41.

Die nächsten vierundzwanzig Stunden schlägt Landsman in einem summenden kalkweißen Raum mit milchweißem Teppich im sechsten Stock des Harold Ickes Federal Building auf der Seward Street tot.

Sechs Männer mit den bunt wechselnden Nachnamen verdammter Crewmitglieder aus einem U-Boot-Film halten jeweils in Zweierteams vierstündig Wache. Einer ist schwarz, einer ein Latino, die anderen sind rosa Riesen mit Haarschnitten, die die kleine Lücke zwischen Astronaut und pädophilem Gruppenleiter schließen. Kaugummikauer, zu groß geratene Jungs mit guten Manieren und Sonntagsschullächeln. In jedem von ihnen erschnuppert Landsman zuweilen das Dieselherz eines Polizisten, doch verblüfft ihn der heidnische Südstaatenglanz ihres Alurahmens. Obwohl sich Landsman mit einer Rauchwand aus unverschämten Antworten umgibt, vermitteln sie ihm das Gefühl, klapprig zu sein, ein alter Zweitakter.

Niemand bedroht ihn oder versucht, ihn einzuschüchtern. Jeder spricht ihn mit seinem Dienstgrad an und achtet darauf, Landsmans Namen so zu betonen, wie er es bevorzugt. Wenn Landsman mürrisch, frech oder ausweichend wird, stellen die Amerikaner Nachsicht und lehrerhafte Gelassenheit zur Schau. Aber wenn Landsman es wagt, eine oder zwei Fragen zu formulieren, ergießt sich eine erstickende Stille über sie wie tausend Gallonen Wasser aus einem Flugzeug. Die Amerikaner verraten nichts über den Aufenthaltsort oder die Situation von Detective Shemets oder Inspector Gelbfish. Sie haben weder etwas über Alter Litvaks Verschwinden mitzuteilen, noch scheinen sie je von Mendel Shpilman oder Naomi Landsman gehört zu haben. Sie möchten wissen, was Landsman weiß oder über die amerikanische Beteiligung an dem Attentat auf Qubbat as-Sakhra und über die Urheber, Hauptakteure, Helfer und Opfer dieses Attentats zu wissen glaubt. Und sie wollen ihn nicht wissen lassen, was sie über all das wissen, falls sie überhaupt im Bilde sind. Sie sind in ihrer Kunst so gut ausgebildet, dass schon längst ein Schichtwechsel stattgefunden hat, ehe Landsman auffällt, dass die Amerikaner ihm immer wieder ungefähr dieselben zwei Dutzend Fragen stellen, dass sie sie wenden, umformulieren und aus anderen Blickwinkeln beleuchten. Ihre Fragen gleichen den Grundzügen der sechs unterschiedlichen Schachfiguren, endlos neu miteinander kombiniert, bis es so viele sind wie Neuronen im Gehirn.

In gleichmäßigen Abständen wird Landsman mit grässlichem Kaffee und einer Reihe zunehmend hart werdender Aprikosen- und Kirschplundertaschen versorgt. Irgendwann bringt man ihn in einen Pausenraum und lädt ihn ein, sich auf ein Sofa zu legen. Kaffee und Plunder rotieren immer wieder aufs Neue im kalkweißen Raum von Landsmans Hirn, während er die Augen zudrückt und zu schlafen vorgibt. Dann ist es wieder Zeit, zurückzukehren zum steten weißen Rauschen der Wände, zum laminierten Tisch und dem quietschenden Vinyl unter seinem Hintern.

»Detective Landsman.«

Er öffnet die Augen und erblickt ein schummriges schwarzes Moire auf Braun. Sein Jochbein ist taub vom Druck der Tischplatte. Er hebt den Kopf und hinterlässt eine Speichelpfütze. Ein klebriger Faden verbindet seine Lippen mit dem Tisch, dann reißt er.

»Iih«, macht Cashdollar.

Er zieht eine Packung Kleenex-Taschentücher aus der rechten Tasche seines Sweaters und schiebt sie Landsman über den Tisch zu, vorbei an einem offenen Karton mit Plunderteilchen. Cashdollar hat einen neuen Pullover an, eine dunkelgoldene Strickjacke mit kaffeebraunen Wildlederstreifen an der Brust, Lederknöpfen und Wildlederflicken an den Ellenbogen. Er sitzt aufrecht auf einem Metallstuhl, die Krawatte geknotet, die Wangen glatt, die blauen Augen durch attraktive Pilotenfältchen enthärtet. Sein Haar hat denselben Goldton wie die Folie einer Packung Broadways. Er lächelt ohne jede Begeisterung oder Grausamkeit. Landsman wischt sich über das Gesicht und über die Schweinerei, die er nach dem Nickerchen auf dem Tisch hinterlassen hat.

»Haben Sie Hunger? Möchten Sie etwas trinken?«

Landsman sagt, er hätte gerne ein Glas Wasser. Cashdollar greift in die linke Tasche seiner Strickjacke und holt eine kleine Flasche Mineralwasser hervor. Er legt sie hin und rollt sie Landsman über den Tisch zu. Er ist kein junger Mann, aber die Art, wie er mit der Flasche zielt, sie auf den Weg schickt und mit Effet zu ihrem Ziel steuert, das hat etwas jungenhaft Ernstes. Landsman dreht die Flasche auf und nimmt einen kleinen Schluck. Er macht sich nicht viel aus Mineralwasser.

»Früher habe ich für einen Mann gearbeitet«, sagt Cashdollar. »Der hatte diesen Posten vor mir inne. Er hatte lustige Sprüche drauf, die er gerne im Gespräch fallenließ. Das ist so eine Angewohnheit unter den Leuten, die das tun, was ich tue. Wir kommen vom Militär, ja, wir kommen aus der Geschäftswelt. Wir haben was übrig für unsere kleinen Sprüche. Schibboleth. Das ist ein hebräisches Wort, wissen Sie? Richter, Kapitel 12. Haben Sie wirklich keinen Hunger? Ich kann Ihnen eine Tüte Kartoffelchips besorgen. Einen Becher Nudeln. Wir haben eine Mikrowelle.«

»Nein danke«, sagt Landsman. »Also: Schibboleth.«

»Dieser Mann, mein Vorgänger, der sagte immer: ›Wir erzählen eine Geschichte, Cashdollar. Genau das machen wir.‹« Die Stimme, die er aufsetzt, um seinen ehemaligen Vorgesetzten zu zitieren, ist kräftiger und nicht so umgänglich wie sein eigener gekünstelter Tenor. Bombastischer. »›Erzähl ihnen eine Geschichte, Cashdollar. Mehr wollen die armen Schweine nicht.‹ ›Schweine‹ hat er natürlich nicht gesagt.«

»Also die Leute, die das tun, was Sie tun«, sagt Landsman. »Nämlich was? Terroristische Attentate auf die heiligen Stätten des Islam sponsern? Kreuzzüge wieder aufleben lassen? Unschuldige Frauen umbringen, obwohl sie nie etwas anderes gemacht haben, als ein kleines Flugzeug zu fliegen und hin und wieder jemandem aus der Patsche zu helfen? Hilflosen Junkies in den Kopf schießen? Entschuldigung, aber ich habe vergessen, was genau ihr tut, ihr Leute mit euren Schibboleth.«

»Zuerst mal, Detective Landsman, hatte niemand etwas mit dem Tod von Menashe Shpilman zu tun.« Er spricht Shpilmans hebräischen Vornamen Men-äschi aus. »Das hat mich genauso schockiert und verwirrt wie alle anderen. Ich habe den Mann nie kennengelernt, aber ich weiß, dass er ein bemerkenswerter Mensch mit bemerkenswerten Fähigkeiten war und dass wir ohne ihn deutlich schlechter dran sind. Wie war’s mit einer Zigarette?« Er hält Landsman eine ungeöffnete Packung Winstons hin. »Kommen Sie! Ich weiß, dass Sie gerne rauchen. Bitte.«

Cashdollar holt ein Streichholzbriefchen hervor und reicht es mit den Winstons über den Tisch.

»Nun, was Ihre Schwester angeht, hej, hören Sie zu. Das mit Ihrer Schwester tut mir wirklich unheimlich leid, Detective Landsman. Doch, wirklich. Es mag Ihnen nicht viel bedeuten, nehme ich an, aber ich möchte mich aufrichtig dafür entschuldigen. Das war eine schlechte Entscheidung des Mannes, der diese Stelle vor mir innehatte, der Typ, von dem ich eben gesprochen habe. Aber er hat dafür bezahlt. Natürlich nicht mit dem Leben.« Cashdollar zeigt seine großen, viereckigen Zähne. »Vielleicht wäre Ihnen das lieber gewesen. Aber er hat bezahlt. Er hat sich geirrt. Der Mann hat sich in vielen Dingen geirrt, Detective Landsman. Für diese eine Sache, hm, sorry.« Er schüttelt leicht den Kopf. »Aber wir erzählen keine Geschichte.«

»Nein?«

»Hm-m. Die Geschichte, Detective Landsman, sie erzählt uns. So wie es von Anfang an war. Wir sind Teil der Geschichte. Sie. Ich.«

Das Streichholzbriefchen stammt aus einem Restaurant in Washington namens Hogate’s Sea Food an der Ecke 9th und Maine Avenue, SW. Vor eben diesem Restaurant wurde, wenn Landsman sich nicht irrt, der Delegierte Anthony Dimond, der größte Gegner des Sitka-Siedlungsgesetzes, von einem Taxi überfahren, als er einer verirrten Rumkugel auf die Straße folgte. Landsman entzündet ein Streichholz.

»Und Jesus?«, sagt Landsman und schielt über die Flamme.

»Auch Jesus.«

»Hab nichts gegen Jesus.«

»Das freut mich. Ich hab auch nichts gegen ihn. Jesus war auch nicht heiß aufs Töten, aufs Verletzen, aufs Zerstören. Das weiß ich. Die Qubbat as-Sakhra war ein schönes altes Stück Architektur, und der Islam ist eine achtbare Religion, und abgesehen davon, dass sie grundsätzlich völlig danebenliegt, habe ich eigentlich kein Problem mit dieser Religion. Mir wäre es lieber, wir könnten die Sache auf eine Weise erledigen, die nicht solche Maßnahmen erfordern würde. Aber manchmal geht es eben nicht anders. Und das wusste auch Jesus. ›Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.‹ Richtig? Ich meine, das sind Jesu Worte. Der Typ konnte, wenn nötig, ganz schön hart werden.«

»Er war der Hammer«, behauptet Landsman.

»Stimmt. Nun, Detective Landsman, Sie trauen der ganzen Sache vielleicht nicht, aber die Endzeit ist nah. Und ich für meinen Teil freue mich sehr darauf. Aber damit das geschieht, müssen Jerusalem und das Heilige Land wieder in jüdischer Hand sein. So steht es geschrieben. Traurigerweise ist das leider nur mit ein wenig Blutvergießen zu erreichen. Nur mit einer gewissen Zerstörung. Das ist nur, was geschrieben steht, nicht wahr? Aber anders als mein unmittelbarer Vorgänger bemühe ich mich wirklich sehr, das alles auf das absolute Minimum zu beschränken. Jesus zuliebe und meiner eigenen Seele zuliebe und uns allen zuliebe. Damit alles glattläuft. Damit die Operation zusammengehalten wird, bis wir da drüben alles einigermaßen unter Kontrolle haben. Ein paar Tatsachen geschaffen haben.«

»Sie wollen nicht, dass jemand weiß, wer dahintersteckt. Die Leute, die das tun, was Sie tun.«

»Ja, aber das ist sozusagen unser Prinzip, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Und Sie möchten, dass ich den Mund halte.«

»Ich weiß, das ist viel verlangt.«

»Nur so lange, bis Sie in Jerusalem diese Tatsachen geschaffen haben. Araber raus und Verbover rein. Ein paar Straßen umbenennen.«

»Nur so lange, bis wir die gute alte kritische Masse in Bewegung gesetzt haben. Ein paar Gelenke eingerenkt, die durch diese Sache ausgerenkt wurden. Und dann machen wir uns an die Arbeit. Erfüllen das, was geschrieben steht.«

Landsman trinkt einen Schluck Wasser. Er ist warm und schmeckt nach dem Inneren einer Strickjackentasche.

»Ich möchte meine Pistole und meinen Ausweis zurück«, sagt Landsman. »Mehr will ich nicht.«

»Ich liebe Polizisten«, sagt Cashdollar ohne große Begeisterung. »Wirklich.« Er legt eine Hand auf den Mund und atmet nachdenklich durch die Nase. Seine Hand ist manikürt, aber ein Daumennagel ist angekaut. »Das wird hier furchtbar indianisch werden, Mister. Nur unter uns gesagt. Wenn Sie Ihre Pistole und Ihren Ausweis zurückbekommen, werden Sie mit Sicherheit nicht sehr lange darüber verfügen können. Die Stammespolizei wird nicht allzu viele Juden als Staatsdiener anheuern.«

»Vielleicht nicht. Aber Berko nehmen sie.«

»Sie nehmen keinen, der nicht das Papier hat.«

»Ach ja«, sagt Landsman. »Das will ich auch noch.«

»Sie reden von einer Menge Papier, Detective Landsman.«

»Sie brauchen auch eine Menge Schweigen.«

»Allerdings«, sagt Cashdollar.

Eine oder zwei Sekunden lang mustert Cashdollar Landsman, und Landsman erkennt an einer bestimmten Wachsamkeit in den Augen des Mannes, an einem vorausahnenden Blick, dass irgendwo an Cashdollars Körper eine Waffe versteckt ist und ihm der Finger juckt, sie zu betätigen. Es gibt nämlich direktere Wege, Landsman zum Schweigen zu bringen, als ihn mit einer Waffe und verschiedenen Dokumenten abzufinden. Cashdollar erhebt sich von seinem Stuhl und stellt ihn sorgfältig an seinen Platz am Tisch zurück. Er will an seinem Daumennagel kauen, besinnt sich aber eines Besseren.

»Könnte ich meine Taschentücher zurückhaben?«

Landsman wirft sie ihm zu, aber es geht schief, Cashdollar kann sie nicht fangen. Die Packung fällt auf den Karton mit den alten Plunderteilen und landet in einem glänzenden Fleck roten Gelees. In Cashdollars sanften Augen reißt ein Spalt der Wut auf, durch den man einen Blick auf die verbannten Schatten von Ungeheuern und Abneigungen erhaschen kann. Das Letzte, was er will, erinnert sich Landsman, ist irgendeine Schweinerei. Cashdollar zupft ein Kleenex aus dem Päckchen und wischt die Packung damit ab, dann stopft er den Rest zurück in seine sichere rechte Tasche. Er fummelt den untersten Knopf seiner Jacke durch das Knopfloch, und als der Wollbund sich kurz über seiner Hüfte spannt, entdeckt Landsman die Ausbuchtung einer Scholem.

»Ihr Kollege«, sagt Cashdollar zu Landsman, »hat viel zu verlieren. Sehr viel. Wie Ihre Exfrau. Was den beiden nur zu bewusst ist. Vielleicht ist es Zeit, dass Sie zu demselben Schluss kommen, Detective Landsman.«

Landsman denkt an die Dinge, die er noch verlieren kann: ein Reiseschachbrett und das Polaroidfoto vom toten Messias. Einen in das Gewirr seines Hirns gedruckten profanen, unsystematischen Stadtplan von Sitka mit Tatorten, Kaschemmen und Aroniabüschen. Winternebel, der das Herz umhüllt, Sommernachmittage, die sich endlos in die Länge ziehen wie Diskussionen zwischen Juden. Die Geister des zaristischen Russlands in den Zwiebeltürmen der St.-Michael-Kathedrale und die Geister von Warschau im klagenden Wiegen eines Cafégeigers. Kanäle, Fischerboote, Inseln, streunende Hunde, Konservenfabriken, Milchbars. Die im nassen Asphalt gespiegelte Neonmarkise des Baranof Theaters, die wie auf einem Aquarell zerlaufenen Farben, wenn man mit dem Mädchen seiner Träume am Arm aus einer Vorstellung von Welles’ Herz der Finsternis kommt, das man gerade zum dritten Mal gesehen hat.

»Scheiß auf das, was geschrieben steht«, sagt Landsman. »Wissen Sie was?« Auf einmal ist er der Gannefs und Propheten müde, der Waffen und Opfer und der unendlichen Gangstermacht Gottes. Er ist es müde, vom Gelobten Land und dem für seine Erlösung unvermeidlichen Blutvergießen zu hören. »Mir ist egal, was geschrieben steht. Mir ist egal, was angeblich irgendeinem Idioten in Sandalen versprochen wurde, dessen einziger Anspruch auf Ruhm darin bestand, dass er seiner schwachköpfigen Idee zuliebe seinem eigenen Sohn die Kehle durchschneiden wollte. Rote Kühe, Patriarchen und Heuschrecken sind mir egal. Alte Knochen im Sand. Meine Heimat ist in meinem Hut. In der Umhängetasche meiner Exfrau.«

Er setzt sich. Zündet sich noch eine Zigarette an.

»Fuck you«, schließt Landsman. »Und Jesus auch, dieses Weichei.«

»Aber Mund halten, Landsman«, sagt Cashdollar weich und tut so, als würde er einen Schlüssel in seinem Mund herumdrehen.

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