31

Obwohl die Rasenflächen sich schon bräunlich verfärbten, war es so mild und angenehm in der Sonne, daß sie sich an den Teich setzten und Tee tranken, — natürlich, sagte Bentham, gibt es hier nur schlechten Kaffee und schlechten Tee; er aß die Hälfte von Jakobs Muffin und sah zufrieden aus. — Das ist natürlich lächerlich, wenn man an eine richtige Tee-Mahlzeit denkt. Wir sind früher gerudert und dann nach Hause gelaufen, wo unsere Haushälterin schon den Tisch gedeckt hatte, es gab Kuchen und Marmelade, Toast natürlich. Sie wollte, daß wir Obst essen. Sie hat damit geprahlt, wie gesund sie sei, daß sie nie krank wurde. Und wirklich hatte sie nie eine Erkältung. Aber dann entwickelte sich eine Geschwulst, und sie wurde wunderlich.

— Ein Tumor? fragte Jakob.

— Nein, nicht im Kopf, aber sie wurde trotzdem seltsam. Wir bemühten uns, möglichst lange darüber hinwegzusehen, bis sie eines Tages anfing, die Sofas und Sessel aufzuschlitzen. Sie sah es selbst am nächsten Morgen und schrieb uns einen Brief, in dem sie bat, daß wir nicht nach ihr suchen sollten. Graham war verzweifelt, und ich auch. Sie hatte Zeichen in einen Schrank geritzt, wir haben lange überlegt, ob wir ihn restaurieren lassen.

Er brach noch ein Stück Muffin ab und warf es einer Ente zu. — Schade, daß es kaum noch Spatzen gibt. Jemand hat mir gesagt, daß Spatz auf hebräisch dror heißt, Freiheit. Anscheinend sind sie ausgewandert. Seit ich ihren Namen kenne, ihren hebräischen Namen, meine ich, sind sie mir noch lieber.

— Und Sie haben sie wirklich nie gesucht, Ihre Haushälterin?

— Nein. Wir haben sie auf Umwegen unterstützt, Graham fand eine Möglichkeit. Wir haben den Schrank gelassen, wie er war. Die Vergangenheit findet immer Gegenstände, an denen sie sich ablesen läßt.

— Stimmt es, daß Sie Bensheim hießen? fragte Jakob.

— Ja, meine Eltern haben den Namen in Bentham anglisiert. Ich bin sogar vor ein paar Jahren nach Deutschland gefahren, um mir das Städtchen anzusehen. Ein hübscher Ort.

Der Wind wurde um weniges stärker, ein Junge setzte vorsichtig sein Segelboot ins Wasser, die weißen Segel neigten sich bedenklich, aber der Kiel hielt das Boot, und als seine Mutter lachend zu ihm rannte, war es zu spät, das Boot war schon auf Reise gegangen, es richtete sich auf und gewann an Fahrt. Der Junge aber begriff noch nicht, daß es ihm außer Reichweite geriet, stolz lachte er seine Mutter an, sie standen Hand in Hand am Wasser, und es war möglich, daß das Schiffchen das gegenüberliegende Ufer erreichen, sich dort an Land holen lassen würde. Jakob konnte die Augen nicht von der Mutter abwenden, sie erinnerte ihn an Miriam, hoch aufgerichtet stand sie da, und wenn es auch mit Tränen enden mochte, dachte Jakob, so würde sie ihren Sohn doch trösten können. Glücklich fühlte er, daß Bentham die Szene ebenso gut gefiel wie ihm, und einen Moment spürte er Benthams Hand auf seinem Arm.

— Die Landschaft dort ist im Frühling wunderbar, so anmutig und freundlich, daß ich mir ausgemalt habe, wie es wäre, jedes Frühjahr an der Bergstraße zu verbringen, man würde wohl jedes Jahr von neuem staunen, wie ein Mensch nur staunen kann. Das ist überhaupt das beste, Staunen über jede Art von Schönheit, auch wenn sie flüchtig, auch wenn sie käuflich ist. Ich habe es ernsthaft in Erwägung gezogen. Es gab ein kleines Haus, eine kleine Villa, in der ich als Mieter willkommen gewesen wäre.

— Und Ihr Lebensgefährte?

— Er war ganz einverstanden, unbefangener als ich, versteht sich. Dann ist er allerdings verunglückt. Ich hatte nie damit gerechnet, von uns beiden übrigzubleiben.

Bentham schwieg eine Weile. — Übrigbleiben scheint meine besondere Spezialität zu sein. Wenn man jemanden liebt, dann glaubt man mit all der Zutraulichkeit dieser Liebe an einen gemeinsamen Tod.

— Außer meiner Mutter habe ich nie jemanden verloren, sagte Jakob.

— Das reicht auch, denke ich, in Ihrem Alter? Es ist übrigens nicht so sehr der Schmerz, der zerstörerisch ist. Eher die Blindheit, die er mit sich bringt, der Wunsch, die Augen nicht zu öffnen, nichts zu sehen, was einen vom Bild des Geliebten entfernen könnte, und es dauert lange, bis man begreift, was zur Vergangenheit dazugehört, daß sie sich weder berühren noch verändern läßt, egal wie gewaltsam man sich in ihre Nähe drängt. Daß man alles verliert, wenn man nicht hinnimmt, was vergangen ist, aus dieser unbarmherzigen Distanz, die einen vor allem deshalb quält, weil sie die eigene Distanz zu den Dingen ist.

— Und zu denen, die lebendig sind?

Bentham lachte. — Sie meinen, das sei doch wichtiger? Da haben Sie recht. Aber jemand wie ich ist mit einer abwesenden Geographie aufgewachsen, mit einem Zuhause, das als Foto, als Adresse, als Name existierte, aber unerreichbar blieb. Ich kannte die Biegung des Treppengeländers in unserem Frankfurter Haus auswendig, nicht aus der Erinnerung, sondern von den Fotos, ebenso die Kommode, die im ersten Stock stand, darüber ein Spiegel. Für mich war das immer das Bild der Wohlproportioniertheit, einer sinnvollen Anordnung. In England gab es für mich nichts dergleichen. Man muß erst lernen, daß man zurückkommt und etwas Neues findet, das ist der Sinn der Zwiesprache mit den Toten, mit dem, was man verloren hat.

Jakob suchte die junge Frau und das Kind mit den Augen. Sie standen am anderen Ufer, der Junge hatte einen Stock gefunden und beugte sich, während seine Mutter ihn fest an der Hand hielt, so weit als möglich nach vorne.

— Ich kann mir nicht vorstellen, hier für immer zu leben, sagte Jakob unruhig. Dabei würde ich es gerne. Ich bin gerne hier.

— Warum sollten Sie auch hierbleiben?

— Es kommt mir so absurd vor, sich davon bestimmen zu lassen, wo man geboren ist.

Bentham lachte. — Aber man sucht es sich ja nur selten aus. Immerhin sucht man sich überhaupt manches aus. Er stand auf. — Hören Sie, jetzt gehen wir noch ein Stück, ich werde Sie mit dem Fazit meiner endlosen Rede wenigstens verschonen. Gibt es wahrscheinlich auch nicht, das Fazit, meine ich. Außerdem, offen gestanden, liebe ich diesen Park zwar, und schauen Sie nur, da stehen die beiden noch immer und warten auf die Ankunft ihres Schiffleins. Aber ein Whisky, das wäre jetzt gut, es ist so eine nette Gewohnheit.

Sie gingen Richtung Südosten, überquerten die Devonshire Street, Bentham einen halben Schritt voran, und Jakob schwieg, bis sie das Pub erreichten, wo ein alter Kellner Bentham mit einem knappen Kopfnicken begrüßte und zwei Whisky an den Tisch brachte.

— Maude wäre nicht erbaut, sagte Bentham. Nicht wegen des einen Whiskys, sondern weil sie weiß, daß ein zweiter folgen wird. Nett von Ihnen, daß Sie ein so geduldiger Begleiter sind. Und ich habe nicht einmal gefragt, wie es Ihnen und Ihrer Frau geht.

— Es geht uns gut, sagte Jakob, zögerte. Er lächelte. — Es geht mir wirklich gut. Bentham saß zufrieden, ein bißchen abwesend da, das Glas in der Hand. Ich bin glücklich, wollte Jakob sagen, aber der Satz war wie ein Holzpüppchen, das man behutsam aufstellte und das sich doch nur einen Augenblick hielt, bevor es umkippte. Nicht schlimm, dachte Jakob, man kann es im Gleichgewicht halten, muß nur ganz leicht nachhelfen, mit einem Finger. — Aber es ist verwirrend. Ich meine, die Vorstellung, daß sich das Leben wirklich verändert.

— Sie meinen, verändert, und man weiß doch nicht was und wie?

Aber Jakob fühlte, daß er auf unsicheres Terrain geriet, und verstummte. Mit einem Finger ganz leicht über Benthams Hand oder Gesicht streicheln, die schweren Lider und die Brauen, damit er sich später besser an sein Gesicht erinnerte, das war es, was er wollte. Es war Begehren und doch wieder nicht, nicht das, was er für Isabelle empfand, wenn er ihr Gesicht liebkoste, obwohl es ihm jetzt vorkam, als wäre auch dann jede Berührung ein Hilfsmittel des Auges. Er trank und spürte, wie der Alkohol wirkte, wie die Gedanken ihr Gewicht veränderten, so daß sie ihn in ihrer Klarheit nur verwunderten, ohne ihm weh zu tun. Daß er jemand war, der weder nahm noch gab, seine Anteilnahme echt, die Teilnahme aber bloß vorgetäuscht war. Er würde die Hand nicht ausstrecken, die altersfleckige Haut zu berühren; er spürte, daß Bentham von ihm nichts erwartete, und war traurig, ohne sich aufzuraffen, es zu ändern. Sein Glas war leer, er war zwar unbesorgt, aber er wußte, daß er später erschrecken würde.

— Es macht die Leute durchaus angenehm, wenn sie bloß zugucken, Bentham winkte dem Kellner, der die Gläser füllte. — Außer für diejenigen, die sie lieben, fügte Bentham hinzu und trank.

— Was machen Sie, wenn Sie für ein paar Tage nicht ins Büro kommen? fragte Jakob.

Bentham sah ihn überrascht an. Jakob spürte, daß er rot wurde.

— Und jetzt werden Sie rot, das ist nett. Fragen Sie nur. Ich gehe in ein kleines Hotel, nicht immer dasselbe, aber meistens. Ein kleines Hotel, das man zwielichtig nennen würde, wenn es nicht so überaus zivilisiert und gepflegt wäre, mit guten Zimmern und einem guten Service. Eine gewisse Anzahl junger Männer geht dort ein und aus, um sich etwas Geld zu verdienen. Ich habe nichts dagegen, für Liebesdienste zu zahlen — das ist eine Frage des Alters, und die jungen Männer, die dort Zutritt haben, sind, nun, handverlesen, Studenten meistens, gebildet, wohlerzogen. Nicht fürchterlich jung zudem, eben jung. Man sieht sich in der Lobby, verabredet sich eventuell zum Abendessen oder in die Oper und beendet den Abend auf die eine oder andere Weise. Eine sehr sinnvolle Einrichtung. Sie sind dafür zu jung, oder zu alt, wie man es nimmt. Sonst sollte ich es Ihnen vielleicht empfehlen.

— Ich bin ja verheiratet, antwortete Jakob töricht.

— Man soll in diesen Dingen gewissenhaft sein, Sie haben ganz recht, allerdings auch nicht allzu streng. Übrigens verbringe ich dort oft ein paar Tage, um der Leere meines Hauses zu entgehen. Die Gegenstände, an denen sich die Vergangenheit ablesen läßt — man erträgt sie nicht immer. Zwei Männer betraten das Pub, grüßten Bentham, blieben an der Theke stehen.

— Kollegen, merkte Bentham an. Er wiegte den Kopf, als wollte er sich mit seinem Gewicht vertraut machen, die Beschaffenheit der Sätze prüfen, abwägen, was sie für Jakob bedeuteten, dachte Jakob und wurde wieder traurig, weil er wußte, daß es die erste Rate auf den Abschied war. Er wurde in seine Schranken gewiesen, spürte es physisch, und wußte, daß er weder Ausweispapiere hatte noch die Kraft, sich über jene Schranke hinwegzusetzen. — Es kommt nicht darauf an, sagte Bentham, bei welchem Namen man es nennt, Charakter, Unvermögen, Schicksal — Begrenztheiten gibt es immer. Nur, was wollen Sie damit, was machen Sie daraus? Es bleibt ja Ihr Leben. Bentham lächelte. Wenn Graham fand, ich sei allzu melancholisch, erinnerte er mich daran, daß Vergnügtheit eine zivilisatorische Errungenschaft ist. Wieder schien er sich umstandslos in Jakobs Gedanken auszukennen, brummte etwas, das auf Nachsicht hindeutete. — Mit mir sollen Sie jedenfalls nicht ringen, der Engel bin ich ja nicht. Seine Arme, eingezwängt in den Ärmeln des Jacketts, die kurzen, beweglichen Hände lagen jetzt ruhig auf dem Tisch zwischen ihnen, und Jakob nickte dankbar, hob endlich die Augen und fand Benthams Blick. Er spürte die Sekunden langsam verstreichen, als wäre auf seinem Herz ein Sekundenzeiger angebracht, jede einzelne eine winzige Bewegung des Erinnerns, vorweggenommen, aufbewahrt und endlich ohne Furcht, sie könnten sich mißverstehen. Er fühlte, daß er noch einmal errötete, wußte, daß diesmal Bentham nichts dazu sagen würde, bemerkte auch, daß er anfing zu zittern, alle Kräfte anspannte, ihm war, als würde er wie ein Handschuh von innen nach außen gestülpt. Aber wie geht es weiter, wie werde ich es ertragen, dachte er, und wie leicht es mit Isabelle war, wo die vorgezeichneten Schritte das Geständnis von Liebe ersetzt hatten.


Es waren bis zur Kanzlei nicht mehr als fünf Minuten, Maude öffnete ihm die Tür, er nahm Isabelles und Alistairs Nachricht entgegen, lief kurz hinauf in sein Büro, die Schlüssel und einen Pullover zu holen, und da er sich unfähig fand, die angegebene Adresse aus eigener Kraft zu erreichen, hielt er ein Taxi an. Ausgestiegen, sah er nach wenigen Schritten schon Isabelle und fand seine Befürchtung, daß er ihr kühl entgegentreten könnte, widerlegt. Sie kam auf ihn zugesprungen und fiel in seine Arme, und er hielt sie gerne fest. Bengal’s Secret, das Restaurant, in dem Alistair sie erwartete, war nicht weit, und dankbar registrierte er, daß Alistair die Führung übernahm, bestellte, ihn ohne viel Fragerei essen ließ, er sah, daß Alistair seinerseits müde war.

Sie ging kaum aus dem Haus, sie schien die meiste Zeit zu arbeiten, traf keine Verabredung mit Alistair, mochte abends nicht ausgehen, es war, als wollte sie auf Jakob Rücksicht nehmen, denn er ging früh zu Bett, auch wenn er lange nicht einschlief, von unten hörte er manchmal eine Tür oder ein Fenster, das nach oben oder unten geschoben wurde; er war froh über Isabelles Anwesenheit, froh alleine zu liegen. Aus Feigheit hatte er, als Alistair vor Isabelle kniete, den Kopf zwischen ihren Schenkeln, ihm signalisiert zu gehen, sie hatten sich an der Tür mit einem Kuß verabschiedet, Alistair hatte beruhigend und zärtlich Jakobs Haar gestreichelt, jetzt bereute Jakob, daß er ihn fortgeschickt hatte. Mittags war Alistair einmal in sein Büro gekommen, hatte sich auf die Truhe gesetzt, einen Taschenspiegel aus dem Jackett gezogen und sich aufmerksam darin betrachtet. Dann war er zu Jakob getreten, der am Schreibtisch saß, und hatte ihn auf die Haare geküßt und umarmt. — So hübsch, hatte er gesagt, sind wir beide nicht mehr; er hatte gebrummelt, Bentham imitiert, Jakobs Schläfe gestreichelt und war wieder gegangen. Bentham kam nicht in die Kanzlei, Maude kommentierte es genausowenig wie sonst, um Bentham schien sie sich diesmal nicht zu sorgen, Jakob aber brachte sie manchmal ein Stück Kuchen oder Obst oder eine Tasse Tee ins Zimmer. Tagsüber war zuviel zu tun, als daß er Zeit zum Grübeln gehabt hätte. Eine englische Investitionsgesellschaft interessierte sich für den Ankauf mehrerer Wohnblöcke im nördlichen Prenzlauer Berg. Die Gleise der zum Verkauf stehenden Eisenbahngesellschaft waren in desolatem Zustand. Millers Fall entwickelte sich gut, er war bei Sahar gewesen und berichtete, sie habe ihm geweissagt, daß er etwas, das mit Wasser zu tun habe, verlieren werde — das Seegrundstück folglich, und so schlug er selbst eine Entschädigung vor, eine Summe, die dem Gegner akzeptabel schien und groß genug war, die Villa in Treptow zu renovieren. — Bentham findet das sinnlos, ich weiß, sagte Miller. Ich bin zu alt, nach Berlin zu ziehen, ich würde das Haus für mich umbauen und am Ende doch verkaufen. So ist es, wenn man keine Kinder hat. — Aber Bentham hat auch keine Kinder, hatte Jakob eingewendet. — Natürlich nicht; er hat den jungen Mann hier, Ihren Kollegen, und dazu mehr Mut als ich. Für einen alleinstehenden Menschen ist der Ablauf der Zeit am Ende widersinnig. Zeit ist, daß Kinder groß werden und ihrerseits Kinder bekommen — oder die ziemlich nackte Tatsache, daß es Tage und Stunden gibt und daß man stirbt.

Zweimal rief Hans im Büro an, sie sprachen darüber, im Herbst gemeinsam wandern zu gehen; Jakob dachte, daß sie es nicht tun würden. — Du fehlst mir, sagte Hans. Allmählich beneide ich dich sehr, weil du verheiratet bist.

Gerade ausgestreckt, die Hände hinterm Kopf verschränkt, lag Jakob Nacht für Nacht im Bett und hoffte, daß Isabelle noch nicht schlafen kommen würde. Die Zeit verging viel zu schnell. Er lag nackt unter der Decke, ohne sich zu bewegen, als könnte er so seinen Körper überreden preiszugeben, was er tun sollte. Aus dem Schlaf schreckte er gegen Morgen schweißgebadet, erleichtert, Isabelle neben sich zu wissen. Sie sprach neuerdings im Schlaf, er konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber anscheinend träumte sie häufig von einer Katze. War er sicher, daß sie fest schlief, stand er auf, ging von Zimmer zu Zimmer, stand im Eßzimmer oder unten, in Isabelles Zimmer am Fenster und schaute auf die Straße. Er freute sich, wenn er den weißen Fuchs sah, der auf dem Weg nach Hampstead Heath die Mülltonnen durchsuchte, ihm gefiel, wie sicher sich das Tier bewegte, wie selbstverständlich es die Straße überquerte, in der es so fehl am Platz war. Einmal schien der Fuchs Beute gemacht zu haben, zerrte etwas, das wie eine Katze aussah, ein Stück den Bürgersteig hinunter, ließ es dann liegen. Jakob öffnete das Fenster, um besser zu sehen, aber er konnte nichts erkennen. Er erschrak, als hinter der Wand eine Männerstimme laut wurde, nicht verständlich, aber erkennbar zornig, und kurz darauf etwas gegen die Wand schlug, als sollte es hindurchbrechen. Eine zweite Stimme kam dazu, jünger, schien es, vielleicht auch eine Frauenstimme. So unangenehm es Jakob berührte, er konnte sich doch nicht losreißen. Ob das eine Ausnahme war, fragte er sich, oder ob Isabelle das nachbarliche Krakeelen täglich hörte und ihm nichts davon sagte? Und wenn es so war, warum? Er war gänzlich aufgewacht, er fühlte sich wie animiert und schämte sich dafür. Dann knallte eine Tür, und er ging nach oben. Wieder im Bett, fürchtete er, das Fenster nicht ordentlich gesichert zu haben, er schreckte bei jedem Geräusch hoch. Einbrecher gab es, Gewalt gab es; als er aufstand, war er erleichtert, alles unversehrt zu finden.

Die Stadt war schläfrig, ein heißer Tag folgte dem anderen. Bentham kehrte zurück, er war glänzender Laune, hatte für Jakob einen neuen Klienten, einen Londoner Hotelier, der auf Borkum zwei große Hotels kaufen wollte, ein jüngerer Mann, erzählte Bentham, der sich darauf freute, auf einer Insel, die den beschämenden Ehrentitel» Judenfrei «getragen hatte, als erster Jude eines der größten Hotels zu besitzen, von dort aus für die mutmaßlich überwiegend stumpfe Kundschaft historische Fahrten zu unternehmen. Alistair war Feuer und Flamme bei dem Gedanken, eine Ortsbegehung anzusetzen. — Wo ist sie denn, diese Insel? — Sehr weit im Norden, antwortete Jakob, er war aber niemals auf Borkum gewesen und mußte einen Atlas zu Rate ziehen. — Morgen kommt er zu Ihnen, sagte Bentham zu Jakob, John Pilger heißt er. — Pilger? fragte Jakob. — Warum nicht? Bentham sah die beiden amüsiert an, Alistair zupfte Jakob am Ärmel. — Wir gehen jetzt essen und besprechen alles. Anthony und Paul kamen die Treppe hinauf. — Ihr dürft nicht mit, rief Alistair ihnen zu, aber wir fahren auf eine Nordseeinsel voller Seehunde und essen zwei Tage nur Krabben und Walfisch. Anthony boxte Jakob in die Seite, der mit leicht geöffnetem Mund dastand und nur halb hörte, was die anderen ihm an Bestechungsversuchen, Morddrohungen des Gemeinderates vorhersagten, er senkte die Augen, um Bentham nicht anzustarren, und war glücklich, Alistair legte den Arm um seine Schulter. — Es wird herrlich, sagte Alistair.

Als er nach Hause kam, hatte Isabelle Nudelauflauf vorbereitet; das Telefon klingelte, und sie bat ihn, zwei Eier darüber zu schlagen, doch er vergaß, daß man sie vorher verquirlen mußte, und er lachte, als er eine Viertelstunde später über den Nudeln zwei Spiegeleier sah, die gerade verbrannten. Isabelle lächelte auch, sie war aber verärgert, und ihre Stimme war kalt und so unerbittlich, daß er erschrak. Nur ein kleiner Ausbruch, dachte er, trotzdem empfand er Abneigung und Angst. Nach dem Essen machten sie einen kurzen Spaziergang, sie nahm seine Hand und erzählte, daß Peter und Andras nächste Woche mit dem Büro umziehen würden. — Willst du nach Berlin fahren? fragte Jakob, doch sie schüttelte abweisend den Kopf. Als sie zurückkamen, legte er in die Schale auf der Kommode Geld und sah, beschämt, den verwelkten Rosenstrauß, den er ihr vor einer Woche mitgebracht hatte. Es war leicht, sich nach einem Streit zu versöhnen, sie aber stritten nicht miteinander, und wo man schwieg, gab es keine Versöhnung. Er hätte sie gerne gefragt, warum sie einander fremd wurden, allerdings war er nicht sicher, ob er sich nicht nur einbildete, daß sie einander in Berlin näher gewesen waren. Vielleicht war es nur eine veränderte Entfernung, vielleicht war sie mit etwas beschäftigt, über das sie nicht sprach, und er dachte an den Lärm der Nachbarn, den er nachts einmal gehört hatte. Still hielt er sich in ihrer Nähe und schaute sie an, als könnte er ihrem Gesicht ablesen, was zu tun sei. Er wollte ihr von Miriam erzählen, wenn sie ihm nur ein Zeichen gab, er wollte gutmachen, was er versäumt hatte. Isabelle saß an ihrem Tisch, über die Grundrisse des künftigen Büros in der Potsdamer Straße gebeugt. — Von der Wartburgstraße ist man in zehn Minuten da, mit dem Fahrrad, sagte sie. Sie hob den Kopf und lächelte. Man las, dachte er, Gesichter nicht mit bloßem Auge, ohne daß sich Erwartung und Mißtrauen hineinmischten, nie begnügte man sich mit dem Anschein, immer wollte man hin zum Mittelpunkt, doch vielleicht war das die falsche Richtung. Er lachte. Dieser winzige Punkt, nicht einmal stecknadelkopfgroß, um den erbittert stritt, was Mittelpunkt sein wollte. Isabelle sah ihn fragend an. — Ich dachte, was für eine bizarre Idee das ist: ein Mittelpunkt, wenn der mittelste Mittelpunkt doch keine Ausdehnung haben darf.

— Wolltest du oder sollte ich der Mittelpunkt sein? fragte Isabelle.

— Eben nicht, sagte Jakob, weder du noch ich, weder Berlin noch London.

— War es je anders? sagte Isabelle kühl und wandte sich wieder dem Grundriß zu.

Und andererseits, dachte er, als er schon im Bett lag, konnte es ohne Mittelpunkt keine Umlaufbahn geben. Er lauschte ins Erdgeschoß, wo Isabelle noch saß; zwischen ihnen lag aber ein Stockwerk, und trotz der offenen Türen ließ sich nichts hören. Als er schon beinahe eingeschlafen war, bildete er sich ein, einen dumpfen Aufprall zu hören. Aber das kann nicht sein, sagte er sich; dann blieb es still, und er schlief ein.

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