Bepackt mit einer Riesenportion von Renies Lieblingsschokolade öffnete er vorsichtig die Tür zu dem Zimmer, das ihm die Stationsschwester angezeigt hatte. Wenn er erwartet hatte, dass seine Nichte noch unter den Nachwirkungen der Operation litt, hatte er sich getäuscht.
Hellwach lag sie im Bett, das verletzte Bein auf einem Gestell hochgelagert.
Als sie John erspähte, krähte sie, „Na endlich! Her mit der Schokolade, das Frühstück hier ist echt lausig.“ John musste lachen. Er küsste seine Nichte auf die Stirn, überreichte seine Mitbringsel und setzte sich. Während Renie gierig das erste Päckchen aufriss und sich einen ganzen Riegel in den Mund schob, betrachtete er sie liebevoll.
„Du bist wirklich unverwüstlich, weißt du das? Ich bin so froh, dass dir nichts Schlimmeres passiert ist.“
Renie stöhnte. „Oh bitte, John. Mum hat mich schon vollgesülzt, dass sie ja sooo glücklich ist, dass sie mich nicht verloren hat und dass ich in Zukunft nieeee wieder was Gefährliches machen darf.“ Sie verdrehte die Augen. „Am liebsten würde sie mich zu Hause festbinden. Gott sei Dank ist Dad kein solcher Gefühlsdusel. Er hat vorgeschlagen, dass sie in die Stadt gehen und schleunigst die Geschenke kaufen sollten, die wir noch brauchen. Schließlich ist in drei Tagen Weihnachten.“
Sie grinste. „Er hat die Oberschwester mit einer satten Spende in die Schwesternkasse bestochen, uns den Namen des Polizisten zu verraten, der mir das Leben gerettet hat. Er liegt ein paar Zimmer weiter. Sobald ich aufstehen kann, werde ich ihn mal besuchen. Außerdem soll er auch ein großes Weihnachtsgeschenk von uns bekommen.“ Sie griff zu einem weiteren Schokoladenstück und sah John erwartungsvoll an. „Nun erzähl mal, was gibt’s Neues? Haben sie die Ratte schon gefunden?“
„Nein, Owen scheint untergetaucht zu sein. Aber Scotland Yard hat jeden verfügbaren Mann für die Fahndung abgestellt, also werden sie ihn sicher bald finden. Auf jeden Fall haben sie Li Chan in Sicherheit gebracht, damit er nicht versuchen kann, auch ihr etwas anzutun. Sie hat bei Simon bereits ausgesagt, was sie wusste.“
Auf Renies Gesicht breitete sich ein selbstzufriedenes Lächeln aus. „Hatte ich es dir nicht gleich gesagt, dass sie eine wichtige Informationsquelle sein könnte? Und nun gib zu, dass meine Idee, ihr Vertrauen zu gewinnen, gut war.“
John grinste. „Okay. Ohne dich hätte nie jemand erfahren, dass es eine Verbindung von Nigel Owen zu Julia Feldmann gab.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Ich neige mein Haupt vor der Großmeisterin des Detektivspielens.“
Renie gab ihm einen Klaps. „Hör auf, mich auf den Arm zu nehmen.“ Dann wurde sie ernst. „Sie hat mir auch anvertraut, warum sie nicht gewagt hatte, bei der ersten Befragung durch die Polizei etwas zu sagen. Zwei ihrer Brüder – sie arbeiten als Köche in dem Lokal – beziehen ihren Stoff auch von Owen. Daher erkannte sie Owen auch, trotz des schlechten Lichts. Sie hatte schon einige Deals beobachtet. Das hat niemand gemerkt, weil sie für ihre Familie nicht viel mehr als ein … nützliches Möbelstück ist. “ Ihre Stimme wurde bitter. „Die würden sie totschlagen, wenn sie der Polizei alles sagt, was sie weiß. Weißt du was, John? Wir müssen etwas für Li tun, sie da rausholen. Das ist doch kein Leben, das sie da führt. Sie ist ein kluges Mädchen und könnte aufs College gehen oder ein eigenes Lokal aufmachen oder was weiß ich.“
Bevor John etwas sagen konnte, klopfte es und durch die Tür kam ein Tross Ärzte und Pfleger. Mit einem gestrengen Blick mahnte die Oberschwester, die das Krankenblatt in der Hand hielt, „Bitte lassen Sie uns für einen Augenblick allein. Dr. Farnsley muss sich die Patientin ansehen.“
„Dr. Farnsley, vielleicht können Sie sich erinnern? John Mackenzie. Wir haben uns bei der Eröffnung des Weihnachtsmarktes im Tower getroffen.“
Der Chefarzt stutzte, dann erinnerte er sich. „Natürlich, Sie sind der Ravenmaster des Towers, nicht wahr? Und Sie sind mit unserer reizenden Mrs. Whittington-Armsworth bekannt.“ Letzteres schien den Arzt schwer beeindruckt zu haben.
John lächelte. „Ich habe den Ravenmaster eine Weile vertreten, aber wir hoffen, dass er so schnell wie möglich wieder seinen Dienst antreten kann, Doktor.“, stellte er klar. „Aber ich möchte Sie nicht aufhalten. Ihre Patientin ist übrigens meine Nichte, Maureen Hughes.“
„Gut, dann wollen wir mal. Hat mich gefreut, Mr. Mackenzie.“
John wanderte auf dem Gang hin und her, während er auf das Ende der Visite wartete. Auf einmal hörte er Renies Stimme durch die Tür herausdringen. Ohne die Worte verstehen zu können, war unschwer zu erkennen, dass sie erbost war. Dann eine dunklere Stimme, die sich bemühte, sie zu beruhigen. Nach wenigen Minuten öffnete sich die Tür und das Regiment Mediziner kam heraus. Einige trugen ein verstohlenes Grinsen zur Schau. Das Gesicht der Oberschwester war gerötet und sie blitzte John im Vorbeirauschen erzürnt an. Der Chefarzt murmelte John zu, „Das ist ja – äh – eine kämpferische junge Dame, Ihre Nichte.“ Sie verschwanden im Nebenzimmer.
Als John wieder hineinkam, funkelte Renie ihn wütend an. „Der hat sie doch nicht alle. Stell dir vor, ich soll noch mehrere Tage hier liegen und dann kann ich mich erst mal nur mit dem Rollstuhl bewegen, später auf Krücken. Bis ich wieder richtig laufen kann, werden Wochen vergehen.“
John setzte sich vorsichtig. „Ich verstehe, dass das schlimm für dich ist, Renie. Aber scheinbar hast du einen ziemlich komplizierten Bruch und der soll stabil wieder zusammenwachsen, ohne dass etwas verrutscht.“
Renie hieb mit der Hand auf die Bettdecke. „John! Du hast wohl ganz vergessen, dass ich gleich nach Neujahr nach Südafrika fliege? Dieses Projekt war mein Traum! Und was soll ich da in einem Rollstuhl, kannst du mir das verraten? Mist, Mist, Mist!“
Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Oh, ich könnte heulen. Was soll ich dann das nächste halbe Jahr machen? Alle in meinem Semester sind in irgendwelchen Projekten eingesetzt, die über sechs Monate gehen. Nur ich sitze zu Hause und drehe Däumchen.“ Verzweifelt zog sie sich die Bettdecke über den Kopf. „Lass mich allein, John. Ich möchte sterben.“
„Renie, es tut mir so leid. Ich weiß, du hattest dich schon sehr auf die Zeit in Afrika gefreut. Aber ich bin sicher…“
Ein unwilliges Knurren drang unter der Decke hervor. „Laber hier nicht rum, John. Ich will kein Mitleid. Geh einfach.“
John wusste, dass mit seiner Nichte in dieser Stimmung nicht zu reden war. „Ich komme morgen wieder, Renie. Mach´s gut einstweilen.“ Als er die Tür hinter sich schloss, hörte er sie rufen. Er steckte den Kopf noch einmal hinein. „Was ist?“
„Bring mir wieder die Schokolade mit, ja?“
John grinste. „Ein ganzes Dutzend Tafeln, wenn du willst. Bye.“
Nach seiner letzten Führung ging John über den Hof zum Rabenhaus. Zu seinem Erstaunen glomm ein Lichtschein aus der Holzhütte. Er zog die Tür auf. „George!“ Der Ravenmaster legte das Messer hin, mit dem er das Fleisch kleingeschnitten hatte. Sorgfältig wischte er sich die Hände an der Schürze ab. Wortlos kam er die wenigen Schritte zu John herüber und streckte ihm die Hand hin. „Danke. Ich … ich weiß nicht, wie ich dir das je vergelten kann. Ohne dich…“ Seine Stimme brach. Tränen liefen über seine Wangen. John legte dem Älteren den Arm um die schmalen Schultern und schob ihn sanft zu einem alten Holzstuhl hin. Er selbst setzte sich auf einen Hocker. „Es ist schön, dass du wieder da bist“, sagte er schlicht.
George fasste sich wieder und schnäuzte sich kräftig. „Ich bin noch nicht lange zurück. Marcia hätte fast einen Herzinfarkt bekommen, als ich plötzlich in der Tür stand. Ich bin so glücklich, wieder mit dem alten Mädchen vereint zu sein. Und natürlich hatte ich auch Sehnsucht nach der Rasselbande hier. Ich bin gespannt, ob die Kerlchen mich überhaupt noch erkennen.“
John lachte. „Da habe ich keine Zweifel. Wie wär’s – bereiten wir gemeinsam das Futter vor?“ In diesem Moment erschallte eine Trompetenfanfare draußen. Fragend blickte John auf. George aber begann zu strahlen. „Gworran!“ Er eilte nach draußen. Innerhalb kürzester Zeit kamen alle neun Raben herangeflattert oder gehüpft und scharten sich um ihren alten Pfleger. George sprach gerührt auf sie ein. John sah dem Treiben einige Minuten lächelnd zu, dann beeilte er sich, das Futter fertigzumachen und in der Voliere zu deponieren.
Normalerweise stürzten sich die Vögel in Windeseile auf die Näpfe, sobald das Gitter der Voliere geöffnet wurde. Heute aber schienen sie sich kaum vom Ravenmaster trennen zu können. Schließlich scheuchte George sie sanft hinein und verschloss das Tor. „Die Tiere sehen gut aus. Du hast dich offenbar vorbildlich um sie gekümmert.“ Er kam in die Hütte zurück und schlug das Buch auf, in dem John die Aufzeichnungen über die Vögel weitergeführt hatte. Zufrieden nickend legte er es wieder weg und sah John an.
„Ich weiß, dass ich keinen besseren finden könnte, also frage ich dich: Möchtest du offiziell Assistent des Ravenmasters werden? Du hättest natürlich noch vieles zu lernen…“
„Sehr gern, George. Es macht mir Freude, für die Vögel zu sorgen.“
Meistens zumindest.
„Ich freue mich, wenn du mir alles beibringst, was du weißt.“ Feierlich schüttelten die Männer sich die Hände.
„Nun erzähle aber mal, George: Wie war das Verhör? Offensichtlich konntest du den Superintendenten von deiner Unschuld überzeugen, sonst hätte er dich nicht so prompt freigelassen.“
George ließ sich auf den Stuhl fallen. „Ich sage dir, vorher habe ich Blut und Wasser geschwitzt. Aber nachdem ich mir geschworen hatte, die reine Wahrheit zu sagen und nichts zu verschweigen, fiel es mir gar nicht so schwer, Whittingtons Fragen zu beantworten. Danach fühlte ich mich sogar richtig erleichtert. Die Polizei glaubte mir wohl, denn als das Gespräch zu Ende war, sagte Whittington, ich könne gehen. Nun hoffe ich, dass Richard es genauso machen wird. Das ständige Lügen macht einen ganz kaputt.“
John nickte. „Du hast recht. Was ist mit Marcia?“
„Vor dem Gespräch mit ihr hat mir fast noch mehr gegraut als vor dem Polizeiverhör. Ich dachte, es bricht ihr das Herz, wenn ich ihr von den Fotos erzähle und was sie über Richard aussagen, aber sie hat es erstaunlich gelassen aufgenommen. Nach ihrem Suizidversuch hattest du ihr ja versichert, ich wäre unschuldig. Als ich aber dennoch die Aussage verweigerte, wurde ihr im Lauf der Zeit klar, dass ich damit jemanden decken wollte. Sie wusste, das konnte nur Richard sein. Sie sagte mir, sie habe mich seit Tagen im Gefängnis besuchen wollen, um mir zu sagen, dass ich die Karten auf den Tisch legen soll. Dann aber hätte sie jedes Mal wieder der Mut verlassen, weil sie Angst hatte, was sie über ihren Sohn herausfinden würde. Nun erscheint sie mir, so schlimm die ganze Geschichte auch ist, auch ein wenig erleichtert zu sein.“
John klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Du hast das Richtige getan, George. Nun warten wir´s ab, was Richard aus der Situation macht.“
Beide fuhren herum, als das Telefon klingelte. John hob ab.
„John, ist George bei dir? Er ist schon vor einer Ewigkeit weggegangen.“
„Ja, Marcia, er ist hier.“ Er blinzelte George zu. „Es tut mir leid, ich habe ihn aufgehalten. Und er konnte auch die Raben nicht so schnell wieder verlassen, die Tierchen sind ganz glücklich, dass er wieder hier ist.“
„Das macht doch nichts, John. Du hast so viel für uns getan. Ohne dich hätte ich meinen George nicht wiederbekommen. Ich würde auch gar nicht drängen, dass er wieder zurückkommt, aber Mullins hat gerade angerufen: Er will heute Abend noch eine Willkommensparty für George im Club geben. Vielleicht möchtet ihr euch ja noch ein wenig in Schale werfen?“
Diese Aussicht machte beiden Männern Beine und sie machten sich eilends in ihre jeweiligen Wohnungen auf.
Als John die Water Lane hinunterging, drang bereits Musik und Stimmengewirr aus dem Club. Kurz vor der Eingangstür traf er auf George und Marcia. Angetan mit einem schicken Kleid und einem glücklichen Strahlen, das ihr Gesicht erhellte, wirkte sie so lebendig, wie John es noch nie erlebt hatte.
Als die drei durch die Tür traten, brach lauter Jubel aus. George musste unzählige Hände schütteln. Offensichtlich hatte sich herumgesprochen, dass John großen Anteil an der Freilassung des Ravenmasters gehabt hatte, denn auch ihm wurde ein herzlicher Empfang zuteil. Als Chief Mullins sich zu ihnen durchdrängte und ihre Arme hochhielt wie die zweier Preisboxer, klatschte, trampelte und pfiff die gesamte Tower-Gemeinde.
Sid sprang auf die Theke. „Ein Hoch auf unseren Ravenmaster, der endlich heimgekehrt ist und auf unseren Chief, der uns heute freihält – mit allem, was das Herz begehrt: Bier, Punsch nach meinem Geheimrezept und sogar – “
An dieser Stelle zog er mit geheimnisvoller Miene eine Flasche unter dem Tresen hervor, „für unseren Psycho-Doc, den Beistand in allen Lebenslagen – eine Portion Kinderpunsch!“ Unter johlendem Gelächter ließ John sich ein Glas einschenken und prostete den anderen zu.
Michael Conners schlug ihm ausgelassen auf die Schulter. „Alter Knabe! Gut gemacht. Wie ich höre, hast du den Mordfall gelöst. Aber nun löse endlich ein anderes Rätsel für uns“ Er hob Johns Arm hoch, so dass die Umstehenden die frische Narbe auf seinem Handrücken sehen konnten. „Wie haben die Raben das geschafft?“