So genau ich aber alle Frauen musterte, Claudia befand sich nicht unter ihnen. Ich entdeckte sie erst am folgenden Tag im Quartier der Seewache in Puteoli. Sie war gealtert. Die Haare und die Augenbrauen hatte man ihr des Ungeziefers wegen geschoren. Sie trug einen zerlumpten Sklavinnenmantel, denn sie verrichtete Sklavenarbeit in der Küche.

Nur ihre Augen sagten mir, daß ich Claudia vor mir hatte. Sie selbst erkannte mich auf den ersten Blick wieder, ließ es sich aber nicht anmerken. Es war nicht schwer, sie gegen einen Beutel Silber auszutauschen. Ich hätte sie auch umsonst haben können, um aber die Spuren zu verwischen, hielt ich es für das beste, mir durch das Bestechungsgeld Stillschweigen zu erkaufen.

Als wir uns in der besten Herberge der Stadt allein gegenüberstanden, waren Claudias erste Worte: »Du hast bestimmt sehr eifrig nach mir gesucht, mein lieber Minutus, sonst hättest du mich nicht so schnell gefunden. Seit unserem letzten Zusammensein sind ja erst sieben Jahre vergangen. Was willst du von mir?«

Auf meine inständigen Bitten erklärte sie sich endlich bereit, ordentliche Kleider anzuziehen, eine Perücke aufzusetzen und sich mit Augenschwärze Brauen auf die Stirn zu malen. Sie war, dank der Beschäftigung in der Küche, ziemlich dick geworden und sehr gesund.

Von ihren Erlebnissen in Misenum wollte sie nicht sprechen. Ihre Hände waren hart wie Holz, und sie hatte eine dicke Hornhaut auf den Fußsohlen. Die Sonne hatte sie dunkelbraun gebrannt, und man sah trotz der Kleidung und der Perücke auf den ersten Blick, daß sie eine Sklavin war. Je länger ich sie betrachtete, desto fremder wirkte sie auf mich.

Zuletzt sagte ich verzweifelt: »Agrippina, niemand anders als Agrippina ist an deinem Schicksal schuld. Ich wollte dein Bestes und wandte mich in meiner Dummheit an sie, um ein Wort für dich einzulegen.«

»Habe ich mich beklagt?« fragte Claudia scharf. »Alles, was mir angetan wurde, geschah mit Gottes Willen, um meinen Hochmut zu strafen und mich zu demütigen. Glaubst du, ich wäre noch am Leben, wenn nicht Christus meinem Herzen Kraft gegeben hätte?«

Wenn der Aberglaube der Christen ihr geholfen hatte, die Erniedrigung und den Sklavendienst zu ertragen, wollte ich ihr nicht widersprechen. Ich begann daher vorsichtig von mir selbst zu erzählen, und um ihr Vertrauen wiederzugewinnen, berichtete ich von meiner Begegnung mit Paulus und Kephas in Korinth und von meinem Freigelassenen Hierax Lausius, der Christ geworden war und großen Einfluß unter den anderen Christen hatte. Claudia hörte mir, den Kopf in die Hand gestützt, aufmerksam zu. Ihre dunklen Augen hellten sich auf, und sie sagte lebhaft: »Wir sind hier in Puteoli mehrere Brüder und Schwestern, die Jesus als den Christus anerkennen. Auch unter den Seeleuten gibt es Brüder, die sich bekehrten, als sie hörten, daß Jesus von Nazareth über das Wasser gegangen ist. Ich wäre sonst nicht aus dem geschlossenen Haus in Misenum herausgekommen.«

»Das Leben der Seeleute ist voller Gefahren«, sagte ich. »In Puteoli und Neapolis wird alles abgeladen, was aus dem Osten kommt. Es wundert mich daher nicht, daß die Juden auch den neuen Glauben hierhergebracht haben.«

Claudia sah mich forschend an: »Und du, Minutus?« fragte sie. »Glaubst du an etwas?«

Ich dachte eine Weile nach, schüttelte den Kopf und bekannte: »Nein, Claudia. Ich glaube an nichts mehr. Ich bin verhärtet.«

»Dann muß ich dir den rechten Weg zeigen«, sagte sie entschlossen und preßte ihre harten Handflächen gegeneinander. »Deshalb bist du hierhergeführt worden, deshalb hast du mich nach so vielen Jahren gesucht, um mich von der Sklaverei loszukaufen. Nach Misenum war die Sklaverei gewiß die größte Gnade, die Gott mir zuteil werden ließ.«

»Ich bin von niemandem geführt worden«, wandte ich gereizt ein. »Ich habe aus eigenem freiem Willen nach dir zu suchen begonnen, sobald ich aus Agrippinas Mund hörte, wie grausam sie mich getäuscht hatte.«

Claudia sah mich mitleidig an und sagte: »Minutus, du hast keinen eigenen Willen und hast nie einen gehabt, sonst wäre alles anders gekommen. Ich verlasse die Christen in Puteoli nicht gern, aber ich sehe ein, daß ich mit dir nach Rom gehen und Tag und Nacht auf dich einwirken muß, bis du deinen Hochmut ablegst und Untertan in Christi heimlichem Reiche wirst. Sieh mich nicht so entsetzt an. Bei ihm allein findet man wahren Frieden und wahre Freude in dieser verworrenen Welt, die bald untergehen wird.«

Ich dachte mir, daß Claudia nach all dem Schweren, das sie erlebt hatte, wohl nicht mehr ganz bei Sinnen war, und widersprach ihr deshalb nicht. Wir reisten zusammen auf einem Frachtschiff, das wilde Tiere an Bord hatte, nach Antium und von dort aus nach Ostia. In Rom angekommen, führte ich sie heimlich in mein Haus auf dem Aventin. Ich stellte sie als Dienerin an, und Tante Laelia gewann sie lieb und hielt sie für ihre einstige Amme. Sie war in ihren Gedanken ganz in ihre Kindheit zurückgekehrt und am glücklichsten, wenn sie mit Puppen spielen durfte.

Es verging jedoch kein Tag, an dem Claudia mir nicht mit ihrem Jesus von Nazareth in den Ohren lag. Ich floh in mein Haus im Tiergarten. Dort machte mir wieder Sabina mit ihrer Bosheit das Leben unerträglich. Sie wurde immer hochmütiger, seit einer ihrer Verwandten eine führende Stellung in der Finanzverwaltung erhalten hatte, wodurch sie nicht mehr so sehr auf mein Geld angewiesen war. Sie war in Wirklichkeit die Vorsteherin des Tiergartens, sie bestimmte, was für Tiere gekauft werden mußten, und plante die Vorführungen im Amphitheater. Sie trat sogar selbst öffentlich auf, um zu zeigen, was für eine geschickte Löwenbändigerin sie war.

Ich glaube, Neros Leben war damals ebenso unerträglich wie meines. Als er seine Mutter nach Antium verbannte und Lollia Poppaea als seine Geliebte ins Palatium holte, kam er vom Regen ; in die Traufe. Das Volk nahm ihm die Zurücksetzung Octavias übel, und Poppaea weinte und jammerte und verlangte, er solle sich von Octavia trennen. Sie erschreckte ihn durch die Behauptung, Agrippina zettle eine Verschwörung gegen ihn an, was vielleicht nicht ganz frei erfunden war. Jedenfalls mußte Nero Antonias Gatten Faustus Sulla nach Massilia verbannen. Antonia folgte ihm, und es vergingen fünf Jahre, ehe ich sie wiedersah.

Seneca sprach sich mit Nachdruck gegen eine Scheidung aus, und der alte Burrus sagte öffentlich, wenn Nero sich von Octavia trenne, dann müsse er auch auf die Mitgift verzichten, das heißt ; auf den Rang des Imperators. Und Poppaea hatte kein Verlangen danach, mit Nero nach Rhodos zu gehen und dort ihr Leben als Gattin eines Künstlers zu beschließen.!

Agrippina beschwor vielleicht durch ihre Machtlüsternheit und ; Eifersucht ihr Schicksal selbst herauf. Sie besaß Reichtümer genug, die sie nach ihrem zweiten Gatten und nach Claudius geerbt hatte, und war trotz der Verabschiedung des Pallas noch immer sehr einflußreich. Wirkliche Freunde hatte sie freilich keine mehr, aber mehr als eine politische Verschwörung fürchtete Nero, sie könnte in ihrer Unbesonnenheit tatsächlich ihre Erinnerungen veröffentlichen, die sie in Antium mit eigener Hand niederschrieb, weil sie nicht einmal dem zuverlässigsten Sklaven zu diktieren wagte. Agrippina hatte selbst dafür gesorgt, daß man in Rom von diesen Erinnerungen wußte, und es gab daher so manchen, der ihr den Tod wünschte, weil er auf die eine oder andere Art mit in ihre Machenschaften verwickelt gewesen war.

Ich selbst klagte Agrippina in meinen Gedanken dessen an, daß sie mein Leben zerstört hatte, als ich noch jung war und Claudia liebte. Alles Schlimme, das mir widerfahren war, legte ich ihr zur Last. Einmal besuchte ich die alte Locusta in ihrem kleinen Haus. Sie lächelte mich an, soweit eine Totenmaske zu lächeln vermag, und sagte offenherzig, daß ich nicht der erste sei, der sie in dieser Sache zu sprechen wünsche. Vor mir waren schon andere bei ihr gewesen.

Sie hatte nichts dagegen, auch für Agrippina ein Gift zu mischen, nein, durchaus nicht. Es kam nur darauf an, wieviel man zu zahlen bereit war. Dann aber schüttelte sie den Kopf und behauptete, sie habe bereits alle Mittel versucht. Agrippina sei viel zu vorsichtig. Sie bereite ihre Speisen selbst zu und pflücke nicht einmal Früchte von ihren eigenen Bäumen, da sich diese besonders leicht vergiften ließen. Ich schloß daraus, daß auch Agrippina ihres Lebens nicht froh werden konnte, obwohl die Niederschrift ihrer Erinnerungen gewiß ihre Rachegelüste befriedigte.

Nero konnte erst mit Poppaea Frieden schließen, als er den festen Entschluß gefaßt hatte, seine Mutter zu ermorden. Agrippinas Tod war für ihn aus politischen Gründen ebenso notwendig wie seinerzeit der Tod des Britannicus. Ich hörte jedenfalls nichts davon, daß Seneca sich diesem Mord auch nur mit einem einzigen Wort widersetzt hätte, wenngleich er selbst freilich nichts damit zu tun haben wollte.

Die Frage war nur, wie der Mord so ausgeführt werden konnte, daß man allgemein an einen Unglücksfall glauben mußte. Neros Phantasie begann zu arbeiten. Er verlangte möglichst dramatische Umstände und beriet sich mit seinen vertrautesten Freunden.

Tigellinus, der gewisse persönliche Gründe hatte, Agrippina zu hassen, wollte sie mit einem Viergespann überfahren, sofern es gelang, sie in Antium auf die Straße zu locken. Ich dachte an Raubtiere, aber wie sollten wir diese in Agrippinas sorgfältig bewachten Garten bringen?

Nero glaubte, ich stünde ihm und Poppaea zuliebe auf seiner Seite, und ahnte nicht, daß mich allein meine Rachsucht leitete. Agrippina verdiente tausendfachen Tod für alle ihre Verbrechen, und ich betrachtete es als einen Beweis für die Gerechtigkeit des Schicksals, daß sie ihn durch ihren eigenen Sohn finden sollte. Auch Du, mein Sohn Julius, hast Wolfsblut in Deinen Adern, echteres als ich. Versuche es besser im Zaum zu halten, als es Dein Vater vermochte.

Wir verdankten es eigentlich Sabina, daß wir zuletzt eine brauchbare Lösung fanden. Ein griechischer Techniker hatte ihr den Entwurf zu einem kleinen Schiff gezeigt, das dazu bestimmt war, wilde Tiere aufzunehmen, und dessen Teile so miteinander verbunden waren, daß sie durch den Druck auf einen einzigen Hebel auseinanderfielen.

Sabina wollte diesen Entwurf unbedingt ausführen, um auch in dem neuen Theater, in dem ganze Seeschlachten vorgeführt werden konnten, ein Wort mitzureden. Ich selbst lehnte Meerestiere wegen der hohen Kosten ab, aber zuletzt siegte Sabinas Herrschsucht. Die neue Erfindung erregte schon im voraus so viel Aufsehen, daß Anicetus eigens zur Vorstellung aus Misenum nach Rom gereist kam.

Das Schiff bildete den Höhepunkt der Vorführungen. Es zerfiel wie geplant, die Tiere stürzten ins Wasser, und die Zuschauer sahen Auerochsen und Löwen mit Seeungeheuern kämpfen oder an Land schwimmen, wo sie von mutigen Jägern erlegt wurden. Nero klatschte begeistert Beifall und rief Anicetus zu: »Kannst du mir so ein Schiff bauen, aber größer und so prunkvoll, daß es ‘ der Mutter eines Kaisers würdig ist?«

Ich versprach bereitwillig, Anicetus wenigstens einen Teil der geheimen Zeichnungen des Griechen zu beschaffen, obwohl ich der Meinung war, daß dieser Plan zu viele Mithelfer erforderte, um geheimgehalten werden zu können.

Zum Lohn lud Nero mich zu dem Fest in Baiae ein, wo ich Gelegenheit haben sollte, die besondere Vorstellung mit anzusehen, die er sich ausgedacht hatte. In Gesellschaft und vor dem Senat begann er nun den reumütigen Sohn zu spielen, der sich mit seiner Mutter aussöhnen wollte. Mit ein wenig gutem Willen auf beiden Seiten lassen sich alle Zerwürfnisse beseitigen, erklärte er.

Agrippinas Kundschafter meldeten diese Worte unverzüglich nach Antium, und sie war daher weder sonderlich überrascht noch mißtrauischer als gewöhnlich, als sie von Nero einen in schönen Worten abgefaßten Brief erhielt, in dem sie zum Minervafest nach Baiae eingeladen wurde. Daß Nero das Minervafest für die Begegnung gewählt hatte, war an sich schon eine deutliche Anspielung, denn Minerva ist ja auch die Göttin der Schulknaben, und es erschien ganz natürlich, daß er die Versöhnung fern von Rom und der zänkischen Poppaea feiern wollte.

Am Tag der Minerva darf kein Blut vergossen werden, und es ist verboten, Waffen sichtbar zu tragen. Nero hatte anfangs vorgehabt, Agrippina mit dem neuen Prunkschiff aus Antium holen zu lassen, um mit dieser Ehrung zu bekunden, daß er seiner Mutter ihren früheren Rang zurückzugeben beabsichtigte. Wir errechneten jedoch mit Hilfe einer Wasseruhr, daß das Schiff in diesem Fall am hellichten Tag hätte versenkt werden müssen.

Zudem war Agrippina bekanntermaßen so mißtrauisch, daß sie die Ehrung vielleicht dankend abgelehnt hätte und zu Lande gereist wäre. Sie kam daher auf einer Trireme in Misenum an, die von ihren eigenen treuen Sklaven gerudert wurde. Nero empfing sie mit großem Gefolge, und um den politischen Charakter der Versöhnungshandlungen zu betonen, hatte er sogar Seneca und Burrus an seine Seite gerufen.

Ich mußte seine glänzende schauspielerische Begabung unwillkürlich bewundern. Gebrochen vor Rührung, eilte er seiner Mutter entgegen, umarmte sie und begrüßte sie als die edelste aller Mütter. Auch Agrippina hatte sich Mühe gegeben. Sie war schön gekleidet und hergerichtet, so daß sie wie die schlanke, der dick aufgetragenen Schminke wegen aber recht ausdruckslose Statue einer Göttin wirkte.

Es herrschte allgemein eine freudige Frühlingsstimmung am Tag der Minerva, weshalb das Volk, das von politischen Dingen nicht viel versteht, Agrippina zujubelte, als sie von ihrem Landgut Bauli am Lucrinersee geleitet wurde. An den Landebrücken am Meeresufer lagen mehrere wimpelgeschmückte Kriegsschiffe vertäut. Unter ihnen befand sich das Prunkschiff, das Anicetus auf Neros Geheiß Agrippina zur Verfügung stellte. Sie zog es jedoch am nächsten Morgen vor, sich wieder in der Sänfte nach Baiae tragen zu lassen, denn der Weg ist kurz, und sie wollte die Huldigungen des Volkes genießen.

Bei den Feiern zu Ehren der Minerva in Baiae ließ Nero Agrippina den Vorrang und hielt sich wie ein schüchterner Schuljunge abseits. Durch das Mittagsmahl mit den hohen Beamten der Stadt und die vielen Reden sowie die Ruhe danach zogen sich die Festlichkeiten so in die Länge, daß die Dunkelheit schon eingebrochen war, als Neros abendliches Gelage begann, an dem auch Seneca und Burrus teilnahmen. Agrippina lag auf dem Ehrenplatz. Nero saß zu ihren Füßen und unterhielt sich eifrig mit ihr. Man trank reichlich Wein. Als Agrippina bemerkte, daß es schon spät sei, setzte Nero eine ernste Miene auf und begann, sie mit gesenkter Stimme in verschiedenen Staatsangelegenheiten um Rat zu fragen.

Soweit ich dem Gespräch zu folgen vermochte, ging es darum, welche Stellung Poppaea in Zukunft innehaben solle. Agrippina war unerbittlich. Durch Neros Bescheidenheit ermutigt, erklärte sie, sie verlange nur das eine, daß Nero Poppaea nach Lusitanien, zurück zu Otho, schicke. Danach dürfe er wieder auf ihre Hilfe und Mutterliebe zählen. Sie wolle für ihren Sohn nur das Beste.

Nero preßte ohne große Mühe ein paar Zornestränen hervor, gab dann aber zu verstehen, daß seine Mutter ihm lieber sei als jede andere Frau der Welt. Er sagte sogar einige Verse auf, die er zu Ehren Agrippinas gedichtet hatte.

Agrippina war vom Wein und von ihrem Erfolg berauscht, da der Mensch gern glaubt, was er hofft. Ich bemerkte aber, daß sie sich trotz allem hütete, den Weinbecher anzurühren, bevor nicht Nero daraus getrunken hatte, oder von einer Speise zu kosten, solange nicht Nero oder ihre Freundin Acerronia sich aus derselben Schüssel bedient hatte. Ich glaube jedoch, daß Agrippina in diesen Stunden kein Mißtrauen hegte, sondern nur einer jahrelangen, tief eingewurzelten Gewohnheit gehorchte.

Auch Anicetus erwies sich als ein begabter Schauspieler, als er plötzlich verstört herbeigeeilt kam, um zu melden, daß Agrippinas Trireme von zwei Kriegsschiffen, die an den Festvorführungen teilgenommen hatten, versehentlich gerammt und so übel zugerichtet worden sei, daß sie nicht nach Antium zurückkehren könne, aber zum Glück liege ja das mit tüchtigen Seeleuten bemannte Prunkschiff bereit.

Wir geleiteten Agrippina zum festlich beleuchteten Hafen. Beim Abschied küßte Nero ihre Augen und ihre Brust. Dann führte er die vom Wein Schwankende an Bord und rief mit seiner gut geschulten Stimme: »Möge es dir wohl ergehen, meine Mutter. Aus dir bin ich geboren. Nur durch dich kann ich herrschen!«

Ich muß ehrlich sagen, daß ich diesen Abschiedsgruß übertrieben und eines so guten Schauspielers unwürdig fand. Die Nacht war still und sternklar. Als das Schiff aus dem Lichterkreis des Hafens verschwand, begaben sich Seneca und Burrus in ihre Nachtquartiere. Wir Verschwörer feierten weiter.

Nero war schweigsam. Plötzlich wurde er leichenblaß und ging hinaus, um sich zu erbrechen. Wir glaubten schon, Agrippina sei es gelungen, ihm heimlich Gift in seinen Becher zu tun. Später erst begriffen wir, wie schwer es ihm gefallen war, sich einen ganzen Tag lang zu verstellen, und nun litt er unter der Spannung des Wartens, obgleich Anicetus ihn zu trösten versuchte und immer wieder versicherte, der Plan könne nicht fehlschlagen.

Ich hörte später von dem Seezenturio Obaritus, der das Prunkschiff befehligte, wie alles zugegangen war. Agrippina hatte sich sofort in ihre prachtvoll eingerichtete Kajüte begeben, aber keinen Schlaf gefunden. Ihr Mißtrauen erwachte wieder draußen auf dem dunklen Meer, als ihr bewußt wurde, daß sie als einzige zuverlässige Begleiter Acerronia und ihren Verwalter Crepeius Gallus bei sich hatte und der Willkür fremder Seeleute ausgesetzt war.

Sie schickte Gallus nach achtern. Er sollte verlangen, daß das Schiff Bauli anlaufe. Dort wollte sie die Nacht verbringen, um am Morgen, bei Tageslicht, nach Antium weiterzureisen. Anicetus wußte, daß Agrippina sich während ihrer Verbannung auf der Insel Pandataria durch Schwammtauchen ihren Lebensunterhalt verdient hatte. Das Schiff war daher so gebaut worden, daß es mit zwei Handgriffen zerstört werden konnte.

Durch die Bedienung des ersten Hebels stürzten die mit Blei beschwerten Decksaufbauten zusammen, und durch Druck auf den zweiten Hebel brach der Rumpf selbst auseinander. Aus Sicherheitsgründen hatte man nur einen kleinen Teil der Mannschaft eingeweiht, und die Einrichtung der Kajüte war durch Zufall Leuten anvertraut worden, die von dem Plan nichts wußten und ein Prunkbett mit hohen Giebeln aufstellten. Als das Dach einstürzte, schützten die Giebel Agrippina, und sie wurde nur an der Schulter verwundet. Acerronia, die gerade auf dem Boden kniete und ihr die Füße massierte, geschah nichts, und Gallus war der einzige, der von dem herabfallenden Dach sofort getötet wurde.

Auf dem Schiff herrschte völliges Durcheinander, als plötzlich die Aufbauten einstürzten. Nur Agrippina erfaßte die Lage sofort, denn die See war ruhig, und das Schiff war auf kein Hindernis gestoßen. Sie befahl Acerronia, aufs Deck hinauszukriechen und zu rufen: »Ich bin Agrippina. Rettet die Mutter des Kaisers!«

Der Zenturio befahl den Eingeweihten, sie auf der Stelle mit Rudern zu erschlagen. Dann zog und zerrte er vergeblich an dem zweiten Hebel, der sich verklemmt hatte. Daraufhin versuchte er, das Schiff zum Kentern zu bringen, das durch das herabgestürzte und mit Blei beschwerte Dach schon Schlagseite hatte. Mehrere Männer, die den Plan kannten, rannten auf die tieferliegende Seite, aber andere kletterten gleichzeitig auf die höhere, so daß das Schiff nicht kentern konnte. Währenddessen glitt Agrippina unbemerkt ins Wasser und begann auf das Land zuzuschwimmen. Trotz der Trunkenheit und der Wunde an der Schulter gelang es ihr, weite Strecken zu tauchen, so daß niemand ihren Kopf auf der von den Sternen erhellten Wasserfläche sah.

Als sie das Schiff schon aus den Augen verloren hatte, traf sie auf ein auslaufendes Fischerboot. Die Fischer zogen sie an Bord und brachten sie auf ihren Wunsch nach Bauli. Der Zenturio war ein kaltblütiger Mann. Er wäre sonst nicht von Anicetus für diese Aufgabe auserwählt worden. Als er sah, daß die Erschlagene Acerronia war und daß Agrippina selbst spurlos verschwunden war, ließ er das halb zerbrochene, krängende Schiff nach Baiae zurückrudern, um Anicetus sofort Bericht zu erstatten. In Baiae verbreiteten diejenigen der Mannschaft, die immer noch ahnungslos waren, die Nachricht von einem entsetzlichen Unglück.

Die Bewohner rannten aufgeschreckt zum Strand hinunter und wateten zu ihren Booten, um auszufahren und Agrippina zu retten. Indessen kehrten ihre wirklichen Retter zurück, die reich belohnt worden waren, und berichteten, daß sie nur leichte Verletzungen erlitten hatte und sich in Sicherheit befand. Die Menge beschloß auf der Stelle, nach Bauli zu ziehen, um Agrippina zu huldigen und zu ihrer wunderbaren Errettung zu beglückwünschen.

Nero hatte sich, zwar unruhig, aber nichts Böses ahnend, von uns treuen Freunden umgeben, bald weinend, bald lachend, darauf vorbereitet, den Tod seiner Mutter zu betrauern. Er plante Trauerfeiern im ganzen Imperium und entwarf eine Mitteilung an den Senat und das Volk von Rom.

Da ihm das Gewissen doch keine Ruhe ließ, fragte er uns, ob er wohl den Vorschlag machen dürfe, Agrippina zur Göttin zu erhöhen. Sie war schließlich die Tochter des großen Germanicus, die Schwester des Kaisers Gajus, Witwe nach Claudius und Mutter des Kaisers Nero, mithin eine Frau von noch höheren Verdiensten, als es Livia gewesen war. All dies wirkte auf eine grauenerregende Weise lächerlich, und wir begannen uns gegenseitig zu Mitgliedern des Priesterkollegiums der neuen Göttin zu ernennen.

Während wir so unsern Scherz trieben, kam plötzlich Obaritus hereingestürzt und meldete, daß das Schiff nur zur Hälfte auseinandergefallen war und daß von Agrippina jede Spur fehlte. Die Hoffnung, sie könnte ertrunken sein, erlosch, als kurz darauf an der Spitze eines jubelnden Volkshaufens die Fischer ankamen und von Agrippinas Rettung berichteten. Sie hofften, Nero werde sie belohnen, aber der verlor die Fassung und schickte nach Seneca und Burrus wie ein Schuljunge, den man bei einem Streich ertappt hat und der nun weinend zu seinem Lehrer flüchtet.

Ich behielt so viel Geistesgegenwart, daß ich Anicetus befahl, die Fischer an einem sicheren Ort einzusperren, während sie auf ihre Belohnung warteten, damit sie nicht Gerüchte verbreiteten, die die ohnehin verworrene Lage noch hätten verschlimmern können. Zum Glück für Nero hatte Agrippina den Fischern gegenüber offenbar keinen Verdacht geäußert, denn sonst würden diese nicht so froh und in aller Unschuld von der Rettung gesprochen haben.

Seneca und Burrus erschienen zur gleichen Zeit, Seneca barfuß und im Untergewand. Nero benahm sich wie ein Wahnsinniger und rannte hin und her. Anicetus berichtete kurz, was geschehen war. Von seinem schlechten Gewissen gequält, fürchtete Nero ernstlich für sein eigenes Leben, und er schrie laut hinaus, was seine erregte Phantasie ihm vorgaukelte. Agrippina bewaffnete ihre Sklaven oder wiegelte die Soldaten der Garnison gegen ihn auf, oder sie befand sich bereits auf dem Wege nach Rom, um ihn vor dem Senat des Mordversuchs anzuklagen, ihre Wunden vorzuweisen und von dem grausamen Tod ihrer Diener zu berichten.

Seneca und Burrus waren erfahrene Staatsmänner und brauchten keine langen Erklärungen. Seneca begnügte sich damit, Burrus fragend anzusehen. Burrus zuckte die Schultern und sagte: »Ich werde weder die Prätorianer noch die Germanen der Leibwache ausschicken, um die Tochter des Germanicus zu töten.« Dann wandte er sich mit einer Miene unverhohlenen Abscheus nach Anicetus um und fügte hinzu: »Anicetus soll zu Ende führen, was er begonnen hat. Ich wasche meine Hände.«

Anicetus ließ es sich nicht zweimal sagen. Er fürchtete mit gutem Grund für sein eigenes Leben. Nero hatte ihn bereits in seinem Zorn mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er versprach eifrig, mit Hilfe der Seeleute seinen Auftrag auszuführen. Nero starrte Seneca und Burrus mit einem irren Blick an und rief vor wurfsvoll: »Erst heute nacht werde ich der Vormundschaft ledig und wirklich zum Herrscher. Aber ich verdanke die Macht einem ehemaligen Barbier, einem freigelassenen Sklaven, nicht dem Staatsmann Seneca und nicht dem Feldherrn Burrus. Geh, Anicetus, beeile dich und nimm alle mit, die willens sind, ihrem Herrscher diesen Dienst zu erweisen.«

Er hatte kaum zu Ende gesprochen, als er plötzlich erbleichte und einen Schritt zurücktrat, denn man meldete ihm, ein Freigelassener Agrippinas, ein gewisser Agerinus, habe ihm eine Botschaft auszurichten. »Ein Mörder!« rief Nero, ergriff sein Schwert und verbarg es unter seinem Mantel.

Er hatte im Grunde nichts zu befürchten, denn die durch den Blutverlust und von der Anstrengung des Schwimmens erschöpfte Agrippina hatte ihre Möglichkeiten überdacht und eingesehen, daß ihr nichts anderes blieb, als gute Miene zum bösen Spiel zu, machen und so zu tun, als ahnte sie nichts von dem Mordanschlag. Agerinus trat zitternd ein und brachte mit einem leichten Stottern seine Botschaft vor: »Die Götter und der Schutzgeist des Kaisers haben mich vor dem Tode bewahrt. Sosehr es dich erschrecken wird, von der Gefahr zu hören, die deiner Mutter drohte, sollst du mich einstweilen nicht aufsuchen. Ich brauche Ruhe.«

Als Nero erkannte, daß er von Agerinus nichts zu fürchten hatte, gewann er die Fassung zurück, ließ heimlich das Schwert dem Boten vor die Füße fallen, sprang zurück, zeigte anklagend auf die Waffe und rief: »Ich nehme euch alle zu Zeugen dafür, daß meine eigene Mutter ihren Freigelassenen geschickt hat, um mich zu ermorden!«

Wir stürzten vor und ergriffen Agerinus, ohne auf seine verzweifelten Einwände zu achten. Nero befahl, ihn gefangenzusetzen, aber Anicetus, kaum daß er mit ihm den Raum verlassen hatte, hielt es für klüger, ihm das Schwert in den Hals zu stoßen. Ich beschloß, Anicetus zu begleiten, um mich zu vergewissern, daß er seinen Auftrag auch wirklich zu Ende führte. Nero eilte uns nach, glitt im Blut des Agerinus aus und rief erleichtert: »Meine Mutter trachtet mir nach dem Leben. Niemand wird sich darüber wundern, daß sie sich selbst das Leben nahm, als ihr Verbrechen aufgedeckt wurde. Handelt danach!«

Auch Obaritus schloß sich uns an, um seinen Fehler wiedergutzumachen. Anicetus befahl seinem nächsten Untergebenen, Herculeius, in der Kaserne Alarm zu schlagen. Wir holten unsere Pf erde und ritten los. Eine Schar Seesoldaten lief barfuß vor uns her und trieb brüllend und die Schwerter schwingend die Menge auseinander, die nach Bauli unterwegs war, um Agrippina zu huldigen, und uns am Vorwärtskommen hinderte.

Als wir in Bauli ankamen, graute der Morgen. Anicetus befahl seinen Leuten, das Haus zu umzingeln. Wir schlugen die Tür ein und verjagten die Sklaven, die Widerstand zu leisten versuchten. Der Schlafraum war spärlich erhellt. Agrippina lag mit einem warmen Umschlag um die eine Schulter in ihrem Bett. Eine Dienerin, die gerade nach ihr gesehen hatte, floh Hals über Kopf. Agrippina hob die Hand und rief nach ihr: »So verläßt auch du mich!«

Anicetus schloß die Tür hinter uns, damit nicht zu viele Zuschauer nachdrängten. Agrippina grüßte uns mit matter Stimme und sagte: »Wenn ihr gekommen seid, um auch nach meinem Befinden zu erkundigen, so sagt meinem Sohn, daß ich mich schon ein wenig erholt habe.«

Dann erst sah sie unsere Waffen. Ihre Stimme wurde fester, und sie rief drohend: »Wenn ihr aber gekommen seid, um mich zu töten, so glaube ich nicht, daß es auf Befehl meines Sohnes geschieht. Er würde nie einen Muttermord begehen!«

Anicetus, Herculeius und Obaritus traten an ihr Lager, standen täppisch da und wußten nicht, was sie tun sollten, so gebieterisch wirkte Agrippina noch als Kranke. Ich selbst drückte mit dem Rücken die Tür zu. Endlich versetzte Herculeius Agrippina mit seinem kurzen Befehlsstab einen Schlag auf den Kopf, jedoch so ungeschickt, daß sie nicht das Bewußtsein verlor. Er hatte die Absicht gehabt, sie bewußtlos zu schlagen, um ihr dann die Pulsadern aufzuschneiden, so daß die Behauptung, sie habe Selbstmord verübt, wenigstens den Anschein von Wahrscheinlichkeit gehabt hätte.

Agrippina gab nun alle Hoffnung auf. Sie entblößte den Unterleib, spreizte die Beine auseinander und schrie Anicetus zu: »Stoße dein Schwert in den Schoß, der Nero geboren hat!«

Der Zenturio zog sein Schwert und stieß zu. Danach hieben und stachen auch die anderen auf Agrippina ein, so daß sie viele Wunden erhielt, ehe sie röchelnd den letzten Atemzug tat.

Als wir uns vergewissert hatten, daß sie tot war, steckten wir rasch einige kleine Gegenstände, die sich im Raum befanden, als Andenken zu uns. Anicetus befahl den Dienern, die Leiche zu waschen und für den Scheiterhaufen herzurichten. Ich selbst nahm eine kleine goldene Fortunastatue mit, die neben dem Bett stand und von der ich glaubte, sie sei dieselbe, die Kaiser Gajus seinerzeit immer bei sich gehabt hatte. Später erfuhr ich, daß sie es nicht war, und das betrübte mich.

Ein Eilbote ritt zu Nero, um ihm Agrippinas Selbstmord zu melden. Nero, der bereits mit Senecas Hilfe einen Bericht an den Senat über den auf ihn verübten Mordanschlag abgefaßt hatte, eilte sofort nach Bauli, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, daß Agrippina tot war. So wenig traute er Anicetus.

Er traf so früh ein, daß die Diener noch damit beschäftigt waren, den nackten Leichnam zu waschen und zu salben. Nero untersuchte die Wunden mit einem Finger und sagte: »Seht nur, wie schön meine Mutter bis zuletzt noch war.«

Im Garten wurde Holz zu einem Scheiterhaufen geschichtet, und Agrippinas Leichnam wurde ohne Zeremonien auf ein Liegesofa gebettet und hinaufgehoben. Als der Rauch aufzusteigen begann, bemerkte ich plötzlich, was für ein strahlender Morgen über Bauli heraufgezogen war. Das Meer leuchtete tiefblau, die Vögel zwitscherten, und im Garten blühten die Blumen des Frühlings in prächtigen Farben. Auf den Wegen war jedoch niemand zu sehen. Die Leute waren verwirrt und hielten sich in ihren Häusern verborgen, da sie nicht wußten, wie das Geschehen zu deuten sei.

Der Scheiterhaufen brannte noch, als plötzlich ein Trupp Kriegstribunen und Zenturionen in vollem Galopp heranpreschte. Nero sah die Soldaten vor den Pferden zur Seite weichen und blickte sich entsetzt nach einem Fluchtweg um. Die Reiter sprangen jedoch aus den Sätteln, stürzten auf ihn zu, drückten ihm die Hände und dankten den Göttern, daß er dem verbrecherischen Anschlag seiner Mutter entronnen war.

Die Reiter waren vom Präfekten Burrus ausgesandt worden, der dem Volk zeigen wollte, wie man sich zu verhalten habe. Er selbst kam nicht, weil er sich zu sehr schämte. Als die Überreste von Agrippinas Leichnam aus der Asche gesammelt und im Garten vergraben worden waren, ließ Nero die Erde über dem Loch glätten. Er gönnte seiner Mutter keinen Grabhügel, weil er fürchtete, ein solcher könnte zu einer Art Pilgerstätte für politisch Unzufriedene werden.

Wir stiegen zu dem Tempel in Bauli hinauf, um den Göttern ein Dankopfer für Neros wunderbare Rettung darzubringen, aber im Tempel hörte Nero plötzlich Hörner und laute Klagerufe erschallen. Er behauptete sogar, es sei dunkel geworden, obwohl die Sonne hell schien.


Agrippinas Tod war weder für den Senat noch für das Volk eine Überraschung. Man war darauf vorbereitet, daß sich etwas Außergewöhnliches ereignet hatte, denn in Agrippinas Todesnacht war ein Unwetter, wie man es seit Jahren nicht mehr erlebt hatte, über Rom niedergegangen. Der Senat hatte schon im voraus Versöhnungsopfer beschlossen. Als die Todesnachricht eintraf, wurden sie in Dankopfer verwandelt, und so tief war der seit langem gegen Agrippina aufgestaute Haß, daß der Senat beschloß, ihren Geburtstag künftig zu den Unglückstagen zu rechnen.

Nero hatte ohne Grund Unruhen befürchtet. Als er endlich aus Neapolis eintraf, wurde er wie ein Triumphator empfangen. Die Senatoren waren festlich gekleidet. Die Frauen und Kinder der vornehmsten Familien begrüßten ihn mit Lobgesängen und streuten ihm Frühlingsblumen auf den Weg. Zu beiden Seiten des Weges waren in aller Eile Schaugerüste errichtet worden.

Als Nero zum Kapitol hinaufging, um sein eigenes Dankopfer darzubringen, war es, als wäre ganz Rom aus einem Alptraum erwacht, und gern glaubten an diesem strahlenden Tag alle Senecas lügnerischem Bericht über Agrippinas Selbstmord. Den Alten war der bloße Gedanke an einen Muttermord so entsetzlich, daß sie ihn von sich wiesen.

Ich war selbst schon vor Nero nach Rom zurückgekehrt und hatte sofort Claudia rufen lassen. »Ich habe dich gerächt«, sagte ich stolz. »Agrippina ist tot. Ich war selbst mit dabei. Ihr eigener Sohn befahl, sie zu töten. Beim Herkules, ich habe meine Schuld beglichen. Du brauchst dich deiner Erniedrigung nicht mehr zu schämen.«

Zur Bekräftigung meiner Worte reichte ich Claudia die kleine Fortunastatue, die ich von Agrippinas Nachttisch genommen hatte. Claudia starrte mich jedoch an wie ein Ungeheuer, hob abwehrend beide Hände und rief entsetzt: »Ich habe dich nicht geheißen, mich zu rächen. Du hast Blut an deinen Händen, Minutus!«

Ich trug wirklich einen blutigen Verband um die eine Hand und versicherte ihr nun verlegen, daß ich meine Hände nicht mit dem Blut Agrippinas besudelt, sondern mir nur in der Eile mit meinem eigenen Schwert den Daumenballen geritzt hatte. Es half mir jedoch nichts. Claudia beschimpfte mich, drohte mir mit dem Zorn ihres Jesus von Nazareth und benahm sich alles in allem kindisch und dumm. Zuletzt konnte ich nicht mehr an mich halten und fuhr sie an: »Wenn es so ist, wie du sagst, war ich nur ein Werkzeug deines Gottes. Nimm an, Christus selbst habe Agrippina für ihre Verbrechen bestraft. Außerdem sind die Juden das rachsüchtigste Volk der Welt, das habe ich selbst in ihren heiligen Schriften gelesen. Du vergeudest deine Tränen, wenn du um Agrippina weinst.«

»Manche haben Ohren und hören nicht!« rief Claudia zornig. »Hast du wirklich nicht ein Wort von alledem begriffen, was ich dich zu lehren versuchte?«

Ich schrie wütend zurück: »Verfluchte Claudia, du bist die undankbarste Frau der Welt. Ich habe bisher dein Geschwätz über Christus geduldig ertragen, aber jetzt schulde ich dir nichts mehr. Halt deinen Mund und geh aus meinem Haus!«

»Christus, verzeihe mir mein heftiges Gemüt«, murmelte Claudia mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich kann mich nicht mehr beherrschen.«

Sie schlug mich mit ihren harten Händen auf beide Wangen, daß es mir in den Ohren gellte, packte mich im Genick, drückte mich auf die Knie nieder und befahl: »Nun bitte den himmlischen Vater um Vergebung für deine furchtbare Sünde.«

Meine Selbstachtung hinderte mich, mit ihr handgreiflich zu werden. Außerdem waren ihre Arme von der Sklavenarbeit noch sehr kräftig. Ich kroch auf allen vieren aus dem Raum, und Claudia warf mir die Fortunastatue nach. Als ich wieder auf beiden Beinen stand, rief ich zitternd vor Zorn die Diener und befahl ihnen, Claudias Habseligkeiten zusammenzupacken und vor die Tür zu schaffen. Dann hob ich die Fortunastatue auf, deren linker Flügel verbogen war, und ging in den Tiergarten, um wenigstens vor Sabina mit meiner Tat zu prahlen. Zu meiner Verwunderung empfing sie mich freundlich und tätschelte mir sogar die Wangen, die von Claudias Ohrfeigen geschwollen waren. Sie nahm die Fortunastatue dankbar entgegen und hörte sich willig, wenn auch etwas zerstreut, meinen Bericht über die Geschehnisse in Baiae und Bauli an.

»Du bist ein Mann, Minutus, und tapferer, als ich glaubte«, sagte sie zuletzt. »Nur darfst du nicht überall und jedem erzählen, wie alles zuging. Die Hauptsache ist, daß Agrippina tot ist. Niemand trauert ihr nach. Und die Hure Poppaea hat nun auch ausgespielt, denn nach diesem Mord wird es Nero im Leben nicht wagen, sich von Octavia zu trennen. So viel glaube ich von Politik zu verstehen.«

Ich wunderte mich über diese Behauptung, aber ehe ich noch antworten konnte, legte mir Sabina zärtlich die Hand auf meinen Mund und flüsterte: »Es ist Frühling, Minutus. Die Vögel singen, die Blumen blühen, und die Erde erzittert von dem brunftigen Gebrüll der Löwen. Es rieselt mir so heiß durch meine Glieder. Außerdem meine ich, daß wir sowohl um des Geschlechts der Flavier als auch um deiner Familie willen ein Kind haben sollten. Ich glaube nicht, daß ich unfruchtbar bin, wenngleich du mich fortwährend beleidigst, indem du meinem Bett fernbleibst.«

Ihr Vorwurf war ungerecht. Ich dachte mir jedoch, daß sie mich, nach allem, was geschehen war, vielleicht mit anderen Augen ansah oder daß die Schilderung der Bluttat ihre Sinne gekitzelt hatte, denn es gibt ja genug Frauen, die beim Anblick entsetzlicher Dinge wie Feuersbrünste oder Blut, das in den Sand rinnt, in Erregung geraten.

Ich betrachtete meine Gattin und fand an ihr nichts auszusetzen, obgleich ihre Haut nicht so weiß war wie die Poppaeas. Wir lagen ein paar Nächte beisammen, was wir lang nicht mehr getan hatten, aber das Entzücken, das ich zu Beginn unserer Ehe empfunden hatte, kehrte nicht zurück. Auch Sabina war steif und hölzern und gestand mir schließlich, daß sie nur eine Pflicht erfüllte und keine Freude daran hatte, obwohl die Löwen die Nächte hindurch dumpf brüllten.

Acht Monate später wurde unser Sohn geboren. Ich fürchtete, wir würden ihn aussetzen müssen, wie man es mit den zu früh Geborenen zu tun pflegt, aber er war gesund und wohlgestaltet, und nach der glücklichen Entbindung herrschte große Freude im Tiergarten. Ich lud unsere vielen hundert Angestellten zu einem großen Festmahl zu Ehren meines Erstgeborenen ein, und ich hätte nie geglaubt, daß die rohen Tierbändiger zu einem Kind so sanft und zärtlich sein könnten.

Des dunkelhäutigen Epaphroditus konnten wir uns kaum erwehren. Er war ständig bei dem Kind, um es zu streicheln und zu tätscheln, versäumte darüber die Fütterung der Tiere und seine übrigen Pflichten und wollte unbedingt die Kosten für eine Amme übernehmen. Ich ging zuletzt darauf ein, weil ich begriff, daß er mich durch sein Anerbieten ehren wollte.

Claudia ließ jedoch nicht von mir ab. Als ich einige Tage nach unserem Streit nichts Böses ahnend in mein Haus auf dem Aventin zurückkehrte, fand ich dort alle Diener und sogar den alten Barbus im Atrium versammelt. Mitten unter ihnen saß der jüdische Wundertäter Kephas, der einige mir gänzlich unbekannte junge Männer mitgebracht hatte.

Einer von ihnen verdolmetschte die aramäischen Worte des Kephas. Tante Laelia tanzte entzückt umher und klatschte in die Hände. Ich fühlte einen solchen Zorn in mir aufsteigen, daß ich schon daran dachte, die Diener auspeitschen zu lassen, aber Claudia erklärte mir rasch, daß Kephas unter dem Schutz des Senators Pudens Publicola stand und in dessen Haus wohnte, so daß er nicht mit den anderen Juden jenseits des Tibers zusammentraf und neue Unruhen vermieden wurden. Pudens war ein kindischer Greis, aber ein echter Valerius, und deshalb schwieg ich.

Kephas entsann sich unserer Begegnung in Korinth und sprach mich freundlich bei meinem Namen an. Er war nicht gekommen, um mich zu seinem Glauben zu bekehren, sondern wollte, daß ich mich mit Claudia aussöhnte. Ich weiß selbst nicht, wie es zuging, aber zuletzt reichte ich Claudia zu meiner eigenen Verwunderung wirklich die Hand und küßte sie, und dann nahm ich sogar an ihrem gemeinsamen Mahl teil, denn schließlich konnte ich in meinem eigenen Haus tun und lassen, was ich wollte.

Mehr will ich von diesem beschämenden Ereignis nicht berichten. Ich fragte Barbus später, ob er von Mithras abgefallen und Christ geworden sei. Er wollte mir nicht geradeheraus antworten, sondern murmelte nur: »Ich bin alt. In den Nächten plagt mich der Rheumatismus aus meinen Legionsjahren so fürchterlich, daß ich bereit bin, alles zu tun, um nur die Schmerzen loszuwerden, und wenn ich den früheren Fischer Kephas sehe, lassen sie jedesmal nach. Ich brauche nur von seinem Brot zu essen und von seinem Wein zu trinken, um tagelang keine Beschwerden zu haben. Die Priester des Mithras konnten mir nicht helfen, obwohl sie sich sonst besser als alle anderen auf die Krankheiten eines alten Legionärs verstehen.«

Загрузка...