Von Fenius Rufus gehen meine Gedanken zu Tigellinus. Man hatte vor Nero schlecht über Tigellinus zu sprechen begonnen und flüsterte dem Kaiser warnend ins Ohr, er setzte, indem er mit ihm Umgang pflegte, seinen Ruf aufs Spiel. Allzu rasch sei Tigellinus nach seiner Ernennung zum Präfekten reich geworden, und die vielen unüberlegten Geschenke Neros genügten nicht als Erklärung, obgleich dieser die Gewohnheit hatte, seine Freunde so reich zu machen, daß sie in den Ämtern, in die er sie einsetzte, nicht der Versuchung erlagen, Bestechungsgelder anzunehmen. Wie weit es mit der Freundschaft wirklich her war, weiß man trotz allem nicht. Ich möchte behaupten, daß ein Gewaltherrscher gar keine echten Freunde haben kann.

Die schlimmste Anklage gegen Tigellinus war in Neros Augen die, daß er in jungen Jahren Agrippinas heimlicher Liebhaber gewesen und deshalb aus Rom verbannt und zu einem armseligen und gefährlichen Dasein verurteilt worden sei. Als Agrippina die Gemahlin des Claudius wurde, richtete sie es so ein, daß Tigellinus zurückkehren konnte und zugleich mit ihm auch Seneca, der seinerseits ein zweifelhaftes Verhältnis mit Agrippinas Schwester gehabt hatte. Ich glaube zwar nicht, daß Tigellinus und Agrippina ihre frühere Beziehung wieder aufnahmen – jedenfalls nicht, solange Claudius lebte –, aber eine gewisse Schwäche hatte er immer für sie gehabt, obwohl er dann ihre Ermordung aus politischen Gründen nicht verhindern konnte.

Wie dem auch sei: Nero hatte Ursache genug, den erfahrenen Fenius Rufus wieder neben Tigellinus zum zweiten Prätorianerpräfekten zu ernennen. Er behandelte die ausländischen Prozesse, und Tigellinus kümmerte sich um die militärischen Angelegenheiten. Tigellinus war begreiflicherweise erbittert, denn nun versiegten seine besten Einnahmequellen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß ein Mensch noch so reich sein kann: er wird darum immer noch darauf bedacht sein, sein Vermögen zu vermehren. Das ist nicht tadelnswerte Habgier, sondern ein Streben, das gleichsam in der Natur des Reichtums begründet und stärker als der Mensch ist.

Aufgrund der verworrenen wirtschaftlichen Lage stiegen die Preise unaufhaltsam weiter, und schließlich machte die, Steigerung mehr aus als das Fünftel, um das Nero den Münzwert gesenkt hatte. Nero erließ zahllose Verordnungen, um die Preise zu halten und die Wucherer zu bestrafen, aber die Folge davon war nur, daß die Waren verschwanden. In den Hallen und auf dem Markt konnten die Leute bald weder Fleisch noch Linsen oder Grün und Wurzelgemüse kaufen, sondern mußten weite Wege aufs Land hinaus wandern oder sich an die Händler halten, die in der Morgendämmerung mit ihren Körben von, Haus zu Haus schlichen und den Ädilen trotzten, indem sie zu Oberpreisen verkauften.

Ein wirklicher Mangel herrschte bei alledem nicht. Es verhielt sich eben nur so, daß niemand seine Ware zu einem unnatürlichen Zwangspreis hergeben wollte, sondern lieber faulenzte oder seine Vorräte einschloß. Wenn man beispielsweise neue Festsandalen, eine gute Tunika oder auch nur eine Spange brauchte, mußte man zunächst einmal bitten und betteln, bis der Händler endlich die begehrte Ware unter dem Ladentisch hervorholte, und dann auch noch gegen das Gesetz verstoßen, indem man den richtigen Preis dafür zahlte.

Aus all diesen Gründen breitete sich die Verschwörung des Piso aus wie ein Lauffeuer, als bekannt wurde, daß einige entschlossene Männer, zumeist Angehörige des Ritterstandes, bereit waren, die Macht zu ergreifen und Nero zu stürzen, sobald sie sich einig waren, wie die Macht aufzuteilen sei und wer an die Stelle des Kaisers treten solle. Die Wirtschaftskrise bewirkte, daß man in der Verschwörung Roms einzige Rettung erblickte und um jeden Preis daran teilnehmen wollte. Sogar Neros engste Freunde hielten es für vorteilhaft, sie zu unterstützen. Man nahm selbstverständlich an, daß die Verschwörung glücken werde, denn nicht nur in Rom, sondern auch in den Provinzen herrschte allgemeine Unzufriedenheit, und es fehlte wahrhaftig nicht an Geld, um sich die Mitwirkung der Prätorianer zu sichern, wenn es einmal so weit war.

Fenius Rufus, der neben seinem Präfektenamt noch immer die Getreidevorräte verwaltete, weil man bis dahin keinen ehrlichen Mann gefunden hatte, schloß sich ohne Zögern der Verschwörung an. Er erlitt aufgrund der gewaltsam niedergehaltenen Getreidepreise ungeheure Verluste und war binnen kurzer Zeit verschuldet. Nero wollte nicht begreifen, daß die Staatskasse den Unterschied zwischen dem wirklichen Preis und dem Zwangspreis hätte ausgleichen müssen. Die Großgrundbesitzer in Ägypten und Afrika waren jedenfalls nicht bereit, ihr Getreide zum Zwangspreis zu verkaufen, sondern lagerten es lieber und ließen schlimmstenfalls die Felder brachliegen.

Außer Rufus schlossen sich von den Prätorianern sowohl Kriegstribunen als auch Zenturionen ganz offen der Verschwörung an. Die Prätorianer selbst waren verbittert, weil man ihnen ihren Sold mit den neuen Münzen und ohne eine entsprechende Erhöhung auszahlte. Die Verschwörer fühlten sich ihrer Sache so sicher, daß sie ihr Unternehmen, von einigen strategisch wichtigen italischen Städten abgesehen, ganz auf Rom beschränken wollten und jede Hilfe aus den Provinzen zurückwiesen, wodurch sie mächtige und einflußreiche Persönlichkeiten vor den Kopf stießen.

Meiner Ansicht nach war ihr größter Fehler der, daß sie glaubten, ohne Hilfe der Legionen auszukommen, obwohl zumindest die am Rhein und in Britannien stehenden ihnen sofort beigesprungen wären. Corbulo im Osten würde sich vermutlich nicht beteiligt haben, denn er war nur Feldherr und wollte dem gesetzlichen Herrscher des Reiches gehorchen. Er hatte nichts als seinen parthischen Krieg im Kopf, und im übrigen mangelte es ihm an politischem Ehrgeiz. Ich glaube, er war einer der wenigen, die nicht einmal gerüchtweise von dem Plan hörten.

Seit ich meine eigenen Angelegenheiten geordnet hatte, dachte ich wohl kaum noch an die Not des Volkes. Ich war nun fünfunddreißig Jahre alt. In diesem Alter ist ein Mann reif für eine wirkliche Leidenschaft und sehnt sich nach einer ebenbürtigen, erfahrenen Frau. Man hat genug mit unreifen Mädchen gespielt und kann in ihnen bestenfalls noch einen gelegentlichen Zeitvertreib sehen.

Es fällt mir noch immer schwer, offen über das zu sprechen. was nun folgte. Ich begann Antonia zu besuchen, in aller Heimlichkeit, wie man sich denken kann, und ging immer öfter zu ihr. Wir hatten einander so erstaunlich viel zu sagen, daß ich bisweilen ihr schönes Lusthaus auf dem Palatin erst in der Morgendämmerung verlassen konnte. Sie war eine Tochter des Claudius und hatte somit ihren Anteil an des Marcus Antonius verderbtem Blut. Zudem war sie mütterlicherseits eine Aelierin. Ihre Mutter war eine Adoptivschwester des Sejanus. Das dürfte dem Wissenden als Erklärung genügen.

Wenn Du, Julius, mich nun daran erinnern willst, daß auch Deine Mutter Claudia eine Tochter des Claudius ist, so muß ich dazu sagen, daß sie sich nach Deiner Geburt und auch schon nach ihrem früheren mühevollen Leben merklich beruhigt hatte und einem Manne keine rechte Gefährtin mehr war. Ich litt in diesen Dingen einen Mangel, der mich krank machte, bis die heiße Freundschaft mit Antonia mich heilte.

An einem Frühlingsmorgen hörte ich aus Antonias Mund zum erstenmal von der Verschwörung des Piso. Es dämmerte, die Vögel hatten eben zu singen begonnen, die Blumen dufteten in Antonias Garten, in dem man neue Büsche und Bäume gepflanzt hatte, um die Spuren des großen Brandes auszutilgen. Müde von all der Freude und Freundschaft stand ich mit Antonia Hand in Hand gegen eine der schlanken korinthischen Säulen ihres Lusthauses gelehnt, ohne mich von ihr trennen zu können, obwohl wir schon vor Stunden begonnen hatten Abschied zu nehmen.

»Minutus, Liebster …«, sagte sie. Ich handle vielleicht nicht recht, indem ich ihr Geständnis wortgetreu wiedergebe, doch ich habe, als ich von Sabina sprach, mit aller Aufrichtigkeit Dinge beschrieben, die einen Unwissenden dazu verleiten könnten, an meiner Mannheit zu zweifeln. »Ach Liebster«, sagte sie also. »Noch kein Mann ist so gut und zärtlich zu mir gewesen und hat mich so liebevoll in seine Arme genommen wie du. Deshalb weiß ich nun, daß ich dich liebe, ewiglich und für alle Zeiten. Ich möchte, daß wir uns noch nach dem Tode als Schatten in den elysischen Gefilden treffen.«

»Warum sprichst du von Elysium?« fragte ich und dehnte die Brust. »Wir sind glücklich, jetzt und hier. Auch ich bin glücklicher als je zuvor. Denken wir nicht an Charon. Wenn ich einmal sterbe, will ich gern ein Goldstück in den Mund nehmen, um ihm ein Fährgeld zu zahlen, das deiner würdig ist.« Sie streichelte mit ihren schmalen Fingern meine Hand und sagte: »Minutus, es gibt etwas, was ich dir nicht mehr verbergen kann und nicht verbergen will. Ich weiß nicht, wer dem Tode nähersteht, du oder ich. Neros Zeit läuft ab. Ich möchte nicht, daß du mit ihm zugrunde gehst.«

Ich blickte sie in stummer Verwunderung an, und sie berichtete mir flüsternd alles, was sie über die Verschwörung und deren Führer wußte. Sie gestand mir, daß sie versprochen hatte, sie werde, wenn die Stunde gekommen und Nero tot sei, dem neuen Herrscher ins Lager der Prätorianer folgen und dort für ihn sprechen, obgleich freilich ein Geldgeschenk besser imstande sei, die Veteranen zu überzeugen.

»Im Grunde fürchte ich nicht für mein Leben, sondern für das deine, mein Geliebter«, versicherte Antonia. »Du bist als Freund Neros bekannt und hast es auch sonst nicht verstanden, dir die richtigen Verbindungen zu schaffen. Das Volk wird Blut fordern, sobald Nero tot ist, und auch die allgemeine Sicherheit verlangt, daß Blut vergossen wird, um Gesetz und Ordnung zu bekräftigen. Ich möchte nicht, daß du den Kopf verlierst oder daß dich, den heimlichen Anweisungen gehorchend, die wir ausgeben müssen, bevor wir uns ins Lager der Prätorianer begeben, ein Volkshaufe auf dem Forum zu Tode trampelt.«

Mir schwindelte, und ich fühlte meine Knie schwach werden. Als ich sie noch immer stumm anstarrte, wurde Antonia ungeduldig, stampfte mit ihrem schönen Fuß auf den Boden und sagte: »Begreifst du denn nicht, wie die Dinge stehen? Die Verschwörung hat so weite Kreise gezogen und die allgemeine Unzufriedenheit ist so groß, daß der Plan nun jeden Tag ins Werk gesetzt werden kann. Wer noch einen Rest Vernunft besitzt, schließt sich uns an, um seine Haut zu retten. Man tut nicht nur so, als überlegte man, wo und wann man Nero am besten ermorden könnte. Es kann nun jeden Tag wirklich geschehen. Einige seiner engsten Freunde haben sich zu uns geschlagen und den Eid geschworen, und von deinen eigenen Freunden will ich nur Senecio, Petronius und Lucanus nennen. Die Flotte in Misenum ist auf unserer Seite. Epicharis, die du zumindest dem Namen nach kennst, hat Volucius Proculus verführt, wie einst Octavia Anicetus zu verführen versuchte.«

»Ich kenne Proculus«, sagte ich kurz.

»Ja, gewiß«, sagte Antonia mit plötzlicher Einsicht. »Er gehörte zu den Mördern meiner Stiefmutter, aber sei ohne Sorge, mein Lieber. Ich habe Agrippina nicht geliebt und nur aus Gründen der Schicklichkeit nicht an den Dankopfern nach ihrem Tode teilgenommen. Denk nicht mehr an diese alte Geschichte. Schließe dich so rasch wie möglich unserer Verschwörung an und rette dein Leben. Wenn du noch lange zauderst, kann dir auch meine Fürsprache nicht mehr helfen.«

Mein erster vernünftiger Gedanke war, offen gestanden, unverzüglich zu Nero zu laufen und ihm alles zu berichten. Ich wäre zeit meines Lebens seiner Gunst sicher gewesen. Antonia war erfahren genug, um mir vom Gesicht abzulesen, was ich dachte. Sie strich mir mit den Fingern über die Lippen, ließ ihr Gewand über ihren schönen Busen niedergleiten und fragte mich mit zur Seite geneigtem Kopf: »Du wirst mich doch nicht enttäuschen, Minutus? Nein, das ist unmöglich. Wir lieben uns und sind füreinander geboren. Du hast es selbst im Rausch des Augenblicks so oft gesagt.«

»Nein, nein, gewiß nicht. Wie kannst du so etwas denken?« sagte ich rasch. Sie lachte und zuckte ihre nackten Schultern.

»Glaube nicht, daß ich die Sache nicht gründlich durchdacht hätte«, fuhr sie fort. »Das Wichtigste für mich wie für die anderen Verschwörer ist an und für sich nicht Neros Tod, sondern die Frage, wer nach ihm die Macht übernehmen soll. Darüber verhandeln die Verschwörer Nacht für Nacht, und jeder hat seine eigenen Ansichten.«

»Gajus Piso«, sagte ich mißbilligend. »Ich verstehe nicht recht, warum gerade er der große Name sein soll. Er ist zwar Senator und ein Calpurnius und sieht gut aus, aber deshalb weiß ich noch immer nicht, liebe Antonia, was du so Großes in ihm siehst, daß du das Leben für ihn wagen und ihm ins Lager der Prätorianer folgen willst.«

Um ehrlich zu sein: mich quälte die Eifersucht. Ich kannte Antonia und wußte, daß sie nicht so unnahbar war, wie man aufgrund ihrer Haltung und ihres hochfahrenden Wesens hätte meinen mögen. Erfahrener als ich war sie ohne Zweifel, obwohl ich mir eingebildet hatte, einiges gelernt zu haben. Ich beobachtete daher ängstlich ihr Mienenspiel. Es schien ihr zu gefallen, daß ich eifersüchtig war. Sie lachte auf, gab mir einen leichten Backenstreich und sagte: »Pfui, Minutus! Was unterstehst du dich, von mir zu denken! Ich würde nie im Leben um meines Volkes willen zu einem Kerl wie Piso ins Bett kriechen. So weit solltest du mich kennen! Ich wähle selbst, wen ich lieben will, und habe es nie anders gehalten. Außerdem setzte ich nicht auf Piso. Er ist nichts weiter als eine Art Strohmann und ahnt in seiner Einfalt nicht, daß die anderen bereits hinter seinem Rücken intrigieren. Tatsächlich fragt man sich, was es dem Reiche nützen sollte, einen Zitherspieler gegen einen Komödianten auszutauschen. Piso ist öffentlich im Theater aufgetreten und hat damit wie Nero seinem Ansehen geschadet. Es gibt Männer, die die Republik wiedereinführen und alle Macht dem Senat geben wollen. Ich sage das nur, um dir zu zeigen, daß die Verschwörer die verschiedensten Ziele verfolgen und daß daher die Ermordung Neros noch aufgeschoben werden muß. Ich habe es abgelehnt, zugunsten des Senats zu den Prätorianern zu gehen. Das würde mir als Kaisertochter schlecht anstehen.«

Sie betrachtete mich nachdenklich, las meine Gedanken und sagte: »Ich weiß, was dir durch den Sinn geht, aber glaube mir, es wäre zu früh, an deinen Sohn Claudius Antonianus zu denken. Er ist noch ein Wickelkind, und Claudias Ruf ist so zweifelhaft, daß man von ihm erst sprechen darf, wenn er die Toga trägt und Claudia tot ist. Es wird dann auch leichter für mich sein, ihn als meinen Neffen anzuerkennen. Wenn du es aber verstehst, dir einen Platz in der Verschwörung des Piso zu verschaffen, nützest du nicht nur dir selbst, sondern kannst auch Claudius Antonianus den Weg bereiten. Wie du siehst, habe ich nur an dich gedacht. Vorerst aber tun wir gut daran, Claudia leben und den Knaben erziehen zu lassen. Es wäre gar zu auffällig, wenn ich ihn gleich nach Neros Tod adoptierte oder auf sonst eine Weise zu meinem Sohne machte.«

Zum erstenmal deutete Antonia offen an, daß sie trotz meinem schlechten Ruf und meiner niedrigen Geburt bereit war, sich mit mir zu vermählen. An eine solche Ehre hatte ich selbst in den Augenblicken der größten Vertrautheit nicht zu denken gewagt. Ich fühlte, wie ich errötete, und wußte darauf noch weniger zu sagen als auf ihren Bericht von der Verschwörung des Piso. Antonia lächelte mich an, erhob sich auf Zehenspitzen und küßte mich leichtfertig auf den Mund, wobei sich ihr seidenweiches Haar an meinen Hals schmiegte.

»Ich habe dir gesagt, daß ich dich liebe, Minutus«, flüsterte sie mir heiß ins Ohr. »Und am meisten liebe ich dich darum, daß du so bescheiden bist und deinen eigenen Wert nicht begreifst. Du bist ein Mann, ein herrlicher Mann, und vor allem ein Mann, den eine kluge Frau auf ein hohes Ziel lenken kann.«

Das erschien mir recht zweideutig und nicht ganz so schmeichelhaft für mich, wie Antonia vielleicht glaubte. Aber recht hatte sie. Sowohl Sabina als auch Claudia hatten mich so behandelt, daß ich mich um des Friedens willen in mein Schicksal fügte und tat, was sie von mir verlangten. Und doch war Antonia ganz anders zu mir. Ich weiß nicht, wie es kam, aber plötzlich gingen wir ins Haus zurück, um noch einmal Abschied voneinander zu nehmen.

Es war ein hellichter Tag, und im Garten arbeiteten schon die Sklaven, als ich endlich mit unsicheren Schritten und wirr im Kopf zu meiner Sänfte ging, die ich benutzte, um nicht unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Heiße Schauer durchrieselten mich noch immer, und ich fragte mich, wie ich bei so viel Liebe die fünfzehn Jahre aushalten sollte, bis Du endlich die Toga anlegen würdest.

Jedenfalls stak ich nun bis über beide Ohren in der Verschwörung des Piso und hatte unter tausend Küssen geschworen, mir eine Stellung zu verschaffen, in der ich nach Antonias Bestem sehen konnte. Ich glaube, ich hatte sogar geschworen, mit meinen eigenen Händen Nero zu ermorden, wenn es sein müßte. Antonia meinte jedoch, es sei nicht nötig, daß ich mich um ihretwillen einer solchen Gefahr aussetzte. Sie belehrte mich außerdem, daß es sich für den Vater eines künftigen Kaisers nicht schickte, selbst einen Kaisermord zu begehen. Das könnte sich eines Tages für Dich, mein Sohn, unheilvoll auswirken.

Ich war gewiß in meinem ganzen Lehen noch nie so glücklich gewesen wie in diesen heißen Frühlingstagen. Ich war gesund, kräftig und für römische Begriffe ziemlich unverdorben. In vollen Zügen, in reichstem Maße konnte ich meine Leidenschaft genießen. Es war, als wollte mir alles, was ich mir vornahm, glücken und hundertfach Früchte tragen, wie es einem nur einmal im Leben geschieht. Ich lebte wie im Traum, wie in einem Rausch, und das einzige, was mich störte, waren Claudias Nörgelei und ihre ständigen neugierigen Fragen, wohin ich ginge und woher ich käme. Es gefiel mir nicht, daß ich sie belügen mußte, vor allem weil Frauen in diesen Dingen hellsichtig sind und einen früher oder später durchschauen. Ich setzte mich zunächst mit Fenius Rufus in Verbindung, dessen guter Freund ich dank meinen Getreidegeschäften geworden war. Er bekannte mir ohne Zögern, daß er der Verschwörung des Piso angehörte und zählte mir die Namen der Prätorianer, Kriegstribunen und Zenturionen auf, die sich durch Eid verpflichtet hatten, ihm, und nur ihm, zu gehorchen, sobald Nero aus dem Wege geräumt war.

Rufus war offensichtlich erleichtert, als er bemerkte, daß ich mir selbst von der Verschwörung Kenntnis verschafft hatte. Er entschuldigte sich viele Male und beteuerte, nur sein Eid habe ihn daran gehindert, mich schon früher einzuweihen. Nun versprach er mir bereitwillig, bei Piso und den anderen Anführern der Verschwörung ein Wort für mich einzulegen. Es war nicht Rufus’ Schuld, daß der hochmütige Piso und andere Calpurnier mich von oben herab behandelten, was ich ihnen sehr übelgenommen hätte, wenn ich empfindlicher gewesen wäre.

Sie ließen sich nicht einmal durch die Geldmittel beeindrucken, die ich ihnen und ihrer Sache zur Verfügung stellen wollte, sondern sagten, sie hätten bereits genug. Daß ich sie anzeigen könnte, fürchteten sie nicht. Dazu waren sie ihres Sieges zu gewiß. Im Gegenteil, Piso selbst gab mir auf seine unverschämte Art zu verstehen, er kenne mich und meinen Ruf gut genug, um zu wissen, daß ich den Mund halten würde, um meine eigene Haut zu retten. Meine Freundschaft mit Petronius und dem jungen Lucanus half mir jedoch immerhin so viel, daß ich den Eid ablegen und mit Epicharis zusammentreffen durfte, dieser geheimnisvollen Römerin, deren Einfluß und Anteil an der Verschwörung ich nicht ganz verstand.

Als ich so weit gekommen war, begann zu meiner Verwunderung Claudia eines Tages von der Verschwörung zu sprechen. Mit vorsichtigen Andeutungen und Umschreibung horchte sie mich unter vier Augen so lange aus, bis sie die Gewißheit hatte, daß ich zumindest nicht vom Fleck weg zu Nero laufen würde, um ihm zu erzählen, was sie mir zu sagen hatte, und sie war sowohl erleichtert als auch erstaunt, als ich ihr mitleidig lächelnd sagte, daß ich längst einen Eid abgelegt hatte, um der Freiheit des Vaterlandes willen den Tyrannen zu stürzen.

»Ich begreife nicht, wie sie einen Kerl wie dich nehmen konnten«, fauchte sie höhnisch. »Nun müssen sie so rasch wie möglich handeln, sonst ist der Plan in aller Leute Mund. Das ist die größte Niedertracht, von der ich je gehört habe! Bringst du es wirklich mir nichts, dir nichts fertig, Nero zu verraten, der dir so viel Gutes getan hat und den du als deinen Freund betrachtest?«

Ich bewahrte meine Würde und entgegnete ruhig, Nero habe mich durch sein eigenes Verhalten dazu getrieben, mehr an das Wohl des Staates zu denken als an eine Freundschaft, gegen die er mehr als einmal verstoßen hatte. Ich selbst hätte zwar, dank meiner Wachsamkeit, durch die Münzverschlechterung nicht allzuviel verloren, doch das Weinen der Witwen und Waisen klinge mir schmerzlich in den Ohren, ich dächte an die Not der Bauern und der kleinen Handwerker und sei daher bereit, meine Ehre zum Wohle des ganzen römischen Volkes auf dem Altar des Vaterlandes zu opfern.

Ich hätte meine Absichten vor Claudia geheimgehalten, sagte ich, weil ich fürchtete, sie könnte mich daran hindern wollen, mein Leben für die Freiheit einzusetzen. Nun hoffte ich, sie werde verstehen, daß ich über mein Tun und Treiben geschwiegen hatte, um sie nicht in Gefahr zu bringen, indem ich sie zur Mitwisserin machte.

Claudia war jedoch nach wie vor mißtrauisch, denn sie kannte mich gut. Gleichwohl mußte sie zugeben, daß ich recht handelte. Sie hatte nach langem Zögern selbst schon daran gedacht, mir zuzureden und, wenn es sein mußte, mich zu zwingen, mich der Verschwörung anzuschließen, da dies um meiner und um Deiner Zukunft willen nötig war.

»Du wirst bemerkt haben, daß ich dich schon lange nicht mehr mit den Christen belästigt habe«, sagte Claudia. »Es besteht kein Anlaß mehr, ihnen zu erlauben, sich heimlich bei uns zu versammeln. Sie haben nun ihre eigenen sicheren Zufluchtsorte. Ich mag meinen Sohn Clemens nicht dieser Gefahr aussetzen, obgleich ich selbst mich furchtlos als Christin bekenne. Zudem haben sich die Christen als schwach und unzuverlässig erwiesen. Neros Tod würde ihnen nur zum Vorteil gereichen und wäre zugleich eine Art Rache für seine bösen Taten, aber denk nur, sie wollen nichts mit der Verschwörung zu schaffen haben, obwohl sie nicht mißlingen kann. Ich verstehe sie nicht mehr. Sie sagen nur, man dürfe nicht töten und die Rache stehe ihnen nicht zu.«

Ich war entsetzt und sagte: »Du mußt den Verstand verloren haben. Wie kannst du die Christen in diese Sache hineinziehen, bei der ohnehin schon viel zu viele die Hände mit im Spiel haben! Es wird sie außerdem niemand haben wollen, das darfst du mir glauben. Der künftige Herrscher wäre gezwungen, ihnen von vornherein Sonderrechte zu geloben, und es ist schon genug, ja mehr als genug, daß die Juden ihre Privilegien haben.«

Claudia sah ihre Dummheit wohl ein, erwiderte aber zornig: »Man kann immerhin fragen, das schadet niemandem. Sie sagen, sie hätten sich bisher nicht in die Politik eingemischt und gedächten auch in Zukunft der Obrigkeit zu gehorchen, wie immer diese Obrigkeit beschaffen sein möge. Sie hätten ihr eigenes Reich, das kommen werde, sagen sie, aber ich bin es nun müde, darauf zu warten. Als Tochter des Claudius und Mutter meines Sohnes muß ich wohl auch ein wenig an die weltliche Macht denken. Kephas, der immerzu nur von Gehorsam schwatzt, ist in meinen Augen ein Feigling. Das unsichtbare Reich mag eine schöne Sache sein, aber seit ich Mutter bin, rückt es mir immer ferner, und ich fühle mich mehr als Römerin denn als Christin. Die verworrene Lage bietet uns die beste Möglichkeit, die Welt zu verändern, nun da alle Menschen um jeden Preis Frieden und Ordnung wünschen.«

»Die Welt verändern … Was soll das heißen?« fragte ich mißtrauisch. »Bist du bereit, vorsätzlich Tausende, vielleicht Millionen Menschen in Hunger und Not zu stürzen, ja in den Tod zu treiben, um für deinen Sohn, bis er die Toga anlegt, ein günstiges politisches Klima zu schaffen?«

»Die Republik und die Freiheit sind Dinge, für die schon so mancher tapfere Mann bereit war, sein Leben dranzugehen«, sagte Claudia gereizt. »Mein Vater Claudius sprach oft mit großer Achtung von der Republik, und er hätte sie gern wiedereingeführt, wenn es möglich gewesen wäre. Er sagte es oft genug in seinen weitschweifigen Reden in der Kurie, wenn er sich über die Last der Alleinherrschaft beklagte.«

»Du hast selbst oft genug behauptet, dein Vater sei ein wahnsinniger, ungerechter und grausamer Lüstling gewesen«, erwiderte ich. »Erinnere dich, daß du seine Statue in der Bibliothek bespucktest, als wir uns zum erstenmal begegneten. Es ist unmöglich, die Republik wiedereinzuführen. Dieser Plan findet nicht genug Unterstützung. Die Frage ist nur, wen wir zum Kaiser machen sollen. Piso halte ich für zu unbedeutend, und ich weiß, daß du mir recht gibst. An wen hast du gedacht?« Claudia sah mich nachdenklich an und sagte plötzlich mit gespielter Unschuld: »Was meinst du zu Seneca?«

Im ersten Augenblick entsetzte mich dieser Gedanke. »Was nützt es, einen Zitherspieler gegen einen Philosophen auszutauschen?« fragte ich. Je mehr ich jedoch darüber nachdachte, desto schlauer fand ich Claudias Vorschlag. Sowohl das Volk als auch die Provinzen waren der Meinung, daß die ersten fünf Jahre Neros, in denen Seneca regierte, die glücklichste Zeit gewesen waren, die Rom je erlebt hatte. Noch heute – da wir sogar für die Benutzung der öffentlichen Abtritte Steuern zahlen müssen – spricht man davon als von einer goldenen Zeit.

Seneca war ungeheuer reich. Man schätzte sein Vermögen auf dreihundert Millionen Sesterze, aber ich wußte, daß das zu knapp geschätzt war. Das beste aber war, daß Seneca schon sechzig Jahre zählte. Dank seinen stoischen Lebensgewohnheiten konnte er noch gut fünfzehn Jahre leben. Daß er in ländlicher Abgeschiedenheit wohnte, dem Senat fernblieb und nur selten die Stadt besuchte, war nichts als Schein, um Nero zu beruhigen.

Die Diät, die er seines Magenleidens wegen einhielt, hatte ihm gutgetan. Er war schlank geworden und keuchte beim Gehen nicht mehr. Auch die feisten Wangen, die einem Philosophen so schlecht anstehen, hatte er verloren. Man konnte sich vorstellen, daß er gut regieren, niemanden verfolgen und als erfahrener Geschäftsmann das Wirtschaftsleben fördern und mit den Staatsgeldern gut haushalten würde. Und wenn sein Ende nahte, würde er vielleicht freiwillig bereit sein, die Macht einem jungen Manne zu übergeben, der in seinem Geiste erzogen worden war.

Senecas sanfte Gemütsart und Menschenliebe entsprachen in hohem Maße der Lehre der Christen. In einem naturwissenschaftlichen Werk, das er unlängst geschrieben hatte, deutete er an, daß es, in der Natur und im All verborgen, geheime Mächte gebe, die menschliche Vernunft überstiegen, so daß das Seiende und Sichtbare nicht mehr sei als ein dünner Schleier, der etwas Unsichtbares verdeckt. Er hatte mit Paulus Briefe gewechselt, und ich könnte nicht mit Gewißheit sagen, wer von den beiden in seinen Schriften die Gedanken des andern entlehnte. Paulus schrieb ebenso fleißig Briefe, wie Seneca seine philosophischen Gedanken in Briefform ausdrückte.

Als ich all dies bedacht hatte, schlug ich vor Verwunderung die Hände zusammen und rief: »Claudia, du bist ein politisches Genie, und ich bitte dich, mir meine bösen Worte zu verzeihen!«

Selbstverständlich sagte ich ihr nicht, daß ich mir, indem ich Seneca vorschlug und sodann unterstützte, die Schlüsselstellung in der Verschwörung verschaffen konnte, die ich anstrebte. Auch wäre mir Senecas’ Dankbarkeit gewiß gewesen. Zudem war ich sozusagen einer seiner Schüler, und in Korinth hatte ich unter seinem Bruder als Kriegstribun gedient und dessen Vertrauen in geheimen Staatsgeschäften genossen. Und Senecas Vetter, der junge Lucanus, gehörte zu meinen besten Freunden, da ich nie genug des Lobes für seine Verse fand. Ich war ja selbst kein Dichter.

Wir plauderten noch lange im besten Einvernehmen, Claudia und ich, und gewannen, während wir eifrig dem Wein zusprachen, unserer Sache immer mehr gute Seiten ab. Zuletzt gingen wir zu Bett, und ich kam seit langem zum erstenmal wieder meinen ehelichen Pflichten nach, um jedes Mißtrauen, das sie etwa noch gegen mich hegte, zu zerstreuen.

Als ich dann neben ihr erwachte, vom Wein und von meiner Begeisterung erhitzt, dachte ich mit Kummer im Herzen daran, daß ich mich eines Tages um Deinetwillen von Deiner Mutter befreien mußte. Antonia konnte sich mit einer gewöhnlichen Scheidung nicht zufriedengeben. Claudia mußte sterben, doch erst in zehn oder fünfzehn Jahren, und bis dahin konnte viel geschehen. Noch oft werden bis dahin die Schmelzfluten des Frühjahrs unter den Tiberbrücken dahinströmen, sagte ich mir. Und dann gab es Seuchen und Krankheiten, unerwartete Unglücksfälle aller Art und über allem die Parzen, die die Geschicke der Menschen lenken. Ich brauchte mich nicht im voraus zu sorgen, wie das Unausweichliche einst geschehen sollte.

Claudias Plan erschien mir so ungewöhnlich, aber auch so selbstverständlich, daß ich es nicht für nötig hielt, mit Antonia darüber zu sprechen. Wir durften uns nur selten und heimlich treffen, damit kein böses Gerede entstand und Nero, der Antonia aus politischen Gründen beobachten ließ, nicht Verdacht schöpfte.

Ich reiste unverzüglich selbst zu Seneca, indem ich vorgab, ich hätte in Praeneste einige Geschäfte zu besorgen und wollte dem alten Philosophen nur einen Höflichkeitsbesuch abstatten. Sicherheitshalber richtete ich es so ein, daß ich tatsächlich in Praeneste zu tun hatte.

Seneca empfing mich freundlich, und ich überzeugte mich, daß er auf seinem Gut mit seiner um die Hälfte jüngeren Gattin bequem und im Überfluß lebte. Anfangs saß er mir zwar ächzend und mit krummem Rücken gegenüber und jammerte über seine Krämpfe, aber als er erkannte, daß ich ernsthaft mit ihm zu sprechen wünschte, führte mich der alte Fuchs zu einem abseits gelegenen Lusthaus, wo er fern der Welt ein asketisches Leben führte und einem Schreiber seine Werke diktierte.

Um mir zu beweisen, daß er wirklich einfach und bescheiden lebte, zeigte er mir einen Bach, aus dem er mit der hohlen Hand sein Trinkwasser schöpfte, und einige Obstbäume, von denen er selbst sich pflückte, wonach es ihn gelüstete. Er erzählte mir auch, daß seine Gattin Paulina gelernt hatte, Korn mit einer Handmühle zu mahlen und Brot zu backen. Ich kannte diese Zeichen und begriff, daß er in der ständigen Furcht lebte, vergiftet zu werden. In seiner Geldnot konnte Nero nur allzu leicht Lust auf das Vermögen seines alten Lehrers bekommen und es auch sonst aus politischen Gründen für nötig erachten, sich seiner zu entledigen. Seneca hatte noch immer allzu viele Freunde, die ihn als Philosophen und Staatsmann schätzten, obgleich er um seiner Sicherheit willen nur selten Gäste empfing.

Ich kam ohne Umschweife zur Sache und fragte Seneca geradeheraus, ob er bereit sei, nach Nero die Imperatorwürde anzunehmen und im Reiche Frieden und Ordnung wiederherzustellen. Mit der Ermordung Neros brauchte er sich nicht zu belasten. Er mußte sich nur an einem bestimmten Tag in der Stadt aufhalten, bereit, sich mit vollen Geldsäcken zu den Prätorianern zu begeben. Nach meinen Berechnungen brauchte man etwa dreißig Millionen Sesterze, damit jeder Mann zweitausend bekam und die Kriegstribunen und Zenturionen ihrem Rang entsprechend mehr.

Fenius Rufus verlangte nichts. Er setzte lediglich voraus, daß die Staatskasse ihn später für die Verluste entschädigte, die er durch Neros Willkür erlitten hatte. Es genügte dazu, daß seine Schulden innerhalb einer angemessenen Frist bezahlt wurden. Ich beeilte mich außerdem zu erklären, daß ich bereit war, einen Teil des erforderlichen Betrages zu erlegen, wenn Seneca aus Gründen der Sparsamkeit nicht für den ganzen allein aufkommen wollte.

Seneca richtete sich auf und betrachtete mich mit einem Blick, in dem von Menschenliebe nichts zu lesen war. »Dich kenne ich durch und durch, Minutus«, sagte er. »Deshalb ist mein erster Gedanke der, daß Nero dich geschickt hat, um auf listige Art meine Treue zu erproben. Dazu würdest unter allen seinen Freunden du dich am besten eignen. Offenbar weißt du aber zu viel über die Verschwörung, da du sogar Namen aufzählen kannst. Wärst du ein Verräter, so würden schon einige Köpfe gerollt sein. Ich frage dich nicht nach deinen Beweggründen. Ich frage dich nur, wer dich ermächtigt hat, dich an mich zu wenden.«

Ich gab verlegen zu, daß mich dazu niemand ermächtigt hatte, sondern daß ich selbst auf diesen Gedanken verfallen war, weil ich ihn als den besten und edelsten Mann ansah, der über Rom herrschen konnte, und weil ich mir zutraute, ihm die Unterstützung der Verschwörer zu sichern, wenn er mir nur seine Zustimmung gab. Seneca beruhigte sich und sagte: »Glaube nicht, daß du der erste bist, der sich in dieser Sache an mich wendet. Pinos engster Vertrauter, Antonius Natalis, den du kennst, war unlängst bei mir, um meinen schlechten Gesundheitszustand zu beklagen und mich zu fragen, warum ich mich so entschieden weigerte, Piso zu empfangen und offen mit ihm zu verhandeln. Ich habe jedoch keine Ursache, einen Mann wie Piso zu stützen. Deshalb antwortete ich ihm, daß Mittelmänner vom Übel seien und eine persönliche Begegnung nicht ratsam, daß aber von nun an mein eigenes Leben von Pisos Sicherheit abhänge. Und das ist wahr. Wenn die Verschwörung aufgedeckt wird, wovor der unerklärliche Gott uns alle schützen möge, so stürzt ein einziger unvorsichtiger Besuch mich ins Verderben … Nero ermorden, das ist leichter gesagt als getan«, fuhr er nachdenklich fort. »Piso hätte die beste Möglichkeit dazu in seiner Villa in Baiae. Nero besucht sie oft ohne Leibwache, um zu baden und sich zu zerstreuen. Piso aber erklärte scheinheilig, er könne das Gastrecht nicht verletzen. Als ob ein Mann vom Schlage Pisos an irgendwelche Götter glaubte! Ein Mord an Nero würde aber auch in vielerlei Hinsicht Anstoß erregen. Lucius Silanus, um nur einen zu nennen, hat sich klug genug geweigert, ein so entsetzliches Verbrechen wie den Kaisermord gutzuheißen. Den Konsul Atticus Vestinus hat Piso selbst übergangen, denn Vestinus ist ein rühriger Mann, der ernstlich versuchen könnte, die Republik wieder zu errichten. Als Konsul hätte er die Möglichkeit, nach einem Mord die Macht an sich zu reißen.«

Ich erkannte, daß Seneca mehr über die Verschwörung wußte als ich und daß er als erfahrener Staatsmann alle Lose in Fortunas Hand sorgfältig gegeneinander ausgewogen hatte. Ich bat ihn daher, mir zu verzeihen, daß ich in meiner Ahnungslosigkeit, wenngleich in bester Absicht, seine Ruhe gestört hatte, und beteuerte ihm, er dürfe wegen meines Besuches unbesorgt sein, da ich nachweisbar Geschäfte in Praeneste hätte und es nur natürlich sei, daß ein Schüler bei solcher Gelegenheit seinen ehemaligen Lehrer aufsuche, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.

Ich hatte den Eindruck, daß Seneca letztere Bemerkung mißbilligte und mich nicht als seinen Schüler betrachten mochte. Er sah mich jedoch mitleidig an und erwiderte: »Ich will dir nur dasselbe sagen, was ich Nero zu lehren versuchte. Durch Verstellung und Liebedienerei kann man seine wirklichen Eigenschaften eine Zeitlang verbergen. Zuletzt aber wird die Komödie durchschaut und das Schaffell fällt vom Wolfe. Nero hat Wolfsblut in den Adern, mag er auch ein Schauspieler sein, und auch du, Minutus, hast es, obgleich von einem feigeren Wolf.«

Ich wußte nicht, ob ich mich durch seine Worte geschmeichelt oder gekränkt fühlen sollte, und fragte so beiläufig wie möglich, ob er glaube, daß Antonia an der Verschwörung teilhabe, und wenn ja, ob sie Piso stützte. Seneca schüttelte bekümmert seinen struppigen Kopf und sagte warnend: »An deiner Stelle würde ich Aelia Antonia nicht trauen. Der bloße Name erschreckt mich. In ihr strömt das verderbte Blut zweier uralter, gefährlicher Geschlechter zusammen. Über ihre Jugend weiß ich Dinge, von denen ich nicht sprechen mag. Ich warne euch nur. Nehmt sie, bei allen Göttern, nicht in die Verschwörung auf. Sie ist noch machtlüsterner als Agrippina, die trotz allen Verbrechen noch ihre guten Seiten hatte.«

Senecas Warnung gab mir einen Stich in die Brust, aber ich war vor Hebe blind und dachte, aus ihm spreche nur der Neid. Ein Staatsmann, der vor der Zeit beiseite geschoben wird, ist bitter gegen alle, und auch als Philosoph war Seneca wohl vom Leben enttäuscht. In seiner Mannesblüte war er keineswegs so sittenstreng gewesen, wie er die Leute nun gern glauben machte, und von Verstellung zu sprechen, stand ihm wohl an, denn diese Kunst beherrschte er selbst am besten.

Als wir uns trennten, gab er aufrichtig zu, daß er für sich selbst im Falle eines Staatsstreichs keine großen Möglichkeiten sehe. Er sei jedoch bereit, sagte er, an einem gewissen Tag nach Rom zu kommen, nur um zugegen zu sein und notfalls auch Piso zu unterstützen, da dieser sich ohnehin durch seine Eitelkeit und Verschwendungssucht über kurz oder lang unmöglich machen werde. Danach könnte der Augenblick vielleicht für ihn, Seneca, günstig sein.

»In Lebensgefahr schwebe ich nun ohnedies«, sagte er mit einem bitteren Lächeln. »Ich begebe mich daher in keine besondere Gefahr, wenn ich mich in Rom zeige. Kommt Piso an die Macht, so habe ich damit bewiesen, daß ich auf seiner Seite stehe. Wird die Verschwörung aufgedeckt, was ich befürchte, da ihr zu lange säumt, bin ich in jedem Fall des Todes. Aber der Weise fürchtet den Tod nicht. Er ist eine Schuld, die der Mensch eines Tages bezahlen muß, und es ist einerlei, ob dies früher oder später geschieht.«

Mir aber war gerade das nicht einerlei. Daher setzte ich mutlos meinen Weg nach Praeneste fort und dachte über seine unheilverkündenden Worte nach. Es schien mir das beste zu sein, Vorkehrungen für den Fall zu treffen, daß die Verschwörung aufgedeckt wurde. Der Weise legt nie alle seine Eier in denselben Korb.


Ich bin nach wie vor der Meinung, der Aufruhr hätte mit Hilfe der Legionen in den Provinzen eingeleitet werden müssen, und nicht in Rom. Das hätte freilich Blut gekostet, doch dafür bekommen die Soldaten schließlich ihren Sold. In Rom hätte sich dafür niemand der Gefahr auszusetzen brauchen. Aber Eitelkeit, Selbstsucht und Ehrgeiz sind allezeit stärker als die gesunde Vernunft.

Das Unheil nahm in Misenum seinen Anfang. Proculus fand, er sei seinerzeit für seine Verdienste um die Ermordung Agrippinas nicht hinreichend belohnt worden. Im Grunde war er ein ganz und gar untüchtiger Mensch, der nicht einmal zum Befehlshaber der Flotte taugte, wozu wahrhaftig nicht viel gehört. Anicetus war nur ein Barbier gewesen, aber er hatte sich wenigstens auf den Rat seiner erfahrenen Kapitäne verlassen.

Proculus dagegen wollte in seiner Überheblichkeit nur sein eigenes Urteil gelten lassen und schickte eines Tages die Flotte in See, obwohl man ihm davon abriet. An die zwanzig Kriegsschiffe zerschellten an den Klippen vor Misenum und gingen mit Mann und Maus unter. Die Mannschaften kann man ja jederzeit ersetzen, aber ein Kriegsschiff ist ein allzu kostbares Spielzeug!

Nero raste vor Zorn, obwohl Proculus darauf hinweisen konnte, daß er auf kaiserlichen Befehl auch bereit wäre, selbst ins Meer zu springen. Proculus gestand, einen solchen Befehl müsse er sich noch überlegen, da er nicht schwimmen könne. Darauf bemerkte Nero bitter, er tue gut daran, auch über andere Befehle nachzudenken, denn auf See gälten die Befehle der Elemente sogar mehr als die Neros. Einen neuen Flottenbefehlshaber könne er jederzeit einsetzen, aber zwanzig neue Kriegsschiffe bauen, das käme zu teuer. Er wolle die Sache aufschieben, bis das Goldene Haus fertig sei.

Proculus fühlte sich begreiflicherweise in seiner Ehre gekränkt und erlag daher um so leichter den Verlockungen der Epicharis. Epicharis war zudem eine schöne Frau und in der Kunst der Liebe sehr erfahren. Eine andere Kunst hatte sie, soviel man weiß, nicht ausgeübt, ehe sie sich der Verschwörung anschloß. Viele wunderten sich über ihren unerwarteten politischen Eifer, als sie die Verschwörer mit scharfen Worten ermahnte, rasch zu handeln.

Ich für meinen Teil glaube zu wissen, daß Epicharis Nero haßte, weil er einmal, nachdem er viel von ihr gehört hatte, selbst ihre Kunst erprobte und hernach in seiner Unbedachtheit einige abfällige Bemerkungen machte. Das konnte sie ihm nicht verzeihen, und von dieser Stunde an sann sie auf Rache.

Epicharis wurde schließlich des Zauderns der Verschwörer in Rom müde. Sie forderte Proculus auf, ans Werk zu gehen, seine Schiffe in Kampfbereitschaft zu versetzen und nach Ostia zu segeln. Doch Proculus besann sich anders. Als vorsichtige Frau hatte ihm Epicharis nicht verraten, wer an der Verschwörung teilnahm, und er wußte daher nicht, welches Ausmaß sie bereits angenommen hatte. Er wählte daher lieber den sicheren Weg, zumal er sich sagte, daß der den größten Lohn erhalten würde, der dem Kaiser als erster von der Verschwörung berichtete.

Er eilte zu Nero nach Rom und plauderte alles aus, was er wußte. In seiner Eitelkeit und weil er die Gunst des Volkes zu besitzen glaubte, schenkte Nero seinen Worten anfangs keinen rechten Glauben, vor allem weil seine Angaben viel zu unbestimmt waren. Er ließ jedoch Epicharis festnehmen und übergab sie Tigellinus zur peinlichen Befragung. Dies war eine Kunst, auf die sich Tigellinus am besten verstand, wenn er sie an einer schönen Frau erproben durfte, denn seit er sich mit Knaben abgab, haßte er die Frauen und genoß es, sie leiden zu sehen. Epicharis hielt jedoch tapfer stand. Sie leugnete alles und behauptete, Proculus schwatze Unsinn. Dagegen erzählte sie während der Folterung den Prätorianern so viel über des Tigellinus unnatürliche Neigungen, daß dieser keine Lust mehr verspürte, das Verhör fortzusetzen. Epicharis war da freilich schon so übel zugerichtet, daß sie nicht mehr gehen konnte.

Als sie von der Verhaftung der Epicharis erfuhren, begannen die Verschwörer sich endlich zu rühren. Die ganze Stadt wurde von Entsetzen ergriffen, denn so viele waren mit beteiligt und fürchteten für ihr Leben. Ein von Piso bestochener Zenturio versuchte Epicharis im Gefängnis zu ermorden, da die Verschwörer der Verschwiegenheit einer Frau nicht trauten. Die Gefangenenwärter hielten ihn jedoch zurück, denn Epicharis hatte sich durch ihre einzigartigen Schilderungen aus dem Leben des Tigellinus die Gunst der Prätorianer erworben.

Tags darauf sollte das Aprilfest der Ceres gefeiert werden, und in dem halbfertigen großen Zirkus sollten zu Ehren der Göttin des Erdsegens Wagenrennen stattfinden. Dies dünkte die Verschwörer die beste Gelegenheit, zur Tat zu schreiten, denn sonst zeigte sich Nero kaum noch in der Stadt, weil er im Goldenen Haus und in dessen riesigen Gärten genug Raum hatte, sich Bewegung zu verschaffen.

Man beschloß in aller Eile, daß die Verschwörer sich im Zirkus in Neros Nähe aufhalten sollten. Lateranus, ein hochgewachsener, furchtloser Mann, sollte sich bei passender Gelegenheit Nero zu Füßen werfen, als wollte er eine Gunst erbitten, und ihn zu Boden reißen. Sodann sollten die Kriegstribunen und Zenturionen und andere, die dazu den Mut aufbrachten, tun, als wollten sie Nero zu Hilfe eilen, und ihm mit ihren Dolchen den Garaus machen.

Flavius Scevinus bat darum, Nero den ersten Dolchstoß versetzen zu dürfen. Er war mit dem Stadtpräfekten, meinem ehemaligen Schwiegervater, verwandt und konnte daher ohne weiteres einen Platz in Neros unmittelbarer Nähe einnehmen. Er galt für einen durch sein liederliches Leben so verweichlichten Mann, daß nicht einmal Nero Ursache hatte, ihn zu fürchten. Zudem war er ein wenig wirr im Kopf und litt des öfteren an Trugbildern. Ich will damit nichts gegen die Flavier gesagt haben. Aber Flavius Scevinus bildete sich ein, ein Dolch, den er einmal in irgendeinem uralten Tempel gefunden hatte und stets bei sich trug, habe einst der Göttin Fortuna selbst gehört, und glaubte in seinem Wahn, dieser Dolch sei ein Zeichen dafür, daß er zu großen Taten ausersehen sei. Er zweifelte nicht einen Augenblick an seinem guten Glück, als er sich bereit erklärte, den ersten Stoß zu führen.

Piso sollte beim Cerestempel warten. Dort sollten ihn Fenius Rufus und andere Verschwörer abholen, um ihn zusammen mit Antonia ins Lager der Prätorianer zu begleiten. Von Seiten des Tigellinus erwartete man keinen Widerstand, sobald Nero einmal tot war, denn er war klug und berechnend. Die Verschwörer hatten zwar beschlossen, ihn danach, um dem Volk zu gefallen, hinzurichten, aber davon konnte Tigellinus nichts wissen.

Der Plan war geschickt entworfen und gut, von welcher Seite man ihn auch besah. Er hatte nur den einen Fehler, daß er gar nicht erst zur Ausführung kam.

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