37.

»Ich muss mit Katherine Sweeney sprechen«, sagt Bina ins Telefon. Sweeney, die stellvertretende Staatsanwältin der Vereinigten Staaten, ist ehrlich und kompetent und hört sich möglicherweise an, was Bina zu sagen hat. Landsmans Hand schießt über den Schreibtisch, mit einer Fingerspitze unterbricht er die Verbindung. Bina starrt ihn mit einem langsamen Flügelschlag ihrer Augenlider an. Er hat sie überrascht. Eine seltene Leistung.

»Die stecken dahinter«, sagt Landsman mit dem Finger auf der Taste.

»Kathy Sweeney steckt dahinter?«, fragt Bina, den Hörer noch immer am Ohr.

»Hm, nein. Das glaube ich nicht.«

»Die amerikanische Staatsanwaltschaft in Sitka steckt dahinter?«

»Vielleicht. Nein, wahrscheinlich nicht.«

»Aber das Justizministerium schon, meinst du.«

»Ja. Ich weiß nicht. Tut mir leid, Bina. Ich weiß einfach nicht, wie weit das geht.«

Binas Überraschung verblasst; ihr Blick ist ruhig und unerschrocken.

»Gut, Meyer. Jetzt hör mir mal zu. Als Erstes nimmst du deinen behaarten Ekelfinger von meinem Telefon.«

Landsman zieht das anstößige Gliedmaß zurück, bevor die Laserstrahlen aus Binas Augen es sauber am Knöchel durchtrennen können.

»Fass nie wieder mein Telefon an, Meyer.«

»Nie wieder.«

»Wenn die Geschichte wahr ist, die du mir da erzählt hast«, sagt Bina mit dem Tonfall eines Lehrers in einem Raum voller unterbelichteter Fünfjähriger, »dann muss ich das Kathy Sweeney sagen. Wahrscheinlich auch dem Außenministerium. Vielleicht muss ich mich sogar ans Verteidigungsministerium wenden.«

»Aber —«

»Ich weiß nämlich nicht, ob dir das bewusst ist, Meyer, aber das Heilige Land gehört nicht zu unserem Bezirk.«

»Sicher, Bina, natürlich. Aber hör zu. Irgendein einflussreicher Mensch, ein Mensch mit sehr viel Einfluss, hat sich an der Datenbank der Flugsicherheitsbehörde zu schaffen gemacht und die Akte verschwinden lassen. Und jemand mit großem Einfluss hat dem Rat der Tlingit versprochen, dass der Stamm den Distrikt zurückbekommt, wenn Litvak eine Weile von Peril Strait aus operieren darf.«

»Hat Dick das gesagt?«

»Er hat es angedeutet. Und bei allem Respekt vor den Lederers aus Boca Raton, aber ich bin mir sicher, dass diese einflussreichen Personen Schecks für die geheime Seite dieser Operation ausgestellt haben. Für die Ausbildungseinrichtung. Für Waffen und Unterhalt. Viehzucht. Die stecken dahinter.«

»Die amerikanische Regierung.«

»Das will ich damit sagen.«

»Weil sie der Meinung ist, es wäre eine richtig gute Idee, wenn eine Horde verrückter Jids in Palästina rumläuft, Schreine in die Luft jagt, Messias folgt und den Dritten Weltkrieg auslöst.«

»Die Regierung ist so irre, Bina. Das weißt du. Vielleicht hofft sie sogar auf den Dritten Weltkrieg. Vielleicht will sie einen neuen Kreuzzug anzetteln. Vielleicht glaubt sie, Jesus kommt zurück, wenn das alles passiert. Oder vielleicht hat es nichts mit alldem zu tun, sondern es geht nur um Öl, wer weiß, um Versorgungssicherheit bis in alle Ewigkeit. Ich weiß es nicht.«

»Eine Regierungsverschwörung, Meyer.«

»Ich weiß, wie sich das anhört.«

»Sprechende Hühner, Meyer.«

»Tut mir leid.«

»Du hast es versprochen.«

»Ich weiß.«

»Wenn du wieder mit deinem Auto anfängst«, sagt sie, »muss ich dir in den Arsch treten. Und wenn du noch einmal mein Telefon anfasst, Meyer, erschieße ich dich.«

Sie greift zum Hörer und ruft die stellvertretende Staatsanwältin an.

»Bina, bitte! Leg den Hörer auf.«

»Ich bin mit dir in vielen dunklen Ecken gewesen, Meyer Landsman«, sagt sie. »Aber in diese komme ich nicht mit.«

Landsman findet, dass er ihr deswegen keinen Vorwurf machen kann.

Als Sweeney ans Telefon geht, informiert Bina sie über die Eckpfeiler von Landsmans Märchen: Ein Verbover und eine Gruppe messianischer Juden haben sich zusammengetan und bereiten ein Attentat auf einen wichtigen muslimischen Schrein in Palästina vor. Das Übernatürliche und die rein spekulativen Elemente lässt Bina aus. Den Tod von Naomi Landsman und Mendel Shpilman erwähnt sie nicht. Sie lässt es gerade so weit hergeholt klingen, dass es noch glaubhaft ist.

»Ich muss sehen, ob wir vielleicht diesen Litvak aufspüren können«, sagt sie zu Sweeney. »Gut, Kathy. Danke. Ich weiß, stimmt. Ich hoffe es.«

Bina legt auf. Sie nimmt eine Schneekugel mit der Skyline von Sitka vom Schreibtisch, schüttelt sie und schaut dem Schneetreiben zu. Alles andere hat sie aus dem Büro entfernt, den Nippes, die Fotos. Nur die Schneekugel ist noch da, und an der Wand hängen gerahmt ihre Schaffelle. Ein Gummibaum, ein Ficus und eine weißgefleckte rosa Orchidee in einem grünen Glastopf. Alles ist noch immer so anziehend wie ein Bus von unten. Mittendrin sitzt Bina in einem neuen grimmigen Hosenanzug, das Haar aufgetürmt und mit Klammern, Gummibändern und anderen nützlichen Utensilien aus ihrer Schreibtischschublade vor der Auflösung bewahrt.

»Sie hat nicht gelacht«, sagt Landsman. »Oder?«

»Dafür ist sie nicht der Typ«, sagt Bina. »Nein, sie will mehr Informationen. Wie dem auch sei, ich hatte das Gefühl, dass sie den Namen Alter Litvak nicht zum ersten Mal hört. Sie meinte, wenn wir ihn finden, würde sie ihn vielleicht auch ganz gerne mal verhören.«

»Buchbinder«, sagt Landsman. »Dr. Rudolf Buchbinder. Du weißt schon, er kam gerade aus dem Polar-Shtern, als du reingingst.«

»Der Zahnarzt unten von der Ibn-Ezra Street?«

»Er hat mir erzählt, er würde nach Jerusalem umziehen«, sagt Landsman. »Ich hab gedacht, er redet wieder Blödsinn.«

»Dieses Institut soundso«, erinnert sich Bina.

»Mit M.«

»Mirjam.«

»Moriah.«

Sie geht an ihren Computer und findet im Verzeichnis der nicht im Telefonbuch gelisteten Nummern einen Eintrag des Instituts Moriah auf der Max Nordau Street 822, sechste Etage.

»Achthundertzweiundzwanzig«, sagt Landsman. »Hm.«

»Ist das nicht in deiner Gegend?« Bina wählt die gefundene Telefonnummer.

»Direkt gegenüber«, sagt Landsman und kommt sich ein wenig dumm vor. »Das Hotel Blackpool.«

»Anrufbeantworter«, sagt sie. Mit einer Fingerspitze unterbricht sie den Anruf und tippt vier Nummern ein. »Gelbfish hier.«

Sie ordnet an, die Türen und Eingänge des Hotel Blackpool von Streifenpolizisten und Zivilbeamten observieren zu lassen.

Dann legt sie den Hörer wieder auf die Gabel und betrachtet ihn.

»Gut«, sagt Landsman. »Gehen wir.«

Aber Bina bewegt sich nicht. Sie sitzt einfach da und starrt auf das Telefon.

»Weißt du, es war schön, ohne deinen ganzen Schwachsinn zu leben, Meyer. Mir nicht vierundzwanzig Stunden am Tag deine Landsmania anhören zu müssen.«

»Ich beneide dich darum«, sagt Landsman.

»Hertz, Berko, deine Mutter, dein Vater. Ihr alle.« Auf Englisch fügt sie hinzu: »Verfluchter Haufen von kranken Spinnern.«

»Ich weiß.«

»Naomi war die einzig Normale in deiner Familie.«

»Das hat sie auch immer über dich gesagt«, sagt Landsman. »Nur meinte sie immer: ›in der Welt‹.«

Zwei kurze Klopfer an der Tür. Landsman steht auf, weil er denkt, es sei Berko.

»Hi«, sagt der Mann an der Tür. »Ich glaube, wir hatten noch nicht das Vergnügen.«

»Wer sind Sie?«, fragt Landsman.

»Ich bin Ihre Beerdigungsgesellschaft«, sagt der Mann in kläglichem, aber kraftvollem Jiddisch.

»Mr. Spade ist hier, um die Übergangsphase zu beaufsichtigen«, sagt Bina. »Ich glaube, ich habe Ihnen gesagt, dass er eventuell vorbeikommt, Detective Landsman.«

»Glaube ich auch.«

»Detective Landsman«, sagt Spade und fällt gnädig ins Englische zurück. »Der berüchtigte.«

Er ist nicht der schmerbäuchige Golfspieler, den Landsman erwartet hat. Er ist zu jung dafür, hat ein schlichtes Gesicht, breite Brust und Schultern. Spade trägt einen grauen Kammgarnanzug, darunter ein weißes Hemd mit einer Krawatte in getüpfeltem Videoblau. Sein Hals ist eine Ansammlung von Rasiernarben und vergessenen Barthaaren. Der sich vorwölbende Adamsapfel deutet auf unergründliche Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit hin. Im Revers trägt Spade eine Anstecknadel in Form eines stilisierten Fisches.

»Wie wäre es, wenn wir uns einmal kurz mit Ihrer Chefin zusammensetzen?«

»Gut«, sagt Landsman. »Aber ich bleibe lieber stehen.«

»Wie Sie wünschen, Detective. Aber wir müssen ja nicht in der Tür stehen bleiben.«

Landsman tritt zur Seite und winkt Spade hinein. Spade schließt die Tür.

»Detective Landsman, ich habe Grund zur Annahme«, beginnt Spade, »dass Sie eine ungenehmigte und — angesichts der Tatsache, dass Sie momentan suspendiert sind —«

»Bei voller Bezahlung«, sagt Landsman.

»— illegale Ermittlung in einem Fall durchführen, der offiziell zu den Akten gelegt wurde. Mit Hilfe von Detective Berko Shemets, ebenfalls ungenehmigt. Und wenn ich raten sollte, würde es mich nicht wundern, wenn sich herausstellte, dass auch Sie ihm geholfen haben, Inspector Gelbfish.«

»Sie ist mir eigentlich nur gehörig auf den Sack gegangen«, sagt Landsman. »Ehrlich gesagt. War überhaupt keine Hilfe.«

»Ich habe gerade die Staatsanwältin angerufen«, sagt Bina.

»Wirklich?«

»Vielleicht übernimmt sie den Fall.«

»Ach ja?«

»Er fällt nicht mehr in meinen Zuständigkeitsbereich. Es hat eine Drohung gegeben. Möglicherweise. Ein Ziel im Ausland wurde bedroht. Von Bewohnern dieses Distrikts.«

»Hm-m!« Spade schaut empört und zufrieden zugleich. »Eine Drohung? Nichts wie weg!«

Eine schwere, kalte Flüssigkeit sickert in Binas Blick, irgendetwas zwischen Quecksilber und Schlamm.

»Ich suche einen Mann namens Alter Litvak«, sagt sie, und eine große Müdigkeit zerrt an den Rändern ihrer Stimme. »Er hat möglicherweise mit dieser Drohung zu tun. Auf jeden Fall möchte ich gerne wissen, was er über den Mord an Mendel Shpilman weiß.«

»Aha«, sagt Spade liebenswürdig und vielleicht ein wenig zu geistesabwesend für jemanden, der vorgibt, sich für das Leben seines Gegenübers in allen Einzelheiten zu interessieren, während er im Internet seines Hirns surft. »Gut, aber, hm, die Sache ist so, Ma’am. In meiner Eigenschaft als — wie heißt das bei Ihnen noch mal? Der Mann von der … ähm … Beerdigungsgesellschaft, der bei dem Toten sitzen bleibt, wenn es ein Jude ist?«

»Den nennt man Schomer«, sagt Bina.

»Gut. In meiner Eigenschaft als Schomer hier vor Ort muss ich sagen: nein. Sie werden diese ganze Angelegenheit und auch Mr. Litvak in Ruhe lassen.«

Bina wartet lange, ehe sie etwas sagt. Die Müdigkeit in ihrer Stimme scheint nun in ihre Schultern, ihren Kiefer, in die Konturen ihres Gesichts zu fließen.

»Sind Sie darin verwickelt, Spade?«, fragt sie.

»Ich persönlich? Nein, Ma’am. Das Übergangsteam? Hm. Der Reversionsausschuss Alaskas? Ganz bestimmt nicht. Es ist so: Ich weiß nicht viel über diese Sache. Und das wenige, was ich weiß, darf ich nicht sagen. Ich bin im Personalmanagement, Inspector Gelbfish. Das ist meine Aufgabe. Und ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass, bei allem Respekt, schon zu viele Mittel auf diese Angelegenheit verschwendet wurden.«

»Das sind meine Mittel, Mr. Spade«, sagt Bina. »Zwei Monate kann ich noch mit jedem Zeugen reden, mit dem ich sprechen will. Ich kann verhaften, wen ich verhaften will.«

»Nicht, wenn die Staatsanwaltschaft Sie zurückpfeift.«

Das Telefon klingelt.

»Das ist bestimmt die Staatsanwaltschaft«, sagt Landsman.

Bina nimmt ab.

»Hallo, Kathy«, sagt sie. Eine Minute hört sie schweigend zu. Dann sagt sie: »Ich verstehe«, und legt auf. Ihre Stimme ist ruhig und ausdruckslos. Sie setzt ein angespanntes Lächeln auf und zieht demütig den Kopf ein, als sei sie vernichtend geschlagen worden. Landsman spürt, dass sie ihn absichtlich nicht anschaut, weil sie sonst ein klein wenig aufreißen könnte. Und er weiß, wie erzürnt Bina Gelbfish werden muss, bevor die ersten Tränen rollen.

»Und ich hatte alles so schön in die Wege geleitet«, sagt sie.

»Und ich kann dir sagen, das hier, das war ein Trümmerfeld, als du herkamst«, sagt Landsman.

»Ich wollte Ihnen alles so hübsch überreichen«, sagt Bina zu Spade. »Sauber verpackt. Ohne Krümel. Ohne lose Fäden.«

Sie hatte es so sorgfältig vorbereitet, hatte die Lorbeeren gesammelt, war denjenigen in den Arsch gekrochen, denen man hineinkriechen musste. Hatte die Ställe ausgefegt. Hatte Sitka Central in Geschenkpapier verpackt und sich selbst als dekorative Schleife obendrauf gesetzt.

»Ich hab sogar das scheußliche Sofa rausgeworfen«, sagt sie. »Was zum Teufel ist hier los, Spade?«

»Ich weiß es wirklich nicht, Ma’am. Und selbst wenn ich es wüsste, würde ich das Gegenteil behaupten.«

»Sie haben nur die Aufgabe sicherzustellen, dass an diesem Ende alles glattläuft.«

»Ja, Ma’am.«

»Und das andere Ende ist Palästina.«

»Ich weiß nicht viel über Palästina«, sagt Spade. »Ich komme aus Lubbock. Aber meine Frau ist aus Nacogdoches, das ist rund vierzig Meilen von der Stadt Palestine entfernt.«

Einen Augenblick schaut Bina ihn ausdruckslos an, dann erröten ihre Wangen, als sie versteht.

»Stehen Sie hier nicht herum und reißen Witze«, sagt sie. »Wagen Sie es nicht!«

»Nein, Ma’am«, sagt Spade, und jetzt ist es an ihm, ein wenig rot zu werden.

»Ich nehme meine Arbeit sehr ernst, Mister Spade. Und es wäre besser, das sage ich Ihnen, wenn Sie mich verdammt nochmal auch ernst nehmen würden.«

»Ja, Ma’am.«

Bina erhebt sich hinter dem Schreibtisch und nimmt ihren orangefarbenen Parka vom Haken.

»Ich werde Alter Litvak holen. Ihn vernehmen. Ihn möglicherweise verhaften. Wenn Sie mich aufhalten wollen, dann versuchen Sie es doch.« Mit schnaubendem Parka rauscht sie an dem völlig überrumpelten Spade vorbei. »Aber wenn Sie versuchen mich aufzuhalten, wird bei Ihnen nichts mehr glattlaufen. Das verspreche ich Ihnen.«

Und damit ist sie weg, eine Sekunde lang. Dann steckt sie den Kopf durch die Tür, zieht ihre grelle Jacke über.

»Hey, Jid«, ruft sie Landsman zu. »Ich könnte ein bisschen Unterstützung gebrauchen.«

Landsman setzt seinen Hut auf und folgt ihr. Auf dem Weg nach draußen nickt er Spade zu.

»Lobe den Herrn«, sagt Landsman.

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