Während des Gesprächs betrachtete ich zumeist Damaris, und nach dem Mahl küßte ich sie gern, wie es die Sitte der Christen verlangt. Ich hatte noch keine Frau gesehen, die so anziehend und zugleich so natürlich war wie Damaris. Jede ihrer Bewegungen war schön, ihre Stimme war lieblich, so daß man mehr ihrem Klang lauschte als den Worten. Was sie auch tat, sie tat es so schön, daß man ihr mit unendlichem Wohlbehagen zusah, und dieses Wohlbehagen wurde zu warmer Freude, wenn ich zum Zeichen der Freundschaft ihre weichen Lippen küßte.

Paulus hatte den Griechen offensichtlich einige Nüsse zu knacken gegeben, und sie genossen ihre Diskussionen. Im wesentlichen glaubten sie wohl Paulus, aber ihre eigene Gelehrsamkeit gab ihnen doch allerlei Vorbehalte ein. Von Damaris bezaubert, begnügte ich mich damit, sie zu betrachten, und ließ all die vielen eitlen Worte an mir vorüberfliegen.

Sie waren sich zunächst einig, daß jedem Menschen eine Sehnsucht nach der Klarheit Gottes innewohne, begannen dann aber sogleich zu erörtern, ob und wieweit dieselbe Sehnsucht nicht auch Steinen, Pflanzen und Tieren eigen sei, die sich doch alle aus ursprünglich einfachen Formen weiterentwickelt hatten. Dionysos versicherte, Paulus besitze überraschend große geheime Kenntnisse von den Geistesmächten, glaubte aber selbst noch mehr von Rang und Ordnung dieser Mächte zu wissen. Für mich waren derlei Reden wie rinnendes Wasser.

Ich machte es mir zur Gewohnheit, Damaris ein kleines Geschenk mitzubringen, Blumen oder eingelegte Früchte, Badewerk oder reinsten Veildienhonig vom Hymettos. Sie sah mich, wenn sie die Geschenke entgegennahm, mit ihren klaren, wissenden Augen so aufmerksam an, daß ich mir jung und tolpatschig vorkam. Binnen kurzem wurde ich gewahr, daß ich sie ständig in meinen Gedanken trug und nur auf die Stunde wartete, da ich wieder zu ihr gehen konnte.

Ich glaube, sie lehrte mich bei unseren Gesprächen durch ihr bloßes Verhalten mehr als durch ihre Worte, und es kam der Tag, an dem ich mir eingestehen mußte, daß ich blind in sie verliebt war. Ich sehnte mich nach ihr, nach ihrer Nähe, ihrer Berührung, ihrem Kuß mehr, als ich mich je zuvor nach irgend etwas gesehnt hatte. Meine früheren Liebeserlebnisse erschienen mir bedeutungslos, verglichen mit dem, was ich in ihren Armen glaubte finden zu können, und es war mir, als sei allein dadurch, daß ich an sie dachte, alles in mir zu Asche verbrannt worden.

Ich erschrak über mich selbst. War es mir wirklich vorbestimmt, für den Rest meines Lebens eine Hetäre zu lieben, die zwanzig Jahre älter als ich war und die Spuren all dessen in sich trug, was sie an Bösem erlitten hatte? ich wäre am liebsten aus Athen geflohen, als mir die Wahrheit aufging, aber ich vermochte es schon nicht mehr. ich verstand die Weisen, die nach ihr geschmachtet hatten, ja, ich verstand sogar den Philosophen, der auf ihrer Schwelle aus dem Leben geschieden war, als er das Hoffnungslose seines Begehrens erkannt hatte.

Ich konnte nicht fliehen. ich mußte zu ihr gehen. Als wir wieder beisammen saßen und ich sie betrachtete, preßte ich die Lippen zusammen, und die heißen Tränen der Begierde stiegen mir in die Augen. »Vergib mir, Damaris«, flüsterte ich. »Ich fürchte, daß ich dich bis zum Wahnsinn liebe.«

Damaris sah mich mit ihrem klaren Blick an und fuhr mir mit den Fingerspitzen über die Hand. Mehr bedurfte es nicht, daß ein schreckliches Zittern durch meinen ganzen Körper lief. Meine Lust befreite sich in einem tiefen, Seufzer.

»Auch ich habe mich davor gefürchtet«, gestand Damaris. »Ich habe es kommen sehen. Zuerst war es nur eine unschuldige weiße Wolke am Horizont, aber nun ist es ein schwarzes Gewitter in dir. Ich hätte dich zur rechten Zeit fortschicken sollen, aber ich bin trotz allem nur eine Frau.«

Sie stützte das Kinn in die Hand, so daß sich die Falten an ihrem Hals glätteten, starrte vor sich hin und fragte finster: »So geht es immer. Der Mund trocknet, die Zunge bebt, die Augen tränen.«

Sie hatte recht. Die Zunge zitterte mir in meinem ausgetrockneten Mund, so daß ich nicht ein einziges Wort hervorbrachte. Ich warf mich vor ihr auf die Knie und versuchte die Arme um sie zu schlingen, aber Damaris wich mir aus und sagte: »Bedenke, daß man tausend Goldstücke für eine einzige Nacht mit mir geboten hat. Ein reicher Emporkömmling verkaufte um meinetwillen ein Silberbergwerk und begann sein Leben von neuem als armer Mann.«

»Ich kann dir tausend, ja zweitausend Goldstücke verschaffen, wenn du mir Zeit gibst, mit meinen Bankiers zu sprechen«, gelobte ich.

»Manchmal, wenn ich an einem schönen Jüngling Gefallen fand, gab ich mich auch mit einem Veilchen zufrieden«, sagte Damaris neckend. »Doch darüber wollen wir nun nicht sprechen. Ich will von dir kein Geschenk. Ich will dir selbst eines geben, und dieses Geschenk ist die traurige Gewißheit, die mir aus all meinen Erfahrungen wurde, daß die Genüsse des Fleisches eine Qual sind. Die Befriedigung der Sinne ist keine wirkliche Befriedigung, sondern weckt nur die Begierde nach noch schrecklicherer Befriedigung. Sich in die fleischliche Liebe stürzen, das ist wie sich auf glühende Kohlen werfen. Mein Feuer ist niedergebrannt. Ich gedenke, nicht mehr zu eines anderen Menschen Untergang die Opferflamme zu entzünden. Verstehst du nicht, daß ich mich meines früheren Lebens schäme?«

»Du hast mit deinen Fingern meine Hand gestreichelt«, flüsterte ich mit gesenktem Kopf, und die Tränen aus meinen Augen tropften auf den Marmorboden nieder.

»Das war unrecht«, gab Damaris zu. »Aber ich wollte dich so berühren, daß du mich nie mehr vergißt. Minutus, mein Geliebter, die Sehnsucht bedeutet so viel mehr als die Erfüllung. Das ist eine schmerzliche, aber süße Wahrheit. Glaub mir, Minutus, mein Lieber. Wenn wir nun voneinander scheiden, bewahren wir beide eine schöne Erinnerung und brauchen nie Böses voneinander zu denken. Ich habe einen neuen Weg gefunden, aber es gibt viele Wege. Vielleicht wird dich dein Weg eines Tages zu der gleichen Seligkeit führen wie mich der meine.«

Doch ich wollte sie nicht verstehen. »Predige mir nicht, verfluchtes Weib!« rief ich mit vor Begierde heiserer Stimme. »Ich habe dir versprochen, zu bezahlen, was du verlangst.«

Damaris richtete sich steif auf und sah mir eine Weile unverwandt ins Gesicht. Dann erbleichte sie und sagte spöttisch: »Wie du willst. Komm morgen abend zu mir, so daß ich mich vorbereiten kann. Aber gib später nicht mir die Schuld!«

Ihr Versprechen machte mich schwindeln, obwohl der Klang ihrer Worte nichts Gutes verhieß. Die Knie zitterten mir, als ich ihr Haus verließ. Von Ungeduld verzehrt, wanderte ich in der Stadt umher, stieg zur Akropolis hinauf und blickte auf das weinfarbene Meer nieder. Tags darauf ging ich in ein Bad und machte durch körperliche Übungen meine Glieder geschmeidig, obwohl mir bei jeder Bewegung, und beim Gedanken an Damaris, ein verzehrendes Feuer durch den ganzen Körper flammte.

Endlich senkte sich taubenblau die Dämmerung nieder, und der Abendstern leuchtete auf. Ich klopfte laut an Damaris’ Tür, aber niemand öffnete mir. Ich dachte schon, sie habe ihren Sinn geändert und gedenke ihr Versprechen nicht zu halten, und tiefe Enttäuschung ergriff mich, doch dann drückte ich gegen die Tür und erkannte zu meiner Freude, daß sie nicht versperrt war. Ich trat ein und sah, daß der Gästesaal hell erleuchtet war.

Meine Nase nahm jedoch einen widerlichen Gestank wahr. Über die Ruhebetten waren zerlumpte Decken geworfen, die Lampen hatten die Wände berußt, der Geruch von altem Weihrauch nahm mir den Atem. Ich blickte mich verständnislos in dem sonst so schönen Raum um, schlug dann aber ungeduldig mit der Faust auf die für die Geschenke bestimmte Platte, und die Schläge hallten durchs ganze Haus. Kurz darauf erschien Damaris mit schleppendem Schritt. Ich starrte sie entsetzt an. Das war nicht die Damaris, die ich kannte.

Sie hatte sich die Lippen grell und grob bemalt, ihr Haar war ungekämmt und strähnig wie das einer Hafendirne, und sie war in Lumpen gekleidet, die nach Wein und Erbrochenem stanken. Um die Augen hatte sie unheimliche schwarze Ringe gemalt, und mit demselben Pinsel hatte sie jede Falte in ihrem Gesicht nachgezogen, so daß ich ein liederliches altes Weib vor mir sah.

»Hier bin ich, Minutus. Deine Damaris«, sagte sie gleichgültig. »Hier bin ich, so wie du mich haben willst. Nimm mich also. Zum Lohn will ich nicht mehr als fünf Kupferscherflein.«

Ich verstand, was sie meinte. Alle Kraft verließ mich, so daß ich vor ihr auf die Knie fiel. Ich beugte den Kopf zu Boden und weinte über mein ohnmächtiges Verlangen. Zuletzt sagte ich: »Vergib mir, Damaris, meine Geliebte.«

»Du verstehst also, Minutus«, sagte sie mit weicherer Stimme. »Das wolltest du aus mir machen. Dazu wolltest du mich erniedrigen. Die Sache ist dieselbe, ob sie nun nach gebildeter Menschen Art in einem duftenden Bett geschieht oder im Hafen, zwischen stinkendem Schweinemist und Urin an eine Mauer gelehnt.«

Ich legte meinen Kopf auf ihre Knie und weinte meine Enttäuschung aus. Meine Begierde war erloschen. Sie streichelte mir tröstend übers Haar und flüsterte zärtliche Worte. Zuletzt ließ sie mich allein, ging fort und wusch sich, zog ein reines Gewand an und kam mit gekämmtem Haar zurück. Auf ihrem Gesicht leuchtete eine so innige Freude, daß ich mit zitternden Lippen ihr Lächeln erwidern mußte.

»Ich danke dir, Minutus, Lieber«, sagte sie. »Im letzten Augenblick hast du mich doch verstanden, obwohl es in deiner Macht lag, mich in meine Vergangenheit zurückzustoßen. Ich werde dir, solange ich lebe, für deine Güte dankbar sein und dafür, daß du mir nicht die Freude nahmst, die ich endlich erleben durfte. Eines Tages wirst du verstehen, daß meine Freude durch Christus wunderbarer ist als alle Freuden der Welt.«

Wir saßen lange Hand in Hand und sprachen miteinander wie Schwester und Bruder oder, besser, wie Mutter und Sohn. Ich versuchte ihr vorsichtig zu erklären, daß vielleicht doch nur das wirklich ist, was wir mit unseren Augen sehen, und alles andere Täuschung und Einbildung, aber Damaris lächelte nur und sagte: »Bald bin ich tief betrübt, bald froh, aber in guten Stunden erlebe ich eine Freude, die alles Irdische hinter sich läßt. Das ist meine Gnade, meine Wahrheit und meine Barmherzigkeit. Nichts anderes brauche ich zu glauben oder zu verstehen.«

Als ich in meine Herberge zurückkehrte, noch immer wie gelähmt vor Enttäuschung und ohne zu wissen, was ich hinfort noch glauben oder hoffen sollte, erwartete mich dort einer der Männer aus meinem Gefolge. Er war in einen schmutzigen Mantel gekleidet und trug kein Schwert. Ich konnte mir vorstellen, wie er sich erschrocken und die weltberühmte athenische Allwissenheit abergläubisch fürchtend an den unzähligen Statuen und Götterbildern vorbeigedrückt haben mochte. Nun warf er sich vor mir auf die Knie und bat: »Verzeih, daß ich gegen deinen ausdrücklichen Befehl handle, Tribun, aber meine Kameraden und ich, wir halten das Leben im Hafen nicht mehr aus. Dein Pferd siecht dahin vor Langeweile und wirft uns alle aus dem Sattel, wenn wir ihm ein bißchen Bewegung verschaffen wollen, wie du befahlst. Mit der Hafengarnison haben wir ständig Streit wegen des Verpflegungsgeldes. Vor allem aber machen diese verfluchten attischen Windbeutel mit uns, was sie wollen. Wir sind wie gebundene Schafe in ihren Händen und sind doch von den Gaunern in Korinth einiges gewohnt. Der Schlimmste von allen ist ein Sophist, der sich über uns lustig macht, indem er uns eindeutig beweist, daß Achill einen Wettlauf mit einer Schildkröte nie gewinnen kann. In Korinth haben wir über die Taschenspieler gelacht, die eine winzige Kugel unter einem von drei Weinbechern verstecken und die Leute raten lassen, unter welchem, aber dieser Mensch hält uns zum Narren, denn wer würde nicht wetten, daß Achill schneller läuft als eine Schildkröte! Er teilt aber die Strecke in die Hälfte und die Hälfte wiederum in die Hälfte und so weiter ohne Ende und beweist, daß Achill immer noch ein kleines Stückchen bis zum Ziel zu laufen hat und es nicht vor der Schildkröte erreichen kann. Wir sind selbst mit einer Schildkröte um die Wette gelaufen und haben sie natürlich leicht besiegt, aber damit konnten wir seinen Beweis nicht widerlegen, als wir ihn noch einmal aufsuchten und ein zweites Mal mit ihm wetteten. Herr, ich flehe dich an bei allen römischen Adlern: führ uns nach Korinth zurück, bevor wir den Verstand verlieren.«

Der Mann sprudelte seine Klage so rasch hervor, daß ich nicht zu Worte kam. Ich tadelte ihn wegen seines unwürdigen Benehmens, aber in der Stimmung, in der ich mich befand, hatte ich keine Lust, ihm das Rätsel mit Achill und der Schildkröte zu lösen. Zuletzt hieß ich ihn mein Reisegepäck auf den Rücken nehmen, beglich meine Rechnung mit dem Herbergswirt und verließ Athen, ohne mich von jemandem zu verabschieden und in solcher Eile, daß ich zwei Untergewänder vergaß, die ich noch in der Wäsche hatte und nie zurückbekam.

Wir brachen tief bedrückt vom Piräus auf und brauchten drei Tage für eine Strecke, die ich allein an einem bewältigt hätte. Die erste Nacht verbrachten wir in Eleusis, die zweite in Megara. Die Männer erholten sich so weit, daß sie sangen und lärmten, als wir endlich in Korinth einzogen.

Ich übergab sie dem Oberzenturio und meldete mich bei Rubrius. Er empfing mich in einem weinfeuchten Untergewand und mit einem Kranz aus Weinlaub schief auf dem Kopf. Offenbar erkannte er mich nicht wieder, denn er fragte mich mehrere Male nach meinem Namen. Er erklärte mir seine Zerstreutheit damit, daß er ein älterer Mann sei, der an den Folgen einer Kopfverletzung litt, die er in Pannonien erhalten hatte, und der nun nur noch darauf wartete, in den Ruhestand treten zu können.

Danach ging ich zum Haus des Prokonsuls. Gallios Sekretär berichtete mir, daß die Bewohner von Delphi sich mit ihrem Grenzstreit an den Kaiser gewandt und Einspruch erhoben hatten. Andrerseits führten die Bewohner des der Artemis geweihten Bezirks schriftlich Klage gegen mich und behaupteten, ich hätte die Göttin gelästert und dadurch den plötzlichen Tod des Besitzers herbeigeführt. Das taten sie natürlich, um ihre eigene Haut zu retten, da sie das Land unter sich aufgeteilt hatten und, den Tempel weiter verfallen ließen. Aus Athen war zum Glück kein Bericht über mich eingegangen.

Ich war niedergeschlagen, aber Gallio empfing mich trotz allem freundlich, umarmte mich sogar und lud mich zu Tisch. »Du bist gewiß zum Platzen voll von athenischer Weisheit«, meinte er. »Aber wir wollen zuerst über die Angelegenheiten Roms sprechen.«

Während wir aßen, erzählte er mir, sein Bruder Seneca habe ihm geschrieben, daß der junge Nero erstaunliche Fortschritte mache und Senatoren und einfachen Rittern gegenüber so würdig auftrete, daß man ihn die Freude und das Entzücken der Menschheit nenne. Claudius hatte ihn, um seiner geliebten Agrippina zu, gefallen, mit seiner achtjährigen Tochter Octavia verheiratet, deren Mutter Messalina war.

Juristisch gesehen war das Blutschande, da ja Claudius Nero sogar als seinen Sohn adoptiert hatte, aber dieses kleine Hindernis wurde auf die Weise beseitigt, daß ein Senator Octavia vor der Eheschließung adoptierte.

Britannicus blieb weit hinter Nero zurück und zeichnete sich nicht besonders aus. Er hielt sich meist in seinen eigenen Räumen im Palatium auf und begegnete seiner Stiefmutter Agrippina schroff und unfreundlich. Zum einzigen Befehlshaber der Prätorianer anstelle der früheren zwei Prätoren hatte man den einarmigen alten Haudegen Burrus ernannt, der ein guter Freund Senecas war und besondere Hochachtung für Agrippina hegte, weil sie die Tochter des großen Germanicus war.

»Dem Kaiser geht es gut«, sagte Gallio mit einem Blick in seinen Brief und ließ ein wenig Wein aus seinem Becher auf den Boden tropfen. »Er tritt so stattlich auf wie eh und je und leidet nur gelegentlich an einem harmlosen Sodbrennen. Die wichtigste Neuigkeit auf wirtschaftlichem Gebiet ist, daß der Hafen in Ostia endlich fertiggestellt wurde. Die Getreideschiffe können dort nun bequem gelöscht werden. Wie viele Millionen Goldstücke liegen nicht im Schlick und in den Sandbänken Ostias begraben! Aber nun braucht man in Rom nie mehr Unruhen wegen verspäteter Getreideausteilungen zu befürchten. Es geschah Claudius einmal, daß er auf dem Forum von einem wütenden Volkshaufen so hart gegen eine Mauer gedrückt wurde, daß er schon für sein Leben fürchtete. Im übrigen sinken die Preise für Korn aus Ägypten und Afrika, und es lohnt sich nicht mehr, in Italien Getreide anzubauen. Die umsichtigen Senatoren sind schon dazu übergegangen, Schlachtvieh zu züchten, und verkaufen ihre Sklaven auf Versteigerungen ins Ausland.«

Während Gallio so väterlich mit mir sprach, zerstreute sich meine Unruhe, und ich begriff, daß ich keinen Tadel wegen meines zu langen Aufenthalts in Athen zu befürchten brauchte. Dann aber sah mich Gallio forschend an und fuhr in dem gleichen leichten Ton fort: »Du bist blaß, und deine Augen blicken starr. Aber das Studium in Athen hat schon so manchem ehrenwerten jungen Römer den Kopf verwirrt. Ich habe gehört, du hast dich von einer klugen Frau belehren lassen. Das ist natürlich sehr anstrengend und kostet obendrein viel Geld, und ich hoffe nur, du hast dich nicht in allzu hohe Schulden gestürzt. Weißt du, mein lieber Minutus, ich glaube, ein bißchen Seeluft würde dir guttun.«

Ehe ich noch zu überflüssigen Erklärungen ansetzen konnte, hob er warnend die Hand und sagte lächelnd: »Deine persönlichen Angelegenheiten gehen mich nichts an. Wichtig ist nur, daß der junge Nero und die schöne Agrippina dich durch meinen Bruder grüßen lassen. Nero vermißt dich. Man kann nur Roms Glücksgöttin dafür preisen, daß eine so willensstarke und wirklich kaiserliche Frau wie Agrippina Claudius zur Seite steht und ihm einen Teil seiner Last abnimmt. Du sollst Agrippina einen schönen korinthischen Bronzebecher geschickt haben. Sie hat sich über deine Aufmerksamkeit sehr gefreut.«

Für einen kurzen Augenblick faßte mich eine tiefe Sehnsucht nach Rom, wo mir das Leben so viel einfacher und an eine feste Ordnung gebunden zu sein schien. Gleich darauf sagte ich mir jedoch, daß ein bloßer Ortswechsel mir auch keine Erleichterung verschaffen konnte, und seufzte.

Gallio fuhr zerstreut lächelnd fort: »Ich höre, du hast dich auf deiner Reise mit Artemis verfeindet. Es wäre wohl das klügste, wenn du ihr persönlich im Tempel zu Ephesus eine Opfergabe darbrächtest. Ich habe einen vertraulichen Brief an den Prokonsul in Asia. Wenn du mit ihm zusammentriffst, kannst du ihm auch gleich berichten, wie begabt Nero ist, wie bescheiden er in der Kurie auftritt und wie klug Agrippina ihn erzieht. Neros Ehe mit Octavia hat eine gewisse politische Bedeutung, wie du bei einigem Nachdenken selbst erkennen wirst. Natürlich leben die beiden noch nicht zusammen, denn Octavia ist ja noch ein Kind.«

Mein Kopf war so umnebelt, daß ich nur einfältig zu nicken vermochte. Gallio hielt es für nötig, mir zu erklären: »Unter uns gesagt, ist die Abstammung von Britannicus und Octavia wegen Messalinas schlechtem Ruf, gelinde ausgedrückt, zweifelhaft, aber Claudius betrachtet sie als seine eigenen Kinder, was sie vor dem Gesetz ja auch sind, und nicht einmal Agrippina wagt es, an so heikle Dinge zu rühren und seine männliche Eitelkeit zu kränken.«

Ich gab zu, daß ich in Rom vor meiner Reise nach Britannien allerlei Gerüchte vernommen hatte, fügte aber offenherzig hinzu: »Damals hatte es den Anschein, als brächte man absichtlich so furchtbare Dinge über Messalina in Umlauf. Ich konnte das Gerede nicht ernst nehmen. Sie war jung, schön und genußsüchtig, und Claudius war, verglichen mit ihr, ein Greis. Trotzdem mag ich über sie nicht das Schlimmste denken.«

Gallio schwenkte ungeduldig seinen Becher. »Vergiß nicht, daß wegen Messalinas Leichtfertigkeit fünfzig Senatoren und einige hundert Ritter den Kopf verloren oder sich selbst die Pulsadern aufschneiden durften. Dein Vater hätte sonst wohl kaum den Purpurstreifen bekommen.«

»Wenn ich dich recht verstanden habe, Prokonsul«, sagte ich zögernd, »so meinst du, daß Claudius einen kranken Magen und einen schwachen Kopf hat. Einmal wird er die Schuld eines jeden Menschen bezahlen müssen, soviel wir auch seinem Genius opfern.«

»Wer wird ihm Schlimmes voraussagen wollen!« rief Gallio. »Es soll sein, als hättest du diese Worte nie laut ausgesprochen. Claudius hat Rom trotz seiner Schwächen so gut regiert, daß der Senat ihn nach seinem Tode getrost zum Gott erhöhen kann, obgleich das nicht wenig Spott und Gelächter geben wird. Wer vorausblickt, fragt sich eben nur zur rechten Zeit, wer an seine Stelle treten soll.«

»Nero Imperator«, flüsterte ich träumend. »Aber Nero ist ja noch ein Knabe.« Zum erstenmal dachte ich an diese Möglichkeit, und der Gedanke entzückte mich, da ich schon Neros Freund gewesen war, bevor seine Mutter sich mit Claudius vermählte.

»Dieser Gedanke braucht dich nicht zu erschrecken, Tribun Minutus«, sagte Gallio. »Es ist nur gefährlich, ihn offen auszusprechen, solange Claudius noch lebt und atmet. Um aber die Fäden des Schicksals und des Zufalls zu entwirren und in die Hand zu bekommen, wäre es gewiß sehr nützlich, wenn dieser vortreffliche Gedanke auch in die Köpfe führender Männer in anderen Provinzen Eingang fände. Ich hätte nichts dagegen, wenn du dich von Ephesus nach Antiochia begäbst. Das ist ja deine alte Heimatstadt. Die Freigelassenen deines Vaters sollen dort Reichtümer und großen Einfluß erworben haben. Du brauchst nur gut über Nero zu reden, sonst nichts. Nur keine Andeutungen über die Zukunft in klaren Worten – davor mußt du dich hüten! Ein jeder, mit dem du sprichst, mag seine eigenen Schlüsse ziehen. Es gibt im Osten mehr klug berechnende politische Vernunft, als man in Rom zu glauben geneigt ist.«

Er ließ mich eine Weile nachdenken, bevor er fortfuhr: »Natürlich mußt du für die Kosten deiner Reise selbst aufkommen, wenngleich ich dir der Form halber ein paar Handschreiben mitgebe. Was du sagst, das sagst du aus eigenem, freiem Willen, nicht in meinem Auftrag. Du hast ein so offenes Wesen und bist noch so jung, daß dich kaum einer für einen politischen Ränkeschmied halten wird. Und das bist du ja auch auf keinen Fall, nicht wahr? Es gibt eine ganze Anzahl Römer, die nur um einer Laune des Kaisers willen die Qualen der Verbannung erleiden müssen, und diese Männer haben Freunde in Rom. Geh ihnen nicht aus dem Weg, denn sobald Claudius tot ist, werden alle Verbannten, auch die Juden, begnadigt. Das verspricht mein Bruder, der selbst acht Jahre lang die Verbannung geschmeckt hat. Du kannst das Magenleiden des Kaisers erwähnen, darfst aber nicht vergessen hinzuzufügen, daß es sich gewiß nur um ganz harmlose Blähungen handelt, und dann magst du darauf hinweisen, daß man ähnliche Beschwerden auch bei Magenkrebs hat. Unter uns gesagt: Agrippina macht sich wegen Claudius’ Gesundheitszustand große Sorgen. Er ist ein Leckermaul und will keine vernünftige Diät halten.«

Ich mußte unwillkürlich glauben, daß Gallio der Wein zu Kopf gestiegen war. Hätte er sonst gewagt, mir solche Dinge laut zu sagen? Vermutlich überschätzte er meinen Ehrgeiz, weil er den Ehrgeiz für eine jedem Römer angeborene Eigenschaft hielt, und auch ich habe ja Wolfsblut in meinen Adern. Jedenfalls hatte er mir den Kopf heiß gemacht, und ich hatte nun über anderes nachzudenken als nur über Damaris in Athen.

Zuletzt bat er mich, die Sache in Ruhe zu überschlafen, und schickte mich nach Hause. Es war sehr spät geworden. Trotzdem brannte in dem Ring neben der Tür meines Hauses eine Fackel, und von drinnen hörte ich Gesang und Geschrei. Ich fragte mich, ob Hierax von meiner Ankunft gehört und vielleicht irgendeinen festlichen Empfang vorbereitet hatte. Als ich eintraf, erblickte ich eine große Menge Menschen, Männer und Frauen, die sich gerade von einem gemeinsamen Mahl erhoben. Offensichtlich waren alle schwer bezecht. Einer tanzte herum und verdrehte die Augen, ein anderer schwatzte ununterbrochen in einer Sprache, die ich nicht verstand. Hierax ging als Gastgeber umher und küßte seine Gäste der Reihe nach mit großer Zärtlichkeit. Als er mich endlich bemerkte, blieb er verwirrt stehen, gewann jedoch rasch die Fassung wieder und rief: »Gesegnet sei dein Eingang und dein Ausgang, Herr! Wie du siehst, üben wir uns gerade in heiligen Gesängen. Auf deinen Befehl habe ich mich mit der neuen Lehre der Juden bekannt gemacht. Sie paßt einem einfachen Sklaven wie ein Handschuh.«

Der Türhüter und die Köchin wurden rasch nüchtern und warfen sich vor mir auf die Knie. Als Hierax sah, wie mein Gesicht vor Zorn rot anlief, zog er mich beiseite und erklärte eilig: »Ärgere dich nicht, Herr. Es ist alles in guter Ordnung. Der strenge Paulus hat aus dem einen oder anderen Grunde plötzlich den Mut verloren. Er schnitt sich das Haar und segelte nach Asia und Jerusalem, um den Ältesten Rechenschaft abzulegen. Als er fort war, begannen wir Christen darum zu streiten, wer nun die anderen lehren solle. Die Juden glauben, sie wüßten alles besser als andere, selbst wo es sich um Christus handelt. Deshalb versammeln wir Unbeschnittenen uns hier in deinem Haus, wo wir, so gut wir es verstehen, die neue Lehre ausüben und auch ein wenig besser essen können als bei den gemeinsamen Mählern, zu denen immer viel zu viele arme, nicht zahlende Gäste kommen. Dieses Mahl hier bezahle ich selbst. Ich habe nämlich diese vermögende und noch recht ansehnliche Witwe dort drüben an der Angel. Unter den Christen habe ich überhaupt lauter nützliche Bekanntschaften geschlossen. Das ist bei weitem die beste geheime Gesellschaft, der ich je angehört habe.«

»Bist du Christ geworden und hast dich taufen lassen, und hast du Buße getan und was sonst noch alles dazugehört?« fragte ich entsetzt.

»Du hast es mir selbst befohlen«, verteidigte Hierax sich. »Ohne deine Erlaubnis hätte ich mich nicht darauf eingelassen, da ich doch nur dein Sklave bin. Aber unter den Christen habe ich mein sündiges Sklavenkleid abgelegt. Nach ihrer Lehre sind wir, du und ich, vor Christus gleich. Du mußt gütig und sanft gegen mich sein, und ich werde dir wie bisher nach bestem Vermögen dienen. Wenn wir nur einmal die hochmütigsten und engstirnigsten Juden losgeworden sind, wird unser Liebesbund ganz Korinth zur Zierde gereichen.«

Am nächsten Morgen war Hierax wieder klar im Kopf und weit bescheidener. Er machte jedoch ein langes Gesicht, als ich ihm sagte, ich müsse nach Asia reisen und ihn mitnehmen, da ich auf einer so langen Reise natürlich nicht ohne Diener auskommen könne.

»Das ist unmöglich!« jammerte Hierax und raufte sich die Haare. »Ich habe doch gerade erst hier Fuß gefaßt und auf deine Rechnung allerhand nützliche Geschäfte angeknüpft. Wenn du dich nun plötzlich aus allen laufenden Unternehmungen zurückziehen mußt, so fürchte ich, daß du sehr viel Geld verlieren wirst. Außerdem kann ich die Christen in Korinth nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, nun da Paulus abgereist ist und Streit und Zersplitterung unter ihnen herrscht. Und wer wird sich um die Witwen und die Waisen kümmern, wie es ihre Lehre verlangt, da ich doch der einzige bin, der mit Geld umzugehen versteht, oder jedenfalls einer der wenigen aus der ganzen Gemeinde? Ich habe eine lehrreiche Geschichte gehört von einem Herrn, der seinen Knechten pfundweise Gold gab und sie dann aufforderte, Rechenschaft abzulegen, wie sie es vermehrt hätten. Ich will am Tag der Abrechnung nicht als ein untauglicher Knecht dastehen.«

Hierax hatte während meiner Abwesenheit Fett angesetzt und sich eine großsprecherische Art angewöhnt. Auf längeren und beschwerlichen Reisen hätte er mir nichts mehr genützt. Er hätte nur geschnauft und gejammert und sich nach dem bequemen Leben in Korinth zurückgesehnt. Ich sagte daher: »Bald jährt sich der Todestag meiner Mutter. Ich werde dich freilassen, so daß du in Korinth bleiben und dich um das Haus kümmern kannst. Ich sehe ein, daß ich nur Verluste erleiden würde, wenn ich alles verkaufte, was ich mir hier zu meiner Bequemlichkeit geschaffen habe.«

»Eben das wollte ich dir vorschlagen«, sagte Hierax eifrig. »Bestimmt hat dir der Gott der Christen diesen Gedanken eingegeben. Ich habe mir einiges erspart, so daß ich die Hälfte meiner Freilassungssteuer selbst bezahlen kann. Ich habe mich auch schon auf Umwegen bei einem bekannten Rechtsgelehrten im Rathaus erkundigt, was für mich ein geziemender Preis wäre. So dick, wie ich nun geworden bin, tauge ich nicht mehr zu körperlicher Arbeit, und außerdem habe ich einige Fehler, die ich zwar vor dir verbergen konnte, die aber meinen Wert senken würden, wenn ich noch einmal verkauft werden sollte.«

Ich nahm sein Anerbieten nicht an, da ich der Meinung war, daß er seine geringen Ersparnisse selbst brauchte, um in dem gierigen Korinth auf die Beine zu kommen und Erfolg zu haben. Ich erlegte also das Lösegeld für ihn und drückte ihm selbst den Freilassungsstab in die Hand. Zugleich stellte ich ihm eine behördlicherseits bestätigte Vollmacht aus, mein Haus und meinen übrigen Besitz in Korinth zu verwalten. Ich war im Grunde recht froh, auf diese Weise sowohl ihn als auch alle lästigen Pflichten loszuwerden. Die Leichtfertigkeit, mit der er die Sache der Christen betrieb, gefiel mir nicht, und ich wollte daher keine andere Verantwortung für ihn tragen als die, die einer für seinen Freigelassenen übernimmt.

Hierax Lausius begleitete mich bis Kenchreae, wo ich an Bord eines Schiffes ging, das nach Ephesus segelte. Er dankte mir noch einmal dafür, daß ich ihm erlaubt hatte, sich Lausius zu nennen, denn dieser Name dünkte ihn vornehmer und würdevoller als Minutius. Seine Abschiedstränen waren wohl aufrichtig, obwohl ich annehme, daß er erleichtert aufseufzte, als das Schiff auslief und er einen allzu jungen und unberechenbaren Herrn losgeworden war.

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