— Ich weiß nicht, sagte sie, und als Andras ungeduldig fragte, — warum weißt du nicht, wie es dir geht? gab sie keine Antwort. Man hörte ein Rauschen in der Leitung, und es war schwer, sich vorzustellen, daß es nicht tatsächlich eine Leitung, etwas Dünnes, aber Solides gab, das sie auf irgendeine Weise verband. Andras drehte sich um, öffnete das Fenster, obwohl es draußen kühl war, herbstlich schon, und beugte sich ein Stück hinaus, als müsse er die Entfernung zwischen sich und Magda einmal noch vergrößern. Er hielt das Telefon fest umfaßt, damit es nicht hinunterfiel, und da Isabelle nichts sagte, hielt er, dachte er bei sich, ihr Schweigen in der Hand, hielt es aus dem Fenster, konnte es tragen, wohin er wollte. Sie sagte nichts. Und nachdem er den Fernsehturm betrachtet hatte, das im Tageslicht blasse Aufleuchten und Verlöschen der Reklametafeln, wandte er sich zurück, trat zum Tisch, an dem Magda saß, nahm ein Papier und einen Stift und schrieb, wenn du mich noch willst, ziehe ich zu dir. Magda lächelte, berührte leicht seine Hand und ging ins Schlafzimmer. — Isabelle, was ist mit dir? fragte er noch einmal. Sie sagte noch immer nichts, er konnte hören, wie sie atmete, flach, schabend, wie ein Tier, dachte er, das im Käfig hin- und herläuft, er ärgerte sich darüber. — Andras, kannst du mich besuchen kommen? Er spürte, wie das Telefon in seiner Hand feucht wurde. Drei Monate früher, er spürte einen stechenden Schmerz, wenn sie ihn drei Monate früher gefragt hätte, wäre er nachts ins Büro gelaufen, um einen Flug zu buchen. — Andras, sagte Isabelle, kannst du kommen?
— Ist etwas passiert? fragte er, geht es dir nicht gut? Ihr Atmen stockte, für einen Moment war es ganz still. Im Schlafzimmer raschelte etwas, vermutlich hatte Magda sich mit einem Buch hingelegt, wartete, bis er fertig telefoniert hatte. Vom Dachboden konnte er Schritte hören, armer Herr Schmidt, dachte Andras, was sollte aus ihm werden, wenn er auszog und die Besitzer anfingen, das Haus zu sanieren? Er ging wieder ans Fenster, schaute nicht hinaus, sondern drehte sich um und betrachtete das alte Sofa von Tante Sofie und Onkel Janos. Erinnerst du dich an das rote Sofa, wollte er sagen, aber er unterließ es. Sie wußte auch so, daß er nicht kommen würde. Zu spät, dachte er, nur war das nicht die richtige Beschreibung, denn die Zeit und was in ihr geschah war nie ein und dasselbe, nie eine Linie, die unregelmäßig verlaufen mochte, sich aber zurückverfolgen ließ. Die Zeit verbindet nichts, dachte er. Sie zerstückelt auch nichts; verbindet nicht, zerstückelt nicht, wie halten wir das nur aus. Als wäre, was Isabelle und ihn verband, ebenso ausgedient wie das Sofa, ein Gegenstand, der nicht länger gebraucht wurde, gleichgültig, wie viele Erinnerungen sich damit verknüpften. — Ich glaube nicht, sagte er, korrigierte sich. Nein, Isabelle, ich komme jetzt nicht nach London. Sie schwieg, dann lachte sie, lachte mit der vertrauten, geliebten Stimme, Schulranzenstimme, dachte er, noch einmal, und er sah das Mädchen mit dem roten Rock vor sich, rennend. — Zeichnest du viel? unterbrach er ihr Lachen. — Malst du wieder? fragte sie zurück, es war etwas unangenehm Scharfes in ihrer Stimme. — Ich ziehe zu Magda, sagte er, vielleicht fange ich bei ihr wieder an zu malen.
— Deswegen kommst du nicht?
Es gab Andras einen Stich ins Herz. — Und Sonja ist wirklich schwanger? fragte Isabelle, und ihr seid in die Potsdamer Straße umgezogen, und du ziehst zu Magda, nach Charlottenburg? Es wird nichts mehr so sein, wie es war, sagte sie, dann legten sie beide auf.
Magda war beim Lesen eingeschlafen, er deckte sie behutsam zu, schrieb ihr einen Zettel und ging hinaus. Auf der Torstraße war nur wenig Verkehr, er dachte, daß er Jakob anrufen könnte, dann tauchte plötzlich wie aus dem Nichts ein Auto auf, hupte, und Andras sprang auf den Bürgersteig, stolperte. Mit den Händen konnte er den Sturz aufhalten, so daß seinem Gesicht nichts passierte, aber sein Knie war aufgeschlagen, die Handflächen brannten, beide Ballen waren aufgeschürft. Eher verblüfft als erschreckt setzte er sich auf und betrachtete durch den Riß des Stoffes sein Knie. Anscheinend war er auf ein spitzes Steinchen oder eine Scherbe gefallen, aus einer etwa drei Zentimeter langen Wunde quoll das Blut, sammelte sich und lief, unter dem Stoff, das Schienbein entlang. In der Jackentasche suchte er nach einem Taschentuch, fand nichts, blieb sitzen, um abzuwarten, bis das Blut geronnen war. Es dauerte nicht lange. Als er vorsichtig aufstand, traten ihm Tränen in die Augen, ärgerlich schüttelte er den Kopf, aber er weinte doch und mußte über sich selbst lachen. Sein Herz pochte unruhig, als er die Straße wieder überquerte, humpelnd, lachend, tränenblind die Choriner Straße hinaufging.
Magda war gerade aufgewacht. Mit großen, verwunderten Augen schaute sie ihn an, nahm vorsichtig seine Hände und führte ihn ins Bad. — Hast du kein Kodan? fragte sie und wusch, als er, unfähig zu sprechen, den Kopf schüttelte, mit lauwarmem Wasser vorsichtig die Wunden aus. — Die Hose kann in den Müll, konstatierte sie, vor ihm kniend. — Mein armes Herz. Er ließ sich zum Bett führen und zudecken.
In der ersten Abenddämmerung spürte er, wie Magda aufstand, sich hinausschlich, dann schlief er wieder ein. Als er aufwachte, fand er in der Küche Croissants und frische Milch, auf dem unbenutzten Teller lag ein Zettel, ein Lastauto war darauf gemalt und ein Fragezeichen. Er rief Peter an und fragte, ob noch leere Umzugskisten da seien. — Sechs Stück, sagte Peter, wozu brauchst du sie?
— Ich ziehe zu Magda, wenn es geht noch heute. Erstaunt bemerkte Andras, daß er ängstlich in das Schweigen horchte. — Peter? Bist du noch da? Warum sagst du nichts?
— Du ziehst zu Magda? Wirklich? Andras, ich fasse es nicht. Das ist ja großartig. Ich dachte schon, du willst bis an dein Lebensende Isabelle nachweinen.
Eine Stunde später klingelte es, und Peter stand vor der Tür, die leeren Kartons neben sich. — Ich muß gleich wieder runter, Sonja wartet im Auto. Peter zögerte, dann grinste er verlegen, umarmte Andras kurz, verschwand.
Nur das Wichtigste, dachte er, zwei Kartons mit Kleidern, zwei mit Büchern, zwei mit Papieren, den Rest räume ich dann auf. Als er beinahe fertig war, fiel ihm ein, was er geträumt hatte, einen ähnlichen Traum wie vor ein paar Monaten. Sie stand in einem kahlen Zimmer nackt im Neonlicht, älter und kleiner, als er sie erinnerte, eine alternde Frau mit einem Kinderkörper. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, sie verbarg es in den Händen.
Er würde, dachte Andras, ihr eine Mail schreiben und vorschlagen, ob sie nicht für ein paar Tage nach Berlin kommen wolle. Das neue Büro war immer noch nicht fertig eingerichtet, in Isabelles Zimmer, sie hatte ein eigenes Zimmer mit einem Fenster vor der Kastanie im Hof, standen die Kisten und der Computer unausgepackt, es war so viel zu tun, und warum sollte es nicht eine Art Neuanfang sein, new concept — new life, für sie auch. Es klopfte, klingelte nicht, sondern klopfte. Einen Augenblick durchfuhr es Andras, daß Isabelle vor der Tür stehen würde, und sein Herz schlug aufgeregt. Aber es war Herr Schmidt. Er hatte einen kleinen altmodischen Koffer aus Pappe in der Hand. — Ich dachte mir, daß Sie bald ausziehen, sagte er mürrisch in Andras’ erschrockenes Gesicht. — Es tut mir leid, Andras hob hilflos die Hand. — So ist das, sagte Herr Schmidt, gestern habe ich einen Koffer gefunden, heute ziehe ich aus. Es könnte auch anders sein. Ich habe am Bahnhof übernachtet, obwohl ich es nicht mußte. Die Imbißstuben sind sehr gut. Freundlich. Und dann der Koffer, leer, beim Briefkasten, Sie wissen doch, an der Brücke. Kein Zufall, dachte ich, also zieht er aus, und ich ziehe auch aus. Er griff nach dem Koffer und nickte und ging die Treppen hinunter. — Aber können wir Sie nicht irgendwo hinbringen? rief Andras. Und wollen Sie nicht den Kocher mitnehmen? Doch Herr Schmidt schüttelte den Kopf, winkte und stieg weiter vorsichtig die Stufen hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen.