Strahlender Mal * Die große Völkerwanderung * Graf Schielauge als Einbrecher * Im Erholungsheim * Sonnenbäder * Kabarett * Alle gegen einen * Der „Spiegel“ Strelna in Aufruhr * Die Geschichte eines mißlungenen Raubzuges * Die Chronik und die Gruppeneinteilung.
Erster Mai.
Ein Strom von Klängen, Fahnen, Menschen und Sonne überflutete die kleine Republik.
Seit dem frühen Morgen brandeten Wellen von Demonstranten gegen die Mauern der Schkid.
Noch niemals waren die Schkider so aufgeregt gewesen. Sie drängten sich an den offenen Fenstern und begrüßten die Demonstranten mit Hurrarufen. Am liebsten hätten sie sich in die Kolonnen eingereiht, um zum Platz zu marschieren; doch in diesem Jahre war Kindern die Teilnahme an der Demonstration verboten.
Der Erste Mai war die strahlende Verkörperung des Frühlings. Er bescherte den Schkidern Semmeln — schneeweiße Semmeln, die sie schon lange nicht mehr bekommen hatten.
Die Semmeln wurden zum Frühstück ausgegeben. Nach dem Mittagessen hielt Vikniksor eine Rede über den Ersten Mai, und dann sangen die Schkider die Internationale.
Am Abend gingen sie samt und sonders — vom Jüngsten bis zum Ältesten — in die Stadt, um die festlich beleuchteten Straßen zu bewundern, der Musik zu lauschen und sich vergnügt durch die festlich gestimmte Menge zu drängen.
Voller Freude begingen die Schkider den Frühlingsanfang, und diese Freude wuchs noch, als sie erfuhren, das Amt für Volksbildung würde seinen Zöglingen ein Erholungsheim zur Verfügung stellen. Als dann noch bekannt wurde, das Erholungsheim läge in Strelna und sie sollten in nächster Zeit dorthin übersiedeln, strömte die ganze Schkid jubelnd und lärmend auf die Straße. Zum Umzug wollten sie die Straßenbahn benutzen. Am Reisemorgen wurden alle Kräfte mobilisiert. Die Jungen bündelten die Wäsche, rollten die Matratzen zusammen und schleppten die Betten auf die Straße. Eifrig waren sie bei der Sache. Auch die Knirpse aus der ersten Klasse fühlten sich von der Wichtigkeit des Augenblicks durchdrungen. Sie griffen genauso zu wie die Großen.
„He, du!“ schrie der kleine, kugelrunde Tyrnowsky seinen Kameraden an. „Wo willst du mit der Pritsche hin? Mehr nach links! Sonst kommen wir nicht durch.“
Sie schleppten gerade ein Bettgestell aus dem Haus. Auf der Straße packten Jankel, Zigeuner und Japs unter Aufsicht von „Graf Schielauge“ die Sachen zusammen.
Graf Schielauge war Prophet, aber seine Jugend und sein kameradschaftliches Verhalten hatten ihn bei den Schkidern beliebt gemacht. Sein Spitzname stammte daher, daß er schielte.
Schon am ersten Tage hatte Schielauge die Zuneigung der Großen erobert.
Das war folgendermaßen geschehen.
Um die Schüler kennenzulernen, hatte er am Abend seiner Ankunft bei ihnen in ihrer Klasse gesessen und sich ausführlich darüber verbreitet, daß er ein guter Physiklehrer sei und experimentellen Unterricht geben wolle.
„Das ist fein“, hatte Japs begeistert gerufen. „Wir haben einen Haufen von Lehrmitteln. Die ganze Schrank steht voll.“ Dabei wies er auf den Schrank in der Ecke.
„Wo? Zeigt mal her!“ forschte Schielauge mit blitzenden Augen und stürzte auf den Schrank zu. „Er ist verschlossen.“ „Lassen Sie die Finger davon, Afanassi Wladimirowitsch! Vikniksor hat uns verboten, den Schrank aufzumachen.“
Die Jungen bekamen einen Schreck, als Schielauge sorglos lächelnd erklärte: „Zum Teufel mit den Verboten von Vikniksor. Wir machen den Schrank jetzt auf und sehen nach, was drin ist.“
„Lassen Sie das lieber sein!“
„Wenn Vikniksor uns erwischt, kriegen wir eins auf den Deckel.“ Doch Schielauge schraubte mit dem Taschenmesser den Riegel ab und öffnete den Schrank, ohne das Vorhängeschloß zu beschädigen. Er holte einen Dynamo heraus und erklärte eifrig, wie er funktioniere. In der Schule herrschte tiefe Stille.
Die Jungen aus den unteren Klassen schliefen bereits. Nur die paar Großen waren noch munter.
Sie hörten sich Schielauges Erklärungen zwar an, horchten dabei aber besorgt auf jedes Geräusch. Plötzlich klappte im Treppenhaus eine Tür. „Vikniksor! Den Apparat weg!“ „Schnell!“
Hastig steckten sie den Dynamo in den Schrank, schlössen die Tür, schraubten den Riegel notdürftig an und sprangen zurück. Da trat Vikniksor auch schon in die Klasse. Er machte seinen gewohnten Rundgang. „Ihr seid noch hier?“
„Ja, Viktor Nikolajewitsch. Wir unterhalten uns gerade über den morgigen Unterricht. Wir gehen jetzt schlafen.“ „Allerhöchste Zeit, Kinder.“
Vikniksor ging durch den Raum, kratzte sich hinter dem Ohr, fuhr mit dem Finger über die Bänke, um festzustellen, ob sie verstaubt seien, und trat gelassen an den Schrank. Den Jungen stockte der Atem. Besorgt hingen ihre Blicke an Vikniksors Händen, als er mechanisch das Schloß befühlte. Aber seine kurzsichtigen Augen übersahen die noch zur Hälfte herausragenden Schrauben, und er verließ den Raum. „Glatt gegangen!“ Alle atmeten erleichtert auf.
Als sie dann im Bett lagen, führte Zigeuner begeisterte Reden: „Schielauge ist doch ein verwegener Bursche! Mir wäre das Herz in die Hose gerutscht, er dagegen blieb ganz ungerührt.“ Nach dieser Episode hatte Schielauge das Vertrauen der Großen endgültig erobert. Er wurde von ihnen beinahe als Kamerad behandelt. Und jetzt packte er mit den Jungen fröhlich die Sachen. Zwischendurch machte die ganze Gesellschaft gelegentlich Pause, flegelte sich auf die Stufen der Eingangstreppe und hänselte die Passanten. „Vorsicht, Bürger! Hier ist eine Pfütze.“
„He, das ist die Pastetenverkäuferin ja schon wieder. Hau ab, sonst bringen wir dich zur Miliz“, rief Zigeuner.
Schielauge saß daneben, pfiff einen Walzer vor sich hin und blinzelte behaglich in die Sonne. Schließlich wurde es oben in der Schule still.
Alle Sachen, die während des Sommeraufenthalts gebraucht wurden, waren auf die Straße geschleppt. Nun konnte die Straßenbahn kommen.
Sie warteten den ganzen Tag. Vikniksor führte endlose, zornige Telefongespräche, aber der Personen- und der Güterwagen kamen erst spätabends, nachdem der Straßenbahnverkehr in der Stadt eingestellt war. Eilig luden sie auf, stiegen ein, und die Republik Schkid siedelte um. Am Narwa-tor mußten sie in eine kleine Vorortbahn mit Oberleitung umsteigen. Der Platz wurde knapp, und einige Jungen kletterten in den Güterwagen.
Die Räder summten, die Schienen knirschten, und die jungen Strolche fuhren weiter.
Im Güterwagen hockten die Großen. Über ihnen pfiff die Oberleitung, während die Holzhäuser der Vorstadt an ihnen vorüberzogen.
Die ganze Gesellschaft flegelte sich auf die Stufen.
Schon lag das letzte Gebäude am Stadtrand, das früher den eindrucksvollen, merkwürdigen Namen „Rote Schenke“ getragen hatte, hinter ihnen. Nun sausten sie durch grüne Felder.
In gleichmäßigen Abständen holperte die Bahn über die Schienenverbände. Pausenlos raste sie weiter.
Die Schkider fühlten sich so wohl, daß sie Lust zum Singen bekamen. Das Gelächter verstummte, und zum gleichmäßigen Rattern der Räder stimmte einer an:
Die Vögel singen hoch über dem Feld
im strahlenden Sonnenlicht.
Ich kam als Waisenkind auf die Welt
und kenn' meine Mutter nicht…
Spatz war es, der da sang. Sein schwermütiges, stilles, getragenes Lied ging im Geratter unter.
Im Winter, als schlafend beim Sternenschein
ich lag, an den Zaun gepreßt,
da fand mich der Wächter, ins Kinderheim
schleppte er mich, dort nahm man mich fest.
Langsam strömte die Melodie dahin. Jankel war ernst geworden. Er stimmte ein, und auch Zigeuner sang mit.
Die Mutterliebe erlebte ich nie,
im Kinderheim war ich verhaßt.
Ich wurde verlacht, wenn ich weinte und schrie,
verprügelt, weil ich eine Last.
Auch die Gespräche der anderen Jungen waren verstummt. Selbst Japs, der unverwüstliche Radaubruder, drückte sich in eine Ecke und sang hingerissen, wenn auch nicht gerade wohltönend, mit.
Die Felder flogen an der niedrigen Brüstung des Güterwagens vorüber, manchmal blitzte ein erleuchtetes Fenster auf, dann waren wieder nur Weite und Nebel ringsum.
Der Sommer ist da, und die Blumen, sie blüh'n,
und die Vögel singen im Feld,
mein Leben aber muß einsam verglühn,
denn das Waisenhaus ist meine Welt.
Nun aber Schluß mit der Schwermut! Jankel sprang auf und übergrölte Spatzens leisen Tenor:
In dem hellen Sonnenschein
woll'n wir alle lustig seinl
Dort ist ein tiefer Graben
voll Milch, um uns zu laben.
Ein Dutzendstimmen fiel ein und übertönte dasGeratter der Bahn. Das wilde Gebrüll zerriß die Luft, und Fetzen der Melodie sprangen über Felder, Häuser und Wälder.
Zuckerzeug, soviel du magst,
und Brot, damit du nicht verzagst,
die harten, schwarzen Kanten,
die kriegen die alten Tanten!
„Das ist ein Lied!“
„So singt man in der Schkid!“
Langsam kroch die Bahn einen Berg hinauf.
Vom Personenwagen schrie Elanljum etwas herüber, aber die Jungen hörten sie nicht.
Ihr rotblondes Haar flatterte im Wind. Sie fuchtelte mit den Händen, aber der Wind trug ihre Worte davon. Schließlich begriffen die Jungen.
Sie waren kurz vor Strelna.
Als die Bahn hielt, reckte Jankel den Hals, sprang auf und johlte: „Leute! Ein Kloster! Ein richtiges Kloster!“
„Na, und?“
„Frag doch nicht so dumm. Ein Jahr hab' ich in einem Kloster gewohnt, ein ganzes Jahr!“ Jankel war tief gerührt. Als er aber sah, daß seine Kameraden nur mit spöttischer Skepsis reagierten, winkte er enttäuscht ab.
„Geht zum Teufel. Ihr habt keine Ahnung. Ein Kloster hat doch einen Friedhof mit Gräbern. Das ist schön. Überall Kreuze.“ „Und kleine Leichen!“ ergänzte Japs.
„Mit Knöchelchen und Schädelchen“, sekundierte Zigeuner. Er fand den sentimentalen Jankel reichlich komisch. Wütend spuckte Jankel aus. „Wir sind da!“
„Jungen, ladet bitte möglichst schnell das Gepäck ab. Es ist schon spät!“ rief Elanljum, während die Schkider schon eifrig dabei waren. Sie wollten alles schleunigst hinter sich haben, um ihren neuen Besitz noch in Augenschein nehmen zu können.
Ihre glattgeschorenen Anstaltsköpfe träumten insgeheim schon von dem fernen Herbst und den verführerischen Kartoff ein aus denStrelna-Gärten. Aber als erstes wollten sie die Umgebung kennenlernen.
Doch daraus wurde nichts. Bis in die Nacht hinein mußten die Jungen die Sachen ins Haus schleppen und auspacken.
Als der Morgen graute, wurden den verschiedenen Klassen die Schlafräume zugewiesen. Die Jungen stellten notdürftig die Eisenbetten auf und sanken sofort in tiefen Schlaf.
Es war ein großartiges Erholungsheim.
Es war ein großartiges Erholungsheim, fast unberührt von der Zeit, vom Zerfall der vergangenen Jahre. Die Ortseinwohner hatten die Villa, die einem Grafen oder Fürsten gehört haben mochte, offensichtlich zwar mehrfach heimgesucht, sich dabei aber mit einigen ausgehängten Türen und Fenstern sowie abgeschraubten Kupferklinken begnügt. Alles andere war erhalten geblieben — sogar ein verstaubtes, verstimmtes Klavier stand noch in einem Zimmer.
Schnell gewöhnten sich die Schkider an ihr neues Heim. Es stand auf einer Anhöhe. Auf der einen Seite führten die Schienen der Oranienbaumer Straßenbahn vorbei. An den anderen Seiten wurde das Grundstück von einem Park begrenzt und von einem Wald, der sich bis ins Tal hinabzog.
In der Nähe lag ein Teich — ein Hauptanziehungspunkt im Sommer. Die Schkider badeten vom Morgen bis zum späten Abend, zuweilen sogar nachts, wenn ihnen die Hitze besonders zugesetzt hatte. Dann schlichen sie heimlich, auf Zehenspitzen, zum Teich und tauchten in das warme, aber erfrischende Wasser.
Auch hier versuchte Vikniksor, ein bestimmtes System einzuführen. Gleich in den ersten Tagen stellte er einen Plan auf: morgens Gymnastik im Freien, dann Unterricht bis zum Mittagessen, danach Baden, Freizeit und abends noch einmal Gymnastik.
Doch der Plan scheiterte an der Gymnastik. Die Schkider durften aus Sparsamkeitsgründen im Sommer keine Stiefel tragen und weigerten sich, barfuß Gymnastik zu machen, weil überall Glassplitter herumlagen.
Der Unterricht fand zwar statt, aber die Lehrer wurden dauernd mit Bitten bestürmt, wie: „Darf ich austreten?“ — „Ich kann das Stillsitzen nicht mehr aushalten!“
Wurde der Betreffende weggelassen, dann rannte er zum Teich, zog sich unterwegs Hemd und Hose aus und badete stundenlang, alles um sich her vergessend.
Wie die Blätter eines Abreißkalenders flogen die schönen Sommertage davon.
Eines Tages, als die Mittagssonne Körper und Gesicht versengte, holten Jankel, Japs und Spatz einen Eimer Wasser und stiegen auf den Dachboden, um sich gegenseitig zu begießen. Auf dem Boden war es stickig. Die Jungen kletterten zum Dach hinauf. Dort lag Elanljum und nahm ein Sonnenbad. „Was meint ihr, Leute, wollen wir Elanljums Methode nicht auch einmal versuchen?“ schlug Jankel vor. „Ja, los!“
Entzückt von dem Einfall, zogen sich die Jungen aus und legten sich in die Sonne.
„Herrlich ist das“, murmelte Spatz und rekelte sich faul. „Ja, wirklich“, bestätigten die anderen.
Die übrigen Jungen folgten ihrem Beispiel, und bald wurde das Sonnenbad auf dem Dach die Lieblingsbeschäftigung der Schkider. Allmählich zog die Langeweile bei ihnen ein. Sie verloren die Lust, mit Kamel durch die Felder zu streifen und seine begeisterten Vorträge über das Vergißmeinnicht anzuhören, Frösche oder Würmer zu fangen und im Heim herumzuschlendern. Selbst das Baden machte ihnen keinen Spaß mehr.
Die Jüngsten kletterten zwar noch immer mit Vergnügen auf die Bäume, fuhren mit der Straßenbahn oder jagten mit Pfeil und Bogen Krähen. Aber die Großen hatten jegliches Interesse daran verloren. Sie dürsteten nach neuen Taten.
Im Winter, als sie in der Stadt ihre Aufgaben büffeln mußten, hatten sie sich nach dem warmen Sommer gesehnt. Doch nun wußten sie nicht, wie sie die Zeit totschlagen sollten. Unterdessen lächelte die Sonne weiterhin fröhlich vom strahlenden Himmel herab, durchglühte das Eisendach und brachte Schwüle und gelangweilte Faulheit in das still gewordene Erholungsheim. „Zu langweiligl“ murrte Japs niedergeschlagen. Der Tag neigte sich zum Abend. Graue Wolkenfetzen schoben sich vor die rote Sonnenscheibe. Es dämmerte. Vom Wald zog feuchte Kälte heran. Die Schkider saßen schweigend auf dem Dach, fröstelten im Wind und lauschten gebannt Schielauges Berichten über seine Studentenzeit.
„Manchmal veranstalteten wir abends Trinkgelage, daß es bis zum Himmel schallte. Ich weiß noch, daß wir zuerst Lieder schmetterten, dann auf die Straße gingen und…“
Schielauges Stimme klang heiser. Er hatte sich wohl in der Abendluft erkältet. Hingerissen verbreitete er sich über großartige Streiche, Liebesabenteuer und Zechereien. Die Schkider hörten atemlos zu. Nur selten unterbrachen sie den Redefluß ihres Lehrers mit begeisterten Ausrufen: „Donnerwetter!“ — „Tolle Burschen!“ Es wurde dunkel. Unten läutete die Glocke. „Verdammt, schon Schlafenszeit!“ brummte Spatz. Die Jungen suchten ihre Sachen zusammen. Schielauge stand widerstrebend auf. Er hatte heute Dienst und mußte die Jungen zu Bett bringen. Aber niemand war müde.
„Vielleicht bleiben wir noch ein Weilchen hier sitzen?“ schlug Jankel zögernd vor.
„Nein, nein, Jungens“, protestierte der Prophet. „Das geht nicht. Wenn Vikniksor etwas merkt, bekomme ich einen Anschnauzer. Gehen wir in den Schlaf räum. Gebt mir aber vorher noch was zu rauchen.“ Die Jungen holten Machorka hervor, und während sich Schielauge eine Zigarette drehte, kletterten sie nacheinander vom Dach. „Kommen Sie doch auf einen Plausch zu uns, wenn Sie die Kleinen ins Bett gebracht haben“, schlug Zigeuner vor. „Gut, mache ich.“
„Netter Kerl!“ sagten die Jungen, als sie sich im Schlafraum auszogen.
Seit einiger Zeit waren Schielauge und die Großen nahezu unzertrennlich. Sie rauchten zusammen, sie klatschten über den Direktor und seine Assistentin. Die Jungen sahen Schielauge vollständig als ihresgleichen an. Für sie war er nicht mehr der Lehrer. Trotz der späten Nachtstunde lagen die Jungen noch wach und plauderten leise miteinander. Schielauge hatte die Kleinen schnell zu Bett gebracht, saß seitdem rauchend bei den Großen auf dem Bett und erklärte ihnen, wie er sich die künftige Arbeit vorstellte. „Ihr werdet euren Spaß haben, Jungens. Wir wollen gemeinschaftlich arbeiten. Ich setze mich mit dem Observatorium in Verbindung, damit wir uns mit Astronomie befassen können.“
„Das sparen Sie sich ruhig“, wehrte Japs gelangweilt ab. „Was?“ Schielauge machte ein erstauntes Gesicht. „Das mit dem Observatorium.“
„Warum?“
„Weil Sie bloß davon quatschen. Bisher haben Sie nichts getan als Versprechungen gemacht.“
„Na, und? Was ich versprochen habe, halte ich auch. Ich bin kein Lügner. Wir gehen bestimmt dorthin. Das ist doch hochinteressant. Wir sehen uns den Sternhimmel durch ein Teleskop an…“ Jankel hatte bisher geschwiegen.
„Ich hab' Hunger“, sagte er jetzt seufzend und fragte Schielauge: „Sie auch?“
„Was?“
„Ob Sie Kohldampf haben!“
„Allerdings…“ Schielauge stockte. „Ziemlichen sogar, ehrlich gesagt. Warum fragst du danach?“ Jankel grinste.
„So ist das Leben!“ meinte er dann ausweichend. „Da möchte man seinen geliebten Lehrer mit einem nahrhaften Essen bewirten und darf es nicht.“
„Wieso nicht?“ erkundigte sich Schielauge interessiert. „Eigentlich ginge es nämlich, aber…“, murmelte Japs zögernd. „… aber dazu braucht man eine gewisse Fingerfertigkeit und so weiter“, ergänzte Jankel. Er blickte zur Decke empor. „Ach so!“ Schielauge begriff. „Wo ist es denn?“
„Was?“
„Das Essen.“
„In der Küche.“
Die Jungen kamen in Bewegung. Sie umdrängten Schielauge und weihten ihn eifrig in ihre Pläne ein.
„Wissen Sie, das übriggebliebene Essen wird von Marta immer im Bratofen verwahrt. Heute ist noch eine ganze Menge da. Wir könnten uns alle satt essen, Sie auch. Bis morgen wird das Essen sowieso sauer. Wir würden die Sache im Handumdrehen erledigen, Sie müßten nur an der Tür Schmiere stehen.“ Schielauge hörte mit furchtsamem Grinsen zu, brach dann in schallendes Gelächter aus und schlug Zigeuner auf die Schulter. „Gut, ihr Teufel! Ich mache mit.“
„Na bitte! Ich habe es doch schon immer gesagt!“ Jankel verschluckte sich beinahe vor Entzücken. „Sie sind gar kein Lehrer, Afanassi Wladimirowitsch, sondern ein ganz geriebener Kunde.“ Der Raubzug wurde genau organisiert. Zigeuner, Japs und Jankel schlichen auf Zehenspitzen in die Küche, während Schielauge einen Rundgang durch das Heim machte und bei seiner Rückkehr mit einem leisen Pfiff bekundete, daß alles ruhig sei.
Daraufhin rannte das Trio mit Pfanne und Kessel in den Schlafraum. Unter ersticktem Gelächter futterten sie einträchtig den Kessel leer. „Ha, ha! Guten Morgen, Marta Petrowna! Auf Ihre Gesundheit!“
„Eine ausgezeichnete Suppe! Da haben wir die Küchenmadame ganz schön angeführt“, schnaufte Schielauge.
„Zwölf Portionen haben wir verputzt“, stellte Spatz nach einem prüfenden Blick in den Kessel sachlich fest. Niemand hatte Lust, das Geschirr in die Küche zurückzubringen.
„Schmeißt es aus dem Fenster, den Abhang hinunter“, riet Schielauge, der sich faul ausgestreckt hatte. Die Jungen gehorchten.
Sattheit regt zu besinnlichen Gesprächen an. Deshalb sagte Jankel freundlich, nachdem er im Bett Kobolz geschossen hatte: „Afanassi Wladimirowitsch, wer hätte gedacht, was Sie für ein reizender Mensch sind. Ich weiß noch, daß ich Schuft Ihnen einmal Tinte in die Tasche gießen wollte.“
„Siehst du wohl! So frech darf man ja auch nicht zu seinem Lehrer sein“, meinte Schielauge mit gutmütigem Lächeln. Japs brach in schallendes Gelächter aus. „Was sind Sie schon für ein Lehrer!“
„Wieso nicht? Was bin ich sonst?“
„Na, nun spielen Sie sich nicht auf.“ Schielauge wurde ärgerlich.
„Vergiß nicht, wen du vor dir hast, Jeonin! Wenn ich euch kameradschaftlich behandle, so heißt das noch lange nicht, daß ihr mir alles mögliche an den Kopf werfen könnt.“ Nun lachte der ganze Schlafraum. „Ho-ho-ho!“
„Machen Sie's mal halblang, Afanassi Wladimirowitsch!“ „Lehrer will er sein! Hahaha!“
„Ein Witz!“
Japs war außer Rand und Band. Er platzte bald vor Lachen. „Stell dich nicht so dußlig an, Kleiner!“ stieß er hervor. „Ein richtiger Lehrer steht doch nicht Schmiere, während die Schüler Kartoffeln aus der Küche klauen! Hahaha!“
Schielauge erblaßte, sprang auf Japs zu und packte ihn am Kragen. „Was hast du gesagt? Wiederhole!“
Dröhnendes Gelächter. Japs zappelte hilflos unter dem harten Griff. „Überhaupt nichts!“ gab er ausweichend zurück.
„Was hast du gesagt?“ knurrte Schielauge. Die Jungen hatten anfangs geglaubt, er mache Spaß. Nun wurden sie stutzig. „Was hast du gesagt?“
„Au! Lassen Sie mich los!“ keuchte Japs. Die Wut raubte ihm die Besinnung, und er brüllte: „Du sollst mich loslassen! Was ich gesagt habe? Die Wahrheit! Du klaust mit uns, daran gibt es nichts zu deuteln, und nun tobst du hier herum wie ein Ochse!“ „So? Bin ich ein Ochse? Gut, jetzt könnt ihr was erleben. Wenn euch das Verständnis für Kameradschaftlichkeit abgeht, werde ich es euch beibringen! Mund halten!“
„Zu Befehl, Euer Durchlaucht, wir schweigen wie das Grab“, säuselte Zigeuner unterwürfig. „Wir sagen gar nichts mehr, Euer Durchlaucht, dazu haben wir ja auch kein Recht.“
„Maul halten!“ schrie der Prophet wütend. „Ich werde euch beweisen, daß ich Lehrer bin, und euch zwingen, einen anderen Ton anzuschlagen. Sofort ins Bett, sonst melde ich euch bei Vikniksor!“ Die Tür knallte zu, es wurde still.
Die Schkider platzten bald vor unterdrücktem Lachen. Japs preßte das Gesicht ins Kissen und keuchte atemlos: „Puh, ich kann nicht mehr. Schielauge bringt mich noch um!“ Plötzlich ging die Tür auf.
„Jeonin, du bekommst morgen kein Mittagessen.“
„Warum nicht?“ fragte Japs entrüstet. „Weil du im Schlafraum gelärmt hast.“
Die Tür schloß sich. Nun kicherte der Schlafraum, mit Ausnahme von Japs. Ihm war das Lachen vergangen.
„Leute“, meinte Zigeuner fünf Minuten später, nachdem sie sich beruhigt hatten, „Schielauge hat Radau gemacht, wir wollen ihn deshalb umtaufen. Er soll von jetzt ab Graf Schielradautüte heißen!“
„Gromonoszew, du bekommst morgen kein Mittagessen!“ sagte eine Stimme hinter der Tür. Dann entfernten sich Schritte.
Die Jungen reagierten mit heller Wut. „So ein Halunke! Er hat gehorcht!“
„Pestbeule!“
„Erst klaut er, dann spielt er die gekränkte Leberwurst und schmeißt mit Strafen um sich! Schuft!“
„Kampf der Schielradautüte! Kampf bis aufs Messer!“ Die Jungen waren unbeschreiblich empört. Sie hatten sowieso nicht begriffen, warum sich der Prophet beleidigt fühlte. Daß er aber horchte, steigerte noch ihren Zorn. An der Tür zu horchen, galt schon unter ihnen als Gemeinheit. Und nun tat gar ein Erzieher dasselbe. „Na, gut. Uns entziehst du das Essen, und du tust dich dicke. Ausgezeichnet. Das tränken wir dir ein, Schielauge!“ drohte Zigeuner wütend.
Die Schkider beriefen sofort eine außerordentliche Versammlung ein, auf der sie einstimmig beschlossen, am nächsten Morgen zu einem großen Schlage gegen Schielauge auszuholen.
„Das soll dir noch leid tun, Schielradautüte!“
Erst spät in der Nacht kam der Schlafraum zur Ruhe, und noch beim Einschlafen schmiedeten viele Köpfe Rachepläne gegen den Propheten.
Ein grelles Klingeln und der drohende Ruf „Aufstehen!“ rissen die Großen aus dem Schlaf.
„Wer noch im Bett liegt, wenn ich zurückkomme, kriegt kein Frühstück!“ rief Schielauge beim Hinausgehen.
„Aha! Auch er will uns den Krieg erklären!“ Jankel grinste, sprang jedoch hastig aus dem Bett, ohne die Rückkehr des Propheten abzuwarten. Trotzdem lag noch etwa die Hälfte der Jungen im Halbschlaf, als Schielauge zum zweiten Male auftauchte.
Wie ein Orkan brauste er in den Schlafraum. Wen er noch im Bett antraf, dem riß er wütend die Decke weg. Dann rannte er zu dem verschlafenen Japs und schüttelte ihn.
„Jeonin, bist du immer noch nicht wach? Ich entziehe dir das Frühstück.“
Japs schrak hoch. Er wollte mit dem Propheten Streit anfangen, aber Schielauge war schon weg.
„Frühstückentzug? Prächtig! Wir werden dir dermaßen den Appetit verderben, daß dir das Mittagessen in der Kehle steckenbleibt“, murrte er schadenfroh.
Der Schlafraum tobte. Gleich nach dem Aufstehen wurde die komplizierte Rachemaschine angekurbelt.
Spatz lief zu den Jüngsten, um sie zur Teilnahme zu veranlassen. Sie erklärten sich sofort bereit. Jankel, Japs und Zigeuner — die Hauptagitatoren — begaben sich in die dritte Abteilung. Ihre Reden zeitigten ebenfalls den gewünschten Erfolg. Der Krieg begann beim morgendlichen Waschen. Schielauge stand in der Küche und hakte die Namen derer, die sich gewaschen hatten, in seinem Notizbuch ab.
Plötzlich zog vom Eßraum eine Prozession heran. Etwa zehn Jungen gingen im Gänsemarsch hintereinander und schwenkten munter ihre Handtücher.
Würdevoll marschierten sie an dem Propheten vorbei und schrien nacheinander: „Guten“,
„Morgen“,
„Afa“-
„nassi“
„Wladi“-
„mirowitsch“,
„Graf“
„Schiel“-
„radau“-
„tüte!“
Die letzten Silben wurden von den Strolchen besonders eindrucksvoll geschmettert.
Der Prophet prallte zurück. Er wollte sich auf den letzten stürzen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, sagte sich aber, daß er ja dann die ganze Gruppe bestrafen müsse. Er unterdrückte deshalb seinen Zorn und beschränkte sich auf die Drohung: „Wenn das noch einmal vorkommt, erhalten alle einen Verweis I“ Höhnisches Gewieher war die Antwort. „Ho-ho-ho-ho! Übernimm dich nur nicht!“
„Warte, wir seifen dich noch ein!“
Schielauge ließ sich von diesen Drohungen nicht einschüchtern. Japs bekam tatsächlich kein Frühstück. Das machte die Jungen noch wütender. Sie schritten zur rächenden Tat.
Es war ein herrlicher Sommertag. Die Sonne brannte vom Himmel, doch am Teich blieb es menschenleer. Niemand badete. Dafür herrschte im Gehölz Hochbetrieb.
Die besonders gelenkigen Schkider kletterten auf die Eichen und schlugen die Eicheln mit Stöcken, Steinen und sonstigen Werkzeugen herunter.
Eine andere Gruppe kroch auf der Erde herum und sammelte die steinharten grünen Früchte in Kappen, Kissenbezüge und Hosentaschen. Wozu solche Eichelvorräte angelegt wurden, stellte sich wenig später heraus.
Schielauge war von der plötzlichen Ruhe in der Schule freudig überrascht. Er nahm an, daß sich die Jungen beruhigt hätten. Eigentlich hatte er einen langen, hartnäckigen Kampf erwartet und wunderte sich nun, daß alles so rasch zu Ende war.
Leise pfeifend trat er auf den Hof, ging zum Teich, setzte sich ans Ufer und blinzelte in die Sonne. Er bekam Lust zu baden. Kurz entschlossen zog er sich aus und sprang ins Wasser.
Das kühle Naß erfrischte den Körper. Er schwamm hinaus und tauchte wie ein junger, übermütiger Seehund möglichst bis auf den Grund. Als er genug hatte, wandte er sich zum Ufer zurück. Plötzlich traf ihn etwas schmerzhaft in den Nacken. War es ein Stein? Schielauge hielt Ausschau. Aber alles war still. Da fiel sein Blick auf eine kleine gelbe Eichel. Sie schaukelte auf dem Wasser. Jemand muß die Eichel geworfen haben, dachte er. Ein neuer Schlag zwang ihn zum genaueren Nachdenken und zum Handeln. Er schwamm ans Ufer.
Peng! Peng! Zwei Eicheln trafen ihn gleichzeitig auf die Schläfe und in den Nacken. Die Situation wurde kritisch.
Ich muß mich schleunigst anziehen, damit ich die Schurken erwische! überlegte Schielauge. Seine Erwägungen wurden jedoch durch einen neuen Wurf an die Schläfe unterbrochen. Die Eichel hatte einen derartigen Schwung gehabt, daß sie von seinem Kopf abprallte und über das Wasser hüpfte. Er sprang wie ein Gummiball ans Ufer. Noch immer war es totenstill ringsum.
„Wartet nur!“ murmelte Schielauge und rannte zu dem Strauch, unter dem er seine Sachen zurückgelassen hatte. „Verdammt!“ Fünf bis sechs steinharte Eicheln prasselten auf seinen Rücken. Nur schnell in die Sachen! dachte der Lehrer, als er vor dem Strauch stand. Da lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Seine Kleidung war verschwunden.
Außer sich vor Wut spähte er umher. Er konnte es einfach nicht glauben, daß die Sachen weg waren.
Hilflos, ratlos stand er da. Er spürte zahllose Blicke auf sich. Er wußte, daß die Jungen ihn beobachteten, daß sie ihn auslachten. Wie zur Bestätigung seiner Erkenntnis brach in allernächster Nähe ein satanisches Hohngelächter aus. Eine neue Eichel prallte ihm gegen die Schulter.
Jetzt war ihm klar, daß eine Schlacht begonnen hatte, deren Sieg der Standhaftere davontragen würde.
Der Beginn dieser Schlacht verhieß für ihn nichts Gutes. Seine Wäsche war fort. Entsetzt sah er sich seinen Feinden preisgegeben. Die Eicheln umpfiffen ihn immer häufiger. In fiebriger Hast suchte Schielauge seine Sachen. Er bog die Nachbar-sträucher auseinander, er vermied es, die schützende Deckung zu verlassen, aber dort waren seine Kleider nicht. Verzweifelt richtete er sich auf, ging aber sofort wieder zu Boden. Ein Dutzend Eicheln schlug ihm wie eine Maschinengewehrsalve auf den Rücken.
Sein Körper brannte vor Schmerz und Scham. Er, ein Lehrer, war gezwungen, splitternackt in den Büschen zu hocken und sich vor seinen rachsüchtigen Schülern zu verstecken. Er wußte, daß er ihnen nicht entgehen konnte.
Jetzt war er nur noch von dem Verlangen besessen, die Wäsche zu finden. Vergeblich irrten seine Augen umher — sie war nicht zu sehen. Plötzlich schrie er vor Freude auf. Er hatte sie erspäht. Aber schon im nächsten Augenblick entrang sich ihm ein Fluch. „Halunken! Schurken!“
Strahlendweiß hing die Wäsche in aller Unschuld an einem hohen Baum.
Was sollte er tun?
Wenn er auf den Baum kletterte, würden ihn die Jungen mit den Eicheln geradezu bombardieren. Mit einem Stock kam er an die Wäsche nicht heran. Fast weinend vor Wut, aber wildentschlossen kroch er auf den Baum zu. Doch kaum hatte er sich aufgerichtet, als die Eicheln wieder schmerzhaft auf ihn einprasselten. Unwillkürlich, nur vom Selbsterhaltungswillen getrieben, duckte sich Schielauge wieder zu Boden. Triumphierend johlten seine unsichtbaren Feinde. „Sie lachen, die Hunde!“
Der Prophet schrie vor verzweifelter Wut auf. Im nächsten Augenblick kletterte er am Baum empor — mit der Entschlossenheit eines Todgeweihten. Die Eicheln hagelten auf ihn ein.
Die Baumrinde zerschrammte ihm die Haut. Zweimal trafen ihn die Eicheln so heftig an der Stirn, daß er unwillkürlich die Augen schloß und im Klettern innehielt. Dann riß er sich zusammen und kroch weiter.
Endlich war er am Ziel.
Den Rückweg legte er nicht kletternd, sondern kraftlos gleitend zurück. Er zerschrammte sich dabei Brust und Hände, aber sein Sieg tröstete ihn.
Doch mußte er sich noch lange quälen, bevor er die Wäsche anziehen konnte. Die Ärmel des Unterhemdes und die Beinlinge der Unterhose waren naß gemacht und fest zusammengebunden. Im Jargon der Schkider hieß das „Zwieback backen“. Schielauge mußte die Zähne zu Hilfe nehmen, um die Knoten zu lösen.
Endlich war er angezogen und trat in Erwartung eines erneuten Beschüsses ans Ufer. Aber diesmal blieb alles still.
Rasend vor Kränkung und Wut, rannte er ins Heim, um dem Direktor Meldung zu machen. Auch dabei hatte er Pech: Vikniksor war in die Stadt gefahren.
Als Schielauge durch die Räume ging, sah er nichts als spöttische Blicke. Er merkte, daß sämtliche Jungen Zeugen seiner Schande gewesen waren.
Beim Mittagessen bekam der Prophet wieder Oberwasser. Zigeuner, Japs und sechs weiteren Schülern wurde das Essen entzogen. Daraufhin hielten die empörten Schkider eine zweite außerordentliche Versammlung ab. Sie beschlossen, den Kampf fortzusetzen. Durch seine bösen Erfahrungen belehrt, setzte Schielauge kemen Fuß mehr vors Haus; doch das half ihm nichts. Das Bombardement begann wieder. Sobald er den Rücken kehrte, flog ihm eine Eichel ins Kreuz.
Seine Machtlosigkeit steigerte seine Nervosität. Außerdem schallte ihm ein von den Jungen verfaßtes Spottlied auf Schritt und Tritt entgegen:
Bittre Tränen weinte er:
„Gebt die Unterhose herl“
Nackt wie'n neugebornes Kind
kriecht er auf den Baum geschwind!
Vergebens suchte Schielauge nach einem Winkel, in dem er sich verstecken konnte. Überall verfolgten ihn Lied und Eicheln, Eicheln und Lied. Schließlich wollte er ins Lehrerzimmer flüchten. An der Tür prallte er zurück.
An der Wand daneben hing eine herausgerissene Heftseite, auf der die Überschrift prangte:
Schielauge überflog die nachfolgenden Zeilen. „Graf Schielauge…“, las er, „Sensationsromah…“, „Das Bad im Teich…“, „Schmeißt die Grafen raus…“
Ihm wurde dunkel vor Augen. Er riß das Blatt ab, fest entschlossen, es Vikniksor zu zeigen.
Beim Eintritt in das Lehrerzimmer erwartete Schielauge eine neue, schmerzhafte Überraschung.
Als er die Tür öffnete, fiel ihm ein Schrubber mit darübergestülptem Schemel krachend auf den Kopf. Jemand hatte ihn an den Pfosten gelehnt.
Mit Schielauges Nervenkraf t war es zu Ende. Tränen traten ihm in die Augen, und er warf sich laut schluchzend auf sein Bett. Mit Windeseile verbreitete sich in der Schkid die Nachricht, Schielauge habe einen Weinkrampf bekommen. Jankel und Japs — die Redakteure der „Radautüte“ — stellten die Arbeit an der halbfertigen zweiten Nummer ein. Ihre Siegesfreude schwand. „Schielauge hat einen Weinkrampf.“ „Was wird jetzt?“
Die Jungen erwarteten ein Donnerwetter, fürchteten sich jedoch nicht davor. Sie fühlten sich im Recht. Elanljum kam zu ihnen.
„Was habt ihr mit Afanassi Wladimirowitsch angestellt?“ forschte sie drohend. Als sie aber erfuhr, daß sich Schielauge ebensoschlecht benommen hatte wie die Jungen, schlug sie ihnen vor, die ganze Sache vor Vikniksor zu vertuschen.
Damit waren die Jungen einverstanden. Sie entsandten eine Delegation zu dem Propheten und versöhnten sich mit ihm. Vikniksor fand nach seiner Rückkehr nichts weiter vor als einen zerknüllten Fetzen der Zeitung „Radautüte“.
Am nächsten Tage wurden Jankel und Japs zum Direktor gerufen. Bevor sie zu ihm gingen, überlegten sie, was sie in der vergangenen Woche angestellt haben mochten. Da sie sich aber nur auf den vertuschten Skandal mit Schielauge besinnen konnten, begaben sie sich wohlgemut ins Direktorzimmer. „Dürfen wir eintreten?“
„Bitte. Ach, ihr seid es.“
Vikniksor saß in einem Sessel. Er hielt ein Exemplar der „Radautüte“ in der Hand.
Die Jungen warfen sich einen entsetzten Blick zu. „Setzt euch doch. Ich möchte mit euch reden.“
„Ach, wir können auch stehen, Viktor Nikolajewitsch.“ Sorgenbeschwert dachte Jankel an die Schimpfwörter, mit denen „Die Radautüte“ gespickt war und die samt und sonders Schielauge galten. „Wie ihr seht, Jungens“, begann Vikniksor, „hatte ich die Möglichkeit, eure Zeitung zu lesen. Ich finde, daß sie allzusehr nach Skandalblatt riecht. Aber trotz der Grobheiten kann man ihr einen gewissen Geist nicht absprechen.“ Er verlas einige gelungene und mißlungene Formulierungen und fuhr dann fort: „Warum wollt ihr eigentlich keine richtige, gute Schulzeitung herausgeben? Seht ihr, ich habe die Schüler schon einmal dazu angeregt. Ich habe sogar eine Nummer des 'Schülers' verfaßt. Aber die Jungen reagierten nicht darauf, deshalb ging die Zeitung ein. Wie ich sehe, interessiert ihr euch dafür; deshalb setzt euch dahinter und schreibt. Selbstverständlich müßten wir einen neuen Titel finden, etwa… 'Der Spiege', mit dem Motto: 'Schimpf nicht auf den Spiegel, wenn dein Gesicht schief ist.'“
„Wir… das wollten wir schon längst“, meinte Japs. „Na, dann macht es doch. Ich würde mich darüber freuen.“ Damit war die Unterhaltung beendet.
Eine Viertelstunde später verließen die neugebackenen Journalisten das Direktorzimmer, mit Papier, Tinte, Tusche, Federhaltern, Bleistiften und Farben beladen.
All das war so überraschend gekommen, daß es den Jungen erst an der Tür zum Schlafraum bewußt wurde.
„Das ist aber glatt gegangen!“ rief Jankel entzückt. „Ja“, meinte Japs nachdenklich. „Wir haben eins auf den Deckel erwartet und eine Aufmunterung gekriegt.“
Am nächsten Tage war die erste Nummer der Schkider Schulzeitung „Der Spiegel“ bereits auf dem Dach in Arbeit. Jankel hatte ein Blatt Papier auf einen Pappdeckel gelegt und zeichnete den Zeitungskopf. Japs schrieb den redaktionellen Leitartikel. Am Dachrand hockte Zigeuner und stellte die Rätselecke zusammen. Daneben saß Spatz. Er fühlte sich von der Muse geküßt und schmiedete Verse, die den Sonnenuntergang „am Horizont des Schkider Erholungsheims“ besangen.
Nachdem Jankel mit dem Zeitungskopf fertig war, ließ er sich neben Japs nieder, um mit ihm ein gereimtes Programm des neuen Blattes zu verfassen.
Die Reime wurden reichlich holprig, doch die angehenden Wandzeitungsredakteure fanden sie tadellos, und deshalb schrieb Jankel sie unverzüglich in eine Spalte der Zeitung.
Am nächsten Morgen erschien die erste Nummer der Wandzeitung „Der Spiegel“.
Das entzückte Redaktionskollegium stand stundenlang zwischen den Schkider Lesern. Die Zeitung hing im Eßraum. Nach dem Mittagessen bezeichnete Vikniksor in seiner üblichen Rede das Erscheinen des „Spiegels“ als eine neue Etappe im Leben der Schule, beglückwünschte die strahlenden Redakteure und wünschte ihnen weitere Erfolge. Die Zeitung gefiel allen, aber Jankel am meisten. Zehnmal schlich er zu ihr hin, um mit geheimer Genugtuung sein Gedicht zu lesen:
Unsre Zeitung heißt „Der Spiegel“,
's ist kein Buch mit sieben Siegeln,
sondern ein Organ der Schkider,
bunt und lustig — lies sie wieder!
Der Erfolg der ersten Nummer spornte die Redaktion zu weiteren Taten an, und bald erschien die zweite Nummer, die bereits vielseitiger und umfangreicher war. Ihr folgten die dritte und die vierte Ausgabe. So erwuchs aus einem Dummenjungenstreich ein gesundes Unterfangen.
Unmerklich wechselte der Sommer seine Farben. Die ersten gelben Blätter erschienen verräterisch an den Bäumen, die Nächte wurden dunkel — allzu dunkel. Lautlos schlich der Herbst ins Erholungsheim der Schkider.
Eines Tages stockte die Lebensmittelversorgung. Vielleicht waren die Vorräte nicht richtig eingeteilt oder die Bestellungen verspätet aufgegeben worden — auf jeden Fall mußten die sowieso schon knappen Portionen empfindlich gekürzt werden. Zum Mittagessen gab es überhaupt kein Brot mehr, und abends wurde statt einem Viertelpfund nur noch ein Achtel ausgegeben. In der Schkid herrschte allgemeine Niedergeschlagenheit. Eine derartige Kürzung der Zuteilung, die, wie verlautete, in nächster Zeit noch nicht wiederaufgehoben würde, mußte schlimme Folgen haben. „Der Spiegel“, der sich inzwischen zu einer Zeitung großen Formates entwickelt hatte, schlug Alarm. Er veröffentlichte Leserbriefe — Anfragen an den Pädagogischen Rat — mit der Aufforderung, die Ursachen für den Lebensmittelmangel in der Zeitung bekanntzugeben. Vikniksor berief die Redakteure zu sich. Das Resultat der Unterredung war ein ausführliches Interview, das niemanden befriedigte. Unter den Schkidern brach eine Panik aus. Während sich aber die dritte und vierte Abteilung nur die Köpfe zerbrachen, um einen Ausweg zu suchen, hatten ihn die beiden unteren Abteilungen schon gefunden und waren aller Sorgen ledig.
Der Ausweg bot keinerlei Schwierigkeiten. Es war inzwischen Herbst geworden, in den benachbarten großen Feldern von Strelna reiften die Kartoffeln. Die Felder wurden fast gar nicht bewacht, und die wendigen Knirpse konnten sich mühelos ein Abendbrot aus gebackenen, gekochten, ja gebratenen Kartoffeln verschaffen. Die Jungen, die Urlaub bekommen hatten, erbettelten sich daheim für diesen Zweck Fett, Talg oder sogar richtige Kuhbutter. Bald folgten die Großen dem Beispiel der Kleinen. Allmählich wallfahrtete die gesamte Schule auf die Felder, die anderen Leuten gehörten.
Die Klagen über die unzureichenden Portionen hörten schlagartig auf, denn die Kartoff ein- fest, jung und rötlich überhaucht — sättigten alle. Die dünne, Suppe wurde gehaltvoll, sobald man sie auf die Teller goß; denn gebackene Kartoffeln, in wäßrige Fischsuppe geschüttet, ergeben ein nahrhaftes Gericht.
Im Heim wurde nur der Küchenofen geheizt, aber es gab so viele dichte Wälder ringsum, daß niemand den geheizten Stubenofen vermißte. Wenn die Sonne verblaßte und in den grauen Fernen des Horizontes versank, stiegen um das Schkider Erholungsheim gleichzeitig mit den Nebelschleiern dünne, bläuliche Rauchfahnen empor. Sie kamen aus der Waldes tiefe, von alten Baumstümpfen und trockenem Gras. Lustig flackerten kleine Lagerfeuer, in denen feuchtes Reisig zischte. Sie lockten die vom nächtlichen Nebel durchfrorenen Räuber der Strel-naer Kartoffelfelder an.
Die Räuber tauchten in kleinen Gruppen bei den Feuern auf, luden ihre Beute ab und brieten die runden, behagliche Sättigung spendenden Dinger in der heißen Asche.
Vom Heim aus konnte man die Rauchfahnen im Tal genau erkennen, aber anfangs achtete niemand darauf. Schließlich entdeckte Vikniksor, als er eines Tages aus dem Fenster blickte, neben den Lagerfeuern seltsame Gestalten und zog aus, um das geheimnisvolle Phänomen zu erforschen.
Im Wald bemerkten die seltsamen Gestalten rechtzeitig ihren langen Direktor. In panischer Angst flüchteten sie ins Dickicht, so daß er nur etwa fünfzehn Lagerfeuer und Berge von rohen und gebratenen Kartoffeln fand. Er rief die Zöglinge herbei, befahl ihnen, den gesamten aufgestöberten Reichtum zwecks Verzehr durch die Allgemeinheit in die Vorratskammer zu bringen, und löschte die Feuer. Dann ging er ins Heim zurück, schloß sich in seinem Arbeitszimmer ein und dachte nach. Eigentlich gab es nicht viel zu überlegen. Eindeutig stand fest, daß die Zöglinge Feuer gemacht hatten, um die Kartoffeln zu braten, die sie von den Feldern gestohlen hatten. Dagegen mußte etwas unternommen werden.
Zunächst rief Vikniksor die Pressevertreter Jankel und Japs zu sich und schlug ihnen vor, im „Spiegel“ eine Kampagne gegen die Diebstähle zu eröffnen. Doch die Presse schlug nur bescheiden die Augen nieder, und die nächsten Nummern brachten kein Sterbenswörtchen über die Kartoffeln.
Daraufhin ergriff der Direktor persönlich die Initiative. Seine Warnung war kurz, aber gewichtig:
„Wer beim Kartoffeldiebstahl erwischt wird, kommt sofort ins Kloster.“
Die Drohung wirkte. Die Kartoffeldiebstähle nahmen tatsächlich ab; dafür hielt man sich jedoch an den Rettichen und Rüben von den Nachbarfeldern schadlos.
Kurz darauf gab es einen großen Skandal.
Die Feldbesitzer beschwerten sich. Zuerst einer, dann der zweite… Im Verlauf von drei Tagen erschienen bei Vikniksor insgesamt sechs Delegationen mit der kategorischen Forderung, die Schüler im Zaum zu halten.
Vikniksor gab einen zweiten, noch bedrohlicheren Tagesbefehl aus. Er schüchterte die Schüler tatsächlich ein.
„Hol der Teufel die Kartoff ein I“ war die allgemeine Meinung. „Sonst sitzen wir eines Tages wirklich in der Tinte.“
Es gab allerdings immer noch Verwegene, die weiterhin dem „Wandergewerbe“ nachgingen, aber die Vernünftigen hielten sich zurück. „Quatsch! Wir lassen es lieber, solange noch nichts passiert ist.“
„Schluß damit!“ sagten auch Jankel und Japs. „Ab morgen wird keine Kartoffel mehr geklaut. Heute aber… heute ziehen wir zum letzten Male los.“
Und das taten sie auch.
Nach dem Mittagessen machten sie sich auf den Weg. Der Tag war trübe und kalt. Es hatte kurz zuvor geregnet. Eisige Nässe lag auf dem Gras. Das hielt Jankel und Japs jedoch nicht zurück.
Sie hatten ihre Kissenbezüge abgezogen, um möglichst viel einzuheimsen.
An der Bahn angelangt, marschierten sie über die Gleise. Japs hüpfte fluchend, um sich die blaugefrorenen Füße zu erwärmen. „Verdammt! Das ist kein Wetter zum Kartoffelbuddeln!“
„Da kann man nichts machen. Es ist ja auch das letztemal“, meinte Jankel beruhigend.
Endlich waren sie am Ziel — einem großen Feld, in dem sie sich schon heimisch fühlten, da sie schon häufig von dort Kartoffeln geholt hatten. Sie blieben einen Augenblick lang auf der Straße stehen, um Ausschau zu halten und Kräfte zu sammeln. Dann duckte sich Jankel und schlüpfte ins Kartoffelkraut. Japs folgte ihm. Beide fluchten. Die Wirklichkeit übertraf ihre schlimmsten Erwartungen. Der Regen hatte verheerende Folgen: Zwischen den Furchen stand das Wasser, und die lehmige Erde hatte sich in einen schmierigen Brei verwandelt. Dafür ging das Buddeln leicht. Schon beim ersten Griff rutschte das nasse Kraut mit den anhängenden Kartoffeln aus dem Boden.
Sie arbeiteten wortlos. Nur manchmal riefen sie sich halblaut an, um sich nicht aus den Augen zu verlieren. Nachdem die Kissenbezüge proppenvoll waren, krochen die Jungen auf die Straße zurück. Als sie sich jetzt gegenseitig betrachteten, bekamen sie einen Schreck. Ihre schneeweißen, sauberen Hemden waren grau vom Lehm. „Da haben wir uns aber mächtig angeschmiert“, meinte Jankel niedergeschlagen. Japs sah ihn bloß wütend an und gab ihm ein Zeichen heimzugehen. „Hoffentlich fallen wir nicht rein“, meinte Jankel besorgt, als sie auf das Heim zuschlichen. „Wir müssen an Vikniksors Fenster vorbei.“ Doch Japs zuckte nur sorglos die Schultern. „Blödsinn! Der ist kurzsichtig, der merkt nichts.“ Wohlbehalten kamen sie bis zur Veranda, als Vikniksor plötzlich in der Tür stand.
Die Redakteure flitzten unter die Veranda und versteckten sich da.
Schritte näherten sich. Jankel klapperten vor Angst die Zähne. „Er hat nichts gemerkt“, suchte er sich zur Beruhigung einzureden.
Plötzlich fuhr er zusammen.
„Jeonin! Komm sofort heraus!“ hatte eine Stimme über seinem Kopf gerufen.
Die Jungen schwiegen mucksmäuschenstill.
„JeoninI Raus mit dir!“
Der Regen hatte verheerende Folgen.
„Kriech raus, Japs“, flüsterte Jankel auf geregt. „Er hat uns erwischt!“
Der magere Japs tauchte ans Licht des Tages und blieb, schuldbewußt mit den Augen zwinkernd, vor Vikniksor stehen. „Wo sind die Kartoffeln?“ forschte der Direktor unheildrohend. „Was für Kartoffeln?“
„Hol die Kartoffeln her, du Bandit!“ schrie Vikniksor zornig. Jankel hatte jedes Wort gehört. Am ganzen Körper zitternd, schüttete er hastig die Kartoffeln aus dem Kissenbezug. Zahllose Gedanken, einer fürchterlicher als der andere, jagten ihm dabei durch den Kopf.
Reingerasselt… So eine Schande… Ins Kloster komme ich jetzt… Leb wohl, Strelna… Leb wohl, Schkid… und leb wohl… leb wohl, Wandzeitung!
„Die Kartoffeln her!“ donnerte es über ihm.
Dann hörte Jankel seinen Freund Japs merkwürdig leise sagen: „Sofort, Viktor Nikolajewitscht“ Anschließend erschien Japs vor dem Eingang zum Versteck. Jankel stopfte ihm wortlos den halbgeleerten Kissenbezug in die Hand. Japs verschwand.
Oben wurde herumhantiert. Dann hallten die Tritte von zwei Paar Füßen über den Verandafußboden. Es wurde still. Vorsichtig kroch Jankel heraus und blickte um sich. So schmutzig konnte er sich keinesfalls in der Schule zeigen. Vorher mußte er sein Hemd waschen. Zitternd vor Kälte, rannte er zum Teich, zog das Hemd aus, schrubbte es sauber, wrang es sorgfältig aus und streifte es wieder über. Das nasse Hemd ließ ihn noch mehr frieren. Die Zähne klapperten ihm vor Kälte. Er rannte hin und her, um sich zu erwärmen und das Hemd ein wenig zu trocknen. Dann setzte er ein unbefangenes Gesicht auf und ging pfeifend auf das Heim zu.
An der Tür hatten ihn seine Kameraden erwartet. Sie steckten ihm vorsorglich ein paar Eicheln zu.
Kurz darauf standen sie auf der Straße.
„Sag, daß du Eicheln gesammelt hast. Vikniksor sucht dich schon!“ Doch die Eicheln halfen ihm nicht aus der Klemme. Als er in den Eßraum trat, stürzte ein Lehrer auf ihn zu. „Tschornych, sofort in den Schlafraum.“
„Warum?“
„Keine Widerrede! Geh hin!“
Im Schlafraum saß Vikniksor. Bei Jankels Anblick runzelte er die Stirn.
„Zieh dich aus und geh ins Bett.“
Jankel begriff nicht, weshalb er zu Bett gehen sollte, aber er erkannte, daß ihm keine Ausflüchte helfen würden.
„Wo ist der Kissenbezug?“
„Ich bringe ihn sofort her, Viktor Nikolajewitsch.“ Der schmutzige, verschmierte Kissenbezug wurde einschließlich der Kartoffeln angeschleppt.
Dann befahl Vikniksor den Redakteuren, sich auszuziehen, nahm ihnen die Hosen weg und zwang sie auf diese unkomplizierte Weise, im Bett zu bleiben und den Hausarrest einzuhalten.
Das wäre im Sommer eine unerträglich schwere Strafe gewesen. Jetzt aber, im Herbst, machte es den Jungen wenig aus. Vieles ging Jankel und Japs durch den Kopf, während sie im Bett lagen. Tagsüber kamen die Kameraden zu ihnen, um ihnen die letzten Neuigkeiten mitzuteilen. „Ihr werdet ins Kloster versetzt.“
„Vikniksor macht schon die Begleitpapiere für euch fertig.“ Eine Neuigkeit war betrüblicher als die andere, und die Jungen ließen den Kopf hängen. Doch allmählich gewöhnten sie sich an den Gedanken, die Schkid verlassen zu müssen, und betrachteten sich schon nicht mehr als dazugehörig.
„Wollen wir eine Abschiedsnummer des 'Spiegels' machen?“ schlug Jankel am dritten oder vierten Tage vor. Japs erklärte sich einverstanden.
Es war nicht ganz leicht, die letzte Ausgabe zu schreiben. Japs verfaßte eine Glosse unter dem Titel „Der Schrecken der Kartoffelfelder“. Beim Lesen amüsierten sie sich über die unglückseligen Abenteuer der zwei Banditen, aber hinterher wurden sie wieder nachdenklich und bedrückt.
Sie brachten die Glosse auf der Titelseite. Es war ein zeitgemäßer Beitrag. Ihre Versetzung hatte sich zu einer aktuellen Streitfrage entwickelt. Im Pädagogischen Rat teilten sich die Meinungen. Einige Lehrer plädierten für die Versetzung der Jungen ins Kloster, andere für ihr Verbleiben in der Schkid.
Jankel versah die Glosse mit Karikaturen und schrieb ein schwermütiges Herbstgedicht. Ein zweites Gedicht steuerte Finkelstein bei. Das war ein erst vor kurzem in der Schkid aufgetauchter, aber bereits berühmt gewordener Lyriker, der den Spitznamen „Falke“ bekommen hatte.
Außerdem enthielt die Nummer, die anschließend veröffentlicht wurde, noch einige Meldungen.
Sie wirkte irgendwie bedrückend, obgleich der Ausschluß von Jankel und Japs mit keinem Wort erwähnt wurde. Schließlich war der letzte Tag gekommen.
Jankel und Japs erhielten frische Wäsche und den Befehl, ihre Sachen zu packen. Es war ein grauer, trüber Morgen, und es nieselte. Als sich die Jungen aber angezogen hatten und mit ihren Bündeln auf die Veranda kamen, wurden sie dort von der ganzen Schkid erwartet. Sie nahmen Abschied. Dann kam Vikniksor. „Los!“ sagte er sachlich.
Kurz darauf standen sie auf der Straße. Die nassen Straßenbahngleise glänzten. Noch einmal blickten sie zum Erholungsheim hinüber. Dort ließen sie ihre Kameraden zurück, die Propheten und — den „Spiegel“, ihr Lieblingskind, das sie mit eigenen Händen ans Licht der Welt gebracht hatten… Sie stiegen in die Bahn.
Unterwegs sagte Vikniksor kein einziges Wort.
Am Narwator stiegen sie aus. Was würde Vikniksor ihnen jetzt befehlen?
„Gehen wir in die Schule!“ knurrte er, ohne sie anzusehen. Sie wanderten durch die wohlbekannten Straßen. Wie herbstlich es schon war, konnte man in derStadt noch deutlicher merken als auf dem Lande. Die Bürgersteige waren dunkel von Regen und Schmutz, und von den Dächern tropfte das Wasser, obgleich es nicht mehr regnete.
Dann standen die Jungen vor dem vertrauten gelben Haus der Schkid. Das Herz tat ihnen weh.
Sie gingen über den Hof und stiegen zum ersten Stock hinauf. Der Pförtner öffnete ihnen die Tür.
Überlaut hallten ihre Schritte in den leeren Räumen. Merkwürdig wirkte die tote Leere der Klassenzimmer; im Winter war es dort keine Minute lang still gewesen. Immer hatten die Jungen gejohlt, gelacht, gesungen, mit den Klapptischen gelärmt.
Vikniksor überließ die beiden sich selbst und ging in sein Arbeitszimmer.
Jankel und Japs sahen sich an. Es war ihnen sowieso schwergefallen, die Schkid, an die sie sich so gewöhnt hatten, zu verlassen. Aber jetzt schien es ihnen ganz unerträglich zu sein, besonders als sie die wohlbekannten Schulbänke erblickten und die Inschriften, die mit dem Taschenmesser hineingraviert waren: „Jankel ist doof!“ — „Japs hat einen Klaps.“
Die einstmals beleidigenden Worte wirkten plötzlich äuß erst reiz voll. Lange waren die Jungen in die Betrachtung vertieft. „Das hat Spatz eingeschnitten!“ murmelte Jankel schließlich gerührt. „Ja, der war das!“ pflichtete Japs verträumt bei. Dann sah er seinen Kameraden an. „Wollen wir es versuchen?“ fragte er. „Vielleicht läßt er uns hier.“ Jankel begriff.
Schritte näherten sich. Vikniksor trat ein. Er warf einen sachlichen Blick auf den Raum.
„Die Bänke sind verstaubt“, sagte er. „Holt euch einen Lappen und wischt sie gründlich ab.“
Die Jungen flitzten in die Küche, tauchten mit nassen Lappen wieder auf und stürzten sich auf die Bänke.
Als die Säuberungsaktion beendet war, faßten sie den festen Entschluß: „Wir gehen jetzt zu Vikniksor und versuchen es.“ „Herein!“ war die Antwort auf ihr zaghaftes Klopfen.
Beim Anblick der Jungen stand Vikniksor auf.
„Viktor Nikolajewitsch, können Sie uns nicht vielleicht hier lassen?“ flehte Jankel.
„Vielleicht hier lassen?“ echote Japs.
Vikniksor sah streng über sie hinweg. Seine Lippen zuckten. „Ja, ihr könnt hierbleiben“, erwiderte er ruhig. „Die ganze Schule hat sich für euch verbürgt. Ich brachte euch nur her, damit ihr die Räume sauber macht, bevor die anderen kommen. Sie ziehen morgen vom Erholungsheim um.“
Der Einzug der Schkid vollzog sich recht geräuschvoll. Als die Straßenbahnwagen vor dem Hause hielten und die Jungen mit dem Ausladen begannen, wurden sie von den Straßenbengeln umringt. „He-he-he! Die Anstaltsratten sind wieder da!“
„Guckt die Ratten an!“
„He, ihr Hungerleider! Rattenstrolche!“ Empört stürzte sich Spatz auf den Wortführer. „Was hast du gesagt, du Schwein? Wiederhol das mal!“ Der andere grinste, steckte die Hände in die Hosentaschen und sah sich nach seinen Kumpanen um. „Was ich gesagt hab', hab' ich gesagt.“
„Wiederhol es doch!“
„Hungerratten!“
Im nächsten Augenblick war Spatzens Faust lautlos auf der Nase des Gegners gelandet. Das Blut spritzte. „Was? Unsere Leute verprügeln?“
Die Straßenjungen stürzten sich auf Spatz und schlugen ihn zu Boden, aber der Entsatz ließ nicht auf sich warten. Die Schkider waren in der Überzahl. Sie schlössen einen Kreis, und eine handfeste Prügelei begann. Die Straßenjungen waren in einer mißlichen Situation. Sie sahen sich von einer undurchdringlichen Mauer eingeschlossen. Anfangs schlugen sie sich mit dem Mut der Verzweiflung. Als jedoch die Hälfte ihrer Prügelhelden am Boden lag, kämpfte die zweite Hälfte nicht mehr, sondern schützte sich nur vor den Schlägen, die auf sie niederprasselten. „Au! Aua!“
„Aufhören!“
„Hau mich nicht!“
Doch die Schkider waren zu wütend, als daß sie sich um das Gestöhn kümmerten. Erbarmungslos hämmerten ihre Fäuste auf die Köpfe der Gegner ein.
Erst Vikniksor, der aus dem Fenster gesehen hatte, daß sich seine Zöglinge prügelten, machte dem Kampf ein Ende. Zornig rannte er auf die Straße. Bei seinem Anblick spritzten die Schkider auseinander. Nur die verbleuten Gegner und Spatz, der so zugerichtet war, daß er nicht mehr weglaufen konnte, lagen noch auf dem Schlachtfeld. Der Zwischenfall blieb nicht ohne Folgen. Als die Schkider die Sachen ausgepackt und die Möbel aufgestellt hatten, bekamen sie Ausgangsverbot. Sie ließen den Kopf hängen, sie versuchten zu protestieren, aber der Befehl wurde nicht rückgängig gemacht. Und am nächsten Tage sahen sich die Gesetze der Schkid um zwei Paragraphen bereichert. Eine allgemeine Versammlung fand statt, zu der Vikniksor mit einem gewaltigen Buch unter dem Arm erschien. Dem Publikum stockte der Atem. Entsetzt starrte es auf die dicke Schwarte mit dem schwarzen Kalikoeinband. Der Direktor hob das Buch hoch, schlug es auf und zeigte der Versammlung die erste Seite, auf der in eindrucksvollen Großbuchstaben geschrieben stand:
CHRONIK DER DOSTOJEWSKI-SCHULE
„Jungen!“ begann Vikniksor feierlich. „Von heute an führen wir eine Schulchronik. In ihr zeichnen wir euer Benehmen auf, eure Schandtaten und dummen Streiche, damit sich die Lehrer über eure Führung orientieren können. Vermeidet es also, in die Chronik zu kommen. Es ist ein Buch der Schande, das wir ungern aufschlagen werden. Dennoch bin ich heute gezwungen, in eurer Gegenwart die erste Eintragung vorzunehmen.“
Vikniksor zog einen Bleistift hervor. Und während er jedes Wort laut mitsprach, schrieb er auf das unschuldige weiße Papier: „Tschornych wurde bei dem Versuch ertappt, staatseigene Farben zu stehlen.“
Stummblickten die Jungen Jankelan Jankel schlug die Augennieder. Ihm war nicht klar, ob er über die Tatsache, daß sein Name nun als erster in dem historischen Dokument stand, jubilieren oder trauern sollte. Indessen konnte er Vikniksor nicht widersprechen. Am Abend zuvor, als die Sachen ins Haus getragen wurden, hatte er mit größtem Eifer zusammengerollte Kissen und Decken, Bücherpacken, Geschirr und anderes Schuleigentum die Treppe hinaufgeschleppt. Im Korridor, vor dem Lehrerzimmer, war ein Paket aufgegangen, und zwei schon benutzte Farbtuben waren herausgefallen. Hätte es sich um etwas anderes gehandelt, wäre Jankel vielleicht standhaft geblieben. Doch dieser Verlockung hatte sein Künstlerherz nicht zu widerstehen vermocht. Er hatte die Tuben in die Tasche gesteckt und im gleichen Augenblick über sich Vikniksors Stimme gehört: „Was hast du da in der Tasche, Tschornych?“
Und Jankel war nichts anderes übriggeblieben, als die unglückseligen Tuben wieder herauszuholen.
Vikniksor hatte die Tuben genommen und Jankel einen angeekelten Blick zugeworfen.
„Hast du schon vergessen, du Strolch, daß dir gerade erst verziehen worden ist, daß dir die Versetzung in die Besserungsanstalt drohte?“
„Die Farben sind ganz von allein herausgefallen, Viktor Nikolajewitschl“ hatte Jankel gestammelt.
„Und direkt in deine Tasche?“
Vikniksor hatte Jankel befohlen, sofort in die Klasse zu gehen, und diesmal hatte der Junge gar nicht erst versucht, um Verzeihung zu bitten. Ohne jemandem etwas von seinem Pech zu sagen, war er in die Klasse gegangen und hatte den Abend in der fürchterlichsten Niedergeschlagenheit verbracht. Nach einer qualvoll schlaflosen Nacht war dann der nächste Tag angebrochen, und allmählich hatte sich Jankel mit der Hoffnung beruhigt, Vikniksor würde seinen Streich in dem allgemeinen Durcheinander vergessen haben. Wie sich jedoch herausstellte, hatte Vikniksor nichts vergessen.
Und jetzt saß Jankel im Mittelpunkt aller Blicke da und dachte, daß er eigentlich leichten Kaufes davongekommen sei. Aber Vikniksor beschränkte sich nicht auf eine Eintragung in die Chronik. Das dicke Buch in der Hand, ging er im Eßraum auf und ab und erläuterte den Jungen Sinn und Bedeutung der Eintragung, um ihnen Angst und Achtung vor der Chronik einzuflößen. Nun steht Tschornych auf der ersten Seite, Kinder. Tschornych wollte Farben stehlen. Die Eintragung ist nicht mehr aus der Chronik fortzuwischen. Wer weiß, vielleicht wird aus Tschornych eines Tages noch ein berühmter Maler. Er sitzt im Kreise seiner Freunde und Verehrer, einer findet die Chronik, schlägt sie auf und liest: „Tschornych wurde bei dem Versuch ertappt, staatseigene Farben zu stehlen. 'Dann wenden sich alle von ihm ab und sagen: 'Du bist ein Dieb! Unter ehrlichen Menschen hast du nichts zu suchen!''“
Vikniksor begeisterte sich am Schwung seiner Rede. Aber plötzlich fiel ihm etwas anderes ein, er ließ den armen Jankel in Ruhe und fuhr fort: „Ja, Kinder, ich bin vom Thema abgewichen. Wir wollen nicht nur die Chronik bei uns einführen, sondern auch die Gruppeneinteilung. Möchtet ihr wissen, was das ist? Es ist eine Art Maßstab für unser Benehmen. Wir werden fünf Gruppen haben. Zur ersten zählen die Schüler, die im Laufe eines Monats kein einziges Mal in die Chronik eingetragen werden. Es sind die mustergültigen Schüler, deren Vorbild die anderen nachstreben sollen. Sie werden privilegiert — innerhalb der Bestimmungen bekommen sie jeden Urlaub, sie dürfen in der Freizeit ungehindert Spazierengehen, werden beim Theater-und Kinobesuch bevorzugt und erhalten bessere Wäsche, Schuhe und Kleider.“
„Kurz, es sind Aristokraten“, rief Japs spöttisch dazwischen. „Ja, wenn du es so ausdrücken willst. Aber sie gehören nicht der erblichen, parasitären Aristokratie an. Sie haben sich ihre Privilegien durch ehrliche Arbeit und musterhaftes Verhalten verdient. Übrigens wünsche ich dir, Jeonin, daß du eines Tages auch so ein Aristokrat wirst.“
„Wie sollte ich!“ Japs grinste unterdrückt.
„Jetzt wollen wir feststellen, was es mit der zweiten Gruppe auf sich hat“, fuhr Vikniksor fort. „Die zweite Gruppe besteht aus den Schülern, die im Laufe einer Woche keine Eintragung bekommen haben. Sie ist ebenfalls zum ungehinderten Spaziergang und Urlaub berechtigt; in allen anderen Dingen muß sie jedoch den Schülern der ersten Gruppe den Vortritt lassen. Man kann nur dann in die erste Gruppe kommen, wenn man einen Monat lang ohne Eintragung in der zweiten war. Zur dritten Gruppe gehören die mittelmäßigen Schüler, die höchstens eine oder zwei unwesentliche Eintragungen bekommen haben. Sie erhält nur einmal in der Woche Urlaub, der tägliche Spaziergang wird ihr entzogen. Ein Schüler aus der dritten Gruppe wird in die zweite versetzt, wenn er im Laufe einer Woche kein einziges Mal aufgeschrieben wurde. Bei einer Eintragung bleibt er in der dritten Gruppe.“
Die Schkider saßen verdutzt und niedergeschlagen da. Sie wußten nicht, daß ihnen dieses scheinbar so verzwickte System schon sehr bald alltäglich werden, daß jeder — vom Schüler aus der ersten Klasse bis zum alteingesessenen „Großen“ — es verstehen würde. Inzwischen verbreitete sich Vikniksor weiter über die neue Schkider Rangordnung.
„Jeder, der mehr als dreimal in der Woche getadelt wird, kommt in die vierte, die Strafgruppe. Ihm werden für eine Woche Urlaub und Spaziergang entzogen. Aber…“, Vikniksor hob vielsagend die Brauen, „aber wenn der Betreffende eine Woche lang in der Strafgruppe gewesen ist und in dieser Zeit kein einziges Mal getadelt wurde, kommt er wieder in die dritte Gruppe. Verstanden?“
„Jawohl!“ antworteten mißmutige Stimmen. „Und die fünfte?“ fragte einer.
„Ja, Kinder!“ Vikniksor schob wieder die Augenbrauen in die Stirn. „Die fünfte Gruppe muß ich euch noch erklären. Es ist eine ganz besondere Kategorie von Leuten, die sie erhält — Diebe und Radaubrüder. Einem Dieb entziehen wir nicht nur den Urlaub und den Spaziergang. Er wird von den anderen Schülern isoliert, und auf seinen Heften steht der Buchstabe 'D'.“
Jankel lief es kalt über den Rücken; die harmlose Eintragung in der Chronik gewann plötzlich einen fürchterlich drohenden Sinn. Er hörte kaum noch, was Vikniksor weiter sagte, obgleich der Direktor lange und viel redete. Unter anderem erklärte er, es würden außer den allgemeinen Schulversammlungen noch tägliche Klassenbesprechungen eingeführt, auf denen die Lehrer in Gegenwart der Schüler die Gruppeneinteilung vornähmen. Er setzte auch besondere Tage für jede Klasse fest, an denen die Einteilung erfolgen sollte. Auf der Versammlung, die am nächsten Freitag in der vierten Abteilung stattfand, erklärte der hierzu eingesetzte Lehrer Alnikpop jedem Schüler seine Gruppenzugehörigkeit. Die meisten kamen in die zweite Gruppe, weil sie den Tadeln bisher entgangen waren. Auf der Liste der dritten Gruppe standen Jankel und Spatz. Japs kam in die vierte Gruppe, weil er sich in der vergangenen Woche fünf Eintragungen, sämtlich „wegen Frechheit und Grobheit“, zugezogen hatte. Auf der Versammlung heimste er einen neuen Tadel ein, weil er Vikniksors neues System öffentlich als „Prophetenstreich“ bezeichnete.
Jankel jubelte — zum Erstaunen seiner Kameraden. Der arme Spatz raufte sich dagegen vor Zorn und Mißmut die Haare. Er hatte einen einzigen Tadel erhalten — wegen „Prügelei auf der Straße“ — wegen jener Prügelei, bei der er sowieso schon genug abbekommen hatte. Die übrigen warteten ab, wie sich die Dinge weiter gestalten, wohin ihr Schicksal und ihr eigenes Verhalten sie führen würden — nach oben oder nach unten.
Mit dem Späherauge der Chronik begann die Schkid ihr neues Schuljahr. Der Sommer war vorbei…