Und dann ist das neue Jahr da. Die zwanzigjährigen Freundinnen der zwanzigjährigen Freundin von Peter haben getanzt und getrunken, haben sich über Frisuren unterhalten, über den neuen Film, der im Kino» International «läuft, über den Schnurrbart einer Popsängerin, über Bands, von denen Richard noch nie gehört hat, aber auch über Richard Wagner, Harry Potter, Kierkegaard, Virginia Woolf, schöne Männer und das neue Einkaufszentrum am Alex. Haben einigen der vorhandenen Gäste Zungenküsse gegeben, dann zu fortgeschrittener Stunde gestritten, eins von den Mädchen ist kurz vor Mitternacht in Tränen ausgebrochen und musste von ihrer besten Freundin getröstet und in den Arm genommen werden, einer von den jungen Männern hat zu viel getrunken und ist beim Hinausgehen auf den Balkon über die Schwelle gestolpert, ist hingefallen, hat geblutet und brauchte noch knapp im alten Jahr ein Pflaster quer über die Nase. Wie lang ist es her, dass Richard so jung war? Sein Freund Peter hat gute Figur gemacht, hat mit seiner Freundin, die auf den schönen Namen Marie hört, zum Queen-Song» We are the Champions «getanzt, und Richard hat sich gefragt, ob Marie einfach nur so nett ist, die Musik zu spielen, die ihren über dreißig Jahre älteren Freund an seine Jugend erinnert, oder ob ihr das Lied wirklich so gut gefällt.
Während pünktlich um 12 Uhr die Sektkorken knallen, Gäste sich um den Hals fallen, Raketen abgeschossen und Wunderkerzen geschwenkt werden, steht Richard einfach nur da und fragt sich, was das eigentlich ist: so ein Jahresanfang. Noch nie hat er so recht verstanden, was in der entscheidenden Sekunde eigentlich von einem abfällt — während das andere, das man noch nicht kennen kann, einem plötzlich ganz nah kommt. Früher hat er manchmal versucht, sich um Mitternacht auf die Zukunft, die in diesem Augenblick eingetreten zu sein schien, zu konzentrieren. Aber wie konzentriert man sich auf etwas, das man noch nicht kennt? Wer wird sterben? Wer wird geboren werden? Je älter er wurde, desto dankbarer war er dafür, dass es ihm ebensowenig wie anderen Menschen gegeben war zu wissen, was sein wird.
Der erste Tag in diesem neuen Jahr ist ein Mittwoch. Die meisten Beamten der Berliner Ausländerbehörde haben daher beim Übergang vom alten zum neuen Jahr die Gelegenheit genutzt, mit nur zwei Urlaubstagen beinahe eine ganze Woche Ferien zu gewinnen. Erst am Montag, dem 6. Januar, betreten sie wieder ihre Büros und drehen das Rädchen auf dem Jahresstempel um eine Zahl weiter, blättern in Ordnern und Papieren, tippen dies und tippen das, verschicken am Dienstag einige Briefe. Am Mittwoch, dem 8., treffen im Spandauer Heim und auch im Friedrichshain und im Wedding die Listen mit den ersten 108 Namen derer ein, die am Freitagmorgen, dem 10., ihr bisheriges Heim verlassen sollen, um zum Beispiel nach Magdeburg, oder in ein Containerwohnheim am Rande von Hamburg oder in ein bayrisches Bergdorf zurückzukehren, wo sie vor etwa zwei Jahren in Unkenntnis der europäischen und der deutschen Regelungen mehr oder weniger zufällig einen Antrag auf Asyl gestellt haben. Von wo sie vor zwei Jahren nach Berlin aufgebrochen sind, um gegen das Gesetz, das ihnen den Aufbau einer selbständigen Existenz und sogar den Ortswechsel innerhalb Deutschlands während des Asylverfahrens verbietet, zu protestieren. Das Gesetz ist noch immer das Gesetz und hat nun am Freitag ab acht Uhr seine große Stunde. Zwar darf man die Flüchtlinge, deren Namen auf der Liste stehen, nicht zwangsweise in den oder jenen abgelegenen Ort, der für sie zuständig ist, transportieren, aber zumindest die Räumung der bisher von ihnen bewohnten Zimmer in den Berliner Heimen ist nun von Gesetzes wegen Sache der Polizei.
Raschid hat die Liste fotografiert und das Bild Richard am Donnerstag zugeschickt. Von den Spandauer Bewohnern stehen 12 auf dieser Liste, darunter der Sänger Abdusalam mit dem Silberblick, der gerade dabei ist, schreiben zu lernen, außerdem Zair, der mit Raschid auf einem Boot war und die Kenterung nur überlebt hat, weil er, während das Boot kippte, über die Reling auf die Unterseite des Boots geklettert ist. Und dann steht noch ein Name auf dieser Liste, den Richard da wirklich nicht sehen will: Osarobo. Erst jetzt versteht Richard, warum eine wichtige Bedingung des Senats vor Abschluss der Vereinbarung die Nennung der Namen der Flüchtlinge war, denn natürlich nur, wenn ein Name bekannt ist, kann man ihn in solch eine Liste eintragen. Erst wenn ein Name bekannt ist, gibt es überhaupt eine Liste. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag schläft Richard unruhig und wacht schon vor fünf Uhr auf. Wo soll Osarobo jetzt hingehen?
Als Richard kurz vor acht Uhr in Spandau eintrifft, stehen schon zwanzig Mannschaftswagen der Polizei teils direkt vor dem Heim, teils auf Parkplätzen in der Nähe. Mit Metallgittern ist der Eingang zum Heim abgesperrt. Ein paar Heimbewohner stehen vor der Absperrung auf dem Gehsteig herum, auch ein paar Frauen und Kinder. Nein, er könne das Gebäude jetzt nicht betreten, sagen die Wachen, und zu wem er denn wolle. Zu Raschid, sagt er, und zeigt auf den Blitzeschleuderer, den er auf dem Hof inmitten einer Gruppe von Flüchtlingen reden und gestikulieren sieht. Nein, heute sei überhaupt kein Besuch hier möglich, wird Richard gesagt, aber gerade in diesem Moment entdeckt ihn Raschid und beginnt zu toben, als er merkt, dass sein Gast nicht zu ihm vorgelassen wird. Er sei doch hier nicht im Gefängnis! Er sei kein Verbrecher! Seinem Freund könne man doch nicht verbieten, zu ihm zu kommen! Jetzt entsteigen den vorderen Mannschaftswagen Polizisten in voller Montur: Kampfanzüge, Helme mit heruntergeklapptem Visier, Knüppel, Pistole. Gewaltig dröhnt die Erde unter ihren Füßen, als sie marschieren. In Viererreihen nehmen sie Aufstellung vor dem Tor zum Asylbewerberheim. Richard fragt sich, ob tatsächlich 40 schwerbewaffnete Männer notwendig sind, um 12 afrikanische Flüchtlinge aus so einem Heim zu tragen, ganz zu schweigen von den übrigen rund 150 Polizisten, die in den anderen Wagen auf ihr Startsignal warten. Morgen, das weiß er jetzt schon, wird in der Zeitung stehen, wieviel der Einsatz gekostet hat, und die Kosten werden vom Volk der Buchhalter den Objekten des Abtransports als Schuld zugeschrieben werden, wie das auch in anderen Zeiten, wenn Deutschland irgendwen hat abtransportieren lassen, üblich gewesen ist.
Eine Grenze, denkt Richard, kann also auch plötzlich sichtbar werden, kann plötzlich an einem Ort erscheinen, wo sonst nie eine war — was in den letzten Jahren an den Grenzen Libyens ausgefochten wurde oder an den Grenzen Marokkos oder Nigers, findet nun mitten in Berlin-Spandau statt. Wo es zuvor nur irgendein Haus, einen Bürgersteig, einen Berliner Alltag gab, wuchert plötzlich so eine Grenze, schießt ins Kraut, unvorhergesehen wie eine Krankheit.
Auf der Silvesterfeier hat ihm sein Freund Peter, während sie beide auf dem Balkon von Maries Freundin standen und in die Dunkelheit des alten Jahres blickten, die bald die Dunkelheit eines neuen Jahres sein würde, davon erzählt, dass für die Inka das Zentrum des Universums nicht ein Punkt gewesen sei, sondern eine Linie, an der die zwei Hälften des Universums aneinanderstießen. War auch das, was Richard hier am Eingang des Asylbewerberheims sah, vielleicht eine solche Linie? Waren auch die beiden Gruppen von Menschen, die sich hier gegenüberstanden, so etwas wie die zwei Hälften eines Universums, die eigentlich zusammengehörten, und deren Trennung dennoch unüberwindlich war? War der Graben zwischen ihnen tatsächlich bodenlos tief und entfesselte deshalb so heftige Turbulenzen? Und verlief er zwischen Schwarz und Weiß? Oder zwischen Arm und Reich? Oder zwischen Fremd und Freund? Oder zwischen denen, deren Väter nicht mehr am Leben waren, und denen, deren Väter noch lebten? Oder zwischen denen mit den geringelten Haaren und denen mit glatten? Oder zwischen denen, die ihr Essen Fufu nannten, und denen, die Gulasch dazu sagten? Oder zwischen denen, die gern gelbe, rote und grüne T-Shirts anzogen, und denen, die sich lieber einen Schlips umbanden? Oder zwischen denen, die gern Wasser tranken, und jenen, die Bier lieber mochten? Oder zwischen der einen Sprache und der andern? Wieviel Grenzen gab es überhaupt in einem einzigen Universum? Anders gefragt, was war die wirkliche, eine, entscheidende Grenze? Vielleicht die zwischen tot und lebendig? Die zwischen dem Sternenhimmel und dem Klumpen Erde, auf dem er täglich umherlief? Zwischen dem einen Tag und dem andern? Oder die zwischen Fröschen und Vögeln? Zwischen Wasser und Erde? Zwischen Luft, in der man Musik hörte, und Luft ohne Musik? Zwischen dem Schwarz eines Schattens und einem Grillkohlen-Schwarz? Zwischen dreiblättrigem und vierblättrigem Klee? Zwischen Fell und Schuppen? Oder millionenmal die zwischen innen und außen, wenn man jeweils einen einzigen Menschen oder ein einziges Tier oder eine einzige Pflanze als ein Universum ansah? Richard vertrug sich mit seinen Organen, hatte seinen Frieden gemacht mit dem rohen Fleisch in seinem Innern, das ihn am Leben hielt, ihn, mitsamt seinen Gedanken über Helenas Schönheit oder über die beste Art, eine Zwiebel zu schneiden.
Zieht man all diese möglichen Grenzen in Betracht, scheint Richard der Unterschied zwischen dem einen Menschen und dem anderen dagegen eigentlich lächerlich gering, und ist es vielleicht gar kein Graben, der sich hier am Eingang eines Asylbewerberheims in Berlin plötzlich auftut, und gibt es auf dieser Ebene des Universums vielleicht gar keine Verschiedenheit und keine zwei Hälften, denn immerhin geht es nur um ein paar Pigmente in dem Material, das von allen Menschen in der jeweiligen Sprache Haut genannt wird, und dann wäre die Gewalt, die sich hier gerade zeigt, durchaus nicht der Vorbote eines Sturms im Zentrum eines Universums, sondern beruhte nur auf einem absurden Missverständnis, das die Menschheit entzweit und sie davon abhält, sich klarzumachen, um wieviel länger der Atem eines Planeten im Vergleich zum Atem eines jeden von ihnen ist. Ob man Hose und Jacke aus einer Kleidersammlung am Leibe trägt, einen Markenpullover, ein teures oder ein billiges Kleid oder eine Uniform plus Helm und Visier, ist man darunter doch immer nackt, und wird sich, wenn es gut geht, vielleicht ein paarmal an der Sonne gefreut haben oder am Wind, am Schnee oder am Wasser, wird vielleicht das eine oder andere Gute gegessen oder getrunken haben, wird vielleicht irgend jemanden geliebt haben und vielleicht wiedergeliebt worden sein, bevor man stirbt. Was in der Welt wächst und fließt, reicht längst schon für alle, und dennoch findet hier, das sieht Richard an den zwanzig Mannschaftswagen, offenbar ein Überlebenskampf statt. Sollte die Polizei hier tatsächlich für diejenigen Deutschen im Einsatz sein, die so arm sind, dass sie zum Fest nur gestohlene Gänsebraten auftischen können? Eher doch nicht, denkt Richard, denn sonst hätte er längst schon vor der oder jener Bankfiliale 20 Mannschaftswagen sehen müssen und Polizisten in voller Montur, um die Manager, die Milliarden veruntreut haben, herauszutragen. Ja, denkt er, was hier vor sich geht, sieht wie Theater aus, und es ist auch Theater — ist eine künstliche Front, die eine andere, wirklich existierende Front verdeckt. Das Publikum brüllt aufs Stichwort nach Opfern, und die Gladiatoren tragen aufs Stichwort ihr wirkliches Leben in die Arena. Hatte man ausgerechnet in Berlin schon wieder vergessen, dass eine Grenze sich nicht nur an der Größe des Gegners bemaß, sondern ihn auch erschuf?
Es reiche ihm, schreit nun Raschid, er zünde alles an, er reiße das Haus hier nieder, er sprenge es in die Luft, er zerschlage das Mobiliar, reiße das Dach ab, trete die Türen ein, irgend so etwas schreit Raschid drinnen auf dem Hof, während draußen Richard steht und hört, wie der Heimleiter und seine Assistentin leise darüber beraten, ob es an der Zeit sei, dem Rasenden Hausverbot zu erteilen. Dann setzt sich der Zug aus den 40 martialisch kostümierten Polizisten in Gang. Im Gleichschritt nehmen sie allerdings nicht Kurs auf Raschid, sondern biegen schon vorher ab und verschwinden zügig im vorderen Gebäude, wo, wie Richard weiß, gar keine Flüchtlinge untergebracht sind, sondern nur die Büros der Verwaltung. Wenige Minuten später kommen sie, ebenfalls im Gleichschritt wieder heraus und nehmen dort, wo sie vorher standen, vor dem Tor, ihren Platz wieder ein. Wo ist Raschid geblieben? sagt jetzt die Abgeordnete, die auch neulich im Heim war, zu Richard. Dass sie neben ihm steht, hat er noch gar nicht bemerkt. Er weiß ebensowenig wie sie, wo der Empörte hingekommen sein mag, wie ein Schwamm hat die Spezialeinheit über das Bild gewischt und nun ist der Blitzeschleuderer nicht mehr zu sehen. Keine Ahnung, sagt er. Er ist schwer herzkrank, sagt die Abgeordnete, ich mache mir Sorgen. Jetzt erinnert sich Richard wieder daran, dass Raschid damals auf der Versammlung im Altersheim ein Bändchen um sein Handgelenk getragen hatte, auf dem Charité stand. Er hatte sich darüber gewundert und dann für möglich gehalten, dass es eine Hilfsorganisation gab, die auch, ebenso wie das große Berliner Krankenhaus, Charité, also Nächstenliebe, hieß. Ist er hier in Berlin in Behandlung? fragt Richard. Ja, sagt die Frau, er sollte vor drei Monaten operiert werden, aber dann ist er aus dem OP-Vorbereitungsraum weggelaufen, um sich um seine Leute zu kümmern. Seitdem wartet er auf einen neuen Termin.
Wir könnten ihn anrufen, sagt Richard.
Das Netz ist seit heute morgen gestört, sagt die Abgeordnete, ich hab es vorhin auch schon versucht.
Welches Netz?
Das, über das die Flüchtlinge alle telefonieren.
Genau heute, das ist allerdings seltsam, sagt Richard.
Ja, ziemlich seltsam, sagt die Abgeordnete.
Und nun kommt plötzlich Yussuf, der Tellerwäscher aus Richards fortgeschrittenem Sprachunterricht, aus dem Heim gelaufen, Richard hat ihn schon lange nicht mehr gesehen, er schreit etwas in einer afrikanischen Sprache, dann auf Französisch, dann auf Italienisch, auch ein paar Brocken Deutsch, verdammt nochmal, lasst uns in Frieden, und boxt jeden, der versucht, mit ihm zu reden, boxt auch Richard, als der zu ihm hingeht und ihn zu beruhigen versucht, ich habe genug, schreit er, dreht sich wie ein Rumpelstilzchen um seine eigene Achse und spricht dann aufgeregt auf die Polizisten ein, aber die lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, halten ihm nur ihre Wand aus Schilden entgegen. Richard denkt daran, wie stolz Yussuf darauf war, dass er das Wort Tellerwäscher gelernt hat, denkt auch daran, wie er gesagt hat, dass er gern Ingenieur werden würde. Jetzt ist er nur noch ein Wilder, den man, wenn er sich nicht bald beruhigt, in eine Zwangsjacke stecken wird und abtransportieren.
Irgendwann erscheint auch Raschid wieder auf dem Hof. Er tobt nicht mehr, er schreit nicht mehr, er sieht einfach nur noch erschöpft aus. Hinausgehen aus dem Heim darf er, aber natürlich, sagen die Wachen, und so kommt er zu ihnen hinaus auf den Vorplatz.
It’s really bad, sagt er, wirklich, wirklich schlimm heute, er gibt der Abgeordneten und Richard die Hand und vergisst trotz allem nicht, die beiden how are you zu fragen.
Good, sagt Richard pflichtgemäß.
Good, sagt auch die Abgeordnete.
Sie behandeln uns wie Verbrecher. Aber was haben wir denn getan?
Richard zuckt mit den Schultern.
Raschid zieht sein kleines Telefon aus der Hosentasche und drückt ein paar Tasten.
Das Telefon geht immer noch nicht.
Ja, wir haben es auch schon gemerkt.
Kommt ihr nachher zur Demonstration? Wir ziehen vom Oranienplatz zum Senat.
Richard und die Abgeordnete nicken.
Dann geht Raschid zu Yussuf hinüber, der noch immer auf die Wand aus geharnischten Polizisten einredet und dabei mit dem Zeigefinger auf sie hinsticht, als würden sich hinter den Visieren besonders starrsinnige Schüler verbergen. Raschid klopft ihm ein paarmal freundschaftlich auf die Schulter, it’s okay, sagt er, it’s okay. Yussuf tritt noch einmal gegen das Metallgitter, das heute früh aufgestellt worden ist, flucht, indem er sich von den Geharnischten abwendet, noch ein paarmal über die Schulter und geht dann wieder ins Heim.
Steht er etwa auch auf der Liste? fragt Richard den Blitzeschleuderer, als der zu ihnen zurückkommt.
Nein, aber das alles hier stresst ihn. Auch Rufu war über Weihnachten schon in der Psychiatrie.
Ach, um Gottes Willen, sagt Richard.
Ja. Jetzt ist er wieder draußen, aber es geht ihm nicht gut.
Was hat er?
Er kann nicht mehr essen. Er kann oder will den Mund nicht mehr aufmachen.
Richard merkt, wie ihn für einen kurzen Moment Panik anfällt. Ist das alles hier vielleicht wirklich nie mehr zu retten?
Wo sind überhaupt die 12 Leute? fragt die Abgeordnete.
Einige sind gestern schon weggegangen, und die anderen kommen gleich.
Sie verlassen das Heim freiwillig? fragt Richard.
Sollen sie etwa schon wieder kämpfen? Das sind Leute, die vor dem Krieg geflohen sind.
Und dann kommen die paar Männer heraus, Rucksäcke auf dem Rücken, eine Reisetasche oder ein paar Plastiktüten in der Hand. Sie gehen an den vielen, vielen Mannschaftswagen der Polizei vorbei in Richtung Bushaltestelle. Osarobo ist nicht dabei, auch Zair nicht. Abdusalam, der Sänger, gibt Richard und der Abgeordneten zum Abschied die Hand und umarmt Raschid, bevor er den anderen folgt. Der Liste ist Genüge getan.