18. OKTOBER, 13 UHR
Im Biologielabor im ersten Stock senkte der 23-jährige Peter Jansen die Metallzange ganz langsam in den Glaskäfig hinein. Plötzlich fixierte er die Kobra mit einem kurzen Stoß direkt hinter ihrer Haube. Die Schlange zischte wütend, während Jansen in den Käfig griff, sie fest hinter dem Kopf packte und diesen zum »Melkbehälter« hob. Er tränkte die Behältermembran mit Alkohol, durchstieß sie dann mit den Giftzähnen und schaute aufmerksam zu, wie die gelbliche Giftflüssigkeit in das Glas hinunterfloss.
Allerdings betrug die Ausbeute nur ein paar enttäuschende Milliliter. Jansen hätte für seine Studienzwecke eigentlich ein halbes Dutzend Kobras gebraucht, um die Mengen an Gift zu sammeln, die er für seine Untersuchungen benötigte. In diesem Labor war nur leider kein Platz für weitere Tiere. Es gab zwar eine Reptilienzuchtstation drüben in Allston, aber die Tiere dort waren ausgesprochen krankheitsanfällig. Außerdem wollte Peter seine Schlangen immer in der Nähe haben, damit er ihren Zustand ständig überwachen konnte.
Schlangengift wurde ganz leicht von Bakterien verseucht. Daher auch das Tränken der Membran mit Alkohol und das Eisbett, auf dem der Melkbehälter aufsaß. Peter erforschte die Bioaktivität ganz bestimmter Polypeptide im Kobragift. Diese Arbeiten waren Teil seines riesigen Forschungsinteresses, das unter anderem Schlangen, Frösche und Spinnen umfasste, die alle neuroaktive Giftstoffe herstellten. Seine Erfahrung mit diesen Reptilien hatte ihn zu einem »Entgiftungsspezialisten« gemacht, der gelegentlich sogar von großen Krankenhäusern gerufen wurde, um sie bei exotischen Schlangenbissen zu beraten. Was einige andere Forschungsstudenten in diesem Labor ziemlich neidisch machte. Zwischen ihnen herrschte große Konkurrenz, deshalb bekamen sie auch sofort mit, wenn jemand aus ihrer Gruppe das Interesse der Außenwelt erregte. Sie versuchten, Peter auszubremsen, indem sie klagten, es sei viel zu gefährlich, eine solche Kobra im Labor zu halten. Eigentlich dürfte sie gar nicht hier sein. Sie qualifizierten Peters Forschungen als »Arbeit mit fiesen, widerlichen Kriechtieren« ab.
Peter machte das nichts aus. Er hatte einen fröhlichen und ausgeglichenen Charakter. Er kam aus einer Akademikerfamilie, weswegen er die Lästereien auch nicht allzu ernst nahm. Seine Eltern lebten nicht mehr. Sie waren beim Absturz eines Kleinflugzeugs in den Bergen Nordkaliforniens ums Leben gekommen. Sein Vater war Geologieprofessor an der University of California in Davis gewesen, während seine Mutter in der medizinischen Fakultät in San Francisco gelehrt hatte. Sein älterer Bruder war Physiker, und seine jüngere Schwester studierte Medizin.
Peter hatte die Kobra gerade in das gläserne Terrarium zurückgelegt, als Rick Hutter herüberkam. Hutter war 24 Jahre alt und Ethnobotaniker. Seit einiger Zeit untersuchte er Analgetika, Schmerzmittel, die man in der Rinde von Urwaldbäumen fand. Wie gewöhnlich trug Rick ausgewaschene Jeans, ein Jeanshemd und schwere Stiefel. Er hatte einen gut getrimmten Bart und schaute ständig düster drein. »Mir fällt auf, dass du deine Handschuhe nicht angezogen hast«, sagte er zur Begrüßung.
»Stimmt«, sagte Peter. »Ich bin inzwischen im Umgang mit Schlangen recht geübt –«
»Bei meinen Feldstudien mussten wir immer Handschuhe tragen«, fiel ihm Rick Hutter ins Wort. Er ließ grundsätzlich keine Gelegenheit aus, die anderen in diesem Labor daran zu erinnern, dass er tatsächlich vor Ort Feldforschung betrieben hatte. Dabei klang er so, als habe er lange Jahre in den abgelegensten Winkeln des Amazonasgebiets verbracht. Tatsächlich hatte er jedoch nur vier Monate lang in einem Nationalpark in Costa Rica geforscht. »Ein Träger in unserem Team trug einmal keine Handschuhe und griff dann nach unten, um einen Stein zu entfernen. Bamm! Schon hatte eine Terciopelo ihre Giftzähne in ihn geschlagen, eine zwei Meter lange Lanzenotter. Sein Arm musste danach amputiert werden. Er hatte großes Glück, dass er überhaupt überlebte.«
»Mhm«, brummte Peter und hoffte, Rick würde wieder verschwinden. Eigentlich mochte er Rick ganz gern, aber der Junge hatte die unangenehme Angewohnheit, ständig alle anderen zu schulmeistern.
Wer Rick in diesem Labor jedoch von Herzen verabscheute, war Karen King, eine fortgeschrittene Forschungsstudentin. Karen, eine groß gewachsene junge Frau mit dunklen Haaren und eckigen Schultern, untersuchte Spinnengifte und die verschiedenen Spinnwebformen. Als sie hörte, wie Rick Peter über Schlangenbisse im Dschungel »aufklärte«, hielt sie es nicht länger aus. Von ihrem Arbeitstisch aus blaffte sie über die Schulter: »Rick, du hast damals in Costa Rica in einer Touristenlodge gewohnt. Erinnerst du dich?«
»Unsinn. Wir haben im Regenwald gezeltet –«
»Zwei ganze Nächte«, unterbrach ihn Karen, »bis die Moskitos euch in die Lodge zurückgetrieben haben.«
Rick funkelte Karen wütend an. Sein Gesicht lief rot an, und er öffnete gerade den Mund, um etwas zu sagen, unterließ es dann jedoch. Er hatte dem nämlich nichts zu entgegnen. Die Moskitos waren tatsächlich höllisch gewesen. Er hatte Angst gehabt, dass sie ihm Malaria oder Denguefieber übertragen würden, deshalb war er in die Lodge zurückgekehrt.
Anstatt sich mit Karen King zu streiten, wandte er sich jetzt wieder Peter zu: »Übrigens, ich habe läuten hören, dass dein Bruder heute vorbeikommt. Hat der nicht mit einem Start-up-Unternehmen ein Vermögen gemacht?«
»Soweit ich weiß.«
»Na ja, Geld ist nicht alles. Ich selbst würde niemals in der Privatwirtschaft arbeiten. Das ist eine intellektuelle Wüste. Die klügsten Köpfe bleiben an der Uni, dort müssen sie sich nicht prostituieren.«
Peter hatte keine Lust, mit Rick eine Diskussion zu beginnen, da dieser seine Meinungen stur zu verteidigen pflegte. Aber Erika Moll, eine erst vor Kurzem aus München hierhergekommene Entomologin, meinte jetzt: »Ich glaube nicht, dass man das so stehen lassen kann. Mir würde es zum Beispiel überhaupt nichts ausmachen, für ein Privatunternehmen zu arbeiten.«
Hutter hob entsetzt die Hände. »Seht ihr? Ich hab’s doch gesagt: Prostitution.«
Erika hatte bereits mit mehreren männlichen Angehörigen der Biologiefakultät geschlafen, und es schien ihr auch nichts auszumachen, wenn andere davon erfuhren. Jetzt zeigte sie ihm den Mittelfinger und rief: »Steck ihn dir hinten rein, Rick!«
»Ich sehe, dass du dich mit amerikanischen Obszönitäten bereits gut auskennst«, erwiderte Rick. »Neben manchem anderen.«
»Über diese anderen Dinge weißt du ganz bestimmt nichts«, blaffte sie zurück. »Und du wirst sie auch nie kennenlernen.« Sie wandte sich Peter zu. »Wie dem auch sei, ich kann an einem Job in der Privatwirtschaft nichts Falsches finden.«
»Was ist das überhaupt für ein Unternehmen, um das es hier geht?«, ließ sich jetzt eine sanfte Stimme vernehmen. Peter drehte sich um und sah Amar Singh, den Laborexperten für Pflanzenhormone. Amar war für sein entschieden praktisches Denken bekannt. »Ich meine, was stellt diese Firma her, was sie so ertragsstark macht? Das ist doch ein Biologieunternehmen. Dabei ist dein Bruder doch Physiker, oder? Wie geht denn das zusammen?«
In diesem Augenblick hörte Peter, wie Jenny Linn auf der gegenüberliegenden Seite des Labors ausrief: »Wow, seht euch das an!« Sie schaute durchs Fenster auf die Straße hinunter. Sie konnten das Donnergrollen von Hochleistungsmotoren hören. Jenny meinte dann noch: »Peter, schau mal. Ist das dein Bruder?«
Alle, die sich gerade im Labor aufhielten, stürzten ans Fenster.
Peter erkannte tatsächlich seinen Bruder. Eric strahlte wie ein kleines Kind und winkte zu ihnen hinauf. Er stand neben einem kanariengelben Ferrari-Cabriolet und hielt eine wunderschöne blonde Frau im Arm. Hinter ihnen stand ein zweiter Ferrari, dessen schwarze Karosserie in der Sonne glänzte. Jemand sagte: »Zwei Ferraris! Da unten steht eine halbe Million Dollar.« Das Dröhnen der Motoren wurde von den Forschungslaboratorien rechts und links der Divinity Avenue zurückgeworfen.
Aus dem schwarzen Ferrari stieg jetzt ein Mann aus. Er war eine äußerst gepflegte Erscheinung und trug sündhaft teure Designerkleidung. Trotzdem wirkte er lässig und locker.
»Das ist Vin Drake«, sagte Karen King, die aus dem Fenster auf ihn hinunterschaute.
»Wieso kennst du den?«, fragte Rick Hutter, der neben ihr stand.
»Wer kennt den nicht?«, antwortete Karen. »Vin Drake ist wahrscheinlich der erfolgreichste Investor von ganz Boston.«
»Wenn du mich fragst, ist das eine absolute Schande«, schimpfte Rick. »Diese Autos hätte man schon vor Jahren verbieten müssen.«
Aber keiner hörte ihm mehr zu. Sie waren bereits alle auf dem Weg zur Treppe, um auf die Straße hinunterzueilen. Rick fragte: »Was soll die Aufregung?«
»Hast du’s nicht mitbekommen?«, sagte Amar, als er an Rick vorbeistürmte. »Die sind hier, um Leute anzuwerben.«
»Anwerben? Wen wollen sie denn anwerben?«
»Jeden, der auf einem Forschungsfeld gute Arbeit leistet, an dem wir interessiert sind«, teilte Vin Drake den Studenten mit, die sich eng um ihn drängten. »Mikrobiologie, Entomologie, Ethnobotanik, Phytopathologie – kurz, alle, die die natürliche Welt auf der Mikro- oder Nanoebene erforschen. Diese Leute suchen wir, und wir stellen sie auch sofort ein. Bei uns benötigen Sie keine Promotion. So etwas interessiert uns nicht. Wenn Sie talentiert sind, können Sie bei uns Ihre Doktorarbeit schreiben. Aber Sie müssen nach Hawaii umziehen, denn dort befinden sich unsere Labore.«
Ein paar Schritte von Drake entfernt umarmte Peter seinen Bruder Eric und fragte ihn dann: »Stimmt das? Du stellst schon neue Leute ein?«
Die blonde Frau antwortete: »Ja, das stimmt.« Sie stellte sich als Alyson Bender, Finanzchefin des Unternehmens, vor. Peter fielen ihr ziemlich kühler Händedruck und ihre kurz angebundene Art auf. Sie trug ein beiges Geschäftskostüm und eine Halskette aus Naturperlen.
»Bis Ende des Jahres benötigen wir mindestens hundert erstklassige Wissenschaftler«, fuhr sie fort. »Die sind aber rar, obwohl wir ihnen die wahrscheinlich beste Forschungsumgebung der gesamten Wissenschaftsgeschichte bieten können.«
»Tatsächlich? Wie denn das?«, fragte Peter erstaunt. Das war eine ziemlich großspurige Behauptung.
»Doch, das stimmt wirklich«, bestätigte sein Bruder. »Vin wird’s euch später erklären.«
Peter schaute zum Auto seines Bruders hinüber. »Hättest du was dagegen …« Er konnte einfach nicht mehr an sich halten. »Könnte ich mich einmal kurz da reinsetzen? Nur für eine Minute?«
»Sicher, kein Problem.«
Peter schlüpfte hinter das Lenkrad und schloss die Tür. Der Schalensitz schmiegte sich seinen Konturen an, das Leder roch herb, die Instrumente und Armaturen waren groß und nüchtern. Das Lenkrad war klein, und auf ihm befanden sich ungewöhnliche rote Knöpfe. Im gelben Lack der Karosserie spiegelte sich das Sonnenlicht. Alles wirkte dermaßen luxuriös, dass er sich etwas unsicher fühlte. Dabei wusste er nicht einmal, ob er dieses Gefühl mochte oder nicht. Er rückte auf dem Sitz hin und her und spürte unter seinem Schenkel etwas Hartes. Er holte einen weißen Gegenstand hervor, der wie ein einzelnes Popcorn aussah. Er war auch so leicht wie ein Popcorn. Es handelte sich jedoch eindeutig um einen Stein. Er befürchtete, dass dessen raue Kanten das kostbare Leder beschädigen könnten, und steckte ihn deshalb in die Tasche, bevor er aus dem Cabrio ausstieg.
Ein Stück weiter blickte Rick Hutter mit finsterem Gesicht auf den schwarzen Ferrari, den Jenny Linn gerade bewunderte. »Du solltest eigentlich begreifen, Jenny«, sagte er schließlich, »dass dieses Auto so viele wertvolle Ressourcen verschwendet, dass man es als einen Angriff auf Mutter Erde betrachten könnte.«
»Wirklich?«, entgegnete Jenny. »Hat sie dir das erzählt?« Sie fuhr mit dem Finger über den Kotflügel. »Ich finde diesen Wagen wunderschön.«
In einem Raum im Untergeschoss, in dem nur eine Kaffeemaschine und ein paar billige Plastikmöbel standen, hatte sich Vin Drake an einem Resopaltisch niedergelassen. Links und rechts von ihm saßen die beiden Nanigen-Chefs Eric Jansen und Alyson Bender. Die Forschungsstudenten drängten sich in einer dichten Traube um sie, einige setzten sich auf die Tischplatte, andere lehnten sich an die Wand.
»Sie alle sind junge Wissenschaftler, die gerade erst am Anfang ihrer Karriere stehen«, begann Vin Drake seinen Vortrag. »Sie müssen sich deshalb immer vor Augen halten, wie es in Ihrem Arbeitsgebiet zugeht. Warum wird in der Wissenschaft so viel Wert auf das absolute Neuland gelegt? Warum möchte jeder genau dort tätig sein? Weil alle Preise und Auszeichnungen an die neuesten Forschungsfelder gehen. Als vor dreißig Jahren die Molekularbiologie noch ganz neu war, fanden zahlreiche wichtige Entdeckungen statt, die zu etlichen Nobelpreisen führten. Später waren die Erkenntnisse dort nicht mehr ganz so fundamental und weit weniger innovativ und bahnbrechend. Die Molekularbiologie war nicht mehr neu. Inzwischen waren die besten Leute zur Genetik oder Proteomik übergewechselt, oder sie arbeiteten auf ganz bestimmten Gebieten wie der Funktionsweise des Gehirns und des Bewusstseins oder der Zelldifferenzierung, wo es noch eine Menge ungelöste Fragen und Probleme gab. War das eine gute Strategie? Eigentlich nicht, denn diese Probleme sind immer noch ungelöst. Es genügt also offensichtlich nicht, dass das Forschungsfeld neu ist. Es muss auch neue Geräte geben. Galileis Teleskop führte zu einer neuen Sicht des gesamten Universums und Leeuwenhoeks Mikroskop zu einer neuen Sicht des Lebens. Und so ging es bis zu unserer eigenen Gegenwart immer weiter, in der die Radioteleskope die astronomischen Kenntnisse explodieren ließen. Unbemannte Raumsonden schrieben unsere Kenntnisse des Sonnensystems vollkommen um. Das Elektronenmikroskop änderte die Zellbiologie, und so weiter und so fort. Neue Werkzeuge und Gerätschaften führen zu bedeutenden Forschungsfortschritten. Als junge Forscher sollten Sie sich also fragen: Wer verfügt über diese neuen Werkzeuge?«
Kurze Zeit herrschte Schweigen. Schließlich sagte jemand: »Also schön: Wer verfügt denn über diese neuartigen Werkzeuge?«
»Wir«, antwortete Vin. »Nanigen MicroTechnologies. Unser Unternehmen verfügt über Werkzeuge, die die Grenzen der Forschung in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts bestimmen werden. Ich mache keine Witze, und ich übertreibe nicht. Ich erzähle Ihnen die nackte Wahrheit.«
»Das ist eine ziemlich gewagte Behauptung«, sagte Rick Hutter. Er lehnte mit verschränkten Armen an der Wand und hielt sich an einem Pappbecher voller Kaffee fest.
Vin Drake schaute ihn ganz ruhig an. »Wir machen diese großartigen Behauptungen nicht ohne Grund.«
»Was genau sind denn dann Ihre Werkzeuge?«, fragte Rick weiter.
»Das ist ein Geschäftsgeheimnis«, entgegnete Vin. »Wenn Sie es herausfinden wollen, müssen Sie eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen und nach Hawaii kommen, um sich das Ganze dort selbst anzuschauen. Wir zahlen Ihren Flug.«
»Und wann?«
»Wann immer Sie dazu bereit sind. Schon morgen, wenn Sie wollen.«
Vin Drake hatte es eilig. Er beendete seinen Kurzvortrag, und alle Anwesenden verließen das Untergeschoss und gingen auf die Divinity Avenue hinaus, wo die beiden Ferraris parkten. Die Luft an diesem Oktobernachmittag war bereits recht frisch, und das Laub der Bäume leuchtete in einem Farbspektrum von orange bis rostrot. In diesem Augenblick schien Hawaii eine Million Kilometer von Massachusetts entfernt zu sein.
Peter bemerkte, dass Eric nicht zuhörte. Er hatte den Arm um Alyson Bender gelegt und lächelte, aber seine Gedanken waren offensichtlich ganz woanders.
Peter sagte dann zu Alyson: »Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich meinen Bruder kurz entführe?« Er fasste Eric am Arm und ging mit ihm ein Stück die Straße hinunter.
Peter war fünf Jahre jünger als Eric. Er hatte seinen großen Bruder immer bewundert. Vor allem hatte er ihn um die Leichtigkeit beneidet, mit der Eric alles auf die Reihe zu bekommen schien, ob es sich nun um Mädchen, Sport oder sein Studium handelte. Eric musste sich niemals anstrengen, er schien nie zu schwitzen oder Angst zu haben. Ob es sich nun um ein Meisterschaftsspiel seiner Lacrosse-Mannschaft oder das Rigorosum im Rahmen seiner Promotion handelte, Eric schien immer zu wissen, wie man die Dinge am besten regelte. Er war immer voller Zuversicht und völlig locker.
»Alyson scheint nett zu sein«, sagte Peter. »Wie lange seid ihr schon zusammen?«
»Ein paar Monate«, antwortete Eric. »Ja, sie ist sehr nett.« Irgendwie klang das jedoch nicht sehr begeistert.
»Höre ich da ein ›Aber‹ heraus?«
Eric zuckte die Schultern. »Nein, nur die Zwänge der Realität. Alyson hat einen Master in Betriebswirtschaft. Tatsächlich ist sie die geborene Geschäftsfrau und kann ganz schön hart auftreten. Du weißt schon: Daddy wollte eigentlich einen Jungen …«
»Für einen Jungen ist sie allerdings ziemlich hübsch.«
»Ja, das ist sie.« Wieder war da dieser eigentümliche Ton.
Wo er nun schon dabei war, fragte Peter dann noch: »Und wie kommst du mit Vin aus?« Vincent Drake hatte einen leicht anrüchigen Ruf. Schon zweimal hatte man ihn anzuklagen versucht. Beide Male hatte er jedoch die Staatsanwaltschaft daran hindern können, wobei niemand genau wusste, wie er das geschafft hatte. Drake galt als knallhart, klug und skrupellos. Vor allem war er jedoch erfolgreich. Peter war wirklich überrascht gewesen, als Eric sich mit ihm zusammengetan hatte.
»Vin kann Geld auftreiben wie kein Zweiter«, sagte Eric. »Seine Vorträge sind brillant. Und er zieht immer die dicken Fische an Land, wie man so schön sagt.« Eric zuckte die Schultern. »Deshalb akzeptiere ich auch seine weniger schönen Seiten. Vin wird immer alles sagen, was nötig ist, um einen Handel abzuschließen. In letzter Zeit war er allerdings, wie soll ich es ausdrücken … etwas vorsichtiger. Eher präsidentiell.«
»Er ist also der Chef der Firma, Alyson ist die Finanzchefin, und du bist –?«
»Technischer Leiter«, erwiderte Eric.
»Ist das okay?«
»Das ist perfekt. Ich möchte über die Technik dieser Firma bestimmen.« Er lächelte. »Und einen Ferrari fahren …«
»Was soll das mit diesen Ferraris?«, fragte Peter. »Was macht ihr mit denen?«
»Wir werden mit ihnen die ganze Ostküste runterfahren«, antwortete Eric. »Unterwegs werden wir an den Biologielaboren aller wichtigen Universitäten haltmachen und diese kleine Show veranstalten, um geeignete Kandidaten für uns zu finden. Am Schluss werden wir die Autos dann in Baltimore abliefern.«
»Sie abliefern?«
»Wir haben sie gemietet«, lachte Eric. »Nur eine Masche, um Aufmerksamkeit zu erregen.«
Peter schaute zu der Menschenansammlung zurück, die sich inzwischen um die Cabrios gebildet hatte. »Sie wirkt offenbar.«
»Ja, so haben wir uns das auch vorgestellt.«
»Also wollt ihr wirklich neue Arbeitskräfte einstellen?«
»Ja, das wollen wir wirklich.« Erneut fiel Peter die mangelnde Begeisterung in der Stimme seines Bruders auf.
»Also wo liegt das Problem?«
»Es gibt keins.«
»Sag schon, Eric.«
»Wirklich, da ist nichts. Die Firma läuft, wir machen große Fortschritte, und unsere Technik ist atemberaubend. Wo sollte da das Problem liegen?«
Peter sagte nichts. Sie gingen eine Zeit lang schweigend nebeneinanderher. Eric steckte die Hände in die Taschen. »Es ist alles in Ordnung. Wirklich.«
»Okay.«
»Glaub’s mir endlich.«
»Ich glaub’s dir ja.« Als sie am Ende der Straße angekommen waren, drehten sie um und gingen zu der Gruppe zurück, die immer noch die Luxusautos bewunderte.
»So«, brach Eric plötzlich das Schweigen, »jetzt solltest du mir erzählen, mit welchem Mädchen aus deinem Labor du gerade ausgehst.«
»Ich? Mit keinem.«
»Mit welcher denn dann?«
»Im Moment mit niemand«, sagte Peter mit leicht resignierter Stimme. Eric hatte immer eine Menge Mädchen gehabt, aber Peters Liebesleben war von jeher äußerst wechselhaft und unbefriedigend gewesen. Da hatte es eine junge Anthropologin gegeben. Sie arbeitete ein Stück die Straße hinunter im Peabody-Museum. Das Ganze hatte jedoch aufgehört, als sie mit einem Gastprofessor aus London ein Verhältnis anfing.
»Dieses asiatische Mädchen da ist echt süß«, sagte Eric.
»Jenny? Ja, sie ist wirklich süß. Aber sie steht nicht auf Männer.«
»Zu schade.« Eric nickte. »Und diese Blonde?«
»Erika Moll«, sagte Peter. »Sie kommt aus München. Sie ist nicht an einer festen Bindung interessiert.«
»Trotzdem –«
»Vergiss es, Eric.«
»Aber wenn du –«
»Habe ich schon.«
»Okay. Wer ist diese große, dunkelhaarige Frau?«
»Das ist Karen King«, erwiderte Peter. »Eine Arachnologin. Sie erforscht Spinnwebformationen. Außerdem hat sie an dem Lehrbuch Lebendige Systeme mitgewirkt. Seitdem sorgt sie dafür, dass das ja keiner vergisst.«
»Ein bisschen eingebildet?«
»Nur ein wenig.«
»Sie sieht sehr durchtrainiert aus«, bemerkte Eric, der immer noch Karen King beobachtete.
»Sie ist ein Fitnessfreak. Kampfsport, Muckibude und so.«
Sie kamen zur Gruppe zurück. Alyson winkte Eric zu. »Kann’s losgehen, Schatz?«
Eric bejahte. Er umarmte Peter und schüttelte ihm die Hand.
»Wohin geht’s jetzt?«, fragte Peter.
»Nur die Straße hinunter. Wir haben einen Termin am MIT. Am Nachmittag geht’s dann zur Boston University, danach verlassen wir die Stadt.« Er klopfte Peter auf die Schulter. »Mach dich nicht so rar und komm mich mal besuchen.«
»Das werde ich«, sagte Peter.
»Und bring deine ganze Gruppe mit. Ich verspreche euch – euch allen –, dass ihr nicht enttäuscht sein werdet.«