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Sie gingen in ein Cafe´, aber das war nicht das Richtige, sie spazierten Richtung Kanal und den Kanal entlang bis zur Voliere, Jim hatte feuchte Hände und versuchte sie zu küssen; sie fühlte sich wie ein Teenager. Als sie die Voliere erreichten, brach er in Tränen aus, es war so unangenehm und lächerlich, daß sie sich hilfesuchend umdrehte, als könne Jakob überraschend auftauchen, ihr zu helfen. Aber Jim, noch Tränen in den Augen, packte sie an den Schultern, lachte sie aus, er zog sie an sich, und sie gehorchte. — Magst du sie nicht, die Schwachen? Er stieß sie ein Stück zurück, hielt sie an den Armen fest, fing an, ihr etwas zu erzählen, eine Geschichte, sagte er, eine wahre Geschichte, vom Blumenmädchen und vom verräterischen Prinz, doch sie konnte kaum folgen, er merkte es, redete noch schneller, sie wußte nicht, ob das Cockney war, er provozierte sie, zog sie an den Haaren, dann hob er sie hoch und trug sie, die mit den Beinen strampelte, bis an den Kanal, hielt sie übers Wasser, als wollte er sie gleich hineinfallen lassen. — Kommst du mit zu mir nach Hause? fragte er, fragte wieder und wieder, lachte, setzte sie behutsam ab und küßte sie zärtlich auf die Schläfe. — Siehst du, sagte er plötzlich ernst, auf dich habe ich gewartet, mein Leben lang. Er nahm ihre Hand, legte sie auf sein Herz, dann zog er das T-Shirt über den Kopf und blieb mit nacktem Oberkörper vor ihr stehen. Sein glatter, kräftiger Brustkorb war blaß, die Adern zeichneten sich im hellen Sommerlicht überdeutlich ab, Jim sah es auch. — Ich bin der Winter, ich bin der Tod, sagte er, ohne sich zu rühren, du mußt mich ins Leben küssen. Seine Blöße schockierte sie, auf der Brücke, die vom Zoo über den Kanal in die Voliere führte, standen Leute, gleich würden sie applaudieren, dachte Isabelle, als Jim vor ihr auf die Knie sank. — Sag nicht, daß du dich schämst, flüsterte er ihr zu. — Komm, küß mich, hier, vor allen. Sie beugte sich vor, ratlos, es war heiß, der Wind sehr warm, ihr schien, als hätte sie kein eigenes Gewicht, doch registrierte ihr Gehirn weiterhin wie ein nimmermüdes Auge jede Bewegung; sie wollte sich aufrichten, er ließ sie nicht. Er liebte sie nicht, er log. Seine Lippen glänzten, er lächelte. — Küß mich, wiederholte er, ich gebe dir noch eine Minute.

Zwei Stunden später waren sie noch immer nicht bei ihm zu Hause, sie wurde müde, sie hatte die Orientierung verloren, nur daß sie nach Osten liefen, konnte sie dem Stand der Sonne ablesen, es war bald sechs Uhr. Sie hatte den ganzen Nachmittag nichts getrunken, aber sie traute sich nicht, Jim um eine Pause zu bitten, und er lief weiter, hielt ihre Hand fest in seiner, lief ein Stückchen vor ihr, er zog sie fast. Als er schließlich stehenblieb — sie hoffte, die Straße zu erkennen, doch war das nicht der Fall — , stolperte sie. Jim stellte sich vor sie hin, die Hände in den Hosentaschen. — Woher soll ich wissen, ob ich dir trauen kann? sagte er plötzlich. Dann drehte er sich um und ging davon, sie starrte hinter ihm her, ohne Erstaunen und ohne Wut, sie war zu müde, sie wollte wissen, wo sie war und wie sie nach Hause kam. Die Häuser sahen aus wie sozialer Wohnungsbau aus den siebziger Jahren, dann kamen kleinere, einzeln stehende Häuser, rosa, gelb und hellblau gestrichen, sie lief mechanisch weiter, um eine größere Straße oder U-Bahn-Station zu erreichen; in einem der kleinen Häuser sah sie durch ein offenes Fenster eine Frau in der Küche stehen, sie hätte nur zu rufen brauchen, aus einem anderen Fenster verbellte sie ein Hund. Es war aber nicht weit, sah sie, sie waren in einem Bogen wieder Richtung Kentish Town gelaufen, und als sie die U-Bahn-Station erreichte, wo Jim sie ein paar Stunden zuvor abgefangen hatte, blieb sie stehen. Der Gemüsehändler, der seinen Stand dort hatte, packte eben zusammen, er rief ihr einen Gruß zu, sie dachte, daß sie einkaufen müßte, für Jakob, für zu Hause, für ein weiteres Abendessen, das ihr ebenso schal wie tröstlich schien, ein leerer Abend, ohne Fernsehen, weil sie beide keine Lust gehabt hatten, in London vor dem Fernseher zu sitzen — so, als wären sie Besucher, denen die Zeit kostbar war. Die Zeit war aber nicht kostbar, hier ebensowenig wie in Berlin. Sie kaufte Kartoffeln, Petersilie und Schnittlauch, der Gemüsehändler hatte unterhalb des rechten Auges eine Narbe, die sie an etwas erinnerte; was es war, fiel ihr nicht ein. Unruhig schaute sie nach rechts und links, ob Jim vielleicht käme. Der Gemüsehändler bemerkte ihren Blick, er sagte etwas, während hinter ihr Leute aus der U-Bahn-Station vorbeidrängten, dicht an dicht, und sie verstand nicht, was er sagte, sie wußte nicht, was Jim gemeint hatte, warum er ihr nicht traute und was sie ihm beweisen sollte. Der Händler stand plötzlich mit einem Sprung neben ihr und stieß jemanden schimpfend zur Seite, sie hielt eine Zehn-Pfund-Note in der Hand, er grinste frech, streifte ihre Brust und zählte langsam das Rückgeld ab. Dann gab er ihr eine Avocado, weil sie bildhübsch aussehe, sagte er grinsend.


Sie stand vor dem Haus, näherte sich dem Fenster, aus dem schwacher Lichtschein drang, als sie aber durch die Scheiben blickte, sah sie sich selbst, vor dem Haus, ihr eigenes Gesicht, das sich der Scheibe näherte, mit den Händen rechts und links das Tageslicht abschirmte, und während sie ihre eigene Gestalt kalt musterte, wußte sie, daß sie träumte. Auf ihr Klingeln öffnete niemand, sie fühlte sich billig, sie wußte, daß sie ihm nachlief, würdelos, aber sie sehnte sich so sehr nach ihm, daß sie dort blieb, vor dem Haus, bis eine Stimme aus einem der oberen Stockwerke sie aufschreckte, und dann rannte sie, durch eine dieser Straßen, die sich so allmählich krümmten, daß man die Biegung immer erst im nachhinein spürte, sie hetzte an den imposanten, grauen Fassaden vorbei. Das ist doch die Regent’s Street, dachte sie, und dann war sie im Park, weite Grasflächen waren abgesperrt, weil dort frisch ausgesät war, erklärte ihr ein alter Mann, der eine Taube in der Hand hielt, aber sie sah genau, daß das Gras dicht und hoch wuchs. Durch das Gras näherte sich eine Katze, und Isabelle ging langsam davon, als könnte sie die Katze täuschen, sie wußte, daß sie aufwachen und nackt sein würde, in einem Zimmer, das hell beleuchtet war, sie bedeckte mit den Händen ihre Scham. Als sie aufwachte, fand sie sich aufgerichtet im Bett, ihr Unterhemd schweißnaß. Jakob war längst fort. Von der Straße hörte sie Lärm, als sie zum vorderen Fenster ging, sah sie ein kleines Baufahrzeug hin- und herfahren, dort, wo vor ein paar Tagen schon der Asphalt aufgebrochen worden war, daneben stand eine Betonmischmaschine, die sich drehte. Die Sonne schien hell ins Zimmer. Es war ein Unterhemd von Jakob, das sie trug, sie streifte es ab, als wäre es eine Berührung, dann duschte sie und zog sich an.

Mit der Kaffeetasse trat sie im Erdgeschoß wieder ans Fenster und schob es hoch. Zwei Männer standen vor dem Fahrzeug, es war ein kleiner Bagger, sie lachten, ihre braungebrannten Oberkörper berührten sich, sie beugten sich über die Grube zu ihren Füßen und lachten. Der eine sprang in die Grube, in der er bis zum Oberkörper verschwand, reckte sich, hob den Spaten. Der andere rief etwas, gestikulierte, hielt die Fäuste über dem Kopf, eine über der anderen, und drehte sie gegenläufig, eine brutale, vulgäre Bewegung, und der andere klopfte sich auf die Schenkel vor Vergnügen, machte sich ein Vergnügen daraus, mit den Händen auf seinen nackten Oberkörper zu schlagen, und da sie die Betonmischmaschine ausgestellt, ihr monotones Kreiseln unterbrochen hatten, hörte Isabelle das Klatschen so deutlich, als sei es neben ihrem Ohr. Sie trank in großen Schlucken den Kaffee, drehte sich um und sah auf ihrem Tisch die Grundrisse des Büros liegen, auf der Kommode den Schlüssel, Hannas Schlüssel, der nicht mehr passen würde, wenn sie nach Berlin zurückkäme. Die Bücher und Unterlagen wurden schon zusammengepackt, die Regale abgeschlagen, — muß ich jetzt deine Schreibtischschublade ausräumen, oder wie stellst du dir das vor? hatte Andras gefragt, aufgebracht, enttäuscht, daß sie nicht einmal zum Umzug nach Berlin kam, — für ein paar Tage, du hast dir nicht einmal das neue Büro angeguckt! Den Mietvertrag, der ihr von Peter zugefaxt worden war, hatte sie unterschrieben, ihrem Anteil entsprechend, ein Drittel Mietvertrag, ein Drittel Kaution, ein Drittel Auslagen, — du könntest mir eine Vollmacht geben, hatte Andras vorgeschlagen, aber Isabelle zog es vor, selber zu unterschreiben. Und schließlich war da Hans, der sich um die Wartburgstraße kümmerte, der den Mietvertrag durchgesehen hatte, auf alles aufpaßte, — der getreue Hans, wie Alistair mit seinem starken Akzent sagte. In ihrer Schublade hatte Andras die alten Fotos gefunden, Alexas Fotos, — ich habe sie in einen Umschlag und zwischen irgendwelche Bücher gepackt. — Alexas Fotos, sagst du? — Wer soll sie denn sonst gemacht haben, hatte Isabelle ungeduldig erwidert. Die Schlüssel. Fotos. Sie würde ihn nicht bitten, ihr die Fotos nach London zu schicken. Tastete ins Leere. Jakob im Büro. Ihr Körper, der immer noch nach Schweiß roch, obwohl sie geduscht hatte, Nachtschweiß, Angstschweiß. Entschlossen griff sie sich den Schlüsselbund und ging hinaus auf die Straße. Jetzt war da Jim, stand vor den beiden Bauarbeitern, die zu ihm aufsahen, als erteile er ihnen seine Befehle. Der eine, kleinere der Arbeiter sah, wie Isabelle sich näherte, Schritt vor Schritt setzte, und da drehte Jim den Kopf zur Seite, um zu sehen, was hinter seinem Rücken vorging, Isabelle trat in den Schatten einer Platane und wieder heraus, als wären ihre eigenen Bewegungen ein Teil des Spiels von Licht und Schatten auf dem Asphalt, das mit jedem Windstoß neue Muster entstehen, alte vergehen ließ. Inzwischen hatte Jim sich ganz zu ihr gedreht, stand breitbeinig da, sagte grinsend etwas zu den beiden Bauarbeitern, die auflachten; wie in einer vorab gedrehten Szene lief sie weiter, wußte, sie würde ihm gehorchen, sie würde sich umarmen und auf den Mund küssen lassen. Ihr Rock war zu kurz, der Wind fuhr darunter, hob ihn hoch, wieder lachten die Männer, der kleinere bückte sich, den Kopf schief gelegt, schielte unter den Rock, und ihr war, als würden seine Hände sich an ihr zu schaffen machen, rasende Wut stieg in ihr auf, sie trat mit zwei raschen Schritten auf ihn zu, der sie verblüfft anguckte, und gab ihm eine Ohrfeige. Das Geräusch schockierte sie. Und da war Jim, trat blitzschnell hinter sie und umfaßte sie von hinten, der andere bog sich vor Lachen, während ihr Opfer blöde dastand, unentschieden, ob er ebenfalls lachen oder Genugtuung verlangen sollte. — Ok, einen Kuß kriegst du, verkündete Jim, hielt Isabelle so fest, daß sie aufstöhnte, sein rechtes Bein hatte er zwischen ihre Schenkel geschoben. Der Geohrfeigte näherte sich, er grinste zufrieden, die Wut schoß wieder in ihr hoch, sie trat, so fest sie konnte, in seine Richtung, während sie sich an Jim preßte. — Laß nur, winkte der Mann ab, ist ja dein Pferdchen. Jim lockerte seinen Griff, legte seine linke Hand auf ihre Brust, — aber sie soll tun, was ich ihr sage, er drückte ihre Brust, knetete sie. Dann schob er sie sachte vorwärts, bis sie am Rand des Aushubs stand. Die beiden Männer packten ihre Spaten und T-Shirts, holten aus einer Tüte zwei Bierflaschen und trollten sich. Jim ließ sie nicht los, er rieb sich an ihrem Po, während sie hinunterstarrte, wo drei Ratten erschlagen in dem flachen Wasser lagen, die Ratten ebenso schmutzigbraun wie das Wasser, und daneben die Katze, aus deren Bauch die Eingeweide quollen, stinkend, das Fell leuchtete aber vor dem dunklen Hintergrund. Jim trat neben sie, beobachtete ihr Gesicht, dann griff er einen langen Stock, schob ihn unter den Hals der Katze und hob sie ein paar Zentimeter aus dem Wasser, aus dem einen Auge war Blut gesickert und eingetrocknet, die Ratten hatten am Bauch angefangen zu fressen, doch man konnte deutlich sehen, daß der Schädel eingedrückt war. Jemand mußte sie in die Baugrube geworfen haben, ins flache Wasser. — Sie werfen Sand drauf und machen alles dicht, sagte Jim, wenn du der Katze ein Gebet sagen willst, dann mußt du’s jetzt tun. Er stocherte mit der Spitze seiner Turnschuhe gelangweilt im aufgehäuften Sand. — Siehst du den Kopf? Hübsch eingeschlagen. Sie muß ein paar Tage woanders gelegen haben, sonst hätten die Ratten sie längst erwischt. Ein Windstoß blies ihr den Gestank ins Gesicht. Von einem Baum stürzte eher als daß sie flog eine Möwe, mit einem hellen, aggressiven Schrei, touchierte den Asphalt neben ihnen, stieg wieder auf, wiederholte das Manöver noch einmal und schneller, diesmal landete sie unglücklich, Jim schlug mit dem Stock nach ihr, sie riß sich wieder hoch, beinahe senkrecht aufsteigend. Isabelle würgte. Er nahm ihr die Schlüssel aus der Hand, die Schlüssel, die warm und feucht waren wie ihre Handfläche, er steckte den Finger durch den Schlüsselring, klimperte vor ihrem Gesicht. — In ein paar Tagen haue ich ab. Blaß stand sie vor ihm, die Übelkeit niederkämpfend. — Ich gehe, kapierst du? Er drehte sich um und ging auf ihre Haustür zu, fand den richtigen Schlüssel, öffnete die Tür. — Komm schon, rief er gleichgültig, trat auf die Schwelle, wartete, bis sie ihm folgte. Er schien zu wissen, daß Jakob nicht da war, und selbst wenn, dachte sie, wäre es eine Niederlage für Jakob, der sich nicht wehrte, der sich in Sicherheit gebracht hatte. Jim ließ die Tür zufallen, schloß sie hinter ihnen ab, steckte den Schlüssel ein. Auf dem Treppengeländer hing Jakobs Unterhemd wie eine weiße Fahne. Isabelle hielt sich am Geländer fest, mit beiden Händen, — Scheißkerl, sagte Jim unmotiviert, das Telefon klingelte, er bedeutete ihr stehenzubleiben, nicht zu antworten. Das Band sprang an, sie lauschten beide Isabelles Ansage, den Atemzügen des Anrufers. Das ist Andras, dachte sie, richtete sich auf. Es war Andras. Er sagte seinen Namen, zögerte. — Sonja ist schwanger, sagte er, wollte ich dir nur erzählen. Isabelle traten Tränen in die Augen. Jim musterte sie neugierig, dann wendete er sich ab, ging die Treppe hinauf, arbeitete sich vom obersten Stockwerk, vom Schlafzimmer, nach unten vor, jedes Möbelstück musternd, die Hände in den Hosentaschen, als wollte er demonstrieren, daß er nichts anfaßte, wie ein Kind, das brav den Eltern folgte, bei fremden Leuten zu Besuch, gelangweilt und doch neugierig auf dieses fremde Leben. Er sah mißmutig aus, als sei vereitelt, was er sich vorgenommen hatte. Den Schlüssel zog er wieder aus der Tasche, spielte damit.

Sie schloß die Augen und lehnte sich an die Wand, erwartete, daß er zu ihr kommen würde, es geschah aber nichts, vor ihren Augen setzte sich ein violetter Fleck kreisend in Bewegung und verging wieder, danach waren es nur noch Schemen, kein Licht mehr, obwohl es doch Reste von Licht sein mußten, eine private Unterwelt der Netzhaut, ein Totenreich für wenige Minuten, drei tote Ratten, eine tote Katze, noch immer der pelzige Geschmack im Mund, und es war so still, daß sie die Augen aufschlagen mußte, um Jim zu sehen, dessen Atmen sie nicht hörte, dessen Schritte sie nicht hörte.

— Es ist deine Schuld, weißt du das? sagte er. Die Katze, das ist deine Schuld. Er stand in der Flügeltür zwischen den Zimmern und sprach, ohne sie anzusehen. — Du hast sie von der Fensterbank gestoßen, erinnerst du dich? Behutsam, spöttisch jedes Geräusch vermeidend, legte er den Schlüssel auf die Kommode. — Nachts, und du dachtest, keiner würde dich sehen. Er richtete plötzlich seinen Blick auf sie, gehässig, neugierig, er maß sie präzise, als wollte er ihren Ort und Standpunkt bestimmen. — Klar, du stößt sie runter und machst das Fenster zu. Du mußt nichts begreifen, du mußt nicht begreifen, daß Dinge geschehen sind. Daß es wie eine Narbe brennt, daß wir nichts verzeihen, nie etwas verzeihen, weil das nichts ändert, weil wir uns nur abwenden können oder eben nicht. Aber es ist alles aufgelistet, egal, ob einer es weiß oder nicht. Und ich habe dich gesehen.

— Jim? Isabelles Stimme klang piepsig. — Es ist so nett, dein Gesicht zu sehen, fuhr Jim fort, man denkt immer, dir ist nichts zugestoßen, dir wird nichts zustoßen. — Jim? Vergeblich versuchte sie, ihrer Stimme Halt zu geben.

— Ach, sei ruhig. Er wandte sich zum Gehen, dann fiel ihm ein, daß er die Tür abgeschlossen hatte. Als er sie wieder anschaute, verzog er das Gesicht. — Wie hübsch du bist. Du siehst ihr ähnlich. Nur sieht man in deinem Gesicht nichts, alles glatt und fein. — Wem sehe ich ähnlich? Jim? Wer ist es, dem ich ähnlich sehe? Er antwortete nicht. — Jim? Ich habe der Katze nichts getan. Es war ein Unfall, es muß ein Unfall gewesen sein.

— Nein, du hast der Katze nichts getan. Gar nichts hast du getan, nicht wahr? Du würdest jetzt mit mir schlafen, wenn ich es wollte. Warum eigentlich? Weil du mich hübsch findest? Oder vögelt dich dein Mann nicht? Du würdest ihn betrügen, und dann würdest du sagen, daß du nichts getan hast, nicht wahr? Ich will aber gar nicht. Er nahm den Schlüssel. — Gib mir hundert Pfund.

Sie starrte ihn an. — Ja, Jim grinste, ich sehe, daß da Geld liegt. Ich will aber, daß du es mir gibst. Persönlich, gewissermaßen. Verstehst du? Als kleines Geschenk.

Das Telefon klingelte, sie wollte danach greifen. Jim schüttelte den Kopf. — Nein, meine Kleine. Das Telefon läßt du liegen. Du kommst hierher und gibst mir das Geld. Wieder hörten sie die Ansage, dann Alistairs Stimme. — Wenn du nach Hause kommst, ruf an, wir wollen später essen gehen. Sie ging zur Kommode, bemüht, soviel Abstand wie möglich von Jim zu halten. Es waren Zwanzig-Pfund-Noten, sie nahm alle. — Abzählen, befahl Jim. Ich möchte genau hundert.

Sie zählte, streckte ihm das Geld hin. Er wartete, nahm es, — und einen kleinen Kuß, zum Abschied. Seine Lippen waren kalt. Er hob die Hand, faßte sie am Kinn, sie zuckte zurück, doch er streichelte sanft ihre Wange, verhielt kurz bei dem Leberfleck, stupste ihn und ließ sie los. — Ich werde es dir beibringen, du wirst sehen, ich bringe dir bei, wie man etwas nicht vergißt. Dann ging er; den Schlüssel ließ er stecken.

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