Ein Gannef-Wind hat das Wetter umschlagen lassen, er weht vom Festland herüber und beraubt die Schatzkammer Sitka ihres Nebels und Regens, hinterlässt nichts als Spinnweben und einen glänzenden Penny im strahlend blauen Gewölbe. Um 12:03 Uhr hat die Sonne bereits auf die Stechuhr gedrückt. Im Sinken taucht sie das Kopfsteinpflaster und den Stuck des Platzes in ein so wundervolles violinfarbenes Licht, dass nur ein Stein nicht gerührt sein könnte. Landsman, einen Fluch auf ihn, mag zwar ein Schammes sein, aber aus Stein ist er nicht.
Auf dem Weg von Westen hinaus nach Verbov Island erschnuppern Bina und er auf der Avenue 225 allenthalben kräftige Duftwolken des brodelnden Zimmes, der in der ganzen Stadt köchelt. Auf dieser Insel ist der Geruch vor Freude und Panik noch intensiver und stärker als irgendwo sonst. Schilder und Banner preisen die bevorstehende Verkündigung des Königreichs David und mahnen die Frommen, sich für die Rückkehr nach Eretz Jisroel zu rüsten. Viele Schilder wirken spontan gefertigt, sind mit tropfenden Buchstaben auf Bettlaken und Fleischerpapier gesprüht. In den Seitenstraßen feilschen Hausfrauen und Händler, versuchen, die Preise für Koffer, konzentrierte Waschlauge, Sonnenschutz, Batterien, Proteinriegel und Ballen tropenleichter Wolle zu drücken oder zu inflationieren. Tiefer in den Gassen, stellt Landsman sich vor, in den Kellern und Torwegen, glüht ein stillerer Markt wie ein mit Asche bedecktes Feuer: Medikamente, Gold, Automatikwaffen. Landsman und Bina fahren an gedrängten Grüppchen von Straßenpredigern vorbei, die kommentieren, welche Familien im Heiligen Land welche Verträge bekommen sollen, welche Mobster das Policengeschäft, den Zigarettenschmuggel, das Waffen-Franchise leiten werden. Zum ersten Mal seit der Weltausstellung und seit Gaystik Weltmeister wurde, vielleicht zum ersten Mal seit sechzig Jahren — wenigstens kommt es Landsman so vor — passiert wirklich etwas im Distrikt Sitka. Als was es sich irgendwann entpuppen wird, davon hat nicht einmal der Weiseste der Straßenrabbis die geringste Ahnung.
Aber als sie das Herz der Insel erreichen, getreu dem verlorenen Herzen des alten Verbov nachgebildet, finden sie nichts, was auf das Ende des Exils, auf wuchernde Preise oder messianische Umwälzung schließen ließe. Unten am breiten Ende des Platzes steht das Haus des Verbover Rebbe und sieht so robust und ewig aus wie in einem Traum. Rauch eilt wie ein Geldbote aus dem üppigen Schornstein, nur um vom Wind überfallen zu werden. Die morgendlichen Rudashevskys lungern düster auf ihrem Posten, und auf dem First des Hauses thront der schwarze Hahn mit flatternden Rockschößen und halb automatischer Mandoline. Auf dem Platz drehen Frauen ihre üblichen Runden, schieben Kinderwagen oder ziehen Mädchen und Jungen hinter sich her, die noch zu klein für die Schule sind. Hier und dort bleiben sie stehen, um ihren Atem miteinander zu ver- und zu entflechten. In den Bogengängen der Häuser tun sich Zeitungsfetzen, Blätter und Staub zu spontanen Drejdl-Spielen zusammen. Zwei Männer in langen Mänteln stemmen sich gegen den Wind, steuern mit schwingenden Schläfenlocken auf das Haus des Rebbe zu. Zum ersten Mal kommt es Landsman so vor, als sei das traditionelle Klagelied der Juden von Sitka, das einem Glaubensbekenntnis oder zumindest einer Philosophie gleichkommt — Keiner schert sich um uns, wir sind vergessen, hier zwischen Hoonah und Hotzeplotz —, in den letzten sechzig Jahren in Wirklichkeit ein Segen gewesen und nicht das Elend, für das es alle in ihrer geographischen und historischen Rückständigkeit hielten.
»Wer will denn schon in diesem Hühnerstall leben?«, sagt Bina, ein Echo von Landsmans Gedanken. Sie schließt ihren orangefarbenen Parka bis oben hin, schlägt die Tür von Landsmans Wagen zu und tauscht traditionelle böse Blicke mit einer Gruppe von Frauen, die gegenüber der Werkstatt des Grenz-Mejwens auf der anderen Straßenseite stehen. »Dieser Ort ist wie ein Glasauge oder ein Holzbein: Man kann ihn nicht verpfänden.«
Vor dem düsteren Schuppen quält der Jungmann einen Lumpen mit einem Besenstiel. Der Lumpen ist mit einem psychotrop riechenden Lösungsmittel getränkt, der junge Kerl wurde zu drei hoffnungslosen Inseln Motoröl auf dem Boden abgeordnet. Mit dem Besenende piesackt und liebkost er den Lumpen. Als er Bina bemerkt, reagiert er mit einer befriedigenden Mischung aus Schrecken und Ehrfurcht. Wenn Bina Messias wäre, der ihn in einem orangefarbenen Parka erlösen wollte, wäre der Gesichtsausdruck des Pischers mehr oder weniger derselbe gewesen. Sein Blick klebt an ihr, mit brutaler Sorgfalt muss er ihn abwenden, als würde er die Zunge von einer gefrorenen Wasserpumpe lösen.
»Reb Zimbalist?«, fragt Landsman.
»Ist da«, sagt der Jungmann und weist mit dem Kinn zur Werkstatttür. »Aber er hat viel zu tun.«
»So viel wie du?«
Der Jungmann versetzt dem Lumpen noch einen planlosen Stoß. »Ich war im Weg.« Er bringt das Zitat mit selbstmitleidiger Bravour und wendet Bina dann eine Wange zu, ohne einen anderen Gesichtszug in diese Geste einzubeziehen. »Sie kann da nicht rein«, sagt er bestimmt. »Das ist unangemessen.«
»Siehst du das hier, mein Schejner?« Bina hat ihren Ausweis herausgefischt. »Ich bin wie Bargeld, das ist immer angemessen.«
Der Jungmann tritt einen Schritt zurück, und der Wischmoppgriff verschwindet hinter seinem Rücken, als sei er ein inkriminierender Gegenstand.
»Wollen Sie Reb Itzik verhaften?«, fragt er.
»Also«, sagt Landsman und geht einen Schritt auf das Kerlchen zu. »Warum sollten wir?«
Eines muss man einem Jeschiwa-Jungmann zugutehalten: Er weiß, wie man eine Frage umgeht.
»Woher soll ich das wissen?«, sagt er. »Wenn ich ein feiner Anwalt wäre, würde ich dann wohl hier rumstehen und mit einem Lumpen am Stiel den Boden wischen?«
In der Werkstatt stehen alle um den großen Kartentisch herum, Itzik Zimbalist und seine Mannschaft. Ein Dutzend strammer Juden in gelben Overalls, die Kinnladen gepolstert von ihren im Netz aufgerollten Bärten. Die Gegenwart einer Frau in der Werkstatt huscht zwischen ihnen umher wie eine lästige Motte. Zimbalist ist der Letzte, der von dem auf dem Tisch ausgebreiteten Problem aufschaut. Als er sieht, wer mit einer neuen dornenvollen Frage zum Grenz-Mejwen kommt, nickt er und brummt ein wenig verstimmt, als kämen Landsman und Bina zu spät zu einem Termin.
»Guten Morgen, die Herren«, sagt Bina mit sonderbar flötender, unüberzeugender Stimme in dieser großen, männlichen Scheune. »Ich bin Inspector Gelbfish.«
»Guten Morgen«, sagt der Grenz-Mejwen.
Sein scharf geschnittenes, fleischloses Gesicht ist so unleserlich wie eine Klinge oder ein Totenkopf. Er rollt den Plan oder die Karte mit geübter Hand zusammen, verschnürt sie mit einer Kordel und schiebt sie in ein Regal hinter sich, wo sie zwischen Tausenden ihresgleichen verschwindet. Seine Bewegungen sind die eines alten Mannes, für den Eile eine vergessene schlechte Angewohnheit ist.
Sein Schritt ist huckelig-ruckelig, aber seine Hände sind gepflegt und akkurat.
»Mittagspause ist vorbei«, ruft er seiner Mannschaft zu, obwohl nicht eine Spur von Essen zu sehen ist.
Die Mitarbeiter zögern, bilden einen unregelmäßigen Eruw um den Mejwen, bereit, ihn vor jedem weltlichen Ärger zu schützen, der von diesen zwei Dienstmarken in ihrer Mitte ausgehen könnte.
»Vielleicht bleiben Sie besser in der Nähe«, sagt Landsman. »Wir müssen eventuell noch mit Ihnen reden.«
»Wartet in den Autos«, befiehlt Zimbalist. »Ihr seid im Weg.«
Sie gehen durch das Lager zur Garage. Einer dreht sich um, fasst sich zweifelnd an den aufgerollten Bart.
»Da die Mittagspause jetzt vorbei ist, Reb Itzik«, sagt er, »wäre es da in Ordnung, wenn wir zu Abend essen?«
»Hängt das Frühstück gleich mit dran«, sagt Zimbalist. »Ihr werdet die ganze Nacht zu tun haben.«
»So viel Arbeit?«, sagt Bina.
»Soll das ein Witz sein? Die brauchen Jahre, um das alles einzupacken. Ich brauche mit Sicherheit ein Frachtschiff.«
Er geht zu dem elektrischen Wasserkessel und bereitet drei Gläser vor.
»Nu, Landsman, ich habe gehört, Sie hätten eventuell eine Zeit lang Ihren Ausweis verloren«, sagt der Mejwen.
»Sie hören viel, nicht?«, sagt Landsman.
»Ich höre, was ich höre.«
»Haben Sie vielleicht mal gehört, dass überall unter der Untershtot Tunnel gegraben wurden für den Fall, dass die Amerikaner sich gegen uns wenden und auf die Idee kommen, eine Sonderaktion durchzuführen?«
»Ich würde sagen, da klingelt es bei mir«, sagt Zimbalist. »Nun, da Sie davon sprechen.«
»Dann sind Sie nicht vielleicht zufällig im Besitz eines Plans von diesen Tunneln? Dem man entnehmen kann, wie sie verlaufen, was sie miteinander verbinden und so weiter?«
Immer noch hat der alte Mann ihnen den Rücken zugekehrt. Er reißt die Papiertütchen auf, in denen sich die Teebeutel verstecken.
»Wenn nicht«, sagt er, »was wäre ich dann für ein Grenz-Mejwen?«
»Wenn Sie also, aus welchem Grund auch immer, vorhätten, jemanden unbeobachtet in oder aus dem Keller des Hotel Blackpool auf der Max Nordau Street zu schaffen. Wären Sie dazu in der Lage?«
»Warum sollte ich das tun?«, fragt Zimbalist. »In der Absteige würde ich nicht mal den Chihuahua meiner Schwiegermutter unterbringen.«
Er zieht den Stecker des Kessels, bevor das Wasser kocht, und tränkt einen Teebeutel nach dem anderen. Die Gläser stellt er zusammen mit einem Glas Marmelade und drei kleinen Löffeln auf ein Tablett, und sie setzen sich an seinen Schreibtisch in der Ecke. Die Teebeutel geben ihre Farbe nur widerwillig an das lauwarme Wasser ab. Landsman reicht Papirossen herum und zündet sie an. Aus den Wagen dringen die Geräusche schreiender oder lachender Männer, Landsman kann es nicht richtig beurteilen.
Bina läuft durch die Werkstatt, bewundert die Menge und Vielfalt von Seilen und steigt vorsichtig um ein verknotetes Drahtgewirr herum, graues Gummi mit einem blutroten Kupferstummel.
»Schon mal einen Fehler gemacht?«, fragt Bina den Grenz-Mejwen. »Jemandem gesagt, er könne etwas tragen, obwohl es nicht erlaubt ist? Mal eine Linie gezogen, wo keine nötig war?«
»Ich traue mich nicht, Fehler zu machen«, sagt Zimbalist. »Am Sabbat etwas tragen, das ist ein schwerer Verstoß.
Wenn die Leute meinen, dass sie sich auf meine Karten nicht mehr verlassen können, bin ich erledigt.«
»Wir haben immer noch nicht den ballistischen Fingerabdruck der Waffe, mit der Mendel Shpilman getötet wurde«, sagt Bina vorsichtig. »Aber du hast die Wunde gesehen, Meyer.«
»Ja.«
»Sah sie aus, als stammte sie von einer, sagen wir mal, Glock oder einer TEC-9 oder einer anderen Automatik?«
»Meiner unmaßgeblichen Meinung nach«, sagt Landsman, »nicht.«
»Du hast viel wertvolle Zeit mit Litvaks Mannschaft und ihren Feuerwaffen verbracht.«
»Habe jede Minute genossen.«
»Hast du in ihrer Spielzeugkiste irgendwas gesehen, das keine Automatik war?«
»Nein«, sagt Landsman. »Nein, Inspector, das habe ich nicht.«
»Was beweist das?«, fragt Zimbalist und lässt sein zartes Gesäß in das aufblasbare Donutkissen auf seinem Schreibtischstuhl sinken. »Noch wichtiger: Was interessiert mich das?«
»Abgesehen natürlich von Ihrem allgemeinen Interesse, dass in diesem Fall der Gerechtigkeit Genüge getan wird«, sagt Bina.
»Abgesehen davon«, sagt Zimbalist.
»Detective Landsman, glauben Sie, dass Alter Litvak Shpilman umgebracht hat oder den Mord an ihm in Auftrag gab?«
Landsman schaut dem Grenz-Mejwen ins Gesicht und sagt: »Nein. Das hätte er nie getan. Er brauchte Mendel nicht nur. Der Jid hatte begonnen, an Mendel zu glauben.«
Zimbalist blinzelt, nestelt an seiner Nase herum und denkt darüber nach, als sei es ein Gerücht über einen neuen Wasserlauf, der ihn zwingt, eine seiner Landkarten umzuzeichnen.
»Das glaube ich nicht«, beschließt er. »Jeder andere. Alle anderen. Aber nicht er.«
Landsman hat keine Lust zu streiten. Zimbalist greift nach seinem Tee. Eine rostige Ader windet sich im Wasser wie ein Band in einer Murmel.
»Was würden Sie tun, wenn sich etwas, von dem Sie allen erzählt hätten, es wäre eine Linie auf Ihrer Landkarte«, sagt Bina, »wenn sich das als, sagen wir mal, Falte erwiese? Als Haar? Als verirrter Strich? Irgend so etwas. Würden Sie das gestehen? Würden Sie zum Rebbe gehen? Würden Sie zugeben, dass Sie einen Fehler gemacht haben?«
»Das würde nie passieren.«
»Aber wenn doch. Könnten Sie damit leben?«
»Und wenn Sie wüssten, Inspector Gelbfish, dass Sie einen Unschuldigen viele Jahre ins Gefängnis gebracht hätten, vielleicht für den Rest seines Lebens, könnten Sie damit leben?«
»Das passiert ständig«, sagt Bina. »Und hier stehe ich.«
»Nun gut«, sagt der Mejwen. »Ich nehme an, Sie wissen, wie ich mich fühle. Das Wort ›unschuldig‹ verwende ich übrigens sehr unbedacht.«
»Ich auch«, sagt Bina. »So viel steht fest.«
»In meinem ganzen Leben habe ich nur einen Mann gekannt, für den ich dieses Wort verwenden würde.«
»Dann haben Sie mir etwas voraus«, sagt Bina.
»Mir auch«, sagt Landsman und vermisst Mendel Shpilman, als seien sie jahrelang die besten Freunde gewesen. »Muss ich leider sagen.«
»Wissen Sie, was die Leute erzählen?«, fragt Zimbalist. »Diese Genies, unter denen ich wohne?«
»Sie sagen, dass Mendel wiederkommt.«
»Sie sagen, dass alles genau so geschieht, wie es geschrieben steht. Dass Mendel in Jerusalem sein wird, wenn sie hinkommen, dass er dort auf sie wartet. Um über Israel zu herrschen.«
Tränen laufen die hohlen Wangen des Grenz-Mejwens hinab. Nach einer Weile holt Bina ein sauberes, gebügeltes Taschentuch aus ihrer Jacke. Zimbalist nimmt es und betrachtet es eine Zeit lang. Dann bläst er ein großes Tekiah mit dem Schofar seiner Nase.
»Ich würde ihn gerne wiedersehen«, sagt er. »Das gebe ich zu.«
Bina zieht sich den Gurt ihrer Tasche über die Schulter, die sofort wieder ihre Mission aufnimmt, ihre Besitzerin niederzudrücken.
»Packen Sie Ihre Sachen, Mr. Zimbalist.«
Der alte Mann wirkt verblüfft. Er bläst die Lippen auf, als versuche er, eine unsichtbare Zigarre zu entzünden. Er greift zu einer Lederschlaufe, die auf seinem Schreibtisch liegt, schlägt einen Knoten hinein und legt sie wieder hin. Dann hebt er sie auf und entknotet sie.
»Meine Sachen«, sagt er schließlich. »Wollen Sie damit sagen, dass ich verhaftet bin?«
»Nein«, sagt Bina. »Aber ich möchte gerne, dass Sie mit uns kommen, damit wir uns noch etwas ausführlicher unterhalten können. Vielleicht möchten Sie Ihren Anwalt anrufen.«
»Meinen Anwalt«, sagt er.
»Ich glaube, dass Sie Alter Litvak geholfen haben, aus seinem Hotelzimmer zu fliehen. Ich glaube, Sie haben etwas mit ihm gemacht, ihn auf Eis gelegt, ihn vielleicht sogar getötet. Das würde ich gerne herausfinden.«
»Sie haben keine Beweise«, sagt Zimbalist. »Sie raten nur herum.«
»Sie hat einen kleinen Beweis«, sagt Landsman.
»Ungefähr einen Meter lang«, sagt Bina. »Kann man einen Mann mit einem Meter Seil erhängen, Mr. Zimbalist?«
Der Mejwen schüttelt den Kopf, halb verärgert, halb belustigt. Er hat seine Haltung und Gelassenheit zurückgewonnen.
»Sie verschwenden nur meine und Ihre Zeit«, sagt er. »Ich habe eine Menge Arbeit vor mir. Und Sie haben nach Ihrem eigenen Eingeständnis, Ihrer eigenen Theorie, nicht denjenigen gefunden, der Mendel umgebracht hat. Bei allem Respekt, aber warum kümmern Sie sich nicht darum und lassen mich in Ruhe? Kommen Sie wieder, wenn Sie den vermeintlichen Mörder gefunden haben, dann erzähle ich Ihnen, was ich über Litvak weiß, was im Moment und offiziell und für alle Zeiten nichts ist.«
»So läuft das nicht«, sagt Landsman.
»In Ordnung«, sagt Bina.
»In Ordnung!«, sagt Zimbalist.
Landsman sieht Bina an. »In Ordnung?«
»Wir finden den Mörder von Mendel Shpilman«, sagt Bina. »Und Sie geben uns Ihre Informationen. Hilfreiche Informationen über Litvaks Verschwinden. Wenn er noch lebt, liefern Sie ihn mir aus.«
»Abgemacht«, sagt der Grenz-Mejwen. Er schiebt seine rechte Klaue vor, die nur aus Flecken und Knöcheln besteht, und Bina ergreift sie.
Landsman ist etwas benommen. Er erhebt sich und reicht dem Grenz-Mejwen ebenfalls die Hand. Dann folgt er Bina aus der Werkstatt in den schwindenden Tag und erschreckt sich noch mehr, als er sieht, dass Bina weint. Anders als bei Zimbalist sind es Tränen der Wut.
»Ich kann es nicht glauben«, sagt sie und macht Gebrauch von einem Taschentuch aus ihrem endlosen Vorrat. »Das ist normalerweise deine Art.«
»Das machen in letzter Zeit mehrere Leute, die ich kenne«, sagt Landsman. »Sich plötzlich wie ich benehmen.«
»Wir sind Gesetzeshüter. Wir halten das Gesetz aufrecht.«
»Wir halten uns an die Vorschriften«, sagt Landsman. »Mehr oder weniger.«
»Fick dich.«
»Willst du wieder reingehen und ihn verhaften?«, fragt er. »Können wir tun. Wir haben das Kabel aus dem Tunnel. Wir können ihn festhalten. Und dann weitersehen.«
Sie schüttelt den Kopf. Der Jungmann auf seiner kleinen Landkarte von Flecken starrt sie an, zieht seine schwarze Sergehose hoch und lässt sich nichts entgehen. Landsman beschließt, dass es besser ist, wenn er Bina hier rausbringt. Zum ersten Mal seit drei Jahren legt er den Arm um sie und leitet sie hinüber zum Super Sport, dann geht er auf seine Seite und schlüpft hinters Lenkrad.
»Das Gesetz«, sagt sie. »Ich weiß nicht mal mehr, über was für ein Gesetz ich rede. Ich denke mir den ganzen Scheiß bloß aus.«
Schweigend sitzen sie da, und Landsman ringt mit dem immerwährenden Polizistendilemma, verpflichtet zu sein, das Naheliegende festzustellen.
»Irgendwie mag ich diese verrückte neue Bina und so«, sagt er. »Aber ich muss wohl darauf hinweisen, dass wir keine richtigen Anhaltspunkte im Fall Shpilman haben. Keine Zeugen. Keine Verdächtigen.«
»Nun, dann besorgen du und dein Kollege mir besser mal schleunigst einen Verdächtigen«, sagt sie. »Oder?«
»Ja, Ma’am.«
»Fahren wir.«
Er startet den Motor und legt den Gang ein.
»Warte mal«, sagt sie. »Was ist das denn?«
Auf der anderen Seite des Platzes hält ein großer schwarzer Geländewagen an der Ostseite des Shpilman-Hauses. Zwei Rudashevskys steigen aus. Einer geht nach hinten, um den Kofferraum zu öffnen. Der andere wartet neben dem Wagen, die Hände locker auf dem Rücken verschränkt. Kurz darauf kommen zwei weitere Rudashevskys aus dem Haus, schleppen mehrere Hundert Kubikmeter offenbar handbemalter französischer Koffer heraus. Schnell und ohne große Rücksicht auf die Gesetze der Geometrie gelingt es den vier Rudashevskys, alle Koffer und Taschen hinten in den Geländewagen zu quetschen.
Nachdem sie diese Großtat vollbracht haben, bricht ein erheblicher Teil des Hauses ab und fällt ihnen in einem wunderschönen rehbraunen Alpakamantel in die Arme. Der Verbover Rebbe schaut nicht hoch oder zurück oder auf die Welt, die er aufgebaut hat und nun verlässt. Er gestattet den Rudashevskys, ihren Origami mit ihm zu veranstalten, sie klappen ihn und seine Gehstöcke auf den Rücksitz des Fahrzeugs. Der Jid gesellt sich zu seinem Gepäck und rollt davon.
Fünfundfünfzig Sekunden später fährt ein zweiter Geländewagen vor, und man hilft zwei verschleierten Frauen in langen Kleidern zusammen mit ihrem Gepäckturm und ihren zahlreichen Kindern auf den Rücksitz. Diese Prozedur mit Frauen und Kindern und schwarzen Limousinen wiederholt sich in den folgenden elf Minuten.
»Hoffentlich gibt es so riesengroße Flugzeuge«, sagt Landsman.
»Ich habe sie nicht gesehen«, sagt Bina. »Du?«
»Ich glaube nicht. Und Big Shprintzl auch nicht.«
Eine halbe Sekunde später klingelt Binas Shoyfer.
»Gelbfish. Ja. Haben wir uns schon gedacht. Ja. Verstanden.«
Sie klappt das Handy zu.
»Fahr um das Haus herum nach hinten«, sagt sie. »Sie hat deinen Wagen gesehen.«
Landsman fährt den Super Sport durch eine schmale Gasse auf einen Hof hinter dem Haus des Rebbes. Abgesehen von seinem Auto ist dort nichts, das vor hundert Jahren fehl am Platz gewesen wäre. Steinplatten, Stuckmauern, Bleiglas, eine lange, holzverkleidete Galerie. Die Steinfliesen sind glatt, Wasser tropft aus Farnen in Blumentöpfen in der Galerie.
»Kommt sie raus?«
Bina antwortet nicht, und kurz darauf öffnet sich eine blaue Tür in einem flachen Flügel des großen, hohen Hauses. Der Gebäudetrakt steht in schiefem Winkel zum Rest des Baus und sackt mit malerischer Präzision durch. Batsheva Shpilman ist immer noch mehr oder weniger für eine Beerdigung gekleidet, ihr Kopf und ihr Gesicht sind hinter einem langen, hauchdünnen Schleier verborgen. Sie überschreitet nicht die Lücke von vielleicht zweieinhalb Metern, die sie vom Auto trennt; sie steht einfach auf der Schwelle, und im Dunkeln hinter ihr erhebt sich die treue Gestalt von Shprintzl Rudashevsky. Bina lässt das Fenster herunter.
»Fahren Sie nicht?«, fragt Bina.
»Haben Sie ihn gefasst?«
Bina spielt keine Spielchen und stellt sich nicht dumm. Sie schüttelt einfach den Kopf.
»Dann fahre ich auch nicht.«
»Es kann ein bisschen dauern. Es kann länger dauern, als wir Zeit haben.«
»Das hoffe ich auf gar keinen Fall«, sagt Mendel Shpilmans Mutter. »Dieser Zimbalist schickt seine Idioten in den gelben Schlafanzügen zu uns rüber, um jeden Stein in diesem Haus zu nummerieren, damit es zerlegt und in Jerusalem wieder zusammengesetzt werden kann. Wenn ich in zwei Wochen noch da bin, muss ich in Shprintzls Garage schlafen.«
»Das wäre mir eine große Ehre«, sagt entweder ein sehr feierlich sprechender Esel oder Shprintzl Rudashevsky hinter der Frau des Rebbe.
»Wir werden ihn fassen«, sagt Bina. »Detective Landsman hat es mir gerade geschworen.«
»Ich weiß, was seine Versprechen wert sind«, sagt Mrs. Shpilman. »Sie auch.«
»Hey!«, sagt Landsman, aber sie hat sich schon wieder umgedreht und ist in das schiefe Haus zurückgegangen, aus dem sie herauskam.
»Gut«, sagt Bina und klatscht in die Hände. »Fangen wir an. Was machen wir jetzt?«
Landsman klopft auf das Lenkrad, denkt an seine Versprechen und ihren Wert. Er war Bina nie untreu. Doch es besteht kein Zweifel, dass es Landsmans mangelnde Treue war, die ihre Ehe zerstörte. Ein treuer Glaube nicht an Gott oder an Bina selbst und ihren Charakter, sondern an die grundlegende Überzeugung, dass alles, was ihnen seit ihrem ersten Kennenlernen widerfuhr, Gutes wie Schlechtes, vorherbestimmt war. Der dumme Kojotenglaube, der einen in der Luft hält, solange man sich selbst einredet, fliegen zu können.
»Den ganzen Tag habe ich schon Appetit auf Krautwickel«, sagt er.