Kapitel 2: Das Geheimnis seiner Geburt und eine seltsame Kindheit. Die ­Einsamkeit Wladimir Putins

Wenn ich die Weltpolitik und die internationale Geschichte studiere, neige ich zu der Annahme, dass Phobien, Frustrationen, Komplexe und andere seelische und psychische Probleme der staatlichen Lenker wie auch persönliche Motive bei maßgeblichen Entscheidungen eine nicht weniger wichtige Rolle spielen als strategische Visionen, politische oder religiöse Ansichten, nationale oder übernationale Interessen. Wie oft schon konnten wir in unserem postsowjetischen Leben beobachten, dass Entscheidungen, die das Schicksal von Nationen geprägt haben, unter dem Einfluss banaler Eifersüchteleien, von Neid und den Bemühungen (eines Mannes), vor einer Frau zu glänzen, getroffen wurden!

Aber was reden wir über das triviale Schicksal der UdSSR? Nachdem ich über viele Jahre die Geschichte Napoleon Bonapartes studiert habe, neige ich zunehmend zu folgenden Schlussfolgerungen:

a) Der Imperator stürzte sich in den für ihn vernichtenden Krieg von 1812 gegen Russland wegen einer oder mehrerer Frauen.

b) Der Imperator verlor den Krieg ebenfalls wegen einer Frau.

Punkt a): Erstens ärgerte sich Napoleon über die Weigerung des Petersburger Hofs, ihm die Fürstin Anna Pawlowna, Schwester des russischen Zaren Alexander I., die ihm insgeheim besser gefiel als Marie-Louise von Habsburg, zur Frau zu geben. Der zweite und wichtigste Grund jedoch war: Er war getrieben von einem Schuldkomplex gegenüber seiner inoffiziellen Geliebten, der polnischen Gräfin Maria Walewska, und ihrem gemeinsamen Sohn Alexandre – er konnte den geliebten, aber außerehelichen Sprössling nicht zu seinem Nachfolger machen und wollte deswegen den minderjährigen Alexandre unter der Regentschaft von Maria auf den polnischen Thron bringen. Das war nur machbar, wenn das Polnische Königreich in vollem Glanz und Gloria wiederhergestellt wurde, was wiederum eine unzweideutige militärische Vernichtung des Russischen Imperiums voraussetzte.

Punkt b): Napoleon hätte den Krieg von 1812 nicht verloren, wenn er rechtzeitig Unterstützung bei seinem geliebten Marschall Jean-Baptiste Bernadotte gefunden hätte. Der einst vertraute Feldherr Bonapartes war zu dieser Zeit mit Désirée Clary verheiratet, Napoleons erster Liebe, die dieser seinerzeit wegen Joséphine Beauharnais verlassen hatte. Im entscheidenden Moment kam Bernadotte seinem Patron nicht zu Hilfe, und später verbündete er sich auch noch mit der Anti-Napoleon-Koalition der europäischen Staaten und half ihr 1813/14 bei der Niederschlagung der Grande Armée. Man könnte die Rolle von Désirée Clary, der künftigen Königin Schwedens und Norwegens Desideria, bei diesen bitteren Kränkungen herunterspielen, aber ich würde das nicht tun.

Was soll man dann erst über die führenden Politiker sagen, die nicht einmal an den kleinwüchsigen Napoleon und seinen Degengriff heranragen!

Ich bin der Meinung, man kann Wladimir Putin nicht verstehen, dessen politische Entscheidungen oft völlig logisch und folgerichtig scheinen, aber auch nicht selten töricht und unberechenbar, wenn man nicht – natürlich mit dem gebotenen Respekt – die Geheimnisse seiner Geburt und Kindheit erforscht.

Nach offiziellen Angaben wurde Wladimir Putin am 7. Oktober 1952 in Leningrad (heute: Sankt Petersburg) im Rayon Ochta in die Familie des Arbeiters Wladimir Spiridonowitsch Putin und seiner Frau Maria Nikolajewna Schelomowa geboren. Aber es gibt auch eine andere Version.

Ihr zufolge ist der wirkliche Geburtsort unseres Helden das Dorf Terechino in der Region von Perm. Heute gibt es dieses Dorf nicht mehr, es ist ausgestorben. Dass in Russland Dörfer sterben, ist keine Seltenheit. Wladimir Putins Mutter ist Vera Nikolajewna Putina, geboren 1926, der Vater Platon Priwalow, Alkoholiker und Bigamist. Nach dieser Version wurde Putin bereits 1950 geboren. Bald darauf verließ seine Mutter Platon Priwalow und ging nach Georgien, wo sie bis heute lebt. Ihr neuer Mann wurde der Georgier Georgi Osipaschwili; in dieser Ehe wurden zehn (!) Kinder geboren. Allerdings wollte Osipaschwili Wladimir Putin nicht als sein Kind anerkennen.

Daraufhin schickte Vera den kleinen Wladimir nach Leningrad und bewirkte seine Adoption durch ihren kinderlosen Verwandten Wladimir Spiridonowitsch Putin. Während seiner Zeit in Georgien wurde aus dem kleinen Wladimir Putin, der praktisch ohne Vater und ohne die Liebe und Pflege seiner Eltern aufwuchs, ein verschlossenes und grimmiges Kind. Er entwickelte eine Leidenschaft für das Angeln, hasst jedoch seitdem die Georgier als Ethnie und als Gruppe mit bestimmten ethnokulturellen Zügen.

Damit ist seine allgemein antigeorgische Gestimmtheit und seine oft unmotiviert wirkende Politik zu erklären. Einige meinen, das Problem läge bei dem ehemaligen Präsidenten Georgiens Michail Saakaschwili, zu dem Putin ein höchst kompliziertes Verhältnis hat. Allerdings hatte der kalte russisch-georgische Krieg bereits unter Präsident Edward Schewardnadse begonnen. 2002 wurde eine Visumpflicht eingeführt – ein Novum für einen GUS-Staat, der dazu noch in so enger Verbindung mit Russland stand. Bekanntlich brach Putin 2012 endgültig mit Patenkind und Ziehtochter Xenija Sobtschak, als er erfuhr, dass sie die Moderation einer Sendung im georgischen Fernsehkanal PIK übernommen hatte. Derartige Beispiele gibt es viele. Von einigen wird noch die Rede sein.

Das Geheimnis von Putins Kindheit ist eine der Antriebskräfte für sein Verhalten und letztlich auch für seinen Werdegang. Dieses Geheimnis versuchte als einer der Ersten der bekannte Journalist Artjom Borowik zu lüften. Er ist der Nachfolger und Schüler des legendären Julian Semjonow, Autor des Drehbuchs zu Siebzehn Augenblicke des Frühlings. Dabei handelt es sich um eine sowjetische Fernsehserie über einen Spion namens Stierlitz, die Putin einer Legende nach dazu motivierte, sich beim KGB zu bewerben.

Vermutlich stützte sich Borowik auf Quellen aus dem Umfeld des heutigen Nachrichtendienstes und dessen ehemaligen Chefs Jewgeni Primakow. Am 9. März 2000 kam Artjom Borowik bei einem Flugzeugabsturz ums Leben – der Privatjet, an dessen Bord sich außer ihm Sija Baschajew befunden hatte, Erdölunternehmer und Partner der Firma Rosneft, stürzte ab, kaum dass er von der Startbahn des Moskauer Flughafens Wnukowo abgehoben hatte.

Daraufhin übernahm inoffiziell Putins Assistent Igor Setschin (der dann später im JUKOS-Fall von sich reden machte) Baschajews Posten bei Rosneft. Oft schon habe ich den liberalen Journalisten empfohlen, dieses Thema näher zu beleuchten, aber bisher hat es niemand gewagt.

Ich weiß nicht, ob der selige Borowik in der richtigen Richtung geforscht hat. Aber es ist auffällig, dass sich unter Putins Freunden, die eine große Rolle bei seiner Erhebung auf den Kreml-Thron gespielt haben, zwei besonders hervorheben: Roman Abramowitsch, einer der reichsten Menschen Russlands, ehemaliger Eigentümer der Ölfirma Sibneft und Kassenwart des Jelzin-Clans, und Walentin Jumaschew, Jelzins Schwiegersohn und ehemaliger Chef der Kreml-Administration. Beide haben ihren Vater früh verloren. Lag es daran, dass sie Putin besser als andere verstanden und glaubten, er würde sie nicht betrügen und ihre Interessen nicht verraten, nachdem er allmächtiger russischer Zar geworden war, was ihm im russischen nationalen Verständnis das Recht gibt, sich nicht nur über das Gesetz, sondern auch über alle persönlichen Verpflichtungen zu stellen? Gab es etwa in der russischen Geschichte viele Herrscher, die jene nicht verrieten, die sie an die Macht gebracht hatten? Vor Putin fast keinen. Allenfalls Katharina die Große ist hier eine Ausnahme, aber in ihrer späten Regierungszeit spielten die Helden ihrer Inthronisierung keine große Rolle mehr.

Allem Anschein nach wurzelt hier das gesteigerte Interesse von Wladimir Putin an Waisen und Adoption. Ende 2012 wurde in den USA der berühmte »Magnitsky Act« verabschiedet, der es ermöglicht, korrupten russischen Geschäftemachern und Menschenrechtsverletzern die Einreise zu verweigern und gleichzeitig ihren amerikanischen Besitz zu beschlagnahmen. Einige Zeit lang suchte der Kreml nach einer angemessenen Reaktion auf diese Geste Washingtons, die man in Moskau als offene Beleidigung wertete. Und er fand sie.

Russland erließ ein spezielles Gesetz, das den Namen »Dima Jakowlew Act« bekam (nach dem russischen Jungen, der in einer amerikanischen Adoptivfamilie zu Tode kam) und das Bürgern der USA verbietet, russische Waisenkinder zu adoptieren. Es ist schwer zu verstehen, worin die Angemessenheit dieser Reaktion bestehen könnte. Denn gestraft wurde hier nicht Amerika, sondern die russischen Kinder, die in halb verfallenen Waisenhäusern leben.

Die faktischen Urheber des »Dima Jakowlew Act«, einschließlich des russischen Kinderbeauftragten, des Rechtsanwalts Pawel Astachow, hatten vor allem ihre eigenen merkantilistischen Ziele im Auge. Astachow wollte sogar (und will wahrscheinlich bis heute), dass die Adoption durch Ausländer in Russland generell verboten wird, damit er aus dem unerschöpflichen föderalen Budget gigantische Mittel für die Umsetzung seines Programms »Russland ohne Waisen« abziehen kann, um damit die Adoption von elternlosen Kindern innerhalb Russlands finanziell zu stimulieren. Das Programm, dessen Kosten auf 20 Milliarden Dollar geschätzt werden, erschien sogar der föderalen Regierung Russlands äußerst abenteuerlich, weswegen sie ein Veto dagegen einlegte.

Aber es geht hier ja nicht um Astachow, dessen Name in der Geschichte wohl kaum Spuren hinterlassen wird. Es geht um Präsident Putin. Warum hat er diesem für die Waisen ungünstigen Gesetz zugestimmt? Liegt es daran, dass das große Amerika ihn nicht adoptierte, nicht seine sorgende Mutter in der internationalen Arena wurde? Und weil sich Wladimir gegenüber dem fernen, starken und feindlichen Washington wie ein echtes Waisenkind fühlt?

Es ist kein Zufall, dass Wladimir Putin die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens mit der Suche nach einem Vater zugebracht hat. Und er fand sogar zwei: Anatoli Sobtschak, den Ex-Bürgermeister von Sankt Petersburg, und Boris Jelzin. Diese beiden Väter haben unserem Helden die leiblichen Eltern ersetzt.

Ohne Putin unter diesem Aspekt zu betrachten, kann man weder die Logik seines Verhaltens als Politiker noch als Staatsmann verstehen.

Der amerikanische Psychotherapeut Dr. med. James L. Schaller beschreibt in The Search for Lost Fathering einige dominierende Begriffe und unausrottbare Gefühle, die für Waisen typisch sind:

•Wenn einem das Leben ein Bein stellt, kann man sich nur auf sich selbst verlassen.

•Wenn sich jemand um mich sorgt, verwundert es mich. (Daher rührt auch Putins übersteigerte Dankbarkeit gegenüber allen, die ihm jeweils auch nur ein wenig geholfen haben. Sogar gegenüber Boris Beresowski, der nach 2000 sein erklärter Feind wurde.)

•Ich denke viel darüber nach, wie ich den Verlust jener vermeiden kann, die ich liebe.

•Ich gebe mich mit Verlieren ab, weil ich mich selbst als solcher fühle. (Angewendet auf Putin ist diese These nicht wörtlich zu verstehen. Aber man kann sagen, dass sein Interesse an der Freundschaft mit den Parias in der internationalen Arena, einschließlich der skandalösesten Figuren der europäischen Politik wie Silvio Berlusconi, daher stammt.)

•Alles, was ich liebe, vergeht. Alle, die ich liebe, verlassen mich oder sterben. (Ist uns eigentlich bewusst, wie oft, wie rührend und auf seine Weise zartfühlend sich Wladimir Putin an Boris Jelzin und Anatoli Sobtschak erinnert? Er scheute sich nicht einmal, den in Ungnade gefallenen Boris Beresowski öffentlich zu beweinen.)

•Die Welt erscheint mir oft als verwirrender und unangenehmer Ort.

•Ich fühle mich verletzbar, besonders in finanzieller Hinsicht. (Daher kommt der pathologische Hang zur Kontrolle der Finanzflüsse und zum Zusammentragen der hohen Ölerträge in ein spezielles »Sparschwein« – also in Reservefonds, zu denen sich alle möglichen Lobbyisten und Spezialisten im Verbrauch staatlicher Gelder nur schwer Zugang verschaffen können. Denn das Geld kann einem schließlich jeden Moment ausgehen, zum Teufel.)

•Ich erinnere mich gut an die Zeiten, als ich mich auf niemanden verlassen konnte.

•Freunde bedeuten mir mehr als Eltern. (Putin neigt dazu, seinen Freunden alles zu verzeihen, solange sie ihre kameradschaftliche Loyalität bewahren. Weder Korruptions- noch andere Skandale haben einen nennenswerten Einfluss auf die Beziehung unseres Helden zu seinen Freunden.)

•Ich neige dazu, die Dinge schwarz-weiß zu sehen.

•Die Leute meinen, ich sei im Umgang zu heftig. (Wie oft, zum Beispiel, kriegten Journalisten etwas ab, wenn sie dem russischen Präsidenten bei Pressekonferenzen und bei lokalen Zusammenkünften unangenehme Fragen gestellt hatten!)

•Ich fühle mich mit Tieren wohler als mit Menschen. (Eine Megathese! Da haben wir die besten Freunde von Wladimir – den Labrador Conny und den bulgarischen Schäferhund Baffy, seine einzigen Mitbewohner in der Präsidentenresidenz Nowo-Ogarjowo. Und seinen aufdringlichen Umgang mit den ussurischen Tigern. Und den Flug mit den Schneekranichen. Wer diese platonische Zoophilie nur für einen Teil der zynischen PR-Kampagne für Putin hält, versteht die Seele des Präsidenten nicht.)

•Oft empfinde ich Langeweile oder Gleichgültigkeit gegenüber meinen Bekannten. (Man kann mit WWP nur schwer Gespräche über Menschen führen, die ihm nicht nahestehen und deren Interessen ihn nicht unmittelbar betreffen. Das merkt man unter anderem bei seinen öffentlichen Auftritten und Pressekonferenzen.)

•Manchmal wird mir klar, dass ich übermäßig anspruchsvoll bin.

•Wenn ich ein Bild meines Lebens zeichnen würde, wäre nur ich darauf abgebildet. (Einsamkeit ist ein wesentliches Kennzeichen von Putins Innenleben. 2003 sprach und schrieb nur ich darüber. Heute ist dies ein Gemeinplatz für Hunderte von Beobachtern, Experten, Journalisten.)

•Ich bin sehr stark auf Unterstützung angewiesen.

•Ich stelle fest, dass ich gern von meiner Umgebung bemuttert und versorgt werde. (Deswegen gewinnen die Figuren, die zu einer derartigen Bemutterung und Versorgung neigen, in WWPs Umkreis an Stärke. Ein charakteristisches Beispiel ist sein Pressesprecher Dmitri Peskow.)

•Ich liebe es, zu beraten und von meinen Vorgesetzten beachtet zu werden. (Auf diese Weise wurde er das, was er ist.)

•Wenn sich jemand von mir zurückzieht, bin ich verärgert oder erschrocken und beginne, übermäßigen Druck auf diese Person auszuüben.

•Ein enger Kontakt fügt mir oft Schmerz zu. (Deswegen sucht Putin nicht nach neuen Freunden oder Verbindungen – die alten genügen ihm. Er kultiviert auf seine Weise die Einsamkeit.)

•Oft kommt es mir so vor, dass die Leute mich benutzen wollen.

•Ich glaube, dass Nähe das Vorspiel von Verlust ist.

•Pläne sind mir wichtiger als Menschen.

•Ich beginne zu verstehen, dass alles, was ich »Liebe« nenne, nichts anderes ist als eine maskierte Flucht vor der Einsamkeit.

•Oft frage ich mich, wer sich um mich kümmert, wenn ich krank werde.

•Ich fühle mich in Sicherheit, wenn alles seinen geordneten Gang geht, und werde unruhig, wenn die Ordnung verletzt wird. (Hier liegt die Erklärung für Putins wohlbekannten Hang zu Stabilität um jeden Preis. Stabilität ist sein Idol, sein heidnischer Gott. »Lieber keinerlei Reformen als Reformen, die die Stabilität bedrohen« – das ist Putins Motto. Deswegen treten die meisten Reformen in Russland auf der Stelle und werden nicht zu Ende geführt, manchmal nicht einmal zur logischen Halbzeit.)

•Bei meiner Arbeit bin ich sehr aggressiv.

•Wenn man mich kritisiert, leide ich sehr darunter, derartige Vorfälle tauchen in meiner Erinnerung noch viele Tage später auf.

•Ich bin gerade erst umgezogen, ich habe noch nicht die nötige Unterstützung an meinem neuen Platz gefunden. (So war es sowohl 1996, als er erstmalig in den Kreml kam, als auch 2000, als er die mittelalterliche Moskauer Festung als vollgültiger Hausherr betrat.)

•Ich habe mich vor kurzem getrennt oder geschieden und fühle mich daher von allen abgeschnitten.

•Oft kommt es mir so vor, als hätte ich mich vollkommen verausgabt – ich habe den anderen nichts mehr zu geben. (Dutzende Male haben wir die Müdigkeit Putins in der Öffentlichkeit mit anschauen müssen.)

•Die meiste Zeit meine ich, Gott sei irgendwo weit entfernt.

•Obwohl ich bete, gefällt mir diese Beschäftigung nicht sonderlich.

•Ich hasse es, im Mittelpunkt zu stehen – ich fühle mich unwohl. (Erinnern Sie sich an Putins berühmten Ausspruch auf dem G8-Gipfeltreffen im schottischen Gleneagles 2007, dass sich »selbst vor einer einzigen Fernsehkamera der Kopf abschaltet«? Putin zwingt sich, eine öffentliche Person zu sein, aber jeder, der seine Auftritte vor Massen und Menschenmengen gesehen hat, konnte empfinden, wie wenig ihm diese Rolle passt.)

•Wenn mir jemand aufmerksam zuhört, ist das für mich jedes Mal ungewohnt.

•Manchmal scheint mir, die Leute werden bald merken, dass ich ihre Freundschaft nicht verdiene, und mich verlassen. (Von seinem Komplex eines Usurpators auf dem russischen Thron konnte sich Wladimir Putin immer noch nicht befreien, auch wenn er schon viele Jahre an der Macht ist. Manchmal scheint es, er wolle sich kneifen, um sich davon zu überzeugen, dass die präsidiale Realität um ihn herum echt ist. Allein bei einer Waise kann sich dieser Komplex des Usurpators mit Anklängen von Messianismus mischen.)

•Ich bin zu starkem Widerstand fähig – als warte der in mir angestaute Zorn nur darauf auszubrechen.

•Die Menschen tun nur so, als wollten sie mit mir zu tun haben; sie lügen alle.

•Die Welt ist ein sehr unangenehmer Ort.

Werden nun, lieber Leser, nach der Lektüre dieser Liste einige oder vielleicht sogar viele Entscheidungen und Angewohnheiten Putins verständlicher?

Die Medaille hat übrigens auch eine Kehrseite. Bekanntlich zeichnet und wählt der Herr nicht selten ausgerechnet die Waisen aus, indem er ihnen außerordentliche, sakrale, für die menschliche Geschichte unverzichtbare Aufgaben zuteilt. Das bekannteste Beispiel ist Mose, der das jüdische Volk aus der ägyptischen Sklaverei führte und zum wichtigsten Lehrer der Juden wurde. Er hat seinen biologischen Vater nicht gekannt. Und sein einziger echter Vater wurde für ihn der Herr, der ihm auf dem Sinai die zehn unvergänglichen Gebote gab.

Es gibt einen weiteren Aspekt, der nicht nur wichtig, sondern unabdingbar ist, um Putin zu verstehen – das ist sein Verhältnis zur Natur im Allgemeinen und zu Tieren im Besonderen.

Nietzsche sagte: »Warum liebe ich das Angeln? Weil ich dort das finde, was mir das übrige Leben mit seiner Tristesse, Routine, mit seiner schlechten Luft und dem Überfluss an nutzlosen Menschen, die in ihrer Mehrzahl böse, neidvoll, grob und kleinlich sind, nicht bieten kann.« Außerdem schrieb er: »In der Natur fühlen wir uns so wohl, weil sie kein Urteil über uns hat.«

Die Flucht in die Natur ist ein ideales Mittel, um eine passive Todessehnsucht zu sublimieren (nach Berne). Es stellt sich hier nur die Frage nach einer deutlichen Erkenntnis, wann eine solche »Flucht« und die dadurch erreichte Entspannung ineffektiver sind als die Aggressivität gegen die Quelle der Anspannung selbst, die Lösung des Problems.

Nun sprechen wir über den Fall, wenn eine solche Erkenntnis dem Menschen einen bösen Streich spielt. Wenn er ins Grüne fährt, glaubt er »sich mit der Natur zu vereinigen« und »sich von den Menschen zu erholen«, aber in Wirklichkeit läuft er vor seinen Problemen davon, anstatt sie zu lösen. Dabei kommt einem ein weiterer Ausspruch Nietzsches zum Thema »Erholung« in den Sinn, der etwa folgendermaßen lautet: Wir schätzen und mögen jene, mit denen wir uns zerstreuen und feiern, doch mit jenen, mit denen wir diese Erholung erarbeiten, sind wir nur selten befreundet. Anders gesagt, beim Jagen und Angeln sind vielleicht alle gleich, was für viele anziehend ist.

Darin liegt der ganze Putin. Er flieht vor den Menschen und vor seinen Verpflichtungen in die Natur. Deswegen gibt es so viele Aufnahmen von ihm mit Tieren. Man könnte annehmen, das sei eine PR-Kampagne, aber es ist eine reale Abbildung von Putins Vorstellungen, dass »Tiere besser sind als Menschen«, dass die Menschen den Tieren zuliebe auch etwas warten können.

Putin leidet in Bezug auf seine Regierungsverpflichtungen unter dem psychologischen Syndrom des Aufschiebeverhaltens, deswegen kommt er auch immer zu spät. In die Natur schafft er es jedoch immer rechtzeitig. Und die Natur ist für ihn nicht nur das Angeln und die Umarmung mit Tigern. Die Natur – das sind auch die primitiven Menschen, die außerhalb der manipulativen Logik machiavellistischer Lesart stehen.

Zum Beispiel der Abteilungsleiter der Waggonfabrik Igor Cholmanskich, den er zu seinem Generalbevollmächtigten am Ural gemacht und in einem Schloss untergebracht hat, oder das ungebildete Mädchen Sweta Kurizyn aus der Stadt Iwanowo, das mittlerweile Fernsehmoderatorin beim Sender NTW ist, oder auch die Teilnehmer der Mixed Martial Arts – zu Wettstreiten dieser Art kommt Putin komischerweise nie zu spät, auch wenn er die englische Königin im Rahmen des ersten offiziellen Staatsbesuchs in London seit Zar Nikolai I. (2002) vierzig Minuten warten ließ.

Ist vielleicht deshalb durch Putins gewohnte Selbstironie und erklärte Bescheidenheit hindurch ein Messianismus erkennbar mit der Botschaft, dass seine Rolle in der Geschichte und für das Schicksal Russlands nicht so einfach ist, wie es scheint? Wie oft – sowohl auf Pressekonferenzen als auch außerhalb – hat uns Putin zu verstehen gegeben: Ja, ich bin ein einfacher Mensch, aber immerhin hatte ich Russland beim Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert vor dem Zerfall zu retten! Das war ich, klein und still, und nicht der gewaltige und laute Recke Jelzin! Und ist es nicht dieser spontane, zeitweise aufkommende und dann wieder auf ebenso rätselhafte Weise verschwindende Glaube an die Vorsehung, die Putin einflüsterte, 2012 an die Macht zurückzukehren, was den Interessen vieler einflussreicher Eliten widersprach und unseren Helden für den aktiven Teil des russischen Volkes in eine unannehmbare Figur verwandelte, in einen »langweiligen Ehemann«?

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