehen.

Yussuf aus Mali, der Tellerwäscher, der Ingenieur werden will, muss gehen.

Hermes, der mit den goldenen Schuhen, muss gehen.

Abdusalam, der Sänger mit dem Silberblick, muss gehen.

Mohamed, der die Hose aus modischen Gründen bis unter die Pobacken rutschen lässt, muss gehen.

Yaya, der den Klingeldraht durchgeschnitten hat, um den Probealarm zu beenden, muss gehen.

Und auch Rufu, mit seiner Plombe im Zahn.

Gehen muss Apoll, der in der Wüste von Niger zu Haus ist, in der Gegend, wo Frankreich nach Uran schürft.

Gehen muss Tristan.

Und Karon muss gehen, der Dünne.

Gehen muss auch der lange Ithemba, der so gut kocht.

Als man ihn auffordert, sein Zimmer zu verlassen, schneidet er sich vor den Augen der Beamten die Pulsadern auf und wird in die Psychiatrie abtransportiert.

Gehen muss auch Raschid.

An dem Montag, an dem er den Brief erhält, übergießt er sich auf dem Oranienplatz mit Benzin und will sich verbrennen.

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