12.

Das Strassenmuster auf dieser Insel ist zwar das gleiche wie in Sitka, rechtwinklig und durchnummeriert, aber abgesehen davon bist du hier geliefert, mein Schejner: gebeamt, teleportiert, durch das Wurmloch auf den Planeten der Juden geschleudert. Freitagnachmittag auf Verbov Island, und Landsmans Chevelle Super Sport gleitet durch die Wogen von Schwarzhüten auf der Avenue 225. Die fraglichen Hüte sind Filzexemplare mit hohen, eingedrückten Kronen und meilenbreiten Krempen, wie sie von Aufsehern in einem Plantagenmelodram bevorzugt werden. Die Frauen tragen Kopftücher und glänzende Perücken, gefertigt aus dem Haar armer Jüdinnen aus Marokko oder Mesopotamien. Ihre Mäntel und langen Kleider sind die feinsten Fetzen aus Paris und New York, ihre Schuhe der Stolz Italiens. Mit starker Krängung sausen Knaben auf Inlinern über die Gehwege, ein Wirbel aus Schals und Schläfenlocken, dazwischen blitzt das orangefarbene Futter ihrer wehenden Parkas. Durch lange Röcke zu tippelnden Schritten gezwungene Mädchen gehen Arm in Arm, heisere Flechtwerke junger Verboverinnen, radikal und ausgrenzend wie die Anhänger einer Philosophenschule. Der Himmel ist stählern geworden, der Wind eingeschlafen, die Luft knistert von der Alchimie der Kinder und der Aussicht auf Schnee.

»Guck dir diesen Ort an«, sagt Landsman. »Er lebt.«

»Kein einziger leerer Laden.«

»Und mehr von diesen elenden Jids als je zuvor.«

Landsman hält vor einer roten Ampel in der NW 28th Street. Vor einem Eckladen neben einem Lehrhaus lungern Jungmänner herum, Schriftverdreher, unvergleichliche Luftmenschen und Feld-, Wald- und Wiesengangster. Als sie Landsmans Wagen mit seiner Aura zivilfahnderischer Hybris und dem provozierenden Doppel-S auf dem Kühlergrill entdecken, hören sie auf, sich gegenseitig anzuschreien, und glotzen Landsman auf ihre bessarabische Art an. Er ist auf ihrem Grund und Boden. Er ist glatt rasiert und zittert dennoch nicht vor Gott. Er ist kein Verbover Jude, und daher eigentlich gar kein Jude. Und wenn er kein Jude ist, ist er ein Nichts.

»Guck dir an, wie diese Arschlöcher glotzen«, sagt Landsman. »Das gefällt mir nicht.«

»Meyer!«

Die Wahrheit lautet, dass Schwarzhut-Juden Landsman wütend machen, seit jeher. Jetzt findet er diese Wut angenehm, stark nuanciert durch Neid, Herablassung, Groll und Mitleid. Er legt einen Gang ein und drückt die Tür auf.

»Meyer! Nein.«

Landsman geht um die geöffnete Tür des Super Sport herum. Er merkt, dass die Frauen gucken. Er riecht die plötzliche Angst im Atem der Männer um sich herum wie Karies an den Zähnen. Er hört das Gelächter von Hühnern, die ihr Schicksal noch nicht ereilt hat, das Summen von Kompressoren, die die Karpfen in ihren Becken am Leben halten. Er glüht wie eine Nadel, die erwärmt wurde, um eine Zecke zu töten.

»So, nu«, sagt er zu den Jids an der Ecke. »Wer von euch Büffeln möchte in unserem schönen Nosmobil mitfahren?«

Ein Jid tritt vor, ein hellhäutiger Klotz, breiter als hoch, mit schwerer Stirn und einem gespaltenen gelben Bart.

»Ich schlage vor, dass Sie zu Ihrem Fahrzeug zurückkehren, Officer«, sagt er langsam und vernünftig. »Und fahren Sie dahin, wo Sie hinwollen.«

Landsman grinst.

»Das schlagen Sie mir vor?«, sagt er.

Jetzt treten auch die anderen Männer an der Straßenecke vor und besetzen den Raum um den Klotz mit dem blitzförmigen Bart. Es müssen um die zwanzig sein, mehr als Landsman geschätzt hat, und Landsmans Strahlen flackert ein wenig, spuckt wie eine durchbrennende Glühbirne.

»Ich will es mal anders sagen«, sagt der blonde Klotz, und eine Ausbuchtung an seiner Hüfte zieht die Aufmerksamkeit seiner Hand auf sich. »Ab ins Auto!«

Landsman zupft an seinem Kinn, fühlt die Stoppeln. Wahnsinn, denkt er. Da verfolgst du eine theoretische Spur in einem nicht existierenden Fall und verlierst ohne jeden Grund die Geduld. Ehe du dich versiehst, löst du einen Zwischenfall in einer Sippe von Schwarzhüten aus, die über so viel Einfluss, Geld und einen so großen Vorrat an mandschurischen und russischen Armeefeuerwaffen verfügen, dass es, wie der Nachrichtendienst in einem vertraulichen Bericht kürzlich schätzte, den Anforderungen für einen Guerillaaufstand in einer kleinen mittelamerikanischen Republik genügen würde. Wahnsinn, der zuverlässige Landsman’sche Wahnsinn.

»Wie wäre es, wenn ihr herkommt und mich fertigmacht?«, sagt Landsman.

Da stößt Berko seine Tür auf und zeigt der Straße seine urige Bärengestalt. Sein Profil ist majestätisch, einer Münze oder eines gemeißelten Berghangs würdig. Und in der rechten Hand hält er den unheimlichsten Hammer, den je ein Jude oder Nichtjude zu Gesicht bekommen hat. Es ist eine Kopie des Kriegsbeils, das Häuptling Katlian 1804 im Tlingitkrieg gegen die Russen geschwungen haben soll. Die Russen verloren den Krieg. Berko bastelte das Werkzeug mit dreizehn Jahren, um die Jids einzuschüchtern, in deren Labyrinth er neu war, und bisher hat es seinen Zweck nie verfehlt, weshalb Berko es auf dem Rücksitz von Landsmans Wagen verwahrt. Der Kopf besteht aus einem fünfunddreißig Pfund schweren Block Meteoreisen, den Hertz Shemets auf einem ehemals russischen Gelände bei Yakovy ausgrub. Der Griff wurde mit einem Jagdmesser von Sears aus einem elf Kilo schweren Baseballschläger geschnitzt. Ineinander verschlungene schwarze Raben und Seeungeheuer vom Roten Meer winden sich um den Schaft und zeigen grinsend ihre großen Zähne. Um sie einzufärben, verbrauchte Berko vierzehn Minenschreiber. Zwei Rabenfedern hängen an einem Lederriemen am Ende des Schafts. Dieses Detail mag historisch nicht korrekt sein, tut aber seine wilde Wirkung auf das jiddische Hirn:

Indianer.

Das Wort wird die Stände und Ladenlokale hinauf- und hinuntergereicht. Die Juden von Sitka sprechen und sehen selten Indianer, höchstens vor dem Bundesgericht oder in den kleinen jüdischen Siedlungen entlang der Grenze. Die Verbover brauchen nur sehr wenig Phantasie, um sich vorzustellen, wie Berko und sein Hammer eine Massenschlachtung unter den Schädeln der Bleichgesichter veranstalten. Dann fällt ihr Blick auf Berkos Jarmulke und die flatternden dünnen weißen Fransen des Vier-Ecken an seiner Hüfte, und man spürt, wie der rasende Fremdenhass aus der Menge sickert und nur einen Rest rassistischen Schwindels zurücklässt. So läuft das immer bei Berko Shemets im Distrikt Sitka, wenn er seinen Hammer rausholt und zum Indianer wird. Fünfzig Jahre Hollywood-Skalps, sirrende Pfeile und brennende Planwagen haben ihre Wirkung auf die Hirne nicht verfehlt. Die reine Widersinnigkeit erledigt den Rest.

»Berko Shemets«, sagt der Mann mit dem gespaltenen Bart blinzelnd, und langsam fallen große Schneefedern auf seine Schultern und seinen Hut. »Was ist los, Jid?«

»Dovid Sussman«, sagt Berko und lässt den Hammer sinken. »Hab ich mir doch gedacht.«

Vorwurfsvoll und leidvoll richtet er seine großen Minotaurus-Augen auf seinen Cousin. Es war nicht Berkos Idee, nach Verbov Island zu fahren. Es war nicht Berkos Idee, den Lasker-Fall zu verfolgen, nachdem man ihnen befohlen hatte, ihn zu den Akten zu legen. Es war nicht Berkos Idee, schmachvoll in die billige Absteige in der Untershtot zu fliehen, wo geheimnisvolle Junkies von der Schachgöttin einen drüberbekommen.

»Einen schönen Sabbat Ihnen, Sussman«, sagt Berko und wirft den Hammer in den Kofferraum von Landsmans Wagen. Die Federn in den Schalensitzen klingeln wie Glocken.

»Ihnen auch einen schönen Sabbat, Detective«, sagt Sussman. Die anderen Jids wiederholen den Wunsch ein wenig verunsichert. Dann wenden sie sich ab und widmen sich wieder ihrem Disput über eine Spitzfindigkeit koscherer Speisezubereitung oder illegaler Kennzeichenänderung.

Die beiden Detectives steigen ins Auto. Berko schlägt die Tür zu und sagt: »Ich hasse das.«

Sie fahren die Avenue 225 hinunter, und jeder dreht sich nach dem indianischen Juden in dem blauen Chevrolet um.

»So viel zu ein paar diskreten Fragen«, sagt Berko bitter. »Eines Tages, Meyer, so hilf mir, gehe ich mit meinem Totschläger auf dich los.«

»Wäre vielleicht besser«, sagt Landsman. »Vielleicht wäre mir das als Therapie ganz recht.«

Auf der Avenue 225 kriechen sie gen Westen bis zur Werkstatt von Itzik Zimbalist. Kleine Plätze und Sackgassen, neoukrainische Einfamilienhäuser und Eigentumskomplexe, schindelgedeckte Gebäude mit steilen Dächern, gestrichen in trüben Farben, bis an die Grundstücksgrenze gebaut. Die Häuser rempeln sich an und drängeln sich wie Schwarzhüte in der Synagoge.

»Kein einziges Verkaufsschild hier«, beobachtet Landsman. »An jeder Leine hängt Wäsche. Alle anderen Sekten haben ihre Thoras und Hutschachteln längst gepackt. Harkavy ist eine halbe Geisterstadt. Aber nicht die Verbover. Entweder ist ihnen die Reversion völlig egal, oder sie wissen mehr als wir.«

»Das sind Verbover«, sagt Berko. »Auf was wettest du?«

»Du meinst, der Rebbe hat Geld rübergeschoben. Green Cards für alle.« Landsman denkt darüber nach. Natürlich weiß er, dass eine kriminelle Organisation wie der Verbover-Ring nicht ohne die bereitwilligen Dienste von Kassierern und heimlichen Lobbyisten blüht, nicht ohne dass der Regierung regelmäßig Schmiere und Druck verabreicht werden. Die Verbover mit ihrer talmudischen Auffassung von Systemen, mit ihren tiefen Taschen und ihren für die Außenwelt unergründlichen Mienen haben viele Kontrollmechanismen gebrochen oder manipuliert. Aber dass sie eine Möglichkeit ersonnen haben sollen, um die gesamte Einwanderungsbehörde wie einen Colaautomaten mit einem Dollar an der Schnur auszutricksen?

»Niemand hat so viel Einfluss«, sagt Landsman. »Nicht mal der Verbover Rebbe.«

Berko zieht den Kopf ein und vollführt ein halbes Schulterzucken, als wolle er lieber nichts mehr sagen, um keine furchtbaren Mächte heraufzubeschwören — Plagen, Geißeln oder heilige Tornados.

»Nur weil du nicht an Wunder glaubst«, sagt er.

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