Nach dem großen Festmahl verabschiedeten sich Simon und Patricia und der Rest der Familie ließ sich in die Wohnzimmersessel fallen. James Mackenzie hielt sich stöhnend den Bauch. „Emmeline, du hast dich wieder mal selbst übertroffen. Der Truthahn war ein Gedicht.“
„Und eure Preiselbeersaucen waren beide einfach himmlisch.“, beeilte Maggie sich hinzuzufügen und erntete ein triumphierendes Lächeln von Tante Isabel und Mrs. Mackenzie.
„Hört, hört“, rief Alan und alle hoben ihre Tassen. „Auf unsere wunderbaren Gastgeber! Auf dass wir noch viele wunderbare Weihnachtsfeste zusammen hier feiern dürfen.“
„Wie wäre es, wenn wir heute Nachmittag alle zusammen in die Königlichen Gärten gehen? Die Schlittschuhbahn hat nach Einbruch der Dämmerung für zwei Stunden geöffnet.“, schlug John vor.
„Oh ja, toll, das machen wir.“ Bella klatschte in die Hände und sprang begeistert auf und ab.
Maggie meldete Bedenken an. „Aber das ist ja schon mindestens zwanzig Jahre her, seit ich zuletzt auf Schlittschuhen gestanden habe. Ob meine alten Knochen das noch aushalten?“ Alan aber war Feuer und Flamme. Er sah seine Frau mit schmelzendem Gesichtsausdruck an. „Aber Honey, denk doch, wie romantisch das wird. Wir beide, Hand in Hand. Wie damals, als wir uns immer auf der Eisbahn vor dem Naturhistorischen Museum getroffen haben.“ Maggie lachte. „Wer könnte da schon widerstehen? Also gut, wir versuchen es.“
„Eure alten Schlittschuhe liegen noch irgendwo auf dem Speicher. Außerdem kann man sich dort auch welche ausleihen.“ Emmeline stand geschäftig auf. „Ich begleite euch. Das möchte ich doch sehen, ob meine drei Kinder sich noch auf Schlittschuhen halten können.“ James Mackenzie warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Buch, das John ihm geschenkt hatte. Annie, die sehen konnte, dass ihr Schwiegervater es kaum abwarten konnte, sich in die neuesten Erkenntnisse über das Leben der Dinosaurier zu stürzen, fragte taktvoll, „Dad, könntest du hier bei Christopher bleiben? Er wird nach den ganzen Aufregungen heute sicher zwei, drei Stunden am Nachmittag schlafen.“
„Oh, sehr gern. Ich lese dir zum Einschlafen etwas über den Mapusaurus vor, nicht wahr, mein Junge?“
„Gute Idee, Paps. Da schläft er sicher innerhalb von Minuten tief und fest.“ David grinste und murmelte Annie zu. „Mit seinen paläontologischen Vorträgen hat Dad uns als Kinder selbst dann in Tiefschlaf versetzt, wenn wir total aufgedreht waren.“ Maggie ergänzte, „Mir geht es selbst heute noch so – wenn irgendwo von Theropoden, Sauropoden, Ornithopoden oder sonst welchen Sauriern die Rede ist, übermannt mich ein akutes Schlafbedürfnis.“
Tante Isabel erklärte, Walter brauche sowieso etwas Auslauf, also werde sie auch mitgehen, ein wenig zuschauen und dann wieder zurück spazieren.
„Und was ist mit mir?“ Renie zog eine Schnute.
„Wir brauchen jemanden, der die heißen Getränke bereithält und da ist, um ein bisschen Trost zu spenden, wenn einer von uns auf dem Allerwertesten landet.“
Renies Gesicht hellte sich wieder auf. „Okay, das mache ich. Und ich nehme den Fotoapparat mit, das gibt sicher ein paar lustige Bilder.“
Eine Stunde später zogen sie los.
Die große Eisbahn war professionell ausgestattet. Im Schlittschuhverleih standen Modelle in allen Größen bereit und auch verrostete Kufen ließen sich bei einem Schleifer wieder auf Vordermann bringen. In den Bäumen ringsherum waren Hunderte von Lichterketten angebracht. Aus den Lautsprechern tönte schwungvolle Walzermusik. Obwohl die Bahn gerade erst geöffnet hatte, drängten Dutzende von Familien herein, die nach den Geschenkorgien des Morgens und einer opulenten Mahlzeit nach etwas Bewegung in frischer Luft lechzten.
Für John und seine Geschwister gab es ein Wiedersehen mit zahlreichen Freunden und Nachbarn aus ihrer Kinderzeit. Zwischen den Holzbänken, wo die Läufer ihre Schlittschuhe schnürten, flogen Neuigkeiten und Frotzeleien hin und her.
Nachdem John Bella beim Anziehen geholfen hatte, stand er ächzend auf.
„Fährst du mit mir, Onkel John? Ich war zwar schon ein paar Mal mit meiner Klasse auf einer Eisbahn, aber ich bin noch nicht so sicher.“
„Natürlich, Bella. Wir holen uns noch einen Schluck heißen Tee und dann legen wir los.“ Sie staksten zu der Bank, auf der Emmeline und Isabel Mackenzie sich häuslich eingerichtet hatten. Renie saß in ihrem Rollstuhl gleich daneben. „Wie geht’s euch, Ladies? Nicht zu kalt?“, erkundigte sich John.
Tante Isabel schnaubte abfällig. „Pff, das ist ja noch gar nichts im Vergleich zu den Temperaturen, die bei mir zu Hause herrschen, wenn der Wind über das Hochland pfeift und drei Meter hohe Schneeverwehungen anhäuft. So was kennt ihr Flachländer gar nicht.“
„John, jetzt komm endlich.“, drängelte Bella. Maggie und Alan glitten heran, als die beiden aufs Eis kamen. „Es ist herrlich. Los, wir fahren alle zusammen.“
John winkte ab. „Bella und ich machen erst mal langsam. Also lasst euch von uns nicht aufhalten.“ Alan ging in die Knie, nahm die Hände seiner Tochter und fragte, „Alles ok, Schätzchen? Wenn du dich ein bisschen an das Eis gewöhnt hast, tanze ich mit dir einen Walzer.“ Bella sah ihren Vater etwas unsicher an und erwiderte dann, „Jetzt will ich erstmal sehen, was du und Mum so draufhabt.“
Nachdem sie ihren Eltern eine Weile zugesehen hatte, wandte sie sich beeindruckt an John. „Wow, die sind ja richtig gut.“ Auch David und Annie gaben ein passables Bild ab. Tommy zischte halsbrecherisch zwischen den Läufern hindurch und übte waghalsige Bremsmanöver.
„Also gut, Mädchen, dann wollen wir es auch versuchen.“ John stieß sich von der Bande ab – und verlor sofort das Gleichgewicht, als er einem flott herankommenden Läufer ausweichen wollte. Er plumpste nach hinten und auch Bella landete auf dem Eis.
„Bitte recht freundlich! Das wird eine Spitzenaufnahme.“, kicherte Renie hinter der Bande, während Tante Isabel Beifall klatschte und Walter aufgeregt zu bellen begann. John rappelte sich hoch, rieb sein schmerzendes Hinterteil und stellte dann Bella auf die Füße.
„Sag mal, bist du schon mal Schlittschuh gelaufen, Onkel John?“
John stemmte die Hände in die Hüften. „Oh ja, mein Fräulein. Komm, jetzt zeigen wir´s den anderen aber.“ Der nächste Versuch gelang schon besser und nach ein paar Runden fühlten beide sich auf dem Eis wie zu Hause.
„Du fährst ja schon wie der Teufel, Kleines!“ Alan kam von hinten herangezischt und hievte Bella, die vor Freude quietschte in die Luft. „Komm, drehen wir eine Runde zusammen“, forderte Maggie ihren Bruder auf.
„Gleich, ich muss erst noch den linken Schuh enger schnüren.“ John fuhr hinaus. Der Platz neben seiner Mutter war leer. Er ließ sich darauf plumpsen. „Wo ist Isabel?“
Seine Mutter schürzte missbilligend die Lippen. „Sie ist gegangen.“ Renie kicherte und platzte dann heraus. „Die beiden hatten schon wieder Streit. Tante Isabel sagte, ihr reicht es jetzt und dann ist sie einfach aufgestanden und gegangen.“
John schüttelte den Kopf. „Ach Mum, um was ging es denn jetzt schon wieder? Könnt ihr euch nicht einmal für zwei, drei Tage benehmen wie erwachsene Menschen?“ Seine Mutter warf ihm einen erbosten Blick zu.
„Nun tu nicht so, als wäre ich an diesen Auseinandersetzungen schuld. Sie ist es doch, die ständig Streit sucht.“
Renie neigte den Kopf zu John hinüber. „Isabel hat Grandma an den Kopf geworfen, dass sie Christopher zu sehr verwöhnen würde und er zu einem ganz verzogenen Fratz heranwachsen würde. Dann hat Grandma zurückgeschossen, dass Isabel in ihrem Leben ja wohl niemanden außer ihren überzüchteten Hunden erzogen hätte und von menschlichen Beziehungen einfach keine Ahnung hätte.“
Entsetzt sah John seine Mutter an. „Das war ja wohl ein Tiefschlag, Mum. Isabel ist sicher sehr verletzt über das, was du gesagt hast.“
Emmeline zog empört die Luft ein und brachte mit zusammengebissenen Zähnen hervor, „Du solltest jetzt wieder aufs Eis gehen, John. Schließlich ist Weihnachten und ich möchte mich nicht mit dir streiten.“
„Ja, los, John, geh wieder aufs Eis, dann haben wir wenigstens wieder etwas zum Lachen.“, stichelte Renie. Nach einem Blick auf das unversöhnliche Gesicht seiner Mutter zuckte John mit den Schultern und wandte sich ab. Auf dem Eis stand Maggie umringt von mehreren Männern und Frauen. „Sieh mal, John, wen ich getroffen habe. Luke und Betty, Jemima, Phyllis und Ralph.“ Mit großem Hallo wurde John von den alten Schulfreunden begrüßt.
„Mensch, alter Knabe, bist du endlich auch wieder im Lande. Ich habe gehört, du hast deinen Seelenklempnerjob an den Nagel gehängt und bist jetzt bei den Beefeatern im Tower.“
John grinste. „Ach, eigentlich ist die Psychologie auch in meinem jetzigen Job ganz nützlich.“
Luke Jenkins, das Sportass der Schule, stieß John an und zog vielsagend die Augenbrauen hoch. „Und? Immer noch frei wie ein Vogel? Mann, ich sage dir, du weißt ja gar nicht, wie gut es dir geht.“ Betty, Lukes Jugendliebe und seit zwanzig Jahren seine Ehefrau, knuffte ihn. „Hey, pass auf, was du sagst.“ Sie wandte sich an Maggie. „Sag mal, wie hast du das Teenageralter deiner Kinder überlebt? Meine machen mich noch verrückt.“
Während sie plauderten, stießen auch Alan, David und Annie zu der Gruppe. Während Bella an der Hand ihres Bruders eifrig rückwärtslaufen übte, tauschten die Erwachsenen Neuigkeiten aus und lachten über Anekdoten aus der Schulzeit. John spürte, dass er nicht mit ganzem Herzen dabei war. Die kleine Auseinandersetzung mit seiner Mutter nagte an ihm.
Schließlich entschuldigte er sich und fuhr zur gegenüberliegenden Seite hinüber. Mittlerweile waren die Bänke dicht bevölkert mit Zuschauern und Läufern, die sich ausruhten oder bei einer Tasse Tee aufwärmten. So oft er auch die lange Reihe der Bänke absuchte, er konnte seine Mutter und Renie nicht entdecken. Zunehmend unruhig hielt er Ausschau nach jemandem, den er kannte, als ein älterer Herr ihn ansprach. „Hallo, John. Ich habe Sie und Ihre Geschwister schon aus der Ferne gesehen. Schön, dass Sie wieder alle zum Weihnachtsbesuch hier sind.“
John erkannte den Nachbarn seiner Eltern. „Mr. Barnes, guten Abend und frohe Weihnachten. Sagen Sie, haben Sie vielleicht auch meine Mutter gesehen?“
„Natürlich. Emmeline hat mir ihre Enkelin vorgestellt. Ist ja eine richtige junge Dame geworden – “
„Und haben Sie zufällig auch mitbekommen, wo sie hingegangen sind? Ich kann sie nicht mehr finden.“, fiel John ihm drängend ins Wort.
„Meine Frau hat gesehen, wie die beiden in Richtung Toiletten verschwunden sind. Wir haben uns noch darüber unterhalten, was dem jungen Ding – Maureen heißt sie, sagte Emmeline? – wohl zugestoßen ist, dass sie im Rollstuhl sitzen muss – “
„Wie lange sind die beiden schon weg?“
Mr. Barnes sah auf die Uhr. „Schon über eine Viertelstunde, schätze ich.“ John atmete tief durch.
Ruhig bleiben. Wahrscheinlich stehen sie einfach in einer langen Schlange an der Toilette an.
„Wo befinden sich die Toiletten?“
Mr. Barnes deutete nach hinten. „Wenn Eislauf ist, wird der Anbau des Palmenhauses aufgesperrt, damit die Anlage dort genutzt werden kann.“ John kniff die Augen zusammen und starrte in die angegebene Richtung, konnte jedoch niemanden entdecken. „Danke, Mr. Barnes. Ich werde sie mal suchen gehen. Grüßen Sie Ihre Frau von mir.“
Kurz schwankte er, ob er den anderen Bescheid geben sollte. Seine Geschwister standen jedoch immer noch am anderen Ende der Bahn, ins Gespräch vertieft. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass die Zeit drängte. Also zog er eilends die Schlittschuhe aus und schlüpfte in seine Stiefel. Im Laufschritt erreichte er den rückwärtigen Eingang des viktorianischen Gewächshauses. In einem Vorbau waren einige Funktionsräume untergebracht. Eine zweiflüglige Glastür führte ins Innere des Gewächshauses. An diesem Weihnachtsabend waren alle Glashäuser der Königlichen Gärten geschlossen. Die Damentoilette war jedoch wie erwartet zugänglich. Vorsichtig öffnete John die Tür einen Spalt und rief, „Mum? Renie?“ Alles blieb totenstill. Johns Herz sank. Er wusste, dass hier keine Menschenseele war, dennoch ging er hinein und kontrollierte jede Tür. Als er wieder ins Dunkel des frühen Abends hinaustrat, spürte er Panik in sich aufsteigen. Die beiden wären nie gegangen, ohne den anderen Bescheid zu geben.
Dann kam ihm eine Idee. Konnte es sein, dass Emmeline die Gelegenheit nutzen wollte, ihrer Enkelin etwas in dem Gewächshaus zu zeigen? Sie besaß Schlüssel für alle Häuser. Er machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück in das Gebäude. Tatsächlich ließ sich die Glastür öffnen. Er schlüpfte hindurch.
Die feuchtwarme Luft schlug ihm ins Gesicht wie ein nasser Lappen. Er lauschte, konnte aber nichts hören. Auf sein Rufen erhielt er keine Antwort. Warum sollten die beiden hier im Dunklen herumschleichen? Lediglich die mit einem Gummigitter belegten Gehwege durch das riesige Gewächshaus waren von schwachen Bodenleuchten notdürftig erhellt.
Als John sich vom Eingang entfernte, umhüllte ihn die Dunkelheit. Geisterhaft zeichneten sich die Silhouetten der tropischen Pflanzen ab, die das Palmenhaus nach Kontinenten geordnet beherbergte. Außer Palmen gab es eine Vielzahl anderer Gewächse, wie Mangobäume, Zuckerrohr und Kaffeebüsche, dazu eine Sammlung exotischer Medizin-, Gift- und Gewürzpflanzen. Mit einem Mal war es John, als hätte er etwas gehört. Noch einmal rief er. Nun war er sicher, dass irgendwer oder irgendetwas mit einem undefinierbaren Laut reagiert hatte. Er schlich weiter in die Richtung, in der er die Quelle vermutete. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals.
Als eine Maus über den Weg huschte, hätte er beinahe vor Schreck aufgeschrien. Während er sich vortastete, konnte er das Geräusch in unregelmäßigen Abständen hören. Plötzlich wurde ihm klar, woher die Laute kamen. Im hinteren Teil des Hauses führte ein Abgang hinunter zu einer kleinen Abteilung, die der Flora und Fauna des Meeres gewidmet war. In mehreren Aquarien gab es Korallen, Piranhas und andere Meeresbewohner zu sehen.
„Mmmmm“ Das unheimliche Stöhnen jagte ihm Schauer über den Rücken, während er die Rampe hinuntertappte. Im Dämmerlicht, das von den Aquarien ausging, konnte er zwei Gestalten erkennen, die auf dem Boden kauerten, an einen metallenen Handlauf gelehnt. „Oh, mein Gott!“, entfuhr es ihm, als er erfasste, dass seine Mutter und Renie geknebelt und mit Handschellen an der Metallstange festgekettet waren. Mit zitternden Fingern machte er sich daran, das Tuch um Renies Mund aufzuknoten.
Als sie wieder frei atmen und sprechen konnte, würgte sie heraus. „Es ist Nigel Owen! Er hat uns aufgelauert. Er hat eine Pistole. Sicher kommt er gleich wieder zurück. Er ist dich suchen gegangen, um dich auch hierher zu locken. Er hat ständig versucht, dich von meinem Handy aus anzurufen, konnte dich aber nicht erreichen.“ Sie hustete.
John wollte sich daran machen, auch seine Mutter von dem Knebel zu befreien, hielt aber inne, als Renie flehte. „Nein, John, wenn du das machst, merkt er, dass du hier bist. Du musst dich verstecken, bevor er wieder kommt. Versuch, jemanden zu alarmieren. Und leg mir den Knebel wieder an.“
John musste einsehen, dass Renie recht hatte. Die Handschellen würde er ohne Werkzeug oder Schlüssel nicht aufbekommen. Schweren Herzens tat er, wie ihm geheißen. Keine Sekunde zu früh, denn die drei hörten, wie die hintere Tür des Gewächshauses aufging. John zog sich in höchster Eile zurück und lauschte.
„Verdammt, der Kerl ist wie vom Erdboden verschluckt. Wir machen jetzt einen letzten Versuch, ihn zu erreichen. Ich mache Ihnen den Knebel ab, damit Sie mit ihm reden können, Lady. Aber wenn Sie hier rumschreien, dann knalle ich Sie gleich ab.“
John dachte an sein Handy, das abgeschaltet in seiner Reisetasche lag. Glasklar dämmerte ihm, dass Owen alles daran setzen würde, um seinen Rachefeldzug zu Ende zu führen. Er selbst und Renie hatten Owens Pläne, George lebenslänglich ins Gefängnis zu schicken, ruiniert. Anstatt sich schnellstmöglich abzusetzen, war Owen hiergeblieben und hatte John und seine Familie beschattet. Er hatte schon einmal versucht, Renie zu töten. Nun, da er sie in seiner Gewalt hatte, würde er sie nicht mehr entkommen lassen. John hatte keine Zeit zu verlieren. Er musste selbst handeln. Bis Verstärkung eintraf, wäre Owens Geduld am Ende.
Ich brauche eine Waffe, überlegte er fieberhaft und ließ den Blick durch die dichte Vegetation um ihn herum schweifen. Er hörte, wie seine Mutter begann, auf Owen einzureden. „Worum geht es Ihnen überhaupt, junger Mann? Was auch immer Sie wollen, meine Familie hat nichts damit zu tun. Wir kennen Sie doch gar nicht.“
„Schnauze! Ihre Nichte kennt mich sehr wohl, nicht wahr? Und Ihr Sohn erst, dieser selbsternannte Samariter – der hatte keine Ahnung, dass ich es war, der die Sache mit George Campbell so geschickt eingefädelt hatte.“, höhnte Owen.
„Geschickt eingefädelt!“ Emmeline Mackenzies Stimme war voller Entsetzen. „So nennen Sie das, wenn Sie aus irgendwelchen Rachegefühlen diesem Mann gegenüber einfach ein junges Mädchen töten, nur um ihn als den Schuldigen dastehen zu lassen!“
Nun schlug Owen einen überlegenen Ton an.
„Sie haben ja keine Ahnung davon, wie man mit Strategie eine Schlacht gewinnt. Spielen Sie Schach? Auch da ist manchmal ein Bauernopfer nötig, um den Gegner matt zu setzen. Und Julia Feldmann bot sich für diese Rolle geradezu an. Sie war eine von vielen, die sich bei mir mit Stoff versorgten. Und sie war leicht unter Druck zu setzen. Ich brauchte ihr nur zu drohen, sie bei den entsprechenden Stellen anzuzeigen. Besitz und Konsum von Amphetaminen wäre von ihrer Studienstiftung sicher nicht gern gesehen worden. Sie hätte ihr Stipendium verloren und hätte nach Hause zurückkehren müssen. Also ließ sie sich von mir überzeugen, einen Anruf bei George Campbell zu tätigen und anschließend im Austausch gegen eine größere Summe ein paar Fotos in den Tower zu bringen. Natürlich hatte ich den Abend minutiös geplant. Wenn alles wie vorgesehen geklappt hätte, wäre George exakt neben der frischen Leiche gefunden worden. Mit den Fotos hatte ich auch gleich das Motiv für ihn mitgeliefert.“
Nun schlug sein selbstgefälliger Ton in kalte Wut über. „Es wäre alles eine perfekte Inszenierung gewesen, wenn nicht Ihr Sohn durch seine Verspätung alles ruiniert hätte. Und damit nicht genug…“
Während Owens hasserfüllte Tirade weiterging, überlegte John fieberhaft. Es gab einige Pflanzen mit scharfen Stacheln hier. Ein großes Wolfsmilchgewächs ragte neben ihm auf. Wenn er es aus der Erde bekam, konnte er Owen durch einen gezielten Schlag mit dem dornenübersäten Stamm sicher ablenken. Aber ob er ihn dann auch entwaffnen konnte? John versuchte, sich an die Ausbildungen zur Geiselbefreiung zu erinnern, die er beim Militär mitgemacht hatte. Womit kann ich ihn außer Gefecht setzen…. Das ist es!, schoss es ihm durch den Kopf.
Ein Stück weiter links, so glaubte er sich zu erinnern, stand abseits des Weges ein Upas-Baum. Seine Mutter hatte immer wieder eindringlich gewarnt, dass schon kleinste Mengen des Milchsaftes aus der Rinde oder den Blättern tödlich wirken konnten, sobald sie in die Blutbahn eindrangen. Alle Mitarbeiter der Gärten trugen lange Arbeitskleidung und dicke Handschuhe, wenn sie in der Nähe des tropischen Baumes arbeiteten.
Froh, dass er seine ledernen Winterhandschuhe anhatte, griff er nach dem Stamm der Wolfsmilch und brach einen besonders langen, harten Dorn ab. Dann suchte er sich durch das Dickicht der Pflanzen hindurch einen Weg in die Abteilung mit den Giftpflanzen aus den tropischen Breiten. Da der Upas-Baum mit fast zwanzig Metern das höchste Gewächs in diesem Teil des Hauses war, war er leicht zu finden. Er zupfte ein paar Blätter ab und zerrieb sie, so dass der Saft austrat und sich auf der Innenfläche seines Handschuhs sammelte. Bedacht, nicht mit dem Dorn durch den Handschuh zu stechen, wälzte er ihn darin hin und her.
Plötzlich erschrak er. Er hörte einen Krach, als hätte jemand etwas gegen die Wand geworfen. Er lauschte angestrengt, was er aus dem Untergeschoss hören konnte. Owens wütende Stimme drang an sein Ohr. „Jetzt reicht´s – nachdem Mackenzie nicht aufzufinden ist, werde ich mich später um ihn und Campbell kümmern. Jetzt seid erst mal ihr dran.“ Seine Mutter schrie auf. „Oh bitte, lassen Sie doch wenigstens meine Enkelin zufrieden, sie ist doch noch so jung – “
„Schluss jetzt. Ich lege Ihnen lieber den Knebel wieder um, Sie alte Schreckschraube.“ Unterdrücktes Fluchen war zu hören und ein Schmerzensschrei.
Mit drei Sätzen war John an der Rampe, die hinunter führte. Er konnte Owen sehen, der von ihm abgewandt damit kämpfte, Johns Mutter wieder zu knebeln. Scheinbar hatte sie ihn in die Hand gebissen. John holte noch einmal tief Luft und hastete dann hinunter.
Bis Nigel Owen ihn bemerkt hatte, hatte John, einen Kopf größer, ihn von hinten umfangen und drückte ihm mit einer Hand den Dorn leicht in den Nacken. „Lassen Sie die Pistole fallen, Owen. Sofort. Was Sie da spüren, ist ein Dorn, der mit tödlichem Gift präpariert ist. Wenn Sie schießen, brauche ich ihn nur für einen Millimeter in Ihre Haut zu drücken und Sie sterben.“
Owen stand für einen Moment stockstill. Dann lachte er hämisch. „Guter Bluff, Mackenzie. Aber ich wette, Sie haben nur irgendeinen Kaktusstachel in der Hand.“
Emmeline hatte mit schreckgeweiteten Augen das Handgemenge verfolgt. Nun breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „John, mein Junge, welche unserer Giftpflanzen hast du benutzt?“
„Den Upas. Ich habe einen Euphorbien-Dorn mit dem Saft benetzt.“
Nun strahlte Mrs. Mackenzie Nigel Owen triumphierend an. „Seien Sie versichert, Mr. Owen, mein Sohn blufft nicht. Der Milchsaft eines Antiaris toxicaria ist garantiert tödlich, sobald das Gift in die Blutbahn eintritt. Jäger im Kongo und an der Elfenbeinküste benutzen ihn seit Menschengedenken, um ihre Giftpfeile zu präparieren.“ Ihre plötzliche Gelassenheit und der Ausdruck von mütterlichem Stolz in ihrem Gesicht überzeugten Owen offensichtlich. Er ließ die Pistole zu Boden fallen. John kickte sie mit dem Fuß weg. Sie rutschte unter Renies Rollstuhl hindurch nach hinten.
„Wo sind die Handschellenschlüssel?“
Owen schwieg.
„Er hat sie in die Jackentasche gesteckt, John.“, warf seine Mutter hilfreich ein.
„Holen Sie sie raus. Aber ganz langsam. Sie wissen, schon ein winziges Zittern meiner Hand kann Ihr Ende bedeuten.“ Owen knurrte unwillig, fasste aber im Zeitlupentempo in seine rechte Jackentasche und ließ die Schlüssel herausfallen. Mit einer einzigen fließenden Bewegung löste er sich dann aus Johns Griff und hechtete nach seiner Pistole. Renie aber reagierte blitzschnell und versetzte ihm mit ihrem Gips einen Schlag gegen den Kopf, als er sich bückte. Da John dicht hinter ihm war, entschied Owen, nun doch sein Heil in der Flucht zu suchen. Er rappelte sich hoch und rannte hinaus.
Unschlüssig sah John ihm einen Moment hinterher. „Ruf die Polizei, John, schnell.“ Seine Mutter deutete mit einer Kopfbewegung auf Renies Handy, das auf dem Boden lag. „Hoffentlich funktioniert es noch, Owen hat es vorhin gegen die Wand geworfen.“
Sie hatten Glück. Kurze Zeit später hatte John seinen Cousin am Apparat. Er schilderte ihm knapp, was passiert war.
„Ich löse sofort eine Großfahndung aus. Sucht den Rest der Familie und bleibt auf jeden Fall zusammen. Ich schicke ein paar Männer, die euch Polizeischutz geben.“ Ungläubig sah John auf den Hörer in seiner Hand. „Glaubst du etwa, Owen wird es noch einmal probieren?“
„Ich kann es auf jeden Fall nicht ausschließen. Der Kerl scheint von seinem Rachefeldzug ja besessen zu sein. Also seid vorsichtig.“
Alarmiert sah John seine Mutter an. „Oh Gott, stell dir vor, er kriegt Bella zu fassen – oder er dringt in unser Haus ein und schnappt sich Dad oder Christopher.“
„Mach schnell und befreie uns, dann suchen wir die anderen.“ Als John gerade die Handschellen löste, hörten sie von draußen Rufen.
„John? Mum? Renie? Wo seid ihr?“ Alle drei antworteten lauthals und wenige Augenblicke später standen Annie, David, Alan, Maggie und ihre Kinder vor ihnen. Als sie erfuhren, was geschehen war, standen sie wie vom Donner gerührt. Dann fingen alle an, durcheinander zu reden und einander in die Arme zu fallen.
John signalisierte Alan und David, ein paar Schritte mit ihm beiseite zu treten. „Es ist nicht auszuschließen, dass Owen versucht, in unser Haus einzudringen. Er muss uns die ganzen Tage beschattet haben und er ist davon besessen, Renie und mich umzubringen. Bitte lauft so schnell es geht nach Hause und verrammelt alles, bis die Polizei eintrifft.“
Unbemerkt war Tommy hinter David aufgetaucht. „Ich will mitkommen. Ich habe auch den Dolch dabei.“ Er zog den Sgian Dubh aus der Jackentasche. John öffnete schon den Mund, um die üblichen Ermahnungen von sich zu geben, überlegte es sich dann aber anders. Er legte Tommy die Hand auf die Schulter. „Mir wäre es lieber, du bleibst bei uns. Alan und David bekommen das allein hin, aber ich könnte hier noch männliche Unterstützung brauchen, um deine Mum, Grandma, Annie und Renie sicher nach Hause zu bringen.“
Tommy richtete sich mit leuchtenden Augen auf. „Klar, John. Wir beide geben ihnen Geleitschutz.“ Während Alan und David davonrannten, kam Bella auf John zu, umklammerte seine Hand und sah ihn aus verweinten Augen an. „Wir haben euch schon die ganze Zeit gesucht. Warum laufen sie jetzt weg?“
John umarmte seine verängstigte Nichte. „Sie gehen schon mal vor. Und wir sammeln jetzt unsere Siebensachen an der Eisbahn ein und gehen dann auch heim. Komm, hilfst du, den Rollstuhl die Rampe hinaufzuschieben?“ Er wandte sich an Renie. „Was ist mit deinem Bein? Denkst du, es hat den Schlag überstanden?“
Seine Nichte zuckte mit den Schultern. „Ist doch egal. Falls sich etwas verschoben hat, lande ich eben im OP – immer noch besser, als auf dem Tisch des Leichenbeschauers.“
Offensichtlich hatte sie ihren Humor bereits wiedergefunden. Ohne weitere Zwischenfälle gelangte die kleine Gruppe nach Hause, während Tommy sie wie ein Wachhund umkreiste, eine Hand in der Jackentasche. Im Vorgarten kamen ihnen zwei Beamte der örtlichen Polizei entgegen.
„Mr. Mackenzie? Scotland Yard hat uns beauftragt, Ihr Haus zu sichern. Es ist alles in Ordnung. Zwei Kollegen sind drinnen und wir bewachen das Anwesen von außen.“
„Ich bringe Ihnen gleich Tee und Gebäck heraus, wenn Sie schon in dieser Kälte stehen müssen.“ Emmeline eilte in die Küche.
Im Flur kam David ihnen entgegen. „Alles okay. Christopher schläft und Dad und Tante Isabel haben eifrig Pläne für das große Clantreffen geschmiedet, als wir kamen. Die beiden sind aus allen Wolken gefallen, als wir ihnen erzählten, was passiert ist.“
In der Küche hielt James Mackenzie seine Frau so fest in seinen Armen, als wollte er sie nie wieder loslassen. „Oh Gott, Em, fast hätte ich dich verloren – “ Seine Stimme versagte. Emmeline legte den Kopf an seine Brust. „Weißt du noch, wie wir beide uns vor siebenundvierzig Jahren vorgenommen haben, mindestens bis zur Diamantenen Hochzeit durchzuhalten? Als Renie und ich allein da unten saßen, habe ich nur daran gedacht – und ich war stinkwütend auf diesen … Menschen, der uns das zerstören wollte. Aber Gott sei Dank ist es nicht soweit gekommen.“
Sie löste sich sanft aus seiner Umarmung und zog ihren Mann ins Wohnzimmer, wo das Feuer anheimelnd prasselte und Maggie mit Annies Hilfe Tee, Kakao und stärkere Getränke einschenkte.
Sie ging zu John hinüber und wandte sich wieder an ihren Mann. „Und weißt du, wem wir das zu verdanken haben? Unserem Sohn. John hat mit einer unglaublichen Geistesgegenwart gehandelt. Wir können sehr stolz auf ihn sein.“
John wehrte verlegen ab. „Dad, Mum übertreibt. Sie war großartig. Sie hat den Kerl so lange am Reden gehalten, dass ich Zeit hatte, mir eine improvisierte Waffe zu beschaffen. Außerdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, einen Giftstachel zu benutzen, wenn ich nicht durch ihre unermüdlichen Lektionen über die Wirkung des Upas-Baumes Bescheid gewusst hätte. Und schließlich Renie: Wenn sie Owen nicht so furchtlos von seiner Pistole ferngehalten hätte, würden wir jetzt nicht hier sitzen.“
Isabel hob ihr Glas. „Ich bin glücklich, dass Mut, Kampfgeist und Scharfsinn unseres Vorfahren Alistair Mackenzie, der an der Seite unseres großen Freiheitshelden William Wallace kämpfte, bis heute in unserer Familie überdauert.“ Mit einem verschmitzten Blick zu Emmeline hinüber ergänzte sie, „Und sogar bei angeheirateten Familienmitgliedern. Auf die drei Mackenzie-Musketiere!“