Die Regentropfen waren zu langen Streifen zusammengelaufen, die Streifen angeschwollen, sie hatten Ausbuchtungen, dicke Knoten gebildet, die platzten und auseinanderrannen, in dünnen, hastigen Fäden, deren Spitzen giftig aussahen, doch das täuschte, denn meist wurden sie von einem breiteren, viel langsameren Rinnsal geschluckt, unfähig, sich in Sicherheit zu bringen. Wenige nur entkamen, und die prallten auf die Querleiste des Fensterrahmens, auf den Kitt, der grau war, beinahe schwarz, und porös. Was danach geschah, konnte Sara nicht sehen, auch wenn sie ihre Wange an die Scheibe preßte und nach unten schielte. Währenddessen rannen die gefräßigen, breiten Bahnen fingerdick eine neben der anderen in einer Art Wettlauf herab, und weiter fielen die Regentropfen einer nach dem anderen aus dem Himmel auf die Straße, platzten auf, bildeten Pfützen und wurden von den Gullys verschluckt, gurgelnd, endgültig. In manche der dicken Tropfen, die fett auf der Scheibe auftrafen, dann einen Moment, wie verwundert, auf der Stelle verharrten, war etwas eingeschlossen, glänzend und vergrößert, ein winziges Insekt mit durchscheinenden Flügeln oder eine Rußflocke, ein Körnchen Sand oder Staub. Was immer es war schimmerte, schimmerte einen langen Augenblick, bevor es, verwirrt, spindelnd weggerissen wurde oder allmählich davonglitt, vielleicht noch einmal aufgehalten, um sich dem Auge in starrer Durchsichtigkeit darzubieten, etwas Winziges, Davongespültes, das nie mehr an seinen Ort zurückkehren würde.
Zuweilen trieben auch größere Gegenstände gegen die Scheibe, ein Blatt, verrottet nach einem langen Herbst und Winter, das Gerippe schadhaft, die Fasern dünn, ein Fetzen Papier, irgendein Schnipsel, der noch nicht vom Regen durchtränkt war und dem Wind keinen Widerstand geboten hatte. Und da waren Schlieren, zähflüssig wie Rotz, schwärzlich wie das, was nach einer langen Fahrt mit der tube aus der Nase herauskam. Sie saßen auf der Scheibe wie Käfer, Sara suchte das ganze Fenster nach ihnen ab, starrte dann durch die Scheibe auf die regennasse Straße. Sie wünschte, der Radiowecker würde funktionieren, er stand auf dem Kaminsims, die Zahlen bewegten sich nicht, und Dave hatte versprochen, daß er eine Batterie mitbringen würde, eine Batterie oder sogar eine andere Uhr, nur für sie alleine. An Regentagen war schwer zu sagen, ob noch Vor- oder schon Nachmittag war und wie die Zeit verging. Der Mann mit seinem Handkarren kam im Regen selten, sie dachte, daß er nicht läuten konnte, mit seiner Glocke, die er hochhob und gegen den Himmel schwang, die Tropfen würden den Klöppel zum Schweigen bringen, und ohne Glocke wußte keiner, daß er in der Straße, vor dem Haus stand und wartete, ob jemand ihn hereinbat. Sie dachte, daß er ins Haus gebeten wurde, weil er Glück brachte, weil es ein gutes Zeichen war, wenn er etwas mitnahm, weil zuviel da war und es Sachen gab, die man nicht mehr brauchte. Die Leute im Haus nebenan hatten ihn einmal hereingebeten, und später war sein Karren hoch aufgetürmt beladen, so daß er sehr, sehr langsam die Straßen hinuntergehen und sich dabei gegen das Gewicht in seinem Rücken stemmen mußte. Meistens war aber der Wagen leer, oder es lag etwas darauf, das kaputt war. Sie staunte, als er jetzt durch den Regen näher kam, und er winkte, winkte ins Leere, vielleicht winkte er ihr zu, weil er sie hinter dem Fenster bemerkt hatte, und sie duckte sich, stützte sich mit beiden Händen auf dem Teppich ab, ihr Kopf stieß gegen den Heizkörper. Vorsichtig richtete sie sich wieder auf, ein Auto fuhr vorüber, im Regen waren die Autos lauter, auf der nassen Straße übertönten ihre Räder das Geräusch des Motors, rauschend, zischend, es mußte einen Bogen um den Mann herumfahren. Sie spähte hinaus. Er stand genau vor dem Haus, winkte wieder, mit der freien Hand, die etwas festhielt, nicht die Glocke, sondern etwas anderes. Sara zog sich an der Fensterbank hoch, stellte sich auf die Zehenspitzen. Er bedeutete ihr herauszukommen, ließ den zweiten Griff des Karren auch los und gab ihr Zeichen, zeigte auf das, was er mit der anderen Hand hoch in die Luft streckte, und sie erkannte es. Ihre Finger klammerten sich an der Fensterbank fest, das Holz war rissig, ein Splitter bohrte sich in ihre Haut. Jetzt stand er still da, sie konnte sein Gesicht nicht genau erkennen, es regnete immer noch, er ließ seinen Wagen auf der Straße stehen und kam auf das Trottoir gelaufen, bis an den niedrigen Zaun aus Gußeisen, und sein Gesicht war zu einem Lachen verzogen, er winkte wieder, sein Mund stand offen, für einen Moment fürchtete sie, daß er noch näher kommen würde. Ihre Blicke trafen sich. Sie tastete nach dem Auge, das geschwollen war und weh tat, ihr war wieder schlecht, wie gestern abend, und vor ihrem Gesicht verschwammen die Streifen, parallele, sehr ordentliche Streifen, die sie noch nie bemerkt hatte, wie eingeritzt in das Glas, damit der Regen besser abliefe und die Schlieren wegwischte, langgezogene Striche, von denen sie nicht wußte, was sie bedeuteten, weil sie nicht zur Schule ging. Dann aber sah die Scheibe aus wie immer, und Regentropfen prallten auf, zerliefen zu dünnen Fäden, vereinigten sich mit anderen.
— Hey, Miss! Er rief sie. Es war, als hätte er sie bei ihrem Namen gerufen, und sie dachte, daß Dave ihn geschickt hatte, von dort, wo er heimlich lebte, von diesem Ort, den er nur flüsternd erwähnte, den Finger auf den Lippen und mit einem Lächeln in den Augen, denn eines Tages würde er sie mitnehmen dorthin, und bis dahin war es ein Geheimnis. Aber da stand der Mann, grinste plötzlich häßlich und rammte die Puppe, die er in die Luft gehalten hatte, auf eine der gußeisernen Zaunspitzen, pfählte sie zwischen ihren schmutzigweißen Beinen, die unter dem grünen Kleid herausstakten, starr nach beiden Richtungen gespreizt, und alles war lautlos, die Uhr und die Zeit und der Regen.
Später hörte es auf zu regnen, und das Wasser verschwand glucksend im Gully beim Briefkasten, die Farbe des Asphalts wurde heller, während der Himmel, obwohl die schwarzen Wolken weitergezogen waren, dunkler wurde, wie mit einem grünen Innenfutter ausgeschlagen. Dave hatte es ihr gezeigt, hatte ein Stück Stoff mitgebracht, für einen Mantel, sagte er, einen Mantel, den er tragen würde, wenn er sie mitnähme, dahin, wo lauter Prinzessinnen spielten und auf Sara warteten, und sie würden sich niemals mehr trennen. Der Mantel beschützte ihn. — Wenn du den Stoff nimmst und küßt, bringt er Glück, siehst du, so, und viel später kam Polly an die Gartentür und miaute, ihre gelben Augen richtete sie unverwandt auf Sara, die sich langsam näherte, mit Beinen, ganz steif vom langen Stehen am Fenster. Komm schon, little cat, würde Dave sagen, mach ihr auf, geh auf die Straße und rufe nach ihr — denn die Terrassentür war verschlossen — , und bis sie kommt, rennst du zum Zaun, es ist ganz nah, und nimmst deine Puppe, und zu dritt geht ihr wieder rein. Zu dritt. Polly war zwei Tage draußen, und Dolly hast du seit einer Woche gesucht, nicht wahr?
Sie war unten aufgerissen, und etwas gelbliches Füllmaterial quoll heraus, die grünen Arme hingen herunter, als wären sie ausgekugelt, aber das Gesicht war richtig, und der Geruch auch, obwohl sie naß war und die Wolle so roch wie Polly, wenn sie aus dem Regen hereinkam. Siehst du, flüsterte Dave, Dinge gehen verloren, aber die wichtigen Dinge tauchen wieder auf, die findest du irgendwann wieder.