25.

Tausend Gäste, manche von Orten so weit entfernt wie Miami Beach und Buenos Aires. Sieben Container vom Catering Service und ein Volvo-Laster voller Lebensmittel und Wein. Berge von Geschenken, Girlanden und Achtungsbezeigungen, die es mit den Baranof-Bergen aufnehmen können. Drei Tage fasten und beten. Die gesamte Musikantenfamilie der Klezmer, genug für ein halbes Symphonieorchester. Sämtliche Rudashevskys bis hin zum Urgroßvater, der halb betrunken mit einem alten Nagant-Revolver in die Luft schießt. In der Woche vor dem großen Tag eine Schlange von Menschen im Flur, die durch die Tür hinaus-, um die Ecke und zwei Querstraßen die Ringelblum Avenue hinunterreicht, und alle hoffen auf einen Segen des königlichen Bräutigams. Tagsüber und nachts ein Lärm im Haus, als wolle der Pöbel eine Revolution anzetteln.

Eine Stunde vor der Hochzeit waren noch alle da, warteten auf ihn, die Straße voller Hüte und nasser Regenschirme. Unwahrscheinlich, dass er sie so spät noch sah oder ihr Flehen und Wehklagen hörte. Aber man konnte nie wissen. Das Unberechenbare war schon immer Mendels Art gewesen.

Sie spähte durch die Vorhänge auf die Bittsteller, als das Mädchen hereinkam und sagte, Mendel sei fort und zwei Damen wollten mit ihr sprechen. Mrs. Shpilmans Schlafzimmer ging seitlich auf den Hof, doch konnte sie an den Nachbarhäusern vorbei bis zur Straße schauen: Hüte und Schirme, glänzend vor Regen. Juden, Schulter an Schulter, gemeinsam durchnässt in ihrer Sehnsucht, einen Blick auf Mendel zu erhaschen.

Hochzeitstag, Bestattungstag.

»Fort«, sagte sie. Sie wandte sich nicht vom Fenster ab. Sie empfand ein Gefühl von Sinnlosigkeit und Erfüllung, das man aus Träumen kennt. Die Frage war müßig, und doch war es das Einzige, was sie hervorbrachte. »Fort wohin?«

»Niemand weiß es, Missus. Niemand ihn gesehen seit gestern Abend.«

»Gestern Abend.«

»Heute Morgen.«

Am vergangenen Abend hatte Mrs. Shpilman ein Forschpiel für die Tochter des Shtrakenzer Rebbe organisiert. Sie war eine hervorragende Partie. Eine fähige, talentierte Braut, wunderschön und mit einer feurigen Ader, die Mendels Schwestern abging, aber die ihr Sohn an seiner Mutter bewunderte, wie sie wusste. Selbstredend war die Shtrakenzer Braut zwar perfekt, aber nicht angemessen; auch das wusste Mrs. Shpilman. Lange bevor das Hausmädchen kam und sagte, man könne Mendel nicht finden, er sei irgendwann im Lauf der Nacht verschwunden, hatte Mrs. Shpilman gewusst, dass auch noch so viel Talent, Schönheit und Feuer in einem Mädchen ihrem Sohn niemals angemessen wären. Aber irgendein Defizit gab es immer, nicht wahr? Zwischen der Vereinigung, die sich der Heilige Eine vorstellte — gelobt sei Er —, und der realen Situation unter der Chuppa. Zwischen Geboten und deren Einhaltung, zwischen Himmel und Erde, Mann und Weib, Zion und Jude. Dieses Defizit nennt man »die Welt«. Erst mit der Ankunft von Messias würde diese Bresche geschlossen werden, würden alle Trennungen, Unterscheidungen und Zwischenräume in sich zusammenfallen. Bis dahin vermochten — Seinem Namen sei Dank — nur Funken, helle Funken, diese Schlucht zu überspringen wie zwischen elektrischen Polen. Und der Mensch musste dankbar sein für ihr flüchtiges Licht.

So hatte sie es Mendel nahelegen wollen, falls er sie je um Rat fragen sollte, was seine Verlobung mit der Tochter des Shtrakenzer Rebbe anging.

»Ihr Mann sehr böse«, sagte das Mädchen, Betty, eine Filipina wie alle Hausmädchen.

»Was hat er gesagt?«

»Hat nichts gesagt, Missus. Deshalb ich weiß, dass er böse. Hat Leute geschickt, müssen überall suchen. Hat den Bürgermeister angerufen.«

Mrs. Shpilman wandte sich vom Fenster ab. Der Satz Sie mussten die Hochzeit absagen metastasierte in ihrem Magen. Betty sammelte Seidenpapierfetzen vom Perserteppich.

»Was für Damen?«, fragte Mrs. Shpilman. »Wer sind sie? Verbover?«

»Eine vielleicht. Andere nicht. Sagen nur, möchten mit Ihnen sprechen.«

»Wo sind sie?«

»Unten, in Ihr Büro. Eine Dame ganz in schwarze Sachen, Schleier vor Gesicht. Vielleicht ihr Mann gerade gestorben.«

Mrs. Shpilman konnte sich nicht mehr erinnern, wann die ersten hoffnungslosen Männer und Todkranken vorbeigekommen waren, um Mendel zu sehen. Wahrscheinlich kamen sie anfangs heimlich, zur Hintertür, ermutigt von Berichten des einen oder anderen Hausmädchens. Es gab eines, deren Unterleib in jungen Jahren durch eine verpfuschte Operation in Cebu unfruchtbar geworden war. Mendel nahm eine dieser Puppen, die er aus Filz und Wäscheklammern für seine Schwestern fertigte, steckte einen Segensspruch aus Kreide zwischen die hölzernen Schenkel und schob dem Mädchen die Klammer in die Tasche. Zehn Monate später gebar Remedios einen Sohn. Dann gab es Dov-Ber Gursky, den Chauffeur, der bei einem russischen Fingerbrecher mit zehntausend Dollar in der Kreide stand. Mendel schenkte Gursky eine Fünfdollarnote, unaufgefordert, und sagte, sie würde hoffentlich helfen. Zwei Tage später schrieb ein Anwalt aus St. Louis und teilte Gursky mit, er habe von einem Onkel, den er gar nicht kannte, eine halbe Million geerbt. Bei Mendels Bar-Mizwa waren die Kranken und Sterbenden, die Beraubten, die Eltern verdammter Kinder schon fast zu einer regelrechten Plage geworden. Zu jeder Tages- und Nachtzeit standen sie vor der Tür. Klagten und flehten. Sie hatte Maßnahmen ergriffen, Mendel zu schützen, hatte Sprechzeiten und Bedingungen festgesetzt. Aber der Junge hatte eine Gabe. Und es lag in der Natur einer Gabe, dass sie endlos gegeben werde.

»Ich kann sie jetzt nicht empfangen«, sagte Mrs. Shpilman und setzte sich auf ihr schmales Bett mit der weißen Tagesdecke aus Chenille und den Kopfkissen, die sie vor Mendels Geburt bestickt hatte. »Diese Damen da.« Wenn die Frauen Mendels nicht habhaft wurden, kamen sie manchmal zu ihr, zur Rebbetzin, dann segnete sie alle, so gut sie konnte, mit den wenigen Mitteln, die ihr für diese Aufgabe zur Verfügung standen. »Ich muss mich anziehen. In einer Stunde ist die Hochzeit, Betty. Eine Stunde! Die finden ihn schon.«

Seit Jahren, seit sie begriffen hatte, dass er war, was er war, rechnete sie damit, dass er Verrat an ihr üben würde. Welch beängstigendes Wort für eine Mutter, diese Andeutung von Zerbrechlichkeit, von Verwundbarkeit — und nichts schützte das Vögelchen außer seinen Federn. Und das Fliegen. Und die Flucht natürlich. Das hatte sie begriffen, lange bevor er selbst es erkannte. Hatte es aus der weichen Falte seines Babynackens gesogen. Hatte es wie eine Geheimbotschaft in seinen flaumbewachsenen Knubbelknien in der kurzen Hose gelesen. Ein Anflug von Mädchenhaftigkeit in der Art, wie er den Blick senkte, wenn er gelobt wurde. Und als er älter wurde, kam sie nicht umhin zu bemerken, wie unwohl er sich fühlte, wann immer ein Rudashevsky oder gewisse Cousins das Zimmer betraten, auch wenn er es noch so zu verbergen suchte, sein Feuer noch so mit Asche bedeckte.

Während der Ehestiftung, der Verlobungszeit und der Hochzeitsvorbereitungen hatte sie Mendele auf ein Zeichen von Besorgnis oder Unwillen belauert. Aber er blieb seiner Pflicht und ihren Plänen treu. Gelegentlich sarkastisch, das schon, sogar respektlos verspottete er seine Mutter für ihren unerschütterlichen Glauben, dass der Heilige Name, gelobt sei Er, wie ein altes Mütterchen die Zeit damit verbringe, Ehen zwischen den Seelen der noch Ungeborenen zu stiften. Einmal hatte Mendel sich einen Fetzen weißen Tülls geschnappt, den ihre Töchter im Salon vergessen hatten, hatte seinen Kopf damit bedeckt und in einer Stimme, die unheimlich an die seiner Verlobten erinnerte, eine Liste der körperlichen Unzulänglichkeiten Mendel Shpilmans vorgetragen. Alle hatten gelacht, doch im Herzen der Mutter flatterte ein Vögelchen der Furcht. Abgesehen von dem Zwischenfall schien er so zu bleiben, wie er gewesen war, unverbrüchlich in seiner Treue zu den sechshundertdreizehn Geboten, dem Studium von Thora und Talmud, zu seinen Eltern und den Gläubigen, deren Stern er war. Sicher würde Mendel auch jetzt gefunden werden.

Sie rollte ihre Strümpfe hoch, zog ihr Kleid an, rückte den Slip zurecht. Sie setzte ihre Perücke auf, die sie zum Preis von dreitausend Dollar eigens für die Hochzeit hatte anfertigen lassen. Es war ein Meisterwerk, aschblond mit roten und goldenen Reflexen, aufgetürmte Zöpfe, so wie sie ihr Haar als junge Frau getragen hatte. Erst als sie diese schimmernde Bonzenhaube auf ihren kurzgeschorenen Schädel gepflanzt hatte, überkam sie Panik.

Auf einem Holztischchen stand ein schwarzes Telefon ohne Wählscheibe. Wenn sie den Hörer hob, klingelte ein identischer Apparat im Büro ihres Gatten. In den zehn Jahren, die sie in diesem Haus wohnte, hatte sie das Telefon nur dreimal benutzt, einmal vor Schmerz und zweimal vor Wut. Über dem Apparat hing ein gerahmtes Foto, das ihren Großvater, den achten Rebbe, ihre Großmutter und ihre Mutter im Alter von fünf oder sechs Jahren gemeinsam unter einer papiernen Weide am Ufer eines aufgemalten Stroms zeigte. Schwarze Kleidung, die verträumte Wolke des großväterlichen Barts, und über allem die strahlende Asche der Zeit, die sich über die Toten auf alten Bildern legt. Es fehlte der Bruder ihrer Mutter, dessen Name eine Art Fluch war, so mächtig, dass er nicht ausgesprochen werden durfte. Ihr blieb seine Abtrünnigkeit, obwohl berüchtigt, stets verborgen. Sie wusste nur, dass sie mit einem in einer Schublade versteckten Buch namens Die geheimnisvolle Insel begonnen hatte und in dem Bericht gipfelte, man habe ihren Onkel auf einer Straße in Warschau gesehen, ohne Bart, aber mit einem Strohhut auf dem Kopf, skandalöser als jeder französische Roman.

Sie legte ihre Hand auf den Telefonhörer. Panik in den Organen, Panik in den Zähnen.

»Ich würde nicht drangehen, selbst wenn ich könnte«, sagte ihr Gatte direkt hinter ihr. »Wenn du schon den Sabbat brechen musst, dann soll es sich für die Sünde auch lohnen.«

Obgleich ihr Mann damals noch nicht so mondförmig war, wie er später wurde, war sein Anblick in ihrem Schlafzimmer Grund genug zum Wundern, so als gehe ein zweiter Mond am Himmel auf. Er musterte die mit Nadelspitze verzierten Stühle, den grünen Volant, die satinweiße Leere ihres Bettes, die Tiegelchen und Töpfchen. Sie sah, dass er mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen kämpfte. Doch die Miene, die er zustande brachte, war zugleich leidenschaftlich und abgestoßen. Sie erinnerte sie an das Lächeln, mit dem ihr Gatte einmal einen Botschafter von einem fernen Hof in Äthiopien oder aus dem Jemen empfangen hatte, einen schlehäugigen Rabbi in einem grellbunten Kaftan. Jener unmögliche schwarze Rabbi mit seiner fremdartigen Thora, diese Welt der Frauen: Es waren Launen Gottes, Windungen in Gottes Gedanken, dass es fast schon Ketzerei war, sie sich vorzustellen oder verstehen zu wollen.

Je länger ihr Gatte dort stand, desto weniger belustigt und umso verlorener schien er zu sein. Schließlich rührte sie das Mitleid. Er gehörte nicht hierher. Es war ein Maßstab für den sich ausbreitenden Makel von Verkehrtheit an diesem Tag, dass er auf seiner Mission so weit gezogen war — bis in ihr Reich von Troddelkissen und Rosenwasser.

»Setz dich«, sagte sie. »Bitte.«

Dankbar begann er, sich einem Stuhl gefährlich zu nähern.

»Man wird ihn finden«, sagte ihr Mann mit weicher, drohender Stimme.

Sein Anblick gefiel ihr nicht. Wohl wissend, dass er anderen oft ungepflegt erschien, war er doch ein Mann ordentlicher Gewohnheiten. Doch jetzt saßen seine Strümpfe schief, war sein Hemd falsch geknöpft. Seine Wangen waren vor Erschöpfung gesprenkelt, sein Schnurrbart stand ab, als habe er daran gezogen.

»Entschuldige, Liebling«, sagte sie. Sie öffnete die Tür zum Ankleideraum und ging hinein. Batsheva verachtete die dunklen Farben, die von den Verbover Frauen ihrer Generation bevorzugt wurden. Das Zimmer, in das sie sich zurückzog, war indigoblau, violett und lavendel ausgestattet. Sie setzte sich auf einen kleinen Toilettenstuhl mit einer fransigen Schürze. Sie streckte einen bestrumpften Zeh vor und gab der Tür einen Schubs, bis sie nur noch zwei Zentimeter offen stand. »Ich hoffe, es stört dich nicht. Es ist besser so.«

»Man wird ihn finden«, wiederholte ihr Mann nun sachlicher, versuchte nunmehr, seine Frau zu beruhigen, nicht sich selbst.

»Wäre besser für ihn«, sagte sie. »Damit ich ihn umbringen kann.«

»Beruhige dich.«

»Ich sage das ganz ruhig. Ist er betrunken? Wurde getrunken?«

»Er hat gefastet. Es ging ihm gut. Welch eine Lehre hat er uns gestern Abend noch erteilt, über Parschat Chajei Sarah. Es war elektrisierend. Jedes Herz hätte wieder angefangen zu schlagen. Aber als er fertig war, hatte er Tränen in den Augen. Er sagte, er brauche Luft. Seitdem hat ihn niemand mehr gesehen.«

»Ich bringe ihn um«, sagte sie.

Es kam keine Antwort aus dem Schlafzimmer, nur ein raspelndes Atmen, gleichmäßig, unbeirrbar. Sie bedauerte ihre Drohung. In ihrem Mund war sie rhetorisch, aber in seinem Kopf, dieser Bibliothek inmitten einer Beingrube, nahm sie die gefährliche Farbe aktiver Umsetzung an.

»Weißt du vielleicht zufällig, wo er ist?«, fragte ihr Mann nach einer Pause, und auch in der Leichtigkeit seines Tonfalls schwang Gefahr.

»Woher soll ich das wissen?«

»Er spricht mit dir. Er sucht dich auf, hier.«

»Nie.«

»Ich weiß es.«

»Woher willst du das wissen? Doch wohl nur, wenn du die Hausmädchen zu Spionen gemacht hast.«

Sein Schweigen bestätigte das Ausmaß von Korruption in ihrem Haushalt. Sie verspürte das glorreiche Gefühl des Entschlusses, ihr Ankleidezimmer nie mehr zu verlassen.

»Ich bin nicht hergekommen, um mich zu streiten oder dich zu rügen. Ganz im Gegenteil, ich hatte gehofft, dass ich vielleicht eine Tasse deiner sonst üblichen Ruhe und Vernunft bekäme. Aber da ich jetzt hier bin, fühle ich mich entgegen meines Urteils als Rabbi und als Mann, doch mit der vollen Überzeugung meines Selbstverständnisses als Vater gezwungen, dich zu tadeln.«

»Weshalb?«

»Für seine Verwirrung. Seine Unberechenbarkeit. Den Schatten auf seiner Seele. Das ist deine Schuld. So ein Sohn ist die Frucht des mütterlichen Baumes.«

»Geh zum Fenster«, befahl sie ihm. »Schau durch den Vorhang. Sieh dir diese armen Bittsteller und Narren und gebrochenen Jids an, die hergekommen sind, um einen Segen zu erhalten, den du, mit all deiner Macht und all deiner Gelehrtheit, niemals würdest spenden können, ehrlich nicht. Nicht dass diese Unfähigkeit dich bisher davon abhielt, ihn zu erteilen.«

»Ich kann auf andere Weise segnen.«

»Schau sie dir an!«

»Schau du sie an. Komm aus deinem Schrank und schau.«

»Ich habe sie gesehen«, brachte sie durch die Zähne hervor. »Und die haben alle einen Schatten auf der Seele.«

»Aber sie verbergen ihn. Aus Bescheidenheit und Demut und Gottesfurcht verhüllen sie ihn. Gott gebietet uns, in seiner Anwesenheit die Köpfe zu bedecken. Nicht barhäuptig herumzustehen.«

Sie hörte das Ächzen und Kratzen des Stuhlbeins und das Schlurfen seiner Pantoffeln. Sie hörte das morsche Gelenk seiner linken Hüfte krachen und einrasten. Er stöhnte vor Schmerz.

»Mehr verlange ich nicht von Mendel«, fuhr er fort. »Was ein Mann denken oder fühlen mag, ist nicht von Interesse, nicht von Bedeutung für mich oder Gott. Dem Wind ist es egal, ob die Fahne rot oder blau ist.«

»Oder rosa.«

Wieder folgte Schweigen. Diesmal war es irgendwie schwächer, als käme ihr Mann zu einer Schlussfolgerung oder erinnerte sich, wie es einst gewesen war, wenn ihn ein kleiner Scherz von ihr belustigte.

»Ich werde ihn finden«, sagte er. »Dann nehme ich ihn mir zur Brust und sage ihm, was ich denke. Erkläre ihm, dass hier Platz für ihn ist, solange er Gott gehorcht, seine Gebote befolgt und rechtschaffen ist. Dass ich ihm nicht als Erster den Rücken zuwenden werde. Dass es seine Entscheidung ist, uns zu verlassen.«

»Kann ein Mann ein Tzaddik ha-Dor sein, aber sich vor sich selbst und allen um sich herum verstecken?«

»Ein Tzaddik ha-Dor ist immer versteckt. Das gehört zum Wesen eines Tzaddik. Vielleicht sollte ich ihm das erklären. Ihm sagen, dass diese … diese Gefühle …, die er verspürt und gegen die er kämpft, auf gewisse Weise der Beweis für seine Eignung zum Regieren sind.«

»Vielleicht läuft er gar nicht vor der Hochzeit mit diesem Mädchen davon«, sagte sie. »Vielleicht ist es gar nicht das, was ihm Angst macht. Womit er nicht leben kann.« Der Satz, den sie gegenüber ihrem Mann nie ausgesprochen hatte, nahm seinen gewohnten Posten auf ihrer Zungenspitze ein. In den vergangenen vierzig Jahren hatte sie ihn verfasst und verfeinert und Elemente herausgestrichen, so wie ein Gefangener, dem Papier und Stift verwehrt sind, die Strophen eines Gedichts verfasst. »Vielleicht gibt es noch eine andere Selbsttäuschung, mit der zu leben er sich nicht anfreunden kann.«

»Er hat keine Wahl«, sagte ihr Mann. »Selbst wenn er in Unglauben gefallen ist. Selbst wenn er Heuchelei und Scheinheiligkeit riskiert, weil er hierbleibt. Ein Mann mit seinen Gaben, seinen Talenten darf nicht durch die Gegend ziehen und arbeiten und sein Schicksal da draußen, in der unreinen Welt, aufs Spiel setzen. Er wäre eine Gefahr für jeden. Insbesondere für sich selbst.«

»Das ist nicht die Selbsttäuschung, die ich meine. Ich meine die Art, in der … in der sich alle Verbover üben.«

Stille. Dann drohend, weder schwer noch leicht, das gewaltige Schweigen eines Luftschiffs vor der statischen Entladung.

»Mir ist keine andere Selbsttäuschung bewusst, die ihn betrifft.«

Sie ließ ihren Satz fallen; zu lange lief sie da schon durch die Luft, um längere Zeit nach unten sehen zu können.

»Dann müssen wir ihn also hier festhalten«, sagte sie. »Mit oder ohne sein Einverständnis.«

»Glaube mir, meine Liebe. Und versteh mich richtig. Die Alternative wäre weitaus schlimmer.«

Kurz wankte sie, dann stürzte sie aus ihrem Ankleidezimmer, um zu sehen, was in den Augen ihres Mannes war, als er, wie sie es damals verstand, das Leben seines eigenen Sohnes bedrohte für die Sünde, das zu sein, wozu Gott ihn gemacht hatte. Doch still wie ein Luftschiff war er davongeschwebt. Sie fand nur Betty vor, die zurückgekommen war, um erneut die Bitte der Besucher vorzutragen. Betty war ein gutes Dienstmädchen, aber sie hatte die Schwäche der Filipinos, sich unbändig an Skandalen zu ergötzen. Es fiel ihr schwer, ihre Wonne über die Botschaft zu verbergen, die sie nun überbrachte.

»Missus, eine Dame sagt, sie bringt Nachricht von Mendel«, sagte Betty. »Sagt, er kommt leider nicht nach Hause. Keine Hochzeit heute!«

»Er kommt nach Hause«, sagte Mrs. Shpilman und kämpfte gegen den Drang, Betty ins Gesicht zu schlagen. »Mendel würde nie …« Sie hielt inne, bevor sie die Worte ausgesprochen hatte: Mendel würde nie gehen, ohne sich zu verabschieden.

Die Frau, die eine Nachricht von ihrem Sohn überbrachte, war keine Verbover. Sie war eine moderne Jüdin, aus Respekt vor der Gegend bescheiden in einen langen, gemusterten Rock und einen schicken dunklen Mantel gekleidet. Zehn oder fünfzehn Jahre älter als Mrs. Shpilman. Eine schwarzäugige, schwarzhaarige Frau, die einmal sehr schön gewesen sein musste. Als Mrs. Shpilman eintrat, sprang sie vom Lehnstuhl am Fenster auf und gab ihren Namen mit Brukh an. Ihre Freundin war ein plumpes Ding, offenbar sehr fromm, vielleicht eine Satmarerin, in einem langen schwarzen Kleid, schwarzen Strümpfen und einem breitkrempigen, tief über den minderwertigen Schajtl gezogenen Hut. Die Strümpfe waren ausgeleiert, und die Strassschnalle an ihrem Hutband löste sich langsam, die Arme. Der Schleier war oben links auf eine Art hochgebauscht, die Mrs. Shpilman mitleiderregend fand. Beim Blick auf dieses hilflose Wesen vergaß sie für einen Moment die furchtbare Neuigkeit, die diese beiden Frauen in ihr Haus geführt hatte. Ein Segensspruch wallte mit solcher Macht und Dringlichkeit in ihr auf, dass sie ihn kaum zurückhalten konnte. Sie wollte die schäbige Frau in die Arme nehmen und sie so küssen, dass es haften blieb, dass ihre Traurigkeit vertrieben wurde. Sie fragte sich, ob es sich so anfühlte, Mendel zu sein.

»Was soll dieser Unfug?«, sagte sie. »Setzen Sie sich.«

»Es tut mir sehr leid, Mrs. Shpilman«, sagte die Brukh und nahm wieder Platz, hockte auf der Kante, als wolle sie zeigen, dass sie nicht zu bleiben beabsichtige.

»Haben Sie Mendel gesehen?«

»Ja.«

»Und wo ist er?«

»Bei einem Freund. Er wird nicht lange dort bleiben.«

»Er kommt natürlich zurück.«

»Nein. Nein, es tut mir leid, Mrs. Shpilman. Aber Sie werden Mendel nur durch diese Person erreichen können. Wann immer es nötig ist. Wohin er auch geht.«

»Was für eine Person, bitte? Wer ist dieser Freund?«

»Wenn ich Ihnen das sage, müssen Sie versprechen, dieses Wissen ganz für sich zu behalten. Sonst, sagt Mendel —« Sie warf ihrer Freundin einen Blick zu, als hoffe sie auf moralische Unterstützung, um die nächsten sieben Wörter herauszubekommen. » — werden Sie nie wieder von ihm hören.«

»Aber meine Liebe, ich will nie wieder von ihm hören«, sagte sie. »Es ist also ganz überflüssig, mir zu sagen, wo er ist, nicht wahr?«

»Ich denke nicht.«

»Nur dass ich Sie, wenn Sie mir nicht sagen, wo er ist, zur Garage der Rudashevskys bringen lasse, wo man Ihnen Informationen entlocken wird, wie man es dort gerne tut, und das ist kein Spaß.«

»Oh, ich habe keine Angst vor Ihnen«, sagte die Brukh mit einem erstaunlichen, angedeuteten Lächeln in der Stimme.

»Nein? Und warum nicht?«

»Weil Mendel mir gesagt hat, dass ich keine Angst zu haben brauche.«

Und sie spürte die Selbstsicherheit, vernahm deren Echo in der Stimme und Haltung dieser Brukh. Dieses Necken, diese Verspieltheit, die Mendel im Umgang mit seiner Mutter an den Tag legte, auch mit seinem ehrwürdigen Vater. Mrs. Shpilman hatte dieses Verhalten immer auf den Teufel in ihm geschoben, aber nun sah sie, dass es vielleicht nur ein Mittel zum Überleben war, ein Selbstschutz. Federn für das Vögelchen.

»Er hat gut reden: keine Angst haben. Läuft vor seiner Aufgabe und seiner Familie davon. Warum versucht er es nicht bei sich mit seinem Zauber? Können Sie mir das sagen? Warum bringt er seine armselige, feige Gestalt nicht hierher und erspart seiner Familie diese Schande und die Peinlichkeit, ganz zu schweigen von dem schönen, unschuldigen Mädchen?«

»Das würde er, wenn er könnte«, sagte die Brukh, und die Witwe neben ihr, die bisher geschwiegen hatte, seufzte auf. »Das glaube ich wirklich, Mrs. Shpilman.«

»Und warum kann er nicht? Verraten Sie mir das.«

»Das wissen Sie.«

»Ich weiß gar nichts.«

Aber sie wusste es. Und offenbar wussten es auch diese seltsamen Frauen, die gekommen waren, um sie weinen zu sehen. Mrs. Shpilman ließ sich auf das bestickte Kissen eines geweißten Louis-XIV-Stuhls fallen, ohne darauf zu achten, dass die Seide ihres Kleides durch das plötzliche Herabsinken Knitterfalten bekam. Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte. Wegen der Schande, der Demütigung. Wegen der Zerstörung von monatelangem, ach, jahrelangem Planen und Hoffen und Diskutieren, von endlosen Botschaften, die zwischen den Höfen von Verbov und Shtrakenz ausgetauscht worden waren. Doch am meisten, gesteht sie, weinte sie um sich selbst. Weil sie mit ihrer ihr eigenen Entschlossenheit bestimmt hatte, dass sie ihren einzigen Sohn, ihren geliebten, niederträchtigen Sohn, niemals wiedersehen würde. Was für eine selbstsüchtige Frau! Erst später brachte sie ein wenig Bedauern für die Welt auf, die nun nicht mehr von Mendel erlöst werden würde.

Nachdem sie ein oder zwei Minuten lang geweint hatte, erhob sich die altmodische Witwe von dem anderen Lehnstuhl und stellte sich neben Mrs. Shpilman.

»Bitte«, sagte sie mit schwerer Stimme und legte eine plumpe Hand auf Mrs. Shpilmans Arm, eine Hand, deren Fingerknöchel mit feinem goldenem Haar bedeckt waren. Es war schwer zu glauben, dass Mrs. Shpilman diese Hand vor nur zwanzig Jahren ganz in den Mund hatte stecken können.

»Du spielst mit mir«, sagte sie, sobald sie die Macht der Vernunft zurückgewonnen hatte. Im Fahrwasser des ersten Schocks, der ihr Herz aussetzen ließ, empfand sie ein sonderbares Gefühl der Erleichterung. Wenn Mendel aus neun Schichten bestand, so waren die ersten acht Schichten reine Güte. Eine viel größere Güte, als sie und ihr Gatte, harte Menschen, die in einer harten Welt überlebt und Erfolg gehabt hatten, ohne göttliche Fürsprache aus ihrem Fleisch erzeugt haben konnten. Aber die innerste Schicht, die neunte Schicht von Mendel Shpilman, war immer schon der Teufel gewesen, ein Schejgetz, der seiner Mutter gerne Herzinfarkte bescherte. »Du spielst mit mir!«

»Nein.«

Er lüpfte den Schleier und ließ sie seinen Schmerz, seine Unsicherheit sehen. Sie merkte, dass er fürchtete, einen großen Fehler zu begehen. Die Entschlossenheit, mit der er gewillt war, ihn zu machen, erkannte sie als ihre eigene.

»Nein, Mama«, sagte Mendel. »Ich wollte mich verabschieden.« Als er ihren Gesichtsausdruck sah, fügte er mit unsicherem Lächeln hinzu: »Und nein, ich bin kein Transvestit.«

»Wirklich nicht?«

»Nein!«

»Du siehst mir wie ein Transvestit aus.«

»Die berühmte Expertin.«

»Ich will, dass du das Haus verlässt.« Aber sie wollte nur, dass er blieb, versteckt auf ihrer Seite des Hauses, verkleidet in diese Lumpen, ihr Baby, ihr Prinzchen, ihr teuflischer Junge.

»Ich gehe.«

»Ich will dich nie wiedersehen. Ich will dich nicht anrufen, ich will nicht, dass du mich anrufst. Ich will nicht wissen, wo du bist.«

Sie müsste jetzt nur ihren Mann rufen, dann würde ihr Junge für immer bleiben. Irgendwie, auf irgendeine Weise, die nicht undenkbarer war als die ihrem bequemen Leben zugrunde liegenden Tatsachen, würde man ihn zum Bleiben zwingen.

»Gut, Mama«, sagte er.

»Nenn mich nicht so.«

»Gut, Mrs. Shpilman«, sagte er, und aus seinem Mund klang es liebevoll, vertraulich. Wieder begann sie zu weinen. »Nur damit du es weißt. Ich wohne bei einem Freund.«

Hatte er eine Geliebte? War es möglich, dass er ein zweites Leben im Geheimen geführt hatte?

»Einem ›Freund‹?«, sagte sie.

»Ein alter Freund. Er hilft mir nur. Mrs. Brukh hier hilft mir auch.«

»Mendel hat mir das Leben gerettet«, sagte Mrs. Brukh. »Vor sehr langer Zeit.«

»Na, toll«, sagte Mrs. Shpilman. »Er hat Ihnen also das Leben gerettet. Man sieht ja, was er davon hat.«

»Mrs. Shpilman«, sagte Mendel. Er nahm ihre Hände und drückte sie fest zwischen seine warmen Handteller. Seine Haut brannte zwei Grad wärmer als die anderer Menschen. Wenn man ihm die Temperatur maß, zeigte das Thermometer 38 Grad.

»Nimm deine Hände weg«, brachte sie heraus. »Sofort.«

Er küsste sie auf den Kopf, und selbst durch die Schicht fremden Haars schien der Abdruck seines Kusses haften zu bleiben. Dann ließ er ihre Hände los, senkte den Schleier und trampelte mit rutschenden Strümpfen aus dem Zimmer, und die Brukh eilte ihm nach.

Lange Zeit saß Mrs. Shpilman auf dem Louis-XIV-Stuhl, Stunden, Jahre. Eine Kälte erfüllte sie, ein eisiger Ekel vor der Schöpfung, vor Gott und seinem verkorksten Werk. Zuerst schien sich das Grauen, das sie verspürte, auf ihren Sohn und seine Sünde zu richten, dass er sich zu kapitulieren weigerte, doch dann wurde daraus ein Grauen vor sich selbst. Sie dachte an die Verbrechen und Verletzungen, die zu ihrem Vorteil begangen worden waren, und all das Böse war nur ein Tropfen Wasser in einem großen schwarzen Meer. Ein schrecklicher Ort, dieses Meer, dieser Golf zwischen Absicht und Tat, den die Menschen »Welt« nannten. Mendels Flucht war nicht die Weigerung zu kapitulieren; sie war eine Kapitulation. Der Tzaddik ha-Dor reichte seinen Rücktritt ein. Er konnte nicht das sein, was die Welt und die Juden mit ihrem Kummer und ihren Regenschirmen von ihm wollten, was seine Mutter und sein Vater von ihm wollten. Er konnte nicht einmal sein, was er selbst sein wollte. Sie hoffte — das betete sie, dort sitzend —, dass er eines Tages immerhin einen Weg finden würde zu sein, was er war.

Kaum war das Gebet ihrem Herzen entflogen, vermisste sie ihren Sohn. Sie sehnte sich nach ihrem Sohn. Sie machte sich bittere Vorwürfe, Mendel fortgeschickt zu haben, ohne in Erfahrung zu bringen, wo er sich aufhielt, wohin er gehen würde, wie sie ihn von Zeit zu Zeit sehen oder nur seine Stimme hören könne. Dann nahm sie die Hände auseinander, die er ein letztes Mal in den seinen gehalten hatte, und fand, zusammengerollt auf ihrem rechten Handteller, einen kleinen Faden.

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