Eine dunkle Höhle, beleuchtet von blauen Dioden. Kühl, trocken, der Duft eines Zitronendeodorants. Landsman spürt in sich einen Nachhall dieses Geruchs, einen zitronigen Hauch grenzenloser Hoffnung und Energie. Das hier ist vielleicht das Dümmste, was er je getan hat, aber es musste getan werden, und das Gefühl, es getan zu haben, ist fürs Erste die Antwort auf die einzige Frage, die er zu stellen weiß.
»Wir haben Ginger Ale«, sagt die Königin von Verbov Island. Sie sitzt, gefaltet wie ein Zierteppich, zusammengerollt in der schattenhaften hinteren Ecke. Ihr Kleid ist einfach, aber aus gutem Stoff, und im Futter ihres Regenmantels blitzt ein modisches Logo. »Trinken Sie, ich will nicht.«
Doch Landsman widmet all seine Aufmerksamkeit dem ins Wageninnere weisenden Sitz neben dem Chauffeur, wo der wahrscheinlichste Quell von Ärger lauert. Dort sitzen ein Meter achtzig und vielleicht zweihundert Pfund Weiblichkeit in einem schwarzen Haifischhautanzug und einem reinweißen, kragenlosen Hemd. Die Augen dieser furchterregenden Person sind grau und hart. Sie erinnern Landsman an die Rücken von zwei angelaufenen Löffeln. Die Frau trägt einen weißen Knopf im Ohr, dessen Befestigung sich um den Flansch ihres linken Ohres windet. Ihr tomatenrotes Haar ist so kurz wie das eines Mannes.
»Ich wusste gar nicht, dass es Rudashevskys auch in weiblicher Ausführung gibt«, sagt Landsman. Im Raum zwischen den gegenüberliegenden Sitzbänken kauert er auf den Zehen.
»Das ist Shprintzl«, sagt seine Gastgeberin im Fond des Wagens. Dann hebt Batsheva Shpilman den Schleier. Ihr Körper ist zerbrechlich, vielleicht sogar hager, aber der Grund dafür kann nicht ihr Alter sein, denn ihr fein geschnittenes Gesicht ist zwar eingefallen, aber glatt und wunderschön anzusehen. Sie hat weit auseinanderstehende Augen von einem Blau, das halb herzzerreißend, halb verhängnisvoll ist. Ihre Lippen sind ungeschminkt und doch voll und rot. Die Nüstern ihrer langen, geraden Nase sind geschwungen wie zwei Flügel. Ihr Gesicht ist so ausdrucksstark und lieblich und ihre Gestalt so verfallen, dass ihr Anblick verstörend wirkt. Wie ein fremdartiger Parasit sitzt ihr Kopf auf dem geäderten Hals und zehrt von ihrem Körper. »Ich möchte, dass Sie sich darüber im Klaren sind, dass Shprintzl Sie noch nicht umgebracht hat.«
»Vielen Dank, Shprintzl«, sagt Landsman.
»No problem«, sagt Shprintzl Rudashevsky. Ihre Stimme erinnert an eine in einem Eimer rollende Zwiebel.
Batsheva Shpilman weist auf das andere Ende der Rückbank. Ihre Hand ist in schwarzen Samt gehüllt, an der Manschette mit drei schwarzen Samenperlen geknöpft. Landsman nimmt ihren Vorschlag an und erhebt sich. Der Sitz ist sehr bequem. Er fühlt den kalten Schweiß eines imaginären Highballs an seinen Fingerspitzen.
»Außerdem hat sie keinen ihrer Brüder oder Cousins in den anderen Wagen benachrichtigt, obwohl sie, wie Sie sehen können, mit ihnen über Funk verbunden ist.«
»Eng verbundener Haufen, diese Rudashevskys«, sagt Landsman, doch er versteht, was sie ihm damit sagen will. »Sie möchten mit mir sprechen.«
»Ach ja?«, sagt Batsheva Shpilman, und ihre Lippen erwägen kurz, sich ein wenig zu heben, entscheiden sich aber dagegen. »Sie waren es doch, der sich Zutritt zu meinem Wagen verschafft hat.«
»Ach, das ist ein Auto? Mein Fehler, ich dachte, es wäre die Linie 61.«
Shprintzl Rudashevskys breites Gesicht bekommt eine philosophische, ja mystische Leere. Sie sieht aus, als mache sie sich in die Hose und genieße die Wärme.
»Sie fragen nach Ihnen, meine Liebe«, sagt sie mit krankenschwesternhafter Zärtlichkeit zu der älteren Frau. »Sie wollen wissen, ob alles in Ordnung ist.«
»Sag ihnen, es geht mir gut, Shprintzele. Sag ihnen, wir sind auf dem Heimweg.« Sie wendet ihre sanften Augen Landsman zu. »Wir setzen Sie an Ihrem Hotel ab. Ich möchte es sehen.« Sie sind von einer Farbe, die er noch nie gesehen hat, diese Augen, ein Blau, das man nur in Vogelfedern oder Bleiglasfenstern findet. »Ist Ihnen das recht, Detective Landsman?«
Landsman erwidert, dass es ihm sehr recht sei. Während Shprintzl Rudashevsky in ihr unsichtbares Mikrofon murmelt, lässt ihre Arbeitgeberin die Trennwand herunter und nennt dem Chauffeur einen Weg, der sie zur Ecke von Max Nordau Street und Berlevi Street führen wird.
»Sie sehen aus, als hätten Sie Durst, Detective«, sagt sie, als sie die Trennwand wieder hochfährt. »Wollen Sie ganz bestimmt kein Ginger Ale? Shprintzele, gib dem Herrn doch ein Glas Ginger Ale.«
»Danke, Ma’am, ich habe keinen Durst.«
Batsheva Shpilmans Augen weiten sich, verengen sich, weiten sich wieder. Sie macht eine Bestandsaufnahme von Landsman, gleicht sie mit dem ab, was sie weiß oder gehört hat. Ihre Musterung ist rasch und schonungslos. Wahrscheinlich würde sie einen guten Polizisten abgeben.
»Nicht auf Ginger Ale«, sagt sie.
Sie biegen ab auf die Lincoln und rollen an der Küste entlang in Richtung Untershtot, vorbei an Oysshtelung Island und dem gebrochenen Versprechen des Safety Pin. In neun Minuten werden sie das Hotel Zamenhof erreichen. Batsheva Shpilmans Augen ertränken Landsman in einem Glas Äther. Mit Nadeln heften sie ihn auf eine Pinnwand.
»Klar, sicher, warum nicht?«, sagt Landsman.
Shprintzl Rudashevsky reicht ihm eine kalte Flasche Ginger Ale. Landsman hält sie sich an die Schläfe, nimmt einen Schluck und kämpft ihn im Bewusstsein seiner medizinischen Wirkung hinunter.
»Seit fünfundvierzig Jahren habe ich nicht mehr so nahe neben einem Fremden gesessen, Detective«, sagt Batsheva Shpilman. »Das ist sehr falsch. Ich sollte mich schämen.«
»Besonders angesichts Ihrer Wahl männlicher Begleiter«, sagt Landsman.
»Darf ich?« Sie lässt den schwarzen Moire herunter. Ihr Gesicht nimmt nicht länger an der Unterhaltung teil. »So fühle ich mich wohler.«
»Wie Sie möchten.«
»Nu«, sagt sie. Der Schleier stößt ihren Atem aus. »Gut. Ja, ich wollte mit Ihnen sprechen.«
»Ich wollte auch mit Ihnen sprechen.«
»Warum? Glauben Sie, dass ich meinen Sohn getötet habe?«
»Nein, Ma’am, das glaube ich nicht. Aber ich hoffte, Sie wüssten vielleicht, wer es war.«
»Aha!«, verkündet sie mit einem tiefen Zittern in der Stimme, als hätte sie Landsman ertappt. »Er wurde also ermordet.«
»Ähm, ja, hm, wurde er, Ma’am. Hat Ihr — was hat Ihnen Ihr Mann denn gesagt?«
»Was mein Mann mir sagt«, sagt sie und es klingt rhetorisch, wie der Titel eines sehr schmalen Traktats. »Sind Sie verheiratet, Detective?«
»War ich.«
»Scheiterte die Ehe?«
»Ich schätze, so kann man es am besten ausdrücken.« Kurz denkt er nach. »Ich schätze, man kann es gar nicht anders ausdrücken.«
»Meine Ehe ist ein voller Erfolg«, sagt sie ohne eine Spur von Prahlerei oder Stolz. »Verstehen Sie, was das bedeutet?«
»Nein, Ma’am«, sagt Landsman. »Da bin ich mir nicht ganz sicher.«
»In jeder Ehe gibt es gewisse Dinge«, beginnt sie. Sie schüttelt den Kopf, einmal, und der Schleier zittert. »Einer meiner Enkel war heute bei mir zu Hause, vor der Beerdigung. Neun Jahre alt. Ich habe ihm den Fernseher angemacht, im Nähraum, man soll das eigentlich nicht tun, aber egal, der kleine Schejgetz langweilte sich. Ich habe mich zehn Minuten zu ihm gesetzt und mitgeschaut. Es lief ein Trickfilm, der mit dem Wolf, der immer den blauen Hahn jagt.«
Landsman sagt, dass er die Sendung kenne.
»Dann wissen Sie ja«, sagt sie, »wie der Wolf immer durch die Luft rennt. Er kann fliegen, aber nur solange er glaubt, auf dem Boden zu sein. Sobald er nach unten guckt und sieht, wo er sich befindet, sobald er also versteht, was los ist, fällt er herunter.«
»Habe ich gesehen«, sagt Landsman.
»So ist es auch in einer erfolgreichen Ehe«, sagt die Frau des Rabbis. »Seit fünfzig Jahren laufe ich durch die Luft. Ohne nach unten zu sehen. Abgesehen von dem, was Gott fordert, spreche ich nicht mit meinem Gatten, Detective. Und umgekehrt.«
»Meine Eltern haben das auch so gelöst«, sagt Landsman. Er fragt sich, ob es mit ihm und Bina länger gehalten hätte, wenn sie diese traditionelle Herangehensweise versucht hätten. »Nur kümmerten sie sich nicht sehr um Gottes Forderungen.«
»Ich habe durch meinen Schwiegersohn Aryeh von Mendels Tod erfahren. Und dieser Mann erzählt mir nichts als Lügen.«
Landsman hört, wie jemand auf einem Lederkoffer herumspringt. Es stellt sich heraus, dass es der Klang von Shprintzl Rudashevskys Lachen ist.
»Weiter«, sagt Mrs. Shpilman. »Erzählen Sie bitte weiter.«
»Also weiter. Nu. Ihr Sohn wurde erschossen. Auf eine Weise, die … nun, um ehrlich zu sein, Ma’am, er wurde hingerichtet.« Beim Aussprechen des letzten Wortes ist Landsman froh um den Schleier. »Von wem, können wir nicht sagen. Wir haben erfahren, dass einige Männer, zwei oder drei, nach Mendel suchten, nach ihm fragten. Diese Männer waren vielleicht nicht besonders nett. Das war vor ein paar Monaten. Wir wissen, dass er bei seinem Tod Heroin im Körper hatte. Das heißt, am Ende spürte er nichts. Keine Schmerzen, meine ich.«
»Nichts, meinen Sie«, korrigiert sie ihn. Zwei Flecke, schwärzer als schwarze Seide, breiten sich auf dem Schleier aus. »Weiter.«
»Es tut mir leid, Ma’am. Das mit Ihrem Sohn. Das hätte ich direkt am Anfang sagen sollen.«
»Ich bin froh, dass Sie es nicht getan haben.«
»Wir glauben, es war kein Amateur, der Ihrem Sohn das zugefügt hat. Aber sehen Sie, Mrs. Shpilman, ich gebe zu, dass wir seit Freitagmorgen mit unseren Ermittlungen im Todesfall Ihres Sohnes mehr oder weniger auf der Stelle treten.«
»Sie sprechen immer von ›wir‹«, sagt sie. »Damit meinen Sie natürlich Sitka Central.«
Jetzt würde er gerne ihre Augen sehen können. Denn er hat das untrügliche Gefühl, dass sie mit ihm spielt. Dass sie weiß, dass er kein Recht und keine Vorgesetzten im Rücken hat.
»Nicht ganz«, sagt Landsman.
»Die Mordkommission.«
»Nein.«
»Sie und Ihren Kollegen.«
»Auch nicht.«
»Also, dann bin ich ein wenig verwirrt, Detective«, sagt sie. »Wer ist dieses ›wir‹, das bei der Ermittlung im Todesfall meines Sohnes nicht weiterkommt?«
»In diesem Moment? Ich … hmm … es ist eine Art theoretische Untersuchung.«
»Aha.«
»Durch eine unabhängige Einrichtung.«
»Mein Schwiegersohn«, sagt sie, »behauptet, Sie seien suspendiert worden, weil Sie auf die Insel gekommen sind. Zu uns ins Haus. Weil Sie meinen Gatten beleidigt haben. Ihm vorwarfen, Mendel ein schlechter Vater gewesen zu sein. Aryeh hat mir gesagt, Detective, dass Ihnen sogar der Dienstausweis abgenommen wurde.«
Landsman rollt die kühle Säule der Ginger-Ale-Flasche über seine Stirn.
»Ja, hm. Diese Einrichtung, von der ich eben sprach«, sagt Landsman. »Die stellt vielleicht keine Dienstausweise aus.«
»Nur Theorien.«
»Genau.«
»Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel. Gut, hier ist eine: Sie hatten gelegentlich, vielleicht sogar regelmäßig Kontakt zu Mendel. Sie hörten von ihm. Sie wussten, wo er war. Hin und wieder rief er bei Ihnen an. Er schickte Ihnen Postkarten. Vielleicht trafen Sie sich sogar von Zeit zu Zeit mit ihm, heimlich. Diese geheime Fahrt, die Sie und Freundin Rudashevsky mir netterweise angedeihen lassen, beispielsweise, die bringt mich irgendwie auf diesbezügliche Gedanken.«
»Ich habe meinen Sohn, meinen Mendel, seit über zwanzig Jahren nicht gesehen«, sagt sie. »Und werde es auch nie wieder.«
»Aber warum, Mrs. Shpilman? Was ist passiert? Warum hat er die Verbover verlassen? Was hat er getan? Gab es einen offenen Bruch? Einen Streit?«
Eine geschlagene Minute antwortet sie nicht, so als kämpfe sie gegen die alte Gewohnheit an, niemandem ein Wort über Mendel zu sagen, schon gar nicht einem profanen Polizisten. Vielleicht kämpft sie aber auch gegen das wachsende Gefühl der Freude, die es ihr gegen ihren Willen bereiten wird, sich laut vernehmlich ihres Sohnes zu erinnern.
»So eine gute Partie hatte ich für ihn gefunden«, sagt sie.