16.

Rabbi Heskel Shpilman ist ein deformierter Berg, ein riesiges, auseinandergelaufenes Dessert, ein Comichaus mit geschlossenen Fenstern, in dem der Wasserhahn aufgedreht wurde. Ein kleines Kind hat ihn zusammengeklebt, nein, eine ganze Kinderbande, blinde Waisenkinder, die noch nie einen Menschen gesehen haben. Sie haben den Teig für seine Arme und Beine an den Teigklumpen des Rumpfes gepappt und dann den Kopf obendrauf gedrückt. Ein Millionär könnte seinen Rolls-Royce mit dem edlen schwarzen Samt- und Seidenstoff von des Rebbes Gehrock und Hose auskleiden. Es würde den Hirnschmalz der achtzehn größten Weisen der Geschichte fordern, um die Argumente für und wider die Einordnung seines gewaltigen Hinterns als Wesen aus der Tiefe, als menschengeschaffenes Gebilde oder als einen unvermeidlichen Akt Gottes zu disputieren. Ob er aufsteht oder sich hinsetzt, es macht keinen Unterschied für das, was man vor sich hat.

»Ich schlage vor, dass wir auf Höflichkeiten verzichten«, sagt der Rebbe.

Seine Stimme ist hoch, drollig, die Stimme des wohlproportionierten Gelehrten, der er einmal gewesen sein muss. Landsman hat gehört, er leide an einer Drüsenstörung. Er hat gehört, dass der Verbover Rebbe sich trotz seiner Körpermasse wie ein Märtyrer ernährt — Brühe, Rüben und eine tägliche Brotkruste. Doch Landsman stellt sich lieber vor, dass die Gase von Gewalt und Korruption diesen Mann so aufgebläht haben. Dass sein Bauch voller Knochen und Schuhe und Menschenherzen ist, halb verdaut in der Säure seiner Gesetze. »Nehmen Sie Platz und sagen Sie das, was zu sagen Sie gekommen sind.«

»Das können wir tun, Rebbe«, sagt Berko.

Jeder von ihnen nimmt einen Stuhl vor dem Schreibtisch des Rebbes in Beschlag. Das Büro ist k. u. k. Monarchie in Reinkultur. An den Wänden stehen Kolosse aus Mahagoni, Ebenholz und Vogelaugenahorn, reich verziert wie Kathedralen. In der Ecke neben der Tür erhebt sich die berühmte Verbover Uhr, eine Überlebende der alten ukrainischen Heimat. Erbeutet beim Fall Russlands und nach Deutschland zurücktransportiert, überstand sie 1946 den Abwurf der Atombombe auf Berlin und alle Irrungen der darauf folgenden Zeit. Sie läuft gegen den Uhrzeigersinn und ist verkehrt herum mit den ersten zwölf Buchstaben des hebräischen Alphabets beschriftet. Ihre Rettung stellte einen Wendepunkt im Schicksal des Verbover Hofs dar und markierte den Beginn von Heskel Shpilmans Aufstieg. Baronshteyn nimmt eine Position rechts hinter dem Rebbe ein, an einem Pult, wo er mit einem Auge die Straße im Blick behält, mit dem anderen jedwedes Buch, das nach Präzedenzfällen und Rechtfertigungen durchsucht werden muss, und mit dem dritten, einem lidlosen inneren Auge, den Mann, der den Mittelpunkt seiner Existenz darstellt.

Landsman räuspert sich. Er ist der Ranghöhere, dies ist seine Aufgabe. Verstohlen blickt er erneut zur Verbover Standuhr hinüber. Es bleiben noch sieben Minuten in diesem jämmerlichen Abklatsch einer Woche.

»Bevor Sie anfangen, meine Herren«, sagt Aryeh Baronshteyn. »Ich möchte nur fürs Protokoll festhalten, dass ich in meiner Funktion als Anwalt von Rabbi Shpilman anwesend bin. Rebbe, wenn Sie irgendwelche Zweifel hegen, ob Sie eine bestimmte Frage der Detectives beantworten sollen, sehen Sie bitte von einer Antwort ab und erlauben Sie mir, die beiden zu bitten, die Frage zu klären oder umzuformulieren.«

»Das hier ist kein Verhör, Rabbi Baronshteyn«, sagt Berko.

»Du bist hier willkommen, mehr als willkommen, Aryeh«, sagt der Rebbe. »Und ich bestehe auf deiner Anwesenheit. Aber als mein Gabbai und mein Schwiegersohn. Nicht als mein Anwalt. Für das hier brauche ich keinen Anwalt.«

»Wenn Sie gestatten, lieber Rebbe. Diese Männer sind von der Mordkommission. Sie sind der Verbover Rebbe. Wenn Sie keinen Anwalt brauchen, dann braucht ihn niemand. Und glauben Sie mir, jeder braucht einen Anwalt.« Baronshteyn zieht einen Block gelber Blätter aus dem Innern des Pults, in dem er zweifelsohne seine Phiolen mit Curare und Halsketten mit abgetrennten Menschenohren aufbewahrt. Er schraubt die Kappe eines Füllers ab. »Ich mache mir zumindest Notizen. Auf« — trockener Scherz -»einem Schreibblock vom Gericht.«

Der Verbover Rebbe betrachtet Landsman aus dem tiefen Innern seiner fleischigen Redoute. Er hat helle Augen, ein unbestimmter Farbton zwischen Grün und Gold. Ganz anders als die dunklen Kiesel, die die Trauernden auf Baronshteyns Grabsteinfratze abgelegt haben. Väterliche Augen, die leiden und vergeben und spötteln. Sie wissen, was Landsman verloren, was er verspielt hat, was ihm durch Zweifel, Ungläubigkeit und die erstrebte Härte durch die Finger geglitten ist. Sie verstehen den wütenden Taumel, der die Flugbahn von Landsmans guten Absichten verfälscht. Sie begreifen Landsmans Liebesbeziehung zur Gewalt, seine wilde Bereitschaft, den eigenen Körper nach draußen auf die Straße zu stellen, um zu brechen und gebrochen zu werden. Bis zu dieser Minute verstand Landsman nicht, womit er und jeder Nos im Distrikt, die russischen Schtarker und Westentaschen-Mafiosi, das FBI, die Steuerbehörde und das Justizministerium zu tun hatten. Nie verstand er, warum die anderen Sekten die Gegenwart dieser frommen Verbrecher in ihrer Mitte tolerieren und sich ihnen sogar beugen konnten. Mit diesen Augen kann man Menschen lenken. Man kann sie an den Rand jedes beliebigen Abgrunds führen.

»Sagen Sie mir, warum Sie hier sind, Detective Landsman«, sagt der Rebbe.

Durch die Tür des Vorzimmers dringt das gedämpfte Klingeln eines Telefons. Auf dem Schreibtisch des Rebbes steht kein Apparat, es ist auch keiner in Sicht. Mit einer halben Augenbraue und einem unbedeutenden Augenmuskel bringt der Rebbe die Großtat zustande, Baronshteyn ein Signal zu geben, der daraufhin den Stift niederlegt. Während er den schwarzen Sendbrief seines Körpers durch den Schlitz der Bürotür schiebt, wird das Schrillen kurz lauter und schwillt dann wieder ab. Wenig später hört Landsman Baronshteyn am Telefon sprechen. Seine Worte sind undeutlich, der Tonfall knapp, vielleicht sogar schroff.

Der Rebbe ertappt Landsman bei seinem Lauschversuch und zwingt seine Augenbrauen zu noch mühsameren Bewegungen.

»Also«, sagt Landsman. »Es geht um Folgendes: Zufälligerweise, Rabbi Shpilman, wohne ich im Zamenhof. Das ist ein Hotel, kein besonders gutes, unten auf der Max Nordau Street. Gestern Abend klopfte der Nachtportier bei mir an und fragte, ob ich wohl einmal mit nach unten kommen könne, um mir einen anderen Hotelgast anzusehen. Er machte sich Sorgen um diesen Gast. Er hatte Angst, der Jude könne sich eine Überdosis gespritzt haben. Deshalb verschaffte er sich Zugang zu dessen Zimmer. Tatsächlich stellte sich heraus, dass der Mann tot war. Er war unter falschem Namen angemeldet. Er hatte keinen Ausweis bei sich. Aber im Zimmer fanden sich ein paar Hinweise auf dies und das. Und heute verfolgten mein Kollege und ich einen dieser Hinweise, und er führte uns hierher. Zu Ihnen. Wir glauben nämlich, nein, wir sind uns so gut wie sicher, dass der Tote Ihr Sohn ist.«

Gerade als Landsman die Nachricht verkündet, kommt Baronshteyn zurück ins Zimmer geschlichen. Vom Objektiv seines Gesichts wurden wie mit einem weichen Tuch alle gefühlsbelasteten Abdrücke und Schmierflecken gewischt.

»So gut wie sicher«, sagt der Rebbe ein wenig stumpf, und nichts bewegt sich in seinem Gesicht außer dem Licht in seinen Augen. »Ich verstehe. So gut wie sicher. Hinweise auf dies und das.«

»Wir haben ein Foto«, sagt Landsman. Abermals holt er wie ein zorniger Zauberer Shpringers Polaroid des toten Juden aus 208 hervor. Er will es dem Rebbe hinüberreichen, doch dann lässt Rücksicht, ein unerwartetes Zittern von Mitleid, seine Hand innehalten.

»Vielleicht wäre es am besten«, sagt Baronshteyn, »wenn ich …«

»Nein«, sagt der Rebbe.

Er nimmt das Foto von Landsman entgegen und hält es sich mit beiden Händen sehr nah vors Gesicht, bis kurz vor den rechten Augapfel. Er ist lediglich kurzsichtig, aber etwas an dieser Geste ist vampirisch, so als versuche er, mit dem Fischmund seines Auges den Lebenssaft aus dem Foto zu saugen. Er ermisst es von oben bis unten und von einer Seite zur anderen. Sein Gesichtsausdruck bleibt unverändert. Dann lässt er das Bild in den Wirrwarr auf seinem Schreibtisch sinken und schnalzt mit der Zunge, einmal. Baronshteyn tritt vor, um ebenfalls einen Blick auf die Aufnahme zu werfen, aber der Rebbe winkt ihn mit den Worten fort: »Er ist es.«

Landsman beobachtet Baronshteyn, seine Instrumente sind auf höchste Empfindlichkeit gestellt, größte Blende, darauf ausgerichtet, auch noch die schwächste Strahlung von Bedauern oder Genugtuung zu erhaschen, die den einzigartigen Regungen auf dem Grunde von Baronshteyns Augen entfliehen mag. Und da ist es: Sie werden von einem kurzen Leuchtspurbogen von Partikeln erhellt. Doch was Landsman in dem Moment wahrnimmt, ist, zu seiner Überraschung, nur Enttäuschung. Kurz gleicht Aryeh Baronshteyn einem Mann, der sein Blatt nutzloser Karos betrachtet, weil er gerade ein Pikass gezogen hat. Er atmet kurz aus, ein halber Seufzer, und geht langsam zurück an sein Pult.

»Erschossen«, sagt der Rebbe.

»Ein Schuss«, sagt Landsman.

»Von wem, bitte?«

»Nu, das wissen wir nicht.«

»Zeugen?«

»Bisher nicht.«

»Motiv?«

Landsman verneint und wendet sich um Bestätigung an Berko, auch der schüttelt trübe den Kopf.

»Erschossen.« Der Rebbe schüttelt ebenfalls den Kopf, als staune er: Was soll man dazu sagen* Dann sagt er ohne erkennbare Änderung seiner Stimme oder seines Verhaltens: »Geht es Ihnen gut, Detective Shemets?«

»Ich kann nicht klagen, Rabbi Shpilman.«

»Frau und Kinder? Gesund und munter?«

»Könnte schlimmer sein.«

»Zwei Söhne, meine ich, einer noch ein Säugling.«

»Stimmt, wie immer.«

Die massigen Wangen beben billigend oder befriedigt. Der Rebbe murmelt einen traditionellen Segen für Berkos kleine Jungen. Dann treibt sein Blick in Landsmans Richtung, und als er ihn anschaut, durchfährt Landsman eine stechende Panik. Der Rebbe weiß alles. Er weiß von dem Mosaikchromosom und dem Jungen, den Landsman opferte, um seine mühsam erworbenen Illusionen über den Hang des Lebens, alles falsch zu machen, aufrechtzuerhalten. Und jetzt wird der Rebbe auch einen Segen für Django sprechen. Aber der Rebbe sagt nichts, und die Rädchen in der Verbover Uhr drehen sich weiter. Berko wirft einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr; Zeit zu gehen, nach Hause zu Kerzen und Wein. Zu seinen gesegneten Jungs, die schlimmer sein könnten. Zu Ester-Malke mit dem Brotzopf eines dritten Kindes im Leib. Berko und Landsman haben keinen Dispens, nach Sonnenuntergang hierbleiben zu dürfen, in einem Fall zu ermitteln, den es offiziell gar nicht mehr gibt. Kein Leben steht auf dem Spiel. Es gibt nichts zu tun, niemanden zu retten, weder die Jids im Zimmer noch den Jid, das arme Ding, der sie hergeführt hat.

»Rabbi Shpilman?«

»Ja, Detective Landsman?«

»Geht es Ihnen gut?«

»Sehe ich denn so aus, als ginge es mir gut, Detective Landsman?«

»Ich hatte erst jetzt die Ehre, Sie kennenzulernen«, sagt Landsman vorsichtig, mehr aus Rücksicht auf Berkos Feingefühl denn auf das des Rabbis oder seines Amtes. »Aber um ehrlich zu sein, sehen Sie ganz in Ordnung aus.«

»Auf verdächtige Art und Weise? Belastet mich das irgendwie?«

»Bitte, Rebbe, keine Scherze«, sagt Baronshteyn.

»Was das angeht«, sagt Landsman zum Rebbe, sein Sprachrohr ignorierend, »wage ich keine Einschätzung.«

»Mein Sohn ist für mich seit vielen Jahren tot, Detective. Seit vielen Jahren. Ich habe vor langer Zeit meine Kleidung zerrissen und das Kaddisch gesagt und eine Kerze für ihn entzündet.« Die Worte handeln von Zorn und Bitterkeit, aber die Tonlage des Rebbes ist atemberaubend frei von Emotionen. »Was Sie im Hotel Zamenhof gefunden haben — war es das Zamenhof? Was Sie da gefunden haben, wenn er es denn war, ist nur eine Hülle. Der Kern wurde schon vor langer Zeit herausgeschnitten und verdorben.«

»Eine Hülle«, sagt Landsman. »Verstehe.«

Er weiß, wie schwer es sein kann, einen Heroinabhängigen gezeugt zu haben. Diese Kühle hat er schon öfter erlebt. Aber irgendetwas an diesen Jids, die ihre Aufschläge zerreißen und für lebende Kinder Schiwa sitzen, wurmt ihn. Es kommt ihm vor, als verhöhnten sie die Lebenden und die Toten.

»Nun gut. Soweit ich gehört habe«, fährt er fort, »und ich behaupte bestimmt nicht, das zu verstehen, aber Ihr Sohn soll — als kleiner Junge —, da hat es gewisse, nun, Anzeichen gegeben oder … dass er vielleicht … ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe. Der Tzaddik ha-Dor, heißt das so? Dass er sich unter entsprechenden Bedingungen, wenn die Juden seiner Generation es wert sind, dass er sich dann zu erkennen gibt. Als, ähm, als Messias.«

»Das ist lächerlich, nu, Detective Landsman«, sagt der Rebbe. »Bei der Vorstellung müssen Sie selbst lächeln.«

»Überhaupt nicht«, sagt Landsman. »Aber wenn Ihr Sohn Messias war, dann sind wir wohl alle in Schwierigkeiten. Weil er nämlich in einer Schublade unten im Kühlkeller des Krankenhauses liegt.«

»Meyer!«, sagt Berko.

»Bei allem Respekt«, fügt Landsman hinzu.

Zuerst antwortet der Rebbe nicht, und als er schließlich spricht, tut er das mit merklicher Sorgfalt.

»Uns wird vom Baal Sehern Tow, gesegnet sei sein Gedenken, gelehrt, dass ein Mann mit dem Potenzial von Messias in jede Generation geboren wird«, sagt er. »Das ist der Tzaddik ha-Dor. Nun, Mendel. Mendele, Mendele.«

Er schließt die Augen. Vielleicht erinnert er sich. Vielleicht kämpft er gegen die Tränen. Er schlägt die Augen wieder auf. Sie sind trocken, und er erinnert sich.

»Als Kind hatte Mendel einen bemerkenswerten Charakter. Ich spreche nicht von Wundern. Wunder sind eine Last für einen Tzaddik, kein Beweis. Wunder beweisen nichts, nur solchen Menschen, die sich ihren Glauben billig erkaufen, Sir. Es war etwas in Mendele. Da war ein Feuer. Wir leben an einem kalten, düsteren Ort, meine Herren. An einem grauen, feuchten Ort. Doch von Mendele gingen Licht und Wärme aus. Man wollte in seiner Nähe sein. Um sich die Hände zu wärmen, das Eis am Bart schmelzen zu lassen. Um die Dunkelheit für ein, zwei Minuten zu vertreiben. Doch hinterher blieb man warm, und es schien einem, als sei ein wenig mehr Licht in der Welt, vielleicht das Licht einer Kerze. Und dann merkte man, dass das Feuer die ganze Zeit in einem selbst gewesen war. Und das war das Wunder. Nur das.« Er streicht sich über den Bart, zupft daran, als versuche er an etwas zu denken, das er vergessen haben mag. »Sonst nichts.«

»Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?«, fragt Berko.«

»Vor dreiundzwanzig Jahren«, sagt der Rebbe, ohne zu zögern. »Am 20. Ellul. Seitdem hat keiner in diesem Haus mehr mit ihm gesprochen oder ihn gesehen.«

»Nicht einmal seine Mutter?«

Die Frage überrascht alle, selbst Landsman, der sie gestellt hat.

»Nehmen Sie an, Detective Landsman, dass meine Frau jemals versuchen würde, meine Autorität in dieser oder einer anderen Sache zu untergraben?«

»Ich nehme alles an, Rabbi Shpilman«, sagt Landsman. »Ich will damit gar nichts sagen.«

»Sind Sie mit irgendwelchen Vorstellungen hergekommen«, sagt Baronshteyn, »wer Mendel umgebracht haben könnte?«

»Genau genommen —«, beginnt Landsman.

»Genau genommen«, unterbricht ihn der Verbover Rebbe. Er rupft ein Blatt Papier aus dem Chaos auf seinem Schreibtisch, Traktate, Bekanntmachungen und Bannsprüche, Geheimdokumente, Additionsmaschinenstreifen, Überwachungsprotokolle der Gewohnheiten von Zielpersonen. Mit einem kurzen Posaunenstoß bringt er das Blatt in einen Abstand, den er fokussieren kann. Das Fleisch seines rechten Arms schlackert im Weinschlauch seines Ärmels. »Genau genommen dürfen diese beiden Beamten der Mordkommission in dieser Sache überhaupt nicht ermitteln. Oder irre ich mich?«

Er legt das Blatt fort, und Landsman muss sich wundern, dass er in den Augen des Rebbes je etwas anderes sehen konnte als zehntausend Meilen gefrorenen Meeres. Landsman ist schockiert, wurde über Bord ins kalte Wasser geworfen. Um nicht unterzugehen, klammert er sich an den Ballast seines Zynismus. Kam der Befehl, den Lasker-Fall mit einem schwarzen Aktenreiter zu versehen, vielleicht direkt von Verbov Island? Hat Shpilman die ganze Zeit gewusst, dass sein Sohn tot ist, ermordet im Zimmer 208 des Hotel Zamenhof? Hat er den Mord selbst in Auftrag gegeben? Werden die Tätigkeiten und Anweisungen der Mordkommission von Sitka Central ihm routinemäßig zur Prüfung vorgelegt? Das alles wären interessante Fragen, wenn Landsman sich denn das Herz fassen und sie auch stellen könnte.

»Was hat er getan?«, sagt er schließlich. »Warum war er für Sie schon lange tot? Was wusste er? Und wo wir schon dabei sind: Was wissen Sie, Rebbe? Rabbi Baronshteyn? Ich weiß, dass eure Leute etwas laufen haben. Ich weiß nicht, was für einen Deal ihr ausgeknobelt habt, aber wenn ich mich auf eurer hübschen Insel umschaue, dann sehe ich, wenn Sie den Ausdruck entschuldigen, dass ihr ordentlich was an den Beinen habt.«

»Meyer!«, sagt Berko mit warnendem Unterton.

»Kommen Sie nie wieder her, Landsman«, sagt der Rebbe. »Belästigen Sie nie wieder jemanden aus diesem Haushalt und keinen der Menschen auf dieser Insel. Halten Sie sich fern von Zimbalist. Und halten Sie sich fern von mir. Wenn mir zu Ohren kommt, dass Sie auch nur einen meiner Leute gebeten haben, Ihnen Feuer zu geben, kassiere ich Sie und Ihre Dienstmarke ein. Ist das klar?«

»Bei allem Respekt —«, beginnt Landsman.

»In Ihrem Fall eine leere Phrase, Detective.«

»Abgesehen davon«, sagt Landsman, sich langsam erholend. »Wenn ich jedes Mal einen Dollar bekäme, wenn mich irgendein Schtarker mit Drüsenproblem von einem Fall abzuhalten versucht, Rabbi Shpilman, bei allem Respekt, dann müsste ich nicht hier sitzen und mir die Drohungen eines Mannes anhören, der nicht mal eine einzige Träne um den Sohn vergießen kann, dem er mit Sicherheit zu einem frühen Tod verhalf. Ob er nun vor dreiundzwanzig Jahren starb oder letzte Nacht.«

»Bitte verwechseln Sie mich nicht mit einem billigen Mobster von der Hirshbeyn Avenue«, sagt der Rebbe. »Ich drohe Ihnen nicht.«

»Nein? Was ist das sonst, eine Segnung?«

»Ich sehe Sie an, Detective Landsman. Ich begreife, dass Sie, genau wie mein Sohn, der arme Tropf, vom Heiligen Namen nicht mit dem großartigsten aller Väter versehen wurden.«

»Rav Haskel!«, ruft Baronshteyn.

Aber der Rabbi überhört seinen Gabbai und fährt fort, bevor Landsman fragen kann, was er sich einbildet, über den armen alten Isidor zu wissen.

»Ich begreife, dass Sie vielleicht einmal, wie Mendel, viel mehr waren, als Sie heute sind. Sie waren vielleicht mal ein guter Schammes. Aber ich bezweifle, dass Sie je als weiser Mann gegolten haben.«

»Ganz im Gegenteil«, sagt Landsman.

»Also. Glauben Sie mir bitte, wenn ich Ihnen sage, dass Sie eine andere Verwendung für die Zeit finden müssen, die Ihnen noch bleibt.«

In der Verbover Uhr hebt ein uraltes System aus Hämmerchen und Glocken zu einer noch älteren Melodie an, die in jedem jüdischen Heim und jedem Gebetshaus die Braut des Sabbats willkommen heißt.

»Die Zeit ist um«, sagt Baronshteyn. »Meine Herren?«

Die Polizisten stehen auf, und die Männer wünschen einander die Freude des Sabbats. Dann setzen die Beamten ihre Hüte auf und gehen zur Tür.

»Wir brauchen jemanden, der die Leiche identifiziert«, sagt Berko.

»Es sei denn, es ist Ihnen lieber, wenn wir ihn einfach draußen auf die Straße stellen«, sagt Landsman.

»Wir schicken morgen jemanden vorbei«, sagt der Rebbe. Er dreht sich in seinem Sessel um und wendet ihnen den Rücken zu. Er senkt den Kopf und greift nach zwei Spazierstöcken, die hinter ihm an einem Haken an der Wand hängen. Die Stöcke haben einen silbernen Knauf, goldgetrieben. Der Rebbe stößt sie in den Teppich und hievt sich mit dem Pfeifen eines uralten Mechanismus auf die Beine. »Wenn der Sabbat vorbei ist.«

Baronshteyn folgt ihnen die Treppe hinunter zu den Rudashevskys vor der Tür. Die Bodendielen des Arbeitszimmers über ihnen geben ein gequältes Knarren von sich. Die Männer hören das knappe Klopfen und das regentonnengleiche Schwappen der Rebbe’schen Schritte. Seine Familie wird sich im hinteren Teil des Hauses versammelt haben und auf ihn warten, damit er alle segnet.

Baronshteyn öffnet die Eingangstür des im ukrainischen Stil erbauten Hauses. Shmerl und Yossele treten in den Flur, Schnee auf den Hüten und Schultern, Schnee in den wintergrauen Augen. Die Brüder oder Cousins oder Cousinbrüder bilden zusammen mit dem Exemplar an der Treppe die Spitzen eines Dreiecks; eine dreifingrige Faust solider Rudashevskys um Landsman und Berko.

Baronshteyn schiebt sein schmales Gesicht an Landsman heran. Landsman verschließt seine Nasenlöcher gegen den Geruch von Tomatenkernen, Tabak und saurer Sahne. »Diese Insel ist klein«, sagt Baronshteyn. »Aber es gibt hier tausend Ecken, wo ein Nos, selbst ein hochdekorierter Schammes, sich verirren könnte. Seien Sie also vorsichtig, ja? Und einen schönen Sabbat Ihnen beiden.«

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