45.

Vom Sommer 1986 bis zum Frühjahr 1988, als sie den Wünschen von Binas Eltern trotzten und zusammenzogen, schlich sich Landsman in das Haus der Gelbfishs, um mit Bina zu schlafen. Jede Nacht, außer wenn sie Streit hatten, und manchmal auch im dicksten Streit, kletterte Landsman die Regenrinne hinauf und purzelte durch Binas Zimmerfenster, um sich das schmale Bett mit ihr zu teilen.

An diesem Abend brauchte er länger, und es kostete ihn mehr Anstrengung, als seine Eitelkeit bereit ist zuzugeben. Auf halbem Weg, direkt über Mr. Oyshers Esszimmerfenster, rutschte Landsmans linker Slipper ab, sodass er gefährlich über der schwarzen Leere des Gelbfish’schen Hinterhofs baumelte. Die Sterne über ihm, der Große Bär und die Schlange, tauschten ihre Plätze mit dem Rhododendron und dem Wrack des nachbarlichen Sukkoh. Im Ringen riss sich Landsman das Hosenbein am Aluminiumhalter auf, sein ewiger Feind im Kampf um die Vorherrschaft über die Regenrinne. Das Vorspiel zwischen den Liebenden begann damit, dass Bina ein Taschentuch zusammenballte, um die blutende Wunde auf Landsmans Schienbein zu stillen. Dieses Schienbein mit den Flecken und Sprossen, mit dem sonderbaren Midlife-Flaum schwarzer Haare.

Da liegen sie nun, auf der Seite, ein Paar alternder Jids, zusammengeklebt wie die Blätter eines Albums. Binas Schulterblätter drücken gegen Landsmans Brust. Die Knubbel seiner Kniescheiben sind in ihre weichen, feuchten Kniekehlen eingepasst. Seine Lippen blasen sanft über die Teetasse ihres Ohres. Und ein Teil von Landsman, der sehr lange Symbol und Schauplatz seiner Einsamkeit war, hat Obdach gefunden in der ihm vorgesetzten Beamtin, mit der Landsman einmal zwölf Jahre verheiratet war. Obwohl, es muss gesagt werden, dass das Unterkommen in ihr heikel geworden ist. Ein ordentliches Niesen, und er könnte draußen sein.

»Die ganze Zeit«, sagt Bina. »Zwei Jahre.«

»Die ganze Zeit.«

»Nicht einmal.«

»Nichts.«

»Warst du nicht einsam?«

»Ziemlich.«

»Schwermütig?«

»Schwerstmütig. Aber nie traurig oder einsam genug, um mir einzureden, dass wahlloser Sex mit irgendeiner Jüdin meine Laune irgendwie heben würde.«

»Ehrlich gesagt, macht wahlloser Sex das Ganze nur noch schlimmer«, sagt sie.

»Du sprichst aus Erfahrung.«

»Ich habe mit ein, zwei Männern in Yakovy geschlafen. Falls du das wissen wolltest.«

»Komisch«, sagt Landsman nachdenklich. »Ich glaube, das wollte ich gar nicht wissen.«

»Zwei oder drei.«

»Ich brauche kein Protokoll.«

»So, nu«, sagt sie, »du hast einfach auf Handbetrieb umgestellt?«

»Mit einer Disziplin, die du bei einem so aufmüpfigen Jid wie mir vielleicht überraschend finden würdest.«

»Und was ist jetzt?«, sagt sie.

»Jetzt? Das ist Wahnsinn«, sagt er. »Von unbequem ganz zu schweigen. Außerdem glaube ich, mein Bein blutet noch.«

»Ich meinte«, sagt sie, »wie ist es jetzt? Fühlst du dich einsam?«

»Das soll wohl ein Witz sein, was? Eingequetscht in diesem Brotkasten!«

Er vergräbt die Nase im schweren, weichen Geraspel von Binas Haar und atmet tief ein. Rosinen, Essig, eine salzige Note vom Schweiß ihres Nackens.

»Wie riecht das?«

»Rot«, sagt er.

»Tut es nicht.«

»Es riecht nach Rumänien.«

»Du riechst wie ein Rumäne«, sagt sie. »Mit diesen schrecklich beharrten Beinen.«

»Ich bin ein alter Knacker geworden.«

»Ich auch.«

»Ich komm nicht mal mehr die Treppe hoch. Das Haar fällt mir aus.«

»Mein Arsch ist eine topographische Landkarte.«

Landsman überprüft diese Aussage mit den Fingern. Furchen und Senken, hier und dort ein erhobener Pickel. Er schlingt die Arme um Binas Taille und greift herum, um in jeder Hand eine Brust zu halten. Zuerst kann er keine Erinnerung an ihre ehemalige Größe oder Form hervorholen, um sie mit dem Jetzt zu vergleichen, und er gerät ein wenig in Panik. Dann kommt er zu dem Schluss, dass sie so sind, wie sie immer waren, sich genau von seiner Handfläche plus ausgestreckten Fingern umspannen lassen, geformt aus einem geheimnisvollen Gemisch von Schwerkraft und Schwung.

»Ich kletter die Regenrinne aber nicht wieder runter«, sagt er. »So viel ist sicher.«

»Ich habe dir gesagt, du kannst die Treppe nehmen. Das mit der Regenrinne war deine Idee.«

»Das war alles meine Idee«, sagt er. »War immer meine Idee.«

»Das ist nichts Neues für mich«, sagt sie.

Lange liegen sie da, ohne etwas zu sagen. Landsman spürt, wie sich die Haut neben ihm langsam mit dunklem Wein füllt. Einige Minuten später beginnt Bina zu schnarchen. Es besteht kein Zweifel, dass ihr Schnarchen sich in den letzten zwei Jahren nicht geändert hat. Es ist ein Summen über zwei Rohrblätter, ein Hummel-Continuo mongolischen Kehlgesangs, das die ruhige Erhabenheit eines atmenden Wals verbreitet. Langsam driftet Landsman ab, über Binas Bett und ihren flüsternden Atem. In ihren Armen, in ihrem Geruch auf dem Bettlaken, ein kräftiger, aber angenehmer Geruch nach neuen Lederhandschuhen, fühlt sich Landsman zum ersten Mal seit Jahren sicher. Schläfrig und zufrieden. Guck dir das an, Landsman, denkt er. Gegen diesen Geruch nach edlen Ziegenlederhandschuhen und diese Hand auf deinem Bauch hast du ein Leben in Schweigen getauscht.

Er setzt sich auf, hellwach, feige und voller Hass auf sich selbst, fühlt sich dieser edlen Ziegenleder-Frau in seinen Armen unwürdiger denn je. Ja, schon klar, das sieht Landsman ein, geh kacken ins Meer, dass er nicht die richtige, sondern die einzige Wahl getroffen hat. Ihm wird klar, dass Polizisten seit Anbeginn des Polizeiwesens aus der Notwendigkeit eine Tugend gemacht haben, die düsteren Taten der Jungs in der obersten Etage zu vertuschen. Ihm wird klar, dass die Jungs in der oberen Etage eine andere Möglichkeit finden würden, um ihn zum Schweigen zu bringen — aber dann zu ihren Bedingungen —, falls er versuchen würde, jemandem zu erzählen, was er weiß, zum Beispiel Dennis Brennan. Warum also rasselt sein Herz wie die Blechtasse eines Knastbruders an den Gittern seines Brustkorbs entlang? Warum kommt ihm Binas duftendes Bett auf einmal wie eine nasse Socke vor, wie eine hochkriechende Unterhose, wie ein Schurwollanzug an einem heißen Nachmittag? Man macht ein Geschäft, nimmt, was man kriegen kann, macht weiter. Kommt drüber hinweg. Da hat man also ferne Männer in einem sonnigen Land dazu gebracht, sich gegenseitig umzubringen, damit man ihnen ihr sonniges Land abluchsen und einzäunen kann, sobald diese Typen mal kurz nicht aufpassen. Da wurde also das Schicksal Sitkas besiegelt. Da läuft also der Mörder von Mendel Shpilman, wer auch immer es ist, frei herum. Ja, und?

Landsman steigt aus dem Bett. Unzufriedenheit ballt sich wie ein Kugelblitz um das Schachbrett in seiner Jackentasche. Er klappt es auseinander, betrachtet die achtundvierzig leeren Felder und meint, etwas in dem Zimmer übersehen zu haben. Nein, er hat nichts übersehen; aber wenn er etwas übersehen haben sollte, ist es jetzt weg. Nur dass er in dem Zimmer nichts übersehen hat. Aber er muss etwas übersehen haben.

Seine Gedanken sind eine Tätowiernadel, die den Spaten eines Asses schwarz färbt. Sie sind ein Tornado, der immer wieder über denselben verfluchten platten Wohnwagen hinwegzieht. Sie verdichten und verdunkeln sich, bis sie einen winzigen schwarzen Kreis beschreiben: um das Loch in Mendel Shpilmans Hinterkopf.

Er ruft sich die Kulisse in Erinnerung, so wie er sie an dem Abend vorfand, als Tenenboym an seine Tür klopfte. Die blasse, sommersprossige Rückenfläche. Die weiße Unterhose. Die gebrochene Maske der Augen, die vom Bett herabhängende rechte Hand, die über den Boden streichenden Finger. Das Schachbrett auf dem Nachttisch.

Landsman schiebt das Schachbrett auf Binas Nachttisch in das fahle Licht der Lampe aus gelbem Porzellan mit großen gelben Gänseblümchen auf grünem Schirm. Weiß blickt zur Wand. Schwarz — Shpilman, Landsman — blickt ins Zimmer.

Vielleicht ist es der zugleich vertraute und doch fremde Zusammenhang, das bemalte Bettgestell, die Gänseblümchenlampe, die Gänseblümchentapete, die Kommode, in deren oberster Schublade Bina ihr Diaphragma verwahrt.

Oder es ist der abklingende Endorphingehalt in Landsmans Blut. Denn als er auf das Schachbrett schaut, fühlt es sich zum ersten Mal in seinem Leben gut an, auf ein Schachbrett zu schauen. Es fühlt sich sogar angenehm an. Dazustehen und im Kopf die Figuren zu bewegen, scheint die tuschende Tätowiernadel in seinem Hirn zu verlangsamen oder wenigstens zu verschieben. Landsman konzentriert sich auf die Umwandlung bei b8. Was würde passieren, wenn man aus dem Bauern einen Läufer, einen Turm, eine Dame oder einen Springer macht?

Landsman greift nach einem Stuhl, um nun den Platz von Weiß einzunehmen, um eine freundschaftliche Partie gegen Shpilman zu beginnen. Am Schreibtisch in der Zimmerecke ist ein grün gestrichener Stuhl, der zum gänseblümchengrünen Bett passt. Er steht genau da, wo in Shpilmans Zimmer im Zamenhof der Klapptisch im Verhältnis zum Bett stehen würde. Landsman lässt sich auf den grünen Stuhl sinken, richtet die Augen auf das Brett.

Ein Springer, beschließt er. Und dann muss Schwarz den Bauern von d7 setzen — aber wohin? Landsman schickt sich an, diesen Zug auszuführen, nicht aufgrund irgendeiner hilflosen Hoffnung, er könne ihn zum Mörder führen, sondern weil er diese Partie auf einmal unbedingt weiterspielen muss. Und dann springt Landsman auf die Füße, als sei die Sitzfläche unter ihm elektrisch geladen. Mit einer Hand reißt er den grünen Stuhl in die Luft. Vier runde Vertiefungen im flachen weißen Teppich, schwach, aber erkennbar.

Er war immer davon ausgegangen, dass Shpilman, wie alle Portiers behaupteten, niemals Besuch gehabt hatte, dass sein hinterlassenes Spiel eine Art Solitärschach war, aus dem Gedächtnis nachgespielt oder aus dem Buch 300 Schachpartien, vielleicht eine Partie gegen sich selbst. Aber falls Shpilman Besuch hatte, zog dieser Gast möglicherweise einen Stuhl heran, um sich seinem Gegner gegenüber ans Brett zu setzen. Seinem Opfer gegenüber. Und der Stuhl dieses Phantompatzers hätte Vertiefungen im Teppich hinterlassen. Inzwischen wären sie zweifellos verblasst oder mit dem Staubsauger geglättet. Doch auf einem von Shpringers Fotos in den Kartons im Lager des Forensiklabors könnten die Abdrücke noch zu sehen sein.

Landsman steigt in seine Hose, knöpft sein Hemd zu, bindet die Krawatte um. Er nimmt seinen Mantel vom Türhaken und geht mit den Schuhen in der Hand ans Bett, um die Decke noch behaglicher über Bina zu ziehen. Als er sich bückt, um die Nachttischlampe auszuknipsen, fällt ihm eine rechteckige Pappe aus der Manteltasche. Es ist die Karte des Fitnessstudios mit ihrem noch zwei Monate gültigen Angebot lebenslanger Mitgliedschaft. Er mustert die glänzende Kartenseite mit dem verzauberten Juden. Vorher, nachher. Dick, dünn. Hier anfangen, da aufhören. Besonnen, glücklich. Chaos, Ordnung. Exil, Heimat. Vorher: eine akkurate Zeichnung in einem Buch, die schwarzen Quadrate des Bretts sorgfältig schraffiert und kommentiert wie eine Seite des Talmuds, nachher: ein übel mitgenommenes altes Schachbrett mit einem Inhalierstift von Wick auf b8.

Und da spürt Landsman es. Eine Hand auf seiner, zwei Grad wärmer als normal. Ein Beschleunigen, ein Flattern und Schlagen, wie eine Flagge in seinem Kopf. Vorher und nachher. Die Berührung von Mendel Shpilman, feucht, elektrisch, die einen sonderbaren Segen auf Landsman überträgt. Und dann nichts weiter als die kühle Luft in Bina Gelbfishs Kinderzimmer. Die blühende Vagina von O’Keeffe an der Wand. Der Stoffhund Shnapish im Regal neben Binas Armbanduhr und ihren Zigaretten. Und Bina, die sich im Bett aufsetzt, auf einen Ellenbogen stützt und ihn mit demselben Blick beobachtet, mit dem sie diese Kinder auf die unglückliche Pinguin-Piñata einschlagen sah.

»Du machst das immer noch mit dem Summen«, sagt sie. »Wenn du nachdenkst. Wie Oscar Peterson, nur ohne Klavier.«

»Scheiße«, sagt Landsman.

»Was ist, Meyer?«

»Bina!« Das ist Guryeh Gelbfish, das alte pfeifende Murmeltier, auf der anderen Seite des Korridors. Unvermittelt fährt Landsman ein uralter Schreck in die Glieder. »Wer ist da bei dir?«

»Niemand, Pa, geh schlafen!« Dann sagt sie wieder in leisem Flüstern: »Meyer, was ist?«

Landsman setzt sich auf die Bettkante. Vorher, nachher. Die Erregung der Erkenntnis; dann die bodenlose Reue der Erkenntnis.

»Ich weiß jetzt, mit was für einer Waffe Mendel Shpilman erschossen wurde«, sagt er.

»Gut«, sagt Bina.

»Das war keine Schachpartie«, sagt Landsman nach einer Weile. »Da auf dem Brett in Shpilmans Zimmer. Es war ein Problem. Jetzt ist es mir sonnenklar, ich hätte es sofort sehen müssen, die Aufstellung war so abstrus. Shpilman hatte an dem Abend Besuch, und er hat seinem Gast ein Problem präsentiert. Ein kompliziertes.« Landsman stellt die Figuren des Taschenschachspiels auf, ergreift sie selbstsicher, mit ruhiger Hand. »Weiß ist kurz davor, den Bauern umzuwandeln, hier. Weiß will ihn in einen Springer verwandeln. Das nennt sich Unterverwandlung, weil man ihn eigentlich zu einer Dame verwandeln würde. Mit einem Springer glaubt Weiß, drei verschiedene Möglichkeiten zum Matt zu haben. Aber Weiß irrt sich, weil Schwarz — das war Mendel — dadurch die Möglichkeit bekommt, das Spiel in die Länge zu ziehen. Wenn du Weiß bist, musst du ignorieren, was offensichtlich ist. Nur einen nichtssagenden kleinen Zug mit dem Läufer hier auf C2 machen. Zuerst merkst du es nicht mal. Aber wenn du das gemacht hast, führt jeder Zug von Schwarz direkt zum Matt. Sobald Schwarz sich bewegt, erledigt es sich selbst. Es gibt keinen guten Zug mehr für Schwarz.«

»Keinen guten Zug«, sagt Bina.

»Das nennt man Zugzwang«, sagt Landsman. »Es bedeutet, dass es für Schwarz jetzt am besten wäre, einfach auszusetzen.«

»Aber aussetzen darf man beim Schach nicht, oder? Man muss etwas machen, nicht?«

»Ja«, sagt Landsman. »Selbst wenn man weiß, dass es zum eigenen Schachmatt führt.«

Landsman merkt, dass seine Erklärung langsam bei ihr ankommt, nicht als Beweis oder Beleg oder Darlegung eines Schachproblems, sondern als Teil der Geschichte eines Verbrechens. Ein Verbrechen, das gegen einen Mann verübt wurde, der feststellen musste, dass er keinen guten Zug mehr hatte.

»Wie hast du das gemacht?«, fragt sie und kann ein leichtes Staunen über den Beweis seiner geistigen Fitness nicht unterdrücken. »Wie bist du auf diese Lösung gekommen?«

»Ich habe sie gesehen«, sagt Landsman. »Aber zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, was ich vor mir hatte. Es war ein Nachherbild — eigentlich das falsche Bild — zu dem Vorherbild in Shpilmans Zimmer. Ein Brett, auf dem Weiß drei Läufer hat. Nur gibt es kein Schachspiel mit drei weißen Läufern. Deshalb muss man manchmal etwas anderes nehmen, das die nicht vorhandene Figur ersetzt.«

»Zum Beispiel einen Penny? Oder eine Patrone?«

»Jeder kleine Gegenstand, den ein Mann in die Tasche stecken könnte«, sagt Landsman. »Zum Beispiel einen Inhalierstift von Wick.«

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