11
Marcus Mezentius Manilianus grüßt den einstigen Marcus.
Mein letzter Brief ist unbeendet geblieben, und ich will es dabei bewenden lassen. Dieses Schreiben leite ich nicht mit einem Gruß an Tullia ein; er hätte keinen Sinn mehr. Die früheren Briefe waren ja, das wußte ich im Herzen, ebensowenig für sie bestimmt. Schon ihr Name ist jetzt eine Qual für mich und vergällt mir die Erinnerung an mein früheres Dasein. Auch Myrina zuliebe mag ich diese Zeilen nicht mehr an Tullia richten.
Darum grüße ich nur mein einstiges Selbst, damit ich mir eines Tages, nach vielen Jahren, alles, was mir in dieser Zeit widerfahren ist, vergegenwärtigen kann, genauso, wie es sich zutrug. Raum und Zeit rücken ja das Erlebte in die Ferne, die Erinnerung verblaßt, und beim besten Willen entsinnt man sich vergangener Dinge nur undeutlich. Schon während der Abfassung dieser Briefe hat mich stets der Gedanke beunruhigt, daß ich die Ereignisse verfälschen könnte, daß ich vielleicht übertreibe oder dieses und jenes hinzudichte. Aber wenn das zutrifft, so geschah es unabsichtlich. Sogar sehr verläßliche Zeugen, die vor Gericht unter Eid aussagen, können ja Darstellungen liefern, die von dem Gesehenen und Erlebten abweichen.
Es ist um so wichtiger für mich zu schreiben, weil mir zu sprechen verboten wurde. Bezeugen kann ich übrigens vom Reiche nur, daß ich Jesu Tod und später einen über jeden Zweifel erhabenen Beweis seiner Auferstehung sah. Aber selbst darüber muß ich als Nicht-Jude schweigen.
Wenn daher jemand anderer, der das Geheimnis des Reiches besser kennt, diese Dinge ganz anders darstellen sollte, so will ich gern zugeben, daß er recht hat und mehr darüber weiß als ich. Mein Bericht ist bloß für mich selbst bestimmt, damit mir noch im Greisenalter – wenn ich es erreiche – alles ebenso frisch in Erinnerung tritt wie jetzt. Darum habe ich vieles niedergeschrieben, was für jeden anderen außer mir überflüssig und belanglos ist. Und ich will es auch weiterhin so halten. Wenn einmal viele Jahre verflossen sind, werden diese Briefe mir sagen: Mag ich auch manche gleichgültige und nebensächliche Dinge sorgfältig festgehalten haben, ich habe ebenso getreulich vieles Bedeutsame aufgezeichnet.
Während des Schreibens versuche ich auch, meine eigene Seele bloßzulegen. Meinem prüfenden Blick entgeht es dabei nicht, daß ich wankelmütig und allem Neuen zugewandt und oft innerlich haltlos bin. Eitel und ichbezogen und ein Sklave des eigenen Körpers bin ich, wie Myrina sagt, und habe nichts, worauf ich stolz sein könnte. Auch deshalb sind diese Briefe heilsam für mich, weil sie mir, sobald ich jemals wieder in Überheblichkeit verfallen sollte, einen Spiegel vorhalten werden.
Man hat mir Schweigen auferlegt. Ich füge mich und gestehe offen, daß dieses Gebot gerechtfertigt ist. Mir fehlt die nötige Charakterfestigkeit. Ich bin wie Wasser, das, von Gefäß zu Gefäß gegossen, immer die Gestalt des jeweiligen Behältnisses annimmt. Könnte ich zumindest klar und lauter bleiben! Aber alles Wasser trübt sich im Lauf der Zeit und wird faulig. Eines Tages, wenn ich nur mehr ein versumpfender Tümpel bin, werde ich all das wieder lesen und mich daran erinnern, daß mir einst vergönnt war, Jesu Reich zu schauen.
Wie kommt es, daß ich, ein Fremdling, Zeuge für seine Auferstehung werden und sein Reich erleben durfte? Ich kenne die Gründe nicht. Noch immer bin ich überzeugt, daß es keineswegs ohne Absicht geschah. Mich selbst jedoch kenne ich und weiß, daß meine Überzeugung im Laufe der Jahre zerbröckeln wird.
Aber mag ich in unserer trostlosen Zeit der Zweifelsucht und Triebhaftigkeit noch so sehr durch die eigene Schwäche entarten, stets wird mir die Prophezeiung jenes einsamen Fischers am Strande teuer und wertvoll bleiben. Wie sich diese Vorhersage je erfüllen sollte, wüßte ich allerdings nicht zu sagen; sie ist nicht mehr als der Schimmer einer Hoffnung. Doch ohne Hoffnung vermag der Mensch kaum zu leben. Jene anderen Männer sind unermeßlich reich, und im Vergleich mit ihnen bin ich arm. Doch ich habe Myrina. Vielleicht wurde sie mir gegeben, damit ich an sie meine Hoffnungen knüpfe. Sie besitzt die Charakterstärke, die mir fehlt.
In der Tat hat Myrina gesagt, ich sei, mangels eines besseren Hirten, ihr zur Behütung anvertraut worden, und das erfordere große Geduld. Ich schreibe diese Zeilen in Jerusalem, wohin sie mich unversehens gebracht hat. Aber ihretwegen muß ich zunächst in diesem Bericht zu den Thermen von Tiberias zurückkehren.
Ich kann mir jetzt nicht mehr erklären, wieso wir, nachdem uns so hohe Freude erfüllt hatte, plötzlich in Zwietracht gerieten. Es muß Claudia Proculas wegen gewesen sein. Jedenfalls verlor Myrina ihre Selbstbeherrschung, versetzte mir zwei Backenstreiche und schleppte mich aus Claudias Hause.
Ich entsinne mich, daß sie, als wir wieder in unserem Zimmer waren, mir sagte, je mehr feine Damen sie kennenlerne, desto selbstsicherer fühle sie sich, wenn sie einfach das bleibe, was sie sei, ohne zu versuchen, etwas anderes zu werden. Sie durchstöberte alles nach ihren alten Kleidern, da sie mich unverzüglich verlassen wollte. Ich tat nichts, um sie zurückzuhalten, weil ich gegen sie aufgebracht war und weil sie so verletzende Worte zu mir sprach, daß nur Tullia in ihren ärgsten Augenblicken es ihr hätte gleichtun können.
Mit meiner Selbstgefälligkeit räumte sie gründlich auf. Sie behauptete sogar, ich hätte dadurch, daß ich mir Claudia Proculas leeres Geschwätz anhörte, Jesus von Nazareth verraten. Sie bezweifelte, ob Claudia überhaupt etwas geträumt habe. Ich konnte mich vor Staunen kaum fassen. In diesem Töne redete sie, die bisher immer derart fügsam und still gewesen war! Offenbar hatte ich mich in ihr getäuscht, und sie zeigte sich jetzt in ihrer wahren Gestalt.
So erbarmungslos und treffsicher legte sie alle meine Fehler bloß, daß ich meinte, ein Dämon müßte von ihr Besitz ergriffen haben. Wie hätte sie sonst mit solchem Scharfblick vieles erwähnen können, was sie keinesfalls von mir erfahren hatte? Kurz, sie ließ kein gutes Haar an mir. Und alles, was sie sagte, war gerade in solchem Ausmaße wahr, daß ich sie anhören mußte, obwohl ich schon beschlossen hatte, nie mehr im Leben ein Wort mit ihr zu reden.
Schließlich beruhigte sie sich so weit, daß sie sich hinsetzte, den Kopf in die Hände stützte und vor sich hinstarrte, ehe sie sagte: »Jetzt weißt du, wie du wirklich bist! Ich wollte weggehen und dich deinem Schicksal überlassen; du hättest es nicht besser verdient. Aber um Jesu willen darf ich mich nicht von dir lossagen, er hat mir dich ja auf die Schultern geladen. Du bist tatsächlich wie ein Schaf unter Wölfen in dieser Welt. Du verstehst dir niemanden vom Leibe zu halten. Jeder kann dich an der Hand nehmen und ins Verderben führen. Ich ertrage es einfach nicht, mit anzusehen, wie du dir beim Gedanken an diese Tullia und an alle deine vergangenen Ausschweifungen die Lippen leckst. Zieh dir diesen Goldring vom Daumen!«
Sie sprang auf, schnupperte an mir und zeterte: »Wie ein alexandrinischer Lustknabe riechst du! Und dein Haar hat mir voll von Kletten besser gefallen als jetzt in Locken geschniegelt. Wahrhaftig, ich würde dich auf der Stelle verlassen, wäre ich nicht mit dir auf den galiläischen Bergwegen gewandert und hätte ich nicht dabei gesehen, daß du Staub schlucken, dir den Schweiß von der Stirn wischen und ohne Jammern mit wunden Füßen weiterlaufen kannst.«
So zog sie über mich her, bis ihr die Worte ausgingen. Ich würdigte sie keiner Antwort. Übrigens konnte ich ihr nicht einmal in die Augen sehen, da viele ihrer Anschuldigungen zutrafen. Ich will sie nicht alle niederschreiben; meine mir bisher nicht bewußt gewesenen Schwächen werden ja ohnedies in meinen Briefen offenbar.
Schließlich rief Myrina: »Und jetzt bleib einmal allein mit dir selber und denke darüber nach, ob ich die Wahrheit gesprochen oder übertrieben habe! Ich will nicht mehr im gleichen Räume mit dir wohnen.«
Sie ging und schlug die Tür hinter sich so heftig zu, daß es im ganzen Haus widerhallte. Bald kam eine Magd sehr verlegen herein und holte die Sachen meiner Begleiterin. Aber ich machte mir Myrinas wegen keine Sorgen; nachdem sie von Claudia Procula empfangen worden war, würde der Inhaber des Gasthofs ihr schon ein anderes Zimmer geben.
Als ich alle ihre Anwürfe überdachte, war ich tatsächlich niedergeschmettert. Ich setzte mich hin, um die letzten Geschehnisse aufzuzeichnen. Ich schilderte Myrina so sachlich wie möglich und bemühte mich, in den Bericht meine eigene Erbitterung nicht einfließen zu lassen. Tagelang schrieb ich so hinter zugezogenen Vorhängen und ließ mir die Mahlzeiten auf das Zimmer bringen. Myrina kam einmal, um mir zu sagen, sie gehe nach Tiberias, um einen griechischen Grabstein für ihren Bruder zu bestellen. Ein anderes Mal meldete sie mir, Nathan sei mit den Eseln zurückgekommen und wolle mich sprechen. Aber ich blieb verstockt und antwortete nicht, sondern gab nur durch Gesten zu verstehen, daß ich beim Schreiben nicht gestört zu werden wünschte.
Von nun an kam Myrina nicht mehr nachfragen, ob sie weggehen dürfe, und erst später erfuhr ich, daß sie Maria Magdalena besucht hatte. Auch nach Kapernaum war sie gegangen, mit Nathan zusammen.
Ich zählte nicht die Tage, die ich schreibend verbrachte. Zeit bedeutete mir so wenig, daß ich auch nachts, wenn ich nicht schlafen konnte, schrieb. Schließlich schwand die Bitternis in mir, und beim Einschlafen und Erwachen dachte ich wieder an Myrina und an ihre Strafpredigt. Ich fand, es sei hoch an der Zeit gewesen, daß jemand mir die Augen über mich selbst öffnete. Ich konnte zwar manchmal still und demütig im Herzen sein; aber bald begann ich, mich wieder aufzublähen, und dünkte mich besser als andere.
Schließlich hörte ich eines Morgens Myrina in mein Zimmer treten. Ich fühlte, daß sie mich, in der Meinung, ich schliefe, betrachtete; und im nächsten Augenblick spürte ich, wie sie mein Haar sanft streichelte. Schon durch diese leise Berührung kehrte wieder Freude in mich zurück, und ich schämte mich, so lange mein Herz verhärtet zu haben. Aber ich wollte wissen, wie sie sich weiter mir gegenüber verhalten würde; darum drehte ich mich im Bett herum und tat, als erwachte ich eben erst langsam. Sobald ich die Augen öffnete, wich sie ein wenig zurück und sagte eher barsch zu mir: »Du tatest sicher gut daran, dich eine Zeitlang auszuschweigen, Marcus. So hast du nur viel Tinte auf deine Rollen verschwendet, aber keine Dummheiten geredet und niemanden gekränkt. Aber jetzt mach dich auf die Beine! Die vierzig Tage sind um, und wir müssen sofort nach Jerusalem zurück. Nathan wartet unten mit den Eseln. Packe also deine Sachen, zahle die Rechnung und komm! Schmollen kannst du ebensogut auf der Straße wie im Zimmer hinter deinen Vorhängen.«
»Myrina«, sagte ich, »verzeih mir, daß ich so bin, wie ich eben bin! Vergib mir auch alle Bosheiten, die ich in diesen Tagen des Schweigens über dich dachte! Aber was habe ich in Jerusalem zu tun? Es geht doch schließlich nicht an, daß du nach eigenem Belieben über mein Kommen und Gehen entscheidest.«
»Auch das können wir unterwegs besprechen«, erklärte Myrina. »Das jüdische Wochenfest des Webeopfers ist nahe, und viele Leute reisen nach Jerusalem. Beeile dich!«
Eigentlich überraschte ihre Aufforderung mich nicht. In den letzten Tagen war in mir selber der Wunsch aufgetaucht, zu erkunden, was Jesu Jüngern in Jerusalem widerfahren würde. Ich hatte nichts gegen eine sofortige Abreise, da ich des Schreibens und Schweigens müde war. Als ich Myrina anblickte, konnte ich meine Freude nicht länger bezwingen; ich umarmte sie, drückte sie an mich, küßte sie auf die Wangen und rief: »Du kannst noch so mürrisch mit mir reden, ich glaube doch, daß du mir wohlwillst. Ich bin in dem Augenblick wieder froh geworden, als du mir, in der Meinung, ich schliefe, das Haar gestreichelt hast.«
Zuerst wollte Myrina mir einreden, ich hätte bloß geträumt. Dann gab sie ihre Ruppigkeit auf, küßte mich und erklärte: »Ich habe böse Worte zu dir gesprochen, aber ich mußte dir einmal offen meine Meinung sagen. Ich mag dich genau so, wie du bist, wenn du nur einsiehst, daß du so bist und nicht anders. Anders würde ich mir dich gar nicht wünschen. Und ich wäre nie derart grausam gewesen, wenn ich dich nicht so gern hätte. Natürlich entscheidest du selber über dein Kommen und Gehen; nur entscheide jetzt, sofort mit mir nach Jerusalem zu kommen!«
»Mich zieht es ja selber nach Jerusalem«, erklärte ich eifrig. »Lange ahnt mir schon, daß dort noch etwas Besonderes zu erwarten ist. Wohin sonst sollte ich mich jetzt wenden? Ich habe nirgends einen Ort, den ich Heimat nennen könnte, und bin so sehr ein Fremdling auf der Erde geworden, daß alle Länder mir gleich sind.«
Myrina berührte mir Stirn und Brust und sagte: »Auch ich bin ein Fremdling auf Erden. Meine einzige Heimat ist Jesu Reich, obwohl ich nur sehr wenig von ihm weiß. Er hat dich mir 'anvertraut. Deshalb wünsche ich, dir in deiner Schwachheit Stütze zu sein, deine Freundin, deine Schwester – was du willst – und deine Heimat, in guten wie in bösen Tagen.«
Auch ich berührte ihr Stirn und Brust und küßte sie wieder. Dann packten wir rasch unsere Sachen, und ich legte mein Reisegewand an. Erst beim Bezahlen der Rechnung stellte ich fest, wie hoch mein griechischer Wirt sein Haus einschätzte. Er hätte mir mein ganzes Geld samt der Börse abgenommen und sich auch damit noch nicht zufriedengegeben, wäre Myrina mir nicht zu Hilfe gekommen und hätte ihm seine Rechenfehler nachgewiesen. Ich freute mich, als ich im Hof Nathan und die vertrauten Reittiere sah, und wir machten uns ohne überflüssiges Reden auf den Weg.
Über die Reise brauche ich nichts weiter zu erzählen, als daß wir diesmal durch Samaria zogen, um die Hitze im Jordantal zu vermeiden und auch den Galiläern auszuweichen, die sich zum pfingstfestlichen Webeopfer in die Hauptstadt begaben. Knapp vor dem Fest erreichten wir Jerusalem von Sichern her.
Beim Anblick des Tempels und der Stadt und des Kreuzigungshügels befiel mich so heftiges Zittern, daß ich fast von meinem Esel gefallen wäre. Ich stieg ab, bebte aber noch immer an allen Gliedern, so daß ich einen Anfall von Schüttelfrost befürchtete. Mir wurde schwarz vor den Augen, und die Zähne klapperten mir. Ich konnte nicht sprechen, nur stammeln, und hatte das Gefühl, als wälzte sich über mir eine gewaltige Wolke hinweg, aus der jeden Augenblick Blitz und Donner losbrechen könnten. Aber der Himmel war klar.
Die Anwandlung ging bald vorbei, und als Myrina mir Stirn und Wangen befühlte, waren sie kühl. Doch ich wagte nicht, meinen Esel wieder zu besteigen, und ging lieber zu Fuß weiter. Wir betraten die Stadt durch das stinkende Fischtor. Als die Legionäre mein mit Bedacht umgegürtetes Schwert sahen und hörten, daß ich römischer Bürger bin, ließen sie uns unbehelligt passieren. Durch die Stadttore gingen so viele Menschen ein und aus, daß man nicht jeden überprüfen konnte.
Der Syrer Karanthes begrüßte mich freudig, und auch ich sah sein bärtiges Gesicht und seine schlauen Augen gerne wieder. Als er jedoch Myrina erblickte, blinzelte er einigemal, riß die Augen auf und rief: »Bist du aber von den Reisestrapazen abgemagert, Maria von Beeroth! Und deine Augen haben sich verfärbt, und auch die Haare! Und deine Nase ist kürzer geworden! Galiläa ist wirklich ein Zauberland, und ich fange an zu glauben, was man von dort erzählt.«
Er sagte das sicherlich nur, um mich gutmütig zu hänseln; aber Myrina mochte solche Scherze nicht.
Jetzt mußten wir uns von Nathan verabschieden und ihn seines Weges ziehen lassen. Er kratzte sich den Kopf und begann, über den ihm übergebenen Geldbeutel Rechnung zu legen. Während ich im Badegasthof krank lag, hatte er die Esel für mich in Kapernaum arbeiten lassen; den so verdienten Betrag legte er nun hin und verlangte für sich nicht mehr als seinen Tagelohn. Ihm zu Gefallen nahm ich die Verrechnung widerspruchslos zur Kenntnis. Dann jedoch sagte ich: »Du hast mir treu gedient, du guter Knecht. Ich möchte dich nicht dadurch kränken, daß ich dir Geld aufdränge; aber nimm wenigstens diese vier Reittiere, als Erinnerung an mich!«
Nathan blickte die Esel verlangend an, wand sich verlegen hin und her und erklärte: »Ich darf nichts annehmen, was ich nicht zu meinem Lebensunterhalt brauche. Ich freue mich darauf, den Armen ihren Anteil an dem zu geben, was ich bei dir verdient habe. Damit lege ich mir einen Schatz in Jesu Reich an. Aber vier Esel sind ein Vermögen für einen Mann meines Standes. Ich hätte nur Sorgen mit ihnen, weil ich fürchten müßte, der eine oder andere könnte gestohlen werden oder erkranken. Dadurch würden meine Gedanken von bedeutsamen zu weniger wichtigen Dingen abgezogen werden; und je mehr Anhänglichkeit ich den Tieren schenkte, desto mehr würde ich mich selbst verlieren.«
Seine Worte rührten mich. Ich sagte: »Nimm nur die Tiere, Nathan! Sie haben uns brav auf einer frommen Reise gedient, und die Vorstellung, sie einem Fremden verkaufen zu sollen, ist mir zuwider. Jetzt sind viele Pilger zu Fuß aus Galiläa hierhergekommen, darunter Sieche und Frauen. Übergib die Esel den Sendboten Jesu, als dein eigenes Geschenk! Diese heiligen Männer werden am besten wissen, wie man die Tiere zur Hilfe für schwache Menschen verwenden kann. Darüber werden sie sicherlich nicht miteinander in Streit geraten.«
Nathan billigte meinen Vorschlag und erwiderte lächelnd: »Ja, diese Grautiere sollen denen dienen, die dem Herrn am nächsten standen. So ist es gut.«
Aber noch zögerte er und fragte: »Soll ich dich verständigen, wenn ich höre, daß sich bei den Jüngern etwas Wichtiges zugetragen hat?«
Ich schüttelte den Kopf und entgegnete: »Nein, Nathan. Ich habe es aufgegeben, Dingen nachzuforschen, von denen man mich ausgeschlossen hat. Wenn es mir bestimmt ist, von etwas zu erfahren, wird es geschehen. Sorge dich nicht um mich! Trachte nur du selbst, dir Schätze in Jesu Reich anzusammeln!«
Wir schieden voneinander. Der Sonnenuntergang wandelte den Himmel zu Purpur, und mein Herz war schwer, obwohl Myrina an meiner Seite stand. Ich wollte nicht einmal die Augen zu dem herrlichen Tempel der Juden heben, und als das Abenddunkel niedersank, überkam mich das gleiche gespenstige Einsamkeitsgefühl, wie ich es vor der Reise nach Galiläa empfunden hatte. Wieder war die große Stadt voller Menschen, nicht bloß aus Galiläa und Judäa, sondern aus allen Ländern, wo Juden in der Zerstreuung leben.
Dennoch wurde mir in meinem Zimmer unheimlich zumute. Eine gewaltige Macht schien über der Stadt zu dräuen, und mir war, als könnte sie mich jetzt und jetzt in einem Wirbelwind von der Erde fegen und wie einen Funken im Sturm auslöschen. Im Bann dieser Empfindung faßte ich Myrinas Hand. Sie schlang mir den Arm um den Nacken, und wir saßen eng aneinandergeschmiegt in dem dunkler werdenden Zimmer. Ich war nicht mehr allein und wünschte auch nicht, es zu sein.
Dann trat Karanthes ein und brachte eine Lampe. Als er uns so nahe beisammensitzen sah, bewegte er sich auf den Zehenspitzen. Ohne mit seinem üblichen Redeschwall loszulegen erkundigte er sich nur mit leiser Stimme, ob wir essen wollten. Aber wir schüttelten beide die Köpfe; ich spürte, daß ich in dieser Stimmung keinen Bissen hinuntergebracht hätte. Der Syrer drängte uns nicht, sondern nahm unsere Weigerung einfach zur Kenntnis.
Er kauerte sich vor uns hin und sah uns mit Augen, die im Lampenlicht glitzerten, an; und in diesem Blick lag nicht der mindeste Spott, sondern eher Scheu und Ehrerbietung. Bescheiden fragte er: »Wie steht es mit dir, Marcus, mein Herr? Was ist geschehen? Was bewegt euch beide? Wenn ich euch anschaue, spüre ich ein Zucken in den Gliedern. In der Luft liegt Gewitterstimmung, obwohl der Himmel ausgestirnt ist. Als ich eintrat, schienen eure Gesichter im Finstern zu leuchten.«
Aber ich konnte ihm nicht antworten; auch Myrina vermochte es nicht. Nach einer Weile stand er auf und ging mit gesenktem Kopfe hinaus.
In dieser Nacht schliefen wir Seite an Seite. Ich erwachte einigemal, und immer wieder spürte ich Myrinas Nähe und hatte keine Angst. Selbst im Schlaf blieb ich stets ihrer Berührung gewahr und wußte, daß auch sie sich bei mir sicher fühlte und nichts fürchtete.
Am nächsten Tag war jüdischer Sabbat. Wir sahen große Menschenmengen zum Tempel strömen, rührten uns aber selbst nicht aus dem Zimmer. Wir hätten ohne weiteres ausgehen und durch die Stadt schlendern können; uns band ja nicht das jüdische Verbot, mehr als den Sabbatweg zurückzulegen. Doch wir hatten beide keine Lust dazu. Dann und wann sprachen wir – nur, um des anderen Stimme zu vernehmen. Myrina erzählte mir von ihrer Kindheit, und wir riefen uns beim Namen. Aus Myrinas Munde klang mir mein Name schön, und sie freute sich, den ihren von meinen Lippen zu hören.
So verschmolzen an diesem stillen Tage in Jerusalem Myrinas und mein Leben zur Einheit. Für mich bedeutete das wahrhaft eine Begnadung; denn allein weiterzuleben wäre mir sehr schwergefallen. Aber noch immer ermaß ich nicht ganz, welch wertvolle Gabe der unbekannte Fischer mir beschert hatte, als er mir auftrug, im Theater von Tiberias ein Mädchen aufzusuchen. Während dieses Tages sprachen wir kein unfreundliches Wort zueinander. Gemeinsam aßen wir unser Mahl an dem Abend, der das jüdische Pfingstfest einleitete.
Sobald ich am nächsten Morgen erwachte, verspürte ich eine starke Unrast. Ich mußte im Zimmer auf und ab gehen, meine Glieder zitterten, und mich fröstelte, obwohl der Tag heiß zu werden versprach. Nicht einmal, als Myrina mir über die Stirn strich und die Wange streichelte, beruhigte ich mich. Vorwurfsvoll sagte ich: »Wozu sind wir eigentlich nach Jerusalem gekommen? Was haben wir hier zu suchen? Diese Stadt gehört nicht zu uns; sie ist eine Stadt der Juden. Und auch, was heute gefeiert wird, ist nicht unser, sondern ein jüdisches Fest.«
Aber Myrina rügte: »Ist deine Geduld so rasch erschöpft? Du wurdest als Fremdling dazu berufen, die Auferstehung zu bezeugen. Kannst du nicht auf die Erfüllung der Verheißung warten, die den Jüngern gegeben wurde, damit du auch davon Zeugnis ablegen kannst? Die Sendboten sind bereit, zwölf Jahre zu harren, und dir wird ein Tag zu viel.«
»Ich weiß nicht, was ihnen verheißen worden ist, und ich habe keinen Teil daran«, erklärte ich ungeduldig. »Für das, was mir beschieden wurde, bin ich dankbar, und ich habe mein Leben lang daran zu zehren. Warum sollte ich mehr verlangen, nachdem ich Dinge erlebt habe, um die mich Könige und Fürsten beneiden würden?«
Doch Myrina beharrte eigensinnig: »Da sich in dieser Stadt Jesu Leiden und Kreuzigung, sein Tod und seine Auferstehung begeben haben, fühle ich mich hier zufrieden, und wenn ich zwölf Jahre warten müßte.«
Indes steigerte sich meine Unruhe derart, daß es mich nicht länger im Zimmer hielt. Unentschlossen fragte ich mich, ob ich den Zenturio Adenabar in der Burg Antonia oder Simon von Kyrene oder den gelehrten Nikodemus besuchen sollte. Schließlich schlug ich vor: »Verlassen wir auf jeden Fall einmal diesen beengenden Raum! Ich muß zu dem Bankier Aristainos gehen und meine Verrechnung mit ihm ordnen. Er wird sicher zu Hause sein; ein solcher Festtag ist für ihn die beste Geschäftszeit.«
Myrina hatte nichts dagegen einzuwenden. Wir verließen das Haus. Als wir an das Ende der Gasse kamen, wo sie auf einen offenen Platz mündete, wurden meine Erregung und Verstörung so heftig, daß mir war, als lösten sich die Rippen von meinem Körper und als zerberste mein Brustkorb. Ich mußte stehenbleiben und, Myrina fest an der Hand haltend, nach Atem ringen.
Ich blickte zum Himmel auf; er war wolkenlos und nur von leichtem Dunst verhangen, der das Sonnenlicht rötlich färbte. Nichts deutete auf ein Gewitter, und der Tag war nicht heißer, als es der Jahreszeit, dem Abschluß der Getreideernte, entsprach. Ich konnte mir meine Unrast und Beklemmung nicht erklären.
Mit aller Kraft bezwang ich mich. Um Myrina Freude zu machen, zeigte ich ihr im Tempel den Vorhof der Heiden und die Säulenhalle, wo trotz der frühen Stunde Handel und Geldwechsel in vollem Gange waren. Wir schritten Hand in Hand, und beim Verlassen des Tempelbezirks führte ich Myrina an die Ostmauer, um ihr noch die ›Schöne Pforte‹ zu zeigen, das große Tor aus korinthischem Erz, das die Juden als eines der Weltwunder betrachten. Aber an der Mauer drang jetzt zu uns der Unratgestank aus dem Kidrontal, das, als ich unmittelbar nach dem Passahfeste dort wanderte, von den Winterregen reingespült gewesen war. So kehrten wir um und machten uns auf den Weg zum Hause des Aristainos.
Kaum hatten wir das Forum erreicht, da hörten wir auf einmal ein Brausen, das einem heftigen Windstoß glich. Der Lärm war so laut, daß viele Menschen aufblickten und zur Oberstadt schauten. Man sah kein Gewitter, keine Wolke. Einige Leute allerdings zeigten in eine bestimmte Richtung und behaupteten, sie hätten dort auf die Oberstadt einen Blitzstrahl niederzucken sehen. Aber es war kein Donnerschlag zu hören gewesen. Das mächtige Windesbrausen klang so übernatürlich, daß mir plötzlich das große Haus einfiel, dessen Obergemach ich besucht hatte. So rasch ich konnte, eilte ich hin, Myrina mit mir ziehend. Viele andere Leute schienen voll Neugier in die gleiche Richtung zu laufen; das seltsame Geräusch hatte man ja in der ganzen Stadt vernommen.
Eine derart große Menschenmenge war unterwegs, daß an dem Tore in der alten Mauer ein beängstigendes Gedränge herrschte. Die Leute stießen sich gegenseitig in fieberhafter Hast durch das Stadttor und fragten in verschiedenen Sprachen, was denn los sei. Einige schrien, in der Oberstadt sei ein Gebäude eingestürzt; andere wieder meinten, ein Erdbeben habe das Dröhnen verursacht.
Aber das große Haus war nicht zusammengefallen. Stumm standen seine Mauern und umschlossen ihr Geheimnis. Hunderte Menschen hatten sich davor angesammelt, und immer mehr strömten herbei. Das Eingangstor stand offen. Ich sah Jesu Sendboten schwankenden Schrittes aus dem Haus taumeln, mit funkelnden Augen und geröteten Gesichtern, als wären sie trunken oder entrückt. Sie mischten sich in die Menge und sprachen erregt auf jeden, dem sie begegneten, ein; die Leute machten ihnen scheu Platz.
Man hörte die Sendboten laut in vielen Zungen reden, zu jedem in seiner Muttersprache. Das weckte solches Staunen, daß die Nächststehenden ungeduldig der übrigen Menge Schweigen geboten. Für eine Weile herrschte völlige Stille, und nur die leidenschaftlichen Worte der Jünger tönten in den verschiedensten Sprachen rings um das Haus.
Einer der Sendboten, dessen Namen ich nicht kannte, kam auf Myrina und mich zu. Ich sah die erschreckende Hingerissenheit in seiner verzerrten Miene und spürte die Gewalt, die ihm entströmte. Mir kam vor, als flackerte über seinem Kopf eine schmale Feuerzunge in der Luft. Er wandte mir sein Gesicht zu und sprach zu mir auf lateinisch. Aber in seiner Entrückung blickte er nicht mich an; seine Augen starrten offenbar geradewegs in das Reich und nicht in diese Welt. Doch er redete zweifellos meine Muttersprache, allerdings so rasch, daß ich die einzelnen Worte kaum unterschied und ihren Sinn nicht erfassen konnte. Dann kehrte er sich Myrina zu und begann griechisch zu sprechen; er schrie derart, und die Worte strömten ihm in so unaufhaltsamer Flut von den Lippen, daß man ihnen unmöglich folgen konnte. Es war mir unbegreiflich, wie dieser stämmige, sonngebräunte, schlichte Mann vom Lande so rasch und fließend Latein und Griechisch zu sprechen vermochte.
Er eilte weiter, und die Kraft, die von ihm ausging, fegte uns ihm aus dem Wege, wie dürres Laub im Wind. Die gleiche Kraft öffnete ihm eine Gasse durch das Menschengewühl; immer wieder blieb er stehen und sprach andere Leute in Sprachen an, die ich nie gehört hatte. Auf gleiche Weise gingen die übrigen Sendboten durch die Menge, die sie umdrängte und umwogte. Elamiter und Meder, Araber und Kreter, und fromme Juden aus fernen Ländern hoben verblüfft die Hände und fragten einander, wieso diese ungeschulten Galiläer zu jedem in seiner Muttersprache reden konnten. Sie verstanden, daß die aufs höchste erregten Männer ihnen die Großtaten Gottes verkündeten; aber Einzelheiten konnten sie dem reißenden Redestrom nicht entnehmen.
Ich sagte zu Myrina: »Sie reden nicht aus eigener Kraft, sondern der Geist spricht aus ihnen.«
Die Menge wuchs auf Tausende an, und die Zuletztgekommenen unterhielten sich lebhaft miteinander darüber, was dies alles wohl bedeuten mochte. Einige Spötter lachten sich gegenseitig zu und riefen, diese Galiläer seien schon am frühen Morgen voll des süßen Weines. Aber selbst die Spötter gaben den Sendboten den Weg frei.
Während so die Jünger weiter mit unverminderter Gewalt in einem ganzen Sprachengewirr redeten, überkam mich plötzlich ein Schwächegefühl. Der Boden wankte mir unter den Füßen, und ich mußte mich an Myrina festhalten, um nicht zu fallen. Als sie sah, daß ich ganz blaß war und der Schweiß mir auf der Stirn stand, führte sie mich kurz entschlossen durch das Tor in den Hof. Niemand hielt uns auf, obwohl dort eine Schar Frauen und aufgeregter Bedienter stand und auf die Straße hinausspähte. Im Hof mußte ich mich auf Myrinas Weisung in den Schatten eines Baumes legen, und sie bettete meinen Kopf in ihren Schoß. Die Gemütserschütterung raubte mir die Besinnung; als ich wieder zu mir kam, wußte ich zuerst nicht, wo ich war und wie lange ich leblos dagelegen hatte.
Aber meine Glieder waren kühl, und in meiner Seele herrschte Frieden, als hätte ich mich von aller Mühsal ausgeruht. Mein Kopf lag auf Myrinas Knien. Ich wandte die Augen und sah neben uns eine Gruppe Frauen auf dem Boden sitzen. Ich erkannte Maria, die Schwester des Lazarus, dann Maria Magdalena und auch Maria, die Mutter Jesu. Ihre Gesichter leuchteten in solcher Verzückung, daß ich sie im ersten Augenblick nicht für irdische Wesen, sondern für Engel in Frauengestalt hielt.
Vom Tor her drang das Murmeln einer großen Menschenmenge. Ich sah, daß Simon Petrus draußen die anderen Jünger um sich versammelt hatte, und hörte ihn mit mächtiger Stimme furchtlos zum Volke reden. Und das war nun kein schwärmerischer Erguß in einer fremden Zunge, sondern Petrus redete eindringlich in seiner galiläischen Mundart und zitierte die Propheten. Er sprach von dem Herrn und seiner Auferstehung, von der Verheißung, die Jesus durch seinen Vater über die Ausgießung des Heiligen Geistes empfangen hatte, und davon, daß die Anwesenden selbst diese Herabkunft des Geistes gesehen hätten und bezeugen könnten. Aber bei all dem redete er nur als Jude zu Juden. Ich war so enttäuscht, daß ich nicht weiter zuhörte und flehentlich die heiligen Frauen ansah.
Maria Magdalena bemerkte meinen Blick und erbarmte sich meiner. Sie erhob sich, kam zu mir und begrüßte mich mit Namen, als wollte sie allen zeigen, daß zumindest sie mich nicht ablehnte. Ich fragte sie mit kraftloser Stimme, was denn geschehen sei. Sie setzte sich neben mich auf den Boden, ergriff meine Hand und erzählte:
»Sie waren alle im Obergemach versammelt, wo sie seit Tagen immer zusammenkamen: die Elf und Matthias, den sie durch das Los als Zwölften in ihren Kreis aufgenommen haben. Plötzlich entstand ein Brausen vom Himmel her, wie von einem gewaltigen Sturm, und erfüllte das ganze Gemach, in dem sie saßen. Sie sahen etwas wie Zungen von Feuer sich teilen und auf jeden von ihnen sich niederlassen. Da wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an, in fremden Sprachen zu reden, wie du ja gehört hast.«
Ich fragte: »War es das, was Jesus ihnen verheißen hatte und was sie erwarteten?«
Maria Magdalena nickte und erwiderte: »Zumindest hörst du, wie Petrus nun in unverhüllten Worten allen verkündet, daß Jesus von Nazareth der Christus ist, und du siehst die elf anderen ohne Angst neben ihm stehen. Woher käme ihnen solcher Mut und solche Gewalt, wenn nicht durch den Geist?«
»Aber Petrus redet noch immer bloß zum Volke Israel«, beklagte ich mich wie ein Kind, dem man ein Spielzeug genommen hat.
Und tatsächlich vernahm ich im nächsten Augenblick, gleichsam zum Erweis meiner Behauptung, die Stimme des Petrus: »So möge denn das ganze Haus Israel mit Sicherheit erkennen, daß Gott ihn zum Herrn und Messias gemacht hat, eben diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt!«
Bei diesen Worten vergaß ich meinen Groll und begann für Petrus zu fürchten. Ich stützte mich auf die Ellbogen und rief: »Jetzt wird der Pöbel über sie herfallen und sie steinigen!«
Aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, die Leute verstummten und standen regungslos da, als hätte die Anklage sie mitten ins Herz getroffen. Dann wurden einige zögernde Stimmen laut, und man fragte die Sendboten: »Was sollen wir tun, Männer, Brüder?«
Mit einer Stimme, die in ganz Jerusalem wie aus Himmelshöhen zu vernehmen sein mochte, rief Simon Petrus: »Bekehret euch, und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet den Heiligen Geist als Gabe empfangen. Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern und allen jenen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, berufen wird.«
So verkündete er laut das Geheimnis des Reiches. Und ich senkte traurig den Kopf; denn auch jetzt, im Banne des Geistes, war der Sendbote mir nicht gnädig gewesen, sondern hatte sich nur an die Juden gewandt und die Verheißung bloß jenen hier und in der Zerstreuung zugedacht, die beschnitten waren, das Gesetz befolgten und dem Gotte Israels dienten. Damit schwand – soweit ich noch im stillen gehofft hatte – auch meine letzte Hoffnung, in die Gemeinschaft einbezogen zu werden. Doch daß ich von Jesus und seiner Auferstehung durch eigenen Augenschein wußte, konnte Petrus mir nicht nehmen.
Als Maria Magdalena meine Niedergeschlagenheit sah, tröstete sie mich: »Er ist ein schwerfälliger, halsstarriger Mann. Aber sein Glaube ist wie ein Fels, und er wird sicherlich an seiner Aufgabe wachsen. Eben vorhin berief er sich auf einen Ausspruch des Propheten Joel und tat kund, daß die Endzeit nahe sei. Aber das glaube ich nicht, nein. Denn als unser Herr auf dem Ölberg von seinen Jüngern Abschied nahm, da ermahnte er sie und sagte, es sei nicht ihre Sache, Zeit und Stunde zu wissen, wie der Vater in seiner Machtfülle festgesetzt habe. Aber sie begriffen so wenig davon, daß sie noch im letzten Augenblick, ehe die Wolke kam und Jesus aufnahm, ihn mit der Frage quälten: ›Herr, richtest du in dieser Zeit das Königtum für Israel wieder auf?‹ Deshalb darfst du die Hoffnung nicht aufgeben, Marcus.«
Das war mir neu. Ich nahm Maria Magdalenas Worte gierig in mich auf und fragte: »Halten die Sendboten die Geschehnisse nicht mehr vor den Frauen geheim? Und was für eine Wolke hat den Herrn davongetragen?«
»Sie verbergen uns nichts mehr«, versicherte Maria Magdalena mir mit Befriedigung. »Das Geheimnis der Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut wurde uns auf dem Berge enthüllt. Die Schar der Gläubigen zählt schon hundertzwanzig Menschen. Am vierzigsten Tage nach seiner Auferstehung begab Jesus sich mit den Sendboten auf den Ölberg, bis in die Nähe von Bethanien, und gebot ihnen, sich nicht von Jerusalem zu entfernen, sondern die Verheißung des Vaters zu erwarten. Er sprach zu ihnen: ›Johannes hat mit Wasser getauft; ihr aber werdet mit dem Heiligen Geiste getauft werden, und zwar schon nach wenigen Tagen.‹ Diese Taufe ist ihnen heute zuteil geworden; das unterliegt keinem Zweifel, denn nun wohnt Macht in ihnen. Von der Wolke aber weiß ich nur, daß Jesus auf dem Ölberg sich vor den Augen der Jünger vom Boden erhob und daß eine Wolke ihn ihren Blicken entzog. Daraus erkannten sie, daß er ihnen nicht mehr erscheinen würde. Ich möchte nicht mit ihnen streiten; aber wenigstens ein bißchen lächeln darf ich wohl, wenn ich höre, wie sie jetzt so matt und plump alles das in Worte zu kleiden versuchen, was ich schon bei Jesu Lebzeiten im Herzen als die Wahrheit empfunden habe.«
Während sie sprach, blickte ich um mich auf die Bäume im Hof mit ihrem silberschimmernden Laub, auf die Treppe zum Dach und auf die schwere Holztür des Obergemachs, um mir all das unauslöschlich einzuprägen. In meiner Erschöpfung war ich wieder still und demütig und fand es genug für mich, daß ich den Ort, wo das Reich Wirklichkeit geworden war, mit eigenen Augen gesehen hatte.
Knieschlotternd stand ich auf und sagte: »Ich muß jetzt gehen, um nicht unter die heiligen Männer Zwist und Unfrieden zu bringen. Die Macht jenes Geistes hat mich zu Boden geworfen, und sie würden das zweifellos als Zeichen dafür ansehen, daß ich von den Toren des Reiches gewiesen werden müsse.«
Von Herzen gern hätte ich Maria Magdalena für ihre Güte gesegnet; aber ich fühlte mich zu gering, als daß ich jemanden segnen dürfte. Vielleicht las sie aus meiner Miene die gute Absicht; denn sie berührte mir die Stirn und sagte: »Vergiß nicht, daß du einem der verlorenen Kinder Israels geholfen hast, den Weg zu Jesus zu finden! Maria von Beeroth hat inzwischen beglückt Hochzeit gefeiert und ihr neues Heim bezogen. Ich glaube nicht, daß einer jener Männer so viel für sie getan hätte. Und unter den Frauen segnet auch Susanna deine Gutherzigkeit. Wisse deshalb, daß dir, magst du auch ein Fremdling sein, aus unserer Mitte überallhin, wohin du gehst, heimlich ein Gebet folgen wird!«
Ich widersprach: »Nein, nein. Alles, was ich tat, war selbstsüchtig und unlauter. Ich glaube, keine einzige meiner Taten könnte mir zum Verdienst gereichen. In mir ist nichts Gutes als mein Wissen, daß Jesus der Christus und der Sohn Gottes ist. Aber dieses Wissen wird mir nicht hoch anzurechnen sein, weil ich mich ja mit eigenen Augen von diesen Wahrheiten überzeugen durfte.«
Myrina warf ein: »Marcus hat kein anderes Verdienst als seine Schwäche. Vielleicht wird er sich eines Tages, wenn das Reich bis an die Grenzen der Erde ausbreitet, zur Stärke durchringen. Bis dahin werde ich ihm Stärkung sein. In mir ist ja ein Quell lebendigen Wassers, der nicht nur mich zeitlebens vor Durst bewahren, sondern auch für ihn reichen wird.«
Ich blickte sie mit neuen Augen an. In meinem Entkräftungszustand täuschten mich die Sinne; sie schien mir verwandelt, kein menschliches Wesen mehr, sondern ein fleischgewordener Schutzengel, mir gesandt, damit ich nicht vom Wege des Reiches abirre. Das war eine seltsame Vorstellung, da ich ja von ihrer Vergangenheit sehr wohl wußte, und sie schon auf dem Schiff nach Joppe kennengelernt hatte.
Aber es waren menschliche Hände, mit denen Myrina mich nun am Arm faßte und aus dem Hof führte, durch die aufgeregt murmelnde Menge hindurch. Immer mehr Leute fragten bange, was sie tun sollten; manche hatten sich aus Kummer über ihre Sünden die Gewänder zerrissen. Der Reumütigen waren so viele, daß die zwölf Sendboten, Petrus an der Spitze, sie durch die engen Gassen hinunter und aus der Stadt ins Freie geleiteten, um jene, die sich bekehren und ihrer Sünden ledig werden wollten, auf den Namen Jesu Christi zu taufen. Myrina fürchtete für mich wegen meiner Ermattung, fand sich aber dann doch bereit, mich hinter der Menge herzuführen, damit wir sehen könnten, was weiter geschah.
So kam es, daß ich die Sendboten an einem Teich außerhalb der Stadtmauer stehen sah, wo sie jeden Israeliten, der es wünschte, tauften und ihm zur Vergebung der Sünden und zur Herabrufung des Geistes die Hände auf den Kopf legten. Auch Frauen tauften sie. Und je mehr die Menge derer wuchs, denen sie Geist von ihrem Geiste spendeten, desto inniger wurde die Freude in der Volksmenge und desto williger drängten sich immer andere zur Taufe vor. Die Leute sangen fromme Jubelhymnen und umarmten einander. Das ging so bis zum Abend, und ich hörte später, daß die Zahl der Getauften an diesem Tage auf dreitausend stieg.
Und die Sendboten wiesen keines der Kinder Israels ab, sondern nahmen Arme und Reiche auf, Krüppel und Bettler, sogar Sklaven, ohne Unterschied. Und ihre Kraft schwand nicht, sondern reichte für alle, mit denen sie den Geist teilten.
Ich wurde sehr traurig und kehrte noch vor Abend in die Stadt und unsere Behausung zurück. Betrübt dachte ich daran, wie leicht selbst jenen, die vor dem Hause des Pilatus: »Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!« gerufen hatten, nun die Sünden vergeben worden waren. Denn viele solche waren zweifellos unter den verschreckten, reuigen Juden, die sich nun zur Taufe drängten.
Vielleicht hätte ich mich an diesem Tage der Entrückung verstohlen unter die Juden mischen und mit den übrigen taufen lassen können. Doch ich wollte die Sendboten nicht hintergehen; und selbst wenn sie versehentlich auch mir die Hände auf den Kopf gelegt hätten, wäre eine solche Taufe für mich wertlos gewesen. Vielleicht aber hätte ihnen der auf sie herabgekommene Geist entdeckt, daß ich Römer bin, und ich wäre fortgeschickt worden. Das mußte offenbleiben; denn eine solche Täuschung zu versuchen, lag mir nicht.
Am nächsten Tage fühlte ich mich noch immer so benommen, daß Myrina, während sie im Zimmer umherging und mich betreute, mir wie ein Engel zu leuchten schien. Während ich mich erholte, begann ich, mich selbst zu beobachten, und fand, es müsse, während ich gestern bewußtlos im Hofe des Sendbotenhauses lag, mit mir etwas Besonderes geschehen sein. Meine Seele lag so bloß wie noch nie, und ich dachte viel weniger an unnötige Dinge.
Eines Tages trat Karanthes in mein Zimmer, sah mich prüfend an und sagte: »Du hast mir noch gar nichts von deiner Reise nach Galiläa erzählt. Warum bist du so schweigsam geworden? Du mußt wissen, hier in der Stadt geschehen wiederum Wunder, im Namen jenes gekreuzigten Nazareners, über den du Erkundigungen eingezogen hast. Seine Jünger sind zurückgekehrt und verkünden, ihr Lehrer habe ihnen die Macht der Magie verliehen. Sie verdrehen den Leuten derart den Kopf, daß Eltern ihre Kinder und Kinder ihre Eltern verlassen, um ihnen zu folgen. Viele geben sogar ihr ganzes Hab und Gut hin; und das spricht wohl deutlich genug dafür, welch schreckliche Hexenkünste hier am Werke sind. Tag für Tag stehen die Jünger in den Tempelarkaden und halten Strafpredigten, ohne den Hohen Rat zu fürchten. Die Anhänger der neuen Lehre haben alles gemeinsam und versammeln sich in den einzelnen Häusern zu ihren fragwürdigen Mysterien. Sogar hochangesehene Juden, von denen niemand etwas Derartiges erwartet hätte, werden von dieser Nazarenerseuche erfaßt und bezeugen den Gekreuzigten als König von Israel.«
Ich konnte ihm nicht erwidern. Wer war ich, daß ich ihn hätte belehren dürfen? Er konnte ja ungehindert hingehen und selbst den Sendboten lauschen. Als er keine Antwort erhielt, wurde er niedergeschlagen. Er schüttelte den Kopf und fragte: »Was ist mit dir? Du liegst da und starrst tagaus tagein vor dich hin! Wohin soll das führen?«
Ich überlegte die Frage, lächelte traurig und entgegnete: »Vielleicht werde ich deinen seinerzeitigen Rat befolgen: mir ein Haus zu bauen und Bäume zu pflanzen. Das ist kein übler Vorschlag für jemanden, der eine lange Zeit geduldigen Wartens vor sich sieht.« Und mit einem Seufzer fügte ich hinzu: »Nur auf eines muß ich achten. Mein Herz darf sich an nichts in dieser Welt zu stark hängen; nichts darf so sehr ein Teil meiner selbst und mir derart teuer werden, daß mir der Verzicht darauf, wenn er nötig würde, schwerfiele.«
Karanthes seufzte auch und erwiderte trocken: »Sobald jener gewisse Tag kommt, muß jeder auf alles verzichten. Aber möge der Tag für uns beide fern sein!« Er dachte ein wenig nach und sagte dann scheu: »Angeblich haben diese galiläischen Hexenmeister einen Unsterblichkeitstrank.«
Aber auch dazu wagte ich keine Ansicht zu äußern; mein Syrer konnte sich ja bei Jesu eigenen Gefolgsleuten erkundigen. Karanthes stand auf, stöhnte ein paarmal und meinte: »Du hast dich sehr verändert, Römer Marcus! Du bist nicht mehr der gleiche Mann, der von hier nach Galiläa aufbrach. Ob du dich zu deinem Vorteil oder deinem Nachteil gewandelt hast, kann ich nicht sagen; aber ich muß seufzen deinetwegen. Nur eines weiß ich: Myrina, die du mitgebracht hast, ist ein friedsames Mädchen, und ihre Nähe tut wohl. Seit sie ins Haus gekommen ist, geht das Geschäft gut, und meine Frau schlägt mir nicht mehr ein paarmal im Tag mit einer Sandale hinter die Ohren. Wenn deine Myrina etwas dicker wäre, würde sie ausgesprochen schön sein.«
Ich mußte unwillkürlich lachen, schalt aber: »Karanthes, kümmere dich nicht darum, ob Myrina besser dick oder mager wäre! Mir gefällt sie so, wie sie ist. Auch als grauhaarige und zahnlose Alte werde ich sie wahrscheinlich, wenn wir so lange leben, noch schön finden.«
Nachdem es Karanthes endlich gelungen war, mich zum Lachen zu bringen, ging er befriedigt. Ich sann über seine letzte Bemerkung nach, und mir kam zum Bewußtsein, daß Myrina tatsächlich in meinen Augen mit jedem Tag schöner wurde. Seit sie das Leben der Wandermimen aufgegeben hatte und immer genug zu essen bekam, war sie fast unmerklich, aber ansprechend rundlicher geworden, und ihre Wangen waren weniger schmal als früher. Der Gedanke daran weckte Zärtlichkeit in mir und erquickte mich wunderlich. Diese Tatsache bewies, daß sie kein Engel war, sondern eine Frau, ein Wesen meiner Art.
Myrina hatte sich zum Tempel begeben, wo täglich zwei oder drei der Sendboten in den Säulengängen standen, eine Schar von Zuhörern, Getaufte und bloß Neugierige, unterwiesen, die Auferstehung verkündeten und Jesus als den Christus bezeugten. Plötzlich fühlte ich mich neubelebt, kämmte mir das Haar, kleidete mich sorgfältig und besuchte meinen Bankier Aristainos, um Vorbereitungen für meine Abreise aus Jerusalem zu treffen. Er empfing mich freundlich und meinte sehr aufgeräumt:
»Die Thermen von Tiberias haben dir sichtlich wohlgetan; jedenfalls bist du nicht mehr so verbissen wie seinerzeit. Du trittst wieder als Römer auf. Das fügt sich gut; denn ich muß dich, falls die Sache dir nicht schon zu Ohren gekommen ist, gleich warnen. Die Galiläer sind wieder in der Stadt und stiften viel Verwirrung. Obwohl jeder Eingeweihte den wahren Sachverhalt kennt, verkünden sie öffentlich, Jesus von Nazareth wäre von den Toten auferstanden. Sie nennen ihn Messias und biegen die Schriftworte für ihre Zwecke zurecht. Sie behaupten sogar, von ihm die Macht zur Sündenvergebung erhalten zu haben.
Als Sadduzäer anerkenne ich die Schriften, lasse aber weder die mündliche Überlieferung noch die unleidlichen Auslegungen der Pharisäer gelten. Dieses Gerede von einer Auferstehung ist Tollheit, mögen auch die Pharisäer zu solchen verführerischen Irrwegen neigen. Man pflegt uns Juden der Unduldsamkeit in Glaubenssachen zu zeihen; wie duldsam wir aber in Wirklichkeit sind, beweist am besten die Tatsache, daß wir verschiedene Sekten sich frei miteinander messen lassen. Auch Jesus von Nazareth wäre höchstwahrscheinlich nicht gekreuzigt worden, wenn er nicht Gott gelästert hätte. Das ist nämlich das einzige, was wir nicht dulden.
Jetzt indes scheint sich in seinem Namen eine neue Kluft in unserem Volke aufzureißen. Die Zeit wird lehren, ob wir zusehen dürfen, wie diese Kluft sich erweitert, oder ob wir die Anhänger Jesu verjagen müssen. Sie taufen; aber das geschah schon früher und wurde nie mißbilligt. Sie sollen Kranke heilen; aber das tat ihr Lehrer auch und wurde nicht deshalb angeklagt, obwohl die Pharisäer ihm Krankenheilungen am Sabbat als ungehörig verwiesen. Jedoch das Verderbliche an ihrer Lehre ist die Forderung, alles Eigentum müsse gemeinsam sein. Bisher vernünftige Leute verkaufen ihre Felder und legen den Erlös den Jüngern zu Füßen, die jedem das zuteilen, was er braucht. Ein solches Gebaren ist bloß eine Umgehung des Zehnten und eine sehr geschickte Form der Steuervereitelung. Unter Jesu Anhängern gibt es weder Arme noch Reiche.
Über diese Wendung sind unsere Oberen bestürzt; wir hatten ja angenommen, mit der Kreuzigung des Nazareners sei alles wieder ins Lot gebracht. Wir wünschen niemanden zu verfolgen; aber wir begreifen nicht, wieso diese Jünger plötzlich derart dreist geworden sind. Vielleicht deshalb, weil sie gehört haben, daß Pontius Pilatus keine Behelligung der Galiläer dulden will? Das hat er nämlich in verschleierter Form den Hohen Rat wissen lassen. Ein weiteres Beispiel der unausstehlichen Römerpolitik! Du verzeihst doch, daß ich offen mit dir rede, nachdem du mein Freund und mit unseren Landeseigenheiten vertraut bist. Jetzt kann der Prokurator erst recht seine Hände in Unschuld waschen und uns höhnisch vorhalten, der letzte Betrug sei tatsächlich noch ärger geworden als der erste. Die Jünger haben das leichtgläubige Volk auf ihrer Seite, und deshalb wäre es unklug, sie zu belästigen. Würden sie verfolgt, so wären alle Leute nur noch geneigter, die von diesen Galiläern aufgetischten Fischermärchen zu glauben.«
Ohne sich recht zum Atemholen Zeit zu gönnen, hatte er schließlich fast in einem Zuge gesprochen. Ich konnte mir die Bemerkung nicht versagen: »Du scheinst dich über Jesus von Nazareth viel mehr aufzuregen als ich. Beruhige dich, Aristainos, und denke an die Schriften! Wenn das Wirken der Galiläer menschlichen Ursprungs ist, wird es im Sand verlaufen, und du brauchst dir darüber keine Sorge zu machen. Leitet es sich aber von Gott her, dann kann niemand diesen Männern standhalten, weder du noch der Hohe Rat noch irgendeine Macht auf dieser Erde.«
Schwer atmend, überlegte er meine Worte. Dann fing er zu lachen an, hob versöhnlich die Hand und rief: »Soll ein Römer mich lehren, die Schriften zu erkunden? Nein, von Gott kann das Tun dieser unwissenden Fischer nicht herstammen. Das ist einfach unmöglich; da wäre das Leben nicht mehr lebenswert, und der Tempel würde zusammenstürzen. Natürlich wird ihr Unternehmen im Sand verlaufen. Wie oft sind schon früher Männer aufgetreten mit dem Anspruch, große Persönlichkeiten zu sein! Und alle verschwanden wieder spurlos. Überdies kommen ungeschulte Leute mit der Berufung auf Prophezeiungen nicht weit, weil sie sich schließlich in ihre eigenen Worte verstricken und in die selbst gegrabenen Gruben fallen.«
Damit beruhigte er sich und fragte nach meinen Wünschen. Er ließ seinen Buchhalter gleich meine Verrechnung abschließen und sagte dazu einen für seine Tasche vorteilhaften Wechselkurs an. Ich erzählte ihm, wie gut sein Geschäftsfreund in Tiberias mir eine Geldangelegenheit geordnet hatte, und er nickte zufrieden, eine schmale Briefrolle schwenkend, die er mir nun mit den Worten reichte: »Fast hätte ich vergessen. Dieser Brief wurde deinem Bankier in Alexandria übergeben, und er hat ihn hierher weitergesandt. Ich wollte ihn dir nicht nach Tiberias nachschicken, da ich nicht wußte, wie lange du dort bleibst, und gefürchtet habe, die Rolle könnte verlorengehen.«
Während ich das Siegel aufbrach und den kurzen Brief entrollte, überlief es mich kalt vor Bangen. Auf den ersten Blick erkannte ich Tullias fahrige, flüchtige Handschrift und las:
»Tullia grüßt den falschen Marcus Mezentius.
Kann man sich denn nicht mehr auf ein Versprechen verlassen? Gibt es keine Treue mehr auf der Welt? Hast Du mir nicht geschworen, mich in Alexandria zu erwarten, bis ich meine Angelegenheiten in Rom geordnet habe und ganz Dein sein kann? Nach Deiner Abreise war Rom nicht mehr Rom; aber durch kluges Handeln konnte ich meine Stellung sichern. Und jetzt, da ich, nach einer stürmischen Überfahrt krank und schwach, in Alexandria ankomme, was muß ich erfahren? Daß Du Dein Wort leichtfertig gebrochen hast und in das jüdische Jerusalem gereist bist. Komm unverzüglich zurück, sobald Du diesen Brief erhältst! Ich wohne in Daphnes Gasthof beim Hafen. Ich werde mich freuen, Dich wiederzusehen. Aber endlos gedenke ich nicht zu warten. Ich habe Freunde hier. Wenn Du jedoch Dein Studium der jüdischen Philosophie, mit dem Du Dich anscheinend jetzt befaßt, fortsetzen willst, so schicke Nachricht, und ich reise zu Dir nach Jerusalem. Ich glaube, ich werde es bald zuwege bringen, daß Du Dir die jüdische Weisheit aus dem Kopf schlägst. Komm also, so rasch Du kannst! Ich bin ungeduldig. Ich brenne vor vergeblicher Erwartung.«
Jedes dieser Worte jagte mir einen Schauder der Bestürzung über den Rücken. Als ich mich ein wenig gefaßt hatte, las ich das Schreiben nochmals durch und fragte mit unsicherer Stimme: »Wie lange liegt der Brief schon hier?«
Aristainos zählte an den Fingern und erwiderte: »Vielleicht zwei Wochen. Du mußt entschuldigen, aber ich hätte nicht gedacht, daß du so lange in Tiberias bleiben würdest.«
Ich rollte den Brief zusammen, schob ihn in die Brustfalte meiner Tunika und sagte mit einer müden Handbewegung: »Lassen wir die Abrechnung für später! Augenblicklich bin ich nicht in der Stimmung für Ziffern.«
Von eisiger Angst erfüllt, verließ ich das Haus des Bankiers und eilte wie gehetzt, ohne einen Blick um mich zu werfen, in meine Wohnung zurück. Tullias Brief kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel, gerade, als ich schon gemeint hatte, Frieden gewonnen und mich mit meinem Schicksal ausgesöhnt zu haben.
Zum Glück war Myrina noch nicht zurück. Einen Augenblick lang verzehrte mich gleich einer Flamme die furchtbare Versuchung, meinen Geldbeutel bei Karanthes für Myrina zurückzulassen, aus Jerusalem zu fliehen und auf dem kürzesten Wege nach Alexandria zu reisen, um Tullia wieder in die Arme zu schließen. Ich zog ihr Schreiben hervor und streichelte es. Jeder fiebrig hingekritzelte Buchstabe bannte mir Tullia selbst vor Augen, und bei dem bloßen Gedanken an sie erglühte mein ganzer Körper.
Aber zur gleichen Zeit vermochte ich, sie nüchtern zu beurteilen. Wie bezeichnend war es doch für sie, daß sie gleich mit den ersten Worten den Spieß umdrehte und mir die Schuld zuschob! Ein ganzes Jahr lang hatte ich in Alexandria geduldig auf sie gewartet, ohne das geringste Lebenszeichen von ihr zu erhalten. Und was meinte sie mit der Wendung: ›Ich konnte meine Stellung sichern‹? Offenbar die Scheidung und Wiederverheiratung. Wirklich verlassen durfte man sich ja auf nichts von dem, was sie schrieb. So krank und schwach sie nach der Seereise tatsächlich gewesen sein mochte, versäumte sie es doch nicht, ihre Krallen zu zeigen und anzudeuten, sie hätte Freunde in Alexandria. In wessen Armen würde ich sie finden, wenn ich hinkäme? Tullia hatte reiche Auswahl. Ich war nur eine Marotte ihrer Begehrlichkeit. Bestimmt war sie nicht bloß meinetwegen nach Alexandria gereist; sie mußte wohl eine Anzahl von Gründen dafür gehabt haben.
In Tullia schien mir mein früheres Leben verkörpert, mit seinen Genüssen und seiner Leere. Jetzt konnte ich frei wählen. Wenn ich mich für Tullia entschied, verzichtete ich endgültig auf meine Suche nach dem Reich; ich wußte ja ebensogut wie sie selbst, daß es ihr, wenn ich zu ihren seelentötenden Lüsten zurückkehrte, mühelos gelingen würde, mir alle anderen Gedanken aus dem Kopf zu scheuchen.
Während ich so überlegte, übermannte mich plötzlich Ekel vor mir selber und meiner Schwäche; nie zuvor hatte mich, glaube ich, solche Selbstverachtung erfüllt. Nicht deswegen, weil Tullia noch meine Sinne reizte, sondern, weil ich noch immer erwog, ob ich nicht doch zu ihr reisen und mich wieder von ihr quälen lassen sollte. Das war die tiefste Erniedrigung, die ich mir selber antat; denn bei der geringsten Charakterfestigkeit hätte ich keinen Augenblick lang gezaudert. Nach all meinen Erfahrungen und Erlebnissen hätte die Entscheidung klar sein müssen: Hände weg von Tullia! Hände weg von meiner ganzen Vergangenheit! So schwach war ich noch immer, so leicht verführbar, daß ich vor dem heißen Anhauch der Erinnerungen wie ein Rohr im Winde schwankte!
Mit schweißtriefender Stirn stemmte ich mich gegen die Anfechtung und verdammte mich selbst. Ich schämte mich derart in Grund und Boden, daß ich Jesus nicht zum Zeugen meiner Schmach machen wollte. Dennoch mußte ich schließlich, das Gesicht in den Händen bergend, beten: »Führe mich nicht in Versuchung, sondern erlöse mich von' dem Bösen! Dein Reich komme zu mir!« Das war alles, was ich zu tun vermochte.
Im gleichen Augenblick hörte ich Schritte auf der Treppe. Die Tür öffnete sich, und Myrina trat rasch ein, mit ausgestreckten Armen, als brächte sie wichtige Neuigkeiten. »Petrus und Johannes …«, begann sie. »Petrus und Johannes …« Dann sah sie meine Miene. Ihre Arme sanken herab, ihr Gesicht verlor den Glanz und schien mir plötzlich häßlich.
»Sprich mir nicht von diesen Männern!« wehrte ich aufgebracht ab. »Ich will nichts von ihnen hören.«
Zögernd tat Myrina einen Schritt auf mich zu, wagte aber nicht, mich zu berühren. Ich hätte jetzt auch keine Vertrautheit gewünscht; ich wich bis zur Wand zurück.
»Eben haben die beiden Sendboten durch ihre Macht einen Mann, der von Geburt an gelähmt war, geheilt, an der Schönen Pforte des Tempels …«, versuchte Myrina zu berichten. Aber die Worte erstarben ihr auf den Lippen, und sie starrte mich ängstlich an.
»Nun, wenn schon!« entgegnete ich. »Ich zweifle nicht daran, daß sie die Macht dazu haben. Aber was geht das mich an? Wunder habe ich genug gesehen. Diese Dinge lassen mich kalt.«
»Aber Petrus hat ihn an der Hand gefaßt und ihn aufgerichtet«, stammelte Myrina. »Und seine Füße trugen ihn. Alle Leute im Tempel liefen zur Halle Salomos. Dort ist jetzt der Lahmgeborene, springt umher und lobt Gott. Mißtrauische Menschen betasten seine Beine, und Petrus verkündet die Vergebung der Sünden.«
»Ein herrliches Schauspiel für die Juden!« spottete ich.
Myrina konnte nicht länger an sich halten, faßte mich an beiden Armen, schüttelte mich und fragte mit Tränen in den Augen: »Was hast du denn nur? Was ist geschehen, Marcus?«
Ich verhärtete mein Herz und sagte: »Weine nur, Myrina! Es werden nicht die letzten Tränen sein, die du meinetwegen vergießt. Das weiß ich.«
Myrina ließ mich unvermittelt los, trocknete sich rasch die Augen und warf den Kopf zurück. Sie wurde rot vor Zorn, stampfte auf und rief: »Rede nicht herum! Was gibt es?«
Kühl und erbittert musterte ich sie, prüfte jeden ihrer Züge, die mir heute früh noch so teuer gewesen waren, und versuchte herauszubekommen, was ich an ihnen gefunden hatte. Durch ihr Gesicht hindurch sah ich Tullias glänzende Augen, Tullias stolzen, begehrlichen Mund. Ich zeigte Myrina den Brief mit den Worten: »Tullia hat geschrieben. Sie erwartet mich in Alexandria.«
Myrina blickte mich lange an. Ihr Gesicht fiel ein und wurde ganz schmal. Dann sank sie auf die Knie und beugte den Kopf; ich hatte die Empfindung, daß sie betete, obwohl die Lippen unbewegt schienen. Mein Denken war wie eingefroren. Ich schaute nur auf ihren goldblonden Kopf; und plötzlich tauchte die Vorstellung in mir auf, ein einziger blitzschneller Schwertstreich könnte diesen Kopf von den Schultern trennen und mich frei machen. Der Gedanke dünkte mich so belustigend, daß ich lachen mußte.
Endlich stand Myrina auf und begann, ohne mich anzusehen, meine Sachen zu packen und meine Kleider zurechtzulegen. Zuerst war ich überrascht, dann bestürzt, und schließlich fragte ich fast unwillkürlich: »Was tust du denn? Warum legst du meine Sachen zusammen?«
Sie zählte zerstreut an ihren Fingern ab: »Eine Tunika und ein Reisemantel sind in der Wäsche …« Dann erwiderte sie: »Du verläßt die Stadt, nicht wahr? Du gehst zu deiner Tullia. Ich bereite deine Sachen vor. Dazu bin ich da.«
»Wer sagt dir, daß ich verreise?« rief ich hitzig. Ich faßte sie an den Handgelenken und zwang sie, alles fallen zu lassen, was sie gerade hielt. »Ich habe nichts dergleichen erwähnt. Ich habe dir einfach von dem Briefe erzählt, damit wir gemeinsam besprechen, was geschehen soll.«
Aber Myrina schüttelte den Kopf. »Nein, nein«, erklärte sie. »In deinem Herzen hast du dich schon entschlossen. Wenn ich dich umstimmen wollte, würdest du mir später nur grollen. Du bist zwar schwach, und vielleicht könnte ich dich zum Bleiben bewegen, indem ich dich an das Reich mahne; doch du würdest mir das dein ganzes Leben lang nicht verzeihen. Immer würde in dir der Gedanke bohren, du hättest meinetwegen deine unersetzliche Tullia aufgegeben. Darum ist es besser, du gehst. Du darfst sie nicht enttäuschen, nachdem sie nun einmal auf dich wartet.«
Ich traute meinen Ohren nicht. Offenbar entglitt mir Myrina, und ich verlor den einzigen Freund, an den ich mich auf dieser Erde halten konnte! »Aber …«, stotterte ich. »Aber …« Mehr brachte ich nicht heraus.
Schließlich erbarmte Myrina sich meiner und erklärte: »In dieser Sache kann ich dir nicht helfen. Da mußt du selbst entscheiden und deine Entscheidung selber verantworten.« Mit einem traurigen Lächeln blickte sie mich an und fügte hinzu: »Ich möchte dir den Entschluß doch nur erleichtern. Geh nur zu deiner Tullia, laß dich von ihr versengen und mit rotglühenden Nadeln stechen und langsam zugrunde richten! Du hast mir genug von ihr erzählt; ich kann mir vorstellen, wie sie ist. Aber natürlich komme ich dir eines Tages nach. Und sobald die Zeit reif ist und deine Tullia sich aus dem Staube gemacht hat, werde ich das, was von dir übriggeblieben ist, in meine Obhut nehmen. Du brauchst keine Angst zu haben, mich zu verlieren. Jesus von Nazareth hat dich mir anvertraut. Geh also, wenn du der Versuchung nicht widerstehen kannst! Sicherlich wird Jesus dir verzeihen, wie ich dir im Herzen verzeihe, weil ich dich kenne.«
Während sie so gefaßt sprach, stieg in mir immer stärkerer Widerwille gegen Tullia auf, und ich vergegenwärtigte mir im Geiste alle Erniedrigungen und Qualen, denen sie mich zur Würzung ihres Genusses aussetzen würde. Schließlich rief ich: »Still, Myrina, du verrücktes Ding! Willst du mich einem grausamen, lüsternen Frauenzimmer ausliefern? Das hätte ich dir nicht zugetraut. Solltest du nicht eher meiner Schwäche deine Willenskraft entgegensetzen? Ich erkenne dich nicht wieder. Wie kannst du mich so behandeln?«
Entrüstet fuhr ich fort: »Übrigens habe ich mich noch gar nicht entschlossen, zu ihr zu reisen. Das redest du mir nur ein. Dabei hoffte ich, du würdest mir helfen. Ich gehe nicht nach Alexandria, verstanden? Ich weiß bloß nicht, wie ich ihr das alles erklären soll. Wenigstens ein paar Worte schreiben müßte ich; sonst glaubt sie vielleicht, ich wäre unterwegs umgekommen.«
»Und was liegt daran, wenn sie das glaubt?« fragte Myrina behutsam. »Oder verlangt dein männlicher Stolz unbedingt, daß du sie demütigst, indem du es ihr schriftlich gibst, daß du nichts mehr von ihr wissen willst?«
»Tullia hat mich tausendmal gedemütigt«, wandte ich ärgerlich ein.
»Willst du Böses mit Bösem vergelten?« fragte Myrina. »Laß sie lieber glauben, du wärest spurlos verschwunden! So kränkst du nicht die Frau in ihr. Sie hat bestimmt andere Freunde und wird sich bald trösten.«
Ihre Vermutung stimmte derart genau, daß es mir einen Stich gab. Aber dieses Zucken tat nicht ärger weh, als wenn man mit der Zunge über die Stelle fährt, wo einem eben ein schmerzender Zahn gezogen worden ist. Unsagbare Erleichterung erfüllte mich, als wäre ich nach langem Siechtum genesen. »Myrina«, sagte ich, »du hast mir jetzt vor Augen geführt, daß ich nicht einmal den Gedanken an eine Trennung von dir ertragen kann. Myrina, du bist nicht bloß eine Schwester für mich. Myrina, ich fürchte, ich liebe dich, wie man eine Frau liebt.«
Myrinas Gesicht begann wieder, mir wie ein Engelsantlitz zu leuchten. In meinen Augen war sie schön, als sie entgegnete: »Myrina und Marcus – wir beide! Im Herzen weißt du es ja: ich will dir alles sein, was du mir zudenkst. Aber jetzt müssen wir überlegen, wie wir unser Leben gestalten werden.«
Sie nahm meine Hand, zog mich sanft neben sich auf eine Bank und fing an zu sprechen, als hätte sie über all das schon lange nachgedacht: »Ich habe innige Sehnsucht, mich von Jesu Jüngern taufen und mir von ihnen in seinem Namen die Hände auf den Kopf legen zu lassen. Vielleicht gewinne ich so Kraft von ihrer Kraft, um dieses Leben zu ertragen und um teilzuhaben an dem Geist, der in Gestalt feuriger Zungen auf sie herabkam. Zwar gehöre ich ebensowenig wie du dem jüdischen Volke an. Aber die Jünger taufen ohne Bedenken auch redliche Proselyten aus anderen Ländern, Männer, die sich beschneiden lassen und dem Gesetz in vollem Umfang gehorchen. Außerdem habe ich von sogenannten Tor-Proselyten gehört: gottesfürchtigen Männern, die, ohne sich der Beschneidung zu unterziehen, den Götzendienst meiden und Gott nicht lästern. Blutschande, Mord, Diebstahl und blutige Nahrung sind ihnen verboten, und sie müssen ein frommes Leben führen. Vielleicht würden die Jünger, wenn wir sie inständig darum bitten, uns als solche Tor-Proselyten taufen wollen.«
Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Von diesen Dingen weiß ich und habe oft daran gedacht. Seit mir Jesus von Nazareth, der Sohn Gottes, begegnet ist, habe ich keine anderen Götter. Es ist wohl auch nicht so besonders schwer, jene Gebote zu halten. Warum sollte ich etwa nicht das Fleisch auf jüdische Art geschlachteter Tiere essen? Fleisch ist Fleisch. Doch ich sehe nicht ein, wie mich das gottgefälliger machen sollte. Zu einem frommen Leben aber kann ich mich nicht verpflichten, weil ich, so sehr ich auch das Gute wünsche, nicht fromm bin. Das ist einer der wenigen Punkte, in denen ich mich genau kenne. Übrigens irrst du sehr, wenn du glaubst, die Jünger würden einen bloßen Tor-Proselyten taufen; da könnte ich noch so laut an das Tor pochen. Sie sind weniger barmherzig als ihr Meister.«
Myrina nickte, drückte meine Hand fest und erklärte willfährig: »Gewiß, das war ein kindischer Wunsch von mir. Ich glaube nicht, daß ich unter den Seinen mehr sein würde als jetzt, wenn sie mich tauften und mir die Hände auflegten. Wir wollen also dieser Hoffnung entsagen und Jesu Weg gehen, wie er selbst ihn uns gewiesen hat. Wir wollen beten, daß sein Wille geschehe und sein Reich komme. Er ist die Wahrheit und die Gnade. Ich glaube, uns genügt es, daß wir ihn gesehen haben.«
»Sein Reich …«, wiederholte ich. »Wir können nur warten. Aber wir sind zwei. Zu zweien muß es leichter sein, den Weg zu gehen, als allein. Das ist Jesu Gnadengeschenk für uns.«
Indes verließen wir Jerusalem nicht sofort. Zuerst wollte ich ja all dies zur Stütze des Gedächtnisses niederschreiben. Die letzten Ereignisse waren zwar kaum ungewöhnlicher als die vorangegangenen. Aber daß der Geist als Windesbrausen kam und sich in feurigen Zungen auf die zwölf Sendboten Jesu niederließ, wünschte ich genau festzuhalten, damit ich nie mehr an ihnen zweifeln oder ihre Handlungen nach dem eigenen Verstände beurteilen sollte.
Während dieser Zeit setzten die jüdischen Behörden Petrus und Johannes in Gewahrsam, mußten die beiden aber mit Rücksicht auf das Volk schon am nächsten Tage wieder freilassen. Und die Sendboten ließen sich durch Drohungen nicht einschüchtern. Mutig setzten sie ihre Predigt fort. Ich glaube, seit sie durch ihre Kraft den Lahmen an der Schönen Pforte des Tempels geheilt hatten, haben sich ihnen wieder etwa zweitausend Menschen angeschlossen. Und auch alle diese neuen Anhänger begannen, in ihren Häusern im Namen Jesu Christi das Brot zu brechen und den Wein als Unsterblichkeitstrank zu segnen. Niemand unter ihnen leidet Not. Denn die Reichen verkaufen ihre Häuser und Felder, und jeder erhält, was er braucht. Ich glaube, sie tun es, weil sie noch alles wie in einem Spiegel sehen und damit rechnen, das Reich könnte jeden Tag kommen. Daß Simon von Kyrene seinen Landbesitz verkauft hätte, habe ich allerdings nicht gehört.
Nachdem ich alles niedergeschrieben hatte, erhielt ich aus der Burg Antonia einen Hinweis, wonach Pontius Pilatus wünschte, ich möge sofort Jerusalem und überhaupt seinen Verwaltungsbezirk Judäa verlassen. Täte ich es nicht freiwillig, so würde ich von Legionären festgenommen und dem Statthalter in Cäsarea vorgeführt werden. Warum er so gegen mich vorgeht, weiß ich nicht; offenbar hält er aus irgendeinem Grunde meine weitere Anwesenheit in Judäa vom römischen Standpunkt aus für unerwünscht. Aber ich möchte dem Manne nicht mehr begegnen, und so haben Myrina und ich beschlossen, nach Damaskus zu übersiedeln. Wir wählten diese Stadt wegen eines Traumes, den Myrina hatte. Ich habe gegen Damaskus nichts einzuwenden; zumindest liegt es in einer Richtung, die der nach Alexandria entgegengesetzt ist.
Ehe wir abreisten, führte ich Myrina auf den Hügel außerhalb des Stadttores, wo ich bei meiner ersten Ankunft in Jerusalem Jesus von Nazareth zwischen zwei Verbrechern auf dem Kreuze hatte hängen sehen. Ich zeigte ihr auch den nahen Garten und die Gruft, in die Jesus nach seinem Tode gelegt worden war und aus der er auferstand, während die Erde bebte. Aber sein Reich war nicht mehr dort.