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Boom Boom Craycroft kam ins Postamt gestürmt. Drinnen ging es den ganzen Tag zu wie in einem Irrenhaus, die Leute eilten herein und hinaus, jeder mit einer Theorie. Pewter hatte sich im Postkarren zusammengerollt. Sie vermißte ihre Freundinnen, aber den Menschenklatsch bekam sie nur zu gerne mit.

»Schätze, ihr habt schon gehört, daß Aysha mich von der Straße abgedrängt hat. Woher sollte ich wissen, daß Norman umgebracht wurde und sie hinter Kerry her war.«

»Hier hat es keiner gehört, und du siehst kein bißchen mitge­nommen aus. Der Jaguar scheint auch heil zu sein.« Harrys Tonfall war gleichmütig.

»Mein Schutzengel hat Überstunden gemacht.« Boom Boom öffnete ihr Schließfach. »Diese Rechnungen. Ist euch schon mal aufgefallen, daß sie immer ganz pünktlich kommen, die Schecks aber nie? Aber wie's an der Börse nun mal zugeht, wer weiß da schon von einem Geschäftsquartal zum anderen, wie­viel Geld die Aktiengesellschaften haben? Ich hasse das. Ich hasse es, nicht zu wissen, wieviel Geld reinkommt. Dabei fällt mir ein, habt ihr gewußt, daß die Bank auf Kerrys Konto 250.000 Dollar gefunden hat?«

»Oh?« Mrs. Hogendobber kam an den Schalter.

»Ich komme gerade von dort. In der Bank ist der Teufel los - 250.000 Dollar! So viel hat sie bei der Crozet National Bank bestimmt nicht verdient. Und gestern war das Geld noch nicht auf ihrem Konto. Mit ein bißchen Geduld hätte sie alles haben können, es sei denn, sie ist ein kleiner Fisch, und dies ist ein Racheakt.«

»Boom Boom, woher hast du das? Man sollte doch meinen, die Bank oder zumindest das Sheriffbüro würde diese Informa­tion zurückhalten wollen.«

»Eine Information zurückhalten? Du bist in Crozet geboren und aufgewachsen. Du müßtest es besser wissen«, spottete Boom Boom.

»Wie haben Sie es herausgefunden?« Mrs. Hogendobber blieb freundlich.

»Ich hab mit Dick Williams geflirtet.« Sie sprach von einem gutaussehenden Bankangestellten, der sich stets um die Damen bemühte, ganz besonders aber um Bea, seine Frau. Boom Boom fügte hinzu: »Also eigentlich hat Jim Craig es mir erzählt, und Dick hat ihm gesagt, natürlich ganz höflich, er soll seine Karten eine Zeitlang bedeckt halten. Da hab ich beiden zugezwinkert und versprochen, es nicht weiterzusagen. Was soll's? Heute abend bringen sie's auf Channel 29.«

Und damit rauschte sie zur Tür hinaus.

»Dumme Pute.«

»Sie können sie nicht leiden, weil sie nach Ihrer Scheidung mit Fair angebändelt hat.«

»Sie können sie auch nicht leiden.«

»Stimmt«, gab Miranda zu.

Pewter steckte den Kopf über den Rand des Postkarrens.

»Sie ist 'n falscher Fuffziger, aber die Hälfte der Leute, denen man begegnet, sind falsch. Da kommt's auf eine Person mehr doch nicht an, oder?«

»Magst du heute abend mit mir nach Hause kommen?«

»Harry, ich komm liebend gern mit zu dir. « Pewter sprang aus dem Postkarren und rieb sich heftig an Harrys Beinen.

»Wie überschwenglich sie ihre Zuneigung zeigt«, bemerkte Mrs. Hogendobber. Die ältere Dame setzte sich hin. »Ich fühle mich so schlapp. Dafür gibt's eigentlich gar keinen Grund. Ich habe genug geschlafen, aber ich kann den Kopf nicht oben hal­ten.«

»Emotionen. Die sind anstrengend. Wir sind alle groggy. Mir geht's genauso.«

Bevor Harry sich zu Miranda setzen konnte, öffnete Susan die Hintertür und steckte den Kopf herein. »Ich bin's.«

»Kommen Sie herein«, forderte Mrs. Hogendobber sie auf. »Das tun Sie doch sonst auch.«

Susan ließ sich Miranda gegenüber auf den Stuhl fallen. »Ar­mer Ned. Dauernd rufen Leute an, die empört sind, weil er Ker­ry McCray verteidigt. Daß jeder Bürger das Recht auf eine faire Verhandlung hat, kommt ihnen gar nicht in den Sinn.«

»Den Vorsitz führt der Klatsch.« Mrs. Hogendobber schüttelte den Kopf.

»Wenn die Menschen gemein sein wollen, dann kannst du oder Ned nicht viel dagegen tun. Wenn ich in Schwierigkeiten steckte, ich würde Ned als Anwalt wollen, das steht fest.«

Susan lächelte. »Ich sollte lieber daran denken, wieviel Glück ich gehabt habe. Mein Mann ist schließlich nicht umgebracht worden, was sind da schon ein paar gehässige Anrufe?«

»Ich wette, Kerry hat nicht mal eine Zahnbürste«, dachte Mi­randa laut. »Mädels, wir sollten zu ihr nach Hause gehen und ein paar Sachen für sie zusammenpacken. Wir sind hier in den Vereinigten Staaten von Amerika. Unschuldig bis zum Beweis der Schuld. Also dürfen wir sie nicht im Stich lassen.«

Die anderen beiden saßen still da.

Schließlich erklärte Susan: »Miranda, Sie bringen uns immer auf den Boden der Moral zurück. Selbstverständlich gehen wir nach der Arbeit hin.«

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