Kapitel 10: Die Philosophie von Putins Macht – Der Bewacher am Höhleneingang. Wladimir Putins Russophobie

Die russische politische Opposition und die ihr zugeneigten Intellektuellen, mit deren Augen das Establishment im Westen nicht selten auf die Ereignisse in Russland und dessen jüngste Geschichte schaut, haben sich den Begriff »blutiges Regime« angewöhnt. Doch Putin ist alles andere als ein blutrünstiger Tyrann. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele und Belege. Wenn das Projekt »Bürger Poet«1, in dem der Tyrann auf literarischem Niveau gescholten wird, im Barvikha Luxury Village oder im Theater Estrada gastiert, dessen Direktor Gennadi Chasanow ein rührendes Verhältnis zum ersten Mann im Staat hat – was hat das dann zu bedeuten?

Putin ist nicht nur kein Tyrann, sondern streng genommen nicht einmal eine Führungspersönlichkeit. Er ist ein Markenzeichen, ein Symbol für den glamourösen Autoritarismus, der sich in der Zeit nach Jelzin herausgebildet hat. Seine Funktion als Markenzeichen erfüllt er zufriedenstellend. Der eine sichert sich mit dessen Hilfe Milliardenkredite bei staatlichen Banken (von denen WWP selbst in der Regel nichts weiß, und wenn er davon erfährt, wundert er sich nicht einmal), ein anderer rechtfertigt damit seine frühreife Oppositionshaltung.

Putins Problem indes liegt nicht in einer eigenhändigen Lenkung des Staates, wie viele denken. Der Staat wird eher von einer so großen Anzahl leichtfertiger Hände gelenkt, dass sie keiner mehr beaufsichtigen kann. Putins Problem ist, dass jedes Markenzeichen nur dann erfolgreich sein kann, wenn es zeitgemäß ist, was man über das Markenzeichen »Putin« mittlerweile allerdings nicht mehr sagen kann. Und deswegen muss er weg.

Aber abgesehen von Putin als Markenzeichen gibt es noch Putin als Mensch. Man sollte seine Möglichkeiten nicht überschätzen, und es liegt natürlich nicht an ihm. Aber wenn wir ihn schon in die Mangel nehmen, müssen wir auch versuchen, diesen Menschen zu verstehen.

Die vierzehn Jahre, in denen WWP in der einen oder anderen Weise an der großen Macht teilhatte, sowie seine vielen Worte und wesentlichen Schritte erlauben es durchaus, einige Schlussfolgerungen zu ziehen.

Putin ist weder ein Diktator, noch ist er machthungrig. Er hat lediglich einen leichten Hang zur Misanthropie im Allgemeinen und einen schweren zur Russophobie im Besonderen. In seinen relativ jungen Jahren (in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre) hatte er ein schreckliches Erlebnis. Als er beruflich in der DDR war, traf er unerwartet auf reale Deutsche. Und das hat ihn umgeworfen. Ihm wurde auf einmal klar, dass es menschliche Wesen gibt, die fähig sind, auch ohne den vorgehaltenen Gewehrlauf zu arbeiten, die ein Ergebnis liefern können, ohne sieben Mal am Tag daran erinnert zu werden, und die sogar während der Arbeitszeit nüchtern sein können. Diese anthropologische Entdeckung stürzte Putin in tiefe Verlegenheit. Und anscheinend kam er zu dem Schluss, dass die Macht (nicht in Russland, sondern überhaupt) wie auch die Philosophie deutsch sein müssen – wenn möglich.

Allem Anschein nach denkt Putin ungefähr so. Die Russen sind natürlich gutmütig und nett, mitleidsfähig und kontemplativ, aber sie eignen sich nicht für eine kontinuierliche, zielgerichtete Tätigkeit und ein ausgewogenes, friedliches, schöpferisches Leben.

Der Russe ist eine Maschine, die Probleme generiert (und keine Lösungen dafür findet). Er fegt alles fort, was ihm im Weg steht, er ist ein unbezähmbarer Sämann der Entropie, eine Verkörperung des zweiten Grundsatzes der Thermodynamik. Er ist ein Teil der Kraft, die stets das Gute will, wobei letztlich doch alles beim Alten bleibt. Wie in diesem Witz: Kommt jemand ins Gefängnis und hat zwei Kugeln, die eine geht ihm kaputt, und die andere verliert er.

Einem solchen Menschen darf man kein freies Manövriergelände lassen. Man muss ihm deutlich einen schmalen Platz zuweisen, ihn vom Raum der Möglichkeiten isolieren und ihm von Zeit zu Zeit den Rotz mit einem Stofftaschentuch abwischen. Das nennt man Sozialpolitik, und man darf keinesfalls ein Seidentuch benutzen, sonst wird er überheblich. Von Zeit zu Zeit muss man ihn damit trösten, dass sich Russland wieder einmal von den Knien erhoben hat und es große Ehre und Glück bedeute, ein stummer Diener des Imperiums zu sein, was die fremdländischen Dummköpfe natürlich nicht verstehen können.

Putins Aufgabe besteht nicht darin, das russische Volk zu mobilisieren. Im Gegenteil. Er soll es weitgehend schwächen, damit es sich nicht erhebt. WWPs Rhetorik muss wirken wie sedierende Psychopharmaka. Denn er ist von einer Demarkationslinie umgeben, die den Namen des legendären Psychiaters Kaschtschenko trägt, mit dessen Namen man die bekannteste psychiatrische Klinik der UdSSR verbindet. Deswegen spielt auch der Inhalt seiner Rhetorik keine Rolle, über den man sich nicht den Kopf zerbrechen sollte (geschweige denn darüber reden, denn das Leben ist kurz, bis zum Weltuntergang bleibt wenig Zeit). WWP wäre der ideale Chefarzt einer sowjetischen Irrenanstalt gewesen, aber das Leben hat ihm einen anderen Weg gewiesen.

Ein einfaches Beispiel. Im Mai 2012, kurz nach seiner erneuten Wahl auf seinen Dauerposten, unterschrieb der Präsident der Russischen Föderation einen strategischen Supererlass »Über langfristige Ziele der staatlichen Wirtschaftspolitik«. Darin werden versprochen: die Schaffung und Modernisierung von 25 Millionen hochproduktiven Arbeitsplätzen zum Jahr 2020 sowie die Erhöhung des Investitionsvolumens auf nicht weniger als 25 Prozent des BIP zum Jahr 2015 und auf 27 Prozent zum Jahr 2018. Die Regierung (immer noch mit Dmitri Medwedew) stand vor der Aufgabe, bis zum Jahr 2018 die Arbeitsproduktivität um das Anderthalbfache im Vergleich zu 2011 zu steigern und den Anteil der Produktion von Hochtechnologie und forschungsintensiven Zweigen innerhalb des BIP bis 2018 um das 1,3fache.

Es versteht sich von selbst, dass Putin als durchaus vernünftiger Mensch nicht an die Erfüllbarkeit dieser Versprechungen glauben kann. Die Raumschiffe werden nach einem Ausspruch des bekannten sowjetisch-postsowjetischen Satirikers Michail Schwanezki nicht im Bolschoi-Theater landen. Damit meinte er, dass die beiden bekanntesten sowjetischen Markenzeichen – das Ballett und die Weltraumfahrt – der Putin’schen Wirtschaft zum Opfer gefallen sind.

Daher lautet die eigentliche Message dieses höchsten Erlasses: Liebe Bürger Russlands, geht in eure Sauna (fuck off!), hier habt ihr meinen Erlass, erfüllt ihn, falls ihr dazu in der Lage seid, meine törichten Untertanen.

Im Grunde haben die föderale Regierung Russlands unter der Leitung von Dmitri Medwedew und besonders das Finanzministerium unter Anton Siluanow bereits 2013 deutlich zu verstehen gegeben, dass die von unserem Helden im Wahlkampf 2012 umrissenen Perspektiven unrealistisch sind. Wie sagte in vielen ähnlichen Fällen der berüchtigte Boris Beresowski? »Wir hatten Geld und werden es haben, aber im Moment sind wir blank.« Ungeachtet des relativ hohen Preisniveaus für Erdöl schreitet die russische Legislative bereits zur Kürzung des föderalen Budgets für 2014 bis 2016, vorerst formal um 5 Prozent, was nach Meinung von Experten jedoch noch längst nicht das Ende der Fahnenstange ist.

Putin erbaut nichts und weist keinen Weg. Seine selbstgenügsame Überidee heißt Stabilität. Mit Russland ist (aus oben genannten Gründen) sowieso nichts anzufangen. Und wenn ich schon durch die Ironie des postsowjetischen Schicksals an der Macht bin, räsoniert WWP, ist das Einzige, was ich erreichen kann, dass nichts kaputtgeht. Das ist es, was ich tue. Wenn jemand es besser kann, dann soll er ans Werk gehen. Aber das kann niemand, denn ich bin von Gaunern und Schwindlern, von Alkoholikern und Tagedieben umgeben, zum Kuckuck mit ihnen.

Ich möchte ein weiteres Beispiel aus der neueren russischen Geschichte anführen. Anfang 2000 wirkte ich über meinen damaligen Boss Boris Beresowski an der Tangente des Wahlkampfstabs von WWP mit. Eines Tages formulierte ich für den Stab einige Themen und Ideen, die aus meiner Sicht geradezu gefährlich an Genialität grenzten. Sie sollten Putin helfen, seine fragilen Umfragewerte steigen zu lassen. Der Stab nahm das alles entgegen und antwortete mir ein paar Tage später: »Die Ideen sind hervorragend. Wladimir Wladimirowitsch hat alles abgelehnt.«

»Warum, wenn die Ideen gut sind?«, fragte ich etwas verdutzt (ich war noch jung, woher sollte ich es wissen!).

»Weil die Umfragewerte auch so schon für einen Sieg im ersten Wahlgang reichen. Und Wladimir Wladimirowitsch meint, das Wichtigste ist, nichts zu verschleudern.«

»Nichts zu verschleudern« ist der geheime Slogan von Putins Präsidentschaft. Daher kommt auch die Stabilitätsmanie.

Daraus folgt, dass Putin kein hemmungsloser Despot ist, sondern ein Politiker, der innerhalb der gegebenen Umstände agiert. Anfang der Nullerjahre stand er vor der Aufgabe, das Eigentum der herrschenden Jelzin-Klasse zu schützen – und diese Aufgabe hat er gelöst. (Worüber er sicher selbst erstaunt ist, auch wenn er sich wegen der abgelaufenen Verjährungsfrist wahrscheinlich nicht mehr kneifen muss.)

Wenn Putin heute wohl oder übel begreift, dass der aktuell andauernde und mit gewöhnlichen sedierenden Methoden unlösbare Konflikt mit dem RuBiBü seine geliebte Stabilität bedroht, dann ist er unter Umständen durchaus zu Zugeständnissen bereit, nicht nur in politischer, sondern sogar in psychologischer Hinsicht. Vor allem deshalb, weil das RuBiBü aus Menschen besteht, die nicht ganz seiner Vorstellung von Russland entsprechen. Das RuBiBü ist nämlich zu einem verantwortungsbewussten, europaorientierten und produktiven Leben bereit.

Deswegen hat der Kampf um die Macht gerade erst begonnen, keine Sorge.

Es ist anzumerken, dass Putin in unserer Geschichte einen Vorgänger hat – den Zaren Peter der Große. Nein, ich will sie nicht direkt miteinander vergleichen. Peter hatte großartige Pläne und Ambitionen, die WWP fehlen. Peter hat einen riesigen Staat aufgebaut, der von seiner Form her europäisch und seinem Gehalt nach asiatisch war. Putin hingegen reicht es, »nichts zu verschleudern«.

Aber es gibt auch etwas, was sie verbindet – ihr Verhältnis zum russischen Volk. Denn auch Peter hatte in seiner Jugend eine Begegnung mit »den Deutschen«, die ihm ebenfalls ein wenig den Mut nahm.

Wie wir wissen, ist der Zar mit seinem Volk unbarmherzig umgegangen. Aber das Übelste, was er den Russen angetan hat, war Sankt Petersburg – das jesuitisch wohl nicht nach seinem Gründer, sondern nach dem Heiligen Apostel Petrus benannt wurde.

Peter der Erste ließ die Reichshauptstadt auf Sumpfboden bauen, in einem depressiven Klima, um jeden Preis. In dieser klammen Atmosphäre muss jeder denkende Mensch früher oder später auf die Idee kommen: »Es ist Zeit, die alte Wucherin zu erschlagen, denn es ist längst sieben« (Dostojewski, Schuld und Sühne). Nicht zufällig rief die Symbolfigur der Slawophilen, Iwan Aksakow, dazu auf, Petersburg von ganzem Herzen zu hassen, worin er die Hauptaufgabe jedes echten Russen sah.

Als regierende Dynastie kann man sich für diesen Ort auch nur eine deutsche vorstellen. Kein Zufall also, dass die Hauptstadt nach Moskau verlegt wurde, kaum dass die deutsche Dynastie verschwunden war. Dort ist sie bis heute. Und das neu gewonnene Leningrad, die Stadt der Helden aus dem Poem ohne Helden2, war nichts weiter als ein großer Siedlungspunkt.

Im Namen des wichtigsten Ortes der heutigen russischen Oppositionsbewegung liegt wahrhaft Gogol’sche Mystik. Denn mit dem Begriff Bolotnajaplatz (Sumpfplatz) verbindet man Sankt Petersburg in seinem ganzen Spektrum – die Stadt Dostojewskis, dämonisch und tränenreich. Wladimir Putin ist aus den Tiefen dieses Bolotnajaplatzes wie aus dem Plasma-Ozean von Solaris (dem gleichnamigen Roman von Staniław Lem) an die Oberfläche des russischen Staates gedrungen. Kann er die Emotionen jener nicht begreifen, die sich ihm heute entgegenstellen?



1 Ein Projekt des Producers Andrei Wassiljew, bei dem der verdiente Künstler der Russischen Föderation Michail Efremow Gedichte zur »Bosheit des Tages« vorträgt, die von Dmitri Bykow als politische Satire im Stil bekannter russischer Schriftsteller und Lyriker geschrieben wurden.

2 »Stadt der Helden« wurde Leningrad nach der Blockade der Wehrmacht. »Poem ohne Helden« ist eine Anspielung auf ein gleichnamiges Poem von Anna Achmatowa. Anm. d. Ü.

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