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»Geld!«, sagte Lynn.

Rowley Cloade nickte bedächtig. Er war ein kräftig gebauter junger Mann mit gesunder, von der Landluft gebräunter Haut, nachdenklichen blauen Augen und sehr hellem Haar. Das Gemessene in seiner Sprechweise und seinem Gehaben schien eher einer angenommenen Gewohnheit als natürlicher Veranlagung zu entsprechen. Wie manche Leute sich durch Schlagfertigkeit hervortun, fiel Rowley durch seine bedachtsame Art auf.

»Ja, heutzutage scheint sich wirklich alles nur noch um Geld zu drehen«, erwiderte er.

»Aber ich habe immer gedacht, während des Krieges sei es den Farmern ausgezeichnet gegangen«, versetzte Lynn.

»Stimmt. Aber das nützt auf die Dauer nichts. In einem Jahr stehen wir wieder da, wo wir angefangen haben. Die Löhne werden gestiegen sein, es wird Arbeitskräftemangel herrschen, und niemand wird wissen, was. er eigentlich will. Wenn man eine Farm nicht in großem Stil betreiben kann, steht das Risiko in keinem Verhältnis zum Erfolg. Das wusste Gordon, und deshalb war er bereit, mir zu einem richtigen Start zu verhelfen.«

»Und jetzt…«, sagte Lynn vage.

»Jetzt fährt Mrs Gordon nach London und gibt ein paar Tausender für einen hübschen Nerzmantel aus.«

»Es ist eine Gemeinheit.«

»O nein, Lynn.« Rowley lächelte. »Ich hätte nichts dagegen, könnte ich dir einen Nerzmantel kaufen.«

»Wie ist sie eigentlich, Rowley?«

»Du wirst sie heute Abend ja mit eigenen Augen sehen. Onkel Lionel und Tante Kathie haben sie eingeladen.«

»Ich weiß, aber ich möchte hören, was du von ihr hältst. Mama behauptet, sie sei geistig zurückgeblieben.«

Rowley überlegte sich seine Antwort gründlich, bevor er erwiderte:

»Ihr Intellekt ist sicher nicht ihre stärkste Seite, aber geistig zurückgeblieben ist sie auch nicht. Sie wirkt nur manchmal so einfältig, weil sie ständig auf der Hut ist.«

»Auf der Hut? Wovor?«

»Ach, vor allem. Davor, sich durch ihren Akzent lächerlich zu machen, davor, bei Tisch das falsche Messer zu nehmen, davor, sich in einem Gespräch zu blamieren.«

»Ist sie wirklich völlig ungebildet?«

Rowley schmunzelte.

»Der Prototyp einer Dame ist sie bestimmt nicht, wenn du das damit sagen willst. Sie hat hübsche Augen, sehr schöne Haut und ist – sehr schlicht. Ich denke mir, dass gerade ihre Einfachheit Gordon den Kopf verdreht hat. Ob sie sich diese Schlichtheit nur zugelegt hat, weiß man natürlich nicht. Aber ich glaube nicht. Man kann es nicht recht beurteilen. Sie steht im Allgemeinen nur da und lässt sich von David dirigieren.«

»David?«

»Ja, das ist ihr Bruder. Er ist bedeutend weniger unverfälscht als sie. Ich traue ihm jede Gerissenheit zu, die man sich denken kann. Uns liebt er nicht besonders.«

»Das kann man ihm nicht übel nehmen«, entfuhr es Lynn, und als Rowley sie erstaunt ansah, fügte sie hinzu: »Ihr könnt ihn doch auch nicht leiden.«

»Ich bestimmt nicht, und dir wird es nicht anders gehen. Er gehört nicht zu den Leuten, die uns liegen.«

»Wie willst du wissen, wer mir liegt und wer nicht, Rowley? Mein Horizont hat sich in den letzten Jahren erweitert.«

»Du hast mehr von der Welt zu sehen bekommen als ich, das ist wahr.«

Rowleys Stimme klang ruhig, aber Lynn sah trotzdem prüfend zu ihm hinüber. Die Bemerkung war nicht so bedeutungslos gewesen, wie sie sich angehört hatte. Lynn spürte den Unterton. Doch Rowley wich ihrem prüfenden Blick nicht aus. Es war nie einfach gewesen, die Gedanken hinter Rowleys glatter Stirn zu lesen, dachte Lynn. Was für eine verrückte Welt das doch war. In früheren Zeiten pflegten die Männer in den Krieg zu ziehen und die Frauen daheim zu bleiben.

Von den beiden jungen Männern, die die Farm bewirtschafteten, Rowley und Johnnie, hatte notgedrungen einer daheim bleiben müssen. Sie hatten gelost, und Johnnie hatte das Los getroffen. Kurz nachdem er ausgezogen war, fiel er. In Norwegen. Und Rowley war auf der Farm geblieben und während all der Kriegsjahre höchstens eine Meile weit gekommen. Sie, Lynn, hingegen hatte Ägypten, Sizilien und Nordafrika gesehen und mehr als eine gefährliche Situation durchgestanden.

Ob Rowley wohl mit dem Schicksal haderte, das sie beide auf solcherart verdrehte Posten gestellt hatte? Sie stieß ein nervöses kurzes Lachen aus.

»Ist es dir sehr schwer gefallen, Rowley, dass Johnnie… ich meine, dass er – «

»Lass Johnnie aus dem Spiel«, unterbrach Rowley sie barsch. »Der Krieg ist vorbei. Ich habe Glück gehabt.«

»Du meinst, du hast Glück gehabt, dass du nicht zu gehen brauchtest?«

»Ist das kein Glück?« Seine Stimme klang ruhig wie immer, und doch war der schneidende Unterton nicht zu überhören. »Für euch Mädchen, die ihr aus dem Krieg kommt, wird es schwer sein, sich wieder an die heimatliche Scholle zu gewöhnen.«

»Ach, red doch keinen Unsinn, Rowley.«

Sie reagierte unerklärlich gereizt. Warum? Vielleicht, weil ein Körnchen Wahrheit in Rowleys Bemerkung steckte?

»Findest du denn, dass ich mich verändert habe?«, fragte sie, schon nicht mehr so selbstsicher.

»Nicht gerade verändert…«

»Vielleicht bist du anderen Sinnes geworden.«

»Ich bin, wie ich war. Auf der Farm hat sich nicht das Geringste verändert.«

»Umso besser«, entgegnete Lynn, der Spannung, die plötzlich zwischen ihnen bestand, gewahr werdend. »Dann lass uns bald heiraten. Wann es dir passt.«

»Ich denke im Juni irgendwann, ja?«

»Ja.«

Sie verfielen in Schweigen. So war es also abgemacht. Lynn kämpfte vergebens gegen ein Gefühl der Unlust an. Rowley war Rowley, wie er immer gewesen. Freundlich, nicht aus der Ruhe zu bringen und von peinlicher Genauigkeit in allem.

Sie liebten einander, hatten sich immer geliebt. Von Gefühlen war nie viel die Rede gewesen zwischen ihnen. Wozu jetzt davon anfangen?

Sie würden im Juni heiraten und dann in Long Willows leben. Ein hübscher Name für eine Farm, das hatte sie schon immer gefunden. Sie würde in Long Willows leben, und sie würde nicht mehr weggehen von dort. Weggehen in dem Sinne, wie sie es jetzt seit dem Krieg verstand. Brummende Flugzeugmotoren, rasselnde Ankerketten, an Deck stehen und hinüberschauen zum Land, das langsam aus ungewissen Schatten feste Formen annahm; Leben und Treiben fremder Städte und Länder, fremde Sprachen, fremde Sitten, Packen und Auspacken, prickelnde Ungewissheit, was als Nächstes kam – alles vorbei.

Das lag hinter ihr. Der Krieg war aus. Lynn Marchmont war heimgekehrt – aber es war nicht die gleiche Lynn, die vor drei Jahren ausgezogen war. Mit unvermittelter Klarheit wurde sie sich dessen bewußt.

Sie schrak aus ihren Gedanken auf und schaute zu Rowley hinüber. Rowley beobachtete sie.



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