Mußestunden in der Schkid * Der Baron in Uniform * Erinnerungen eines ehemaligen Kadetten * Nikolai II. und Hostien mit Butter * Kaufmann * Raufbold und Katzenliebhaber.
Im Klassenraum der vierten Abteilung glimmen schwache Glühbirnen. Graue, unförmige Schatten gleiten über die Wände. Mamachen, Jankel und Zigeuner sitzen am glühenden Ofen. Sie unterhalten sich halblaut, rauchen schweigend an einem Zigarettenstummel und blasen den Rauch in das kleine Ofenloch. Das Feuer wirft einen roten Widerschein auf ihre Gesichter. Die übrigen Schkider hocken in den anderen Ecken der Klasse. Wer gute Augen hat, liest, einige treiben Allotria, manche spielen Karten, hinter den hochgestellten Klapptischen versteckt. Brotkanten spielt mit Spatz Schach, wird dauernd matt gesetzt, merkt aber aus Unerfahrenheit nicht, wie Spatz ihn bemogelt.
Danilow und Elster sitzen vor der Tafel auf dem Fußboden. Sie sind in das interessante „Messerspiel“ vertieft — abwechselnd werfen sie ein Taschenmesser.
„Mit der Handfläche!“ ruft Elster. Sein Messer bohrt sich in den zerschrammten Fußboden.
Dann wirft Danilow, doch bei ihm rutscht das Messer ab. „Mit dem kleinen Finger!“ ruft Elster; wieder bleibt das Messer zielbewußt stecken.
Nach mehreren erfolgreichen Würfen schnippt er die gewonnene Punktzahl laut knallend Danilow auf die Stirn. Der breitschultrige Danilow hat den Kopf gesenkt, starrt stumpfsinnig zu Boden und zuckt jedesmal augenzwinkernd zusammen.
In der Klasse ist es weder laut noch leise — die Stimmen vereinen sich zu einem an- und abschwellenden Gesumm.
Ein Lehrer tritt ein. Er schnuppert und bemerkt den Zigarettendunst. „Wer hat hier geraucht?“ fragt er. Keine Antwort.
„Die ganze Klasse wird aufgeschrieben“, erklärt der Prophet und geht wieder hinaus.
Nachdem er fort ist, hören die Jungen auf zu spielen und schimpfen auf das Terzett am Ofen. Das Terzett schnauzt seinerseits die Kartenspieler an.
Der blatternarbige Sokolow — er stammt aus Kamtschatka und trägt den Spitznamen „Pierre“ — klappt sein Buch zu, geht zu den Schachspielern und rückt Spatz auf den Pelz. „Geh weg“, sagt Spatz. „Nee“, antwortet Pierre. „Du kriegst eins in die Fresse.“
„Mach doch!“
Aber der schmächtige Spatz haut ihm keine runter, sondern vertieft sich lieber in den nächsten Zug.
Pierre wird das Zusehen langweilig, er setzt sich in seine Bank und klappert mit dem Deckel den Takt, während er singt:
Schlaf, mein Liebling, in der Wiege
brauchst du nicht zu frieren.
Deine Mutter schreibt Maschine
und geht nachts spazieren.
Denn ihr Bruder fiel in Kronstadt
noch in jungen Jahren…
Da kommt Vikniksor in die Klasse. Alle springen auf. Die Kartenspieler raffen verstohlen die auf dem Fußboden verstreuten Karten zusammen. Jankel kann seine Zigarette nicht mehr rechtzeitig verstecken und tritt sie mit der Stiefelspitze aus. Mit Vikniksor ist ein kraftstrotzender Pausback in die Klasse gekommen. Er trägt eine enge Uniform mit Goldknöpfen. Die Uniform ist dem Pausback zu klein; er selbst ist groß, und deshalb reichen ihm die Ärmel knapp bis zu den Ellenbogen. Über dem Bauch fehlt ein Goldknopf; dafür prangt an dieser Stelle ein Riß.
„Ein neuer Schüler“, erklärt Vikniksor. „Mstislaw Offenbach… Ein kräftiger, gescheiter Knabe. Ihr werdet ihm nichts zuleide tun, nicht wahr?“
„Jaa“, dröhnt Offenbach. Es ist kaum zu glauben, daß diese Baßstimme ihm gehört und nicht einem dreißigjährigen Manne. „Knabe!“ flüstert jemand spöttisch. „Hat sich was mit Knabe. Der ist sicher stärker als Zigeuner.“
Als Vikniksor den Raum verlassen hat, drängen sich die Jungen um den Neuen.
„Weshalb wurdest du hergebracht?“ erkundigt sich Japs. „Ich habe zu Hause was angestellt“, brummt Offenbach. „Die Miliz hat mich hergeschleppt, von allein wäre ich nicht gegangen.“ Er lächelt. Sein kindliches Lächeln paßt gar nicht zu dem groben, männlichen Gesicht… Den Jungen wird klar, daß Offenbach zwar stark, aber nicht bösartig ist.
„Wie alt bist du?“ fragt Zigeuner. Er wittert in dem Neuen einen Konkurrenten, was die Kraft betrifft.
„Vierzehn“, erwidert Offenbach. „Heute habe ich gerade Geburtstag. Meine Einweisung ins Heim ist ein Geburtstagsgeschenk meiner Mutter.“
Er betrachtet die grauen Klassenwände und grinst betrübt. „Mach dir nichts draus“, meint Japs. „Das ist gar kein so schlechtes Geschenk. Du wirst dich hier schon einleben.“
„Bist du wirklich erst vierzehn?“ forscht Jankel nachdenklich. „Du siehst so stämmig aus — wie ein Kaufmann von der Wolga.“„Stimmt!“ bestätigt Spatz. „Wie ein Kaufmann.“„Wie ein Kaufmann!“ wiederholt Brotkanten.
„Kaufmann?“ Offenbach grinst. Er ahnt nicht, daß er damit ein für allemal seinen Spitznamen weg hat. „Was trägst du für eine Uniform?“ Jankel zeigt auf die Jacke.
„Das ist eine Kadettenuni-form“, gibt „Kaufmann“ Auskunft. „Vor der Revolution bin ich in eine Kadettenanstalt gegangen. In die Peterhof er und später in die Orlower.“
„Ach nee!“ ruft Jankel. „Du bist demnach von Adel?“
„Ja.“ Kaufmann nickt ohne jeden Stolz. „Ich bin von Adel. Mein Vater war Offizier, ein baltischer Baron. Mein voller Name lautet Wolf von Offenbach.“
„Ein Baron!“ Jankel wiehert vor Vergnügen. „Tolle Sache!“ „Ich habe aber kein besseres Leben gehabt als ihr“, sagt Kaufmann. „Niemals habe ich zu Hause gewohnt, auch als kleines Kind nicht.“
„Na schön“, meint Japs. „Uns ist es wurscht, ob du Baron bist oder nicht. Bei uns herrscht Gleichberechtigung.“
Alle setzen sich an den Ofen. Wie ein Indianerhäuptling hockt Kaufmann auf einem zerbrochenen Schemel in der Mitte. Er spürt die Blicke aller auf sich gerichtet, lächelt selbstzufrieden und kneift die ohnehin schon schmalen Augen zusammen. „Du bist also Kadett?“ fragt Jankel.
„Ja“, antwortet Kaufmann. Grinsend fügt er hinzu: „Ehemaliger.“ Schweigen.
Junge, der ist sicher stärker als Zigeuner.
„Dann sind wohl lauter Fürsten und Barone mit dir zur Schule gegangen, wie?“ piepst Mamachen.
„Tatsache!“ brummt Kaufmann in seinem Baß. „Nur Adlige. Andere nicht.“
„So was!“ sagt Spatz. „Dann hast du also Fürsten gesehen und ihnen vielleicht sogar die Hand gedrückt?“
„Nicht bloß Fürsten. Nikolai hab' ich auch gesehen.“
„Nikolai?“ schreit Brotkanten. „Den Zaren?“
„Das war nichts Besonderes. Er ist zu uns in die Anstalt gekommen, und später habe ich ihn häufig gesehen, als ich in der Schloßkirche Meßdiener war. Ach, das war ein Leben — das reinste Honiglecken!“
Kaufmann seufzt.
„Hostien haben wir gefuttert!“
„Hostien?“
„Ja, Hostien!“ bestätigt Kaufmann. „In der Schloßkirche schmeckten die Hostien großartig. Manchmal hab' ich mir zwanzig Stück eingesteckt und sie dann zusammen mit den Kameraden aufgefuttert. Mit Butter bestrichen. Prima!“ Träumerisch fährt er sich mit der Hand über die Stirn. Dann seufzt er wieder. „Man durfte sich nur nicht erwischen lassen. Dann wurde es unangenehm.“
„Erzähl.“ bittet Japs. „Ja, erzähl mal!“ drängen auch die anderen.
„Meistens habe ich die Hostien in die Anstalt mitgenommen“, beginnt Kaufmann, „und sie dort aufgefressen. Aber einmal hatte ich zu großen Appetit darauf. Ich nahm mir Butter mit und wollte in der Sakristei frühstücken. Na schön. Am Altar wurde gerade die Messe gelesen, der Diakon stimmte das 'Herr, erlöse uns' an, ich holte mein Taschenmesser heraus, zerschnitt die Hostien — ungefähr fünf Stück —, schmierte Butter drauf, klappte sie zusammen und wollte sie in die Tasche stecken. Im selben Augenblick kam der verdammte Vater Benjamin herein. Natürlich schmiß ich die Hostien auf die Schale zurück und hob fromm die Augen gen Himmel. Er schickte mich in die Hofküche, um Wasser für das Abendmahl zu holen. Als ich zurückkam, waren die Hostien futsch — er hatte sie zum Altar gebracht. Ich kriegte eine Heidenangst und saß bibbernd in der Sakristei. Schließlich kehrte Vater Benjamin zurück, eine Hostie in der Hand. Seine Hand wabbelte wie Gelatine. 'Was ist das?' fragte er. 'He?' Selbstverständlich wurde ich zum Teufel gejagt, und in der Anstalt steckten sie mich für zwei Tage in den Karzer. Als Vater Benjamin nämlich dem Selbstherrscher aller Reußen eine Hostie reichen wollte, löste sich die Hälfte ab und fiel zu Boden. Es soll einen mächtigen Skandal gegeben haben, hörte ich später. Zum Piepen!“
Die Jungen brechen in schallendes Gelächter aus. Da klingelt es. „Schlafenszeit“, sagt Spatz. „So früh?“ staunt Kaufmann. „Ja“, antwortet Japs, „bei uns herrschen strenge Gesetze. Zwar nicht so streng wie in der Kadettenanstalt, aber immerhin…“ Den Jungen fällt ein, daß Kaufmann von der Beschließerin keine Bettwäsche bekommen hat. Sie gibt nur bis sechs Uhr welche aus. „Macht nichts“, meint Japs. „Wir veranstalten eine Sammlung, und jeder spendet was. Dann hat er sein Bett.“
Viele Betten stehen leer. Einer steuert ein Kissen bei, ein anderer die Decke, der dritte ein Laken. Aus dem Kissen wird eine Matratze gebaut, und schließlich hat Kaufmann ein ebenso bequemes Bett wie die übrigen.
Er legt sich hin, wickelt sich in die rauhe, graue Decke und brummt mit seiner Baßstimme: „Gute Nacht, Leute!“
Dann schläft er ein und schnarcht wie ein Wildeber, ohne die halblauten Gespräche zu hören, die bis nach Mitternacht dauern. Am nächsten Morgen geht der Diensthabende durch den Schlafraum und läutet mit einer silberhellen Glocke. Die Schüler springen auf, ziehen sich schnell an und laufen in den Waschraum. Nachdem alle schon längst auf den Beinen, sämtliche Betten gemacht, die Decken zusammengefaltet und auf die Kopfkissen gelegt sind, bemerkt der Diensthabende, daß der Neue aus der vierten Abteilung noch schläft. Der Diensthabende — es ist der kleine, näselnde Koslow aus der ersten Klasse — rennt zu Offenbachs Bett hin und klingelt Kaufmann direkt ins Ohr. Kaufmann erwacht, fährt hoch und starrt dem Diensthabenden direkt ins Gesicht. „Was willst du, Halunke?“
„Zeit zum Aufstehen! Alle sind schon auf. Sie gehen gleich zum Frühstück.“
Kaufmann flucht unflätig, zieht sich die Decke über die Ohren und dreht Koslow den Rücken zu.
„Steh doch auf!“ Koslow läßt nicht locker. Er wird in die Chronik eingeschrieben, wenn er nicht sämtliche Schüler weckt. „Steh endlich auf I“ näselt er. Kaufmann fährt plötzlich hoch, wirft die Decke ab und knallt Koslow eine Ohrfeige. Koslow kreischt auf, greift sich an die Wange, rennt aus dem Schlaf räum und schreit: „Ich zeig' dich an! Dir soll das Hauen vergehen, du Halunke!“
Aber er macht keine Meldung — Petzer sind in der Schkid unbeliebt. Kurz darauf kommt er mit Japs, den er sich zu Hilfe, geholt hat, in den Schlaf raum zurück.
„He, Baron, steh auf!“ Japs schüttelt Kaufmann an der Schulter.
Kaufmann steckt den Kopf unter der Decke hervor.
„Macht, daß ihr wegkommt, sonst…“
Aber nun ist er hellwach.
„Warum weckt ihr mich denn?“ brummt er mürrisch. „Wie spät ist es?“
„Schon nach acht“, erwidert Japs.
„Verdammt“, knurrt Kaufmann. Aber seine Stimme klingt durchaus gutmütig. „Bei euch werden die Leute aber früh aus den Betten geholt. Sogar in der Kadettenanstalt brauchten wir im Winter erst um halb neun aufzustehen.“
„Los!“ sagt Japs. „Raus aus der Falle.“ „Einmal hab' ich einen Aufseher verprügelt“, erzählt Kaufmann. „Kusmitsch hieß er. Ich hatte das Wecken verschlafen, und er rüttelte mich wach. Ich klebte ihm eine…“ Er lächelt verträumt und steckt die Beine aus dem Bett.
„Komm zum Waschen“, drängt Japs, als Kaufmann die Uniformjacke angezogen hat und die übriggebliebenen Goldknöpfe zuknöpft. Im Waschraum sind nur noch zwei Jungen. Kostalmed steht am Fenster und hakt in seinem Heft die Namen derer ab, die sich gewaschen haben.
„Wie heißt du?“ fragt er Kaufmann. „Zieh die Jacke aus!“ fügt er hinzu.
Widerstrebend legt Kaufmann die Jacke ab. Ebenso widerstrebend und faul spült er sich Gesicht und Hals.
Der Prophet läßt dem neuen Schüler die Nachlässigkeit hingehen und hakt seinen Namen ab.
„Na, Kinder“, sagt Japs nach dem Frühstück zu seinen Kameraden. „Unser Baron ist ein frecher Raufbold, aber ganz gutmütig.“ Kaufmanns Gutmütigkeit erweist sich schon am gleichen Tage. Er geht zum Sachenempfang in die Kleiderkammer, zieht dort die Kadettenuniform und die abgeschabte enge Hose aus und legt die Anstaltskleidung an — Hemd und Hose aus Leinen. Die Beschließerin-„Zischa“ („Zitronenschale“) oder „Amsti“ („Amerikanisches Stinktier“) genannt — ist eine alte Jungfer, die sich aus Langeweile gern mit den Zöglingen unterhält. Sie fragt Kaufmann nach seiner Vergangenheit aus.
„Liebst du Tiere?“ forscht sie, weil sie Hunde und Katzen vergöttert. „Ja“, erwidert Kaufmann, „alle Tiere — Hunde und Katzen und Menschen.“
Das berichtet Amsti den Lehrern, und diese geben es an Kaufmanns Kameraden weiter.
Kaufmann steht von nun an im Ruf eines starken, hitzigen, aber gutmütigen Burschen.
In der Schkid, besonders in der vierten Abteilung, bekommt er diktatorische Vollmachten. Auf alle Angelegenheiten, die durch Körperkraft entschieden werden, hat er großen Einfluß. Seine Klassenkameraden nennen ihn ebenso scherzhaft wie respektvoll „Kaufi“, aber die Lehrer bezeichnen ihn als „Faulenzer ersten Ranges“; denn das Lernen ist Kaufmanns schwache Seite.