F. Parr Wycliff war damit beschäftigt, im Gerichtssaal sein Tagespensum an öden mündlichen Verhandlungen abzuarbeiten. Er war bereits im Rückstand. Im Richterzimmer wartete Josh mit dem Videoband. Er schritt in dem vollgestellten Raum auf und ab, griff nach seinem Mobiltelefon, war mit den Gedanken in einer anderen Hemisphäre. Er hatte immer noch nichts von Nate gehört.
Valdirs beruhigende Worte - das Pantanal ist groß, der Führer ist zuverlässig, es ist ein gutes Boot, die Indianer ziehen von einem Ort zum anderen und wollen von niemandem gefunden werden, alles ist in bester Ordnung -kamen ihm einstudiert vor. Er werde sich melden, sobald er etwas von Nate hörte. Josh hatte schon erwogen, eine Rettungsaktion zu organisieren. Aber vermutlich war es nicht möglich, ins Pantanal vorzudringen, um einen verlorengegangenen Anwalt zu finden. Wie es aussah, war es schon schwierig genug, bis Corumba zu gelangen. Dennoch konnte er hinfliegen, sich zu Valdir ins Büro setzen und warten, bis eine Meldung kam.
Josh arbeitete an sechs Tagen die Woche zwölf Stunden täglich, und der Fall Phelan stand kurz vor der Explosion. Ihm blieb kaum Zeit zum Mittagessen, von einer Reise nach Brasilien ganz zu schweigen.
Er versuchte, Valdir über sein Mobiltelefon zu erreichen, aber die Leitung war besetzt.
Wycliff kam herein, entschuldigte sich und zog sich gleichzeitig die Robe aus. Ihm lag daran, einen einflussreichen Anwalt wie Stafford mit der Bedeutung der bei ihm anliegenden Fälle zu beeindrucken.
Sie waren allein im Richterzimmer. Schweigend betrachteten sie den Anfang des Videobandes. Auf ihm war zu sehen, wie der alte Troy im Rollstuhl saß und Josh ihm das Mikrophon zurechtrückte. Dann traten die drei Psychiater mit ihren langen Fragelisten auf. Die Befragung dauerte einundzwanzig Minuten und endete mit der einhellig geäußerten Meinung, dass Mr. Phelan durchaus wisse, was er tue. Wycliff konnte ein breites Lächeln nicht unterdrücken.
Das Konferenzzimmer leerte sich. Die unmittelbar auf Troy gerichtete Kamera blieb eingeschaltet. Er holte das eigenhändige Testament hervor und unterschrieb es vier Minuten nach dem Ende der Befragung durch die Psychiater.
»Und jetzt springt er«, sagte Josh.
Die Kamera bewegte sich nicht. Sie erfasste Troy, als er sich unvermittelt vom Tisch abstieß und aus dem Rollstuhl aufstand. Während er vom Bildschirm verschwand, starrten Josh, Snead und Tip Durban eine Sekunde lang ungläubig, dann rannten sie hinter dem alten Mann her. Die Bilder waren durchaus dramatisch.
Fünfeinhalb Minuten lang zeichnete die Kamera lediglich leere Stühle auf. Man hörte Stimmen. Dann sah man, wie sich der arme Snead auf Troys Platz setzte. Er war sichtlich erschüttert und den Tränen nahe, brachte es aber fertig, in die Kamera zu sagen, was er soeben miterlebt hatte. Josh und Tip Durban taten das gleiche. Neununddreißig Minuten Videoband.
»Wie wollen sie nur dagegen angehen?« fragte Wycliff, als es vorüber war. Auf diese Frage blieb ihm Josh die Antwort schuldig. Zwei der Nachkommen Troys - Rex und Libbigail - hatten bereits den Antrag gestellt, das Testament anzufechten. Ihren Anwälten Hark Gettys und Wally Bright war es gelungen, ein beträchtliches Maß an Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und zu erreichen, dass Presseleute sie interviewten und fotografierten.
Die anderen Nachkommen würden bald ihrem Beispiel folgen. Josh hatte mit den meisten ihrer Anwälte gesprochen; alle waren praktisch schon auf dem Weg zum Gericht.
»Jeder zweifelhafte Psychofritze im Land möchte ein Stück von diesem Kuchen haben«, sagte Josh. »Wir werden viele abweichende Meinungen zu hören bekommen.«
»Macht Ihnen der Selbstmord Sorgen?«
»Natürlich. Aber Troy hatte alles auf das sorgfältigste geplant, sogar seinen Selbstmord. Er wusste haargenau, wann und auf welche Weise er sterben wollte.«
»Was ist mit dem anderen Testament, dem dicken Dokument, das er als erstes unterschrieben hat?«
»Er hat es nicht unterschrieben.«
»Aber ich habe es doch selbst gesehen. Man sieht es auf dem Video.«
»Trotzdem. Er hat den Namen Micky Maus darunter geschrieben.«
Wycliff hatte sich Notizen gemacht, doch jetzt verharrte seine Hand mitten im Satz. »Micky Maus?« wiederholte er.
»Die Sache verhält sich wie folgt: Zwischen 1982 und 1996 habe ich für Mr. Phelan elf Testamente vorbereitet, teils umfangreiche, teils knappe. Darin hat er auf mehr verschiedene Arten über sein Vermögen verfügt, als Sie sich vorstellen können. Das Gesetz verlangt, dass ein Testament vernichtet wird, wenn es durch ein neues ersetzt werden soll. Also habe ich ihn mit der jeweiligen neuesten letztwilligen Verfügung in seinem Büro aufgesucht,
wir haben sie zwei Stunden lang Punkt für Punkt durchgearbeitet, und er hat unterschrieben. Ich habe sie in meiner Kanzlei aufbewahrt und immer das jeweils letzte Testament mitgebracht. Sobald er das neue unterschrieben hatte, haben wir - das heißt, Mr. Phelan und ich - das alte in den Aktenvernichter neben seinem Schreibtisch gesteckt. Er hat diese kleine Zeremonie jedesmal aufs höchste genossen. Dann war er einige Monate lang zufrieden, bis er sich über eins seiner Kinder ärgerte, und er hat angefangen, davon zu reden, dass er sein Testament abändern wollte.
Sofern die Nachkommen beweisen können, dass er bei der Abfassung des handschriftlichen Testaments nicht bei klarem Verstand war, gibt es gar keins. Alle anderen sind vernichtet worden.«
»In dem Fall müsste man ihn wie einen Erblasser behandeln, der kein Testament errichtet hat«, fügte Wycliff hinzu.
»Ja, und wie Sie sehr wohl wissen, würde sein Nachlass in einem solchen Fall gemäß den Gesetzen des Staates Virginia vollständig unter seinen sämtlichen Nachkommen aufgeteilt.«
»Sieben Kinder. Elf Milliarden Dollar.«
»Sieben, von denen wir wissen. Der Betrag kommt ziemlich genau hin. Würden Sie in einem solchen Fall als Erbe, der sich übergangen fühlt, nicht auch versuchen, das Testament anzufechten?«
Wycliff konnte sich nichts Schöneres vorstellen als eine langwierige Auseinandersetzung um das Erbe, bei der die Fetzen flogen. Und ihm war klar, dass die Anwälte, Josh Stafford nicht ausgenommen, bei einer solchen Auseinandersetzung noch reicher würden als ohnehin.
Aber zu einem Streit braucht man zwei Parteien, und vorerst war nur eine aufgetreten. Irgend jemand musste die Anfechtung von Mr. Phelans letztem Testament abwehren.
»Haben Sie schon etwas über Rachel Lane in Erfahrung gebracht?« fragte er.
»Nein. Aber wir sind auf der Suche nach ihr.«
»Wo befindet sie sich?«
»Vermutlich irgendwo in Südamerika, wo sie als Missionarin tätig ist. Nur gefunden haben wir sie noch nicht. Aber wir haben Leute da unten.« Josh merkte, dass er mit dem Wort >Leute< ziemlich locker umging. Gedankenversunken sah Wycliff zur Decke empor. »Warum wollte er seine elf Milliarden einer unehelichen Tochter hinterlassen, die als Missionarin arbeitet?«
»Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Er hat mich im Laufe der Jahre schon mit so vielen Dingen überrascht, dass ich abgehärtet bin.«
»Aber es klingt doch ein bißchen verrückt, oder nicht?«
»Es ist merkwürdig.«
»Wussten Sie von ihr?«
»Nein.«
»Könnte es noch andere Erben geben?«
»Möglich ist alles.«
»Sind Sie der Ansicht, dass er nicht ganz bei Trost war?« »Nein. Seltsam, schrullig, launenhaft, ein ausgewachsenes Ekel. Aber er hat genau gewusst, was er tat.« »Schaffen Sie die Frau her, Josh.« »Wir geben uns Mühe.« Das Gespräch zwischen dem Häuptling und Rachel fand unter vier Augen statt. Von dort, wo Nate auf der Veranda unter seiner Hängematte saß, konnte er ihre Gesichter sehen und ihre Stimmen hören. Irgend etwas am Himmel schien den Häuptling zu beunruhigen. Er sagte etwas, hörte dann auf Rachels Worte und hob langsam den Blick, als ob er erwarte, dass aus den Wolken der Tod herabregne. Es war Nate klar, dass der Häuptling Rachel nicht nur zuhörte, sondern auch ihren Rat suchte.
Während um sie herum das Frühstück allmählich zu Ende ging, bereiteten sich die Ipicas auf einen weiteren Tag vor. Die Jäger sammelten sich in kleinen Gruppen vor dem Männerhaus, um ihre Pfeilspitzen zu schärfen und die Bogensehnen einzuhängen. Die Fischer legten Netze und Schnüre zurecht. Die jungen Frauen begannen mit ihrer den ganzen Tag nicht endenden Aufgabe, die Fläche um ihre Hütte mit dem Besen sauber zuhalten. Ihre Mütter brachen zu den Gärten und Feldern in der Nähe des Waldes auf.
»Er ist überzeugt, dass es ein Gewitter gibt«, erklärte Rachel, als die Besprechung vorüber war. »Er sagt, dass Sie fahren können, aber er gibt Ihnen keinen Führer mit. Es ist zu gefährlich.«
»Können wir es ohne Führer schaffen?« fragte Nate.
»Ja«, sagte Jevy, und Nate warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
»Es wäre nicht klug«, sagte sie. »Die Flüsse gehen ineinander über, und man verirrt sich leicht. Selbst die Ipicas haben während der Regenzeit schon Fischer verloren.«
»Wann wird das Gewitter vorüber sein?« fragte Nate.
»Das müssen wir abwarten.«
Nate holte tief Luft und ließ die Schultern sinken. Sein ganzer Körper schmerzte. Er hatte Hunger, war müde, über und über mit Mückenstichen bedeckt und hatte das kleine Abenteuer satt. Außerdem fürchtete er, dass sich Josh Sorgen machte. Bisher war alles fehlgeschlagen. Zwar hatte er kein Heimweh, weil er nirgendwo daheim war, aber er wollte Corumba mit seinen gemütlichen kleinen Cafes, den angenehmen Hotels und den Straßen wiedersehen, auf denen das Leben gemächlich dahintrieb. Er wollte eine weitere Gelegenheit haben, allein zu sein, sauber und nüchtern und ohne die Angst, sich zu Tode zu trinken.
»Es tut mir leid«, sagte sie.
»Ich muss wirklich zurück. In der Kanzlei erwartet man meinen Bericht. Die Sache hat schon viel länger gedauert als angenommen.«
Sie hörte ihm zwar zu, nahm aber nicht wirklich Anteil. Dass sich einige Leute in einer Kanzlei in Washington Sorgen machten, ließ sie ziemlich kalt.
»Können wir miteinander reden?« fragte er.
»Ich muss zum Begräbnis des kleinen Mädchens ins Nachbardorf. Warum kommen Sie nicht mit? Unterwegs haben wir viel Zeit, miteinander zu reden.«
Lako ging voran. Sein rechter Fuß war zur Innenseite hin verdreht, so dass er bei jedem Schritt nach links wegsackte und sich dann wieder rechts hochriss. Es tat weh, das mit ansehen zu müssen. Rachel folgte ihm, hinter ihr ging Nate, der ihre Tuchtasche trug. Jevy hielt sich hinter ihnen außer Hörweite, um nicht mitzubekommen, worüber sie sprachen.
Nachdem sie das Hüttenoval verlassen hatten, kamen sie an brachliegenden kleinen quadratischen Feldern vorüber, auf denen allerlei Buschwerk wucherte. »Die Ipicas bauen ihre Nutzpflanzen auf kleinen Flächen an, die sie dem Urwald abgewinnen«, erklärte sie. Es fiel Nate schwer, mit ihr Schritt zu halten. Ein Marsch von drei Kilometern Länge durch die Wälder war für sie offenbar eine Kleinigkeit, und sie schritt auf ihren sehnigen Beinen kräftig aus. »Der Ackerbau laugt den Boden aus, so dass er nach einigen Jahren nichts mehr hergibt. Dann werden die Felder aufgegeben, die Natur erobert das Gebiet zurück, und die Ipicas legen neue Felder an. Langfristig gesehen wird kein Schaden angerichtet, denn alles kehrt zu seinem vorigen Zustand zurück. Land ist für diese Menschen das ein und alles, denn sie leben davon. Allerdings hat die zivilisierte Welt ihnen den größten Teil davon fortgenommen.«
»Kommt mir irgendwie bekannt vor.«
»Nicht wahr? Wir vermindern die Bevölkerungszahl durch Blutvergießen und Krankheiten und nehmen den Menschen das Land. Dann bringen wir sie in Reservate und können nicht verstehen, warum sie dort nicht glücklich sind.«
Sie begrüßte zwei nackte Frauen, die in der Nähe des Pfades den Boden bearbeiteten. »Die Frauen müssen die schwere Arbeit tun«, bemerkte Nate.
»Ja. Aber verglichen damit, was es bedeutet, Kinder in die Welt zu setzen, ist das leicht.«
»Ich sehe ihnen lieber bei der Arbeit zu.«
Die Luft war feucht, aber frei von dem Rauch, der beständig über dem Dorf hing. Nate schwitzte schon, als sie den Wald betraten.
»Erzählen Sie mir etwas von sich, Nate«, sagte sie über die Schulter.
»Das könnte ziemlich lange dauern.«
»Nur die Höhepunkte.«
»Es gibt mehr Tiefpunkte.«
»Vorwärts, Nate! Sie wollten reden, so lassen Sie uns reden. Der Marsch dauert eine halbe Stunde. Fangen Sie einfach damit an, wo Sie zur Welt gekommen sind.«
»In Baltimore, als ältester von zwei Söhnen. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich fünfzehn war. Ich hab die High School in St. Paul besucht, das Hopkins-College, in Georgetown Jura studiert und bin danach nicht aus W ashington hinausgekommen.«
»Hatten Sie eine glückliche Kindheit?«
»Vermutlich schon. Sport hat darin eine große Rolle gespielt. Mein Vater hat dreißig Jahre lang für die Firma National Brewery gearbeitet und hatte immer Eintrittskarten für die Colts und die Orioles. Baltimore ist eine großartige Stadt. Reden wir auch über Ihre Kindheit?«
»Wenn Sie wollen. Sie war nicht besonders glücklich.«
Was für eine Überraschung, dachte Nate. Die arme Frau hatte noch keine Gelegenheit, glücklich zu sein.
»Wollten Sie schon als Junge Anwalt werden?«
»Natürlich nicht. Das will kein normaler Junge. Ich wollte für die Colts oder die Orioles spielen, vielleicht sogar für beide.«
»Sind Sie zur Kirche gegangen?«
»Klar. Immer zu Weihnachten und zu Ostern.«
Der Pfad war fast verschwunden, und sie wateten jetzt durch hartes Gras. Nate hielt den Blick auf ihre Schnürstiefel gerichtet. Als er sie nicht mehr sehen konnte, fragte er: »Was für eine Schlange war das eigentlich, die das kleine Mädchen gebissen hat?«
»Eine bima, aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.«
»Warum nicht?«
»Weil Sie hohe Schuhe tragen. Es ist eine kleine Schlange, die unterhalb des Fußknöchels zubeißt.«
»Die große wird mich schon finden.«
»Nur keine Angst.«
»Was ist mit Eako da vorne? Der trägt doch nie Schuhe.«
»Nein, aber er sieht alles.«
»Soweit ich verstanden habe, ist der Biss der bima tödlich.«
»Das kann er sein, aber es gibt ein Gegengift. Ich hatte es früher schon einmal hier. Hätte ich es gestern gehabt,
wäre die Kleine nicht gestorben.«
»Das heißt, wenn Sie eine Menge Geld hätten, könnten Sie eine Menge von dem Zeug kaufen. Sie könnten sich einen Vorrat von allen Medikamenten anlegen, die Sie brauchen, sich einen hübschen kleinen Außenborder kaufen, mit dem Sie nach Corumba und wieder zurückfahren können. Sie könnten eine Klinik, eine Kirche und eine Schule bauen und das Evangelium im ganzen Pantanal verbreiten.«
Sie blieb stehen und wandte sich unvermittelt um, so dass sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. »Ich habe nichts getan, um das Geld zu verdienen. Ich habe den Mann, dem es gehörte, nicht einmal wirklich gekannt. Bitte sprechen Sie das Thema nicht mehr an.« Ihre Worte klangen entschlossen, aber in ihrem Gesicht gab es keinen Hinweis darauf, dass sie verärgert war.
»Verschenken Sie es. Geben Sie es irgendwelchen wohltätigen Einrichtungen.«
»Es gehört mir nicht.«
»Es würde sonst nur verschleudert. Die Anwälte werden Millionen bekommen, und das übrige wird unter Ihren Halbgeschwistern verteilt. Das können Sie doch nicht wollen. Glauben Sie mir. Sie haben keine Vorstellung von dem Elend und dem Kummer, den diese Menschen verursachen werden, wenn sie das Geld bekommen. Was sie nicht selbst verschleudern, werden sie ihren Nachkommen hinterlassen, und das Phelan-Geld wird die nächste Generation gleich mit vergiften.«
Sie fasste ihn am Handgelenk und drückte es. Ganz langsam sagte sie: »Das ist mir gleichgültig. Ich werde für sie beten.«
Dann wandte sie sich wieder um und ging forschen Schrittes weiter. Lako war weit voraus, und Jevy hinter ihnen war kaum zu sehen. Schweigend überquerten sie eine Lichtung nahe einem Wasserlauf, bevor sie wieder in dichten Wald eintauchten. Die ineinandergeschlungenen Zweige der mächtigen hohen Bäume bildeten ein dunkles Dach. Mit einem Mal war die Luft kühl.
»Machen wir eine Pause«, sagte sie. Der Wasserlaufwand sich durch die Wälder, und der Pfad führte an einer Stelle über ihn hinweg, an der bläuliche und orangefarbene Steine lagen. Sie kniete sich nieder und besprengte ihr Gesicht mit Wasser.
»Das können Sie trinken«, sagte sie. »Es kommt aus den Bergen.«
Nate hockte sich neben sie und hielt die Hände ins Wasser. Es war kalt und klar. »Das ist meine Lieblingsstelle«, sagte sie. »Ich komme fast täglich hierher, um zu baden, zu beten und zu meditieren.«
»Es fällt mir schwer zu glauben, dass wir im Pantanal sind. Es ist viel zu kühl.«
»Wir befinden uns an seinem Rand. Die bolivianischen Berge sind nicht weit. Das Pantanal beginnt irgendwo hier in der Nähe und dehnt sich endlos weit nach Osten aus.«
»Ich weiß. Wir sind auf der Suche nach Ihnen drüber weggeflogen.«
»Tatsächlich?«
»Ja. Der Flug war nur kurz, aber ich konnte das Pantanal gut sehen.«
»Aber Sie haben mich nicht gefunden.«
»Nein. Wir sind in ein Unwetter gekommen und mussten notlanden. Ich hatte Glück und bin mit dem Leben davongekommen. Ich setz mich nie wieder in so ein kleines Flugzeug.«
»Es gibt hier in der Nähe ohnehin keine Landemöglichkeit.«
Sie zogen Schuhe und Socken aus und ließen die Füße ins Wasser hängen. Sie saßen auf den Steinen und lauschten dem murmelnden Bach. Sie waren allein, weder Lako noch Jevy waren zu sehen.
»Als kleines Mädchen habe ich in Montana in einer Kleinstadt gelebt, in der mein Vater, mein Adoptivvater, Priester war. Nicht weit vom Rand der Stadt floss ein Bach wie der hier. Dort gab es eine Stelle unter einigen hohen Bäumen, so ungefähr wie diese hier, wo ich stundenlang meine Füße ins Wasser gehängt habe.«
»Haben Sie sich da versteckt?«
»Manchmal.«
»Verstecken Sie sich jetzt?«
»Nein.«
»Ich glaube schon.«
»Nein, Nate, da irren Sie sich. Ich lebe in völligem Einklang mit mir. Ich habe mich vor vielen Jahren Christus anvertraut und folge ihm, wohin er mich führt. Sie halten mich für einsam - das stimmt aber nicht. Er ist auf jedem Schritt meines Wegs bei mir. Er kennt meine innersten Gedanken, meine Bedürfnisse und befreit mich von meinen Ängsten und Sorgen. Ich lebe in dieser Welt in gänzlichem Frieden.«
»So was habe ich noch nie zuvor gehört.«
»Sie haben gestern Abend gesagt, dass Sie ein schwacher Mensch sind. Was meinen Sie damit?«
Beichten tut der Seele gut, hatte ihm Sergio während der Therapie gesagt. Wenn sie es nicht anders haben wollte, würde er sie eben mit der Wahrheit zu schockieren versuchen.
»Ich bin Alkoholiker«, sagte er, wie man es ihn während der Entwöhnung gelehrt hatte. Es klang fast stolz. »Ich war in den letzten zehn Jahren viermal ganz unten und hatte gerade wieder eine Entziehungskur hinter mir, als ich diese Reise angetreten habe. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob mit dem Trinken für alle Zeiten Schluss ist. Ich habe dreimal mit dem Kokain aufgehört und nehme an, dass ich das Zeug nie wieder anfasse. Allerdings kann man da nie ganz sicher sein. Ich hab vor vier Monaten während des Entzugs vor Gericht meine Zahlungsunfähigkeit erklärt. Zur Zeit läuft gegen mich ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung, und die Chancen, dass
ich ins Gefängnis muss und mir die Zulassung als Anwalt entzogen wird, stehen fünfzig zu fünfzig. Von den beiden Scheidungen wissen Sie schon. Beide Frauen können mich nicht außtehen, und sie haben die Seelen meiner Kinder vergiftet. Ich habe mein Leben gründlich versaut.«
Bei dieser Selbstentblößung empfand er weder Erleichterung, noch schien er sich daran zu weiden.
Sie hörte sich all das an, ohne mit der Wimper zu zucken. »Sonst noch etwas?« fragte sie.
»Oh ja. Ich habe mindestens zweimal versucht, mir das Leben zu nehmen - jedenfalls kann ich mich an zwei Gelegenheiten erinnern. Einmal im vorigen August. Daraufhin hat man mich in die Entzugsklinik geschickt.
Dann vor ein paar Tagen in Corumba. Ich glaube, es war am Weihnachtstag.«
»In Corumba?«
»Ja. In meinem Hotelzimmer. Ich hab mich mit billigem Wodka fast zu Tode gesoffen.«
»Sie armer Mann.«
»Schön, ich bin krank. Ich habe das schon oft in Gegenwart von vielen Leuten gesagt, die mir helfen wollten.« »Haben Sie es je Gott gebeichtet?«
»Ich bin sicher, dass Er das weiß.«
»Natürlich weiß Er es. Aber Er hilft Ihnen erst, wenn Sie Ihn darum bitten. Er ist allmächtig, aber Sie müssen sich Ihm bußfertig im Gebet nähern.«
»Und was passiert dann?«
»Ihre Sünden werden vergeben. Er wird all Ihre Schuld auslöschen. Ihre Sucht wird von Ihnen genommen. Der Herr wird alles vergeben, was Sie getan haben, und Sie werden in den Kreis derer eintreten, die an Christus glauben.«
»Und was ist mit meinen Schulden beim IRS?«
»Die bleiben bestehen. Aber Sie werden die Kraft haben, damit umzugehen. Das Gebet vermag alle Widrigkeiten zu überwinden.«
Nate waren solche Ansprachen nicht fremd. Er hatte sich schon so oft den Höheren Kräften ausgeliefert, dass er die Predigten fast selbst hätte halten können. Geistliche, Therapeuten, Gurus und Psychiater jeglicher Art hatten ihm gut zugeredet. Er hatte sogar, als er einmal drei Jahre lang trocken gewesen war, als Berater der Anonymen Alkoholiker gearbeitet und anderen Alkoholikern im Keller einer alten Kirche in Alexandria den Zwölf-PunktePlan erläutert. Dann war er erneut abgestürzt.
Warum sollte sie nicht versuchen, ihn zu retten? War es nicht ihre Berufung, die Verlorenen zu bekehren?
»Ich weiß nicht, wie man betet«, sagte er.
Sie nahm seine Hand und drückte sie kräftig. »Schließen Sie die Augen, Nate, und sprechen Sie mir nach: Lieber Gott, vergib mir meine Schuld und hilf mir, dass ich denen vergebe, die an mir schuldig geworden sind.« Murmelnd sprach Nate ihr nach und drückte ihre Hand fester. Was sie sagte, klang so ähnlich wie das Vaterunser. »Gib mir die Kraft, Versuchungen und Süchte zu überwinden und die vor mir liegenden Prüfungen zu bestehen.« Murmelnd wiederholte er ihre Worte, doch das kleine Ritual verwirrte ihn. Für Rachel war es einfach zu beten, denn sie tat das ständig. Für ihn war es eine sonderbare Übung.
»Amen«, sagte sie. Sie öffneten die Augen, hielten einander aber weiter bei der Hand. Sie lauschten auf das Wasser, das mit leisem Murmeln über die Steine rieselte. Er hatte das sonderbare Gefühl, als werde seine Last von ihm genommen; seine Schultern waren weniger niedergedrückt, sein Kopf kam ihm klarer, seine Seele nicht mehr so beunruhigt vor. Doch war er so beladen, dass er nicht sicher war, welche seiner Lasten von ihm genommen waren und welche blieben.
Die wirkliche Welt machte ihm nach wie vor angst. Es war leicht, tief im Pantanal tapfer zu sein, wo es nur wenige Versuchungen gab, aber er wusste, was ihn zu Hause erwartete.
»Ihre Sünden sind Ihnen vergeben, Nate«, sagte sie.
»Welche? Es sind so viele.«
»Alle.«
»Das ist zu einfach. Mein Leben ist ein unüberschaubares Chaos.«
»Wir beten heute Abend wieder.«
»Bei mir gehört mehr dazu als bei den meisten anderen.«
»Vertrauen Sie mir. Und vertrauen Sie auf Gott. Er hat Schlimmeres gesehen.«
»Ihnen vertraue ich. Mit Gott hab ich so meine Probleme.«
Sie drückte seine Hand fester, und eine ganze Weile sahen sie schweigend auf das Wasser, das um sie herum strömte. Schließlich sagte sie: »Wir müssen gehen.« Aber sie rührten sich nicht.
»Ich habe über diese Beerdigung nachgedacht, über das kleine Mädchen«, sagte Nate.
»Was ist damit?«
»Werden wir ihren Leichnam sehen?«
»Ich denke schon. Man wird ihn kaum übersehen können.«
»Dann möchte ich lieber nicht hingehen. Ich kehre um und gehe mit Jevy ins Dorf zurück. Da warten wir dann.« »Sind Sie sicher, Nate? Wir könnten stundenlang miteinander reden.«
»Ich möchte kein totes Kind sehen.«
»Schön. Ich verstehe.«
Er half ihr auf die Füße, obwohl sie bestimmt keine Hilfe gebraucht hätte. Sie hielten sich bei den Händen, bis
sie nach ihren Stiefeln griff. Wie immer tauchte Lako aus dem Nichts auf, und schon bald waren die beiden in der Finsternis des Urwalds verschwunden.
Er fand Jevy unter einem Baum schlafend. Während sie den Rückweg antraten, achteten sie bei jedem Schritt auf Schlangen und erreichten nach einiger Zeit das Dorf.