„Aber das kommt mir doch sehr weit hergeholt vor. Du glaubst also ernsthaft, dass jemand diesen Mord begangen hat, um ihn mir in die Schuhe zu schieben? Wie könnte ein Mensch derart … bösartig sein?“
„Rache ist eine mächtige Triebfeder, George. Und mir kommt dieser ganze Mord mittlerweile vor wie eine sorgsam geplante Inszenierung, die darin hätte gipfeln sollen, dass du am Tatort neben der eben verblichenen Julia Feldmann angetroffen wirst. Dabei hätten die Fotos in ihrem Rucksack auch gleich noch das Motiv mitgeliefert.
Also bitte überlege, ob dir jemand einfällt, der – vielleicht schon seit langer Zeit – Rachegefühle gegen dich hegen könnte.“
George legte die Stirn in Falten und schwieg eine Weile. Schließlich zuckte er mit den Schultern. „Mir fällt wirklich niemand ein.“
John zog ein Papier aus der Tasche und hielt es vor die Plexiglasscheibe, so dass George es lesen konnte.
„Das sind all die Leute, die für den Mordabend kein Alibi haben. Hauptsächlich sind es Männer aus unserer Truppe, die sich zusammen das Fußballspiel angeschaut haben. Von denen hätte jeder unbemerkt ein paar Minuten im fraglichen Zeitraum verschwinden können, ohne dass es aufgefallen wäre. Dazu kommen Adams, der allein im Byward Tower Dienst hatte, unser Barmann, der angeblich hinten im Lagerraum geraucht hat, sowie Richard und Nigel Owen, falls einer für den anderen gelogen hat.“
George ließ langsam den Blick über die Liste wandern. „Hm, natürlich hat es über die Jahre hinweg gelegentlich kleinere Unstimmigkeiten mit dem einen oder anderen Kollegen gegeben, aber es ging nie um etwas Schwerwiegendes. Carl Ferris hatte damals, als der Posten des Ravenmasters nach der Pensionierung des alten Geoffrey neu besetzt werden sollte, ebenfalls Ambitionen auf die Stelle. Unser damaliger Chief entschied sich für mich und Ferris war dann eine Weile etwas verschnupft. Aber das ist zwanzig Jahre her und außerdem bringt man doch wegen so einer Sache niemanden um.“ Als er am Ende von Johns Aufzeichnungen angelangt war, schüttelte George ratlos den Kopf.
„Wie war es vor deiner Zeit im Tower? Gab es vielleicht während deiner Militärzeit einmal irgendeinen Vorfall, den dir jemand übelnahm?“, bohrte John unbeirrt weiter.
„Da war einmal etwas…“, begann George zögernd.
„Ja?“
„Es war in den letzten Wochen meiner Dienstzeit. Ich war als Nachschuboffizier meiner Einheit, der Seaforth Highlanders, in unserem Hauptquartier in Fort George stationiert.“
John nickte. Er hatte die Kaserne, die in einem Teil der gigantischen Festung aus dem achtzehnten Jahrhundert in der Nähe von Inverness untergebracht war, vor langer Zeit mit seinen Eltern besichtigt.
„Da war dieser junge Sergeant, Gerry Burrows. Er war für die Medikamentenlieferungen an die Einheiten im Ausland zuständig. Er hatte einen raschen Aufstieg gemacht, war sehr engagiert und ehrgeizig. Eines Tages kam ich durch einen Zufall darauf, dass er einen Teil der Medikamente, besonders Psychopharmaka, beiseiteschaffte und einen schwungvollen Handel damit betrieb. Es waren nie große Mengen und er hatte es so clever aufgezogen, dass über ein, zwei Jahre hinweg niemandem etwas aufgefallen war. Als ich ihn damit konfrontierte, versuchte er mit allen Mitteln, mich dazu zu bewegen, von einer Anzeige abzusehen. Er bot an, mich am Geschäft zu beteiligen. Er jammerte mir in höchsten Tönen vor, dass eine Verurteilung wegen Unterschlagung zu seiner unehrenhaften Entlassung führen würde und seine Eltern am Boden zerstört wären. Er drohte, mir zusammen mit einigen Kameraden das Leben im Fort zur Hölle zu machen. Schließlich hatte er eine ganze Reihe Abnehmer für seine Mittelchen in unserer Kaserne, die durch mein Handeln ihre Nachschubquelle verloren. Na, wie dem auch sei, ich habe einen Bericht erstellt und an die Führung weitergeleitet. Kurz nach der Verhandlung bin ich aus dem aktiven Dienst ausgeschieden und seither habe ich nie wieder von Gerry Burrows gehört.“
„Hmm. Wie alt müsste der Mann jetzt sein?“
George überlegte. „Ein paar Jahre älter als du, schätze ich, so Mitte bis Ende Vierzig.“
„Könnte er eine Verbindung zu einem unserer Männer haben?“
„Ich habe keine Ahnung, John. Auf jeden Fall hat mir gegenüber nie jemand erwähnt, dass er ihn kennen würde.“
„Wir bitten Chief Mullins um Hilfe. Mit Sicherheit kennt er jemanden, der ihm Einsicht in die Militärarchive geben kann.“
Mit neu erwachter Energie machte John sich auf den Rückweg in den Tower.
„Ich klemme mich sofort ans Telefon“, versprach Mullins, nachdem John ihm von seiner Theorie und dem Gespräch mit George erzählt hatte. „Ach, und dann habe ich noch eine kleine Aufgabe für Sie, Mackenzie: Sie wissen doch, dass morgen der große Weihnachtsbasar unserer Handarbeitsgruppe abgehalten wird. George sollte als unser Ravenmaster auch ein paar Worte sagen. Da Sie ja momentan unser Rabenpfleger sind, übernehmen Sie das. Am besten sprechen Sie mit Edwina Dunders darüber. Morgen früh um zehn Uhr geht es los.“
Wenig begeistert begab John sich in den Innenhof hinaus, wo eifrig an einer Reihe von Verkaufsbuden gezimmert wurde. Edwina war gerade dabei, einen bereits fertigen Stand mit Lichterketten zu schmücken. „Ah, John, Sie kommen gerade recht. Könnten Sie mir wohl behilflich sein? Ich reiche nicht so hoch hinauf.“
„Natürlich helfe ich Ihnen. Mein Dienst beginnt heute erst mittags, also habe ich noch ein wenig Zeit.“ Er nahm der molligen Frau eine der Lichterketten ab und begann, sie zu befestigen.
„Mullins hat mich beauftragt, in Vertretung für George morgen bei der Eröffnung des Basars einige Grußworte zu sagen.“
Edwina strahlte. „Das ist schön. Erzählen Sie einfach ein paar Minuten über unsere Raben, das hören die Leute immer gern. Vielleicht ein, zwei lustige Geschichten, da fällt Ihnen bestimmt etwas ein.“ Im Stillen überlegte John, ob eine anschauliche Schilderung seines blutigen Fütterungsunfalls zur vorweihnachtlichen Stimmung beitragen würde.
Nur noch ein Pflaster erinnerte an Brans Attacke. Während der letzten Tage war schon so etwas wie Routine in die täglichen Arbeiten für die Raben eingekehrt und auch die Tiere schienen sich an ihn gewöhnt zu haben.
„Ich glaube, wir werden dieses Jahr einen besonders großen Zulauf haben. Natürlich werden viele Leute in erster Linie kommen, um sich den Schauplatz des Mordes anzusehen und sich ein wenig zu gruseln – aber ich sage Ihnen was: Mir ist das egal. Wir sorgen schon dafür, dass keiner wieder geht, ehe er nicht etwas gekauft hat. So tun selbst die Schaulustigen etwas für unsere gute Sache.“ Edwina lachte vergnügt und reichte John eine große Plastiktüte.
„Sie machen das so wunderbar. Groß, wie Sie sind, benötigen Sie nicht einmal eine Leiter zum Aufhängen. Denken Sie, Sie könnten auch die restlichen Lichterketten noch anbringen?“ Entsetzt blickte John in die prall gefüllte Tüte, aus der ein Gewirr an Kabeln und Leuchten heraushing. „Die … sollen alle aufgehängt werden?“
Edwina nickte mit leuchtenden Augen. „Alles soll heimelig erleuchtet sein. Es wird herrlich aussehen.“ John lächelte schwach. Zwei Stunden später zog er sich mit knurrendem Magen eilends um. Zum Mittagessen war keine Zeit geblieben und auch die paar Kekse, mit denen Edwina ihn versorgt hatte, konnten seinen Hunger nicht dauerhaft stillen. Er wünschte, er hätte sich beim Frühstück mit Renie ebenso den Bauch vollgeschlagen, wie seine Nichte es getan hatte.
Stolz hatte sie ihm einige Aufnahmen von Richard und seinem Wahlkampfteam präsentiert. Auf seine wohlmeinende Ermahnung hin, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern erst einmal zu versuchen, das Vertrauen ihrer neuen Arbeitskollegen zu gewinnen, hatte sie nur überlegen gelächelt.
„Du und Mum, ihr meint immer, einen mit euren guten Ratschlägen zupflastern zu müssen. Aber mach dir nicht ins Hemd, John, ich schaukle das Kind schon.“ Mit dem Packen Fotos und Geld fürs Taxi war sie winkend davongezogen.
Wo das Mädchen nur ihre unerschöpfliche Energie her hat – ein bisschen davon würde mir auch nicht schaden, dachte John kopfschüttelnd.
Er erhob sich ächzend und trat seinen Dienst an.
Nach Öffnung der Tore am nächsten Morgen füllte der Tower sich in Windeseile. John wienerte seine Stiefel auf Hochglanz und zog zur Feier des Tages seine Paradeuniform an. Auf dem Weg zur improvisierten Bühne vor dem White Tower musste er sich durch eine dicht gedrängte Menschenmasse kämpfen. Zu seiner Bestürzung waren auch unzählige Presseleute, bewaffnet mit Kameras und Mikrofonen gekommen. Als er etwas atemlos die Bühne bestieg, raunte Chief Mullins ihm zu, „Da sind Sie ja endlich.“
„Dass so viele Leute kommen würden, hätte ich nicht gedacht. Ich musste mir erstmal einen Weg hierher bahnen.“
Edwina trat herzu. „John, ich darf Sie jemandem vorstellen. Dr. Percival Farnsley, Chefarzt am St. Bartholomew´s. Doktor, dies ist John Mackenzie, der sich um unsere Raben kümmert.“ Die Männer schüttelten sich die Hand. „Und dann haben wir hier noch eine sehr wichtige Person, die Ehrenwerte – “
„Meine liebe Mrs. Dunders, Sie brauchen uns nicht vorzustellen. Hallo, John.“
„Patricia! Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Du siehst fabelhaft aus.“
Die Ehrenwerte Patricia Whittington-Armsworth begrüßte John mit einem gezierten Küsschen links, Küsschen rechts.
„Du weißt vielleicht, dass ich dem Förderverein der Klinik vorstehe. Wir bemühen uns gerade, die Gelder für die Einrichtung eines Kinderhospizes zusammenzubringen. Dafür leisten Menschen wie Mrs. Dunders und ihre rührigen Damen einen wichtigen Beitrag.“
Die so Gelobte lächelte verschämt. Dr. Farnsley ergriff Patricias behandschuhte Hand.
„Ohne Ihren Einsatz wären wir nie so weit gekommen, dass wir im nächsten Jahr den neuen Flügel eröffnen können, in dem auch das Kinderhospiz untergebracht werden wird. Es ist phänomenal, mit welchem Elan und welcher Selbstlosigkeit Sie sich in die Dienste der Wohltätigkeit stellen.“
„Aber Doktor – ohne Ihre überragende Kompetenz und Ihren großartigen Ruf hätten wir nie die Forschungsgelder zur Verfügung gestellt bekommen, die wir für die Erweiterung der Onkologie benötigen.“ Alle drei strahlten einander an, während John die Frau des Superintendenten unauffällig musterte.
Er hatte Patricia nur wenige Male gesehen und wusste nicht recht, wie er sie einschätzen sollte. Anders als viele Sprösslinge wohlhabender Familien mit Verbindungen in die besten Kreise des Vereinigten Königreichs, hatte sie ihre jungen Jahre nicht mit Partys in angesagten Clubs und teuren Urlauben auf Yachten und Schweizer Skipisten verbracht, sondern sich schon früh für wohltätige Zwecke aller Art eingesetzt und dabei großes Organisationstalent bewiesen.
Doch fragte John sich, was hinter diesem Engagement steckte. Auf ihn hatte sie nie wie eine warmherzige Person gewirkt, die sich aufrichtig für Bedürftige und Kranke interessierte. Sie war attraktiv, allerdings verdankte sie dies den Heerscharen an begabten Schneidern und Visagisten, die die im Grunde eher unscheinbare Frau in eine ansehnliche Erscheinung verwandelten. Trotz des perfekten Bildes, das Simon und Patricia stets nach außen hin abgaben, fragte John sich, ob zwischen ihr und Simon echte Zuneigung bestand.
Mullins machte sich bereit, ans Rednerpult zu treten. Er knurrte John zu, „Wir mussten haufenweise Pressefritzen einlassen. Angeblich wollen die Kerle über unseren Basar und die wohltätigen Zwecke, für die wir verkaufen, berichten. Da lachen ja die Hühner! In den letzten Jahren sind zum selben Anlass höchstens zwei Reporter erschienen, heute ist es eine ganze Kompanie. Da kann ich mir doch denken, aus welchem Grund die hier sind.“ Mit dieser Befürchtung sollte er Recht behalten. Kaum hatte Mullins mit seinen Begrüßungsworten begonnen, wurde er schon durch die ersten Zwischenrufe unterbrochen.
„Commander Mullins – haben Sie schon einen neuen Ravenmaster eingestellt?“
„Rechnen Sie noch mit der Rückkehr von George Campbell?“
„Was wissen Sie über Campbells Motive?“
„Handelt es sich um eine Verschwörung der Beefeater?“
Mullins bemühte sich, die Presseleute zum Schweigen zu bringen und wieder auf den heutigen Anlass zu verweisen, wurde aber überschrieen.
„Sind Sie der neue Ravenmaster? Wie heißen Sie? Drehen Sie sich hierher!“
Unversehens sah John sich im Rampenlicht. Da löste sich Patricia aus der kleinen Gruppe auf der Bühne und ging nach vorn. Sanft, aber bestimmt schob sie Mullins zur Seite.
„Meine Damen und Herren!“ Da Patricia den Reportern als Stammgast der Gesellschaftsseiten britischer Zeitungen bekannt war, richteten alle Kameras sich auf sie und es wurde ruhig.
„Ich danke Ihnen vielmals für Ihr Kommen und das dankenswerte Engagement, das Sie damit für unsere gute Sache beweisen. Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass ein großer Teil des heutigen Erlöses an die Hospizstiftung des St. Bartholomew´s Krankenhauses gehen wird. Damit Sie selbst hören können, welch herausragende Arbeit dort geleistet wird, möchte ich das Wort an Dr. Percival Farnsley übergeben. Er ist nicht nur der Chefarzt unserer Klinik, sondern auch ein international renommierter Spezialist in der Krebsforschung.“
Als sie sich in den rückwärtigen Teil der Bühne zurückzog, zischte sie John zu, „Es ist wohl besser, wir streichen deine Rede. Das würde nur wieder für Unruhe sorgen und damit geriete der Zweck des heutigen Tages ganz ins Hintertreffen.“ John nickte erleichtert. In den folgenden Minuten schaffte Dr. Farnsley es, durch seine bewegende Schilderung des Schicksals zweier krebskranker Kinder die Meute zu fesseln.
„Meister aller Tränendrüsenklassen“, murmelte Mullins John zu. Als Farnsley zum Schluss kam, zog Patricia Edwina Dunders nach vorne. Nahtlos übernahm sie das Mikrofon.
„Ich bitte Sie um einen kräftigen Applaus für den unermüdlichen Motor der fleißigen Hände des Towers: Mrs. Edwina Dunders!“
Mit roten Backen erklärte diese: „Der Markt ist eröffnet. Sie wissen ja, mit jedem Kauf tun Sie Gutes für die, die unsere Hilfe am dringendsten brauchen. Also öffnen Sie Ihr Herz und Ihren Geldbeutel.“
Patricia begann zu klatschen und in den Beifall hinein begann der Chor des Towers ein mitreißendes Weihnachtslied zu singen. Die ersten Besucher begannen, zu den festlich geschmückten Buden zu strömen. John nutzte die Gelegenheit, in seine Wohnung zu verschwinden. In Zivilkleidung, hoffte er, würde er der Aufmerksamkeit der Presse besser entgehen können.
Als er sich gerade seiner Uniform entledigt hatte, läutete es. Hastig warf er sich einen Bademantel über und öffnete. Erstaunt sah er Simons Frau vor sich stehen.
„Patricia! Ich dachte, du bist auf dem Markt – “
„Kann ich einen Moment hereinkommen?“
„Äh, ja, natürlich. Setz dich doch einen Augenblick in die Küche, bis ich mir etwas übergezogen habe.“ Wenig später saßen sie sich gegenüber. Patricia hatte das Angebot einer Tasse Tee abgelehnt und John wartete gespannt darauf, dass sie zur Sache kam.
„Du hast dich ja schnell verkrümelt vorhin, John.“
„Ich dachte, wenn ich in der Uniform über unseren Weihnachtsbasar schlendere, lassen die Pressegeier mir keine ruhige Minute. Deshalb wollte ich mich schnell umziehen, bevor ich wieder hinausgehe.“
Patricia nickte ein wenig abwesend.
„Du hast die Situation vorhin gut in den Griff bekommen, mein Kompliment. Chief Mullins lag richtig mit seiner Einschätzung, dass ein Großteil der Reporter nicht wegen des Basars gekommen ist, sondern wegen unseres Mordfalles. Aber du hast sie gut eingebremst.“
Patricia zuckte graziös mit den Schultern. „Ich sehe mich als Lobbyistin der guten Sache. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, die Aufmerksamkeit der Medien für unsere Zwecke zu nutzen. Aber ich verstehe auch, dass das öffentliche Interesse am Tod der Studentin die Reporter dazu zwingt, impertinente Fragen zu stellen. Bedauerlicherweise stocken die Ermittlungen ja seit langem, wie du sicher weißt.“ John lächelte unverbindlich.
„Simon … steht sehr unter Druck. Du kannst dir vorstellen, dass gerade bei einem solch Aufsehen erregenden Fall eine schnelle Aufklärung oberstes Ziel ist. Mittlerweile werden immer mehr Stimmen laut, die den schleppenden Fortgang der Ermittlungen kritisieren.“ Sie seufzte, ein wenig aufgesetzt, wie John fand. Dann fasste sie unversehens nach seiner Hand.
„Oh John, ich weiß, ihr habt eure Differenzen, aber du würdest Simon doch keine wichtigen Informationen vorenthalten, nicht wahr?“
„Welche wichtigen Informationen meinst du?“
„Nun ja, Simon hat mir erzählt, dass du und der verdächtige Ravenmaster Freunde seid und du auch der Einzige bist, mit dem er spricht. Ansonsten blockiert dein Freund die Nachforschungen durch sein hartnäckiges Schweigen.“
John hob eine Augenbraue. „Cousin Simon kann sich glücklich schätzen, dass er eine so gute Zuhörerin für seine Sorgen hat.“ Patricia zog ruckartig ihre Hand weg und er konnte sehen, wie sie unter ihrem Make-up ein wenig errötete.
„Natürlich bespricht mein Mann niemals Details eines Falles, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind, mit mir. Ich weiß kaum mehr, als in den Zeitungen steht. Aber ich kann doch sehen, wie sehr ihn dieser Stillstand belastet.“
So sehr, dass er nun sogar seine eigene Frau zum Spionieren zu mir schickt, dachte John sarkastisch. Laut aber sagte er, „Patricia, meine Liebe, ich kann verstehen, dass du dir als Ehefrau Sorgen um Simon machst. Ich würde auch liebend gern zur Lösung dieses Falles beitragen, das kann ich dir versichern. Wie du schon sagtest, ist George Campbell mein Freund und ich glaube an seine Unschuld. Aber dein Mann hat mir unmissverständlich klar gemacht, dass er sich jegliche Einmischung meinerseits oder meiner Beefeater-Kollegen in die Ermittlungen verbittet und daran habe ich mich gehalten, so schwer es mir fällt.“ Er setzte sein unschuldigstes Lächeln auf. Patricia warf ihm einen prüfenden Blick zu.
Dann gab sie sich geschlagen. „Wie ist es, John, begleitest du mich zu einem Rundgang über den Basar?“
„Es wäre mir ein Vergnügen.“ Galant hielt er ihr die Tür auf.
Mit Schließung der Tore traf sich ein Großteil der Tower-Gemeinschaft im Innenhof, um beim Abbau der Buden mitzuhelfen. Edwina betrat die Bühne und klatschte in die Hände.
„Meine lieben Freunde! Es freut mich, euch mitteilen zu können, dass dies der erfolgreichste Basar war, den wir je abgehalten haben. So gut wie alle unsere Waren sind ausverkauft und wenn Sid nicht schnellstens für Nachschub gesorgt hätte, wären uns schon am Nachmittag die Getränke ausgegangen.“ Applaus brandete auf.
„Natürlich müssen unsere Einnahmen erst gezählt werden, aber ich bin mir sicher, wir konnten ein Rekordergebnis erzielen.“ Wieder Beifall. „Nun möchte ich allen, die mitgeholfen haben, ganz herzlich danken. Ich denke, jedes Mitglied unserer Mannschaft hat seinen Teil zu diesem Erfolg beigetragen. Nun bauen wir schnell die Stände ab und hernach spendiere ich für alle Glühwein und Kekse.“
John nahm gerade Lichterketten ab, als Chief Mullins über den Hof auf ihn zugeeilt kam. „Es gibt Neuigkeiten. Gerade eben hat mich Lieutenant Fielder angerufen, ein alter Freund aus Air Force-Zeiten. Heute leitet er das zentrale Archiv der Streitkräfte.“
Mullins nahm John eine der Ketten ab und wickelte sie sorgsam zusammen.
„Komische Sache, kann ich Ihnen sagen. Fielder sagte, seine Leute hätten eine ganze Weile herumgesucht, aber außer einer sehr dürren Personalakte von diesem Gerry Burrows nichts finden können.“
„Wie kann das sein? Es muss doch Ermittlungsberichte aus dem Verfahren gegen ihn geben.“
Mullins nickte. „Das sollte man meinen. Fielder hat sich bedeckt gehalten, aber ich konnte heraushören, dass er stinksauer ist. Die Archivare sagen, dass durch die Fusion der Einheiten – die Seaforth Highlanders bilden mittlerweile nach einigen Zusammenschlüssen das vierte Bataillon des Königlich Schottischen Regiments – möglicherweise Datensätze verlegt worden sind. Das glaube ich aber nicht.“, sagte er skeptisch. „Mir sieht es eher danach aus, als hätte dieser Burrows damals einen Draht zu den richtigen Leuten gehabt, die dann Informationen verschwinden ließen.“
„Was wissen wir dann überhaupt über diesen Kerl?“
„Nicht viel mehr als sein Geburtsdatum – er muss jetzt siebenundvierzig Jahre alt sein – und seine damalige Heimatadresse. Bevor er zur Armee kam, lebte er bei seinen Eltern in Manchester. Wohin er nach seiner Entlassung ging, ist unbekannt.“
„Gibt es ein altes Foto, Einsatzberichte, Angaben über persönliche Verbindungen, irgendwas?“ Mullins schüttelte bedauernd den Kopf.
John stemmte die Arme in die Hüften. „Das gibt’s doch nicht. Gibt es denn keine Möglichkeit, in den Armeeunterlagen weiter nachzuforschen? Vielleicht findet sich ja doch irgendwo eine Spur von ihm.“
„Ich denke, Fielder hat getan, was er konnte. Es war ihm ganz offensichtlich zuwider, dass sich nicht mehr Informationen finden ließen. Aber immerhin ist die Sache auch über zwanzig Jahre her. Von den Leuten, die damals mit der Führung der Unterlagen betraut waren, wird kaum noch einer im Dienst sein, den man zur Rechenschaft ziehen könnte. Nein, ich fürchte, hier stehen wir vor einer Sackgasse. Gerry Burrows, wer auch immer er ist, hat seine Spur gekonnt verwischt.“