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Marcus an Tullia.


Ich schreibe diesen Brief am Passah-Sabbat der Juden in deren heiliger Stadt Jerusalem, in der Burg Antonia. Etwas völlig Unvorhergesehenes ist mir widerfahren, und ich bin selbst noch nicht im klaren darüber, was es eigentlich war. Tullia, ich bin ganz verstört. So schreibe ich Dir denn, um – für mich selbst und für Dich – sorgfältig zu erhellen, was sich tatsächlich zugetragen hat.

Ich verachte nun nicht länger Vorzeichen; in tiefstem Herzen tat ich es ja nie, so spöttisch ich auch über sie geredet und geschrieben haben mag. Mit bestürzender Unbeirrtheit glaube ich jetzt daran, daß mein Weg auf diese Reise gelenkt wurde und daß ich sie, auch beim ernstesten Willen, nicht hätte vermeiden können. Aber welche Mächte die Hand dabei im Spiele hatten, das weiß ich nicht. Ich will der Reihe nach erzählen.

Auf dem Markt von Joppe mietete ich also, ohne mich durch die Lockungen aller anderen Reisebequemlichkeiten beirren zu lassen, als Wandergefährten einen Esel und machte mich, zusammen mit den letzten Pilgern, auf den von der Küste her ansteigenden Weg nach Jerusalem. Mein Esel war ein gut abgerichtetes, williges Tier, so daß ich während der ganzen Reise kein einziges Mal Ungelegenheiten mit ihm hatte. Anscheinend war er so oft von Joppe nach Jerusalem und zurück getrottet, daß er jeden Brunnen und auch jedes Rastplätzchen, Dorf und Wirtshaus unterwegs kannte. Ich hätte mir keinen besseren Führer wünschen können; und mir kommt vor, daß auch er freundschaftliche Gefühle für mich zu hegen begann, weil ich ihn niemals, auch bergab nicht, ritt, sondern immer zu Fuß ging, um meinen Körper wieder zu stählen.

Von Joppe nach Jerusalem sind es für römische Truppenverbände nur knappe zwei Tagesmärsche. Zwar ist in diesem hügeligen Gelände das Gehen anstrengender als in einer Ebene; dafür jedoch wird der Weg um so abwechslungsreicher, und Judäa ist ein schönes, fruchtbares Land. In den Tälern waren die Mandelbäume schon abgeblüht; aber an allen Hügeln längs der Straße wuchsen Blumen, deren bittersüßer Duft mich die ganze Reise über begleitete. Ich war ausgeruht, ich fühlte mich verjüngt, und es machte mir Freude, meine Glieder durchzuarbeiten, ganz wie in meiner Jugend auf den Sportplätzen.

Meine Erziehung ebenso wie die Zurückhaltung, die, wie Du weißt, die Wechselfälle des Lebens mir aufzwangen, haben mich gelehrt, alle Äußerlichkeiten zu verachten. Weder durch mein Auftreten noch durch meine Kleidung wünsche ich mich von der Umgebung abzuheben. Über derlei Eitelkeiten kann ich nur lachen. Ich brauche keine Bediensteten und keine Läufer, die mein Kommen künden. Während meiner Reise habe ich, wenn hohe Herrschaften, ihre Sklaven und Tiere zur Eile antreibend, vorbeihasteten, meinen Esel bescheiden an den Straßenrand geführt. Mir bereitete die kluge Art, wie das Tier die Ohren spitzte, den Kopf drehte und mich anblickte, mehr Vergnügen, als wenn die Reichen und Mächtigen grüßend haltgemacht und mich eingeladen hätten, mich ihnen anzuschließen.

Die Juden tragen an den Zipfeln ihrer Obergewänder Quasten, und daran erkennen sie einander überall auf der Welt, auch wenn sie sich sonst so kleiden wie wir. Doch der Verkehrsweg von der Küste zur Hauptstadt, den Rom verbessert und in eine ausgezeichnete Militärstraße umgewandelt hat, ist so alt und so sehr an viele Völkerschaften gewöhnt, daß ich trotz der fehlenden Zipfelquasten niemandem auffiel. In der Nachtherberge, zu der mein Esel mich führte, bekam ich wie alle anderen Reisenden Wasser zum Tränken meines Tragtiers und zum Waschen meiner Hände und Füße. Bei dem Andrang fand das Gasthausgesinde keine Zeit, zwischen Fremden und Juden Unterschiede zu machen. Es war, als befänden sich neben den Landesbewohnern sämtliche Rassen der Erde unterwegs, um mit Frohsinn und Fröhlichkeit die Befreiung der Juden aus der ägyptischen Knechtschaft zu feiern.

Wenn ich etwas rascher gewandert wäre, hätte ich leicht am Abend des zweiten Tages Jerusalem erreichen können. Aber ich war Ausländer, unberührt von der Eile der Juden. Mit Behagen atmete ich die frische Bergluft Judäas, und die Blütenpracht auf den Hängen entzückte mein Auge. Nach dem fiebrigen Treiben in Alexandria fühlte ich mich seelisch entspannt und genoß jeden Augenblick, so daß schlichtes Brot mir besser schmeckte als irgendein Leckerbissen Ägyptens. Ja, ich hatte auf dieser Reise nicht einmal Lust, meinem Trinkwasser Wein beizumischen, weil ich meine Sinne nicht abstumpfen wollte; vielmehr ließ ich mir reines Wasser vortrefflich munden.

So schlenderte ich absichtlich langsam meines Weges und war noch ein gehöriges Stück von Jerusalem entfernt, als mich der Klang von Rohrflöten überraschte, mit denen Hirten auf einem Hügel ihre Herden für die Nacht zusammenriefen. Ich hätte ohne weiteres eine Zeitlang rasten und später bei Mondlicht weiterziehen können; aber ich hatte von dem wundervollen Anblick gehört, der den Wanderer erwartet, wenn er sich der Hauptstadt bei Tage nähert und sie jenseits eines Tales aufsteigen sieht, mit ihrem Tempel, der auf einem Hügel im Sonnenlicht glänzt, blendend marmorweiß und golden.

Auf diese Weise wollte auch ich die heilige Stadt der Juden zum erstenmal sehen. Deshalb verließ ich, zum Erstaunen meines Esels, die Straße und redete einen Hirten an, der mit seiner enggescharten Schafherde zu einer Höhle im Berghang schritt. Er sprach die ländliche Mundart, verstand aber mein Aramäisch und versicherte mir, in dieser belebten Gegend gebe es keine Wölfe. Er habe nicht einmal einen Hund zum Schutz der Herde gegen Raubtiere, schlafe aber vor dem Eingang zur Höhle, aus Sicherheitsgründen, für den Fall, daß Schakale sich anschleichen sollten. Sein Mundvorrat bestand aus rußigem Gerstenbrot und kugelförmig geknetetem Ziegenkäse; darum war er höchst erfreut, als ich für ihn ein Stück Weizenbrot abbrach und es ihm zusammen mit einer Honigwabe und einer Handvoll getrockneter Preßfeigen anbot.

Fleisch nahm er, da er sah, daß ich nicht Jude war, keines von mir; sonst jedoch zeigte er sich frei von jeder Scheu. Wir setzten uns vor den Höhleneingang und aßen miteinander, während mein Esel eifrig die Dornsträucher an der Böschung abknabberte. Dann wurde die ganze Welt für eine Weile so purpurrot wie ein mit Küchenschellen bewachsener Hang; die Dunkelheit brach herein, und am Himmel entbrannten die Sterne. Gleichzeitig kühlte die Luft sich ab, und ich spürte, wie aus der Höhle die gesammelte Wärme der Schafe strömte. Es roch sehr stark nach Wolle und Talg. Aber ich fand den Geruch nicht unangenehm; vielmehr gab er mir ein Gefühl der Geborgenheit, wie ein Hauch von Kindheit und Heimat. Zu meiner Verwunderung traten mir plötzlich Tränen in die Augen. Sie galten nicht Dir, Tullia. Ich sagte mir, es seien Tränen der Müdigkeit, weil die Fußreise meinen geschwächten Körper ermüdet habe. In Wirklichkeit weinte ich aber wohl über mich selbst, über alles, was hinter mir lag und unwiederbringlich vergangen war, aber auch über alles, was noch vor mir liegt. In dieser Stunde hätte ich mich furchtlos zu Boden geneigt und aus dem Quell des Vergessens getrunken.

Ich schlief auf dem Boden vor der Höhle, mit dem Sternhimmel als Dach über mir, wie der ärmste Pilger. So tief war mein Schlaf, daß bei meinem Erwachen der Hirt schon seine Schafe auf die Weide geführt hatte. Ich konnte mich keines einzigen beängstigenden Traums entsinnen, und doch dünkte mich alles rings umher, Luft und Erde, anders als am Abend zuvor. Der Hang fiel gegen Westen ab und lag noch im Schatten, während auf die gegenüberliegende Talseite schon die Sonne schien. Ich fühlte mich wie gerädert, schlaff und lustlos; und der Esel stand neben mir und hielt mit trauriger Miene den Kopf gesenkt. Es war mir ein Rätsel, wie sich mein Stimmungsumschwung vollzogen haben mochte; denn so verweichlicht war ich denn doch nicht, daß zwei Tage Fußmarsch und ein Nachtlager auf hartem Boden mich derart erschöpft haben sollten. Ich vermutete, daß eine Wetteränderung bevorstand; für solche Einflüsse bin ich seit jeher ebenso empfänglich wie für Träume und Vorzeichen.

Ich war so niedergeschlagen, daß ich nicht einmal Lust hatte, etwas zu essen. Mir kam vor, ich würde keinen Bissen hinunterbringen. Ich nahm ein paar Schlucke Wein aus dem Lederschlauch, spürte aber kaum eine belebende Wirkung und fürchtete schon, ich hätte verunreinigtes Wasser getrunken und mir eine Krankheit zugezogen.

Drüben auf der Straße sah ich andere Reisende die nächste Steigung erklimmen; doch es dauerte ziemlich lange, ehe ich mein Widerstreben überwinden, den Esel beladen und selbst zur Straße zurückkehren konnte. Mit großer Anstrengung mühte ich mich die Höhe hinauf; als ich aber endlich oben war, erkannte ich die Ursache meiner Benommenheit. Ein sengend heißer, trockener Wind blies mir ins Gesicht, jener hartnäckige Wüstenwind, der, sobald er sich einmal erhoben hat, Tag um Tag anhält und den Menschen derart zusetzt, daß alle Kopfweh bekommen und die Frauen sich übergeben müssen; jener Wind, der durch die Ritzen der Häuser pfeift und nachts an den Fensterläden rüttelt.

Dieser Sturm dörrte mir augenblicklich die Gesichtshaut, und die Augen begannen mich zu schmerzen. Die schon hoch am Himmel stehende Sonne war zu einer rotglühenden Scheibe getrübt. Und nun sah ich jenseits des Tales die heilige Stadt der Juden aufsteigen, mauerumgürtet. Mit brennenden Augen und einem salzigen Geschmack im Munde erblickte ich die Türme des herodianischen Palastes, das Häusergewirr der großen Stadt auf den Hängen, die Theater- und Zirkusanlagen und, über all dem, den weiß und golden aufragenden Tempel mit seinen Mauern, Gebäuden und Säulenhallen.

Unter dieser verdüsterten Sonne leuchtete jedoch der Tempel meinen Augen nicht so, wie man es mir geschildert hatte. Der Marmor war fahl, und den Vergoldungen fehlte der Glanz. Fraglos handelte es sich um einen mächtigen, festgegründeten Bau, um ein unvergleichlich hoheitsvolles Wunderwerk neuer Baukunst. Aber das, was die Juden bei diesem Anblick empfinden, verspürte ich nicht. Im Banne einer ausgesprochenen Unlust betrachtete ich den Tempel nur aus Pflichtgefühl, weil es sich nach der langen Reise so gehörte. Ich war nicht mehr jener junge Mann, der einst den Tempel von Ephesus zum erstenmal gesehen hatte. Die Ehrfurcht vor dem Wunder der Schönheit kam jetzt, da ein heißer Wind mir Staub in die Augen trieb, nicht in mir auf. Als ich meinen Esel wieder antrieb, wandte er den Kopf und sah mich erstaunt an. Er war aus eigenem Willen am Scheitel der Straßensteigung stehengeblieben, auf dem besten Aussichtspunkt, und hatte offenbar erwartet, ich würde mich einige Zeit vor Bewunderung und Freude in Ausrufen, Preisliedern und Gebeten ergehen. Ich schalt mich selbst blasiert und einen Sklaven des Körpers, weil ich einem Anblick, der für zahllose Menschen der Gipfel weihevoller Erbauung war, nichts abzugewinnen vermochte, bloß, weil mein Leib müde und der Wind lästig war. Der Esel zuckte ärgerlich mit den Ohren und begann die nun in Windungen hinabführende Straße weiterzutrotten. Ich schritt neben dem Tier und hielt mich an dem Zaumzeug fest, so schwach in den Knien fühlte ich mich.

Je tiefer die Straße sich senkte, desto weniger quälend wurde der Wind, und unten spürte man ihn überhaupt kaum mehr. Gegen Mittag erreichte ich den Punkt, wo die Straße aus Joppe sich mit der aus Cäsarea vereinigt und zur römischen Heerstraße wird. Eine große Menschenmenge wanderte stadtwärts. Nächst dem Tore sah ich, daß Leute in Gruppen stehenblieben und auf einen nahen Hügel starrten, während andere die Gesichter verhüllten und weitereilten. Mein Esel wurde störrisch. Als ich die Augen hob, sah ich auf dem mit Dornengebüsch bedeckten Hügel drei Kreuze aufgerichtet und konnte die zuckenden Leiber der Verurteilten erkennen. Auf der zur Stadt abfallenden Böschung hatte sich eine ansehnliche Menschenschar versammelt und sah zu.

Auch die Straße war gedrängt voll von Leuten, und ich wäre, selbst wenn ich es gewollt hätte, kaum bis zum Tore durchgekommen. Natürlich habe ich schon öfter in meinem Leben gekreuzigte Verbrecher gesehen und ihre Qualen beobachtet, um mich gegen den Anblick von Leiden abzuhärten. In der Arena hatte ich noch grausamere Todesarten erlebt, aber daran war etwas Spannendes gewesen. Eine Kreuzigung bietet dem Beschauer nichts dergleichen; sie ist bloß ein entehrendes, langwieriges Verfahren der Todesstrafe. Wenn ich einigermaßen froh bin, römischer Bürger zu sein, so unter anderem deshalb, weil ich, sollte ich je durch ein Verbrechen mein Leben verwirken, sicher sein kann, mit einem raschen Schwertstreich hingerichtet zu werden.

In jeder anderen Gemütsverfassung hätte ich wahrscheinlich einfach den Kopf abgewandt, das üble Omen zu vergessen gesucht und mich, so gut es gehen mochte, auf der Straße vorwärtsgedrängt. Doch der Anblick der drei Gekreuzigten verstärkte, obwohl ihr Schicksal mich nichts anging, auf unerklärliche Weise in mir das wetterbedingte Gefühl der Beklemmung. Ich weiß nicht, was mich dazu bewog, aber ich führte den Esel ein paar hundert Schritte von der Straße weg und schob mich langsam durch die schweigende Menge den Hügel hinauf.

In der Nähe der Kreuze kauerten auf dem Boden einige syrische Soldaten der zwölften Legion, würfelten und tranken sauren Wein. Ganz gewöhnliche Sklaven oder Verbrecher konnten übrigens die Verurteilten offenbar nicht sein; denn in einiger Entfernung von den Soldaten hielt auch ein Zenturio Wache.

Zunächst warf ich nur einen flüchtigen Blick auf die krampfhaft zuckenden Gestalten. Dann jedoch bemerkte ich auf dem mittleren Kreuz, über dem Kopfe des, daran hängenden Mannes, eine Tafel, auf der in griechischer, lateinischer und der Landessprache geschrieben stand: ›Jesus von Nazareth, der König der Juden‹. Anfangs erfaßte ich in meiner Benommenheit nicht den Sinn des Gelesenen. Dann aber sah ich, daß der schlaff herabhängende Kopf des Mannes einen tief in die Haut gedrückten Dornenkranz in der Art einer Königskrone trug. Über das Gesicht des Gekrönten zogen sich Streifen geronnenen Bluts, das aus den Dornwunden gesickert war.

Im nächsten Augenblick konnte ich die Inschrift und auch die Gesichtszüge des Gekreuzigten nur mehr undeutlich erkennen; die Sonne verschwand vom Himmel, und es wurde, obwohl es Mittag war, so dunkel, daß ich selbst die mir zunächst stehenden Leute nur mit Mühe sah. Die Vögel hörten zu singen auf, wie während einer Sonnenfinsternis, und auch die Menschen verstummten, so daß man schließlich nichts mehr hörte als das Rollen der Würfel auf den Schilden der Soldaten und das keuchende Atmen der Verurteilten.

Wie ich Dir, Tullia, in meinem letzten Brief halb im Scherz schrieb, hatte ich mich auf die Suche nach dem König der Juden begeben. Und nun fand ich ihn auf einem Hügel außerhalb der Stadtmauer von Jerusalem, an ein Kreuz geheftet, aber noch lebend. Nachdem ich den Sinn jener Inschrift begriffen und die Dornenkrone gesehen hatte, zweifelte ich keinen Augenblick mehr daran, daß ich vor dem Gesuchten stand, vor jenem Manne, dessen Geburt durch eine Sternbegegnung angekündigt worden war, dem König der Juden, der sich nach ihren heiligen Büchern zum Weltherrscher hätte aufschwingen sollen. Wie es kam, daß ich diese Gewißheit so plötzlich gewann, kann ich unmöglich erklären; sicherlich hat aber die Niedergeschlagenheit, die ich seit dem frühen Morgen verspürte, mich für den düsteren Anblick besonders empfänglich gemacht.

Ich war froh, daß der Himmel sich verdunkelt hatte und es mir ersparte, die Schmach und Qual des Verurteilten in aller Deutlichkeit mit anzusehen. Ich hatte schon gemerkt, daß man ihm heftig ins Gesicht geschlagen und ihn nach römischer Sitte gegeißelt hatte. Er befand sich deshalb in wesentlich schlechterer Verfassung als seine beiden Leidensgenossen, kräftige, rauhe Männer aus dem Volke.

Nach der Verdunkelung der Sonne waren für eine Weile alle Stimmen der Menschen und der Natur verstummt. Dann jedoch ertönten aus der Zuschauermenge Ausrufe der Bestürzung und Angst. Sogar der Zenturio hob den Blick und musterte den Himmel nach allen Richtungen. Unterdessen hatten meine Augen sich an die Finsternis gewöhnt, und ich begann wieder einigermaßen die Umrisse der Landschaft und die Leute um mich her zu sehen. Einige hochgestellte Juden, die das Entsetzen der Menge bemerkt hatten, mischten sich jetzt in das Gewühl. An ihren Kopfbedeckungen erkannte ich, daß es sogenannte Schriftgelehrte und Älteste des Volkes waren; an den Zipfeln ihrer Obergewänder trugen sie mächtige Quasten. Sie schrien den Leuten laut und aufmunternd zu und fingen an, den gekreuzigten Jesus zu verspotten, indem sie ihn aufforderten, sich als König zu erweisen und vom Kreuz herabzusteigen. Auch andere Hohnworte riefen sie ihm zu, offenbar Anspielungen auf Dinge, die er früher öffentlich gesagt hatte.

Derart versuchten sie, die Menschenmenge auf ihre Seite zu bringen, und tatsächlich wurden da und dort vereinzelte Schmährufe laut. Die meisten Zuschauer aber wahrten ein hartnäckiges Schweigen, als wollten sie ihre Empfindungen für sich behalten. Nach Kleidung und Gesichtszügen zu schließen, handelte es sich überwiegend um arme Leute, darunter viele Bauern, die zum Passahfest in die Stadt gekommen waren. Ich gewann den Eindruck, daß sie ihrem gekreuzigten König günstig gesinnt waren, diese Einstellung aber angesichts der Legionäre und ihrer eigenen Würdenträger nicht zu zeigen wagten. In der Menge gab es auch eine Anzahl Frauen, von denen einige die Köpfe verhüllt hatten und weinten.

Als der Gekreuzigte die Rufe hörte, hob er den zitternden Kopf und reckte sich auf seinen nageldurchbohrten Füßen hoch. Er war mit gebeugten Knien an das Kreuz geheftet worden, um nicht zu rasch durch Ersticken zu sterben. Jetzt rang er keuchend nach Atem, und krampfhafte Zuckungen schüttelten seine blutigen Glieder. Er öffnete die matten Augen, drehte den Kopf und blickte um sich, als suchte er etwas. Auf die Spottworte aber erwiderte er nichts; offenbar machten ihm die körperlichen Schmerzen genug zu schaffen.

Seine beiden Leidensgenossen hatten noch recht beträchtliche Kräfte. Der eine zur Linken fand es angebracht, den Zuschauern Gesichter zu schneiden. Um seine ungebrochene Zähigkeit zu beweisen, wandte er den Kopf dem König zu und stimmte – vermutlich im Bestreben, sich auf so jämmerliche Art ein Gefühl der Überlegenheit zu verschaffen – in die Spottrufe der Menge ein. »Bist du denn nicht der Gesalbte? So rette dich doch selbst und uns!«

Der zur Rechten aber schalt ihn von seinem Kreuze her, ergriff die Partei des Königs und sagte: »Wir leiden für unsere Missetaten. Dieser aber hat nichts Böses getan.« Dann wandte er sich demütig und zerknirscht an den König und bat: »Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!«

In einem solchen Augenblick, angesichts eines qualvollen Todes, konnte dieser Mann noch etwas von einem ›Reich‹ erhoffen! Über einen so beharrlichen Glauben hätte mein früheres Ich wahrscheinlich unbändig gelacht; nun aber war mir nicht nach Lachen zumute. Die von dem rechten Schacher gesprochenen Worte hatten viel zu mitleiderregend und erschütternd geklungen. Indes wuchs mein Staunen, als der Judenkönig seinem reuigen Schicksalsgenossen liebevoll den schmerzenden Kopf zuwandte und mit halb erstickter Stimme tröstend sagte: »Heute noch wirst du mit mir im Paradiesgarten sein.«

Ich wüßte nicht, was er damit meinte. Da kam gerade, mit forschenden Augen argwöhnisch die Menge musternd, ein jüdischer Schriftgelehrter vorbei. Ich hielt ihn an und fragte: »Was für ein Garten ist das, von dem euer König da sprach? Warum wurde er ans Kreuz geschlagen, wenn er nichts Böses getan hat?«

Der Schriftgelehrte brach in spöttisches Gelächter aus und entgegnete: »Bist du fremd in Jerusalem? Schenkst du den Worten eines Räubers mehr Glauben als dem Hohen Rat oder dem römischen Statthalter, die ihn verurteilt haben? Er ist nicht der König der Juden. Nur er selber hat sich so genannt und damit Gott gelästert. Sogar jetzt noch, am Kreuz, lästert er Gott, indem er vom Paradiesgarten redet.«

Er hüllte sein Oberkleid enger um sich, damit ja nicht eine Quaste an mich streife. Aufgebracht rief ich: »In dieser Sache werde ich mir Klarheit verschaffen!«

Er warf mir einen drohenden Blick zu und erwiderte warnend: »Kümmere dich lieber um deine eigenen Angelegenheiten! Du bist doch hoffentlich kein Anhänger von ihm? Er hat viele betört; aber jetzt ist ihm das Handwerk gelegt. Mit ihm brauchst du kein Mitleid zu haben. Er ist ein Volksverhetzer, ein Aufrührer; er ist ärger als die beiden Verbrecher neben ihm.«

Da machte sich meine Niedergeschlagenheit in einer zornigen Aufwallung Luft. Ich schob den Mann beiseite, schritt, ohne an meinen Aufzug und den hinter mir angebundenen Esel zu denken, auf den Zenturio zu und sagte grüßend, sicherheitshalber auf lateinisch: »Ich bin römischer Bürger, aber dieser Jude dort« – ich wies mit dem Finger auf den Schriftgelehrten – »bedroht mich.«

Der Hauptmann musterte mich im Halbdunkel forschend, seufzte verdrossen, ging waffenklirrend ein paar Schritte am Rand der Menschenansammlung hin und zwang sie, zurückzuweichen und vor den Kreuzen mehr Platz zu lassen. Dann erwiderte er, um seine Bildung zu zeigen, meinen Gruß auf lateinisch, wechselte aber sofort ins Griechische hinüber und meinte: »Nur immer mit der Ruhe, guter Freund! Wenn du wirklich römischer Bürger bist, so ist es unter deiner Würde, mit Juden Händel anzufangen, noch dazu am Vortage des Sabbats.«

Dann drehte er sich zu den Leuten um und rief, ohne seine Worte im besonderen an die Schriftgelehrten und Ältesten zu richten: »Jetzt verkrümelt euch aber, marsch nach Hause! Ihr habt lange genug eure Schnäbel gewetzt. Wunder gibt es hier keine mehr zu sehen. Trollt euch zu euren Lammbraten, und mir soll's recht sein, wenn euch jedem ein Knochen im Halse steckenbleibt!«

Aus dieser Zurechtweisung entnahm ich, daß es in der Menge außer feindseligen Gaffern auch Leute gab, die wirklich ein Wunder erwarteten und darauf hofften, ihr König würde aus eigener Kraft vom Kreuze steigen. Aber sie mußten sich schweigend im Hintergrund halten, aus Angst vor den eigenen Würdenträgern. Viele kamen jetzt der Aufforderung des Hauptmannes nach und kehrten in die Stadt zurück. Auch auf der Straße hatte die Menschenmenge sich gelichtet.

Der Hauptmann stieß mich vertraulich an und sagte: »Komm, trinken wir einen Schluck Wein! Diese Sache da geht uns beide persönlich nichts an. Ich bin nur dienstlich hier. Die Juden pflegen seit jeher ihre Propheten umzubringen; und wenn sie sich mit aller Gewalt darauf versteifen, daß ihr König mit römischer Hilfe gekreuzigt wird, so hat kein Römer Anlaß, ihnen in den Arm zu fallen.«

Er führte mich zu einem Platz hinter den Kreuzen, wo die Kleider der Verurteilten auf dem Boden lagen. Die Soldaten hatten die Gewänder unter sich aufgeteilt und in Bündel geschnürt. Der Zenturio hob den Weinschlauch seiner Abteilung auf und reichte ihn mir; aus Höflichkeit nahm ich einen Schluck von dem sauren Legionärswein, und auch der Offizier trank. Dann stöhnte er und sagte: »Am besten, man holt sich einen Schwips! Zum Glück ist mein Dienst am Abend zu Ende. Morgen ist Sabbat, und bei den Juden ist es nicht Brauch, Leichen über Nacht hängen zu lassen.«

Dann fuhr er fort: »Dieses ganze Jerusalem ist ein Riesenkorb voll zischender Vipern. Je näher ich die Juden kennenlerne, desto überzeugter bin ich davon, daß der beste Jude ein toter Jude ist. Darum kann es nicht schaden, wenn vor dem Fest am Straßenrand ein paar Vogelscheuchen hängen, als Abschreckung, damit nicht einer dieser Radaubrüder jemandem von uns unversehens das Messer in den Leib rennt. Aber der Mann dort am Kreuz ist unschuldig und wirklich ein Prophet.«

Die Finsternis hielt an; nur zeitweise erhellte sie sich zu einem rötlichen Schein, verdüsterte sich jedoch dann wieder. Die Luft war sengend heiß und erstickend. Der Hauptmann blickte auf und sagte: »Anscheinend hat der Wüstenwind Sand aufgewirbelt; aber eine so dichte Staubwolke habe ich bisher nie gesehen. Wenn ich Jude wäre, würde ich denken, die Sonne verhülle ihr Gesicht und der Himmel betrauere den Tod eines Gottessohnes. Für einen solchen gibt sich nämlich dieser Jesus aus, und deshalb hat man einen so qualvollen Tod über ihn verhängt.«

Allzu großer Hochachtung befleißigte er sich im Gespräch mit mir nicht; dabei musterte er in dem Halbdunkel angestrengt meine Kleidung und mein Gesicht, um herauszubekommen, welche Art Mensch ich sein mochte. Er versuchte zu lachen; aber das Lachen blieb ihm in der Kehle stecken, und wieder blickte er den Himmel an.

»Auch die Tiere sind unruhig«, meinte er. »Hunde und Füchse fliehen in die Berge. Und die Kamele stehen seit dem Morgen störrisch vor den Toren und lassen sich nicht in die Stadthineintreiben. Ein böser Tag heute, für die ganze Stadt!«

»Ein böser Tag für die ganze Welt«, erklärte ich, von unbestimmten Vorgefühlen bewegt.

Der Hauptmann erschrak über meine Worte*. Abwehrend hob er die Hände und widersprach: »Diese Hinrichtung ist ganz offenkundig Sache der Juden und nicht der Römer. Der Prokonsul wollte den Mann nicht verurteilen, sondern hätte ihn laufen lassen. Aber die Leute schrien wie aus einem Munde: ›Kreuzige ihn, kreuzige ihn!‹ Ihr Hoher Rat drohte, die Angelegenheit dem Cäsar zu hinterbringen und sich darüber zu beschweren, daß man einem Aufrührer Vorschub geleistet habe. So hat dann der Stadthalter seine Hände in einem Becken mit geweihtem Wasser gewaschen, um sich von unschuldigem Blute zu reinigen. Die Juden aber heulten und schrien, sie würden es gern auf sich nehmen, wenn das Blut dieses Propheten über sie und ihre Kinder komme.«

»Wer ist denn jetzt Statthalter in Judäa?« fragte ich. »Ich sollte es allerdings selbst wissen, aber ich bin hier fremd. Ich komme aus Alexandria, wo ich den ganzen Winter über studiert habe.«

»Pontius Pilatus«, antwortete er und warf mir einen geringschätzigen Blick zu. Zweifellos hielt er mich für einen wandernden Sophisten.

Ich war überrascht. »Aber den kenne ich ja!« rief ich. »Zumindest mit seiner Frau bin ich in Rom bekannt geworden. Heißt sie nicht Claudia und mit dem Familiennamen Procula?«

Vor langer Zeit war ich einmal im Hause des Proculus eingeladen gewesen, wo ich mir eine langweilige Vorlesung aus einem Werk anhören mußte, das dartun sollte, wieviel die Familie in der Provinz Asia zum Besten Roms geleistet habe. Aber der Wein und was sonst geboten wurde, war ausgezeichnet, und mit Claudia Procula habe ich mich, obwohl sie beträchtlich älter ist als ich, angeregt unterhalten. Sie machte auf mich den Eindruck einer gefühlvollen Frau, und wir haben beide die Hoffnung ausgedrückt, einander einmal wiederzusehen. Das war keine bloße Höflichkeitsfloskel. Aber in Wirklichkeit haben wir uns aus dem oder jenem Grunde nie mehr getroffen. Mir kommt dunkel vor, daß sie erkrankt ist und Rom verlassen hat. Du, Tullia, bist wahrscheinlich zu jung, als daß Du Dich an sie erinnern könntest. Vor der Übersiedlung des Kaisers nach Capreae war sie öfter an seinem Hof.

Jetzt beeindruckte die Nennung des Namens mich derart, daß ich für eine Weile Zeit und Ort vergaß und mich in eine Rückschau auf meine Jugend und die ersten großen Enttäuschungen meines Lebens verlor. Der Offizier brachte mich in die Wirklichkeit zurück, indem er sagte: »Wenn du ein Bekannter des Prokonsuls, römischer Bürger und in dieser Stadt fremd bist, würde ich dir aufrichtig raten, dich in der Passahzeit auf den Umgang mit Römern zu beschränken. Während ihrer religiösen Feste sind die Juden immer außerordentlich fanatisch. Deshalb ist auch der Prokonsul von Cäsarea nach Jerusalem gekommen, um allfällige Unruhen im Keime zu ersticken. Vielleicht werden die Leute jetzt, wo sie die Kreuzigung des heiligen Mannes erreicht haben, sich beruhigen. Aber bei ihnen kennt man sich nie aus. Jedenfalls haben seine Anhänger sich verkrochen und dürften jetzt kaum Unfrieden stiften. Und der dort wird nicht mehr vom Kreuz heruntersteigen.«

Er ging um die Kreuze herum, blieb vor ihnen stehen, blickte aufmerksam den dornengekrönten König und die beiden Verbrecher an und erklärte mit sachverständiger Miene: »Der wird bald tot sein. Zuerst haben die Juden ihn mißhandelt, in der vorigen Nacht, als er gefangengenommen und vor ihren Rat gebracht wurde. Dann hat der Prokonsul ihn nach römischem Brauch geißeln lassen, damit das Volk Mitleid mit ihm hat oder wenigstens sein Tod beschleunigt wird. Du weißt ja, daß eine ausgiebige Geißelung vor der Kreuzigung ein Werk der Barmherzigkeit ist. Aber den beiden anderen werden wir die Knochen brechen müssen, damit sie frei, ohne die Füße aufstützen zu können, baumeln und noch vor dem Abend ersticken.«

In diesem Augenblick hörte ich ein ganz schreckliches Tiergeschrei, eine Art Wiehern, wie ich es noch nie vernommen hatte. Gleichzeitig lichtete sich das Dunkel ein wenig und wich einem gespenstigen roten Schimmer, so daß die Menschenmenge verängstigt hin und her wogte. Und nun bemerkte ich, daß mein Esel sich losgerissen hatte und, vollbeladen, wie er war, auf der Landstraße zurückgaloppierte, fort von Jerusalem. Einige Passanten fingen ihn ein und hielten ihn mit aller Anstrengung fest. Er streckte den Hals und iahte nochmals, in so schauerlichem Töne, als schrie er die Qual aller Kreatur hinaus. Ich lief zur Straße hinunter. Das Tier bockte jetzt nicht mehr, zitterte aber am ganzen Leibe und war in Schweiß gebadet. Ich tätschelte es und bemühte mich, es zu beruhigen; aber mein bisher so sanftmütiger Reisegefährte schnappte zornig und versuchte, mich zu beißen. Und einer der Männer, die den Esel eingefangen hatten; bemerkte, heute gebärdeten sich alle Tiere wie behext. Das komme manchmal vor, wenn der Wüstenwind blase.

Von seinem Platz am Stadttor kam der Obmann der Eseltreiber gelaufen, untersuchte das Zaumzeug und die Ohrkerben des Tieres und rief erbost: »Das ist einer unserer Esel. Was hast du dem Tier angetan? Wenn es krank wird und vertilgt werden muß, bist du ersatzpflichtig!«

Ich war selbst über das Verhalten des Tieres bestürzt; nie habe ich ein solches Geschöpf in einer derart merkwürdigen, schreckhaften Verfassung gesehen. Ich begann es abzuladen und sagte zu meiner Rechtfertigung: »Hier in Jerusalem ist alles wie verrückt. Ich habe dem Tier nichts getan. Scheu geworden ist es durch den Geruch von Blut und Tod, weil ihr euren König gekreuzigt habt.«

Aber unsere Auseinandersetzung wurde unterbrochen, und die Traglast fiel mir aus den Händen; denn in diesem Augenblick erfüllte ein seltsames Tönen die ganze Erde, wie ein tiefes Seufzen, und der Boden bebte unter meinen Füßen. Solche Dinge hatte ich schon erlebt, und ich glaubte nun zu verstehen, warum die Sonne sich verfinstert, warum die Tiere gebockt und warum ich selbst vor Angst gekeucht hatte. Mir wurde klar, daß es jetzt nicht besonders klug gewesen wäre, sich in die Stadt hinein und unter ein Dach zu begeben, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünschte, als mich auf ein Bett zu werfen, eine Decke über den Kopf zu ziehen und die Welt um mich her möglichst zu vergessen.

Ich gab dem Obmann der Eseltreiber einen Silberdenar und sagte: »Wir wollen doch nicht streiten – in einem solchen Augenblick, wo die Erde vor Angst zittert. Nimm meine Sachen in Verwahrung! Ich hole sie mir später bei dir am Stadttor ab.«

Mit Schlägen und Fußtritten versuchte der Mann, seinen Esel anzutreiben. Aber das Tier rührte sich nicht von der Stelle, und er mußte sich damit begnügen, ihm die Vorderbeine zu fesseln. Er nahm die Traglast auf seine eigenen Schultern und kehrte zu seinem Standplatz beim Tor zurück.

Ich weiß nicht, was mich stärker vom Betreten der Stadt abhielt: die Furcht vor dem Erdbeben oder ein zwingendes Verlangen, zu dem Hügel und den Gekreuzigten zurückzukehren, so grauenhaft mir auch der Anblick ihrer Leiden war. Im Herzen betete ich zu den Göttern, den bekannten und den noch unbekannten, und auch zu den für meinesgleichen auf ewig verschleierten Gottheiten: »Die Weissagungen habe ich aus eigenem Antrieb erforscht. Aber aus Alexandria geführt und genau zu dieser Stunde gerade an diesen Ort geleitet haben mich eure Zeichen. Ich bin hierhergekommen, um den König der künftigen Zeiten zu suchen, mich ihm zur Seite zu stellen und dafür Lohn zu finden. Laßt mich wenigstens soviel Seelenstärke aufbringen, ihm bis zu seinem Tode zu huldigen, auch wenn mir nun gar keine Belohnung zuteil wird.«

So stieg ich zögernd den Hang hinauf und mischte mich wieder unter die Zuschauer. Die Volksmenge hatte sich gelichtet, und weiter oben sah ich eine Gruppe von Frauen weinend stehen. Ihre Gesichter konnte ich nicht erkennen, weil sie verhüllt waren. Nur ein junger Mann, dessen hübsche Züge von Angst und Qual verzerrt waren, hatte sich als Schützer und Tröster zu den Frauen gesellt. Ich fragte, wer sie seien. Der Diener eines Schriftgelehrten erzählte mir bereitwillig, sie hätten immer Jesus begleitet, schon von Galiläa her, wo er das Volk aufgewiegelt und gegen das Gesetz gefrevelt habe.

»Der junge Mann ist einer seiner Anhänger. Aber gegen ihn darf niemand einschreiten; er und seine Familie sind mit dem Hohenpriester bekannt, und er ist bloß ein irregeleiteter Jüngling«, erklärte der Diener. Dann wies er abschätzig mit dem Finger auf eine Frau, die der junge Mann stützte, und sagte: »Das ist, glaube ich, die Mutter des Aufrührers.«

Nach diesen Auskünften hatte ich nicht das Herz, zu der Gruppe hinzugehen und Fragen zu stellen, obwohl ich gerne etwas über diesen Jesus aus dem Munde seiner eigenen Gefolgsleute erfahren hätte. Aber der Gedanke, daß die eigene Mutter Augenzeugin des schmählichen Todes ihres Sohnes wurde, erfüllte mich mit Grauen. Selbst die Widersacher des Königs schienen so viel Achtung vor ihrer Seelenpein zu empfinden, daß sie die trauernden Frauen nicht behelligten.

Deshalb blieb auch ich stehen, wo ich war, mitten unter den Zuschauern, und die Zeit verging. Wiederum verdunkelte sich der Himmel, noch tiefer als zuvor, und die ausgedörrte, heiße Luft erschwerte das Atmen. Lästige Fliegen und Mücken hatten sich um die Augen und Wunden der Gekreuzigten gesammelt, und die an den Nägeln hängenden Leiber zuckten krampfhaft. König Jesus reckte sich nochmals an seinem Kreuz empor, öffnete die glasigen Augen, warf heftig den Kopf hoch und schrie laut: »Meine Kraft, meine Kraft, warum hast du mich verlassen?«

So verstand wenigstens ich die Worte, die mit derart entstellter Stimme gesprochen waren, daß man den Sinn kaum erfassen konnte. Die Zuschauer rückten hin und her und fragten einander, was der Mann gerufen habe. Einige meinten, er beklage sich darüber, daß Gott ihn verlassen habe; andere erklärten, er hätte sich an Elias gewandt. Elias soll ein jüdischer Prophet sein, der mit einem feurigen Wagen zum Himmel fuhr. Darum begannen die böswilligsten unter den Zuschauern, Jesus wiederum zu höhnen und riefen ihm, wenn ich sie richtig verstand, zu, er möge auch wie Elias in den Himmel auffahren. Aber die Erwartungsvollen und Wundergläubigen in der Menge flüsterten miteinander und schienen allen Ernstes zu hoffen, ihr Prophet Elias würde vom Himmel herabschweben und dem Judenkönig zu Hilfe eilen. Bei dieser Vorstellung wurde vielen so bange, daß sie voll heiliger Scheu von dem Kreuz zurückwichen und sich anschickten, ihre Gesichter zu verhüllen.

Wiederum sagte der König etwas, und die Zunächststehenden riefen, er klage über Durst. Ein gutherziger Mann eilte herbei, tränkte einen Schwamm in saurem Wein aus dem Lederschlauch der Soldaten, steckte den Schwamm auf eine Stange und hielt ihn dem Sterbenden an den Mund. Weder die Soldaten noch ihr Hauptmann behinderten diesen Liebesdienst. Ich weiß nicht, ob der Mann am Kreuz noch zu trinken vermochte; es war so dunkel geworden, daß man seine Züge nicht unterscheiden konnte. Jedenfalls wurden seine Lippen befeuchtet; denn seine Stimme tönte jetzt klarer, und selbst in diesem entsetzlichen Todeskampf klang in ihr etwas wie Erleichterung auf, als er sich nach einer kleinen Weile wieder auf die Füße stemmte und ausrief: »Es ist vollbracht.«

Von neuem begannen die Leute darüber zu streiten, was er gesagt hatte. Der eine behauptete dies, der andere jenes. Aber in der Finsternis hörte ich ein Knacken, als der Körper des Gekreuzigten an den ausgestreckten Armen niederglitt, während der Kopf auf die Brust sank. Dieses Geräusch klang ganz furchtbar in der Stille. Ich wußte, daß der Mann nicht mehr imstande sein würde, den Kopf wieder zu heben, und jetzt sterben mußte. Seinetwegen freute ich mich darüber; er hatte wahrhaftig genug gelitten, wie schwer er sich auch gegen die Gesetze seines Volkes vergangen haben mochte.

Daß er wirklich tot war, wurde mir zur Gewißheit, als die Erde wiederum aufstöhnte und unter meinen Füßen zu zittern begann. Ein dumpfes, unterirdisches Grollen, schwächer, aber unheimlicher als das Dröhnen eines Donnerschlags, drang zu mir herauf und entfernte sich dann stadtwärts. Ich hörte das Bersten eines Felsblocks und das Poltern herabkollernder Steine, und ich warf mich, wie alle anderen, zu Boden. Denn dieses Erdbeben war zwar kurz und zog rasch vorbei, doch es verbreitete überall panischen Schrecken.

Dann legte sich Totenstille über die Erde. Dieses tiefe Schweigen wurde erst durch das Hufgetrappel von Zugtieren unterbrochen, die sich auf der Straße losgerissen hatten. Langsam hellte sich der Himmel auf, der Tag wurde wieder verhältnismäßig licht. Die Leute erhoben sich mühsam und schüttelten den Staub von den Kleidern. Die Kreuze standen aufrecht; Jesus von Nazareth aber, der König der Juden, hing an seinen Armen, zermartert und zerquält, und atmete nicht mehr. Selbst die Soldaten standen auf, blickten scheu und verwundert zu dem Toten empor und flüsterten miteinander.

Der Zenturio gab wohl auch ihren Gefühlen Ausdruck, als er unerschrocken sagte: »Das war wirklich ein gerechter Mann.« Dann starrte er die eingeschüchterten Juden an, voll Zorn über sie und voll Abscheu über seine eigene Rolle, und bezeugte: »Wahrlich, dieser war Gottes Sohn!«

Ich aber rief mir die Weissagungen, die ich im Winter erforscht hatte, ins Gedächtnis, wunderte mich sehr und murmelte vor mich hin: »Friede sei mit dir, Herrscher der Welt, König der Juden! Dein Reich ist uns nun nicht zugekommen.«

In diesem gleichen Augenblick aber beschloß ich, so genau wie möglich herauszufinden, wie und warum all dies sich so zugetragen hatte und für welche Taten dieser Mann ans Kreuz genagelt und auf so schmähliche Art hingerichtet worden war, ohne daß jemand einen Finger zu seinem Schutze rührte. Offenbar mußten seine politischen Pläne sehr stümperhaft gewesen sein; auch dürfte er keinen in der Staatskunst erfahrenen Berater gehabt haben, was an sich verständlich ist, weil sich ja kaum ein halbwegs vernünftiger Mensch mit einem Juden zur Erlangung der Weltherrschaft zusammentun würde.

Nun kam die Sonne wieder hervor. Doch ihr Licht war noch immer ganz seltsam, und die von ihr beschienenen Gesichter der Menschen sahen bleich und gespenstisch aus. Ja, etwas will ich Dir gestehen, Tullia. Es muß an mir selber liegen, aber ich kann Dir den Judenkönig nicht beschreiben. Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen und müßte mich seines Gesichtes, so verzerrt es von den entsetzlichen Qualen gewesen sein mochte, entsinnen können. Aber beim besten Willen vermag ich nicht mehr darüber zu sagen, als daß es von Schlägen blau und verschwollen und von der Dornenkrönung blutüberrieselt war. Indes muß in seinen Zügen etwas Erhabenes gelegen haben, da ich nach dem Lesen der Kreuzesinschrift keinen Augenblick daran zweifelte, daß er wirklich der Judenkönig war.

Jetzt, nachdem alles vorbei ist, sage ich mir, der Mann habe eine Art liebevoller Würde besessen; doch ich fürchte sehr, das sind Worte, die ich mir hinterher ausgedacht habe. Besser im Gedächtnis geblieben ist mir ein Ausdruck demütiger Entsagung, als Zeichen dafür, daß er sich willfährig in sein Schicksal ergeben hatte. Aber wie kann ein König, der von seiner Bestimmung zum Weltherrscher überzeugt ist, gelassen und gefügig zur Kenntnis nehmen, daß seine Mission gescheitert ist und daß er eines schmachvollen Todes sterben muß? Auch seine letzten Worte verfolgen mich. Was hatte er als vollbracht gewähnt? Oder bezog sich der Ausspruch bloß darauf, daß er die unmittelbare Nähe des Todes spürte?

Natürlich habe ich seine Gesichtszüge nicht als scharfer Beobachter gemustert; ich war ja selbst innerlich ganz aufgewühlt. Außerdem schien es, als hindere ein Gefühl der Ehrerbietung mich daran, während seiner Leiden genau hinzusehen. Dazu kam noch, daß es die ganze Zeit über ziemlich dunkel war, zeitweise so finster, daß man die Gekreuzigten kaum erkennen konnte. Als die Sonne wieder hervortrat, war Jesus tot, und jetzt verbot mir erst recht der Anstand, ihm schnöde in das leblose Antlitz zu starren.

Als der König gestorben war, hatten sich zahlreiche Leute entfernt, so daß nun rund um die Kreuze viel freier Raum lag. Auch die jüdischen Schriftgelehrten und Ältesten waren davongegangen, um sich für den Sabbat zu rüsten, und hatten nur einige Diener als Beobachter zurückgelassen. Einer der gekreuzigten Verbrecher begann in seiner Qual herzzerreißend zu jammern. Zwei mitleidige Frauen nahmen einen Krug, gingen zu dem Hauptmann und erbaten sich von ihm die Erlaubnis, dem schmerzgemarterten Mann noch etwas von dem mit einem Betäubungsmittel versetzten Wein zu reichen. Sie benützten den gleichen Schwamm und die gleiche Stange, wie sie zuvor verwendet worden waren, tauchten den Schwamm in den Krug und gaben beiden Missetätern zu trinken.

Nach dem Sonnenstand war schon die neunte Stunde vergangen. Der Zenturio fing an, ungeduldig zu werden; seine Hauptaufgabe war erledigt, und er wollte auch die beiden Räuber so bald als möglich tot wissen. In diesem Augenblick kamen von der Burg Antonia her zwei Männer, ein Soldat und ein Henkersknecht, der ein Brett trug. Mit sachkundigem Blick musterte der Henker Jesus und sah, daß er schon gestorben war; dann begann er gleichmütig, die Schienbeine der beiden anderen mit dem Brett zu zerschmettern. Das Krachen der splitternden Knochen war schrecklich anzuhören, und die beiden Opfer schrien und stöhnten; aber der Henker tröstete sie damit, es geschehe aus reiner Barmherzigkeit. Der Begleitsoldat, den ich Longinus nennen hörte, begnügte sich nicht mit dem Augenschein des Henkers, sondern stieß eine Lanze dem König in die Seite und durchbohrte ihm auf geschulte Art das Herz. Als er die Lanze zurückzog, rannen Blut und Wasser aus der Wunde.

Die Wachsoldaten begannen ihre Ausrüstungsstücke und auch die Kleider der Hingerichteten griffbereit hinzulegen; sie riefen sich Scherzworte zu, froh darüber, daß ihr lästiger Dienst zu Ende ging. Als aber das Schreien der gekreuzigten Räuber allmählich verstummte, benützten einige Hitzköpfe, die sich unter die Zuschauer gemischt hatten, die Gelegenheit zu römerfeindlichen Rufen. Die Soldaten gingen lässig gegen die Menge vor und drängten sie mit ihren Schilden zurück. Bei dem daraus entstandenen Handgemenge trug einer der Hetzer einen Kieferbruch davon. Das schüchterte die übrigen ein, und so machten sie sich aus dem Staube, drohten aber, sie würden, sobald sie Waffen zur Hand hätten, alle Römer und auch deren Handlanger im Tempel umbringen. Diese Unruhestifter waren, wie der Hauptmann mir erklärte, keine Anhänger Jesu, sondern nur Spießgesellen der beiden hingerichteten Verbrecher.

Der Offizier bemühte sich jetzt sichtlich, möglichst höflich zu mir zu sein; er trat näher an mich heran, entschuldigte sich wegen des kleinen Tumultes und gab der Hoffnung Ausdruck, daß ich bemerkt hätte, wie behutsam er die Sache beigelegt habe. Der Prokonsul habe den Truppen aufgetragen, Juden gegenüber nur im äußersten Notfall von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Bei gewöhnlichen Krakeelern lohne sich nicht einmal eine Verhaftung, weil sich dabei immer eine Menschenmenge zusammenrotte, dem Festgenommenen zur Burg folge und dort lärmend und aufbegehrend vor dem Tor lagere. Überhaupt seien Ruhestörungen möglichst hintanzuhalten, besonders an den jüdischen Feiertagen. Das sei gegenwärtig die Politik des Statthalters; zuerst allerdings habe er gewaltsamere Methoden versucht, mit ihnen jedoch nichts eingeheimst als Verdruß und sogar einen Rüffel von seiten Cäsars. Schließlich sagte der Hauptmann:

»Mein Name ist Adenabar. Sobald mein Dienst hier erledigt ist, nehme ich dich gern in die Burg mit und stelle dich dem Prokonsul vor, wenn ich mich zum Rapport melde. Es ist nicht ratsam für dich, allein durch die Stadt zu bummeln. Diese Halunken haben uns miteinander sprechen sehen und wissen, daß du kein Jude bist. Es würde nur Unannehmlichkeiten geben, wenn sie dich mißhandeln oder gar einen römischen Bürger umbringen sollten. Man müßte die Schuldigen ausforschen und bestrafen, und in dieser verdammten Stadt gibt es hunderttausend Schlupfwinkel.«

Er lachte und beeilte sich, seine Worte abzuschwächen. »Jedenfalls vermeiden wir damit überflüssige Schwierigkeiten. Aber abgesehen davon gefällt mir dein Gesicht, und ich habe Respekt vor gebildeten Leuten. Übrigens kann ich auch selbst lesen und schreiben; nur mein Latein steht auf etwas schwachen Füßen. In der Burg ist es zwar ziemlich beengt; aber ich denke, wir können dich noch anständig unterbringen.«

Der Prokonsul lebe sehr bescheiden, fügte er zur Erläuterung bei; und wenn er Jerusalem besuche, begnüge er sich meist damit, bei der Besatzung in der Antonia zu wohnen. Der mächtige Palast, den Herodes erbaut habe, wäre zwar eine unvergleichlich prächtigere Residenz; aber die Besatzung sei ein so kleiner Truppenkörper, daß der Statthalter sie nach einigen unangenehmen Erfahrungen nicht mehr auf zwei Standorte aufteilen wolle. Antonia sei eine unbezwingbare Festung, die den Tempelbereich beherrsche; und vom Tempelvorhof gingen stets alle Unruhen aus.

Adenabar wies mit dem Daumen hinter sich auf den Leichnam am Kreuze, lachte laut und sagte: »In meinem Leben habe ich nie etwas so Drolliges gesehen wie damals, als dieser Prophet Jesus sich aus Stricken eine Geißel knüpfte, die Taubenverkäufer aus dem Tempelvorhof trieb und die Tische der Wechsler umstieß. Damals trauten die jüdischen Ältesten sich nicht, ihm entgegenzutreten, weil ihn eine ganze Schar Anhänger begleitete. Als er damals auf einem Esel in Jerusalem einritt, waren die Leute derart außer sich vor Freude, daß sie ihre Kleider auf seinen Weg breiteten, Palmzweige schwenkten und ihn als Sohn Davids begrüßten. Nur durch diesen Gruß wagten sie ihm zu zeigen, daß sie ihn als ihren König betrachteten. Und tatsächlich war er von väterlicher ebenso wie von mütterlicher Seite ein Nachkomme Davids.«

Er wies mit einem verstohlenen Kopfnicken auf die Frauengruppe, die etwas unterhalb der Hügelkuppe geblieben war, und erklärte: »Dort ist seine Mutter.«

Als der Volksandrang abgeebbt war, hatten die Frauen sich auf den Boden gekauert, wie von übermächtiger Qual erschöpft. Aber nun verbargen sie nicht mehr ihre Gesichter; sie blickten zum Kreuz auf, und es fiel mir nicht schwer zu erraten, welche von ihnen Jesu Mutter war. Sie schien noch nicht alt, und in diesem Augenblick dünkte mich ihr Gesicht am schönsten unter allen, die ich je gesehen hatte. Es war zwar vom Schmerz wie versteinert, doch dabei irgendwie entrückt und zugleich unnahbar, ganz, als würden diese Lippen niemals mehr ein überflüssiges Wort sprechen. Diese Frau hatte es nicht nötig, ihre königliche Abkunft zu beweisen; ihr Gesicht war Zeuge genug, mochte auch ihre Kleidung so schlicht sein wie die der anderen Landfrauen.

Ich hätte gewünscht, ihre Begleiterinnen sollten sie von diesem Platz wegführen. Gern wäre ich selbst zu ihr hingegangen, um sie zu trösten und ihr zu sagen, ihr Sohn sei nun tot und brauche nicht mehr zu leiden. Aber so überirdisch schön und in Kummer versunken war ihr Antlitz, daß es mir unmöglich wurde, mich ihr zu nähern. Zu ihren Füßen kauerte am Boden eine andere Frau, deren schwärmerisches Gesicht wie im Fieber unablässig bebte und deren Augen nach dem Kreuze starrten, als hätte sie noch nicht ganz erfaßt, was geschehen war. Eine dritte Frau war älter als die beiden anderen. Ihre harten, stark jüdischen Züge drückten eher Zorn und Enttäuschung aus als Trauer. Es schien, als hätte sie bis zum letzten Augenblick ein Wunder erwartet und als könnte sie sich noch nicht mit der Tatsache abfinden, daß nichts dergleichen geschehen war. Die übrigen Frauen hielten sich im Hintergrund.

Meine Augen kehrten zu Jesu Mutter zurück, und ich blickte sie wie verzaubert an, ohne zu hören, was Adenabar sagte. Erst als er meinen Arm berührte, wich der Bann von mir. »Mein Auftrag ist nun durchgeführt, und ich gedenke nicht länger an diesem trübseligen Ort zu bleiben«, erklärte er. »Die Juden müssen sich selber darum kümmern, wenn sie nicht wollen, daß die Leichen den Sabbat über hängenbleiben. Uns Römer geht das nichts mehr an.«

Immerhin ließ er einige Soldaten als Wache bei den Kreuzen zurück. Daß er sich jetzt entfernte, geschah vermutlich auch dem Scharfrichter zuliebe, der es nicht wagte, ohne größeres Geleit in die Burg zurückzukehren, weil die Spießgesellen der Räuber ihm leicht unterwegs auflauern konnten. Die Straße lag jetzt leer da, und auch am Stadttor gab es keine Menschenansammlung. Aus den Häusern drang Bratengeruch bis zum Hügel; aber ich war alles eher denn hungrig.

Nach einem Blick auf die Sonne bemerkte Adenabar: »Bis zum Abend dauert es noch eine Zeitlang. Der jüdische Sabbat fängt erst an, wenn man drei Sterne am Himmel erkennen kann. Heute abend essen sie ihr Passahlamm; eine Sekte hat es allerdings schon einen Tag früher getan. Ihr Tempel ist jetzt ein großer Schlachthof. Gestern und heute hat man dort Tausende und aber Tausende Lämmer ausbluten lassen, wie das bei ihnen der Brauch ist. Von jedem Schlachttier bekommen die Priester ein Schulterstück und ihr Gott das Fett.«

Meine Habseligkeiten lagen noch wohlverwahrt beim Stadttor, und Adenabar befahl dem dort müßig hockenden Eseltreiber in barschem Töne, den Pack zu schultern und zur Burg zu tragen. Der Mann wagte nicht zu widersprechen. So machten wir uns auf den Weg nach Antonia; die eisenbeschlagenen Stiefel der Legionäre dröhnten im Marschtakt auf dem Pflaster. Offenbar waren die Soldaten sehr gut gedrillt; denn keiner schien unterwegs nennenswert atemlos zu werden. Mir dagegen ging, noch ehe wir die Festung erreichten, der Atem aus, weil die Straße stellenweise sehr steil war. Der Jude legte meine Sachen unter der Torwölbung hin und weigerte sich weiterzugehen. Ich gab ihm als Entgelt ein paar Münzen, obwohl Adenabar das als völlig überflüssig bezeichnete. Zum Dank für meine Freigebigkeit machte der Kerl in sicherer Entfernung vom Tore halt, schüttelte zornig die Faust und verfluchte laut alle Römer. Sobald aber die Wachtposten drohend ihre Speere hoben, verzog er sich schleunigst, und die Legionäre brüllten vor Lachen über den davonhastenden Mann.

Als wir das stattliche Steinpflaster des Festungshofes betraten, blieb Adenabar unschlüssig stehen und musterte mich von oben bis unten. Mir wurde bewußt, daß ich nicht besonders vertrauenerweckend aussah und in diesem Aufzug kaum vor dem Statthalter erscheinen konnte. Mochten der Hauptmann und ich uns an der Hinrichtungsstätte noch so gut verstanden haben, hier in diesem Hof herrschten römische Zucht und Ordnung, und ich atmete Kasernenluft. Dieser Geruch nach Metall, Leder, Reinigungsmitteln und Rauch ist nicht unangenehm; aber wenn man ihn in die Nase bekommt, schielt man unwillkürlich auf seine staubigen Schuhe und zupft die Mantelfalten zurecht. Hier im Hof stand auch der Altar der Legion, und ich grüßte ihn ehrerbietig. Nirgends jedoch sah ich ein Standbild des Kaisers.

Adenabar bemerkte zu mir, leider gebe es in der Burg nur wenige Waschgelegenheiten, weil mit dem Wasser gespart werden müsse. Aber er führte mich in den Offizierstrakt und trug den Sklaven auf, dafür zu sorgen, daß ich mich reinigen und umkleiden könne. Inzwischen wolle er zum Prokonsul gehen und ihm Meldung erstatten, erklärte er und versprach, dabei meine Ankunft zu erwähnen.

Ich zog mich aus, wusch und salbte mich und kämmte mir die Haare; dann schlüpfte ich in eine reine Tunika und warf mir den inzwischen ausgebürsteten Mantel um. Schließlich fand ich es auch angezeigt, meinen goldenen Daumenring anzustecken, den ich sonst gewöhnlich nicht trage, weil es mir zuwider ist, öffentlich unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Ich tat dies alles in Eile und begab mich dann wieder in den Hof, wo ich gerade zurechtkam, als der Prokurator Pontius Pilatus mit seinem Gefolge die Turmtreppe hinunterstieg. Er schien ungehalten: ein reicher Jude wünschte ihn zu sprechen, wollte aber, um sich nicht am Vorabend des Sabbat zu verunreinigen, keinesfalls weiter gehen als bis in den Burghof.

Offenbar handelte es sich um einen einflußreichen Mann, der mit den Römern auf gutem Fuße stand, da der Statthalter sich dazu herbeiließ, ihn derart in der Abenddämmerung zu empfangen. Ich trat näher und stellte mich zu den gaffenden Soldaten. Die Vorsprache hing mit den Ereignissen des Tages zusammen; gelassen und würdevoll bat nämlich der reiche alte Mann um Erlaubnis, den Leichnam des Nazareners vor Sabbatbeginn vom Kreuze abzunehmen und in seinem Garten, nahe der Hinrichtungsstätte, beizusetzen.

Pontius Pilatus fragte erst die Umstehenden, ob der Judenkönig tatsächlich tot sei, und sagte dann: »Mit diesem Mann haben wir schon genug Ärger und Verdruß gehabt. Meine Frau ist ganz krank von dem übertriebenen Getue. Nimm seinen Leichnam und schaffe ihn weg, damit ich nichts mehr mit dieser lästigen Sache zu tun habe!«

Der Jude gab dem Sekretär des Statthalters ein Geschenk und ging davon, mit ebensoviel Würde, wie er gekommen war. Erstaunt fragte Pilatus sein Gefolge: »Ist dieser Joseph von Arimathia nicht selbst Mitglied des Hohen Rates, der Jesus gekreuzigt haben wollte? Wenn der Verurteilte wirklich insgeheim über so mächtige Gönner verfügte, so hätten sie ihren Einfluß rechtzeitig geltend machen und uns ein Verfahren ersparen sollen, mit dem wir wenig Ehre einlegen.«

Adenabar gab mir ein Zeichen. Ich trat mit achtungsvollem Gruß vor, sprach Pilatus als Prokonsul an und nannte meinen Namen. Er erwiderte meinen Gruß ziemlich achtlos und sagte dann, um sein gutes Gedächtnis zu beweisen: »Ja, natürlich, natürlich! Ich kenne dich. Dein Vater ist der Astronom Manilius; aber auch mit der vornehmen Maecenas-Familie bist du verwandt. Für deine Ankunft in Jerusalem hast du dir allerdings einen ungelegenen Tag ausgesucht. Glücklicherweise hat wenigstens das Erdbeben in der Stadt keinen nennenswerten Schaden angerichtet. Na, und diesen Jesus von Nazareth hast du auch mit eigenen Augen sterben sehen. Aber genug von ihm! In einem Jahr wird kein Hahn mehr nach ihm krähen.«

Ohne meine Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: »Meine Frau wird sich sehr freuen, dich zu treffen. Sie ist etwas unpäßlich, wird aber bestimmt gern aufstehen, um mit uns zu speisen. Ich selber fühle mich auch nicht hervorragend. Mein alter Rheumatismus plagt mich wieder; und dabei bestehen meine Obliegenheiten in Jerusalem, wie du selbst siehst, hauptsächlich darin, steile Treppen auf und ab zu laufen.«

Trotz der Beschwerden, über die er klagte, bewegte er sich sehr lebhaft und mühelos und war von solcher Unrast erfüllt, daß er kaum stillstehen konnte. Er ist hager und bekommt eine Glatze, die er dadurch zu verdecken sucht, daß er sich die Haare über den Scheitel nach vorn kämmt. Seine Augen sind kalt und forschend. Ich wußte, daß seine Laufbahn anfangs keineswegs glänzend gewesen war; aber dank seiner Heirat hatte er sich schließlich doch den immerhin sehr einträglichen Posten eines Statthalters gesichert. Ein wirklicher Prokonsul ist er allerdings nicht, sondern untersteht dem Prokonsul von Syrien. Alles in allem dürfte er kein übler Mensch sein. Er kann mit trockenem Humor lächeln und sich über die eigene Person lustig machen. Ich glaube, er hat einen sehr wachen Sinn für seine Verpflichtung als Römer, unter streitsüchtigen Fremdvölkern Rechtlichkeit zu gewährleisten, und deshalb bedrückt ihn dieser Fall des Jesus von Nazareth in so starkem Maße.

Verbittert sagte er: »Ich könnte wetten, daß die Juden, sobald ich nur in meinen Gemächern oben bin, gleich wieder geschäftig mit irgendwelchen Feiertagsanliegen daherkommen und mich zwingen werden, von neuem in den Hof hinunterzurennen. Rom hat es leicht, mir Rücksichtnahme auf ihre Sitten und Gebräuche einzuschärfen; aber auf diese Weise werde ich mehr ihr Knecht als ihr Herr.«

Er begann, ruhelos im Hof hin und her zu gehen, gestattete mir aber durch eine Handbewegung, ihm zur Seite zu bleiben. »Hast du ihren Tempel schon gesehen?« fragte er mich. »Zum Vorhof haben auch wir Heiden freien Zutritt; aber in die Innenhöfe darf bei Todesstrafe kein Unbeschnittener seinen Fuß setzen. Man würde nicht glauben, daß wir hier im römischen Reich leben. Nicht einmal Cäsars Bildnis dürfen wir öffentlich aufstellen. Und die Androhung der Todesstrafe ist kein leeres Gerede; darüber haben wir traurige Erfahrungen. Manchmal setzt ein närrischer Reisender sich aus purer Neugier in den Kopf, sich als Jude zu verkleiden, um das verbotene Tempelinnere zu besichtigen, wo es übrigens gar nichts Besonderes zu sehen gibt. Im ärgsten Festestrubel mag er durchrutschen; doch wenn man ihn erwischt, wird er erbarmungslos gesteinigt. Dazu haben sie das Recht, und es ist keine angenehme Todesart. Ich hoffe, du trägst dich nicht mit derartigen Absichten.«

Dann erkundigte er sich behutsam, was es in Rom Neues gebe, und war sichtlich erleichtert, als ich ihm erzählte, ich hätte den Winter in Alexandria mit dem Studium der Philosophie verbracht. Daraus erkannte er, daß ich politisch ungefährlich war, und führte mich, zum Zeichen seiner Gewogenheit, sein Rheuma vergessend, in den zweiten Hof und auf den Wachtturm der Burg, von dem aus man den ganzen Tempelbezirk überblickt. Im Abendlicht bot sich der Tempel mit seinen vielen Höfen und stattlichen Säulenhallen den Augen als prachtvolles Bauwerk dar. Pilatus zeigte mir die Halle der Händler und Wechsler, den sogenannten Vorhof der Heiden, den Frauenhof und den Männerhof sowie schließlich das mitten im heiligen Gelände aufragende eigentliche Tempelgebäude, wo sich das Allerheiligste befindet, ein Raum, den sogar der Hohepriester nur einmal im Jahr betreten darf.

Ich erkundigte mich, ob die Erzählungen, im Allerheiligsten der Juden werde ein goldener Wildeselkopf verehrt, irgendeine Grundlage hätten. Auf diese tief eingewurzelte Meinung stößt man nämlich bei allen Völkern. Pilatus erklärte, daran sei nichts Wahres. Er versicherte mir: »Im Allerheiligsten befindet sich überhaupt nichts. Der Raum ist völlig leer. Als im früheren Tempel schon die Flammen wüteten, ging Pompeius mit einigen Offizieren hinter den Vorhang und fand dort gar nichts. Das ist eine feststehende Tatsache.«

Inzwischen waren wieder Leute gekommen, die den Statthalter sprechen wollten, und wir kehrten in den äußeren Hof zurück. Dort wartete, von jüdischen Tempelwächtern begleitet, ein Abgesandter des Hohepriesters und verlangte mit vor Übereifer quengelnder Stimme, die Leichen der Gekreuzigten sollten vor Tagesanbruch abgenommen werden. Pontius Pilatus stellte ihm anheim, abzunehmen, was noch abzunehmen war; der Form halber erörterten sie die Frage, ob das Sache der Juden oder der Römer sei, obwohl der Abgesandte sich offenbar schon auf die Übernahme der lästigen Aufgabe eingestellt und deshalb die Tempelwächter mitgenommen hatte. Sie gedachten die Leichen zum jüdischen Kehrichtplatz zu bringen und in das Feuer zu werfen, das dort Tag und Nacht zur Müllbeseitigung brennt.

Der Statthalter machte mit einiger Schärfe darauf aufmerksam, daß die Leiche des Jesus von Nazareth nicht angerührt werden dürfe, falls sie nicht schon, wie er jemand anderem gestattet habe, begraben worden sei. Das war keine erfreuliche Nachricht für den Abgesandten; aber er konnte darüber nicht zu rechten beginnen, da er bloß den allgemeinen Auftrag erhalten hatte, für die Entfernung der Leichen vor Sabbatbeginn zu sorgen. Er versuchte jedoch herauszubekommen, wer sich für Jesu Leichnam interessiert hatte, und wie und warum das geschehen war. Aber Pilatus wurde des Mannes überdrüssig, knurrte kurz: »Was ich gesagt habe, habe ich gesagt« und kehrte ihm den Rücken, zum Zeichen, daß die Unterredung zu Ende war. Also mußte der Jude sich samt seinen Tempelwächtern zurückziehen.

Ich bemerkte: »Noch als Toter scheint der Judenkönig Ungelegenheiten zu bereiten.«

Pontius Pilatus versank in tiefes Nachdenken und erwiderte dann: »Da hast du wohl recht. Ich bin ein erfahrener Mann und zerbreche mir im allgemeinen nicht zwecklos den Kopf. Aber dieses Fehlurteil verdrießt mich mehr, als ich gedacht hätte. Heute früh hat er, dieser Jesus, vor mir selber behauptet, er sei zwar der König der Juden, doch sein Reich sei nicht von dieser Welt. Daraus habe ich entnommen, daß er politisch harmlos war, und ich wollte nicht die Todesstrafe an ihm vollziehen lassen. Aber die Juden zwangen mich dazu.«

Er schlug mit der Faust gegen die Innenseite der anderen Hand und rief wütend: »Ja, wahrhaftig, ich bin das Opfer jüdischer Winkelzüge und Ränke. Mitten in der Nacht haben die Kerle den ihnen verhaßten Wanderprediger gefangengenommen und noch während der gleichen Nacht in aller Eile so viele Mitglieder des Hohen Rates zusammengetrommelt, daß die Stimmenzahl zu seiner Verurteilung reichte. Es fehlte nicht viel, so hätten sie ihn selbst gesteinigt, wegen Gotteslästerung. Sie haben zwar nicht das Recht, ein derartiges Todesurteil zu vollstrecken; aber solche Dinge sind schon vorgekommen, und dann haben sie sich jedesmal heuchlerisch damit herausgeredet, sie seien gegen den gerechten Zorn des Volkes machtlos gewesen. Aber diesmal haben sie das, offenbar aus Rücksicht auf dieses selbe Volk, nicht gewagt und fanden es wünschenswert, Rom in die Sache zu verwickeln. Ja, ich habe den Mann, weil er in Galiläa aufgewachsen ist und hauptsächlich dort gepredigt hat, zur Aburteilung zum jüdischen Tetrarchen von Galiläa geschickt. Aber dieser schlaue Fuchs, dieser Herodes Antipas, hat bloß seinen Spott mit ihm getrieben und mir ihn dann wieder zurückgeschickt, um die Verantwortung auf meinen Nacken abzuwälzen.«

»Was mag er wohl«, erlaubte ich mir zu fragen, »damit gemeint haben, daß sein Reich nicht von dieser Welt sei? Ich bin nicht abergläubisch; Tatsache jedoch ist, daß bei seinem Tode die Erde bebte. Und der Himmel hat sich barmherzig verdunkelt, damit man sein Leiden nicht allzu deutlich sieht.«

Der Statthalter warf mir einen grimmigen Blick zu und fuhr mich in höchst unfreundlichem Töne an: »Ich hoffe, daß du als eben erst hier Hereingeschneiter nicht auch anfangen wirst, das wiederzukäuen, was meine Frau seit heute morgen ununterbrochen im Munde führt. Und den Zenturio Adenabar lasse ich einsperren, wenn er weiter von einem Sohne Gottes faselt. Diese syrische Legendengläubigkeit ist unausstehlich. Vergiß nicht, daß du Römer bist!«

Ich dankte meinem guten Stern, daß ich während des kurzen vertraulichen Gesprächs auf dem Turm nichts von den Weissagungen erwähnt hatte, derentwegen ich nach Jerusalem gereist war. Aber der Zornausbruch des Prokurators bestärkte mich in dem Entschluß, so tief wie möglich in die Hintergründe dieser ganzen Angelegenheit hineinzuleuchten. Für gewöhnlich nimmt sich ein römischer Statthalter die Kreuzigung eines jüdischen Volksaufwieglers nicht sehr zu Herzen. Dieser Judenkönig mußte ein ganz besonderer Mensch gewesen sein.

Pontius Pilatus begann die Treppe zu seinen Gemächern hinaufzusteigen, erklärte aber, er werde sich freuen, mich nach Einbruch der Dunkelheit beim Abendessen als Gast begrüßen zu können.

Ich kehrte in den Offizierstrakt zurück, wo man jetzt, nach Dienstschluß, im Speiseraum eifrig dem Weine zusprach. Judäa sei ein gutes Weinland, erzählten mir die Offiziere, und ich konnte ihrem Urteil nach einer Kostprobe nur beipflichten. Mit Wasser vermischt, ist dieser Wein erfrischend, bekömmlich und nicht zu süß.

Ich unterhielt mich mit Offizieren, Technikern und Fachbeamten der Legion, und es wurde mir bestätigt, daß der Statthalter tatsächlich widerstrebend und nur unter dem Druck der Juden deren König hatte kreuzigen lassen. Allerdings sei Jesus im Burghof gegeißelt und von den Soldaten verhöhnt worden, aber bloß zu ihrer Belustigung und weil es so Sitte ist. Nachher sei man willens gewesen, ihn freizulassen. Alle diese Männer hier schien ein Schuldgefühl zu bedrücken; denn sie bemühten sich durchwegs, den Hingerichteten zu verteidigen und die Verantwortung den Juden zuzuschieben. Das Erdbeben hatte tiefen Eindruck auf sie gemacht, und einige gaben, als sie trunken wurden, Geschichten zum besten, die sie von den Juden über Wundertaten des Königs gehört hatten. Er habe Kranke geheilt und böse Geister ausgetrieben; und erst vor ein paar Tagen habe er, nicht weit von Jerusalem, einen Toten, der schon seit mehreren Tagen im Grab lag, zum Leben erweckt.

Mir erschienen diese Geschichten als Musterbeispiele dafür, wie rasch sich um ein aufregendes Ereignis Legenden ranken. Ich konnte kaum ein Lächeln unterdrücken über die Bereitwilligkeit, mit der diese doch recht gebildeten Menschen solche breitspurig erzählten Albernheiten anhörten und glaubten. Jemand wußte sogar den Namen des aus dem ' Totenreich Zurückgekehrten zu nennen. Überdies wurde allen Ernstes behauptet, gerade diese Wiedererweckung – von der die Kunde sich in ganz Jerusalem verbreitet hatte – sei der letzte Anstoß dafür gewesen, daß die jüdische Obrigkeit den Wundertäter ums Leben zu bringen beschloß.

Als weiteres Beispiel jüdischer Unduldsamkeit erzählte der Kommandant einer für die Osterzeit vom Wüstenrand her nach Jerusalem beorderten Kameltreibertruppe, erst vor ein, zwei Jahren habe der Tetrarch Herodes von Galiläa die Enthauptung eines Propheten angeordnet. Dieser Mann habe in der Wüste gepredigt und viele Menschen dazu bewogen, sich im Jordan taufen zu lassen und so Bürger eines künftigen Reiches zu werden. Der Offizier hatte den Mann mit eigenen Augen gesehen; er trug einen Überwurf aus Kamelhaar und aß kein Fleisch.

Ich hörte auch, in einer kaum zugänglichen Wüstengegend unfern dem Salzmeer hätten sich einige hundert Juden zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, um in den heiligen Schriften zu forschen und auf das neue Reich zu warten. Diese Asketen haben angeblich einen anderen Kalender als die rechtgläubigen Juden und kennen verschiedene Grade der Einweihung in ihre Geheimlehre.

Die Dunkelheit brach herein, die Lampen wurden angezündet, und es wurde Zeit für mich, beim Statthalter zu erscheinen. Wegen dieser Einladung hatte ich mir manche Neckerei anhören müssen. Die Offiziere teilten mir aber auch im Vertrauen mit, es sei ihnen gelungen, zwei syrische Tänzerinnen und Musikanten einzuschmuggeln; sobald der Prokonsul sich zurückgezogen hätte, möge ich wieder zu ihnen kommen und an der allgemeinen Lustbarkeit teilnehmen. Nachdem das jüdische Osterfest bisher der Legion so viel Mühsal gebracht habe, hätten die Leute sich etwas Unterhaltung redlich verdient.

In den Wohnräumen des Statthalters hatte man versucht, die Düsterkeit der Turmgemächer durch kostbare Matten und Wandteppiche zu mildern, und die Kissen der Speiselager waren mit feinen Geweben bezogen. Das Tafelgeschirr war syrischer Herkunft, und der Wein wurde in Glasbechern gereicht. Neben mir saß ein zweiter Gast, der Festungskommandant, ein fast bis zur Stummheit schweigsamer Mann, der ein hervorragender Stratege sein mochte, sich aber in Gegenwart der Hausfrau und ihrer Gesellschaftsdame so befangen fühlte, daß er nicht den Mund zu öffnen wagte. Auch Adenabar und der Sekretär des Prokurators waren anwesend. In den Lampen brannte feinstes Öl, mit dessen Wohlgeruch die Salbendüfte der beiden Frauen wetteiferten.

Ich freute mich, Claudia Procula wiederzusehen; allerdings hätte ich sie, offen gestanden, kaum erkannt, wenn ich sie zufällig auf der Straße getroffen hätte. Sie war abgemagert und blaß und hatte ihr Haar, um zu verbergen, daß es grau wurde, mit Henna rot gefärbt. Nur wenn ich in ihre Augen – eigentlich das einzige an ihr, was mir von früher her vertraut war – blickte, bemerkte ich die gleiche rastlose Empfindsamkeit, die mich einst in meiner Jugend einen ganzen Nachmittag lang im Proculus-Haus in Rom entzückt hatte.

Sie streckte mir ihre beiden schlanken, gepflegten Hände entgegen und blickte mir lange in die Augen. Dann schlang sie, zu meinem maßlosen Erstaunen, ihre Arme um meinen Hals, drückte mich an sich, küßte mich auf beide Wangen und schluchzte mit Tränen in den Augen: »Marcus, Marcus! Wie froh bin ich, daß du gekommen bist und mich an diesem schrecklichen Abend ein bißchen aufheitern kannst!«

Der Festungskommandant wandte den Blick ab, ebenso um meines Gastgebers willen wie meinetwegen beschämt. Pontius Pilatus brummte unmutig: »Aber, aber, Claudia! Nimm dich doch zusammen! Wir wissen alle, daß du nicht gesund bist.«

Claudia Procula löste die Arme von meinem Hals. Ihre Schönheit hatte einigermaßen dadurch gelitten, daß blaue Augenschminke und Tränen ihr über die bemalten Wangen geronnen waren. Aber sie stampfte mit den Füßen auf den Boden und fauchte: »Es ist nicht meine Schuld, wenn böse Träume mich quälen. Habe ich dich nicht gewarnt, du solltest mit jenem heiligen Mann nichts zu schaffen haben?«

Als ich sah, wie verärgert Pontius Pilatus war, wurde mir klar, daß er einen hohen Preis für die Stellung bezahlen mußte, die seine Gattin ihm durch ihre Beziehungen verschafft hatte. Ein anderer Mann hätte zweifellos seiner Gattin aufgetragen, sich zurückzuziehen, bis sie ihre Fassung wiedergewänne; der Prokurator aber streichelte ihr nur verlegen die Schultern und bat sie, sich zu beherrschen. Die Gesellschaftsdame, ein auffallend hübsches Wesen, begann rasch, die Wangenbemalung ihrer Herrin instandzusetzen.

Der Statthalter nahm aus den Händen eines Sklaven einen Schöpflöffel und goß eigenhändig Wein aus dem Mischgefäß in die gläsernen Becher, auf die er stolz zu sein schien, mit Recht übrigens. Den ersten Becher reichte er, an dem Festungskommandanten vorbei, mir. Daraus schloß ich, daß er mein Gepäck hatte durchsuchen lassen. Mit Bedacht hatte ich jenen kurzen Empfehlungsbrief obenauf gelegt, der mir – zugleich mit einem Wink, ich könnte nichts Klügeres tun, als den Staub Roms von den Füßen zu schütteln – zugekommen war. An der Spitze dieses Briefes steht ein Name, den ich hier nicht festhalten will, der sich jetzt aber auch in den östlichen Ländern als machtvoll erweist. So muß ich Dir, Tullia, gar noch danken, weil Du mir, als Du mich aus Rom abschobst, diesen Namen zu meinem Beistand verschafft hast.

Als wir uns zutranken, setzte Pontius Pilatus mühsam ein schwaches Lächeln auf und sagte halblaut, wenigstens einen Brauch der Juden beginne er jetzt zu verstehen, den nämlich, der es den Frauen verbietet, zusammen mit den Männern ihre Mahlzeiten einzunehmen. Aber Claudia Procula hatte sich inzwischen beruhigt und forderte mich auf, neben ihr bei Tisch Platz zu nehmen, damit sie mir das Haar streicheln könne. »Das kann niemand übel auffassen«, erklärte sie. »Dem Alter nach könnte ich ja leicht deine Mutter sein. Und du, armes Waisenkind, hast nie eine Mutter gekannt.«

»Bei den Göttern ist kein Ding unmöglich«, erwiderte ich. »Nehmen wir also an, du hättest mit fünf Jahren einen Sohn zur Welt bringen können.« Da unser Altersunterschied in Wirklichkeit mindestens fünfzehn Jahre betrug, war meine Bemerkung natürlich eine plumpe Schmeichelei; aber so haben die Frauen es ja gern. Claudia Procula beäugte mich kokett unter ihren Brauen, nannte mich einen Heuchler und warnte ihre Gesellschaftsdame, sie möge ja kein Wort von dem glauben, was ich sage. Ich gelte als einer der durchtriebensten Verführer unter den jungen Männern Roms und hätte mit vierzehn Jahren schon meinen Ovid auswendig gekonnt. Glücklicherweise machte sie keine Andeutung über das Testament, durch das ich wohlhabend geworden bin.

Der Statthalter nahm meinen Scherz nicht übel. Ich hatte im Gegenteil die Empfindung, daß er alles begrüßte, was seine Frau in frohe Stimmung bringen konnte. Er riet mir bloß, mich zurückzuhalten und daran zu denken, daß die Gattin eines Prokonsuls – so nannte er sich wahrhaftig selbst! – unantastbar ist. Übrigens sei, so versicherte er, seine Frau durch ihren Aufenthalt unter den Juden gehetzter geworden und habe die Leichtfertigkeit der römischen Gesellschaftskreise abgelegt.

Während wir derart dummes Zeug schwatzten, begann das Mahl. Ich habe schon besser gegessen. An den Speisen war jedoch, mochte die Lebensführung des Statthalters noch so bescheiden sein, nichts auszusetzen. Zumindest erwies sich alles, was aufgetragen wurde, als frisch und aus guten Rohstoffen zubereitet, was bestimmt die Grundvoraussetzung aller Kochkunst ist. Am vergnüglichsten allerdings war der Höhepunkt der Mahlzeit, als ein großer, zugedeckter Topf hereingebracht und auf die Tafel gestellt wurde, worauf der Hausherr die Sklaven hinausschickte. Eigenhändig hob er den Deckel ab, und dem Topf entströmte ein köstlicher Braten- und Rosmarinduft. Adenabar und der Festungskommandant gaben ihrer Freude durch laute Rufe Ausdruck. Pontius Pilatus erklärte mir lachend:

»Da sieht man, wie sehr wir unter der Fuchtel der Juden stehen. Der römische Prokonsul ist gezwungen, sein Schweinefleisch aus dem Ostjordanland in die Antonia einzuschwärzen.«

Ich erfuhr, daß östlich des Genezareth-Sees ganze Schweineherden für die Besatzungstruppen gehalten werden, daß es aber, um die Gefühle der Juden zu schonen, streng verboten ist, das Fleisch dieser Tiere nach Jerusalem zu bringen. Die Zöllner müssen, so wohlgesinnt sie den Römern auch sein mögen, dieses Verbot handhaben. Deshalb wird das Schweinefleisch für die Tafel des Statthalters in die Burg als Kuriergepäck eingeschmuggelt, unter dem römischen Staatssiegel.

»Da fällt mir ein«, bemerkte Adenabar, um auch etwas zu dem Gespräch beizutragen, »daß dieser Jesus, der Judenkönig, nur ein einziges Mal wirklichen Schaden angerichtet hat, zu Gadara im Ostjordanland. Er war im allgemeinen vorurteilslos; oft genug hat er die jüdischen Vorschriften und sogar die Sabbatruhe gebrochen. Den jüdischen Widerwillen gegen Schweinefleisch aber muß er geteilt haben; denn als er vor einigen Jahren durch die Gegend von Gadara wanderte, hat er eines Tages mit Hilfe seiner Schüler eine ganze, tausendköpfige Herde dieser Tiere über eine steile Felswand ins Wasser getrieben. Die Schweine ertranken alle, und ihr Eigentümer erlitt einen schweren Verlust. Die Übeltäter aber entflohen über die Grenze nach Galiläa. Es wäre schwerlich gelungen, ihnen den Prozeß zu machen, und Schadenersatz hätte man ohnedies nie von ihnen bekommen, weil es lauter arme Leute waren. Sie lebten hauptsächlich von den Gaben ihrer Anhänger; nur von Zeit zu Zeit arbeiteten sie ein bißchen. Dein Schweinezüchter blieb nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich glaube, man hätte nicht einmal Zeugen für den Vorfall aufgebracht; der Ruf des Heiligen war ja auch über die Grenze gedrungen, und die Leute fürchteten sich vor ihm wegen seiner Wundertaten.«

Adenabar hatte sich am Rande seines Speisesofas aufgesetzt und erzählte seine Geschichte sehr eifrig; zum Schluß brach er in lautes Gelächter aus. Erst dann bemerkte er, daß seine Anekdote uns keineswegs ergötzt hatte; denn nun waren wir glücklich wieder bei jenem Jesus angelangt, den wir mit leerem Gesellschaftsschwatz für eine Weile – allerdings auch vielleicht nicht ganz – vergessen hatten.

Adenabar stutzte verlegen, und sein Lachen erstarb jäh. Pontius Pilatus knurrte: »Nachgerade dürften wir genug von diesem Mann gesprochen haben.«

Claudia Procula begann zu zittern, verlor ihre Selbstbeherrschung und rief: »Er war ein Heiliger – ein Krankenheiler und Wundertäter, wie die Welt bisher keinen gesehen hat! Wenn du ein Mann und ein richtiger Römer wärest, hättest du ihn nie verurteilt. Vergebens hast du dir nachher die Hände gewaschen; das entsühnt dich nicht. Du hast selbst zugegeben, daß du keine Schuld an ihm findest. Wer herrscht eigentlich in Jerusalem – die Juden oder du?«

Der Prokurator wurde blaß vor Wut, und er hätte seinen Weinbecher zu Boden geschmettert, wäre ihm nicht im letzten Augenblick eingefallen, daß nichts damit getan war, wenn er ein wertvolles Glas in Scherben schlug. Er bedachte sich und blickte umher; da die Tischgesellschaft klein und zuverlässig war und keine Sklaven im Zimmer weilten, antwortete er mit erzwungener Gelassenheit:

»Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen sehe. Vor mir hat er kein Wunder gewirkt, auch vor Herodes nicht, obwohl der Judenfürst ihn ausdrücklich aufgefordert hatte, ihm durch ein Zeichen seine Macht zu beweisen. Die ganze Sache hat einen bösen politischen Einschlag bekommen, und ich sah keinen anderen Ausweg, als den Mann zu verurteilen. Juristisch betrachtet, habe ich übrigens kein Urteil gesprochen, sondern bloß den Juden freie Hand gelassen. Politik ist Politik, und auf diesem Gebiet wird der Ausgang stets von Zweckmäßigkeitserwägungen bestimmt, nicht durch einen formalen Richterspruch. Und es ist eben zweckmäßig, den Juden in Kleinigkeiten ihren Willen zu lassen; das befriedigt ihr Bedürfnis nach nationalem Eigenleben. In allen wichtigen Dingen liegt die Macht ausschließlich in meiner Hand.«

»Wie war denn die Sache mit der Wasserleitung für Jerusalem?« warf Claudia Procula mit weiblicher Bosheit ein. »War das nicht deine glorreiche Idee, dein Stolz, zum erhabenen Denkmal deiner Amtszeit bestimmt? Zeig mir bloß, wo dieses Bauwerk ist! Es waren ja schon alle Pläne eingereicht, und überall hat man das Gefälle bereits gemessen.«

»Ich konnte doch das Geld dazu nicht gewaltsam aus dem Tempelschatz entwenden«, verteidigte sich Pilatus. »Wenn die Juden ihren eigenen Vorteil nicht erkennen, so ist das für sie beschämend und nicht für mich.«

»Mein Herr und Gebieter!« sagte Claudia Procula spöttisch. »All die Jahre hindurch hast du den Juden gegenüber, sobald es hart auf hart ging, immer wieder nachgeben müssen, in jeder Sache, ob klein oder groß. Gerade dieses eine Mal hat es sich jetzt so ergeben, daß du dich leicht hättest als Mann erweisen können, und das Recht wäre auf deiner Seite gewesen. Warum hast du meine Mahnung, nicht einen Unschuldigen zu verurteilen, in den Wind geschlagen?«

Adenabar versuchte die Lage zu retten, indem er scherzend bemerkte: »Der Aquädukt ist an der Starrköpfigkeit der Jerusalemer Frauen gescheitert. Das Wasserholen ist nämlich für sie die einzige Gelegenheit, bei den Brunnen zusammenzukommen und zu plaudern. Je länger und anstrengender der Weg ist, desto mehr Muße finden sie zu albernem Geschwätz.«

Claudia Procula erwiderte: »Die Jerusalemer Frauen sind keineswegs so einfältig, wie du glaubst. Wäre nicht alles derart rasch und überstürzt abgelaufen, derart gesetzwidrig, und hätte nicht einer seiner eigenen Jünger ihn für Geld dem jüdischen Synedrium verraten, so wäre es nie zur Verurteilung gekommen. Wenn du, mein verehrter Gatte, wenigstens Manns genug gewesen wärest, die Entscheidung bis nach Ostern zu verschieben, würden die Dinge jetzt ganz anders aussehen. Dieser Jesus hatte die Werktätigen auf seiner Seite und ebenso auch alle jene rings im Lande, die sich die Stillen nennen und ein neues Reich erwarten. Deren gibt es mehr, als du ahnst. Sogar ein Angehöriger des Hohen Rates ist erschienen und hat dich um den Leichnam des Gekreuzigten gebeten, um ihn in seine eigene Grabstätte zu legen. Ich weiß vieles, was dir entging. Ich weiß sogar Dinge, die nicht einmal den schlichten Jüngern Jesu bekannt sind. Aber nun ist alles zu spät. Du hast den Mann ums Leben gebracht.«

Pontius Pilatus hob die Hände, rief alle Götter Roms und den Schutzgeist Cäsars zu Zeugen an und beteuerte: »Wenn er nicht ans Kreuz geschlagen worden wäre, so hätten die Juden in Rom Klage geführt, ich sei kein Freund Cäsars. Habe ich dir nicht verboten, Claudia, dich mit diesen Frauen zu treffen, die nach Art der Zauberinnen in krankhafte Verzückungen fallen? Die Wahnvorstellungen dieser Hexen steigern nur noch deine Unrast. Männer, Römer, ich frage euch in aller Form: Was hättet ihr an meiner Stelle getan? Hättet ihr eure Stellung und eure ganze Laufbahn aufs Spiel gesetzt – nur einem Juden zuliebe, der Glaubenswirren anzettelte?«

Endlich öffnete auch der Festungskommandant den Mund und sagte: »Jude bleibt Jude. Heimtückische Kerle, einer wie der andere! Peitsche, Speer und Kreuz sind das einzige politische Konzept zu ihrer Befriedung.«

* Adenabar bemerkte: »Als er starb, bebte die Erde. Ich glaube, er war ein Gottessohn. Aber du konntest nicht anders handeln. Jetzt ist er tot und kommt nicht mehr zurück.«

Ich sagte: »Gerne wüßte ich mehr über sein Reich.«

Claudia Procula blickte uns mit weit aufgerissenen Augen an und fragte: »Und wie, wenn er doch wiederkommt? Was tut ihr dann?«

Sie sprach diese Worte so leidenschaftlich, daß mir ein Schauder über den Rücken lief und jedes Härchen an meinem Körper sich sträubte. Mit Gewalt mußte ich mir ins Gedächtnis rufen, daß ich mit eigenen Augen den Judenkönig am Kreuz hatte sterben sehen.

Pontius Pilatus blickte seine Frau mitleidig an, schüttelte den Kopf und sagte, wie zu einer Schwachsinnigen: »Meinetwegen mag er ruhig wiederkommen, meine Liebe. Aber darüber wollen wir uns erst zu gegebener Zeit Sorgen machen.«

Ein Diener trat behutsam ein und bat den Sekretär hinaus. Erleichtert seufzte der Prokurator auf und meinte: »Bald werden wir die letzten Neuigkeiten erfahren. Unterdessen aber lassen wir dieses leidige Thema!«

Wir beendeten das Mahl in gedrückter Stimmung; das Tafelgeschirr wurde abgetragen, und wir tranken noch Wein. Zur Aufheiterung der Damen summte ich die letzten Schlager aus Alexandria, und Adenabar steuerte, mit recht geschulter Stimme, ein in der zwölften Legion entstandenes Liedchen bei.

Der Sekretär kam zurück, und Pilatus forderte ihn, zum Beweis seines Vertrauens uns gegenüber, auf, in unserer Gegenwart seinen Bericht zu erstatten. Offenbar waren die Spione, die der Statthalter unter den Juden hielt, nach Einbruch der Dunkelheit in die Burg zurückgeschlichen und hatten ihre Beobachtungen gemeldet. Der Sekretär erzählte uns folgendes:

»Das Erdbeben hat unter den jüdischen Priestern große Bestürzung hervorgerufen, weil dabei der Tempelvorhang von oben bis unten entzweiriß. Der Mann, der den Nazarener verraten hat, kam heute wieder in den Tempel und warf den Gottesdienern die dreißig Silberstücke, die er bekommen hatte, vor die Füße. Im Hause des Hohenpriesters herrscht helle Empörung, seit an den Tag kam, daß zwei Mitglieder des Synedriums, Joseph und Nikodemus, den Leichnam Jesu vom Kreuze nehmen und in einem neu aus dem Felsen gehauenen Grab in der Nähe des Hinrichtungsplatzes bestatten ließen. Nikodemus hat dazu das Grablinnen beigestellt und auch hundert griechische Pfund einer Mischung von Myrrhe und Aloe. Ansonsten ist es in der Stadt ruhig, und der Vorabend des Passahfestes wurde in gewohnter Weise begangen. Die Anhänger Jesu haben sich zerstreut wie verwehte Asche. Der Rat hat folgende Parole ausgegeben: ›Es ist besser, ein einziger Mensch stirbt für das Volk, als daß die ganze Nation zugrunde geht.‹ Dadurch hat sich die Lage in der Stadt entspannt. Jedenfalls redet niemand mehr laut über den Gekreuzigten. Die abergläubische Volksverehrung, die er genoß, scheint sich zu verflüchtigen, nachdem er kein Wunder gewirkt hat, sondern eines schmachvollen Todes gestorben ist.«

Der Sekretär blickte uns an, räusperte sich, lachte kurz auf und fuhr fort: »Dann ist da noch eine Sache, die ich nicht einmal der Erwähnung wert gefunden hätte, wäre sie mir nicht von zwei verschiedenen Seiten hinterbracht worden. Er, dieser Jesus, soll nämlich angekündigt haben, er werde am dritten Tag nach seinem Tode auferstehen. Woher die Geschichte stammt, konnte ich nicht herausbekommen. Aber auch im Hause des Hohenpriesters ist sie bekannt; dort berät man darüber, wie man sich da vorsehen könnte.«

»Was habe ich gesagt!« rief Claudia Procula triumphierend.

Der Sekretär beeilte sich richtigzustellen: »Ich meine natürlich nicht, daß die Priester tatsächlich an eine solche Möglichkeit glauben. Aber die Anhänger des Gekreuzigten könnten versuchen, den Leichnam zu stehlen, um dann einfältigen Leuten etwas vorzumachen. Deshalb ärgert es die Priester und die anderen Ratsmitglieder, daß die Leiche nicht, wie es mit den beiden anderen Missetätern geschah, am Müllplatz verbrannt wurde.«

Pilatus murmelte erbittert: »Darauf hätte ich mich eigentlich gefaßt machen müssen, daß dieser Mann mich nicht einmal als Toter ruhig schlafen lassen würde.«

Er geriet über dieses alberne Gerücht in derartige Bestürzung, daß er Adenabar und mich beiseite nahm und sich nochmals den Tod den Judenkönigs bestätigen ließ. Wir waren Augenzeugen seines Sterbens gewesen und hatten auch beobachtet, wie der Soldat seine Lanze in das Herz des Leblosen gestoßen hatte. Darum beteuerten wir beide: »Dieser Mann hat am Kreuze sein Leben ausgehaucht und wird bestimmt kein Glied mehr rühren.«

Nach dem Mahle verbrachte ich eine unruhige Nacht.-Der Wein und alles, was ich erlebt hatte, rumorte mir im Kopf, so daß ich trotz meiner Müdigkeit schlecht schlief und böse Träume hatte. Auch das trunkene Gegröle aus der Offiziersmesse störte mich die ganze Nacht über. Schließlich weckten mich, sobald der Morgen graute, Hornrufe, die vom Tempelbezirk her kamen und über die ganze Stadt schallten. Augenblicklich fiel mir wieder ein, was ich am Vortag gesehen und gehört hatte. Von neuem begann ich, über den Judenkönig und sein Reich nachzugrübeln.

Um meine Gedankengänge zu klären und mir alles so zu vergegenwärtigen, wie ich es mitgemacht hatte, setzte ich mich zum Schreiben hin und schrieb ununterbrochen, bis Adenabar hereinkam, mit verquollenen Augen und noch einigermaßen benebelt. Er forderte mich auf, hinunterzukommen und mir etwas Unterhaltsames anzusehen. Und in der Tat, im Hofe stand, obwohl es Sabbat war und noch dazu ein ganz großer Sabbat, eine Abordnung des Rates und der Priesterschaft, die den Statthalter sprechen wollte. Pilatus ließ die Leute eine Zeitlang warten und schalt sie dann mit bitteren Worten wegen all der Ungelegenheiten, die man ihm bereitete.

Aber die Leute waren wirklich verängstigt und beteuerten, der letzte Betrug würde ärger sein als der erste, wenn es den Anhängern Jesu gelänge, seinen Leichnam aus der Grabkammer zu stehlen; dann würden sie überall ausposaunen, er hätte seine Ankündigung wahr gemacht und wäre am dritten Tag von den Toten auferstanden. Deshalb baten und beschworen sie den Statthalter, für ein paar Tage eine Legionärswache – ihren eigenen Wächtern trauten sie nicht ganz – vor das Grab zu stellen und für alle Fälle überdies am Grufteingang sein persönliches Amtssiegel anbringen zu lassen, das zu verletzen kein Jude wagen würde.

Pilatus nannte sie alte Weiber und Schwachköpfe und verspottete sie mit den Worten: »Mir scheint, ihr fürchtet euch vor dem Toten noch mehr als vor dem Lebenden.«

Doch sie versprachen, ihm gleich nach dem Sabbat reiche Geschenke zu schicken. Am Sabbat sei es ihnen als Juden verboten, etwas bei sich zu tragen. Schließlich gab Pilatus nach und entsandte zwei Soldaten sowie den Legionsschreiber zum Grab. Der Schreiber erhielt den Auftrag, den Grufteingang zu versiegeln, jedoch nicht mit dem Siegel des Statthalters, sondern mit dem der zwölften Legion, das den Juden wohl genügen werde. Er gab Weisung, während der Nacht sollte die Wachmannschaft nach Ermessen des Wachkommandanten auf vier oder acht Personen verstärkt werden; er wußte ja, daß zwei römische Legionäre allein sich nachts außerhalb der Stadtmauern nie sicher fühlen konnten.

Ich hatte die Empfindung, daß etwas Bewegung mir guttun würde, und so begleitete ich den Schreiber zu dem Grabe. An der Hinrichtungsstätte ragten noch düster die blutbefleckten Kreuzespfähle auf, während die Querbalken bei der Abnahme der Leichen entfernt worden waren. Nicht weit davon befand sich ein schöner Garten und darin ein in einen Felshöcker gehauenes Grab. Den Eingang dazu verstellte ein großer Mühlstein, der aufrecht in einer Bodenrille stand. Ihn wegzurollen hätte zwei kräftige Männer erfordert, und der Tag war heiß. Der Schreiber fand es nicht nötig, das Grab öffnen zu lassen, da die jüdischen Wächter ihm versicherten, niemand habe hier etwas angerührt, seit die beiden treulosen Ratsmitglieder Joseph und Nikodemus den Stein durch Diener vorwälzen ließen.

Während der Schreiber den Eingang versiegelte, schien mir ein starker Myrrhenduft aus dem Grabe zu dringen. Aber es mochten auch nur Gartenblumen gewesen sein, die rings um mich so würzig rochen. Die beiden Legionäre machten rohe Späße über ihre Aufgabe; aber sie waren sichtlich froh darüber, daß sie ihren Wachdienst bei Tage hatten und abends abgelöst werden sollten.

Auf dem Rückweg wollte ich den Judentempel besuchen; ich trennte mich deshalb von dem Schreiber, der mir noch sagte, in den äußeren Hof könne ich ungefährdet gehen. Ich querte auf einer Brücke das Tal, aus dem der heilige Hügel aufstieg; durch einen mächtigen Torbogen betrat ich, zusammen mit einer großen Menge anderer Besucher, den Vorhof der Heiden. Seit dem Morgen strömten aus der Stadt Leute herbei; noch immer aber war Platz im Hofe, und ich bewunderte seine Säulenhallen. Auf die Dauer jedoch wurden der endlose Singsang und das laute Beten, der Geruch der Opfer und die leidenschaftliche Verzückung der Juden mir zuwider. Ich dachte an den Leichnam des Gekreuzigten, der in der kalten Felsengruft lag, und mein ganzes Mitgefühl gehörte dem Judenkönig, so wenig ich von ihm wußte.

Ich kehrte zur Burg Antonia zurück, und schreibe nun schon bis tief in die Nacht hinein, um meine traurigen Gedanken loszuwerden. Aber ich fühle mich jetzt keineswegs erleichtert, Tullia, denn diesmal habe ich während des Schreibens nicht wie sonst Deine Nähe gespürt.

Für mich ist die Geschichte des Judenkönigs jedenfalls noch nicht zu Ende. Ich sehne mich danach, mehr über sein Reich zu erfahren, und ich habe mir schon verschiedene Möglichkeiten ausgedacht, wie ich mit seinen Anhängern Verbindung aufnehmen könnte, um von ihnen zu hören, was er im Laufe seines Lebens gelehrt hat.

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