Landsman schnorrt vom Wochenendportier namens Krankheit ein halbes Dutzend Papirossen und schlägt dann eine Stunde tot, indem er drei von ihnen in Brand steckt, derweil die Berichte über den Toten von 208 ihr mitleidvolles Zeugnis aus Proteinen, Fettflecken und Staub mit ihm teilen. Wie Bina sagte, steht in keinem irgendwas Neues. Der Mörder scheint ein Profi gewesen zu sein, ein geschickter Schlosser, der keine Spur seiner Vorgehensweise hinterließ. Die Fingerabdrücke des Toten decken sich mit denen eines Menachem-Mendel Shpilman, der in den letzten zehn Jahren sieben Mal wegen Drogenbesitzes unter einer Vielzahl von Decknamen festgenommen wurde, darunter Wilhelm Steinitz, Aron Nimzovitch und Richard Réti. So viel ist klar, mehr nicht.
Landsman überlegt, ob er sich ein Bier bestellen soll, duscht jedoch stattdessen heiß. Der Alkohol hat ihn im Stich gelassen, bei dem Gedanken an Nahrung dreht sich ihm der Magen um, und, jetzt mal ehrlich, wenn er sich jemals wirklich hätte umbringen wollen, hätte er es längst getan. Gut, die Arbeit ist ein Witz; aber sie bleibt Arbeit. Das ist der wahre Inhalt des Akkordeonordners, den Bina ihm mitgebracht hat, ihre Botschaft an ihn über die tiefe Schlucht von Abteilungspolitik, ehelicher Entfremdung und die entgegengesetzten Vektoren ihrer Karrieren hinweg: Mach einfach weiter.
Landsman befreit seinen letzten sauberen Anzug aus dem Plastiksack, rasiert sich und bringt das Gewebe seines Filzhuts mit der Bürste zum Glänzen. Er hat heute keinen Dienst, aber Dienst zu haben bedeutet nichts, heute bedeutet nichts, nichts bedeutet irgendetwas außer einem sauberen Anzug, drei Broadways, dem Schwindel des Katers direkt hinter seinen Augen, dem Murmeln der Bürste auf dem whiskybraunen Filz des Hutes. Und, na gut, vielleicht die Spur von Binas Geruch im Hotelzimmer, ihres säuerlichen Kragens, ihrer Eisenkrautseife, des Majorandufts ihrer Achselhöhlen. Als Landsman mit dem Aufzug nach unten fährt, hat er das Gefühl, im letzten Moment aus dem näher rasenden Schatten eines hinabstürzenden Klaviers getreten zu sein, ein jazziges Schallen im Ohr. Der Knoten seiner gold-grünen Ripskrawatte drückt ihm auf den Kehlkopf, so wie ein Skrupel sein Schuldbewusstsein drückt, eine Erinnerung daran, dass er lebt. Sein Hut glänzt wie ein Seehundfell.
Die Max Nordau Street wurde nicht gepflügt; die Straßenarbeiter von Sitka, zu einem Rumpftrupp zusammengestrichen, beschränken sich auf Durchgangsstraßen und Autobahn. Landsman lässt seinen Super Sport in der Obhut des Parkhauswächters, nachdem er seine Gummigaloschen aus dem Kofferraum geholt hat. Dann stapft er vorsichtig durch die fußhohen Schneewehen zu Mabuhay Donuts auf der Monastir Street.
Der chinesische Donut nach Filipinoart, auch Schtekele genannt, ist das großartigste Geschenk des Distrikts Sitka an die Leckermäuler dieser Welt. In seiner jetzigen Form ist er auf den Philippinen nicht zu finden. Kein chinesischer Esser würde in ihm ein Produkt der heimischen Garküchen erkennen. Wie der sumerische Sturmgott Jahwe wurde das Schtekele nicht von den Juden erfunden, aber ohne die Juden und ihre Begierden würde sich die Welt weder Gottes noch des Schtekeles brüsten können. Ein nicht richtig süßes, nicht richtig salziges Röllchen frittierten Teigs, in Zucker gewälzt, außen knusprig, innen zart und durchsetzt von Luftblasen, stippt man das Schtekele in einen Pappbecher milchigen Tees, schließt die Augen und glaubt zehn fette Sekunden lang, eine flüchtige Ahnung von etwas Besserem zu bekommen.
Der verborgene Meister der chinesischen Donuts nach Filipinoart ist Benito Taganes, Inhaber und König der blubbernden Bottiche im Mabuhay. Der Laden — düster, eng, von der Straße aus unsichtbar — hat die ganze Nacht über geöffnet. Nach Geschäftsschluss nimmt er das Treibgut aus Bars und Cafés auf, versammelt die Bösen und die Schuldigen an seinem abgeplatzten Resopaltresen und summt vom Getratsch der Verbrecher, Polizisten, Schtarker und Schlemiele, Huren und Nachteulen. Wenn das Fett in den Fritteusen applaudiert, die Lüftung brüllt und der Streetblaster die todunglücklichen kundimans aus Benitos Kindheit in Manila plärrt, rückt die Kundschaft mit ihren Geheimnissen heraus. Eine goldene Wolke koscheren Öls hängt in der Luft und täuscht die Sinne. Wer könnte schon beim Blubbern des koscheren Fetts und dem Wehklagen von Diomedes Naturan jemanden belauschen? Doch Benito Taganes lauscht, und er vergisst nichts. Benito könnte einen Stammbaum von Alexei Lebed zeichnen, dem Häuptling der Russenmafia, nur bestände der nicht aus Großeltern und Nichten, sondern aus Kassierern, Killern und Briefkastenfirmen. Er könnte ein kundiman der Ehefrauen singen, die ihren einsitzenden Gatten treu blieben, und der Männer, die ihre Strafe absitzen, weil sie von ihren Frauen verpfiffen wurden. Er weiß, wer den Kopf von Furry Markov in der Garage aufbewahrt und welcher Inspector aus dem Rauschgiftdezernat auf der Lohnliste von Anatoly Moskowits, dem wilden Tier, steht. Bloß weiß außer Landsman niemand, dass Benito es weiß.
»Ein Donut, Reb Taganes«, sagt Landsman, als er aus der Gasse hineingestapft kommt und die Schneekruste von seinen Überschuhen schüttelt. Der Samstagnachmittag in Sitka liegt tot da wie ein gescheiterter Messias in seinem Lumpentuch aus Schnee. Es war niemand auf dem Gehsteig, kaum ein Auto auf der Straße. Aber hier bei Mabuhay Donuts lehnen sich drei oder vier Betrunkene vor dem nächsten Saufgelage, Zugvögel und Einzelgänger gegen die funkelnde, geharzte Theke, saugen den Tee aus ihrem Schtekele und arbeiten an der Berechnung ihres nächsten großen Fehlers.
»Nur einen?«, fragt Benito. Er ist ein gedrungener, dicker Mann mit der Hautfarbe des von ihm verkauften milchigen Tees, seine Wangen sind pockig wie zwei dunkle Monde. Er hat schwarzes Haar, obwohl er über siebzig ist. Als junger Mann war er auf Luzon Meister im Fliegengewicht, und mit seinen dicken Fingern und den tätowierten, salamiartigen Unterarmen hält man ihn für einen harten Burschen, was den Anforderungen seines Geschäfts entgegenkommt. Seine großen karamellbraunen Augen jedoch verraten ihn, deshalb ist sein Blick überschattet. Doch Landsman hat in sie hineingeschaut. Um sich einen Schanker zu halten, muss man auch in der ausdruckslosesten Visage das gebrochene Herz erkennen. »Sieht aus, als könnten Sie einen oder drei mehr vertragen, Detective.«
Mit dem Ellenbogen schiebt Benito den Neffen oder Cousin beiseite, den er an die Friteuse gestellt hat, und senkt schlangenbeschwörerisch ein Seil rohen Teigs ins Fett. Wenige Minuten später hält Landsman ein straff gewickeltes Papierpaket Himmel in der Hand.
»Ich habe die Informationen über die Tochter von Olivias Schwester«, nuschelt Landsman an einem warmen, zuckrigen Bissen vorbei.
Benito zapft eine Tasse Tee für Landsman und nickt in Richtung Gasse. Er zieht seinen Anorak über. Sie gehen nach draußen. Benito hakt einen Schlüsselbund aus seiner Gürtelöse und schließt eine Eisentür zwei Eingänge hinter Mabuhay Donuts auf. Dort hält sich Benito seine Geliebte Olivia in drei kleinen, ordentlichen Zimmern mit einem Warhol-Porträt der Dietrich an der Wand und dem bitteren Geruch von Vitaminen und verfaulten Gardenien in der Luft. Olivia ist nicht da. Die Dame ist in letzter Zeit immer häufiger im Krankenhaus, stirbt abschnittweise, am Ende jedes Kapitels ist ihr Überleben fraglich. Benito winkt Landsman in einen roten Ledersessel mit weißen Biesen. Natürlich hat Landsman keine Information für Benito über irgendeine Tochter von Olivias Schwester. Und Olivia ist eigentlich keine Dame, aber Landsman ist der Einzige, der dieses Geheimnis des Donutkönigs Benito Taganes kennt. Vor Jahren bedrängte ein Serienvergewaltiger namens Kohn Miss Olivia Lagdameo und fand ihr Geheimnis heraus. Die zweite große Überraschung für Kohn war in jener Nacht das zufällige Auftauchen des Streifenbeamten Landsman. Was Landsman mit Kohns Gesicht anstellte, führte dazu, dass der Mamser für den Rest seines Lebens nur noch undeutlich sprechen konnte. Also sorgt nicht das Geld, sondern eine Mischung aus Dankbarkeit und Scham dafür, dass die Informationen von Benito zu dem Mann fließen, der Olivia rettete.
»Schon mal was über den Sohn von Heskel Shpilman gehört?«, fragt Landsman und stellt Donuts und Teebecher ab. »Mendel heißt er.«
Benito steht da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, wie ein Junge, der in der Schule ein Gedicht aufsagen muss.
»Im Laufe der Jahre«, sagt er. »Dies und das. Junkie, oder?«
Landsman hebt lediglich eine struppige Augenbraue um fünf Millimeter. Fragen eines Schtinkers beantwortet man nicht, schon gar keine rhetorischen.
»Mendel Shpilman«, entscheidet sich Benito. »Hab ich vielleicht ein paar Mal gesehen. Lustiger Kerl. Spricht ein bisschen Tagalog. Singt ein kleines Filipino-Lied. Was ist passiert, ist er nicht tot?«
Immer noch schweigt Landsman, obwohl er Benny Taganes mag und es ihm immer etwas unhöflich vorkommt. Um sein Schweigen zu tarnen, greift er zum Schtekele und beißt ab. Die Hitze ist fort, aber das Gebäck ist noch warm und duftet nach Vanille, und die Kruste knirscht zwischen den Zähnen wie die Karamellglasur auf einer Schüssel Vanillepudding. Während der Bissen in Landsmans Mund verschwindet, beobachtet Benito ihn mit der abschätzenden Kühle eines Dirigenten bei der Probe eines Flötisten.
»Der ist gut, Benny.«
»Keine Beleidigung, Detective, ich bitte Sie.«
»Sorry, Benny.«
»Ich weiß, dass der gut ist.«
»Der Beste.«
»Nichts in Ihrem Leben kommt da nur entfernt dran.«
Damit trifft er den Nagel so auf den Kopf, dass die Erkenntnis Landsman stechende Tränen in die Augen treibt, und um das zu überspielen, isst er noch einen Donut.
»Jemand hat den Jid gesucht«, sagt Benito in seinem rauen, flüssigen Jiddisch. »Vor zwei, drei Monaten. Zwei oder drei Jemande.«
»Haben Sie die Jemande gesehen?«
Benito zuckt mit den Achseln. Seine Taktik und Arbeitsweise bleiben für Landsman ein Mysterium, ebenso seine Cousins und Neffen und das von ihm eingesetzte Netzwerk von Sub-Schtinkern.
»Jemand hat sie gesehen«, sagt er. »Vielleicht war ich es.«
»Waren es Schwarzhüte?«
Benito denkt länger über die Frage nach, und Landsman merkt, dass sie ihn auf eine Weise quält, die irgendwie akademisch, fast vergnüglich ist. Dann schüttelt er langsam und entschieden den Kopf.
»Keine Schwarzhüte«, sagt er. »Aber sie hatten Bärte.«
»Bärte? Meinen Sie, es waren religiöse Männer, oder was?«
»Kleine Jarmulkes. Gestutzte Bärte. Junge Männer.«
»Russen? Mit Akzent?«
»Wenn ich von diesen jungen Männern gehört habe, dann hat der, der davon erzählt hat, nichts von einem Akzent erwähnt. Wenn ich sie selbst gesehen habe, dann kann ich mich nicht erinnern, tut mir leid. Hey, was ist los, Detective, warum schreiben Sie nicht mit?«
Zu Beginn ihrer Zusammenarbeit nahm Landsman Benitos Informationen demonstrativ immer sehr ernst. Jetzt fischt er seinen Block hervor und kritzelt ein, zwei Zeilen hinein, nur damit der Donutkönig glücklich ist. Er weiß nicht, was er davon halten soll, von zwei oder drei ordentlichen jungen Juden, religiös, aber keine Schwarzhüte.
»Und was genau wollten Sie bitte wissen?«, fragt er.
»Aufenthaltsort. Informationen.«
»Haben sie die bekommen?«
»Nicht bei Mabuhay Donuts. Nicht von einem Taganes.«
Benitos Shoyfer klingelt. Er klappt es auf und drückt es ans Ohr. Jegliche Härte verlässt die Falten um seinen Mund. Nun passt sein Gesicht zu seinen Augen, weich, überbordend vor Gefühl. Zärtlich quasselt er auf Tagalog los. Landsman hört den tiefen Klang seines eigenen Nachnamens.
»Wie geht es Olivia?«, fragt er Benito, als der aufgelegt und eine Kelle kalten Gipses in die Form seines Gesichts geschöpft hat.
»Sie kann nicht mehr essen«, sagt Benito. »Keine Schtekele mehr.«
»Das ist schade.«
Sie sind durch. Landsman steht auf, lässt den Block in seiner Jackentasche verschwinden und schiebt sich den letzten Bissen in den Mund. Er ist stärker und glücklicher, als er sich seit Wochen oder vielleicht Monaten gefühlt hat. Der Tod von Mendel Shpilman hat etwas, es ist eine Geschichte, an der er sich festhalten kann, sie schüttelt den Staub und die Spinnweben von ihm ab. Oder es liegt doch am Donut. Sie steuern auf die Tür zu, da legt Benito die Hand auf Landsmans Arm.
»Warum fragen Sie mich nicht noch etwas, Detective?«
»Was soll ich denn noch fragen, Benny?« Landsman runzelt die Stirn, verfällt etwas zweifelnd auf eine Frage. »Haben Sie heute vielleicht etwas gehört? Etwas von Verbov Island?« Es ist schwer vorstellbar, aber nicht undenkbar, dass die Nachricht vom Verbover Missfallen über Landsmans Besuch beim Rebbe bereits Benitos Ohren erreicht hat.
»Verbov Island? Nein, was anderes. Sie suchen doch noch den Zilberblat.«
Viktor Zilberblat ist einer von elf offenen Fällen, die Landsman und Berko jetzt effektiv lösen sollen. Zilberblat wurde im vergangenen März im Nachtasyl, dem alten deutschen Viertel, vor dem Gasthaus Hofbräu erstochen, nur wenige Häuserblocks entfernt. Das Messer war klein und stumpf, der Mord wirkte laienhaft.
»Der Bruder wurde gesehen«, sagt Benito Taganes. »Rafi. Schlich herum.«
Es tat niemandem leid, Viktor zu verlieren, am wenigsten seinem Bruder Rafael. Viktor hatte Rafael misshandelt, betrogen und gedemütigt und sich schließlich mit dessen Geld und Frau abgesetzt. Nach Viktors Tod verließ Rafael die Stadt mit unbekanntem Ziel. Zwei halbwegs zuverlässige Zeugen behaupten, er sei zwei Stunden vor beziehungsweise nach der wahrscheinlichen Tatzeit vierzig Meilen vom Nachtasyl entfernt gewesen. Aber Rafi Zilberblat hat eine lange, monotone Polizeiakte, und er käme gerade sehr gelegen, überlegt Landsman, angesichts des abgesenkten Beweisstandards, den die neue Dezernatspolitik mit sich bringt.
»Schlich wohin?«, fragt Landsman. Die Information ähnelt einem heißen Schluck schwarzen Kaffees. Landsman hat das Gefühl, sich gleich einer hundert Pfund schweren Schlange um Rafi Zilberblats Freiheit zu winden.
»Dieser Big-Macher-Laden, den es nicht mehr gibt, oben bei Granite Creek. Zilberblat wurde gesehen, wie er da rein- und rausschlich. Hatte Sachen dabei. Propangasflasche. Vielleicht wohnt er in dem leeren Laden.«
»Danke, Benny«, sagt Landsman. »Ich guck mal nach.«
Landsman beginnt, sich aus dem Apartment zu schieben. Benito Taganes hält ihn am Ärmel fest. Mit väterlicher Hand streicht er über Landsmans Mantelkragen. Er bürstet die Zimtzuckerkrümel fort.
»Ihre Frau«, sagt er. »Wieder da!«
»In all ihrer Herrlichkeit.«
»Nette Frau. Viele Grüße.«
»Ich sag ihr, dass sie mal vorbeikommen soll.«
»Nein, Sie sagen ihr nichts, Detective«, grinst Benito. »Sie ist jetzt Ihr Chef.«
»Sie war schon immer mein Chef, Benny«, sagt Landsman. »Jetzt ist es bloß offiziell.«
Das Grinsen verblinzelt, und Landsman wendet den Blick von Benito Taganes’ trauernden Augen ab. Benitos Lady ist jetzt eine stimmlose, schattenhafte kleine Frau, aber in ihrer Blütezeit benahm sich Miss Olivia wie der Chef der halben Welt.
»Besser für Sie«, sagt Benito. »Brauchen Sie.«