Warmsley Heath besteht aus einem Golfplatz, zwei Hotels, einigen überaus eleganten Villen, alle mit Blick auf den Golfplatz gebaut, sowie einer Reihe ehemaliger – das heißt: vor dem Kriege – Läden für Luxusartikel und einem Bahnhof.
Von diesem Bahnhof aus führt eine Landstraße nach London; nach der entgegengesetzten Seite zweigt ein kleiner Weg ab, der durch ein Schild als »Fußweg nach Warmsley Vale«, gekennzeichnet ist.
Das inmitten waldiger Hügel versteckte Warmsley Vale ist grundverschieden von Warmsley Heath. Es ist ein nie wichtig gewesener Marktflecken, der im Laufe der Zeit zu völliger Bedeutungslosigkeit herabsank. Es gibt dort eine so genannte Hauptstraße mit alten Häusern, selbstverständlich einige Gasthäuser und vereinzelte, denkbar einfache Läden, vor allem aber eine Atmosphäre der Weltabgeschiedenheit, als läge der Ort hundertfünfzig und nicht achtundzwanzig Meilen von London entfernt.
Sämtliche Einwohner von Warmsley Vale sind sich einig in ihrer Verachtung für das pilzgleiche Aufschießen Warmsley Heaths.
Am Rand des Ortes stehen einige hübsche Häuschen mit verträumten alten Gärten, und in eines dieser Häuschen kehrte Lynn Marchmont zurück, als sie im Frühjahr 1946 aus dem Frauenhilfsdienst entlassen wurde.
Am dritten Morgen nach ihrer Heimkehr stand sie am Fenster ihres Schlafzimmers und atmete in vollen Zügen die frische, nach Erde und feuchten Wiesen riechende Luft ein. Zweieinhalb Jahre hatte sie diesen Geruch vermisst.
Herrlich war es, wieder daheim zu sein, herrlich, wieder in dem geliebten eigenen Zimmer zu stehen, nach dem sie sich so oft gesehnt hatte in diesen vergangenen Jahren, die sie jenseits des Ozeans verbracht hatte, und herrlich, statt in die Uniform wieder in Rock und Bluse schlüpfen zu können, selbst wenn die Motten sich während der Kriegsjahre über Gebühr daran gütlich getan hatten.
Es tat gut, wieder ein freies Wesen zu sein, obwohl Lynn gern Dienst getan hatte. Die Arbeit war interessant gewesen, auch an Abwechslung und Vergnügen hatte es nicht gefehlt, aber das Gefühl, ständig mit anderen Menschen zusammengepfercht zu, sein, hatte doch von Zeit zu Zeit das verzweifelte Verlangen in ihr geweckt, auszureißen, um endlich einmal allein sein zu können.
Und wenn diese Sehnsucht sie packte, stand plötzlich Warmsley Vale mit dem anspruchslosen Haus vor ihrem inneren Auge und natürlich auch die liebe gute Mama.
Lynns Verhältnis zu ihrer Mutter war eigenartig. Sie liebte sie und fühlte sich gleichzeitig verwirrt und manchmal peinlich berührt durch Mrs Marchmonts Art. Aber fern von daheim hatte sich dieser Eindruck verwischt oder nur dazu beigetragen, die Sehnsucht nach zu Hause zu verstärken. Ach, was hätte sie darum gegeben, hätte sie dort draußen im Fernen Osten nur einmal Mamas liebe, stets etwas klagend klingende Stimme eine ihrer ewig wiederholten Redensarten sagen hören!
Und nun war sie daheim, schon drei Tage. Es gab keinen Dienst mehr, sie konnte sich als freier Mensch fühlen, und doch begann bereits eine seltsame Ungeduld Besitz von ihr zu ergreifen. Es war genau wie früher – viel zu genau wie früher –, das Haus und die Mama und Rowley und die Farm und die Familie. Was sich geändert hatte und eben nie hätte ändern dürfen, das war sie selbst.
»Lynn…« Mrs Marchmonts dünnes Stimmchen drang von unten herauf. »Soll ich meinem Töchterchen das Frühstück vielleicht ans Bett bringen?«
»Aber nein, ich komme selbstverständlich runter!«, rief Lynn mit mühsam unterdrückter Ungeduld zurück.
Warum sie nur immer von mir als ihrem Töchterchen redet, dachte sie ärgerlich. Es klingt so albern.
Sie ging hinunter und betrat das Speisezimmer.
Es gab kein besonders gutes Frühstück. Aber das erbitterte Lynn weniger als die Feststellung, wie viel Kraft und Zeit in ihrem Elternhaus auf die Nahrungsbeschaffung verschwendet wurde. Abgesehen von einer wenig zuverlässigen Frau, die viermal wöchentlich einen halben Tag helfen kam, quälte sich Mrs Marchmont allein mit dem Haushalt ab. Sie war beinahe vierzig Jahre alt gewesen, als Lynn geboren wurde, und um ihre Gesundheit war es nicht allzu gut bestellt. Es kam Lynn mit zunehmendem Unbehagen zu Bewusstsein, wie sehr sich auch die finanzielle Lage daheim geändert hatte. Das nie besonders hohe, aber absolut ausreichende Einkommen, das ihnen vor dem Krieg gestattet hatte, ein angenehm sorgloses Leben zu führen, wurde durch die Steuern beinahe um die Hälfte geschmälert. Die Ausgaben aber waren alle gestiegen.
Schön sieht es aus in der Welt, dachte Lynn grimmig. Sie überflog die Stellengesuche in der Zeitung. »Demobilisierter Soldat sucht Posten, der Initiative und Fahrausweis verlangt.« – »Ehemalige Frauenhilfsdienstlerin sucht Anstellung, wo ihr ausgeprägtes Organisationstalent und die Fähigkeit, Aufsicht zu führen, von Nutzen sein könnten.«
Unternehmungslust, Organisationstalent, Initiative – das wurde angeboten. Doch was wurde verlangt? Frauen, die kochen und putzen konnten oder geübte Stenotypistinnen waren.
Nun, sie brauchte sich in dieser Beziehung keine grauen Haare wachsen zu lassen. Ihr Weg lag klar vor ihr. Sie würde ihren Vetter Rowley Cloade heiraten. Vor sieben Jahren, kurz vor Ausbruch des Krieges, hatten sie sich verlobt. Solange sie zurückdenken konnte, war es selbstverständlich gewesen, dass sie eines Tages Rowley heiraten würde. Seine Liebe zum Landleben und der Arbeit auf einer Farm hatte sie stets geteilt. Ein gutes Leben lag vor ihnen, kein sehr abenteuerliches oder aufregendes Leben, sondern Tage erfüllt von harter Arbeit, aber sie liebten beide die Natur und den Duft der Wälder und Wiesen sowie die Pflege der Tiere.
Ihre Aussichten waren allerdings nicht mehr so rosig wie früher einmal. Onkel Gordon hatte stets versprochen gehabt Mrs Marchmont unterbrach Lynns Gedankengang.
»Es war ein schrecklicher Schlag für uns, Lynn, wie ich dir ja schon geschrieben habe. Gordon war gerade zwei Tage in England. Wir hatten ihn noch nicht einmal gesehen. Wenn er nur nicht in London geblieben, sondern geradewegs hierher gekommen wäre!«
»Ja, wenn…«
Als Lynn fern von daheim die Nachricht vom Tod ihres Onkels erreichte, hatte sie Kummer und Entsetzen bei ihr ausgelöst. Welche Folgen für sie alle jedoch mit dem Ableben Gordon Cloades verbunden waren, begann ihr erst jetzt klar zu werden.
Solange sie sich erinnern konnte, hatte Gordon Cloade in ihrem Leben – und auch im Leben der anderen Familienmitglieder – eine hervorragende Rolle gespielt. Der wohlhabende, reiche Mann hatte sich stets seiner gesamten Verwandtschaft angenommen und bestimmend in ihr Schicksal eingegriffen.
Selbst Rowley bildete da keine Ausnahme. Er hatte mit seinem Freund Johnnie Vavasour zusammen eine Farm übernommen, und Gordon, der selbstverständlich um Rat gefragt worden war, hatte der Übernahme zugestimmt.
Lynn gegenüber hatte er sich deutlicher geäußert.
»Um eine Farm rentabel zu bewirtschaften, braucht man Kapital, aber ich möchte erst einmal sehen, ob die beiden jungen Männer wirklich das Zeug dazu haben, tüchtige Farmer zu werden. Würde ich ihnen jetzt Geld zuschießen, wäre es ein Leichtes für sie, aber ich könnte nie beurteilen, wie weit ihre eigene Leistungsfähigkeit und ihr Durchhaltevermögen gehen. Lasse ich sie jetzt aber ihre Probleme allein durchkämpfen, und ich sehe nach einer gewissen Zeit, dass es ihnen ernst ist und dass sie gewillt sind, ihre ganze Kraft einzusetzen, dann brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Lynn, dann werde ich ihnen mit dem nötigen Kapital unter die Arme greifen. Hab keine Angst vor der Zukunft, Mädchen. Du bist die richtige Frau für Rowley, das weiß ich. Aber behalte das, was ich dir eben gesagt habe, für dich.«
Sie hatte Wort gehalten und keine Silbe von dem Gespräch verlauten lassen, doch Rowley hatte ohnehin das wohl wollende Interesse gespürt, das der Onkel seinem Unternehmen entgegenbrachte. Es war an ihm, dem alten Herrn zu beweisen, dass Johnnie Vavasour und er selbst es wert waren, in ihrem Bestreben unterstützt zu werden.
Und so waren sie alle mehr oder weniger von Gordon Cloade abhängig gewesen. Nicht, dass sie sich etwa darauf verlassen und die Hände in den Schoß gelegt hätten. Jeremy Cloade war Seniorpartner in einem Anwaltsbüro, Lionel Cloade praktizierte als Arzt.
Aber das beruhigende Gefühl, dass es Gordon Cloade und sein Geld gab, verlieh doch Sicherheit. Es bestand kein Grund, besonders zu geizen oder zu sparen. Die Zukunft war gesichert; Gordon Cloade, der kinderlose Witwer, würde sich im Notfall ihrer aller annehmen. Mehr als einmal hatte er ihnen das versichert.
Gordons verwitwete Schwester, Adela Marchmont, blieb in dem geräumigen weißen Haus wohnen, als es ratsamer gewesen wäre, ein kleineres, nicht so viel Arbeit verursachendes Haus zu beziehen. Lynn besuchte die besten Schulen, und wäre der Krieg nicht dazwischengekommen, hätte es ihr freigestanden, sich, unbekümmert um die Ausbildungskosten, einen ihr zusagenden Beruf zu wählen. Onkel Gordons Schecks trafen mit angenehmer Regelmäßigkeit ein und gestatteten mancherlei Luxus.
Alles lief in wunderbar ruhigem, sicherem Fahrwasser, bis plötzlich, aus heiterem Himmel, die Nachricht von Gordon Cloades Heirat kam.
»Wir waren alle wie vor den Kopf gestoßen«, gestand Adela. »Dass Gordon noch mal heiraten könnte, war das Letzte, das einer von uns vermutet hätte. Über Mangel an Familie konnte er sich doch weiß Gott nicht beklagen.«
O nein, dachte Lynn, Mangel an Familie sicher nicht, vielleicht aber zu viel.
»Er war immer so reizend«, fuhr Mrs Marchmont fort. »Obwohl er sich manchmal ein klein wenig tyrannisch gebärdete. Dass wir keine Tischtücher benutzen, konnte er, zum Beispiel, gar nicht leiden. Er bestand darauf, dass ich mich an die altmodische Sitte vorschriftsmäßig gedeckter Tische hielt. Aus Italien brachte er mir die herrlichsten venezianischen Spitzendecken mit.«
»Es zahlte sich jedenfalls aus, ihm nachzugeben«, entgegnete Lynn trocken. »Wie hat er eigentlich seine zweite Frau kennen gelernt? Darüber hast du mir nie etwas geschrieben.«
»Ach, an Bord irgendeines Schiffs oder Flugzeugs auf einer seiner Reisen von Südamerika nach New York, glaube ich. Unvorstellbar, nach all den Jahren und nach den unzähligen Sekretärinnen und Stenotypistinnen und Haushälterinnen, die er hatte.«
Lynn musste unwillkürlich lächeln. Die Sekretärinnen und Hausangestellten Onkel Gordons waren von Seiten der Verwandtschaft von jeher mit äußerstem Argwohn betrachtet worden.
»Sie wird sehr hübsch sein, nehme ich an«, sagte sie.
»Ehrlich gestanden, meine Liebe, finde ich ihr Gesicht eher ausdruckslos. Ein bisschen dümmlich.«
»Du bist eben kein Mann, Mama.«
»Man muss natürlich in Erwägung ziehen, dass das arme Ding einen Bombenangriff hinter sich hat und wirklich schrecklich krank war infolge der furchtbaren Erlebnisse. Meiner Meinung nach hat sie sich von ihrer Krankheit nie richtig erholt. Ein Nervenbündel ist sie, und zeitweise wirkt sie direkt wie geistig zurückgeblieben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Gordon eine seinen geistigen Interessen gewachsene Person gewesen ist.«
Lynn bezweifelte, dass sich ihr Onkel eine um so viel jüngere Frau genommen hatte, um eine seinen geistigen Ansprüchen gewachsene Partnerin neben sich zu wissen.
»Und dann kommt hinzu – aber es ist mir schrecklich peinlich, das aussprechen zu müssen –, dass sie keine Dame ist.«
»Wie altmodisch, Mama! Was hat das heute noch zu sagen?«
»Auf dem Lande ist man noch altmodisch, Lynn. Und ich meine damit, dass sie eben einfach nicht in unsere Kreise passt.«
»Die Arme!«
»Ich verstehe nicht, was du damit ausdrücken willst«, erwiderte Mrs Marchmont gekränkt. »Wir haben uns alle sehr zusammengenommen und bemüht, höflich und freundlich zu ihr zu sein. Schon Gordon zuliebe.«
»Sie wohnt in Furrowbank?«, erkundigte sich Lynn.
»Natürlich. Wo sollte sie sonst wohnen? Die Ärzte sagten, als sie aus der Klinik entlassen wurde, sie müsste von London weg. Also lag es doch nahe, nach Furrowbank zu ziehen. Sie lebt dort mit ihrem Bruder.«
»Was ist das für ein Mensch?«
»Ein schrecklicher junger Mann«, erwiderte Mrs Marchmont und fügte nach einer kleinen Pause hinzu: »Ein völlig ungehobelter Geselle.«
In Lynn flackerte Sympathie für die junge Frau und ihren unerwünschten Bruder auf. Ich wäre an seiner Stelle sicher auch ungehobelt, ging es ihr durch den Kopf.
»Wie heißt er denn?«
»Hunter. David Hunter«, gab die Mutter Auskunft. »Es scheinen Iren zu sein. Natürlich keine Familie, von der man jemals gehört hat. Sie war verwitwet und hieß Mrs Underhay. Es liegt mir nichts ferner, als hartherzig zu sein, aber man muss sich doch fragen, was für eine sonderbare Witwe das ist, die mitten im Krieg von Südamerika dahergereist kommt. Unwillkürlich folgert man daraus, dass sie herumreiste, um sich einen reichen Gatten einzufangen.«
»Was ihr – wenn du Recht haben solltest – ja auch gelungen ist«, bemerkte Lynn.
Mrs Marchmont seufzte.
»Dabei war Gordon stets so auf der Hut. Nicht, als ob die Frauen nicht stets hinter ihm her gewesen wären. Erinnerst du dich noch an diese letzte Sekretärin? Mein Gott, wie hat sich das Mädchen an ihn gehängt. Sie war sehr tüchtig, aber er musste sie sich vom Hals schaffen.«
»Vermutlich gibt es früher oder später immer ein Waterloo.«
»Zweiundsechzig ist eben ein gefährliches Alter«, fuhr Mrs Marchmont fort. »Und in Kriegszeiten, scheint mir, ist alles besonders schwierig vorauszusehen. Ich kann dir nicht schildern, welche Aufregung sein Brief aus New York bei uns auslöste.«
»Was hat er denn eigentlich geschrieben?«
»Der Brief war an Frances adressiert. Ich denke, weil Gordon für Frances’ Erziehung gesorgt hatte, hielt er sie für am ehesten verständnisbereit. Er schrieb, wir würden sicher alle sehr überrascht sein, dass er sich so plötzlich wieder verheiratet habe, aber er sei sicher, dass wir sehr bald Rosaleen – was für ein verrückter Name, findest du nicht? So theatralisch! –, also dass wir sie bald lieb gewinnen würden. Sie hätte ein schweres Leben gehabt und trotz ihrer Jugend schon viel Bitteres erleben müssen, und es sei bewunderungswürdig, wie sie sich allen Schicksalsschlägen zum Trotz bisher im Leben behauptet habe. Und Gordon fuhr fort, wir sollten ja nicht annehmen, dass dies in seinen Beziehungen zur Familie die geringste Lockerung bedeute. Nach wie vor fühle er sich für unser aller Wohlergehen verantwortlich.«
»Aber er verfasste nach seiner Heirat kein Testament?«, fragte Lynn.
»Nein.« Mrs Marchmont schüttelte den Kopf. »Das letzte Testament, von dem wir wissen, stammt aus dem Jahr 1940. Die Einzelheiten sind mir unbekannt, aber er sagte uns damals, wir sollten uns keine Gedanken machen, es wäre für uns alle gesorgt, falls ihm etwas zustieße. Durch seine Heirat ist dieses Testament natürlich gegenstandslos geworden. Ich bin überzeugt davon, dass es seine Absicht war, ein neues aufzusetzen nach seiner Heimkehr. Aber es kam nicht mehr dazu. Er starb am Tag nach seiner Ankunft.«
»Und jetzt fällt alles Rosaleen in den Schoß?«
»Ja, weil das alte Testament durch die Heirat ungültig geworden ist.«
Lynn versank in Schweigen. Sie war kein besonders materiell eingestellter Mensch, dass ihr aber diese unerwartete Veränderung der Situation zu denken gab, war schließlich nur menschlich.
Die Entwicklung der Dinge entsprach sicher nicht Gordon Cloades Plänen. Den Löwenanteil seines Vermögens hätte er vermutlich seiner jungen Frau vermacht, aber seine Familie wäre nicht leer ausgegangen, besonders nachdem er immer und immer wieder versichert hatte, dass für alle gesorgt sei. Es bestehe kein Anlass für sie zu sparen, hatte er stets wiederholt, und sie selbst war Zeuge gewesen, wie er zu Jeremy sagte: »Wenn ich sterbe, wirst du reich sein.« Und Lynns Mutter hatte er geraten: »Bleib in eurem Haus. Es ist dein Heim. Wegen Lynn mach dir keine Gedanken. Ich übernehme die Verantwortung für sie, das weißt du. Es wäre mir schrecklich, würdest du aus Sparsamkeitsgründen umziehen. Schick die Rechnungen für alle Reparaturen mir.« Rowley hatte er zum Kauf der Farm ermutigt; Antony, Jeremys Sohn, war nur auf Gordons Drängen hin seinem heimlichen Wunsch gefolgt, die militärische Laufbahn einzuschlagen. Der wohlhabende Onkel hatte ihm allmonatlich ein reichliches Taschengeld zukommen lassen. Und Lionel Cloade war durch seinen Bruder veranlasst worden, einen Großteil seiner Zeit wissenschaftlichen Forschungen, die kaum etwas einbrachten, zu widmen und seine Praxis dementsprechend zu vernachlässigen.
Lynns Gedankengang wurde wieder durch ihre Mutter unterbrochen. Mit zitternden Lippen wies Mrs Marchmont auf ein Bündel Rechnungen.
»Schau dir das an«, klagte sie. »Was soll ich nur machen? Wie um Himmels willen soll ich diese Rechnungen jemals bezahlen? Von der Bank habe ich heute Morgen einen Brief bekommen, mein Konto sei überzogen. Ich verstehe das gar nicht. Ich bin doch so sparsam. Wahrscheinlich bringen meine Anlagen kaum mehr etwas. Und dann sind da natürlich diese schrecklichen Steuern und außerordentlichen Abgaben – Kriegsschädensteuer und so weiter. Man muss zahlen, ob man will oder nicht.«
Lynn überflog die Rechnungen. Es befand sich wirklich keine unnötige Ausgabe darunter. Dachziegel, Installation des längst benötigten neuen Küchenboilers, eine Reparatur der Wasserleitung – alles zusammen ergab einen beträchtlichen Betrag.
»Wir müssten natürlich hier ausziehen«, erklärte Mrs Marchmont mit wehleidiger Stimme. »Aber wo sollen wir hin? Es gibt einfach kein kleines Haus, das in Frage käme. Ach, es ist mir wirklich schrecklich, dass ich dich mit diesen Dingen behelligen muss, Lynn, wo du kaum heimgekommen bist, aber ich weiß mir keinen Rat. Ich weiß mir beim besten Willen keinen Rat.«
Lynn musterte ihre Mutter. Mrs Marchmont war nun über sechzig und ihr Leben lang nicht besonders widerstandsfähig gewesen. Während des Krieges hatte sie Evakuierte aus London bei sich aufgenommen, hatte für sie gekocht und sich um sie gekümmert, überdies bei der Schulfürsorge mit angepackt, Marmelade für die Wohlfahrtsempfänger gekocht und. an die vierzehn Stunden am Tag gearbeitet, sehr im Gegensatz zu ihrem sorglosen, bequemen Leben vor dem Krieg. Lynn sah ihr an, dass sie nun am Ende ihrer Kraft und einem völligen Zusammenbruch nahe war.
Der Anblick der überarbeiteten, müden Frau ließ ein Gefühl der Erbitterung in ihr aufsteigen. Sie sagte langsam:
»Könnte diese Rosaleen uns denn nicht helfen?«
»Wir haben kein Recht, etwas zu beanspruchen«, erwiderte Mrs Marchmont errötend.
»Doch«, entgegnete Lynn hart. »Ein moralisches Recht. Onkel Gordon hat uns immer geholfen.«
»Von jemandem Hilfe zu erbitten, den man nicht besonders mag, ist nicht sehr anständig«, entgegnete Mrs Marchmont. »Und dieser Bruder – Rosaleens Bruder, meine ich – würde ihr niemals gestatten, auch nur einen Penny zu verschenken.«
Und dann siegte echt weiblicher Argwohn über alles andere, und sie fügte anzüglich hinzu:
»Wenn er überhaupt ihr Bruder ist.«