Fröstelnd schlug John Mackenzie seinen Mantelkragen hoch. Die Wollmütze zog er tiefer ins Gesicht. Auf der Millennium Bridge pfiff der nächtliche Wind eisig. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er losmusste. Dennoch konnte er sich noch nicht von dem Panorama lösen, das sich vor ihm ausbreitete.
Den massigen Fabrikbau der Tate Gallery für moderne Kunst hatte er soeben verlassen. Direkt gegenüber grüßte Christopher Wrens gewaltige Kuppel der St. Paul´s Cathedral herüber. Flussaufwärts schließlich war die erleuchtete Silhouette der Tower Bridge zu erkennen.
Nach fast zwanzig Jahren im Ausland war John seit einigen Monaten dabei, seine Heimatstadt wieder neu zu entdecken und er genoss es in vollen Zügen. Schließlich wandte er sich bedauernd ab und trottete in Richtung U-Bahn. Kurz vor der Haltestelle Blackfriars näherten sich von hinten eilige Schritte.
„So einen Scheißabend hatte ich schon lange nicht mehr! Wahnsinn, stundenlang nur krankes Zeug anglotzen. Stattdessen hätte ich mir mit meinen Kumpels das Spiel ansehen und so richtig einen draufmachen können.“, warf ein junger Mann seiner Begleiterin ins Gesicht, während er an John vorbeistampfte. Im Gehen versuchte er vergeblich, sich eine Zigarette anzuzünden. Er fluchte ungehalten, als der Wind das Feuerzeug immer wieder ausblies. Die junge Frau tippelte hinterher. John konnte sich erinnern, das Paar flüchtig im Museum gesehen zu haben.
„Aber Billy, du hattest versprochen, meinen Geburtstag mit mir zu verbringen…“, brachte das Mädchen hervor. Ihr Freund hatte es schließlich aufgegeben, die Zigarette zum Brennen zu bringen und stopfte die Schachtel in seine Jacke.
„Na, das hab ich doch auch, oder? Du wolltest dir unbedingt diesen Kram anschauen und das haben wir gemacht. Jetzt brauch ich ein Bier mit den Jungs. Also komm mit oder lass es.“ Er zog das Handy aus der Hosentasche. Das Mädchen blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihm nach. John ging langsam an ihr vorüber. Widerstreitende Gefühle spiegelten sich in ihrem jungen Gesicht wider.
John ging die Treppen hinunter zum Bahnsteig der District Line. Verstohlen sah er ein, zwei Mal zurück, um zu sehen, was sie nun tun würde. Als er sich dabei ertappte, musste er über sich selbst lachen. Auch wenn er seinen früheren Beruf hinter sich gelassen hatte, als er sich für den Dienst in der königlichen Wachtruppe entschieden hatte – einmal Psychologe, immer Psychologe.
Als in der U-Bahn die Haltestelle Aldgate East angekündigt wurde, schreckte er hoch. Jetzt war er zu weit gefahren. Er war wieder einmal in Gedanken versunken gewesen, so dass er es versäumt hatte, am Tower Hill auszusteigen. Nun musste er sich beeilen, um rechtzeitig zum Dienstbeginn um 22.00 Uhr auf seinem Posten zu sein. Beim Gedanken, zu spät zu kommen, begann er ein wenig zu schwitzen. Was würde das für einen Eindruck machen, wenn er nach wenigen Monaten bei der Truppe schon seinen Dienstbeginn versäumen würde! Für ein Mitglied der königlichen Yeoman Warders im Tower of London, allgemein Beefeater genannt, völlig undenkbar.
Ohnehin hatte er in dieser ersten Zeit gespürt, dass es in der 36–köpfigen Einheit einige gab, die ihm mit Zurückhaltung begegneten, andere mit einer gewissen Herablassung. Die meisten waren über zwanzig Jahre lang Mitglieder kämpfender Einheiten beim Heer oder der Luftwaffe gewesen, hatten an oft lebensgefährlichen Einsätzen teilgenommen. John hatte ebenfalls einen großen Teil seiner Dienstzeit an den Krisenherden der Welt verbracht. Die Armeehauptquartiere, in denen die Truppenbetreuung untergebracht war, waren jedoch streng abgeschirmt gewesen. So hatte er die Risiken des Soldatenlebens längst nicht so unmittelbar erleben müssen wie seine Kameraden im Einsatz.
Mit dem Gedanken an das amüsierte Gesicht der Torwache, sollte er wirklich nicht rechtzeitig kommen, sprang er aus der District Line und sprintete zum anderen Gleis hinüber. Dort war die Bahn in die Gegenrichtung gerade dabei, ihre Türen zu schließen. Gerade noch quetschte er sich hinein. Am Tower Hill angekommen legte er noch einmal einen Spurt zum Tor ein. Als er wenige Minuten vor Dienstbeginn schnaufend dort anlangte, grinste ihn der Wachhabende an.
„Mackenzie, du siehst ja ganz erhitzt aus. Du hast noch genau vier Minuten, um deine Uniform anzuziehen….“ John trabte zu seiner kleinen Wohnung am Tower Green. In Rekordzeit warf er sich die blau-rote Robe über, stülpte sich den hohen Hut auf den Kopf und eilte zum Wachhäuschen am White Tower im Zentrum der Festungsanlage. Zwei seiner Kollegen, die ebenfalls für die Nachtwache eingeteilt waren, kamen ihm entgegen und feixten. Er riss die Tür genau in dem Moment auf, als der Zapfenstreich des Trompeters wie jeden Tag um 22.00 Uhr erschallte.
„Das war aber knapp, Mackenzie. Nächstes Mal kommen Sie zeitiger. Und setzen Sie Ihre Kopfbedeckung ordentlich auf, die ist ja ganz schief.“, schnarrte der diensthabende Offizier der Nachtwache Philipp Dunders. „Und dann lösen Sie Adams am Byward Tower ab.“ „Selbstverständlich, Sir.“ Verlegen rückte John die Mütze zurecht und begab sich nach draußen.
Sein Weg führte ihn an der Voliere der neun Raben des Towers vorbei. Obwohl er es eilig hatte, verhielt er doch kurz den Schritt und spähte hinein.
Die intelligenten Tiere hatten ihn von Beginn an fasziniert. Der Legende nach würde das Königreich verfallen, sollten keine Raben mehr den Tower bevölkern. So hatte Charles II verfügt, dass immer mindestens sechs Raben im Tower leben sollten. Sie waren seit Hunderten von Jahren wichtige Bewohner der Festung und genossen viel Aufmerksamkeit. Ihr Chefpfleger trug den ehrenvollen Titel des Ravenmasters.
George Campbell, dessen Familie wie Mackenzies Vater aus Schottland stammte, hatte diesen Posten seit bald zwanzig Jahren inne und füllte ihn mit Leib und Seele aus. John hatte in seinen ersten Monaten hier oft Zeit mit ihm verbracht und Campbell sehr zu schätzen gelernt. Üblicherweise hatte der Ravenmaster einen Assistenten, der ihm bei seinen Aufgaben zur Hand ging und ihn bei Bedarf auch vertreten konnte. Allerdings war dieser vor kurzem in Ruhestand gegangen und bisher war kein Nachfolger in Sicht. Daher genoss Campbell es, mit einem aufmerksamen Zuhörer seinen reichen Wissensschatz über die Tiere zu teilen.
Mittlerweile konnte John die Vögel recht gut voneinander unterscheiden. Ein junger Rabe namens Gworran hatte es ihm besonders angetan. Der Vogel hatte ein großes Talent, Geräusche nachzuahmen und begrüßte ihn mal mit dem Quietschen einer rostigen Tür, mal mit einer Trompetenfanfare.
Jetzt im Winter zogen sich die Vögel gewöhnlich bereits mit Einbruch der Dunkelheit an ihre Lieblingsplätze in der Voliere zurück. Als John ins Rabenhaus hineinsah, konnte er Gworran jedoch nicht auf seinem gewohnten Ast finden. Er entdeckte ihn schließlich in einer dunklen Ecke der Voliere, wo er mit stumpfem Blick auf dem Boden hockte. John ging in die Knie und versuchte, den Raben anzulocken. Gworran aber regte sich nicht. Da stimmt doch was nicht, ging es John durch den Kopf. Ich sollte George benachrichtigen.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es schon fünf nach zehn war und er hastete los. Vom Diensttelefon in der Wachstube aus konnte er George erreichen. Er trabte durch den Durchgang des Bloody Tower aus dem Innenhof hinaus. Als er mit wehenden Rockschößen in die Water Lane einbog, bemerkte er zu seiner Linken einen Beefeater in der blau-roten Uniform, der es ebenfalls sehr eilig hatte. Obwohl er die Gestalt nur von hinten auf dem kaum erleuchteten Weg sah, war John fast sicher, dass dies der Ravenmaster war. Auf sein Rufen erhielt er jedoch keine Antwort. Die Person hastete unbeirrt weiter in Richtung des Cradle Tower, wo sich der private Club der Beefeater befand.
John kam zum Schluss, dass er sich getäuscht hatte und setzte seinen Weg nach rechts zur Wachstube fort. Dort empfing ihn David Adams genervt.
„Mackenzie, es wäre dein Job gewesen, die Besuchergruppe rauszulassen. Zu allem Überfluss hab ich mich jetzt auch noch verzählt. Von den dreiundvierzig Leuten, die ich zur Schlüsselzeremonie eingelassen habe, sind sechs noch auf Einladung von Campbell im Club, also müssten siebenunddreißig hier sein. Aber es sind nur sechsunddreißig da. Conners ist jetzt mit den Leuten im Vorraum und kontrolliert noch mal.“
„Verdammt, es sind wirklich nur sechsunddreißig, Adams“, platzte Conners herein. „Das gibt’s doch gar nicht, es muss noch einer drin sein.“ Adams funkelte John an. „Wenn du pünktlich gekommen wärst, hätte ich jetzt nicht diesen Mist an der Backe.“ Er riss den Hörer vom Diensttelefon.
„Sir, wir haben hier ein Problem. Einer der Zuschauer der Schlüsselzeremonie muss sich noch auf dem Gelände befinden – “ Weiter kam er nicht. Was aus dem Hörer drang, klang für seine Kollegen wie wütendes Gebell. Michael Conners machte ein unglückliches Gesicht. „Ich kann mir das nicht erklären. Ich war doch die ganze Zeit bei ihnen, wie kann sich da einer abgesetzt haben?“, murmelte er John zu. Dieser versuchte gerade, sich zu erinnern, wie der Vorgehensplan in einem solchen Fall aussah.
In der zweimonatigen Ausbildung zum Beefeater wurde jedem Neuling für eine Vielzahl von Ausnahmesituationen beigebracht, wie zu reagieren war. „Wir müssen die Gruppe hier behalten. Mit den Daten auf den Einlassscheinen können wir feststellen, wer fehlt.“, fiel es ihm schließlich ein.
„Gut aufgepasst, Mackenzie“ unterbrach ihn Adams, der den Hörer aufgelegt hatte, spöttisch. „Wir beide kümmern uns darum und Conners stößt zum Suchtrupp, den Dunders gerade zusammenstellt.“ Er schüttelte den Kopf. „Seit wir während der Schlüsselzeremonie immer alle Toiletten verschlossen halten, hatten wir keinen solchen Vorfall mehr. Conners, du wirst dafür Rede und Antwort stehen müssen.“ Der unglückselige Beefeater zog den Kopf ein und verschwand nach draußen.
„Also los, Mackenzie, an die Arbeit. Hier ist die heutige Einlassliste. Ich besorge die Einlassscheine und du hakst ab, wer anwesend ist.“ Sie traten in den Vorraum, wo die Besuchergruppe mit zunehmendem Unmut wartete. Adams klatschte in die Hände und baute sich vor der Tür auf.
„Meine Herrschaften, bitte zeigen Sie nochmals die Einlassscheine vor. Wir müssen feststellen, wer aus der Gruppe fehlt. Wir bedauern die Umstände, müssen Sie aber noch zum Bleiben auffordern.“
„Bedauern?! Sehr wohl werden Sie das noch bedauern. Ich habe eine wichtige Verabredung und bestehe darauf, dass Sie mich und meine Mitarbeiter auf der Stelle hinauslassen. Wenn Sie so nachlässig sind, dass mitten in dieser Festung Menschen verloren gehen können – und das bei einer Veranstaltung von einer Viertelstunde – haben Sie ein echtes Sicherheitsproblem. Aber dafür können wir schließlich nichts. Also aus dem Weg.“
John sah, dass Adams während dieser in einwandfreiem Englisch, aber mit hörbarem deutschem Akzent vorgetragenen Rede die Röte in das Gesicht stieg und er sich ein wenig aufplusterte. Er befürchtete, dass die Erwiderung seines Kollegen nicht geeignet sein würde, die Situation zu beruhigen. Also legte er eine Hand warnend auf Adams´ Arm und schlug halblaut vor, „Vielleicht möchtest du die Liste kontrollieren, ich übernehme das Einsammeln der Scheine.“
„Na viel Glück dabei“. Adams nahm die Liste und verzog sich hinter den Tisch der Wachen.
John wandte sich dem renitenten Besucher zu und sprach ihn freundlich an – auf Deutsch. „Sir, ich höre, Sie haben einen wichtigen Termin?“ Der Mann stutzte und antwortete dann schon deutlich friedfertiger.
„So ist es. Als Finanzchef eines führenden deutschen Automobilherstellers“ – er wies auf das Emblem eine Nobelmarke, das er am Revers seines Jacketts trug – „gehöre ich zu einer Wirtschaftsdelegation, die sich heute Abend noch mit Ihrem Handelsminister treffen wird. Genauer gesagt, sollten wir in diesem Moment bereits im Ritz sein.“ John gab sich Mühe, beeindruckt zu wirken.
„In diesem Fall kann ich Ihre Eile gut verstehen. Umso mehr sind wir Ihnen zu Dank verpflichtet, dass Sie unsere Sicherheitskräfte in dieser Situation unterstützen. Der Minister wird dies zu schätzen wissen.“ Sein Gegenüber warf ihm einen prüfenden Blick zu. Dann verzog er den Mund zu einem halben Lächeln und wandte sich ab, um seinen Mitarbeitern Anweisungen zu erteilen. Einer seiner Untergebenen zog eilfertig den Einlassschein für die fünfköpfige Gruppe heraus und überreichte ihn John, der sich feierlich bedankte.
Die Umstehenden, die die Szene verfolgt hatten, kramten nun ebenfalls in ihren Taschen nach den Scheinen und drückten sie John in die Hand. Adams nickte ihm zu, als er den Packen entgegennahm und begann, die Liste zu kontrollieren.
In der Zwischenzeit wandte sich John erneut an die Besucher. War irgendjemandem etwas aufgefallen? Hatte einer von ihnen beobachtet, wie sich eine Person von der Gruppe entfernte? Er sah in ratlose Gesichter. Kein Wunder, dachte John bei sich, die Schlüsselzeremonie war ein fesselndes Ereignis und so war die Aufmerksamkeit der Zuschauer ganz auf das Geschehen fixiert.
Schnell hatte Adams den Namen der Vermissten herausgefunden: Julia Feldmann, 178 High Holborn, London WC1.
„Dort sind Wohnheime der Universität, vielleicht ist sie eine Austauschstudentin“, spekulierte er gerade, als im Nebenraum die Tür aufgerissen wurde.
„Adams, Mackenzie! Wir haben sie gefunden.“ Conners sah grün um die Nase aus, als er seine Kollegen hektisch herauswinkte.
„Können wir die Leute dann gehen lassen?“ wollte John wissen. „Ich fürchte nicht. Das Mädchen ist tot. Offensichtlich – “ Conners rang nach Luft, „ – ist sie ermordet worden.“