Als Buchbinder sich aus dem Polar-Shtern schiebt, bleibt er kurz stehen, um die Tür für einen grellorangen Parka aufzuhalten, der von einer Schneeböe hereingetragen wird. Bina schleppt ihre prall gefüllte alte Rindsledertasche über der Schulter herein. Daraus hervor schaut ein Wust von Unterlagen, gelb markiert, geheftet, mit Büroklammern und kleinen Streifen bunten Klebebandes versehen. Bina wirft die Kapuze ihres Parkas zurück. Sie hat das Haar hochgeschoben, festgesteckt und es dann auf dem Hinterkopf sich selbst überlassen. Es hat einen wehmütigen Farbton, den Landsman in seinem ganzen Leben nur einmal woanders gesehen hat, nämlich tief in den Furchen des ersten Kürbisses, den er je erblickte, ein dunkles, orangerotes Ungetüm. Bina schleift ihre Tasche zur Theke. Wenn sie auf dem Weg zum Tablettstapel durch das Drehkreuz geht, wird Landsman genau in ihre Sichtlinie geraten.
Da trifft Landsman die sehr erwachsene Entscheidung, so zu tun, als hätte er Bina nicht gesehen. Er blickt durch das Fensterglas auf die Khalastraye Street. Nach seiner Schätzung liegt der Schnee knapp fünfzehn Zentimeter hoch. Drei Fußspuren winden sich durcheinander, frischer Schnee fällt in die Abdrücke und lässt die Ränder langsam verschwimmen. Handzettel, an die holzverschalten Fenster von Krasny’s Tabak- und Papierwaren auf der anderen Straßenseite geklebt, werben für den Auftritt jenes Gitarristen am Vorabend im Vorsht, der wegen seiner Ringe und seines Kleingelds in die Toilette gewälzt wurde. Vom Telefonmast an der Ecke zieht sich ein Gewirr aus Leitungen in alle erdenklichen Richtungen, vermisst die Wände und Türen dieses großen imaginären Ghettos der Juden. Unbewusst registriert Landsmann Schammeskopf jedes Detail der Szene. Seine bewussten Gedanken konzentrieren sich jedoch auf den Moment, wenn Bina ihn dort allein mit den Blintzen vor sich am Tisch sitzen sieht und seinen Namen ruft.
Der süße Moment lässt auf sich warten. Landsman riskiert einen zweiten Blick. Bina hat ihr Essen schon auf dem Tablett und wartet mit dem Rücken zu ihm auf ihr Wechselgeld. Sie hat ihn gesehen — sie muss ihn gesehen haben. Und jetzt reißt die große Spalte auf, der Berghang gibt nach, und die Wand schwarzen Schlamms rollt nach unten. Landsman und Bina waren zwölf Jahre miteinander verheiratet und davor fünf Jahre ein Paar. Jeder war für den anderen der beziehungsweise die erste Geliebte, das erste Opfer, die erste Zuflucht, der erste Mitbewohner, das erste Publikum und der erste Mensch, an den man sich wandte, wenn etwas — selbst die eigene Ehe — schiefging. Ihr halbes Leben lang haben die beiden ihre Vergangenheit, ihre Körper, ihre Phobien, Theorien, Rezepte, Bücher- und Plattensammlungen verquickt. Sie inszenierten spektakuläre Auseinandersetzungen, Nase an Nase, fuchtelnde Hände, sprühender Speichel, schleuderten, traten, zerbrachen Gegenstände, wälzten sich auf dem Boden und rissen einander an den Haaren. Am nächsten Tag hatte Landsman die roten Monde von Binas Fingernägeln auf Wange und Brust, und sie trug seine violetten Fingerabdrücke wie eine Armbinde. Ungefähr sieben Jahre ihres gemeinsamen Lebens vögelten sie fast täglich. Wütend, zärtlich, krank, gesund, kalt, heiß, im Halbschlaf. Sie machten es auf jedem erdenklichen Bett, Sofa oder Kissen. Auf Futons, Handtüchern und alten Duschvorhängen, auf der Ladefläche eines Pick-ups, hinter einem Müllcontainer, in einem Wasserturm, in einem Mantelständer bei einem Essen der Hände Esaus. Sie bumsten sogar — einmal — auf dem Riesenpilz im Pausenraum.
Als Bina aus dem Rauschgiftdezernat herüberkam, arbeitete sie vier zuverlässige Jahre mit Landsman in einer Schicht bei der Mordkommission. Landsmans Kollege war zuerst Zelly Boybriker, später Berko, und Bina bekam den armen alten Morris Handler. Aber eines Tages ließ der listige Engel, der Bina und Landsman überhaupt zusammengeführt hatte, Urlaubstage mit einer Verletzung von Morris Handler zusammenfallen und schickte Landsman und Bina, zum ersten und einzigen Mal, gemeinsam in eine Ermittlung, den Grinshteyn-Fall. Gemeinsam erlitten sie die Heimsuchungen des Versagens, versagten jeden Tag stundenlang, versagten nachts im Bett, versagten in den Straßen von Sitka. Das ermordete Mädchen Ariela und die gebrochenen Grinshteyns, Mutter und Vater, hässlich und aufgezehrt, die einander hassten, und die Leere, an der festzuhalten ihnen noch geblieben war — all das ertrugen Bina und Landsman gemeinsam. Und dann gab es Django, der durch ihr Versagen im Grinshteyn-Fall Form und Antrieb bekam, durch die Leere in Gestalt eines pummeligen kleinen Mädchens. Bina und Landsman waren fardrejt, ineinander verwoben, ein geflochtenes Chromosomenpaar mit einem geheimnisvollen Makel. Und jetzt? Jetzt tun sie so, als würden sie sich nicht sehen, und schauen zur Seite.
Landsman schaut zur Seite.
Die Fußabdrücke im Schnee sind so flach geworden, als stammten sie von einem Engel. Auf der anderen Straßenseite lehnt sich ein kleiner, gebeugter Mann gegen den Wind, er zieht einen schweren Koffer an den vernagelten Schaufenstern von Krasny’s vorbei. Die breite weiße Krempe seines Huts flattert wie eine Vogelschwinge. Landsman beobachtet, wie sich der Prophet Elija durch den Schneesturm müht, und plant seinen eigenen Tod. Das ist die vierte von ihm entwickelte Strategie, um sich aufzuheitern, wenn alles den Bach runtergeht. Aber er muss natürlich aufpassen, es nicht zu übertreiben.
Landsman, Sohn und väterlicherseits Enkel eines Selbstmörders, hat alle möglichen Methoden gesehen, mit denen sich Menschen ins Jenseits befördern, von ungeschickt bis gründlich. Er weiß, wie man es zu tun hat und wie nicht. Sprung von der Brücke oder Flug aus dem Hotelfenster: malerisch, aber albern. Die Treppe hinunterstürzen: unzuverlässig, eine Spontanhandlung, wirkt zu sehr wie ein Unfalltod. Pulsadern aufschneiden, mit oder ohne die beliebte, aber unnötige Badewannenvariante: schwerer, als es aussieht, hat den Ruch mädchenhafter Schwäche fürs Drama. Rituelle Entleibung mit einem Samuraischwert: schwierig, erfordert einen Sekundanten, sieht für einen Jid nach Angeberei aus. Landsman hat diese Vorgehensweise nie mit eigenen Augen gesehen, kannte aber mal einen Nos, der das behauptete. Landsmans Großvater warf sich in Lodz vor die Räder einer Straßenbahn, was ein gewisses Maß an Entschlossenheit beweist, das Landsman immer bewundert hat. Sein Vater nahm dreißig 100-mg-Tabletten Nembutal und spülte sie mit einem Glas Kümmelwodka hinunter, eine Methode, die viel für sich hat. Dazu eine Plastiktüte über dem Kopf, geräumig und ohne Löcher, und schon hat man etwas Sauberes, Lautloses, Zuverlässiges.
Aber wenn Landsman sich ausmalt, sein eigenes Leben zu beenden, setzt er bevorzugt auf eine Handfeuerwaffe, so wie Melekh Gaystik, der Weltmeister. Seine stupsnasige M-39 ist dafür Scholem genug. Wenn man weiß, wo man die Mündung anzusetzen hat (direkt hinter dem Knochen des Mentums) und in welchem Winkel zu schießen ist (mit 20 Grad Abweichung von der Vertikalen in Richtung des Reptilienhirns), ist die Methode schnell und zuverlässig. Eine Schweinerei, aber Landsman hat aus irgendeinem Grund keine Skrupel, eine Schweinerei zu hinterlassen.
»Seit wann magst du Blintzen?«
Beim Klang ihrer Stimme zuckt er zusammen. Landsmans Knie stoßen gegen das Tischbein, in einem Schussaustrittsmuster spritzt sein Kaffee auf die Fensterscheibe.
»Hey, Captain«, sagt er. Er sucht nach einer Serviette, findet aber keine, da er lediglich eine aus dem Spender bei den Tabletts genommen hat. Der Kaffee läuft in alle Richtungen. Landsman zerrt Papierfetzen aus seiner Jackentasche und tupft die sich ausbreitende Flüssigkeit damit auf.
»Sitzt hier wer?« Auf einer Hand balanciert Bina das Tablett, mit der anderen kämpft sie gegen ihre sperrige Tasche. Bina hat diesen Gesichtsausdruck, den Landsman gut kennt: hochgezogene Augenbrauen, schwache Andeutung eines Lächelns. Es ist das Gesicht, das sie aufsetzt, wenn sie einen Ballsaal betritt, um sich unter eine Horde männlicher Gesetzesvertreter zu mischen, oder wenn sie mit einem Rock, der nicht ihre Knie bedeckt, in einen Gemüseladen in Harkavy geht. Das Gesicht besagt: Ich will keinen Ärger. Ich möchte nur ein Päckchen Kaugummi. Bina lässt die Tasche fallen und setzt sich, ehe Landsman antworten kann.
»Bitte«, sagt er und zieht seinen Teller zu sich, um Platz zu machen. Bina reicht ihm mehrere Servietten, und er kümmert sich um die Schweinerei. Den Klumpen vollgesogenen Papiers entsorgt er auf dem Nachbartisch. »Ich weiß nicht, warum ich die bestellt habe. Du hast recht, Käseblintzen, feh.«
Bina legt die Serviette hin und platziert Messer, Gabel und Löffel darauf. Sie nimmt zwei Teller vom Tablett und stellt sie nebeneinander: eine Kelle Thunfischsalat auf einem von Mrs. Nemintziners Salatblättern und einen golden schimmernden Block Nudelauflauf. Bina greift in ihre prall gefüllte Schultertasche und holt eine kleine Plastikdose mit Klappdeckel hervor. Der Behälter birgt eine runde Pillendose mit Schiebeverschluss, aus der Bina eine Vitamintablette, eine Fischölkapsel und die Enzympille klopft, die ihrem Magen beim Verdauen von Milch hilft. In der Plastikdose trägt sie zudem Tütchen mit Salz, Pfeffer, Meerrettich herum, ebenso Hygienetücher, eine puppengroße Flasche Tabasco, Chlortabletten zur Trinkwasseraufbereitung, Pepto-Bismol-Kautabletten und Gott weiß, was noch. Wenn man zu einem Konzert geht, hat Bina Operngläser. Wenn man sich ins Gras setzen muss, zaubert sie ein Handtuch hervor. Ameisenfallen, Korkenzieher, Kerzen und Streichhölzer, ein Maulkorb, ein Taschenmesser, eine kleine Dose Kältespray, eine Lupe — Landsman hat zu dieser oder jener Gelegenheit schon alles aus dieser vollgestopften Rindsledertasche kommen sehen.
Man muss sich Juden wie Bina Gelbfish anschauen, denkt Landsman, wenn man eine Erklärung für das breite Spektrum und die Widerstandsfähigkeit des jüdischen Volkes sucht. Juden, die ihr Heim in einer alten Rindsledertasche, auf dem Kamelrücken oder in der Luftblase inmitten ihres Hirns mit sich herumtragen. Juden, die immer auf den Füßen landen, loslaufen, Schicksalsschläge meistern und das Beste aus dem machen, was ihnen in die Hände fällt, und das von Ägypten bis Babylon, von Minsk-Gubernia bis in den Distrikt Sitka. Methodisch, organisiert, beharrlich, einfallsreich und auf alles vorbereitet. Berko hat recht: Bina würde auf jedem Polizeirevier der Welt ihren Weg machen. Eine neue Grenze, ein Regierungswechsel — so was kann eine Jüdin mit einem ordentlichen Vorrat an Hygienetüchern in der Handtasche nicht erschüttern.
»Thunfischsalat«, bemerkt Landsman und erinnert sich, dass Bina keinen Thunfisch mehr aß, als sie erfuhr, dass sie mit Django schwanger war.
»Ja, ich versuche, so viel Quecksilber wie möglich zu mir zu nehmen«, sagt Bina, als sie Landsman und seine Erinnerung durchschaut. Sie schluckt eine Enzymtablette. »Quecksilber ist momentan mein Ding.«
Landsman zeigt mit dem Daumen auf Mrs. Nemintziner, die mit ihrem Löffel hinter der Theke steht.
»Du hättest das gebackene Thermometer nehmen sollen.«
»Hätte ich auch getan«, sagt Bina, »aber es gab nur noch rektale.«
»Hast du Penguin gesehen?«
»Penguin Simkowitz? Wo?« Bina schaut sich um, dreht sich in der Taille, und Landsman ergreift die Gelegenheit, ihr in die Bluse zu schielen. Er sieht die sommersprossige obere Hälfte ihrer linken Brust, den Spitzenrand ihres BH-Körbchens, die dunkle Andeutung ihrer Brustwarze unter dem Stoff. Er wird von dem Begehren übermannt, die Hand in Binas Bluse zu schieben, ihre Brust zu umschließen, in die weiche Höhlung zu klettern, sich dort zusammenzurollen und einzuschlafen. Als Bina sich wieder umdreht, erwischt sie ihn bei seinem Ausschnitttraum. Landsman spürt ein Brennen auf seinen Wangen. »Hm.«
»Wie war dein Tag?«, fragt er, als sei es die normalste Frage der Welt.
»Schließen wir einen Pakt«, sagt sie, und ihr Ton überfriert ein wenig. Sie knöpft den obersten Knopf ihrer Bluse zu. »Wie wäre es, wenn wir einfach hier sitzen, ich und du, zusammen essen und kein verdammtes Wort über meinen Tag verlieren? Wie hört sich das an, Meyer?«
»Ich finde, das klingt nicht schlecht«, sagt er.
»Gut.«
Sie löffelt einen Mundvoll Thunfischsalat. Landsman erhascht einen Blick auf ihren goldgerandeten Backenzahn und denkt an den Tag, als sie damit nach Hause kam, vollgepumpt mit Lachgas, und ihn aufforderte, seine Zunge in ihren Mund zu schieben und auszuprobieren, wie der Zahn sich anfühlte. Nach dem ersten Bissen Thunfischsalat macht Bina ernst. Sie schaufelt zehn oder elf Löffel in sich hinein, kaut und schluckt voller Hingabe. In leidenschaftlichen, kurzen Stößen kommt ihr Atem durch die Nase. Ihre Augen sind auf das Ballett von Löffel und Teller gerichtet. »Ein Mädchen mit einem gesunden Appetit«, das war vor zwanzig Jahren die erste archivierte Feststellung von Landsmans Mutter zum Thema Bina Gelbfish. Wie die meisten Komplimente seiner Mutter war es, wenn nötig, in eine Beleidigung umkehrbar. Aber Landsman vertraut nur einer Frau, die futtert wie ein Mann. Als außer einem Mayonnaiseklecks auf dem Salatblatt nichts mehr übrig ist, wischt Bina sich den Mund mit der Serviette ab und stößt einen tiefen, satten Seufzer aus.
»Nu, worüber sollen wir reden? Über deinen Tag wohl auch nicht.«
»Bestimmt nicht.«
»Was bleibt dann noch?«
»In meinem Fall«, sagt Landsman, »nicht viel.«
»Manches ändert sich nie.«
Bina schiebt den leeren Teller von sich und zitiert den Nudelauflauf herbei, den als Nächstes sein Schicksal ereilen wird. Allein der Anblick, wie Bina die Kugl beäugt, macht Landsman glücklicher, als er seit Jahren gewesen ist.
»Ich rede immer noch gerne über mein Auto«, sagt er.
»Du weißt, dass ich für Liebeslyrik nichts übrighabe.«
»Auf keinen Fall reden wir über die Reversion.«
»Einverstanden. Und ich will nichts über das sprechende Huhn oder die Kreplach hören, die wie der Kopf des Maimonides aussehen, überhaupt nichts von diesem ganzen Wunderscheiß.«
Landsman fragt sich, was Bina von der Geschichte halten würde, die Zimbalist ihm heute über den Mann erzählt hat, der gekühlt im Keller des Krankenhauses liegt.
»Am besten gar nichts über Juden, abgemacht?«, sagt er.
»Abgemacht, Meyer, ich habe die Juden bis oben hin satt.«
»Und nichts über Alaska.«
»Gott, bloß nicht!«
»Nichts über Politik. Nichts über Russland, die Mandschurei, Deutschland oder die Araber.«
»Die Araber habe ich auch bis oben hin satt.«
»Wie wär’s dann mit Nudelauflauf?«, fragt Landsman.
»Gut«, sagt sie. »Nur bitte, Meyer, iss ein bisschen, mir tut es im Herzen weh, wenn ich dich bloß ansehe. Mein Gott, wie dünn du bist! Hier, den musst du mal probieren! Ich weiß nicht, was die da reintun, einer hat mir mal erzählt, sie tun ein bisschen Ingwer rein. Ich sag dir, oben in Yakovy, da kann man von so einer guten Kugl nur träumen.«
Bina schneidet ein Stück Nudelauflauf ab und will Landsman die Gabel in den Mund schieben. Beim Anblick der näher kommenden Zinken greift so etwas wie eine kalte Hand nach seinen Eingeweiden. Er wendet das Gesicht ab. Die Gabel hält in ihrer Flugbahn inne. Bina lädt den sultaninengeschmückten Keil aus Eiercreme und Nudeln neben den unberührten Blintzen auf Landsmans Teller ab.
»Solltest du trotzdem probieren«, sagt sie. Sie isst selbst ein paar Bissen, dann legt sie die Gabel beiseite. »Ich glaube, mehr gibt es zum Thema Nudelauflauf nicht zu sagen.«
Landsman trinkt seinen Kaffee, Bina schluckt die letzten Pillen mit einem Glas Wasser.
»Nu«, sagt sie.
»Also«, sagt Landsman.
Wenn er sie jetzt gehen lässt, wird er nie wieder schlummernd in der Höhlung ihrer Brust liegen. Er wird nie wieder ohne Hilfe einer Handvoll Nembutal oder die guten Dienste seiner M-39 schlafen.
Bina drückt sich vom Tisch ab und zieht ihren Parka an. Sie steckt die Plastikdose zurück in ihre Umhängetasche und hievt sie sich stöhnend auf die Schulter.
»Gute Nacht, Meyer.«
»Wo wohnst du?«
»Bei meinen Eltern«, sagt sie in einem Tonfall, mit dem man sonst höchstens der gesamten Menschheit die Todesstrafe verkünden würde.
»Oj wej.«
»Da sagst du was. Nur bis ich was anderes finde. Schlimmer als das Hotel Zamenhof kann es jedenfalls nicht sein.«
Sie zieht den Reißverschluss des Parkas zu und steht dann ein paar lange Sekunden da, unterzieht ihn ihrer Schammes-Inspektion. Binas Blick ist nicht so gründlich wie Landsmans — ihr kann schon mal eine Kleinigkeit entgehen —, aber was sie sieht, kann sie im Kopf schnell zu dem in Beziehung setzen, was sie über Frauen und Männer, Opfer und Mörder weiß. Selbstsicher flicht sie daraus Erzählungen, die Sinn ergeben und nicht auseinanderbrechen. Sie löst Fälle weniger, als dass sie deren Geschichte erzählt.
»Guck dich an, Landsman, du siehst aus wie eine Ruine.«
»Ich weiß«, sagt Landsman und merkt, wie sich seine Brust zusammenzieht.
»Ich habe gehört, dass es dir schlecht geht, aber ich dachte, man wollte mich bloß aufheitern.«
Er lacht und wischt sich mit dem Ärmel über die Wange.
»Was ist das denn?«, fragt sie. Mit den Nägeln von Daumen und Zeigefinger zupft sie ein zerknülltes, kaffeebeflecktes Papierknäuel aus der Serviettenmasse, die Landsman auf dem Nachbartisch entsorgt hat. Landsman greift danach, aber Bina ist zu schnell für ihn — war sie schon immer. Sie streicht das Knäuel glatt.
»Fünf große Wahrheiten und fünf große Lügen über den Verbover Chassidismus«, sagt sie. Eine Augenbraue greift über Binas Nasenrücken nach der anderen. »Willst du mir etwa ein Schwarzhut werden?«
Er antwortet nicht schnell genug, und sie folgert, was aus seinem Gesicht, seinem Schweigen und dem, was sie über ihn weiß — nämlich praktisch alles —, zu folgern ist.
»Was führst du im Schilde, Meyer?«, fragt sie, und ihr Blick ist dann plötzlich so matt und verbraucht, wie auch er sich fühlt. »Nein. Egal. Ich bin einfach zu müde.«
Sie zerknüllt die Verbover-Broschüre aufs Neue und wirft sie Landsman an den Kopf.
»Wir haben gesagt, wir wollten nicht darüber sprechen«, sagt er.
»Ja, wir haben so einiges gesagt«, sagt sie. »Du und ich.«
Sie dreht sich halb ab und wendet die Hebelkraft auf den Riemen der Tasche an, in der sie ihr Leben lebt.
»Ich will dich morgen in meinem Büro sehen.«
»Hm. Gut. Bloß«, sagt Landsman, »ich habe gerade eine Zwölf Stundenschicht hinter mir.«
Die Feststellung macht, obwohl zutreffend, keinen erkennbaren Eindruck auf Bina. Möglich, dass sie Landsman gar nicht gehört hat, dass er gar keine indoeuropäische Sprache spricht.
»Ich komme«, sagt er. »Wenn ich mir nicht heute Nacht den Kopf wegpuste.«
»Keine Liebeslyrik, habe ich gesagt«, sagt Bina. Sie fasst einen wallenden Schwung ihres kürbisdunklen Haars zusammen und schiebt ihn in einen gezahnten Clip schräg über ihrem rechten Ohr. »Mit oder ohne Kopf. Morgen um neun in meinem Büro.«
Landsman sieht ihr nach, wie sie durch den Essbereich zur Tür der Kafeteria Polar-Shtern geht. Er wettet einen Dollar, dass sie sich nicht umdreht, bevor sie die Kapuze aufsetzt und hinaus in den Schnee tritt. Aber er ist ein nachsichtiger Mann, und die Wette war Mist, deshalb kassiert er sein Geld nicht ein.