Es ist schön, wieder hier zu sein.« Daniel stellt seinen Rucksack und die große Tasche in den Flur und geht bedächtig durch die einzelnen Räume der Werkstatt. In dem Zimmer mit den beiden großen Werkbänken bleibt er stehen. Carolin folgt ihm und schiebt auf ihrer Werkbank einen Stapel Papier zusammen, der so hoch und schief ist, dass er schon fast vom Tisch zu fallen droht.
»Viel habe ich nicht verändert, seitdem du nicht mehr da bist. Okay, es ist nicht mehr ganz so ordentlich, da hattest du doch eine sehr disziplinierende Wirkung auf mich.«
»Ich hoffe doch sehr, du vermisst nicht nur meinen unschlagbaren Sinn für Ordnung.« Beide fangen an zu lachen – dann nimmt Daniel Caro in den Arm und drückt sie ganz fest. »Wirklich, Caro, ich habe mich sehr gefreut, als du mich wegen des Jobs angerufen hast.« Er lässt sie wieder los.
»Ja, als die Anfrage von Herrn Lemke kam, dachte ich mir sofort, dass die Restaurierung einer historischen Instrumentensammlung bestimmt spannend genug wäre, um dich nach Hamburg zu locken.«
Daniel guckt sie versonnen an. »Ich wäre auch für die Begutachtung einer chinesischen Kiefernholzfiedel nach Hamburg gekommen, wenn du mich darum gebeten hättest.«
Dazu sagt Carolin nun nichts, sondern schaut zu Boden. Offenbar macht Daniel sie verlegen. Wie spannend! Ich freue mich allerdings auch sehr, dass Daniel wieder da ist. Auch wenn er bisher nur Augen für Carolin hatte. Ich beschließe, mal ein bisschen auf mich aufmerksam zu machen, indem ich mit einem Satz auf Daniels Füße hüpfe.
»Hoppla! Mann, Herkules, stimmt – dich habe ich noch gar nicht richtig begrüßt!«
Was heißt hier nicht richtig? Gar nicht, mein lieber Daniel, gar nicht! Aber das macht ja nichts, du kannst es jetzt nachholen, ich bin da nicht nachtragend. Und das macht Daniel, der alte Hundeversteher, jetzt auch. Er beugt sich zu mir herunter und hebt mich hoch.
»Nun lass dich mal richtig knuddeln, du Süßer!« Er krault mich hinter den Ohren, ich drehe den Kopf und schlecke ihm blitzschnell übers Gesicht. Daniel lacht.
»Mann, das ist ja eine Freude unter den Dackeln. Herkules, ich habe dich vermisst. Vielleicht sollte ich mir auch so ein kleines Kerlchen wie dich anschaffen, aber ich befürchte, dann bekomme ich Probleme mit Aurora. Sie ist nämlich nicht das, was man gemeinhin als Hundefreundin bezeichnen könnte.«
Nein, so habe ich sie auch nicht in Erinnerung. Und leider beantwortet das auch gleich meine dringendste Frage, nämlich, ob Daniel tatsächlich noch mit dieser Schreckschraube zusammen ist. Ist er offensichtlich. Auweia. Dabei hätte ich ihm doch sehr eine nettere Frau gegönnt. Gut, die netteste ist nun vergeben, aber ein paar andere laufen bestimmt noch frei herum.
Daniel setzt mich wieder ab, dann geht er nochmal zu seiner Tasche im Flur und kramt einen Zettel heraus.
»So, Herr Lemke hat mich in einem Apartmenthaus ganz in der Nähe untergebracht. Lauter kleine Wohnungen, im Internet sah es sehr nett aus. Da werde ich die nächsten sechs Wochen wohnen. Mal sehen, wo genau das ist.« Er studiert den Zettel. »Ach, eigentlich genau neben dem Park, wie praktisch!«
»Soll ich dir ein Taxi rufen?«
»Gerne. Ich will nur schnell auspacken und mich vielleicht ein Stündchen aufs Ohr legen. Ich bin ein bisschen müde.«
Tatsächlich sieht Daniel geschafft aus: Seine blonden Locken stehen kreuz und quer vom Kopf ab, und seine großen, dunklen Augen haben noch dunklere Ringe darunter.
»Klar, mach das. Ich gebe dir einen Werkstattschlüssel, dann kannst du einfach wiederkommen, wenn du so weit bist.«
»Danke, Carolin. Es ist ein schönes Gefühl, wieder einen Schlüssel zu haben.«
Als Daniel gegangen ist, macht sich Carolin an ihrer eigenen Werkbank zu schaffen. Sie nimmt eine der fast fertigen Geigen und hält sie ins Licht, dreht sie hin und her und schnappt sich ein Stück Schleifpapier. In diesem Moment klingelt es an der Tür. Caro legt die Geige wieder zur Seite.
»Was denkst du, wer das ist, Herkules? Nina vielleicht? Könnte sein, oder? Erwarten tue ich jedenfalls niemanden.«
Richtig geraten: Es ist wirklich Nina, die vor der Tür steht. Ohne groß Hallo zu sagen, stürmt sie gleich in die Werkstatt.
»Na, wo ist Daniel? Ich wollte ihn doch gleich mal begrüßen. «
»Den hast du knapp verpasst. Er ist eben in sein Hotel gefahren. War ein bisschen geschafft.«
»Ach schade.« Nina klingt enttäuscht.
»Aber ich denke mal, dass er später wiederkommt. Soll ich ihm einen Zettel hinlegen, dass er sich bei dir melden soll? Deine Sehnsucht scheint ja groß zu sein.«
»Was heißt hier Sehnsucht? Ich habe ihn einfach ganz lange nicht mehr gesehen und mich deshalb schon auf ihn gefreut. Ich dachte, wir könnten vielleicht einen Kaffee zusammen trinken.«
»Tja, ich fände einen Kaffee auch nicht schlecht. Oder bekomme ich den bei dir nur, wenn ich Daniel mitbringe?«
Nina schüttelt den Kopf und macht dabei ein Geräusch, das wie TSSS klingt. »Ich habe mir übrigens eine neue Kaffeemaschine gekauft und kann dir gleich einen sehr leckeren Latte Macchiato anbieten.«
»Klingt super! Dann mal los!«
Bevor wir Ninas Wohnung entern können, gilt es allerdings noch ein Hindernis zu überwinden: Auf ihrer Fußmatte liegt ein ziemlich großer Blumenstrauß, der herrlich frisch duftet. Mir ist natürlich sofort klar, wer den da hingelegt hat: der Nachbar? Das ist doch der gleiche Trick wie mit dem anderen Päckchen, der Box mit diesen Ohropax. Lustige Gewohnheiten hat der Herr. Fast wie eine Katze. Bei Herrn Beck habe ich das zwar noch nie beobachtet, aber die Katzen im Schloss legten tatsächlich auch gerne Sachen auf die Fußmatte vom Seiteneingang zur Küche. Meist waren das tote Mäuse, manchmal auch ein kleines Vögelchen, das sie erjagt hatten. Emilia war darüber nicht besonders begeistert, hat aber nie geschimpft, weil es die Katzen nur gut gemeint hätten.
Nina guckt zwar nicht so angewidert, wie es Emilia bei den Mäusen tat, besonders begeistert scheint sie aber auch nicht zu sein. Sie seufzt und hebt die Blumen auf.
Caro guckt neugierig. »Aha. Ein heimlicher Verehrer?«
Nina schüttelt den Kopf. »Heimlich trifft es nicht ganz.«
»Dein Nachbar, oder?«
»Ja«, antwortet Nina knapp.
Carolin lacht. »Siehste, ich hab’s dir ja gleich gesagt.«
»Warte mal kurz, bin gleich wieder da.« Nina dreht sich um und geht die Treppe nach oben. Caro und ich bleiben derweil unten stehen. Wir können hören, dass Nina bei Alexander klingelt, er öffnet die Tür.
»Hallo, Alex. Hör mal, das ist ja nett gemeint mit den Blumen – aber wie ich dir schon sagte: Ich will mich nicht weiter mit dir treffen. Also bemüh dich bitte nicht mehr. Und die …« Es raschelt laut, vermutlich das Papier, in das die Blumenstiele eingeschlagen sind, »… die möchte ich auch nicht behalten. Vielleicht kannst du sie deiner Mutter schenken.«
Alex scheint gar nichts zu sagen, Ninas Schuhe klappern auf dem Weg nach unten, oben wird die Tür wieder geschlossen.
»Wow, Nina, das war schon sehr direkt!«
Nina erwidert nichts, stattdessen schließt sie Caro und mir die Tür auf und schiebt uns in ihre Wohnung. Als sie die Tür hinter uns zugemacht hat, atmet sie tief durch.
»Mann, Alexander ist echt niedlich, aber er kommt mir vor wie ein Kind. Die letzten zwei Tage hat er mich jedes Mal, wenn er mich gesehen hat, um ein Date gebeten. Den Zahn musste ich ihm gerade mal endgültig ziehen.«
»Ja, das dürfte dir gelungen sein. Schade um die Blumen. Die waren wirklich schön. Der Mann hat offensichtlich Geschmack.«
Mittlerweile hat sich auch Herr Beck aus seinem Körbchen erhoben und steht neben uns. Er sieht noch ein wenig verschlafen aus. »Sag mal, Freund, wovon reden die beiden Damen?«
»Die Kurzversion? Der Typ von der Party hatte Blumen für Nina vor eure Tür gelegt. Die hat sie ihm aber gerade wieder in die Hand gedrückt.«
»Aha.« Herr Beck scheint ungerührt. So, als hätte er in diesem Fall auch nichts anderes erwartet.
»Findest du das gar nicht komisch? Ich meine, auf der Party sah es doch so aus, als hätte sie ihn sehr, sehr gerne.«
»Findest du? Ich hatte eher den Eindruck, Nina war nur auf der Suche nach Spaß.«
Hä? Wie meint der Kater denn das jetzt? Wieso Spaß? Ich dachte, beim Küssen geht’s den Menschen um Liebe. Und beim Sex sowieso. Genauso hat mir Beck das mal erklärt – dass Sex und Liebe bei den Menschen irgendwie zusammengehören. Ich fand das Konzept zwar nicht sofort einleuchtend, aber nicht alles beim Menschen lässt sich logisch erklären. Muss es ja auch nicht. Jedenfalls hatte Carolin ja auch deswegen mit ihrem gruseligen Freund Thomas Schluss gemacht: weil Beck und ich ihr beweisen konnten, dass er Sex mit einer anderen Frau hatte. Das nennt man Betrug, und es verträgt sich nur sehr schlecht mit der menschlichen Liebe.
»Aber du selbst hast mir doch erklärt, dass diese ganze Sache mit Küssen und so weiter bei den Menschen mit Liebe zu tun hat. Und dann müsste sich Nina doch über Blumen von Alexander freuen. Was meinst du denn jetzt mit nur Spaß?«
Herr Beck sieht mich an, als sei ich heute besonders schwer von Begriff, und atmet schwer. Das ist eigentlich eine Frechheit, denn immerhin war er es, der mich erst auf die Idee gebracht hat, dass es den Menschen bei der Paarung um die Liebe geht.
»Also, es ist wie folgt«, beginnt Beck zu erklären und spricht dabei so langsam, als habe er es mit einem Schwachsinnigen zu tun, »oft ist das Küssen wirklich ein Zeichen von Liebe. ABER – es muss nicht immer so sein. Menschen küssen sich auch, weil es Spaß macht. Und insbesondere, wenn sie sich eigentlich nicht kennen, geht es oft nur um den Spaß. Man kann ja eigentlich niemanden lieben, den man nicht kennt. Mit Sex ist es dann genauso.«
Nun gut. Klingt logisch. Allerdings habe ich Herrn Beck ja auch noch nicht von meiner sensationellen Erkenntnis berichtet, die das alles in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.
»Aber Nina wünscht sich Liebe.«
Herr Beck zögert einen Moment, dann prustet er los. »Wie kommst du denn auf diese Idee?«
»Weil sie zynisch ist.«
»Bitte? Was soll das denn für ein Grund sein?«
»Also, es war ungefähr so: Nina hat Carolin gesagt, dass sie sich Alexander geschnappt hat, weil sie seit fünftausend Jahren keinen Sex mehr hatte. Carolin wollte dann wissen, ob es was Ernstes ist, und Nina hat ihr erklärt, dass Alexander für Sex genau richtig, aber für Liebe zu jung ist. Oder so ähnlich. Und dann sagte Carolin: Nina, du bist zynisch.«
»Schön und gut, aber wieso denkst du deswegen, dass Nina sich Liebe wünscht?«
»Na, du hast es doch selbst gesagt: Zynismus ist, wenn man etwas lächerlich macht, weil man es gerne hätte, aber gleichzeitig Angst hat, dass es das nicht gibt.«
»Tut mir leid, Kumpel. Ich kann dir gerade überhaupt nicht folgen.«
Mann, das ist heute aber auch schwierig mit Beck. Also, wenn hier jemand schwer von Begriff ist, dann dieser Kater.
»Es ist doch sonnenklar: Nina macht die Sache mit Alexander lächerlich, weil sie sich genau das wünscht. Liebe eben. Sie hat nur Angst, dass es eh nichts wird.«
Herr Beck schüttelt den Kopf. »Eine sehr steile These, Herr Kollege. Und im Übrigen hat Nina Liebe.«
»Echt? Hat sie einen Freund, von dem ich noch gar nichts weiß?«
»Nein. Sie hat mich. Und ich weiß, ich habe immer das Gegenteil über das Verhältnis von Mensch und Tier behauptet – aber ich muss mich revidieren. Diesmal ist es wirklich Liebe.«
Dazu sage ich nichts mehr. Es ist sowieso zwecklos. Aber ich bleibe dabei: Nina wünscht sich Liebe. Und zwar nicht die eines alternden Katers. Da bin ich mir ganz sicher. Vielleicht kann ich mich momentan auch deswegen so gut in Nina hineinversetzen, weil es mir ganz ähnlich geht. Auch ich wünsche mir Liebe. Leider hatte ich immer noch keine Idee, wie ich Cherie beeindrucken und ihr Herz damit für mich gewinnen könnte. Beck vielleicht? Immerhin wollte er darüber nachdenken.
»Sag mal, Beck, hast du dir vielleicht noch mal Gedanken über mein Problem gemacht?«
»Welches Problem?«
»Na – mit Cherie!«
»Cherie?«
Großartig. Herr Beck kann sich anscheinend nicht mal mehr daran erinnern, dass ich ihm vor kurzem mein Herz ausgeschüttet habe.
»Du weißt schon – die Retrieverhündin.«
»Ach ja, die. Nee, darüber habe ich noch gar nicht weiter nachgedacht.«
Ich seufze innerlich und lege den Kopf auf meine Vorderläufe. Beck scheint momentan völlig von seiner neuentdeckten Liebe zum Menschen in Beschlag genommen zu sein. Auf sein strategisches Geschick kann ich also nicht unbedingt bauen. Dann muss ich es selbst hinbekommen. Fragt sich nur, wie ich das anstellen soll. Ich habe offen gestanden nicht den blassesten Schimmer.
Caro und Nina haben sich mittlerweile in die Küche verzogen und testen den neuen Kaffeeautomaten. Der macht einen gewaltigen Lärm, dampft und zischt. Da soll Kaffee rauskommen? Die Maschine in der Küche von Marc und Caro versieht diese Aufgabe eigentlich immer still und leise, von einem gelegentlichen Blubbern vielleicht mal abgesehen.
Aber tatsächlich füllen sich die beiden Gläser, die Nina in den Automaten gestellt hat, mit Flüssigkeit. Riecht von hier unten allerdings eher wie Milch. In diesem Moment schießt noch mehr Flüssigkeit in die Gläser, diesmal eindeutig Kaffee. Nina wartet ab, bis die Maschine zu Ende gespuckt hat, dann reicht sie Caro ein Glas.
»E prego, un latte macchiato.«
»Grazie tante.«
Beide beginnen zu schlürfen, schnell hat Caro einen Schnurrbart aus Milch. Sieht sehr lustig aus.
»Hm, der ist aber lecker. So eine Espressomaschine ist schon toll. Da hast du ja ordentlich in deine Küche investiert. «
»Na ja, eigentlich ist sie für mein Büro an der Uni. Das Semester fängt nächste Woche wieder an, und so wie ich das sehe, werde ich eine ziemlich aufwändige Arbeitsgruppe leiten und viel Zeit dort verbringen. Da musste ich mir mal ein Highlight gönnen.«
»Klingt interessant. Worum geht’s da?«
»Im wesentlichen um interdisziplinäre Suchtforschung. Machen wir mit den Medizinern zusammen.«
»Aha. Na, dann noch mal auf die Forschung!«
»Ja. Prost.«
Die beiden stoßen mit ihren Gläsern an.
Caro trinkt noch einen Schluck, guckt dann auf ihre Uhr. »Oh, schon gleich halb drei. Ich mache für heute Schluss. Ich habe Luisa versprochen, sie früher aus dem Hort abzuholen, damit wir noch die Einladungen für ihre Ponyparty auf Schloss Eschersbach basteln können.«
Nina zieht die Augenbrauen hoch. »Ponyparty auf Schloss Eschersbach? Klingt reichlich überkandidelt für ein neunjähriges Mädchen.«
»Unter normalen Umständen würde ich dir Recht geben, aber hier ist es ein Notfall. Ich habe dir doch erzählt, dass Luisa Schwierigkeiten hat, in ihrer neuen Klasse Freundinnen zu finden. Sie wollte vor ein paar Wochen eine Pyjamaparty feiern, aber keine von diesen kleinen Ziegen hat zugesagt. Luisa war ganz deprimiert. Da dachte ich, wir ködern die Damen mal mit einem richtigen Highlight. Hat Marc dann eingefädelt, er betreut ja die Dackelzucht vom Schlossherrn.«
»Aha. Und du meinst, die kleinen Biester sind käuflich?«
»Garantiert. Wer sich selbst den Namen Tussi-Club gibt, kann zu so einer glamourösen Veranstaltung mit Sicherheit nicht Nein sagen.«