Wenn jüngere Schwarzhüte von der Polizei gefasst werden, geben sie sich gern großspurig und aufsässig und pochen auf ihre Rechte als amerikanische Staatsbürger. Und manche brechen weinend zusammen. Nach Landsmans Erfahrung neigen besonders jene Männer zum Weinen, die lange Zeit mit einem Gefühl von Rechtschaffenheit und Sicherheit gelebt haben und dann erkennen müssen, dass der Abgrund die ganze Zeit direkt vor ihren Füßen gähnte. Es ist Teil seiner Aufgabe als Polizist, den hübschen Teppich zur Seite zu ziehen, der das tiefe, zerklüftete Loch im Boden verbirgt. Landsman fragt sich, ob das auf Saltiel Lapidus zutrifft. Tränen strömen ihm über die Wangen. Ein schimmernder Schleimfaden baumelt an seinem rechten Nasenloch.
»Mr. Lapidus ist ein wenig traurig«, sagt Berko. »Aber er will nicht sagen, warum.«
Landsman tastet in seiner Manteltasche nach einer Packung Papiertaschentücher und findet ein Tuch — Wunder über Wunder. Lapidus zögert, aber nimmt es dann und schnupft sich gefühlvoll die Nase.
»Ich schwöre Ihnen, Detective, ich kannte den Mann nicht«, sagt Lapidus. »Ich weiß nicht, wo er wohnte oder wer er war. Ich weiß gar nichts. Das schwöre ich bei meinem Leben. Wir haben ein paar Mal zusammen Schach gespielt. Er hat immer gewonnen.«
»Sie trauern also nur der Menschlichkeit wegen«, sagt Landsman und versucht, nicht ironisch zu klingen.
»Ganz genau«, sagt Lapidus, dann zerknüllt er das Tuch in seiner Faust und wirft die zerdrückte Blume in den Rinnstein.
»Wollen Sie uns mitnehmen?«, will Fishkin wissen. »Wenn ja, will ich einen Anwalt sprechen. Wenn nicht, müssen Sie uns gehen lassen.«
»Ein Anwalt der Schwarzhüte«, sagt Berko. Es ist eher ein Stöhnen oder ein an Landsman gerichtetes Flehen. »Wehe mir.«
»Dann verdrückt euch«, sagt Landsman.
Berko nickt ihnen zu. Die beiden Männer knirschen durch den schmutzigen Matsch der Gasse davon.
»So, nu, ich bin irritiert«, sagt Berko. »Ich muss zugeben, dass mich das hier langsam irritiert.«
Landsman nickt und kratzt an den Barthaaren am Kinn, als ziehe er logische Schlussfolgerungen, aber sein Herz und sein Kopf hängen noch an Schachpartien, verloren gegen Männer, die schon vor dreißig Jahren alt waren.
»Hast du den Alten da drin gesehen?«, fragt er. »Neben der Tür? Alter Litvak. Hängt seit Jahren im Einstein herum. Hat früher gegen meinen Vater gespielt. Gegen deinen auch.«
»Der Name sagt mir was.« Berko schaut sich zur stählernen Brandschutztür um, dem grandiosen Eingang des Einstein-Clubs. »Kriegsheld. Kuba.«
»Der Mann hat keine Stimme mehr, er muss alles aufschreiben. Ich habe ihn gefragt, wo ich ihn finden kann, falls ich noch mal mit ihm sprechen will, und er hat geschrieben, er würde nach Madagaskar gehen.«
»Das ist mal was Neues.«
»Habe ich auch gesagt.«
»Kannte er unseren Frank?«
»Nicht sehr gut, meinte er.«
»Niemand kannte unseren Frank«, sagt Berko. »Aber alle sind traurig, dass er tot ist.« Er knöpft den Mantel über seinem Bauch zu, stellt den Kragen auf und drückt den Hut tiefer in die Stirn. »Selbst du.«
»Fuck you«, sagt Landsman. »Der Jid bedeutet mir nichts.«
»Vielleicht war er Russe? Das könnte das Schachspielen erklären. Und das Verhalten von deinem Kumpel Vassily. Vielleicht steckt Lebed oder Moskowits hinter dem Mord.«
»Wenn er Russe wäre, gäbe es keinen Grund für die beiden Schwarzhüte, so viel Angst zu haben«, sagt Landsman. »Die beiden wissen nichts von Moskowits. Russische Schtarker, Auftragsmorde, das sagt dem durchschnittlichen Bobover nicht viel.«
Wieder zupft Landsman an seinem Kinn, dann überlegt er sich etwas. Er schaut hinauf zum dünnen Streifen strahlend grauen Himmels, der sich über die schmale Gasse hinter dem Hotel Einstein spannt. »Um wie viel Uhr geht wohl heute die Sonne unter?«
»Warum? Wollen wir in Harkavy rumstochern, Meyer? Ich glaube nicht, dass es Bina gefällt, wenn wir anfangen, die Schwarzhüte da unten gegen uns aufzubringen.«
»Glaubst du nicht, was?« Landsman grinst. Er holt seinen Parkschein aus der Tasche. »Dann halten wir uns besser von Harkavy fern.«
»Oh, oh. Du hast dieses Grinsen drauf.«
»Magst du das nicht?«
»Nein, ich habe nur festgestellt, dass darauf meistens eine Frage folgt, die du dir selbst beantwortest.«
»Wie wär’s hiermit: Was für ein Jid, Berko, sag mir das bitte, was für ein Jid sorgt dafür, dass ein knastgestählter russischer Psychopath sich fast in die Hose scheißt und der frömmste Schwarzhut von Sitka Tränen in den Augen hat?«
»Du willst, dass ich sage: ein Verbover«, sagt Berko.
Nach seinem Abschluss an der Polizeiakademie besetzte Berko seinen ersten Posten im 5. Bezirk, in Harkavy. Dort hatten sich die Verbover sowie die meisten anderen Schwarzhüte niedergelassen, nachdem 1948 der neunte Verbover Rebbe, Schwiegervater des gegenwärtigen Titelträgers, samt seinem kläglichen restlichen Hofstaat dorthin gezogen war. Es war der klassische Ghettoposten, auf dem man Menschen helfen und schützen muss, die einen selbst und die von einem repräsentierte Amtsgewalt verachten und verschmähen. Berkos Abordnung fand ein Ende, als der junge halbindianische Latke beim Schawuos-Massaker in Goldblatts Milchrestaurant eine Kugel in die Schulter bekam, fünf Zentimeter neben dem Herz.
»Ich weiß, dass du willst, dass ich das sage«, sagt Berko.
Und auf folgende Weise erklärte er Landsman einmal, was sich hinter der Bande mit dem geheiligten Namen »Chassidim von Verbov« verberge: Seinen Anfang habe alles in der Ukraine genommen, es seien Schwarzhüte gewesen wie alle anderen Schwarzhüte, sie verachteten den Dreck und das Trara der säkularen Welt innerhalb ihrer imaginären Ghettomauern aus Ritual und Glaube. Dann sei die Sekte im Feuer der Vernichtung zu einem harten, zähen Kern zusammengeschmolzen, schwärzer als jeder Hut. Was von dem neunten Verbover Rebbe übrig blieb, erstand mit elf Jüngern und nur der sechsten von acht Töchtern aus diesem Feuer auf. Der Rebbe stieg in die Luft empor wie ein verkohltes Blatt Papier und wurde auf diesen schmalen Streifen Land zwischen den Baranof-Bergen und dem Ende der Welt geweht. Und hier fand er einen Weg, die alte Distanziertheit der Schwarzhüte zu neuem Leben zu erwecken. Er führte ihre Logik an ihr logisches Ende, so wie es böse Genies in billigen Romanen tun. Er schuf ein kriminelles Imperium, das von dem sinnlosen Tohuwabohu hinter den theoretischen Mauern profitierte, von diesen so mangelhaften, korrupten Wesen, derart fern jeder Erlösungshoffnung, dass die Verbover sie nur aus einer kosmischen Höflichkeit heraus überhaupt als Menschen betrachten.
»Den Gedanken hatte ich natürlich auch schon«, gesteht Berko. »Habe ihn aber sofort wieder verdrängt.« Er schlägt seine großen Hände vors Gesicht und lässt sie kurz dort liegen, dann zieht er sie langsam nach unten, zerrt an seinen Wangen, sodass sie wie die Hängebacken einer Bulldogge bis über das Kinn reichen. »Wehe mir, Meyer, willst du wirklich, dass wir raus nach Verbov Island gehen?«
»Fuck, no«, sagt Landsman. »Ehrlich, Berko. Ich hasse das Viertel. Wenn wir schon auf eine Insel gehen müssen, dann wäre mir Madagaskar deutlich lieber.«
Da stehen sie in der Gasse hinter dem Einstein und wägen die zahlreichen Argumente für und die wenigen gegen das Vorhaben ab, sich mit den mächtigsten Figuren der Unterwelt nördlich des 55. Breitengrads anzulegen. Abwechselnd versuchen sie, Erklärungen für das wieselgleiche Verhalten der Patzer im Einstein vorzubringen.
»Wir gehen besser zu Itzik Zimbalist«, sagt Berko schließlich. »Bei allen anderen da draußen wäre es genauso sinnvoll, wie mit einem Hund zu sprechen. Und ein Hund hat mir heute schon das Herz gebrochen.«